Stand: 06.01.2021

Diese Themenseite setzt sich aus einer christlichen Perspektive mit Aspekten des schützenden und bewahrenden Dienstes im Mythos auseinander. Schwerpunkte bilden dabei der in vielen Kulturen zu findende Mythos des kosmischen Kampfes, die ebenfalls in vielen Kulturen beschriebene vertikale und hierarchische Ordnung des Kosmos sowie der Gralsmythos und seine Bedeutung für die Spiritualität des christlichen Rittertums. Außerdem werden mit dieser Thematik verbundene Symbole beschrieben.

1. Einführung

„Mythos“ ist das griechische Wort für „Erzählung“. Der Mythos ist eine heilige Geschichte, die von dem berichtet, was sich auf der Ebene höchster Dinge abspielt. Die Mythen des Menschen beschreiben die für ihn nicht unmittelbar sinnlich wahrnehmbare geheimnisvolle metaphysische Wirklichkeit, ihren Aufbau, ihre Abläufe sowie die Rolle des Menschen in ihr. Entsprechende Sachverhalte sind nur symbolhaft bzw. mit mythischen Bildern darstellbar.

Mythen entstehen durch das Wirken geistiger Kräfte im Menschen. Sie sprechen mit ihrer universellen Sprache Bilder an, die in der Seele des Menschen angelegt sind und von ihr wiedererkannt werden können. Der Mythos ist laut Kurt Hübner ein „Erfahrungssystem“ und „zugleich ein Mittel systematischer Erklärung und Ordnung“, das das kosmische Geschehen, in dem sich der Mensch bewegt anders als die Naturwissenschaft nicht mit Naturgesetzen, sondern mit vom Göttlichen herrührenden Urbildern erkläre.1 Thomas von Aquin sprach davon, dass bei Gott die Urbilder aller Dinge gegenwärtig sind.2

Mythen werden durch Überlieferung und Entwicklung umso stärker, je weiter sie sich von ihrem Ursprung entfernen, weil durch die traditionelle Weitergabe über viele Generationen geistige Kräfte in ihnen wirken können. Im Zuge der Weitergabe fließen Impulse der weitergebenden Kultur in den Mythos ein und werden in diesen integriert, so dass dieser auch Ausdruck und Teil dieser Kultur ist. Dabei wird in der Regel jeweils das weitergegeben, was die Seelen der Menschen am stärksten anspricht.

Kulturelle und religiöse Praktiken können sich auf Inhalte von Mythen und ihre Bilder und Symbole beziehen, etwa in Feiern und Ritualen oder sakraler Architektur. C. G. Jung zufolge drückt Religion die Urerfahrung des Heiligen und „die Geheimnisse der Seele in herrlichen Bildern“ aus, etwa im Ritus, in der Architektur oder in religiöser Kunst. Das Heilige werde dadurch erfahrbar.3

1.1 Das Übernatürliche ist nur symbolhaft beschreibbar

Die Sinne des Menschen können nur die  materielle Wirklichkeit direkt wahrnehmen. Zum Übernatürlichen gehört laut dem Philosophen Kurt Hübner „das Geheimnisvolle, ein Mysterium, ja, das Unsagbare“. Exakte Aussagen darüber seien nicht möglich. Die materielle Welt könne exakter beschrieben werden als das Übernatürliche. Daraus folgt jedoch nicht, dass die materielle Wirklichkeit mit der Wirklichkeit als solcher identisch sein muss.4

Der Apostel Paulus sprach ähnlich wie Platon in seinem Höhlengleichnis davon, dass der Mensch die Wirklichkeit nur wie in einem trüben Spiegel wahrnehmen könne, in dem er „nur rätselhafte Umrisse“ sehe.5 Der Mensch braucht zur Beschreibung des über diesen Horizonts hinausgehenden Teils der Wirklichkeit Bilder und Symbole aus der materiellen Welt. Diejenigen, die Zugang zu Teilen der geistigen Wirklichkeit haben, müssen zu solchen Bildern greifen, um sich verständlich zu machen. Diese Herausforderung kann man sich so vorstellen wie den Versuch, einem Blinden die Erfahrung eines Sehenden mit Worten zu verdeutlichen.

In allen Kulturen werden dabei unabhängig voneinander ähnliche Bilder und Symbole verwendet, was auf ähnliche Erfahrungen der geistigen Wirklichkeit hindeutet, was ein Argument dafür ist, dass diese tatsächlich existiert. So werden etwa Bilder von Licht und Dunkelheit oder oben und unten allgemein verwendet. Solche Bilder sind jedoch notwendigerweise unvollkommen. Auch die Naturwissenschaft, insbesondere die Physik, nutzt solche Bilder um Dinge zu beschreiben, die der direkten sinnlichen Erfahrung des Menschen nicht zugänglich sind. Aus der Tatsache, dass das Übernatürliche nur in Bildern beschreibbar ist, ergibt sich die Bedeutung von Mythen.

Bilder aus der Natur, die allen Menschen zugänglich und vertraut sind, bieten sich in besonderer Weise zur Beschreibung übernatürlicher Inhalte an.

Materialistisches Denken muss beim Verständnis des Mythos scheitern

Der moderne bzw. materialistische Ansatz, der in Mythen nur um unterhaltende Formen fiktiver Erzählung, Gerüchte oder primitive, faktisch falsche und abergläubische Versuche der Erklärung der Welt oder verzerrte historische Überlieferung sieht, ist in jedem Fall unzureichend. Anhänger solcher Ansätze versuchen, den „wahren Kern“ von Mythen durch Freilegung möglicher materieller oder historischer Hintergründe freizulegen, und suchen daher z. B., wenn sie den Hintergrund des Gralsmythos ergründen wollen, nach einem Artefakt. Diese Form des Denkens ist der Auseinandersetzung mit dem Heiligen jedoch nicht erkenntnisfördernd.

Gescheiterte Ansätze zur „Entmythologisierung“ des Christentums

Der Theologe Rudolf Bultmann ging davon aus, dass die mythische Sprache der Bibel den modernen Menschen daran hindere, Zugang zum Glauben zu finden, weil sie für ihn unverständlich sei. Für „den Menschen von heute“ sei „das mythologische Weltbild, die Vorstellung vom Ende, vom Erlöser und der Erlösung vergangen und erledigt“. „Entmythologisierung“ stelle die Suche danach dar, „ob die […] mythologischen Aussagen als Ganzes noch eine tiefere Bedeutung enthalten, die unter der Decke der Mythologie verborgen ist“. „Entmythologisierung sei „ein sicherlich unbefriedigendes Wort“, da es diesem Konzept „nicht das Entfernen mythologischer Aussagen“,gehe, „sondern ihre Auslegung“.6 Bultmanns Ansatz hatte jedoch nicht die vom ihm beabsichtigte Wirkung, eine unmittelbarere Begegnung mit dem Heiligen zu fördern. Ohne den Rückgriff auf die Sprache des Mythos blieb in der Praxis nur der Rückgriff auf materialistische Ideologie, in deren Sinne die entmythologisierte Auslegung der Bibel meist erfolgt.

Mythische Substanz

Das Denken der griechischen Antike, aber auch das vieler Naturvölker, sah die ganze Welt als einen von göttlichen Kräften bzw. von Göttern und Geistwesen beseelten Ort an. Im Mythos wird dementsprechend keine Unterscheidung zwischen Natürlichem und Übernatürlichem vorgenommen. Auch wenn man mit dem Denken der Moderne von einer Unterscheidung zwischen Natürlichem und Übernatürlichem ausgeht, muss man die Darstellungen des Mythos nicht verwerfen, wenn er natürliche Bilder verwendet, um Übernatürliches zu beschreiben, solange man davon ausgeht, dass das Übernatürliche existiert und mit den erwähnten Bildern beschreibbar ist. Kurz Hübner sprach von einer „mythischen Substanz“, die das Natürliche und das Übernatürliche teilen, so dass das Übernatürliche durch das natürliche Bild beschreibbar wird. Die mythische Substanz der Nacht sei etwa die Dunkelheit und das Chaos, so dass mit dem Bild der Nacht bzw. mit dem Bild der griechischen Nachtgottheit Erebus die entsprechenden Kräfte beschreibbar werden. Erebus sei als mythische Substanz dementsprechend in allem Dunklen und Chaotischen präsent.7

1.2 Christliche Perspektiven zum Mythos

Thomas von Aquin sah im heidnischen Mythos Wahrheiten vorliegen, die „traumhaft in irgendeiner Weise den Heiden vorzuschweben“ scheinen.8

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge vollende das Christentum das Geschehen, das die Mythen der Menschheit zum Teil angekündigt und welche die Menschen damit auf das Christentum vorbereitet hätten. Solche Mythen könnten zudem positiv zu bewertende Visionen darstellen, „in denen die Menschheit Wahrheit erschaut hat und Lebenswege gefunden hat“.

In einem Austausch zwischen J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis bezeichneten diese Mythen als ein Echo göttlicher Wahrheit. Sie stimmten darin überein, dass der Inhalt der Evangelien ein „wahres Mythos“ darstelle, weil es sowohl geistige als auch historische Wahrheit enthalte. Heidnische Mythen könnten jedoch ebenfalls geistige Wahrheit enthalten und ausdrücken. Lewis zufolge würden Evangelien das „Mythos Gottes“ wiedergeben, während heidnische und andere Überlieferungen menschliche Mythen seien. Gott könne sich durch sie mit dem ausdrücken, was in den Seelen jener vorhanden sei, die das Mythos weitergeben.

Russell Kirk sah im Mythos den Ausdruck der kollektiven geistigen Erfahrung einer Kultur sowie des Wirkens höherer Mächte in ihr bzw. in der Seele des Menschen.9

John Henry Kardinal Newman wies darauf hin, dass in allen Religionen und Kulturen „Samen der Wahrheit“ vorhanden seien. Bereits das frühe Christentum betrachtete heidnische Religionen nicht als Gegner, sondern als „Wegweisung auf den Logos“ hin. Clemens von Alexandria (150-215) habe etwas die antike griechische Philosophie mit einer Lampe verglichen, die der Mensch in der Nacht vor dem Erscheinen Christi entzündet habe. Mit dessen Erscheinen sei der Tag angebrochen und eine gewaltige Sonne aufgegangen, was die Lampe jedoch nicht abwerte. 10

Dem katholischen Theologen Leo Scheffcyk zufolge habe „die moderne Ethnographie, die Religionsgeschichte und selbst die theologische Exegese“ ein hohes Maß „an Übereinstimmungen zwischen den christlichen Offenbarungsurkunden und den Mythen der Völker herausgehoben“. Es gebe trotz aller Vorbehalte eine „gewisse positive Beziehung zwischen dem Mythos und dem christlichen Glauben“.11 Das frühe Christentum sei vom Gegensatz zum Mythos und durch seine Ablehnung gekennzeichnet“ gewesen. Der Verfasser des 2. Petrusbriefes habe Mythen als „klug ausgedachte Geschichten“ bzw. als menschliche Werke zurückgewiesen und ihnen die Aufstehung Christi als durch Augenzeugen bestätigte Tatsache gegenüberstellt. Frühchristliche Theologen wie Klemens und Origenes hätten die heidnischen Mythen mit scharfer Polemik als moralisch und historisch fragwürdig angegriffen.

Allerdings sei in der frühchristlichen Kunst auf Motive heidnischer Mythologie zurückgegriffen worden, z. B. bei der Darstellung des guten Hirten. Es sei „nicht zu bestreiten, daß das entstehende Christentum in seinen biblischen Urkunden tatsächlich gewisse religiöse Ausdrucks- und Stilmittel, Bilder und Symbole gebraucht, die der Alten Welt entnommen sind, ja entnommen werden mußten, und die deshalb auch Anklänge an den alten Mythos zeigen.“ Dies gelte etwa für die Darstellung der Schöpfung im Alten Testament oder für die Offenbarung des Johannes. Auch Bilder wie das des Herabsteigens Gottes in die Welt würden aus dem Mythos stammen. Der Grund dafür sei, dass die Offenbarung „von den vorhandenen Rede- und Denkweisen Gebrauch machen“ musste. Die Sachverhalte, von denen die Offenbarung berichte, seien auf anders als in der Sprache des Mythos für Menschen nicht verständlich auszudrücken.

Im Mittelalter sei dann erstmals versucht worden, in den Mythen der Antike „Christliches aufzufinden und freizulegen“ und „die religiösen Gehalte der Mythen als Entstellungen einer Uroffenbarung und einer Urreligion zu interpretieren“. Auch in der Gegenwart „muß sich die christliche Verkündigung mit diesen Äußerungen befassen und sie von ihren manchmal phantastischen Hüllen zu befreien suchen mit dem Ziel, das geschichtliche Christusereignis mit seinen universalen Folgen als Erfüllung und Überbietung alles Mythischen auszuweisen“:

„Wenn die Heilsgeschichte mit der Schöpfung beginnt und wenn sie in ihrer vorchristlichen Dimension eine göttliche Pädagogik auf Christus hin war, dann gehört auch das mythische Denken der Urzeit in die geschichtlichen Führungen Gottes mit hinein und in den Bereich der göttlichen Pädagogik. So dürfen auch die Mythen als ein Ausdruck natürlicher Religiosität verstanden werden, in welcher sich die Menschen im Advent der Menschheit auf das Kommen des Wortes Gottes und der Wahrheit vorbereiteten.“

Relevante christliche Kritik am Mythos verweise darauf, dass er nicht zwischen Natürlichem und Übernatürlichem trenne und dabei Gott verweltliche sowie die Welt vergöttliche. Verzerrungen bei der Wahrnehmung des Transzendenten, die aus der Schwäche der Menschen herrührten, dürften jedoch „nicht zur gänzlichen Ablehnung und Verurteilung der alten Mythen führen“:

„Wohl aber dürfen sie in gereinigter Form als Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach der Nähe Gottes, nach seinem Kommen in die Welt wie nach seiner Vollendung verstanden und so auch interpretiert werden.“

Der Philosoph Karl Jaspers habe den Mythos als „Chiffresprache“ verstanden, „die in Bildern und Symbolen auf die Transzendenz hinweist.“ Der Mythos sei „nicht Sache der Vergangenheit, weil er es mit dem Gleichbleibenden im Menschen zu tun hat, mit seiner Erstreckung auf ein Transzendentes“. Er kritisierte Bestrebungen zu einer „Entmythologisierung“ des Christentums: „Denn die Sprache der Mythen als Chiffren einer übersinnlichen Wirklichkeit scheint mir unerläßlich und ihr Entbehren ein Unheil.“ Man könne den Mythos so wie der Philosoph Kurt Hübner „in seinem Kern als Ausdruck der Erfahrung des Numinosen verstehen“, der „Ehrfurcht vor der geheimnishaften Tiefe des Daseins“ ausdrücke und „insofern als eine metaphysische Ansicht von der Welt“ darstelle. Er müsse dann „auch vom christlichen Denken als Vorstufe des Religiösen und als Anknüpfungspunkt des Glaubens angesehen werden.“

Religion und Mythos sind laut Hübner nicht identisch, aber während der Mythos auch außerhalb einer Religion vorkomme, „gibt es keine Religion ohne Mythos“. Die christliche Religion zeige „weitgehend mythische Strukturen“ und der Versuch, diese zugunsten eines naturwissenschaftlichen Weltbilds zu entfernen „führt zu unaufhebbaren Widersprüchen mit der heiligen Schrift und sprengt gleichzeitig die Grundlagen, auf denen der christliche Glaube beruht“.12

Justin der Märtyrer sagte, dass Gott einen Samen in Form einer Uroffenbarung die Herzen der Völker gesät habe, bevor er sich endgültig in Jesus Christus offenbarte.13 Der Apostel Paulus erkannte in seiner Rede auf dem Areopag in Athen an, dass dem antiken Griechenland diese Uroffenbarung zuteil wurde, als er sagte: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“14

Ernst Jünger zufolge ist der Mensch Teil eines geistigen Reiches, das Mythos heiße und seine eigentliche Heimat darstelle:

„Mythisches wird ohne Zweifel kommen und ist bereits im Anzuge. Es ist ja immer vorhanden und steig zur guten Stunde wie ein Schatz zur Oberfläche empor. […] Zum Mythischen kehrt man nicht zurück, man begegnet ihm wieder, wenn die Zeit in ihrem Gefüge wankt, und im Bannkreis der höchsten Gefahr.“15

1.3 Religionswissenschaftliche und psychologische Perspektiven

Im frühen 20. Jahrhundert begann die Religionswissenschaft damit, religiöse Erfahrung ernster zu nehmen und von der Möglichkeit auszugehen, dass sie sich kultur- und religionsübergreifend auf reale Sachverhalte beziehen könnte, aus denen mehr spricht als nur psychologisch erklärbares subjektives Empfinden oder ein unvollkommener Versuch der Geschichtsschreibung. Zu den entsprechenden Autoren gehören etwa William James, Rudolf Otto und Mircea Eliade.

1.3.1 Die numinose Deutung des Mythos

Der Philosoph Kurt Hübner unterschied zwischen verschiedenen Deutungen des Mythos. Neben anderen Deutungen, etwa einer psychologischen Deutung (die zum Beispiel C. G. Jung vertrat) gebe es auch eine, die im Mythos einen Ausdruck der Erfahrung des Numinosen bzw. des Heiligen sehe. Der Mythos beruhe laut der numinosen Deutung auf der Wahrnehmung und Erfahrung Gottes oder des Göttlichen bzw. seines Wirkens in der Welt. Zu den führenden Vertretern dieser Deutung gehörten unter anderem Mircea Eliade und Karl Kerényi.16

Die materielle Welt könne exakter beschrieben werden als das Übernatürliche. Daraus folgt jedoch nicht, dass die materielle Wirklichkeit mit der Wirklichkeit als solcher identisch sein muss.17

Der Mythos ist laut Hübner ein „Erfahrungssystem“ und „zugleich ein Mittel systematischer Erklärung und Ordnung“, das das Geschehen in dem sich der Mensch bewegt anders als die Naturwissenschaft nicht mit Naturgesetzen sondern mit vom Göttlichen herrührenden Urbildern erkläre.18

Der Mythos beschreibe aus Sicht dieser Deutung das, was der Religionswissenschaftler Rudolf Otto als das „Numinose“ definiert habe, d. h. das „Furchterregende, Schreckliche, Erhabene, Majestätische wie […] das Beglückende, Entzückende und Beseligende“. Die vom Mythos beschriebenen „Numina“ seien eine „Sprache anderer Art“, die mittels Zeichen kommuniziere. Diese Zeichen vermitteln „den Eindruck des Erhabenen und der majestätischen Offenbarung eines Wesens“, das über dem Menschen und über der Natur stehe.19 Auch wenn nicht bewiesen werden könne, das die durch den Mythos beschriebene Wahrheit „wirklich gegeben ist und nicht stattdessen pure Illusion, Irrtum, Aberglauben oder subjektiver Schein vorliegen“, so sei es doch „merkwürdig“, dass die entsprechende Annäherung an den Mythos parallel zur Entfaltung des naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts zu- statt abgenommen habe.20

Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade erstellte im Rahmen seiner Arbeit eine Art Geographie der mythischen Welt. Dazu verglich er wiederkehrende und parallele Elemente in den Mythen der Menschheit. Die Universalität vieler Bilder und Motive legt dabei nahe, dass diese nicht das Produkt kreativer Erfindungsgabe sind, sondern einer Wahrnehmung des Immateriellen, die sich jeweils auf den gleichen Gegenstand bezog. Ähnlichkeiten in den Mythen von Völkern, die nachweislich keinen Kontakt hatten, deuten dabei darauf hin, dass die Mythen kulturunabhängig geistige Wirklichkeit beschreiben. Laut Eliade beschreiben Mythen heilige Sachverhalte, wozu sie Bilder und Motive aus der materiellen Welt nutzen. Mythen versuchten hingegen nicht, historische Wahrheit bzw. historische Ereignisse zu beschreiben, sondern Dinge, die ewig gegenwärtig oder beständig seien.21 Bereits Tertullian wies um 205 n. Chr. auf die religiöse Bedeutung solcher natürlichen Bilder hin bzw. auf „die Ähnlichkeiten, welche die göttliche Macht selbst bietet“, etwa für übernatürliches Geschehen wie die Auferstehung.22

Dem Religionswissenschaftler Karl Kerényi zufolge sei der Mythos eine Reaktion auf das Erfassen heiliger Wirklichkeit.23 Weil der Mythos sich auf eine Wirklichkeit beziehe, könne er auch nicht ausgelöscht werden. Selbst wen es gelänge, alle Traditionen auszulöschen, „so würde mit der nächsten Generation die Mythologie und die Religionsgeschichte wieder beginnen“. Auch „totgeglaubte Traditionen“ könnten daher wieder lebendig werden, „weil sie sich von zeitlosen Abgründen nähren“.24

Holzapfel zufolge seien die nichtchristlichen Mythen Europas, sofern sie nicht wie die römischen und griechischen Mythen schriftlich fixiert worden seien, „durchgehend christlich überformt“. Es sei unmöglich, diese Mythen getrennt von christlichen Einflüssen zu verstehen oder zu deuten. Er verglich die Mythen des Abendlandes mit einem Strom, der aus der Vergangenheit fließe und in den verschiedene Stoffe einmünden würden. Er werde getragen von einem Unterstrom bzw. der Konstante der Tradition.25

1.3.2 Die pychologische Deutung des Mythos

Die psychologische Deutung des Mythos kann sich mit der numinosen Deutung überschneiden und Impulse für diese liefern, solange sie nicht ausschließt, dass psychologische Abläufe im Menschen sich auf eine objektive numinose Wirklichkeit beziehen. Der Psychologe Jordan B. Peterson deutet Mythen in Anknüpfung an C. G. Jung als Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

C. G. Jung ging davon aus, dass Mythen immer wieder neu und unabhängig voneinander entstehen würden, weil sie Urbildern entsprächen, die in der Seele des Menschen angelegt seien.

1.3.3 Die historisch-geographische Erklärung des Mythos

Dieser Ansatz will Mythen nicht deuten, sondern ihre Entstehung durch Analyse im Zuge ihrer Verbreitung erklären. Er erklärt hingegen nicht, warum Menschen sehr verschiedener Kulturen Mythen über sehr lange Zeiträume hinweg für so wertvoll hielten, dass sie sie überlieferten.

Der Ansatz untersucht mittels phylogenetischer Analyse als „Mytheme“ bezeichnete Bestandteile von Mythen und untersucht ihre Verbreitung und Veränderung im Zuge mündlicher Überlieferung. Dabei mittels einer Software, die auch in der Erbgutforschung eingesetzt wird, stammbaumartige Verwandschaftsbeziehungen zwischen Mythen erkennbar. Laut dem Sozialanthropologen Jamshid Tehrani sind mündlich tradierte Erzählungen besonders geeignete Objekte für die phylogenetische Analyse, weil sie „Abstammungsprodukte“ seien, die sich im Zuge ihrer Weitergabe verändern. Diese Veränderungen lassen sich durch statistische Verfahren untersuchen, was auch Annahmen darüber ermöglicht, wann und wo sie zum ersten Mal erzählt worden sein könnten.26 Der Ethnologe Christoph Antweiler, sagte, dass dies „ein sehr ernst zu nehmender Ansatz“ sei, „um die verblüffenden Ähnlichkeiten in den Mythen zwischen räumlich entfernten Kulturen zu erklären“.27

Der Anthropologe Jurij Bereskin hat die weltweit umfangreichste Datenbank solcher Mytheme erstellt.

Der Historiker Julien d’Huy untersuchte die Mythenfamilie der kosmischen Jagd sowie den Pygmalion- und den Polyphem-Mythos. Ihm zufolge sei der Kern dieser Mythen in der Überlieferung überaus stabil. Es gebe Hinweise darauf, dass sich das Motiv der kosmischen Jagd bereits in steinzeitlichen Höhlenmalereien in Lascaux finde, die vor mindestens 15.000 Jahren entstanden sind und möglicherweise bis zu 36.000 Jahre alt sind. Die griechische Mythologie beschreibt die Geschichte von Kallisto, die als Nymphe der Jagdgöttin Diana zur Keuschheit verpflichtet war, aber von Zeus verführt wurde. Nach der Geburt ihres Sohnes Arkas wurde sie von Hera, der Gattin des Zeus, aus Eifersucht in eine Bärin verwandelt. Als Arkas, der seine Mutter in der Gestalt der Bärin nicht erkennt, sie später als Jagdbeute töten will, verwandelt Zeus beide aus Erbarmen in die Sternbilder Großer und Kleiner Bär. Laut d’Huy findet sich der Kern dieses Mythos auch bei nordamerikanischen Indianern, deren Vorfahren vor ca. 25.000-16.000 Jahren über die Beringstraße nach Alaska zogen. Der Mythos müsse daher zu diesem Zeitpunkt bereits existiert haben.28

Auf Grundlage dieser Methode kam d’Huy auch zu dem Ergebnis, dass das Motiv des Drachenkampfes bzw. der einer den Menschen „sehr alt“ sei. Er datiert es nicht genau, weist aber darauf hin, dass einige Mytheme des Drachenkampf-Mythos sich auch in den Mythen australischer Ureinwohner finden und somit mindestens einige zehntausend Jahre alt sind.29

Bereits Jacob und Wilhelm Grimm stellten im frühen 19. Jahrhundert fest, dass die Motive deutscher Märchen auch in persischen, arabischen und indischen Märchen vorhanden seien. Später wurden die Motive solcher mündlich überlieferten Erzählungen im Aarne-Thompson-Uther-Index erfasst.

1.4 Gefahren der Auseinandersetzung mit dem Mythos

Da es nicht nur gute geistige Kräfte im Kosmos gibt, ist in der Auseinandersetzung mit Mythen aus christlicher Sicht besondere Vorsicht geboten. Wenn man diese Mythen vor dem Hintergrund des Lichtes der Offenbarung und des christlichen Glaubens betrachtet, können sie jedoch dabei helfen, Zugänge zur geistigen Welt zu erschließen. Dieser Umgang mit dem Mythos kann Menschen den Weg zum Glauben erleichtern und Christen helfen, transzendente Wirklichkeit besser zu verstehen.

Ein christlicher Zugang zum Mythos legt ihn auf das Christliche hin aus und findet in ihm Ankündigungen und Vorahnungen der Inhalte christlicher Offenbarung. Ein aus christlicher Perspektive fehlgeleiteter Zugang geht davon aus, dass nicht das Christentum die Mythen der Menschheit vollende und transzendiere, sondern dass im heidnischen Mythos eine im Christentum nicht vorhandene Wahrheit zu finden sei, die an die Seite oder an die Stelle christlicher Inhalte treten solle. Auch die Anbetung der Götter, die der heidnische Mythos beschreibt, kann aus christlicher Sicht kein richtiger Umgang mit dem Mythos sein. Ein Beispiel dafür sind Zeremonien, die 2019 parallel zur Amazonas-Synode zur Verehrung der indianischen Fruchtbarkeitsgöttin Pachamama im Vatikan stattfinden. Bildnisse der Pachamama wurden anschließend z. T. in Kirchen aufgestellt, bis sie Christen von dort entfernten.

Mythologische Themen sind oft eng mit nichtchristlichen Religionen verbunden, die in einigen Fällen den Versuch der Annäherung an Gott darstellen, sich in anderen Fällen aber auf satanische und dämonische Einflüsse stützen. Der Ethnologe Paul Stoller ließ sich in Niger in die Tradition einer afrikanischen Naturreligion einführen. Er schrieb, dass er dadurch in die „Abgründe des Okkulten“ gestürzt sei. Er habe Magie und Hexerei als real erfahren. Die von ihm erfahrene Naturreligion sei von Angst und „Hunger nach Macht“ geprägt. Als Magiekundiger sei er „Jäger wie auch Gejagter in einer Welt voller Menschen“ gewesen, „die nach Macht streben und es geniessen, ihre Rivalen zu vernichten, egal was ihre Triumphe kosten. Was für eine schreckliche Welt, von der ich ein Teil geworden war.“ Er habe sich letztlich dagegen entschieden, „ein Leben zu führen, in dem man sich permanent vor den todbringenden Flüchen anderer schützen musste“. Er selbst habe Schadzauber angewendet, die gewirkt hätten, und sei Ziel von okkulten Angriffen geworden, die bei ihm medizinisch nicht erklärbare Lähmungen ausgelöst hätten.30

2. Themen vertikaler und hierarchischer Ordnung im Mythos

Allgemein werden im Mythos Natursymbole verwendet, um die geistige Dimension der Wirklichkeit zu beschreiben. Vertikalität ist dabei ein mythologisches Grundmotiv. Im Mythos geht es um das Verhältnis des Menschen zu den ihn übergeordneten Dingen und Auf- oder Abstieg seiner Seele zu ihnen hin oder von ihnen weg. Dementsprechend dominieren vertikale Symbole und Bilder wie Berge und Bäume. Alternativ wird dies mit polaren oder zentralen Bildern ausgedrückt.

3. Der Kampfmythos

Die Vorstellung eines kosmischen Kampfes ist in vielen Mythen der Menschheit in Form des Kampfmythos zu finden. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos oder die Welt.

3.1 Die Motive des Kampfmythos

3.1.1 Drachenkampf und Drachenkämpfer

Drachentöter sind in der Mythologie Kämpfer gegen das Böse. Das Bild des Drachens und des Drachentöters ist in den Mythen der Menschheit nahezu universell verbreitet. Einige Beispiele sind:

  • Marduk besiegt den Chaos-Drachen Tiamat in der babylonischen Mythologie;
  • Apollon besiegt Python und Herakles besiegt Hydra in der griechischen Mythologie;
  • In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.
  • In der japanischen Mythologie tötet Gozu-Tenno einen Drachen, um die Prinzessin Inada zu retten. Gozu-Tenno wird verbreitet mit der schintoistischen Schutzgottheit Susanoo no mikoto („Tapfer-schneller-ungestümer Mann“) gleichgesetzt, die ebenfalls gegen Drachen kämpft.
  • Bayajidda tötet in der Ursprungslegende der afrikanischen Hausa den Drachen Sarki, der den Zugang zum Wasser eines Brunnens behindert;
  • Siegfried tötet in der germanischen Mythologie den Drachen Fafnir.

Bei den Drachentötern der Legenden und Mythen handelt sich um Männer, die gegen das Böse kämpfen und dazu Tugend aufbringen müssen. Ein Drachentöter befreit zumeist durch seine Tat die Menschen aus der Umgebung vor Überfällen und Verwüstungen durch den feindseligen Drachen oder aus einer langanhaltenden Dürre. Manchmal rettet er Frauen aus der Gefangenschaft in der Drachenhöhle oder gewinnt Zugang zu einem Schatz, der vom Drachen verwahrt und bewacht wurde.

Die Motive des Drachens und des Drachentöters sind so tief in der europäischen Kultur verwurzelt, dass sie auch in Unterhaltungsfilmen der Gegenwart eine prominente Rolle spielten.

Der Psychologe Jordan B. Peterson behandelt in seiner Arbeit mit Schwerpunkt den geistigen Kampf des Menschen gegen die chaotischen Kräfte, die seine Seele angreifen. Mythologische Bezüge spielen im Werk Petersons, der sich auf die Arbeit des Psychologen C. G. Jung und des von ihm beeinflussten Mythologen Joseph Campbell stützt, eine wichtige Rolle. Mythen seien Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

Dies gelte insbesondere für den in vielen Kulturen zu findenden Kampfmythos. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos. Peterson geht davon aus, dass dieses mythologische Motiv zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört.

Auch Naturkräfte wurden in diesem Sinne gedeutet. Der Winter wird z. T. mit den Kräften des Chaos und des Todes identifiziert, während der Frühling mit dem Sieg über sie verbunden wird. Das Christentum hat dies in den Jahreskreis seiner Feiern integriert. Peterson geht davon aus, dass das mythologische Motiv des Drachenkampfes zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört. Es stamme aus unbekannter Quelle, sei in vielen Kulturen zu finden und u. a. in der Proto-Indoeuropäischen Religion, die vor rund 6.000 Jahren entstand, nachweisbar.

Laut dem Historiker Julien d’Huy sei das Motiv jedoch noch wesentlich älter. Er kam bei seinen phylogenetischen Analysen zur Entwicklung und Verbreitung von Mythen zu dem Ergebnis, dass das Motiv einer den Menschen bedrohenden Schlange bereits in der Altsteinzeit in Europa vorhanden gewesen sei. Diese mythische Schlange sei unsterblich, für den Tod des Menschen verantwortlich, sei gehörnt, horte Schätze, lebe am oder im Wasser sowie in Höhlen oder unter der Erde und sei aggressiv und gefährlich. Er fordere Menschenopfer oder entführe Frauen. Ein Held könne die Schlange besiegen. Die Schlange verstelle dem Menschen den Weg zum Wasser, das er nur erreichen könne, wenn er Opfer bringe. Er bezeichnete dieses Motiv als den „europäischen Protodrachen“. D’Huy folge sei dieses Motiv „sehr alt“. Er datiert es nicht genau, weist aber darauf hin, dass einige Mytheme des Drachenkampf-Mythos sich auch in den Mythen australischer Ureinwohner finden und somit mindestens 60.000 Jahre alt sind. Darstellungen gehörnter Schlangen würden sich auch auf Felszeichnungen und in Mythen in Afrika, Australien, Asien und Amerika finden. Felszeichnungen und Funde deuteten zudem darauf hin, dass es in der Altsteinzeit in Europa rituelle Schlangentötungen gegeben habe.31

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI. schrieb über das Motiv des Drachenkampfes:

„Der Drache ist der furchtbare Angsttraum der Menschheit“ und „das Ungeheuer, vor dem wir zittern, ist die furchtbare Kraft des Bösen, die man den Teufel nennt.“

Die „Waffen Gottes“ seien allerdings „stärker als der Drache“. Die Legenden der Drachentöter würden dem Menschen sagen, „dass es einen Drachen gibt“ und „dass wir alle berufen sind, Drachentöter zu werden“.32

In der griechischen und römischen Tradition kämpft Apollo gegen Python und Zeus gegen Typhon. In der babylonischen und assyrischen Tradition kämpft Marduk gegen den Chaosdrachen Tiamat. In nordischen Mythen kämpft ein Adler, der in den Zweigen des Weltenbaums wohnt, täglich mit dem Drachen Nidhöggr. In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.

Der erste Schöpfungsbericht im Alten Testament beschreibt die Schöpfung als die Schaffung eines Raums der Ordnung im Chaos in Form des Garten Edens, in dem das Leben gedeihen kann. Dieser Raum muss gegen die Mächte des Chaos durch einen König oder Hirten bewahrt werden, der gegen die Kräfte des Chaos kämpft, die diesen Raum ständig bedrohen.33 Elemente des Kampfmythos kommen auch in Offenbarung 12 vor. Dort greift der das Böse repräsentierende Drache die Frau und ihren Sohn an. Anders als in anderen Kampfmythen wird der Sohn vor seiner Wiedergeburt hier jedoch nicht getötet, sondern gerettet bevor er nach der vorübergehenden Herrschaft des Drachen wiederkehrt um den letzten Kampf zu führen.

3.2 Der Kampfmythos im Christentum

Eine herausgehobene Rolle spielt der Kampfmythos im Christentum bzw. in der Bibel, wo das Motiv des Drachenkampfes sich sowohl im Buch Genesis als auch in der Offenbarung des Johannes findet. Hier wird die gesamte Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt, in dem ein Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, Krieg führt gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.“

3.2.1 Der kosmische Kampf und seine Fronten

Die katholische Kirche betont in ihrer Lehre, dass das Leben des Menschen Teil dieses kosmischen Kampfes ist:

„Das ganze Leben des Menschen, das einzelne wie das kollektive, stellt sich als Kampf dar, und zwar als ein dramatischer, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. […] Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muss, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute.“

Das Christentum stehe im “unaufhörlichen Kampf zwischen Gut und Böse” sowie zwischen Ordnung und Auflösung, der die ganze Geschichte der Menschheit durchziehe. Jegliches Geschehen sei Teil dieses Kampfes, „der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet“ und der bis zum Ende der Zeit dauern wird.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb:

„Wie ihr wohl wißt […] ist unsere Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen; da sind mächtige negative Kräfte am Werk, die jene dramatischen Situationen geistiger und materieller Versklavung unserer Zeitgenossen verursachen, gegen die ihr, wie ihr wiederholt erklärt habt, ankämpfen wollt, indem ihr euch zum Dienst am Glauben und zur Förderung der Gerechtigkeit verpflichtet. Solche negativen Kräfte treten heute in vielfältiger Weise in Erscheinung, aber besonders offenkundig durch kulturelle Strömungen, die häufig vorherrschend werden, wie der Subjektivismus, der Relativismus, der Hedonismus, der praktische Materialismus.“

Dämonen beschrieb er als gegengöttliche Mächte bzw. geistiger Wesen, für deren Wirken auf die Seele sich der Mensch durch Sünde verwundbar mache. Die Beschreibung solcher Wesen findet sich kulturübergreifend. Die älteste Beschreibung findet sich in den ab ca. 1.500 v. Chr. entstandenen indischen Veden, wo diese Wesen als Asuras bezeichnet werden.

Kardinal Clemens August Graf von Galen schrieb in einer seiner letzten Predigten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg:

„Das Böse und das Gute liegen in einem gigantischen Kampfe, und wir müssen stolz sein, Zeugen dieses gewaltigen Ringens und Mitwirkens in demselben zu sein. Freilich hat jetzt niemand mehr das Recht, ein Mittelmäßiger zu sein.“

C. S. Lewis schrieb über diesen Konflikt und darüber, wie er vor rund 2.000 Jahren eine entscheidende Wendung nahm:

„Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wir er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen.“

Der Mensch ist Teil des kosmischen Kampfes, dessen Fronten in der Seele jedes Menschen verlaufen. Das Christentum ist eine Religion vor allem des inneren Kampfes bzw. des ständig erneuerten Bemühens darum, Gott mehr zu lieben, die Eigenliebe auszumerzen und allen Menschen zu dienen. Das Gelingen dieses inneren Kampfes ist die Voraussetzung für das Gelingen seines äußeren Kampfes bzw. seines Dienstes in der Welt.34

Heiligung ist das Ergebnis des erfolgreichen Kampfes gegen den Feind des Menschen. Der Apostel Paulus beschreibt diesen Kampf so:

„Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt.“35

Der heilige Paulus spricht vom „guten Kampf“, der mit dem „Schwert des Geistes“ geführt werde.

Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es dazu:

„Der Weg zur Vollkommenheit führt über das Kreuz. Es gibt keine Heiligkeit ohne Entsagung und geistigen Kampf […]. Der geistliche Fortschritt verlangt Askese und Abtötung, die stufenweise dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben.“

Solange man nicht opferbereit ist, meint man es nicht ernst genug. Abraham erhielt seine Verbindung zu Gott durch Opfer aufrecht. Es schieben sich laufend Hindernisse zwischen den Menschen und sein Ziel. Frieden und Ruhe wird es in diesem Leben für den zu Gott strebenden Menschen nicht geben, nur Kampf. Das christliche Leben steht in ständiger Spannung zu dem, was einen verneint, und ist damit verbunden, dem Widerstand entgegenzugehen anstatt ihm nachzugeben. Dieses Leben ist eines der ständigen Begegnung mit dem inneren Drachen und dem Kampf gegen ihn.

Der katholische Heilige Josemaria Escriva beschrieb den Prozess der Heiligung als Teilnahme an einem übernatürlichen Krieg:

„Der Krieg! – Der Krieg hat ein übernatürliches Ziel, sagst du, das der Welt verborgen ist: der Krieg ist für uns… Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. – Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie ein Mönch seine Bußgeißeln.“

Welche Bedeutung der geistige Kampf bereits im frühen Christentum hatte zeigt die Tatsache, dass zentrale christliche Begriffe der militärischen Sprache entnommen wurden. Sacramentum war z.B. ursprünglich die Bezeichnung des Eides des römischen Soldaten, der diesen zu totalem Einsatz verpflichtete. Als Pagani bezeichnete man ursprünglich Zivilisten und später Heiden.

Der katholische Ordenspriester und Gründer des Hilfswerks „Kirche in Not“ Werenfried van Straaten schrieb:

„Nachdem ich mich 40 Jahre angestrengt habe, um den Opfern des Kommunismus zu helfen, glaube ich mit einiger Sachkenntnis über den Kommunismus mitreden zu können. Und ich sage euch: Jenseits des Spieles der Diplomaten und des endlosen Geredes der internationalen Konferenzen wütet der Kampf, den Johannes in der Vision der Frau und des Drachens geschildert hat. Der Anführer der höllischen Geister ist Satan. An der Spitze des himmlischen Heeres steht die Königin der Engel. Er, der zu Gott ‚Nein‘ gesagt hat, kämpft gegen sie, die ‚Ja‘ gesagt hat. Das ist der wahre Sinne des heutigen Zeitgeschehens und die einzige Geschichtsphilosophie, die die letzten Ursachen erklärt.“

3.2.2 Der Drache als Symbol für den Feind des Menschen

Das Bild des Drachen als Feind des Menschen findet sich im christlichen Kontext im Alten Testament (etwa in Gen 3,1) sowie in der Offenbarung des Johannes (etwa in Offb 12), wo der heilige Erzengel Michael als Drachentöter beschrieben wird. Der Drache ist hier insbesondere der Feind Evas (in Gen 3,1) sowie der Feind der als Maria gedeuteten apokalyptischen Frau. In der Kunst wird auch Jesus Christus bzw. das Lamm Gottes vereinzelt als Drachentöter dargestellt.

Sowohl Altes als auch Neues Testament verwenden den Drachen als Symbol für Satan, den Feind des Menschen. Sein Name bedeutet „Widersacher“ oder „Feind“. Es handelt sich bei ihm um ein geistiges, nichtmenschliches Wesen, das älter, mächtiger, intelligenter und stärker ist als der Mensch. Dieser hat auf sich gestellt nicht die Kraft, seinen Angriffen zu widerstehen.

Satan ist kein Gegengott, der das Böse als eine dem Guten gleichwertig gegenüberstehende Kraft verkörpert, sondern ein ehemaliger Diener Gottes, der sich aus freiem Willen gegen Gott stellte und einen Aufstand gegen ihn anführte. Er unterlag den durch den Erzengel Michael geführten Engeln, die auf der Seite Gottes kämpften, und wurde zusammen mit den anderen aufständischen Engeln aus der Sphäre Gottes verbannt (Offb 12,8). Der Einflussgebiet Satans ist die Welt des Menschen. Jesus Christus bezeichnete ihn als „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30; 16,11). Der heilige Apostel Paulus nannte ihn den „Gott dieser Welt“ (2 Kor 4,4). Das Wirken Satans war der Auslöser der im Buch Genesis beschrieben ersten Sünde des Menschen.

Einer Deutung zufolge, die sich vor allem auf das Buch Hiob bezieht, ist Satan der Ankläger des Menschen vor Gott. Er wolle Gott beweisen, dass der Mensch minderwertig und schwach sei. Er handele dabei aus Stolz, weil Gott den Menschen über die Engel gestellt habe. Jesus Christus nennt Satan den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Der heilige Ignatius von Loyola verglich Satan mit dem Führer einer Armee, die eine Festung belagere und diese an ihrer schwächsten Stelle angreife.36

In seinem Wirken, das alle Schwächen des Menschen gegen ihn wendet, geht es darum, den Menschen von Gott abzuwenden, seine Seele zu korrumpieren und zerstören, die Kontrolle über ihn zu übernehmen, ihn als Ebenbild Gottes durch Entstellung zu demütigen und ihn untauglich für seinen Dienst zu machen. Der Feind strebt zudem die Zerstörung der Werke Gottes an.

  • Der Feind wirkt durch falsche Versprechen, die an den Schwächen des Menschen wie seiner Neigung zu Stolz, Gier und Lust oder zu utopischem Denken ansetzen und ihn zur Sünde verführen. Satan kennt den Menschen und seine Schwächen und konzentriert sich bei seinem Angriff auf diese. Sogar den ansonsten tugendhaften Menschen kann sein Wirken korrumpieren, etwa über die Neigung zum Stolz.
  • Satan wirkt vital und stark und erscheint dem Menschen wie ein „Engel aus Licht“ (2 Kor 11,14), ist aber tatsächlich die „Macht der Finsternis“ (Lk 22,53; Kol 1,13).
  • Er wirkt auch durch Verzweiflung und Scham, die den Menschen, dessen Leben von der Sünde geprägt ist, zur Kapitulation vor der Sünde und zur Wahrnehmung führen können, dass er nicht würdig für die große Aufgabe sei, die Gott für ihn vorgesehen hat.

Schicksalsschläge, die zur Wahrnehmung der Sinnlosigkeit des Lebens sowie ein gelingendes Leben, das zu Stolz auf die eigene Leistung führen können, können das Wirken des Feindes begünstigen.

Der katholische Heilige Josemaria Escriva schrieb über das Wirken Satans:

„Welt, Teufel und Fleisch sind drei Landstreicher. Sie nützen die Schwäche des Wilden aus, den du in deinem Innern mit dir herumträgst. Sie sind darauf aus, dir für das armselige, wertlose Geglitzer eines Vergnügens das blanke Gold und die Perlen und Brillanten und Rubinen abzunehmen, die vom lebendigen und erlösenden Blut deines Gottes durchglüht sind und die das Lösegeld und den Schatz darstellen für deine Ewigkeit.“

Das Böse, dass der Feind bewirkt, ist keine eigenständige Kraft, sondern besteht aus der Verneinung des Guten.

3.3 Drachenkämpfer im Christentum

3.3.1 Christus als Kämpfer

Im Psalm 91 wird Jesus Christus als Kämpfer gegen „Löwen und Drachen“ beschrieben, dem der Autor des Psalms seine Gefolgschaft verspricht.37

In der Offenbarung des Johannes wird Jesus Christus in verschiedenen Bildern als gewaltig und erhaben beschrieben. Der am Ende der Zeit wiederkehrende Christus wird hier als starker Heerführer beschrieben, der an der Spitze einer Armee gegen das Böse zu Felde zieht, sowie als siegreicher „Löwe aus dem Stamm Juda“.38 Im Alten Testament ist die Bezeichnung Gottes als „HERR der Heerscharen“ die am häufigsten verwendete Gottesbezeichnung, die dort insgesamt 285 Mal erwähnt wird,39 Die Verwendung erfolgt sowohl in Bezug auf irdische Heere als auch auf Heere der Engel und zur Betonung der Macht Gottes.

Jesus Christus forderte die Menschen dazu auf, ihm nachzufolgen.40 Jesus Christus ist dem hl. Ignatius von Loyola zufolge deshalb mit einem Heerführer vergleichbar, der „alle unter sein Banner ruft“.

Auch die Spiritualität des christlichen Rittertums verglich Jesus Christus mit einem Heerführer, der für die Rettung seiner  Vasallen das größte denkbare Opfer gebracht hatte. Dies verpflichte die Gefolgschaft Christi zu umso größerem Gehorsam.41

Der katholische Theologe und Jesuit Hugo Rahner beschrieb 1959 in einem Aufsatz über die zeitlosen Ideale des christlichen Rittertums Jesus Christus als den ersten Ritter. Das Alte Testament habe Jesus Christus als „gottgesandten Reiter“ angekündigt. Hier sei „ein Reiter in leuchtend weißem Gewand, der eine goldene Bewaffnung schwenkte“ beschrieben worden, der das Volk Gottes im Kampf gegen seine Feinde anführe. Dieses Bild finde sich in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament wieder:

„Dann sah ich den Himmel offen und siehe, da war ein weißes Pferd und der, der auf ihm saß, heißt: Der Treue und Wahrhaftige; gerecht richtet er und führt er Krieg. […] Bekleidet war er mit einem blutgetränkten Gewand; und sein Name heißt: Das Wort Gottes. Die Heere des Himmels folgten ihm auf weißen Pferden; sie waren in reines, weißes Leinen gekleidet. Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen. Und er weidet sie mit eisernem Zepter und er tritt die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung. Auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte trägt er den Namen geschrieben: König der Könige und Herr der Herren.“42

Sowohl das Alte als auch das Neue Testament hätten Christus als Ritter beschrieben, weil diese kämpfende Form des Dienstes ein Weg der Nachfolge Christi sei:

„Das ist der Reiter Christus. Der Ritter, unser König und Herr. Das ist der apokalyptische Reiter des weltgeschichtlichen Sieges, den er durch den Bluttod am Kreuz errungen hat. […] Das ist der Ritter Christus, der durch die Jahrtausende der Weltgeschichte reitet, der König, der Freie, der die Erde unter sich hat, der erhaben ist und dienend, anführend und als letzter das Kampffeld räumend. Das ist der Herr Jesus Christus, der bis in den Tod getreu war und dafür die königliche Krone des Lebens erhielt […]. […] Der Herr ist, wie das Wort der Geheimen Offenbarung andeutet, König geworden gerade durch seine Hingabe in den Tod, im Blutvergießen des Kreuzestodes.“43

Der Sieg über die Welt durch den in bedingungsloser Nächstenliebe erlittenen dienenden Tod bezeuge das Herrentum und das Königtum Christi, der mit „Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ sei. Rahner betonte in diesem Zusammenhang die Eigenschaft Christi als „dem Sieger, dem Welteroberer, dem Ritter, dem Führer Eures jungen Lebens, dem Ihr Treue haltet“.44 Dessen Ideale seien die Antwort auf die Probleme einer „im Wohlstand alt und fett gewordenen Welt“.

Jesus Christus kämpfte auch in anderer Form gegen das Böse, etwa als er Exorzismen vollzog.

Das christliche Rittertum aus dem Gedanken des Königtums Christi heraus entwickelt. Der Gründer des Jesuitenordens, der hl. Ignatius von Loyola, habe diesen Gedanken später weiterverfolgt und betont, dass Christus sich zu allen Zeiten seine kämpfende Gefolgschaft suche und seinen „Ruf des Königs“ an jene richte, die dafür in Frage kämen:

„Da nun aber das Werk der im Kreuzestod vollendeten Welterlösung sich durch alle Erdenzeiten hindurch entfalten muß, muß sich das Geheimnis der Überschwenglichkeit fortsetzen, muß es zu allen Zeiten Menschen geben, die das Großartige der in Christus uns geschenkten Liebe des Vaters mit einem großartigen Herzen erfassen können. Der Reiter Christus sucht Mitreiter, Mitstreiter, Mitsoldaten, Commilitones. Christus braucht Menschen, die Ritter sein wollen, Freie, Adelige, die die Erde unter sich haben, die jauchzend reiten können, die über das Gewöhnliche demütig erhaben sind, dienend und befehlend, anführend und als letzte das Kampffeld räumend. Menschen, die etwas ahnen von dem Sieg, der nur im Kreuz errungen wurde. Menschen, die wie eine Feldwache das Tropaion des Königs umstehen. […] Wer immer zu diesen Freunden, Mitstreitern und Mitknechten des Herrn gehören will: der ist ein Ritter. Eques Christi. Gehören wir zu ihnen?“45

Sein Reich brauche dienstbereite Männer, die nach höchsten Dingen streben. Jeder christliche Mann müsse sich die Frage stellen, ob er in diesen Dienst eintreten wolle: „Willst Du? Das ist der Ruf des Königs.“

Christus als Kämpfer gegen die Dunkelheit

Der Winter wird in den Mythen verschiedener Kulturen z. T. mit den Kräften des Chaos und des Todes identifiziert, während der Frühling mit dem Sieg über sie verbunden wird. Das Christentum hat dies in den Jahreskreis seiner Feiern integriert. Der sich ankündigende Sieg über Chaos und den Feind des Menschen durch die Geburt Jesu Christi wird hier um den Zeitpunkt der Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel der Erde herum gefeiert, während der Sieg in Form der Auferstehung Jesu Christi um den Zeitpunkt des Frühlingsbeginns herum gefeiert wird.

3.3.3 Maria und der Drachenkampf

Die Bibel beschreibt einen kosmischen Kampf der gefallenen Engel unter der Führung Satans gegen Gott. Dabei wird Maria in der katholischen Interpretation als eine wesentliche Akteurin des Kampfes beschrieben. Das Alte Testament spricht von einem Feindschaftsverhältnis zwischen der Schlange im Garten Eden bzw. Satan und der Frau bzw. Eva:

„Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.“46

Maria wird insbesondere in der katholischen Interpretation als „neue Eva“ bzw. als Urbild der Christin verstanden.47

Im Alten Testament wird sie möglicherweise in ihrer Rolle als Kämpferin angekündigt, unter anderem im Hohenlied:

„Wer ist sie, die hervorglänzt wie das Morgenrot, schön wie der Mond, klar wie die Sonne,
furchtgebietend wie Heerscharen mit Kriegsbannern?“48

Ihr Dienst endete nie. Als die sonnenumkleidete Frau, die in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird, nimmt sie an zentraler Stelle teil am kosmischen Kampf gegen die Mächte des Bösen. Der Zorn des apokalyptischen Drachen gilt ihr, ihrem Sohn und deren geistigen Nachkommen, also allen Christen.

3.3.4 Der Erzengel Michael als Drachenkämpfer

Sowohl Altes als auch Neues Testament verwenden den Drachen als Symbol für Satan und beschreiben den Erzengel Michael als Kämpfer gegen diesen Drachen.

Der heilige Erzengel Michael bzw. Sankt Michael ist einer der Erzengel genannten, vom Christentum und anderen Religionen beschriebenen nichtmenschlichen Wesenheiten. Er gilt als Führer der Seraphim, die in der Hierarchie dieser Wesenheiten den höchsten Rang einnehmen. In der christlichen Tradition gilt er als Streiter Gottes, der das Volk Gottes und die christliche Ordnung beschützt. Außerdem repräsentiert er die  wehrhaften Aspekte der Kirche und die schützenden männlichen Tugenden.

In der christlichen Kunst wird der Erzengel Michael meist als Krieger dargestellt, der gegen einen Drachen kämpft. Der Drachenkampf symbolisiert dabei den Kampf gegen das Böse. Drachen gelten zudem als allgemeines Symbol für die Bedrohung des Lebens sowie für die den Menschen bedrohenden und angreifenden Kräfte des Bösen.

Als Gott die Engel auf ihre Bereitschaft zu dienen prüfte, antwortete Luzifer der Überlieferung nach, dass er nicht zu dienen bereit sei. Sankt Michael hingegen war gehorsam und stellte sich in den Dienst. Sein Name bedeutet in hebräischer Sprache: „Wer ist wie Gott?“, was sowohl ein Schlachtruf als auch eine Antwort auf die Revolte gegen Gott durch Satan und als Leitsatz des Kampfes der treu zu Gott und seiner Ordnung stehenden geistigen Kräfte zu verstehen ist.

Sankt Michael wird zudem die Antwort „serviam“ („ich werde dienen“) als Antwort auf das „non serviam“ Luzifers zugeschrieben.

Der Erzengel Michael in der Bibel

In der Bibel wird Sankt Michael vor allen in der Offenbarung des Johannes sowie im Buch Daniel erwähnt. Die wichtigste Erwähnung findet sich in der Offenbarung des Johannes:

„Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.“49

Im Buch Daniel wird er als „Engelfürst“ bezeichnet, der für das Volk Gottes kämpft und der Kirche in der Zeit der größten Bedrängnis beistehen wird:

„In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.“50

Im Buch Exodus wird ein Engel beschrieben, bei dem es sich um den Erzengel Michael handeln könnte:

„Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe. Achte auf ihn und hör auf seine Stimme! Widersetz dich ihm nicht! Er würde es nicht ertragen, wenn ihr euch auflehnt; denn in ihm ist mein Name gegenwärtig. Wenn du auf seine Stimme hörst und alles tust, was ich sage, dann werde ich der Feind deiner Feinde sein und alle in die Enge treiben, die dich bedrängen. Wenn mein Engel dir vorausgeht und dich in das Land der Amoriter, Hetiter, Perisiter, Kanaaniter, Hiwiter und Jebusiter führt und wenn ich sie verschwinden lasse, dann sollst du dich vor ihren Göttern nicht niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.“51

Im Buch Josua wird ebenfalls mutmaßlich der Erzengel Michael beschrieben:

„Als Josua bei Jericho war und Ausschau hielt, sah er plötzlich einen Mann mit einem gezückten Schwert in der Hand vor sich stehen. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin der Anführer des Heeres des Herrn.“52

Da die Kirche seit der Ankunft Jesu Christi mit dem Volk Gottes identisch ist, bezeichnete Papst Johannes Paul II. den Erzengel als „Beschützer und Helfer“ der Kirche „in allen ihren Kämpfen für die Verteidigung und Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“. Papst Benedikt XVI. bekräftigte dies 2007 und sagte über den Erzengel, dass dessen Aufgabe der Bibel nach auch darin bestehe, „Beschützer des Gottesvolkes zu sein“.

Eine weitere kurze Erwähnung des Erzengels findet sich in Judas 9, wo er Satan sagt:: „Der Herr weise dich in die Schranken.“

3.3.5 Sonstige Drachenkämpfer im Christentum

Drachentöter treten in der christlichen Überlieferung auch außerhalb der Bibel in Legenden auf. Der bekannteste legendäre Drachentöter ist der heilige Georg. Die hl. Margareta von Antiochia ist eine der seltenen Drachentöterinnen. Der hl. Martha von Bethanien wird die Zähmung des Drachen Tarasque zugeschrieben, ebenso dem hl. Marcellus von Paris.

Der heilige Georg

In der christlichen Mythologie wird auch der hl. Georg als Drachentöter beschrieben. Der historische Georg, über den wenig bekannt ist, starb vermutlich um das Jahr 303 herum als Märtyrer. Im Mittelalter gab es eine ausgeprägte Verehrung Sankt Georgs. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Legenden um ihn. In der „Legenda Aurea“ rettet er eine jungfräuliche Königstochter vor einem Drachen, den er tötet. Der Drache hatte sie als Opfer gefordert. nach der Tötung des Drachen ist das Land vom Bösen befreit und viele Menschen lassen sich taufen. Die Georgslegende spielte eine wichtige Rolle im Selbstverständnis des christlichen Rittertums.

Quellen

  1. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 257.
  2. Zit. nach Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 91.
  3. Zit. nach Brigitte Romankiewicz: Die schwarze Madonna: Hintergründe einer Symbolgestalt, Ostfildern 2004, S. 13. f.
  4. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 273 ff.
  5. 1. Kor 13,12.
  6. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 660.
  7. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 112 f.
  8. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 39.
  9. Russel Kirk: „The Dissolution of Liberalism“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. S. 23-31, hier: S. 23-24.
  10. Zit. nach Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 32 f.
  11. Leo Scheffczyk: „Entmythologisierung und Glaubenswahrheit in mythenloser Zeit“, Umkehr, Juli 1994.
  12. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 343 f.
  13. Zit. nach Franz Prosinger: „Vom Reichtum der Religionen“, Die Tagespost, 19.09.2019.
  14. Apg 17,23
  15. Ernst Jünger: Der Waldgang, Frankfurt a. M. 1951, S. 41.
  16. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 76 ff.
  17. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 273 ff.
  18. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 257.
  19. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 24.
  20. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 90 f.
  21. Mircea Eliade: Mythos und Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1988.
  22. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 122 ff.
  23. Karl Kerényi: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos, Darmstadt 1967, S. 242.
  24. Karl Kerényi: Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos, Darmstadt 1967, S. 250 f.
  25. Otto Holzapfel: Lexikon der abendländischen Mythologie, Freiburg i. Br. 1993, S. 9-12.
  26. Christian Weber: „Rotkäppchen und der böse Tiger“, Süddeutsche Zeitung, 23.01.2016.
  27. Hilmar Schmundt: „Graffiti der Steinzeit“, Der Spiegel, 12.10.2019.
  28. Julien d’Huy: „The Evolution of Myths“, Scientific American, December 2016, S. 64-69.
  29. Julien d’Huy: „Première reconstruction statistique d’un rituel paléolithique: autour du motif du dragon“, Nouvelle Mythologie Comparée, Nr. 3 (2016), S. 1-33.
  30. Paul Stoller/Cheryl Olkes: Im Schatten der Zauberer, Bern/Wien 2019.
  31. Julien d’Huy: „Première reconstruction statistique d’un rituel paléolithique: autour du motif du dragon“, Nouvelle Mythologie Comparée, Nr. 3 (2016), S. 1-33.
  32. Zit. nach Seewald 2020, S. 259-260.
  33. Gregor Maria Hanke: „Askese als Förderer der Ordnung und Gesundheit im Leben des Menschen“, in: Jürgen Henkel/Nikolaus Wyrwoll (Hrsg.): Askese versus Konsumgesellschaft, Bonn 2013, S. 64-70, hier: S. 67.
  34. Leo Scheffczyk: „Die Gnade in der Spiritualität von Josemaría Escrivá“, in C. Ortiz (Hrsg.): Josemaría Escrivá. Profile einer Gründergestalt, Köln 2002, S. 72.
  35. Eph 6, 10-13
  36. Ignatius von Loyola: Die Exzerzitien, Freiburg 1999.
  37. Psalm 91, 12-15.
  38. Offb 5,5
  39. z. B. in Psalm 24,10
  40. Mk 8,34
  41. Richard W. Kaeuper: Holy Warriors. The Religious Ideology of Chivalry, Philadelphia 2009, S. 116 ff.
  42. Offb 19, 11-16
  43. Hugo Rahner: „Das ritterliche Menschenbild und der moderne junge Christ“, in Ders.: Reden und Aufsätze, Freiburg 1966, S. 146-169, hier: S. 149 f.
  44. Hugo Rahner: „Das ritterliche Menschenbild und der moderne junge Christ“, in Ders.: Reden und Aufsätze, Freiburg 1966, S. 146-169.
  45. Hugo Rahner: „Das ritterliche Menschenbild und der moderne junge Christ“, in Ders.: Reden und Aufsätze, Freiburg 1966, S. 146-169, hier: S. 151.
  46. 1 Mose 3,15
  47. G. A. Anderson: The Genesis of Perfection. Adam and Eve in Jewish and Christian Imagination, Leiden 2001, S. 75-97.
  48. Hoheslied 6,10
  49. Offb 12,7-9
  50. Dan 12,1
  51. Exodus 23, 20 ff.
  52. Josua 5,13 ff.