Stand: 24.11.2020

Die christliche Kultur Europas brachte viele Konzepte des schützenden und bewahrenden Dienstes hervor. Dazu gehören die Konzepte des Rittertums und des Abendlandes sowie das Ideal dienender und an den Gehorsam gegenüber Gott gebundener Herrschaft, aber auch Konzepte wie der des „geheimen Deutschlands“ sowie in Mottos wie „Frauen und Kinder zuerst“ oder „Noblesse oblige“ gefasste, den Dienstgedanken betonende kulturelle Konzepte.

1. Das Rittertum

Das Rittertum ist das christliche Soldatentum. Seine Aufgabe war es, das Christentum, die Kirche und schutzbedürftige Menschen zu schützen und zu verteidigen, wie es die Zeremonie „ad benedicendum novum militem“ beschreibt. Das Tugend- und Haltungsideal des Rittertums ist dabei anders als die militärischen und politischen Formen seiner historischen Gestaltung zeitlos und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Das Rittertum war ein Versuch zur Schaffung einer weltlichen Lebensform und Ethik die christliche Ideale von Dienst, Nächstenliebe und asketischem Leben mit Herrschaftsaufgaben und dem Auftrag der Verteidigung vereinen wollte.  Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe das Christentum mit dem Rittertum einen „geistigen Urtyp“ geschaffen, der alte nordische Kriegertraditionen in spezifisch christliche Formen überführt habe. So sei etwas das Prinzip der Treue gegenüber einer Sippe oder im Rahmen eines persönlichen Gefolgschaftsverhältnisses in das Prinzip der Treue gegenüber Gott und der Christenheit überführt worden, was eine Art religiösen Patriotismus geschaffen habe.

Erzbischof Turpin sagt im Rolandslied an Roland gerichtet, dass es beim Dienst des Ritters um den Kampf zur Erhaltung des Christentums gehe. Wer dabei falle, sei ein Märtyrer. Mit solchen Vorstellungen habe das Rittertum das kämpferische Ethos des Kriegers mit den Idealen des Christentums verbunden. Die Wurzeln des Rittertums liegen zudem vermutlich im sehr alten, in indoeuropäischen Kulturen entstandenen Konzept der trifunktionalen Gliederung von Gesellschaften in Geistliche, Kämpfer und Bauern.

Kritik an der Kultur des Rittertums

Die höfische Kultur des Rittertums und des Adels war nach Angaben von Historikern nicht ohne Fehler und Schwächen:

  • In ihr habe es auch effeminierte und degenerierte Züge gegeben, etwa einen Hang zu affektiertem Zeremoniell. Umgekehrt habe es in Teilen des Rittertums auch eine ausgeprägte Bildungsdistanz gegeben. So berichtete Ulrich von Hutten etwa, dass die Ritter seiner Zeit zu der Ansicht geneigt hätten, dass man durch Studium „weichlich und schlaff“ werde.
  • Es habe zudem eine Tendenz zu sexueller Freizügigkeit gegeben. Die Ehe sei häufig nicht als Sakrament, sondern als Zweckbündnis betrachtet und oft nur aus politischen Gründen eingegangen worden.
  • Das Turnierwesen habe sich zunehmend von seinem Zweck entfernt, der darin bestanden habe den Ritter auf den Kampf vorzubereiten, und sei zum Selbstzweck verkommen, der die Tauglichkeit des Ritters oft eher gefährdete.
  • Ehrversessenheit habe Fehden und Kriege ausgelöst, die großen Schaden für das Gemeinwohl mit sich gebracht hätten. Verarmte Ritter seien zudem als Raubritter in Erscheinung getreten.

2. Das Abendland

Das Abendland ist der kulturell durch das Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch germanische und keltische Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft.

Der Begriff „Abendland“ entstand im Anschluss an Martin Luthers Übersetzung des Wortes oriens mit „Morgenland“ im 16. Jahrhundert. Die heutige Bedeutung des Begriffes entstand im frühen 19. Jahrhundert. Der Historiker Leopold von Ranke gehörte zu den ersten Denkern, die den Begriff im heutigen Sinne verwendeten.1

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb, dass die Antwort auf die Frage, was das Abendland sei, „stets wieder geleistet werden“ müsse, damit unsere Kultur sich selbst verstehe. Die Antwort auf diese Frage sei zudem wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft aus den eigenen Wurzeln heraus.2

Dem katholischen Theologen Karl Rahner zufolge sei das Abendland der „geschichtlich-kulturelle Raum des Christentums, den Gott auf es hin als seine Vorbedingung […] geschaffen hat oder den es selbst als seine geschichtliche Leibhaftigkeit sich gebildet hat“ sowie die „Einwurzelung des Christentums in der öffentlichen Geschichte“.3

2.1 Die Ursprünge des Konzepts des Abendlandes

Die ältesten Wurzeln des Abendlandes liegen vermutlich in indoeuropäischen Einflüssen, die im fünften vorchristlichen Jahrtausend entstanden und über die Kulturen des antiken Roms und Griechenlands und später über keltische und germanische Kultur in die abendländische Tradition eingingen. Ebenfalls sehr weit zurück gehen die Einflüsse des Judentums sowie die noch älteren ägyptischen und babylonischen Einflüsse, die es aufnahm.

Das Abendland entstand in einem mehrere Jahrhunderte umspannenden Prozess, der damit begann, das  germanische Stämme in das weströmische Reich einbrachen und die christlich-römische Kultur annahmen bzw. ihre Kultur mit dieser zu einer neuen Synthese verbanden.4

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Die von diesen Mönchen ausgehende Mission schaffte bis zum Jahr 1000 eine Glaubensgemeinschaft der romanischen, germanischen und einiger slawischen Völker sowie der Ungarn.5 Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Von Europäern wurde im nachantiken Kontext erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten.

Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben. Die Definition des Eigenen durch Abgrenzung vom Fremden findet sich bereits im antiken Griechenland, wo um das Jahr 500 v. Chr. erstmals der Begriff „Europa“ zur Bezeichnung des griechischen Kulturraums westlich der Ägäis in Abgrenzung vom persischen Kulturraum im Osten verwendet wurde.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken. Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein. Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

2.2 Das Wesen des Abendlandes

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy erklärte, dass Europa „kein Ort, sondern eine Idee“ sei. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was das Wesen Europas ausmacht. Der abendländische Gedanke betont die christlichen Wurzeln, das christliche Wesen und die christliche Bestimmung Europas und unterscheidet sich dabei von materialistischen Europakonzepten, die in Europa vor allem eine Freihandelszone oder einen durch die gemeinsame Abstammung seiner Bewohner bestimmten Raum sehen.

Der Historiker Christopher Dawson beschreibt die Geschichte des Abendlandes als „die Geschichte einer Reihe von Renaissancen von religiösen und geistigen Erneuerungsbewegungen“. Josef Pieper zufolge bestehe das Wesen des Abendlandes in „theologisch gegründeter Weltlichkeit“.

Der katholische Philosoph Alois Dempf schrieb, dass das Abendland ein „großes Symbol der Heilsgeschichte“ darstelle, da in ihm „trotz allen Versagens und aller Schuld die Auswirkung des Christentums in der ganzen Breite der führenden Weltgeschichte“ nachvollzogen werden könne.6

Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über das Wesen des Abendlandes:

„Unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen wurzelt in der geistigen Substanz des Abendlandes, also in dem geistigen Wesen, das in der Antike begonnen hat, […] das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche seine große Wendung erfahren und schließlich beim Ausgang des Mittelalters  in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und umgestaltet hat.“7

Der Dichter Novalis schrieb über das Abendland:

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Euro­pa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“

2.3 Das Abendland und die Gegenwart

Seit dem Verlust der religiösen Einheit West- und Mitteleuropas und im Zuge der Moderne ist das Abendland von einer geopolitischen Tatsache zu einem geistigen Ideal geworden.

Der der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer schrieb 1965 in seinem Buch Erinnerungen 1945-1953“, dass vor dem Hintergrund der Verbrechen der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts eine Politik, die sich auf die „christlich-abendländische Weltanschauung“ stütze, dringender erforderlich sei als jemals zuvor. Aus dem „Wesen des abendländischen Christentums“ gehe der Grundsatz hervor, „daß die Würde der menschlichen Person über allem, auch über der staatliche Macht, stehen muß“.

Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1960:

„Adenauer ist es, der in jedem Lande die Männer beschwört, ihre nationalen Ansprüche in den zweiten Rang zu schieben. Nur die Ansprüche, die mit dem allgemeinen Interesse koinzidieren, sind zu halten. Das nationale Interesse als Wille zum Überleben ist identisch mit dem Interesse des solidarischen Abendlandes.“

Die europaweiten Reaktionen auf den Brand in der Kathedrale Notre-Dame in Paris 2019 zeigten, dass der abendländische Gedanke weiterhin lebendig ist und es in den Völkern Europas weiterhin ein starkes Bewusstsein für die geteilte abendländische Identität gibt.

3. Das „geheime“ bzw. das „heilige Deutschland“

Das Konzept des „geheime Deutschlands“ bzw. des „heiligen Deutschlands“ beschreibt die aus christlich-abendländischem Geist heraus geschaffenen Werke und Ideale deutscher Kultur, die durch die Jahrhunderte hindurch entstanden, sich dabei aufeinander bezogen und aufeinander aufbauten und dadurch ein unsichtbares, geistiges Deutschland schufen. Es beschreibt auch seine Träger, die oft im Gegensatz zu den politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen der Zeit und Umstände standen, in der sie lebten und wirkten. Das Konzept spielte dementsprechend im militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Die letzten Worte Stauffenbergs lauteten Zeugen zufolge entweder, „Es lebe das heilige Deutschland!“, „Es lebe das geheiligte Deutschland!“, „Es lebe unser heiliges Deutschland!“ oder „Heiliges Deutschland!“8

Ernst Jünger beschrieb den Tod des im Dienst an diesen Idealen stehenden Menschen als die Bewegung „aus einer unvollkommenen in eine vollkommene Wirklichkeit, aus dem Deutschland der zeitlichen Erscheinung in das ewige Deutschland“. Der Tote werde Teil einer „Gesellschaft hoher Geister“ die „das geheime Reich bevölkern“.9

Ernst Kantorowicz definierte das Konzept so:

„Es ist die geheime Gemeinschaft der Dichter und Weisen, der Helden und Heiligen, der Opferer und Opfer, welche Deutschland hervorgebracht hat und die Deutschland sich dargebracht haben […]. Es ist […] ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als „Humana civilitas“ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke […] es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und des ewigen Deutschland.“

Das Konzept ist seinem Wesen nach europäisch bzw. abendländisch ausgerichtet und lehnt die Vorstellung, dass deutsche Identität im Gegensatz zur europäischen Identität gedacht werden könne, ab.

Im Umfeld des militärischen Widerstands zur Zeit der NS-Herrschaft war die Vorstellung verbreitet, dass eine „heilige Schar“ das eigentliche, geistige Wesen der Nation verkörpern und ein „geheimes Deutschland“ bilden müsse, das die Schaffung eines „Neuen Reiches“ vorbereiten solle. Stauffenberg habe dies 1940 in einem Brief so geäußert.10

Der Begriff des „geheimen Deutschlands“ findet sich bereits bei Hölderlin.11

4. Das christliche Königtum

Im Mittelalter entstand die Vorstellung, dass politische Herrschaft sich durch ihre Einfügung in die Ordnung Gottes legitimiere. Könige würden ihre Legitimität von Gott erhalten, weshalb ihre Aufgaben auch die Verteidigung des Christentums und der Schutz des Friedens seien. Ihre Erhebung war mit kirchlichen Formen wie etwa bei Salbung und Krönung verbunden. Ihre Herrscherinsignien waren von christlicher Symbolik geprägt.

5. Das „Bollwerk der Christenheit“ (antemurale christianitatis)

Der Begriff bezeichnet die europäischen Grenzgebiete des Christentums, die Angriffen nichtchristlicher Angreifer ausgesetzt waren. Leo X. bezeichnete mit diesem Begriff 1519 die Kroaten, die Invasionen des Osmanischen Reiches in Richtung Mitteleuropa über lange Zeiträume und unter großen Opfern. erfolgreich Widerstand leisteten. Das 16. und 17. Jahrhundert wurde wegen der fortgesetzten Angriffe der Osmanen nach einem 1703 erschienenen Gedicht Paul Ritter-Vitezovićs als Plorantis Croatiae saecula duo („die zwei traurigen Jahrhunderte Kroatiens“) bekannt. Pius II. hatte den Begriff zuvor zur Bezeichnung Albaniens verwendet, das unter Skanderbeg den Osmanen Widerstand leistete.

6. Die Ökumene des Blutes

Das Konzept wurde 2016 in einer gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill beschrieben. Demnach würden die Feinde des Christentums ihren Vernichtungswillen gegen das Christentum als solches richten und nicht zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen unterscheiden. Im Angesicht feindlicher Angriffe seien konfessionelle Streitigkeiten daher unangemessen. Papst Franziskus: „Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dazu, uns im Leben zu trennen?

Quellen

  1. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  2. Josef Pieper: „Was heißt ‚Christliches Abendland‘?“, in: Ders.: Tradition als Herausforderung. Aufsätze und Reden, München 1963.
  3. Zit. nach Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 5.
  4. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  5. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  6. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 7.
  7. Werner Heisenberg: Das Naturbild der heutigen Physik, Hamburg 1955, S. 36
  8. Christian Graf von Krockow: Eine Frage der Ehre. Stauffenberg und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 146.
  9. Ernst Jünger: „Die totale Mobilmachung“, in: Ders.: Politische Publizistik 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 558-584, hier: S. 580.
  10. Karlheinz Weissmann: „Nichts Ernstes mehr im Leben?“, Cato, Nr. 4/2019, S. 58-62, hier: S. 60.
  11. Christian Graf von Krockow: Eine Frage der Ehre. Stauffenberg und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, Reinbek bei Hamburg 2004, S. 32.