Stand: 20.02.2021

Die christliche Kultur Europas brachte viele Konzepte des schützenden und bewahrenden Dienstes hervor. Dazu gehören die Konzepte des Rittertums und des Abendlandes sowie das Ideal dienender und an den Gehorsam gegenüber Gott gebundener Herrschaft, aber auch Konzepte wie der des „geheimen Deutschlands“ sowie in Mottos wie „Frauen und Kinder zuerst“ oder „Noblesse oblige“ gefasste, den Dienstgedanken betonende kulturelle Konzepte.

1. Das Rittertum

Das Rittertum ist das christliche Soldatentum. Seine Aufgabe war es, das Christentum, die Kirche und schutzbedürftige Menschen zu schützen und zu verteidigen, wie es die Zeremonie „ad benedicendum novum militem“ beschreibt. Das Tugend- und Haltungsideal des Rittertums ist dabei anders als die militärischen und politischen Formen seiner historischen Gestaltung zeitlos und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Das Rittertum war ein Versuch zur Schaffung einer weltlichen Lebensform und Ethik die christliche Ideale von Dienst, Nächstenliebe und asketischem Leben mit Herrschaftsaufgaben und dem Auftrag der Verteidigung vereinen wollte.  Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe das Christentum mit dem Rittertum einen „geistigen Urtyp“ geschaffen, der alte nordische Kriegertraditionen in spezifisch christliche Formen überführt habe. So sei etwas das Prinzip der Treue gegenüber einer Sippe oder im Rahmen eines persönlichen Gefolgschaftsverhältnisses in das Prinzip der Treue gegenüber Gott und der Christenheit überführt worden, was eine Art religiösen Patriotismus geschaffen habe.

Erzbischof Turpin sagt im Rolandslied an Roland gerichtet, dass es beim Dienst des Ritters um den Kampf zur Erhaltung des Christentums gehe. Wer dabei falle, sei ein Märtyrer. Mit solchen Vorstellungen habe das Rittertum das kämpferische Ethos des Kriegers mit den Idealen des Christentums verbunden. Die Wurzeln des Rittertums liegen zudem vermutlich im sehr alten, in indoeuropäischen Kulturen entstandenen Konzept der trifunktionalen Gliederung von Gesellschaften in Geistliche, Kämpfer und Bauern.

Kritik an der Kultur des Rittertums

Die höfische Kultur des Rittertums und des Adels war nach Angaben von Historikern nicht ohne Fehler und Schwächen:

  • In ihr habe es auch effeminierte und degenerierte Züge gegeben, etwa einen Hang zu affektiertem Zeremoniell. Umgekehrt habe es in Teilen des Rittertums auch eine ausgeprägte Bildungsdistanz gegeben. So berichtete Ulrich von Hutten etwa, dass die Ritter seiner Zeit zu der Ansicht geneigt hätten, dass man durch Studium „weichlich und schlaff“ werde.
  • Es habe zudem eine Tendenz zu sexueller Freizügigkeit gegeben. Die Ehe sei häufig nicht als Sakrament, sondern als Zweckbündnis betrachtet und oft nur aus politischen Gründen eingegangen worden.
  • Das Turnierwesen habe sich zunehmend von seinem Zweck entfernt, der darin bestanden habe den Ritter auf den Kampf vorzubereiten, und sei zum Selbstzweck verkommen, der die Tauglichkeit des Ritters oft eher gefährdete.
  • Ehrversessenheit habe Fehden und Kriege ausgelöst, die großen Schaden für das Gemeinwohl mit sich gebracht hätten. Verarmte Ritter seien zudem als Raubritter in Erscheinung getreten.

2. Das „geheime“ bzw. das „heilige Deutschland“

Das Konzept des „geheime Deutschlands“ bzw. des „heiligen Deutschlands“ findet sich bereits bei Hölderlin.1 Es beschreibt die aus christlich-abendländischem Geist heraus geschaffenen Werke und Ideale deutscher Kultur, die durch die Jahrhunderte hindurch entstanden, sich dabei aufeinander bezogen und aufeinander aufbauten und dadurch ein unsichtbares, geistiges Deutschland schufen. Es beschreibt auch seine Träger, die oft im Gegensatz zu den politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen der Zeit und Umstände standen, in der sie lebten und wirkten. Das Konzept spielte dementsprechend im militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Die letzten Worte Stauffenbergs lauteten Zeugen zufolge entweder, „Es lebe das heilige Deutschland!“, „Es lebe das geheiligte Deutschland!“, „Es lebe unser heiliges Deutschland!“ oder „Heiliges Deutschland!“2

Ernst Jünger beschrieb den Tod des im Dienst an diesen Idealen stehenden Menschen als die Bewegung „aus einer unvollkommenen in eine vollkommene Wirklichkeit, aus dem Deutschland der zeitlichen Erscheinung in das ewige Deutschland“. Der Tote werde Teil einer „Gesellschaft hoher Geister“ die „das geheime Reich bevölkern“.3

Ernst Kantorowicz definierte das Konzept so:

„Es ist die geheime Gemeinschaft der Dichter und Weisen, der Helden und Heiligen, der Opferer und Opfer, welche Deutschland hervorgebracht hat und die Deutschland sich dargebracht haben […]. Es ist […] ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als „Humana civilitas“ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke […] es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und des ewigen Deutschland.“

Das Konzept ist seinem Wesen nach europäisch bzw. abendländisch ausgerichtet und lehnt die Vorstellung, dass deutsche Identität im Gegensatz zur europäischen Identität gedacht werden könne, ab.

Im Umfeld des militärischen Widerstands zur Zeit der NS-Herrschaft war die Vorstellung verbreitet, dass eine „heilige Schar“ das eigentliche, geistige Wesen der Nation verkörpern und ein „geheimes Deutschland“ bilden müsse, das die Schaffung eines „Neuen Reiches“ vorbereiten solle. Stauffenberg habe dies 1940 in einem Brief so geäußert.4

3. Das christliche Königtum

Im Mittelalter entstand die Vorstellung, dass politische Herrschaft sich durch ihre Einfügung in die Ordnung Gottes legitimiere. Könige würden ihre Legitimität von Gott erhalten, weshalb ihre Aufgaben auch die Verteidigung des Christentums und der Schutz des Friedens seien. Ihre Erhebung war mit kirchlichen Formen wie etwa bei Salbung und Krönung verbunden. Ihre Herrscherinsignien waren von christlicher Symbolik geprägt.

Im Mittelalter trug der ideale König immer auch Züge eines Kriegers, der über die Tugend des virtus, also militärische Tapferkeit verfügen sollte. Von ihm wurde erwartet, dass der das Kriegsgeschehen nicht nur aus der Ferne überwachte, sondern persönlich in den Kampf eingriff. Ein Beispiel dafür war Otto I, der in der Schlacht auf dem Lechfeld seinem Heer vorausritt und die heilige Lanze trug. Sakralität bzw. sakrale Legitimation sowie militärische Tugend und Erfolg seien die wesentlichen Komponenten des Königsbildes zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert in Europa gewesen.5

4. Das „Bollwerk der Christenheit“ (antemurale christianitatis)

Der Begriff bezeichnet die europäischen Grenzgebiete des Christentums, die Angriffen nichtchristlicher Angreifer ausgesetzt waren. Leo X. bezeichnete mit diesem Begriff 1519 die Kroaten, die Invasionen des Osmanischen Reiches in Richtung Mitteleuropa über lange Zeiträume und unter großen Opfern. erfolgreich Widerstand leisteten. Das 16. und 17. Jahrhundert wurde wegen der fortgesetzten Angriffe der Osmanen nach einem 1703 erschienenen Gedicht Paul Ritter-Vitezovićs als Plorantis Croatiae saecula duo („die zwei traurigen Jahrhunderte Kroatiens“) bekannt. Pius II. hatte den Begriff zuvor zur Bezeichnung Albaniens verwendet, das unter Skanderbeg den Osmanen Widerstand leistete.

5. Die Ökumene des Blutes

Das Konzept wurde 2016 in einer gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill beschrieben. Demnach würden die Feinde des Christentums ihren Vernichtungswillen gegen das Christentum als solches richten und nicht zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen unterscheiden. Im Angesicht feindlicher Angriffe seien konfessionelle Streitigkeiten daher unangemessen. Papst Franziskus: „Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dazu, uns im Leben zu trennen?

Quellen

  1. Christian Graf von Krockow: Eine Frage der Ehre. Stauffenberg und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 32.
  2. Christian Graf von Krockow: Eine Frage der Ehre. Stauffenberg und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 146.
  3. Ernst Jünger: „Die totale Mobilmachung“, in: Ders.: Politische Publizistik 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 558-584, hier: S. 580.
  4. Karlheinz Weissmann: „Nichts Ernstes mehr im Leben?“, Cato, Nr. 4/2019, S. 58-62, hier: S. 60.
  5. Andrea Stieldorf: „Das Bild vom König als Krieger im hochmittelalterlichen Reich“, in: Martin Clauss/Andrea Stieldorf/Tobias Weller (Hrsg): Der König als Krieger. Zum Verhältnis von Königtum und Krieg im Mittelalter, Bamberg 2015, S. 23-65.