Stand: 25.11.2020

Diese Themenseite setzt sich mit den Idealen von Stil, Form und Haltung der abendländischen Elitenkultur auseinander, die ihre Wurzeln im christlichen Rittertum hat und im militärischen Umfeld bis in die Gegenwart gepflegt wird.

1. Stilfragen

Dieses Kapitel stützt sich vor allem auf Inhalte, die an der Offizierschule des Heeres in Dresden1 sowie an der Marineschule Mürwik2 vermittelt werden.

Stil ist auf bestimmte Ziele hingeordnete Art und Weise Dinge zu tun. Stil verändert sich. Abendländischer Stil und abendländische Form entstanden aus den Erfordernissen des höfischen Lebens des Mittelalters heraus, das gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung der Ehre des anderen betonte. Formen sollten in der ritterlichen Kultur der damaligen Zeit Verhaltenssicherheit schaffen, die Ehrstreitigkeiten vorbeugte.

Stil ist sind der äußerliche Ausdruck der Haltung des christlichen Dienstes am Nächsten sowie der Haltung, in die sich der Mann bringen muss, um die schlechten Aspekte seiner Natur zu kontrollieren. Stil soll auf der inneren Ordnung des Mannes beruhen, wenn er nicht nur eine Verkleidung darstellen soll. Wo ein Mann nicht mit sich selbst im Reinen ist, werden Stil, Form und Haltung zu Theaterspiel.

Durch sein Streben danach, dem eigenen Leben eine entsprechende Form zu geben, stellt sich der christliche Mann in den sichtbaren Gegensatz zur modernen Welt und ihrer Ablehnung von Konventionen und aller verbindlichen Dinge. Sein Herausragen über die Stil- und Formlosigkeit der modernen Welt wird dabei zum Teil als Ausdruck von Überheblichkeit missverstanden.

Der Philosoph Edmund Burke bezeichnete den „Geist der Religion“ sowie den „Geist des Gentleman“ als die Grundlagen der europäischen Kultur und ihres Verständnisses von Stil und Form bzw. der Umgangsformen.

Der Stil des christlichen Mannes trägt der Tatsache Rechnung, dass er Repräsentant des Volk Gottes in der Welt ist. Sie ist außerdem Ausdruck von Selbstbeherrschung und Achtung des Gegenübers. Sie erleichtern das Leben in einer Gemeinschaft, bestimmen ihr Wesen und geben dem Träger Sicherheit im Umgang in ihr. Das Gegenteil von Stil ist Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Verwahrlosung.

Stil soll nicht steif und förmlich wirken, sondern natürlich. Er wird wie die Tugenden durch ständige Einübung angeeignet.

1.1 Manieren

Den in den Evangelien mehrfach wiedergegebenen Ausspruch Jesu Christi, er sei nicht gekommen „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“, bezeichnete Asfa-Wossen Asserate als den „Prolog der europäischen Manieren“:

„Die großen Lehrer der Manieren haben sich […] zu allen Zeiten niemals als Gesetzgeber verstanden, sondern als Deuter und Interpreten eines bereits vorliegenden, nach ihrer  Vorstellung immer schon vorhanden gewesenen Korpus von Regeln, das mit anderen Grundsätzen aus der Kunst, der Philosophie und der Religion in Harmonie stand und noch in der kleinsten Geste mit dem Gesetz des ganzen Kosmos verbunden war.“

Edmund Burke schrieb über Manieren:

„Manners are of more importance than laws. Upon them, in a great measure the laws depend. The law touches us but here and there, and now and then. Manners are what vex or sooth, corrupt or purify, exalt or debase, barbarize or refine us, by a constant, steady, uniform, insensible operation, like that of the air we breathe in. They give their whole form and colour to our lives. According to their quality, they aid morals, they supply them, or they totally destroy them.“3

In der Ilias schrieb Homer den Manieren neben den kriegerischen Tugenden eine zentrale Bedeutung für die Identität bzw. den Charakter des Mannes zu.4

Manieren sollen Ausdruck der Haltung sein und ersetzen mangelnde Haltung nicht. Der Spießer kann sich Manieren oberflächlich aneignen, scheitert aber daran, sich auch den Geist des Dienstes am Nächsten anzueignen. Durch Manieren will er vor allem zeigen, dass er sich anderen Menschen gegenüber für überlegen hält, und er lässt dies diejenigen spüren, die aus seiner Sicht weniger Manieren haben, auch wenn sie stärker vom Geist des Dienstes am Nächsten durchdrungen sind als er und ihm somit charakterlich überlegen sind.

2. Formen

Die Form vermittelt das Maß der Stärke der Persönlichkeit ihres Trägers.

In einem vertikalen Weltbild, in dem es eine höchste Bedeutung gibt, können nur Handlungen geringer Bedeutung formlos ausgeführt werden. Alles, was eine höhere Bedeutung hat, verdient in diesem Weltbild jedoch eine eigene Form. Je geregelter und aufwendiger die Form ist, desto höher ist dabei in der Regel die Bedeutung einer Handlung. Im katholischen Leben ist die heilige Messe ein Beispiel für höchste Form, die der höchsten Bedeutung entspricht. Jedes Wort und jede Geste ist hier genau festgelegt. Jedes Abweichen würde als Beleidigung verstanden werden, weil es dieser höchsten Bedeutung nicht entspräche.

Die Form hilft zudem dabei, die besondere Bedeutung erfahrbar zu machen, was bei Handlungen höchster Bedeutung die Erfahrung des Heiligen mit einschließt. Auch für besondere Stationen im Leben gibt es dementsprechend Formen, von der Geburt bis zum Tod. Indem man Formen im Umgang mit anderen Menschen pflegt, gibt man dem Umgang mit ihnen Bedeutung und zeigt ihnen gegenüber Achtung.

Ein formlos vorgetragener Heiratsantrag würde eine Beleidigung des Menschen darstellen, der als Ehepartner gewonnen werden soll. Ein Gast, gegenüber dem Form verletzt und der vom Gastgeber nicht begrüßt wird, wäre wegen dieser Herabsetzung verletzt. Die Form ordnet zugleich und bindet an Heiliges an. Wer Formen folgt, unterliegt weniger ggf. vorhandenen ungeordneten Tendenzen seiner eigenen Seele.

Der Rechtswissenschaftler und ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof schrieb, dass der Rechtsstaat Vertrauen in ihn auch durch bestimmte Formen fördere. Diese nähmen die Handelnden ein um auszudrücken, dass sie weniger als Individuen handelten, sondern Repräsentanten einer Institution seien, die zugunsten des Gemeinwohls persönliche Freiheiten zurückstellten. Im Rechtsstaat entscheide nicht der Richter als Person, sondern die Institution im Namen des Volkes. Zu diesen Formen gehöre das Tragen der Robe des Richters. Erst mit dem Ablegen der Robe werde der Richter wieder zum Bürger.5

Quellen

  1. „Leitfaden Stil und Formen“, Offizierschule des Heeres, Dresden 2008.
  2. „Sicheres Auftreten. Ein Leitfaden für Stil und Formen in der Marine“, Marineschule Mürwik 2009.
  3. Edmund Burke: “The first Letter on a Regicide Peace“, in: Iain Hampsher-Monk (Hrsg.): Edmund Burke. Revolutionary Writings. Reflections on the Revolution in France and the first Letter on a Regicide Peace, Cambridge 2014, S. 251-334, hier: S. 310.
  4. Maria Ossowska: Das ritterliche Ethos und seine Spielarten, Frankfurt a. M. 2007, S 32.
  5. Paul Kirchhof: Das Maß der Gerechtigkeit, München 2009, S. 55-56.