Stand: 18.02.2021

Diese Themenseite setzt sich mit den Idealen von Stil und Form der abendländischen Elitenkultur auseinander, die ihre Wurzeln im christlichen Rittertum hat und im militärischen Umfeld bis in die Gegenwart gepflegt wird.

1. Allgemeines

1.1 Über Stil

Stil ist auf bestimmte Ziele hingeordnete Art und Weise Dinge zu tun. Stil verändert sich. Abendländischer Stil und abendländische Form entstanden aus den Erfordernissen des höfischen Lebens des Mittelalters heraus, das gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung der Ehre des anderen betonte. Formen sollten in der ritterlichen Kultur der damaligen Zeit Verhaltenssicherheit schaffen, die Ehrstreitigkeiten vorbeugte.

Stil ist sind der äußerliche Ausdruck der Haltung des christlichen Dienstes am Nächsten sowie der Haltung, in die sich der Mann bringen muss, um die schlechten Aspekte seiner Natur zu kontrollieren. Stil soll auf der inneren Ordnung des Mannes beruhen, wenn er nicht nur eine Verkleidung darstellen soll. Wo ein Mann nicht mit sich selbst im Reinen ist, werden Stil, Form und Haltung zu Theaterspiel.

Durch sein Streben danach, dem eigenen Leben eine entsprechende Form zu geben, stellt sich der christliche Mann in den sichtbaren Gegensatz zur modernen Welt und ihrer Ablehnung von Konventionen und aller verbindlichen Dinge. Sein Herausragen über die Stil- und Formlosigkeit der modernen Welt wird dabei zum Teil als Ausdruck von Überheblichkeit missverstanden.

Der Philosoph Edmund Burke bezeichnete den „Geist der Religion“ sowie den „Geist des Gentleman“ als die Grundlagen der europäischen Kultur und ihres Verständnisses von Stil und Form bzw. der Umgangsformen.

Der Stil des christlichen Mannes trägt der Tatsache Rechnung, dass er Repräsentant des Volk Gottes in der Welt ist. Sie ist außerdem Ausdruck von Selbstbeherrschung und Achtung des Gegenübers. Sie erleichtern das Leben in einer Gemeinschaft, bestimmen ihr Wesen und geben dem Träger Sicherheit im Umgang in ihr. Das Gegenteil von Stil ist Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Verwahrlosung.

Stil soll nicht steif und förmlich wirken, sondern natürlich. Er wird wie die Tugenden durch ständige Einübung angeeignet.

Die hier aufgeführten praktischen Aussagen zu Stilfragen stützen sich vor allem auf Inhalte, die an der Offizierschule des Heeres in Dresden1 sowie an der Marineschule Mürwik2 vermittelt werden.

1.2 Über Formen

Die Form vermittelt das Maß der Stärke der Persönlichkeit ihres Trägers.

In einem vertikalen Weltbild, in dem es eine höchste Bedeutung gibt, können nur Handlungen geringer Bedeutung formlos ausgeführt werden. Alles, was eine höhere Bedeutung hat, verdient in diesem Weltbild jedoch eine eigene Form. Je geregelter und aufwendiger die Form ist, desto höher ist dabei in der Regel die Bedeutung einer Handlung. Im katholischen Leben ist die heilige Messe ein Beispiel für höchste Form, die der höchsten Bedeutung entspricht. Jedes Wort und jede Geste ist hier genau festgelegt. Jedes Abweichen würde als Beleidigung verstanden werden, weil es dieser höchsten Bedeutung nicht entspräche.

Die Form hilft zudem dabei, die besondere Bedeutung erfahrbar zu machen, was bei Handlungen höchster Bedeutung die Erfahrung des Heiligen mit einschließt. Auch für besondere Stationen im Leben gibt es dementsprechend Formen, von der Geburt bis zum Tod. Indem man Formen im Umgang mit anderen Menschen pflegt, gibt man dem Umgang mit ihnen Bedeutung und zeigt ihnen gegenüber Achtung.

Ein formlos vorgetragener Heiratsantrag würde eine Beleidigung des Menschen darstellen, der als Ehepartner gewonnen werden soll. Ein Gast, gegenüber dem Form verletzt und der vom Gastgeber nicht begrüßt wird, wäre wegen dieser Herabsetzung verletzt. Die Form ordnet zugleich und bindet an Heiliges an. Wer Formen folgt, unterliegt weniger ggf. vorhandenen ungeordneten Tendenzen seiner eigenen Seele.

Der Rechtswissenschaftler und ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof schrieb, dass der Rechtsstaat Vertrauen in ihn auch durch bestimmte Formen fördere. Diese nähmen die Handelnden ein um auszudrücken, dass sie weniger als Individuen handelten, sondern Repräsentanten einer Institution seien, die zugunsten des Gemeinwohls persönliche Freiheiten zurückstellten. Im Rechtsstaat entscheide nicht der Richter als Person, sondern die Institution im Namen des Volkes. Zu diesen Formen gehöre das Tragen der Robe des Richters. Erst mit dem Ablegen der Robe werde der Richter wieder zum Bürger.3

Dekadente Formen haben vor allem den Zweck zu demonstrieren, dass derjenige, der sie praktiziert, über so viel Geld und Zeit verfügt, dass er sein Leben mit sinnlosem Aufwand belasten kann. Überfeinerte Formen verraten mangelnden Kontakt zu den Härten der Wirklichkeit und sind Männern unangemessen.

2. Die Tugend der Höflichkeit

Die Tugend der Höflichkeit entstand im Mittelalter in der Kultur des Rittertums, um der Tendenz männerbündischer Strukturen zu rauer Direktheit, die in primitive Grobheit umschlagen kann, entgegenzuwirken.

Kern der Höflichkeit sind die Rücksichtnahme und die Achtung gegenüber dem Nächsten. Der höfliche Mensch begegnet Fremden zunächst mit Zeichen von Wohlwollen und Achtung (die durch bestimmte Formen des Grüßens und des Dankens ausgedrückt wird) und macht deutlich, dass er zu einem friedlichen, freundlichen Austausch sowie zu Hilfeleistung bereit ist. Höflichkeit drückt sich auch durch respektvolle Distanz aus.

Höflichkeit ist auch heute noch in Umfeldern unabdingbar, wo Menschen auf engem Raum unter zu Teil schwierigen Bedingungen zusammenleben und -arbeiten, etwa im militärischen Umfeld. Je schwieriger die äußeren Bedingungen werden, desto größer wird die Bedeutung von Höflichkeit bzw. der Unterbindung von Störungen des Zusammenlebens durch Disziplinlosigkeit, Egoismus und Unbedachtheit.

Höflichkeit beruht auf Taktgefühl. Taktvolles Verhalten besteht darin, die Schwächen anderer Menschen in der Öffentlichkeit nicht bloßzustellen. Dies zu tun, wäre ein Angriff auf ihre Ehre. Umgekehrt versteht der taktvolle Mensch unbeabsichtigte Formverstöße nicht gleich als Angriff auf seine eigene Ehre, auch weil dies ein zu verletzliches und schwaches Ego offenbaren würde. Laut Helmuth Plessner ist Takt der „ewig wache Respekt vor der anderen Seele und damit die erste und letzte Tugend des menschlichen Herzens“.4

Anstand im Sinne des lateinischen Begriffes decorum ist Teil der Höflichkeit. Anstand gebietet es, zu vermeiden, was von anderen Menschen als beleidigend oder abstoßend wahrgenommen werden könnte.

Zu den abendländischen Höflichkeitsnormen gehören die folgenden Beispiele:

  • Andere Menschen sollen durch die öffentliche Ansprache von Schwächen, Fehlern und Intimem nicht bloßgestellt werden. Unhöflich wäre es auch, sich so gegenüber nicht anwesenden Personen zu verhalten.
  • Lautheit, das Zurschaustellen der eigenen Befindlichkeiten und Verhalten, das unangemessene Aufmerksamkeit erregt, sind unhöflich. Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen wird dieser Satz zugeschrieben: „Wenig hervortreten, viel leisten, mehr sein als scheinen.“ Er drückte dadurch auch eine Höflichkeitsnorm aus, die auf dem Ideal des „stillen Profi“ beruht, der auch in Extremsituationen ruhig bleibt, überlegt handelt und teamfähig ist. Dieser Typ von Mensch wird etwa von militärischen Spezialkräften gesucht.9

    In der Ilias schrieb Homer den Manieren neben den kriegerischen Tugenden eine zentrale Bedeutung für die Identität bzw. den Charakter des Mannes zu.10

    Manieren sollen Ausdruck der Haltung sein und ersetzen mangelnde Haltung nicht. Der Spießer kann sich Manieren oberflächlich aneignen, scheitert aber daran, sich auch den Geist des Dienstes am Nächsten anzueignen. Durch Manieren will er vor allem zeigen, dass er sich anderen Menschen gegenüber für überlegen hält, und er lässt dies diejenigen spüren, die aus seiner Sicht weniger Manieren haben, auch wenn sie stärker vom Geist des Dienstes am Nächsten durchdrungen sind als er und ihm somit charakterlich überlegen sind.

    Gutes Benehmen wird durch Erziehung vermittelt und drückt Achtung gegenüber anderen Menschen aus. Es ist für das Leben des Menschen in Gemeinschaft sowie für seinen Status und Erfolg im gesellschaftlichen Rahmen von einiger Bedeutung. Taktgefühl bzw. eine innere Haltung der Achtung gegenüber dem Nächsten ist dabei wichtiger als das Einhalten bestimmter Formen. Diese bleiben leer, rein äußerlich und unglaubwürdig, wo sie nicht von einem Geist der Achtung getragen werden. Gute Formen sind nur der äußere Ausdruck einer anständigen Haltung.11

    3.1 Konversation

    • Als Einstieg eignet sich ein Bezug zum vorliegenden Anlass. Eine Konversion kommt vor allem dann in Gang, wenn man nach dem Einstieg ein guter Zuhörer ist und interessante Fragen stellt.
    • Grundsätzlich sollte man mit fernstehenden Personen möglichst wenig über sich selbst oder über Persönliches oder Unangenehmes sprechen.
    • In größeren Runden sollte man nur über Themen sprechen, die für alle verständlich sind. Über Abwesende wird allenfalls positiv gesprochen.
    • Monologe sollen vermieden werden.
    • Witze und Komplimente an das Gegenüber sind in Konversation unangebracht.
    • Religion und Politik eignen sich nicht als Themen, außer es geht beim vorliegenden Anlass darum.

    3.2 Pünktlichkeit

    Unpünktlichkeit ist rücksichtslos und behindert Abläufe in Organisationen erheblich. Um Pünktlichkeit sicherzustellen, plant man, mit sicherem Abstand vor dem Beginn eines Termins am Ort einzutreffen.

    3.3 Anreden

    Der Ranghöhere, der Ältere und die Dame kann dem Rangniederen, dem Jüngeren und dem Herrn das „Du“ anbieten.

    3.4 Vorstellen

    Die Regeln beim Vorstellen folgen denen des Protokolls:

    • Der Herr wird der Dame vorgestellt,
    • der Jüngere wird dem Älteren vorgestellt,
    • der Mitarbeiter wird dem Vorgesetzten vorgestellt.

    Wo Alters- und Rangunterschiede nicht offensichtlich sind, ist Taktgefühl beim Vorstellen erforderlich.

    Beim Händedruck reicht der protokollmäßig Höherstehende die Hand. Der Händedruck soll spürbar, aber nicht zu fest und nicht zu schwach sein.

    Eine Dame kann in geschlossenen Räumen dem Herrn die Hand zum Handkuss reichen, worauf dieser sich über die Hand der Dame beugt und den Handkuss andeutet, ohne dass seine Lippen die Dame berühren.

    Herren können sich selbst vorstellen. Üblicherweise stellt man sich mit seinem Familiennamen vor. Doktor- und Adelstitel werden dabei gar nicht genannt und Ränge nur im Ausnahmefall.

    3.5 Streitkultur

    Es gibt eine besondere, auf abendländischen Höflichkeitsnormen beruhende Art des Austragens von Konflikten.

    3.6 Umgang mit Todesfällen

    Vorgesetzte sollten Todesnachrichten persönlich und in Begleitung eines Geistlichen oder Psychologen überbringen. Floskeln jeglicher Art werden dabei von Angehörigen und Hinterbliebenen meist negativ aufgenommen. Diese benötigen nach Todesfällen zudem Unterstützung praktischer, aber auch seelischer Art.

    Totenwachen und das letzte Geleit gehören zum Zeremoniell nach Todesfällen.

    Bild- und Filmaufnahmen trauernder Menschen müssen bei Totenfeiern unbedingt unterbleiben.

    Das persönliche Kondolieren ist engsten Angehörigen vorbehalten und erfolgt üblicherweise während der Beerdigung. Freunde oder Kollegen können schriftliche Beileidsbekundungen verfassen, die von den trauernden in gebotenem zeitlichem Abstand beantwortet werden.

    Von Kondolenzschreiben zu unterscheiden sind Trostbriefe.

    4. Äußeres Erscheinungsbild und Kleidung

    Welche Kleidung passend ist, hängt vom jeweiligen Anlass ab. Die abendländische Kultur hat für unterschiedliche Anlässe jeweils eigene Kleidung entwickelt. Die postmoderne Tendenz zur Auflösung aller Grenzen und Formen führt dazu, dass diese Unterscheidungen zunehmend verschwinden.

    Kleidung wirkt auf die Selbstwahrnehmung und die Haltung eines Menschen zurück und kann diese positiv beeinflussen.

    Trachten stellen nur dann keine Verkleidung dar, wenn man über einen Bezug zur regionalen Kultur verfügt, zu der sie gehören. Wer hör- und sichtbar nicht aus Bayern stammt verkleidet sich, wenn er bayerische Tracht trägt.

    Geeigneter Schmuck für Männer sind unauffällige Armbanduhren sowie unauffällige Ehe-, Verlobungs- und Jahrgangsringe, wie sie etwa die Offizierschule des Heeres an Absolventen vergibt. Männer sollten nur unauffällige Brillen tragen, falls diese erforderlich sind.

    Alles Grelle und Auffällige ist geschmacklos. Herstellerlogos auf Kleidung sollten allenfalls unauffällig und bestenfalls nicht vorhanden sein.

    Körpermodifikationen wie Tätowierungen oder Piercings weisen im europäischen Kulturraum traditionell auf die Zugehörigkeit zu sozialen Unterschichten oder Milieus der organsierten Kriminalität hin.

    4.1 Alltagskleidung

    Die Zusammenstellung von Bekleidungsteilen folgt einfachen Regeln:

    • Zu dunkler Hose schwarze Schuhe,
    • zu heller Hose braune Schuhe,
    • zum zweireihigen Anzug keinem Pullover, keine Weste und keine Fliege;
    • das Jackett soll dunkler sein als die Hose;
    • Strümpfe sollten einfarbig und so dunkel wie möglich sein.

    4.2 Berufskleidung

    Im zivilen Berufsleben haben sich im geschäftlichen Umfeld anthrazitfarbene oder dunkelblaue oder dunkelgraue, maßgeschneiderte oder von einem Scheider angepasste Anzüge aus Schurwolle mit weißem Hemd und einer passenden Krawatte bewährt. Dazu werden zum Anzug farblich passende Schuhe ein schwarzer Gürtel sowie eine farblich zu Manschettenknöpfen und Ehering passende Uhr getragen. Wer ein breites Gesicht hat, sollte die Krawatte mit einem Windsorknoten binden, ansonsten mit einem halben Windsorknoten.

    Diese Kleidung vermittelt, dass ihr Träger seine Tätigkeit ernst nimmt und sich an den mit ihr verbundenen traditionellen Formen orientiert. Diese Kleidung korrekt zu tragen und in einem gepflegten Zustand zu halten, erfordert zudem ein Minimum an Disziplin und Gewissenhaftigkeit, die (oder entsprechenden Mangel daran) man ihrem Träger somit äußerlich ansieht.

    4.3 Gesellschaftskleidung

    Bei besonderen Anlässen, etwa Bällen oder Premieren, wird ein Gesellschaftsanzug bzw. ein Smoking getragen. Er wird nur abends und nur dann getragen, wenn dies auf der Einladung ausdrücklich vermerkt wird, etwa durch einen Hinweis auf Gesellschaftskleidung. Zum Gesellschaftsanzug gehört ein dazu passendes leicht gestärktes Hemd mit Manschettenknöpfen. Dazu können weiße Glacéhandschuhe oder schwarze Seidenhandschuhe getragen werden.

    Einige Menschen neigen dazu, sich angespannt oder geziert zu Verhalten, wenn sie Gesellschaftskleidung tragen. Dies widerspricht aber dem Zweck dieser Kleidung. Das angemessene Verhalten beim Tragen des Gesellschaftsanzugs unterscheidet sich nicht von dem Verhalten, das beim Tragen anderer Kleidung angemessen ist.

    5. Etikette

    Der Ausdruck Etikette bezeichnet einen Regelkanon, in dem Abläufe des sozialen Umgangs festgelegt sind, z. B. die Regeln, ob und mit welchen Worten und welchen Gesten eine Person eine andere zu begrüßen hat.

    5.1 Das Protokoll

    Das Protokoll ist die Regelung des gesellschaftlichen Lebens auf offizieller Ebene und regelt Rangfolgen im öffentlichen Umgang. Es entstand im Mittelalter im höfischen Umfeld und folgt mittlerweile weltweit den gleichen Regeln.

    Das Bürgertum übernahm vom Adel ein System aus abgestuften Rängen und Ständen, das die soziale Ordnung gliedert und festlegt, welche Ehrbezeigungen Personen zustehen.

    Die Grundprinzipien des Protokolls lauten:

    • Alter vor Jugend,
    • Dame vor Herr,
    • Vorgesetzter vor Mitarbeiter,
    • Gast vor Gastgeber,
    • Fremder vor Familienangehöriger,
    • Ausländer vor Inländer.

    Im militärischen oder behördlichen Kontext entscheidet bei gleichem Rang in der Regel das Dienstalter über den Vorrang.

    Ränge sind traditionell mit bestimmten Anreden verbunden, was bei militärischen Dienstgraden, die zugleich als Anreden dienen, besonders deutlich zum Ausdruck kommt.

    Quellen

    1. „Leitfaden Stil und Formen“, Offizierschule des Heeres, Dresden 2008.
    2. „Sicheres Auftreten. Ein Leitfaden für Stil und Formen in der Marine“, Marineschule Mürwik 2009.
    3. Paul Kirchhof: Das Maß der Gerechtigkeit, München 2009, S. 55-56.
    4. Helmuth Plessner: Grenzen der Gemeinschaft, in: Ders: Gesammelte Schriften (Band V), Frankfurt a. M. 1981, S. 107.
    5. Helmut Michaelis: „Die Parallelwelt der Einsatzkommandos“, Rheinische Post, 26.06.2015.5 Er ist nicht zu verwechseln mit dem Leisetreter, der aus Unterwürfigkeit und Furcht nicht auffallen möchte.
    6. Der höfliche Mensch ist konfliktfähig und bleibt in Konflikten ruhig und kontrolliert. Er beherrscht die Kunst, sich (etwa in einer Vorgesetztenrolle oder als Vater) durchzusetzen, ohne laut oder ausfällig zu werden.
    7. Der höfliche Mensch verhält sich besonders achtungsvoll gegenüber Schwächeren, etwa alten Menschen oder Frauen. Egalitarismus, der die Schwäche der Frau gegenüber dem Mann leugnet, ist eine Ideologie der Unhöflichkeit und der Missachtung.
    8. Gleich- oder höherrangige Menschen zu grüßen und die Grüße aller Menschen zu erwidern ist höflich. Einen Gruß nicht zu erwidern, ist in besonderem Maße unhöflich.
    9. Höflich ist auch eine distanzierte und respektvolle Ausdrucksweise, welche die Höflichkeitsform des „Sie“ verwendet. Die ungebetene Verwendung des distanzlosen „Du“, die zunehmend um sich greift, verrät schlechte Erziehung und kulturelle Entwurzelung. Auch die Verwendung des „bitte“ sowie ein angemessener Tonfall sind höflich. Unter Offizieren und unter ruhigen Bedingungen kann auch ein Befehl als Bitte formuliert werden.
    10. Ebenfalls höflich ist es, an Türen anzuklopfen und zu warten, bis Eintritt gewährt wird.
    11. Sich mit Worten wie „bitte entschuldigen Sie“ zu entschuldigen, wenn man jemanden versehentlich angestoßen hat, ist höflich.

Gegenteile von Höflichkeit sind Rücksichtslosigkeit, Grobheit und Rohheit. Ein Mangel an Höflichkeit kann von Anderen als Angriff auf ihre Ehre verstanden werden und zu Konflikten führen.

Höflichkeit findet ihre Grenze im Angriff auf die eigene Ehre. Der höfliche Mensch ist nicht unterwürfig, sondern achtet die Ehre anderer und verletzt ihre Grenzen nicht, so wie er auch seine eigene Ehre geachtet sehen will. Schwache Menschen können nicht höflich sein, da sie ihre eigene Ehre nicht verteidigen könnten und ihre Rücksichtnahme gegenüber anderen nicht auf einer freien Entscheidung, sondern auf Sachzwängen beruht.

Das teilweise bis in frühe 20. Jahrhundert im europäischen Kulturraum nach schwerwiegenden Ehrverletzungen (falls das Gegenüber satisfaktionsfähig war) praktizierte Duell war Teil der abendländischen Kultur der Höflichkeit und trug dazu bei, ehrverletzendes Handeln zu begrenzen und stellte zugleich die Ehre des Angegriffenen, der im Duell bewies, dass er für sie einzustehen bereit ist, wieder her. Dabei kam es jedoch auch zu Missbrauch und Exzessen, etwa durch junge Männer, die absichtlich die Ehre anderer verletzten, um eine Gelegenheit zum Beweis ihrer vermeintlichen Stärke im Duell zu erlangen.

3. Umgangsformen

Der Ausdruck Umgangsformen bzw. Benehmen oder Manieren bezeichnet konkrete Verhaltensgewohnheiten, also die Art und Weise, wie ein Mensch bestimmte soziale Situationen handhabt, etwa die Frage, wie er andere Personen begrüßt. ob und mit welchen Worten, welchen Gesten usw. er eine andere Person begrüßt.

Nicolai Hartmann bezeichnete die Umgangsformen als die „Werte des äußeren Umgangs“ sowie als „Umgangstugenden“. Ohne sie versinke der „der Mensch ins Formlose, Kulturlose“. Sie stellten eine „tiefe Lebensnotwendigkeit“ dar, und „wer sie verletzt, versündigt sich am Mitmenschen genau so sehr wie der Ungerechte und der Lieblose“.6Nicolai Hartmann: Ethik, Berlin 1949, S. 479-483.7

Manieren gehen durch unablässiges Einüben in Fleisch und Blut über. Damit dies geschieht, müssen sie auch im vertrauten Umfeld, etwa in der eigenen Familie, praktiziert werden. Wer dies als Mann nicht tut und sich gehen lässt, muss damit rechnen, dass die Ehefrau und die Kinder diesem negativen Vorbild folgen.

Den in den Evangelien mehrfach wiedergegebenen Ausspruch Jesu Christi, er sei nicht gekommen „um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“, bezeichnete Asfa-Wossen Asserate als den „Prolog der europäischen Manieren“:

„Die großen Lehrer der Manieren haben sich […] zu allen Zeiten niemals als Gesetzgeber verstanden, sondern als Deuter und Interpreten eines bereits vorliegenden, nach ihrer  Vorstellung immer schon vorhanden gewesenen Korpus von Regeln, das mit anderen Grundsätzen aus der Kunst, der Philosophie und der Religion in Harmonie stand und noch in der kleinsten Geste mit dem Gesetz des ganzen Kosmos verbunden war.“

Edmund Burke schrieb über Manieren:

„Manners are of more importance than laws. Upon them, in a great measure the laws depend. The law touches us but here and there, and now and then. Manners are what vex or sooth, corrupt or purify, exalt or debase, barbarize or refine us, by a constant, steady, uniform, insensible operation, like that of the air we breathe in. They give their whole form and colour to our lives. According to their quality, they aid morals, they supply them, or they totally destroy them.“8Edmund Burke: “The first Letter on a Regicide Peace“, in: Iain Hampsher-Monk (Hrsg.): Edmund Burke. Revolutionary Writings. Reflections on the Revolution in France and the first Letter on a Regicide Peace, Cambridge 2014, S. 251-334, hier: S. 310.

  • Maria Ossowska: Das ritterliche Ethos und seine Spielarten, Frankfurt a. M. 2007, S 32.
  • Christine Paxmann/Johannes Thiele: Was wir wieder schätzen sollten. Die schönen Traditionen, Wien 2008, S. 214.