Stand: 07.12.2021

Die Geschichte der Ursprünge, des Aufbaus und der Verteidigung des christlichen Europas bzw. des Abendlandes wird hier aus der Perspektive des schützenden und bewahrenden Dienstes in Schlaglichtern dargestellt. Diese Geschichte ist die Geschichte des in West- und Nordeuropa inkulturierten Christentums, das in Abgrenzung zu dem in Ost- und Südosteuropa oder im südlichen und östlichen Mittelmeerraum inkulturierten Christentum, aber auch in Abgrenzung zum islamischen Kulturraum, seine eigene kulturelle Identität entwickelt hat.

Die Autoren beanspruchen dabei nicht, ein geschichtswissenschaftliches Werk vorzulegen. Es geht darum jenen, die in der Gegenwart Träger und Verteidiger der abendländischen Tradition sind, den erforderlichen Überblick über das historische Erbe zu verschaffen, auf dessen Grundlage sie stehen und das sie weitergeben wollen. In diesem Zusammenhang soll vor allem herausgestellt werden, was in diesem Erbe an zeitlos Wertvollem vorhanden ist.

1. Einführung

1.1 Geschichte als identitätsstiftende Erzählung 

Geschichte ist aus christlicher Sicht auch die identitätsstiftende Erzählung der Entwicklung einer Kultur hin zum Heiligen. Geschichte beschreibt, wo die eigene Kultur herkommt, was sie ausmacht sowie wer ihre Helden und wer ihre Feinde sind.

Der christliche Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass Identität durch “heilige Geschichten” gestiftet und weitergegeben werde. Die Identitäten von Völkern würden durch die Gemeinsamkeit der Erinnerung und gemeinsame große Erzählungen begründet. In der Bibel spiele dieser Gedanke eine wichtige Rolle. Gott habe in der Geschichte seines Volkes sowohl schützend als auch erziehend bzw. strafend eingegriffen. Christen würden in dieser Tradition stehen und seien dazu verpflichtet, sie weiterzugeben.1

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann sprach in diesem Zusammenhang von einem “kulturellen Gedächtnis”, das einer Gesellschaft “Zeitresistenz” verleihe und “über die Generationenfolge hinweg eine Identität” schaffe.2 Dem protestantischen Theologen Adolf von Harnack zufolge sei Geschichte „der begeisternde Antrieb, sich in die Reihe der Helden zu stellen und in ihrer Nachfolge und mit ihnen zu wirken.“3

Der Philosoph José Ortega y Gasset lehnte es ab, im Zusammenhang mit Geschichtsschreibung nur auf die „tote Geschichtszahl“ zu blicken. Eine solche Geschichtsschreibung sei nur eine „Zurschaustellung von Mumien“. Geschichtliche Wirklichkeit erschließe sich nur durch den „Zusammenhang mit dem Gesamtbild einer bestimmten Form des menschlichen Lebens“. Geschichte habe immer einen bestimmten Kontext. Ihre Beschreibung müsse „ein begeisterter Versuch der Auferstehung“ sein und das geschichtliche Geschehen zeigen, „wie es aus dem ewigen Born aufsteigt, aus dem alles Menschliche, also das Leben des Menschen, hervorquillt, und in dem es seine Wirklichkeit hat“. Geschichte zu schreiben bedeute, „jedes Geschehnis über seine Vergangenheit bis zu seiner Lebensquelle zurückzuführen“, um seiner Geburt beizuwohnen“.4

Laut dem Historiker John Roberts “weben […] Völker und Kulturen an Mythen über das, was sie waren und sind, können und tun sollten”. Viele dieser Mythen hätten mit der Geschichte zu tun. Es läge im Wesen der Kultur, dass sie versuche, “in ihrer Vergangenheit Sinn zu finden”. Mythen seien “unerläßlich, wenn man der Geschichte zu Leibe rückt; ohne sie wäre die ganze Angelegenheit unerträglich”. Gleichzeitig seien solche Mythen zwangsläufig mit Vereinfachungen, Zuspitzungen und Verfälschungen des tatsächlichen Geschehens verbunden. Der Blick auf die Geschichte sei nur “durch die verzerrende Optik unserer eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte” möglich.5

Der protestantische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte in diesem Zusammenhang einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. Europa brauche ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“6

1.2 Die tiefe Geschichte des Abendlandes

Die Geschichte des christlichen Europas bzw. des Abendlandes wird hier bis in ihre tiefsten noch erschließbaren vorchristlichen Wurzeln hinein betrachtet. Grundlage dafür ist der abendländische Gedanke, der die durch das Christentum aufgenommenen Bestände vorchristlicher Kulturen ausdrücklich würdigt und anerkennt. Die katholische Dichterin Gertrud von le Fort hat dies in ihren Hymnen an die Kirche so ausgedrückt:

“Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme, ich habe noch Tau in meinen Haaren aus Tälern der Menschenfrühe,

Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht, ich weiß noch, wie man
die Gewitter fromm macht und das Wasser segnet. […]

Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, und aus meiner Seele  leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden!”7

Thomas Browne schrieb über die tiefe Identität menschlicher Kulturen: „there is all Africa and her prodigies in us“.8

Neuste Forschung hat bestätigt, dass die Wurzeln der abendländischen Kulturen tief in die Geschichte zurückreichen. Einige Motive griechischer Mythen finden sich demnach schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.9 Der Mythos mit den ältesten nachweisbaren Wurzeln ist der des Drachenkampfes. Dieser für das Christentum besonders wichtige Mythos ist ebenfalls in altsteinzeitlicher Kunst nachweisbar und mutmaßlich einige zehntausend Jahre alt.10

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff “Europa” häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.11

Das Abendland entstand in einem mehrere Jahrhunderte umspannenden Prozess, der damit begann, das  germanische Stämme in das weströmische Reich einbrachen und die christlich-römische Kultur annahmen bzw. ihre Kultur mit dieser zu einer neuen Synthese verbanden.12

Von Europäern wurde im nachantiken Kontext erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten. Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Die von diesen Mönchen ausgehende Mission schaffte bis zum Jahr 1000 eine Glaubensgemeinschaft der romanischen, germanischen und einiger slawischen Völker sowie der Ungarn.13 Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken. Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein. Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

1.3 Die Geschichte des Abendlandes als Geschichte von Kämpfen

Laut Robert Spaemann sei die „heilige Geschichte“ des Christentums oft eine “blutige Geschichte sei“ bzw. eine „Geschichte der Märtyrer“ von denen man lernen könne, was die Nachfolge Christi bedeute. Dazu gehöre auch die Geschichte der Verteidigung des christlichen Europa:

“In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].”14

Der Großteil der Nationen Europas beruft sich in der jeweiligen kollektiven Erinnerung an Gründungsereignisse, in denen muslimische Gegner eine Rolle spielen. Beispiele dafür sind die spanische Reconquista und der griechische Unabhängigkeitskampf. In den entsprechenden Erzählungen wird dieser Kampf stets als Teil eines Konflikts von existenzieller Dimension dargestellt. Der Islam erscheint in diesen Erzählungen als der gefährlichste und dauerhafteste Feind Europas sowie als seine kulturelle Antithese. Es wird impliziert, dass gegen diesen Feind ein ständiger Abwehrkampf erforderlich sie, um das Überleben Europas und seiner Nationen sowie seiner kulturellen Seele zu sichern.15

Auch Otto von Habsburg hob die diesen kämpferischen Aspekt der europäischen Identität hervor:

“Bestimmend für die europäische Zivilisation waren auch die großen und damit die volle Entfaltung Europas ermöglichenden Abwehrkämpfe von außen, wie die Reconquista in Spanien oder die Türkenkriege im Donauraum. Sie haben dazu beigetragen, das europäische Bewußtsein zu formen, erfolgten sie doch im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond. In der Reconquista entstand die imperiale Orientierung Spaniens, die seit Karl V. vor allem das Haus Österreich stark beeinflußte. In den Türkenkriegen vor mehr als dreihundert Jahren wiederum fanden sich die Europäer in ganz besonderer Weise zusammen. Das vom Islam bedrohte Wien verteidigten die großen Völkerfamilien unseres Erdteiles, Germanen, Slawen und Romanen gemeinsam […].”16

Der Historiker Hilaire Belloc schrieb 1938, dass das Studium der Geschichte der Kämpfe, die das Christentum seit seinem Erscheinen bestehen musste, inspirierend und stärkend auf Menschen wirken könne, die dessen Erbe in der Gegenwart verteidigen. Es sei eine historische „Tatsache, dass die Kirche durch die Jahrhunderte hinweg in den Momenten größter Not immer mit ihrer eigenen Wiederauferstehung reagiert hat“. Der Abwehrkampf gegen islamische Invasionen etwa „war eine knappe Angelegenheit; er hätte uns fast überwältigt“, aber das Christentum habe gegen sie ebenso die notwendigen Abwehrkräfte mobilisieren können wie gegen viele andere Feinde. Auch innere Krisen habe das Christentum immer wieder überwinden können. Dies zeige, dass die Kirche „besondere Selbstheilungskräfte“ besitze, „die nur ihr eigentümlich sind“.17

2. Ur- und Frühgeschichte

Die Betrachtung der Geschichte des Abendlandes schließt auch dessen antike Wurzeln mit ein. Die Wurzeln des antiken Europas reichen jedoch bis in die Ur- und Frühgeschichte zurück, die sich erst in jüngster Zeit erschließbar geworden ist. In den vergangenen zehn Jahren haben die Populationsgenetik und die Archäologie viele Fragen in diesem Zusammenhang vorläufig beantworten können, die früher weitgehend Gegenstand von Spekulation waren. Zu diesen Fragen gehört auch die Frage nach der Herkunft der Völker Europas, aus denen später das christliche Europa entstand. Sie ist noch nicht vollständig verstanden, wird aber mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis zunehmend transparent.

Auch die kulturellen Wurzeln der abendländischen Kulturen reichen bis in die Ur- und Frühgeschichte zurück. Einige Motive griechischer Mythen finden sich demnach schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.

2.1 Das Auftauchen des Menschen (ca. 100.000-150.000 v. Chr.)

Die Ursprünge des Lebens und die biologischen Vorfahren des Menschen

Die Ursprünge des Lebens liegen größtenteils im Dunkeln. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der sich als Atheist versteht, griff zu einem biblischen Bild, um den Weg des Lebens durch die Zeiten zu beschreiben. Er verglich das Leben mit einem Strom, der im Garten Eden entsprungen sei. Das Leben sei ein “Strom der Informationen”, der “durch die Zeit” fließe.18

Der Mensch sei nicht das Produkt eines Zufalls, sondern das Werk seiner Vorfahren, die ihn in seiner Einzigartigkeit formten. Dawkins verwies darauf, dass der Mensch über eine lange Ahnenreihe an Lebewesen verfüge, die sich über hunderte von Millionen Jahren in jeder Generation habe bewähren müssen. Diese “Elite der Vorfahren” werde zurecht in allen Völkern verehrt, die ihren Ahnen gegenüber Verehrung empfänden. Der Mensch könne stolz darauf sein, dass zu seinen Vorfahren keine gescheiterten Wesen gehören würden. Vom Beginn des Lebens habe sich jeder seiner Vorfahren gegen die Herausforderungen, denen er gegenüberstand, hinreichend erfolgreich durchgesetzt, egal ob es Feinde, Krankheiten oder die Gefahren der Natur waren. Diejenigen, die dabei scheiterten, seien nicht unter den Vorfahren des Menschen.19

Das Auftauchen des Menschen

In diesem Prozess des Lebens gibt mindestens einen wesentlichen Schritt, der nicht evolutionär erklärbar ist. Als einziges aller bekannten Lebewesen verfügt der Mensch über die Fähigkeit, über sich selbst hinauszublicken und transzendente Aspekte der Wirklichkeit wahrzunehmen. Er verfügt außerdem über freien Willen und Verstand, die keine Vorläufer in der natürlichen Evolution haben, sondern ab einem unbekannten Punkt in der Geschichte des Menschen auftauchten. In diesem Sinne gab es einen ersten Menschen, der sich von allen Lebewesen, der sich von allen seiner Vorfahren radikal unterschied.

Der Homo sapiens bildete sich vor rund 200.000 Jahren heraus. Die als “mitochondriale Eva” benannte älteste gemeinsame Vorfahrin aller heute lebenden Menschen, die mit den Mitteln der Archäogenetik bestimmt werden konnte, lebte mutmaßlich vor rund 100.000-150.000 Jahren in Ostafrika. Die älteste bekannte Begräbnisstätte des Menschen befindet sich in der Skhul-Höhle im Karmel-Gebirge im heutigen Israel. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass hier vor rund 100.000-130.000 Jahren religiöse Begräbnisse stattfanden, deren Urheber den Funden nach wahrscheinlich von der Existenz einer unsterblichen Seele und einem Leben nach dem Tod ausgingen. Ähnliche Funde gab es in der Qafzeh-Höhle bei Nazareth, die auf einen Zeitraum vor rund 100.000-90.000 Jahren datiert wurden.20 Aus christlicher Sicht sind hier die wichtigsten Eigenschaften des Menschen erstmals archäologisch nachweisbar, weshalb das Auftauchen des Menschen vorläufig auf diesen Zeitraum datiert werden kann.

Die Fähigkeit des Menschen, Träger einer Seele mit den erwähnten Eigenschaften zu sein, hat jedoch offensichtlich auch eine biologische Grundlage. Evolutionäre Prozesse, in deren Verlauf sich das Leben fortschreitend an die Erfordernisse seiner Umwelt anpasste, haben dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaften zufolge diese Grundlage geschaffen. Über das Phänomen der menschlichen Seele kann die Naturwissenschaft jedoch keine sinnvollen Aussagen treffen, da die Seele zwar über ein biologisches Substrat verfügt, jedoch kein Produkt materieller Prozesse ist. Die Existenz eines freien Willens etwa ist dem derzeitigen Erkenntnisstand der Naturwissenschaften zufolge unmöglich, da deren Annahmen nach alle Phänomene in der Natur auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung beruhen und determiniert sind.

2.2 Die Kulturen der europäischen Altsteinzeit (ca. 50.000-14.000 v. Chr.)

Die Besiedlung Europas durch den modernen Menschen erfolgte vermutlich durch die Nachfahren einer kleinen Gruppe von Menschen, die vor rund 60.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließ. Diese drangen vom Nahen Osten aus vor ca. 40.000 Jahren auf einem von Neandertalern bewohnten, von eiszeitlichen Bedingungen geprägten europäischen Kontinent vor. Die Gruppe derer, die nach Europa vorstießen, umfasste vermutlich nur wenige hundert Menschen. Sie lebten als Jäger und Sammler in kleinen Familienverbänden, die über viele zehntausende Jahre hinweg immer wieder versuchten, nach Europa vorzustoßen und dabei meist scheiterten. Darauf weisen Skelettfunde von Menschen hin, die keine in der Gegenwart lebenden Nachkommen haben.

Die Neanderthaler dieser Zeit waren mutmaßlich Kannibalen und verfügten nicht über eine höhere Kultur. Laut dem Archäogenetiker Johannes Krause habe der Neanderthaler die Angehörigen der eigenen Art wie Tiere geschlachtet, um sich von ihnen zu ernähren, während der moderne Mensch seine Angehörigen bestattet habe.21

Der Anpassungsdruck, der von den klimatischen Bedingungen der damaligen Zeit ausging, trugen wesentlich dazu bei, den europäischen Menschentyp hervorzubringen.  Vor rund 45.000 Jahren bildete sich in Europa der Cro-Magnon-Mensch heraus, der vom Mensch der Gegenwart anatomisch kaum zu unterscheiden ist. Mit seinem Auftauchen war eine Phase kultureller Kreativität und Produktivität verbunden, die Werke hervorbrachte, die bis dahin in der Geschichte der Menschheit unbekannt waren. Er schuf die nach einem Fundort später als “Auragnacien” benannte Kultur.

  • 2020 wurde der bislang älteste Fund von Überresten von Menschen der Gattung Homo sapiens in Europa in der Bacho Kiro-Höhle in Bulgarien gemeldet. Sie sind mindestens 45.000, möglicherweise aber bis zu 47.000 Jahre alt.22 Diese Menschen stellten Kunstgegenstände hin und praktizierten wahrscheinlich eine Religion. Ein Frauenschädel eines modernen Menschen, der im nahegelegenen Zlatý kůň in Tschechien gefunden wurde, wurde auf ein Alter von rund 47.000 Jahren datiert. Wie Untersuchungen zeigen, war die Frau eng mit dem Stamm von Menschen verwandt, der sich vor ca. 80.000-70.000 in Afrika von anderen Menschen trennte und Richtung Norden wanderte.23
  • Der älteste bekannte direkte Vorfahre der heutigen Europäer starb vor ca. 39000 Jahren in westrussischem Kostenki.24
  • Vor ca. 39.000 Jahren brach ein Supervulkan im Raum der Phlegräischen Felder in Süditalien aus. Vor allem in Osteuropa und auf dem Balkan führte dieses Ereignis zur Kontamination des Trinkwassers und starken Ascheablagerungen. Außerdem ging wahrscheinlich die globale Temperatur für einige Zeit zurück. Zumindest die Gruppe von Menschen im Raum Zlatý kůň überlebte dies wahrscheinlich nicht, wie Erbgut-Untersuchungen zeigen, denen zufolge die Menschen dieser Gruppe ihr Erbgut nicht an die heutigen Europäer weitergab. Ob die Menschen im Raum der Schwäbischen Alb diese Katastrophe vor Ort überlebten oder später dorthin wanderten, ist unklar, aber vermutlich waren Mittel- und Westeuropa weniger stark von den Folgen betroffen.
  • Die ältesten sicher belegten Musikinstrumente wurden in den Höhlen Geißenklösterle und Hohlefels auf der Schwäbischen Alb gefunden und sind rund 43.000 bzw. 37.000 Jahre alt.
  • In weiten Teilen Europas wurden Frauenfiguren gefunden, die erstmals vor rund 40.000 Jahren nachzuweisen sind und mit Schwerpunkt zwischen 28.000 und 12.000 Jahren alt sind. Die ältesten bekannten figürlichen Darstellungen eines Menschen entstanden vor ca. 35.000-40.000 Jahren in den Räumen Schwäbische Alb (Venus vom Hohlefels) und Niederösterreich (Venus vom Galgenberg). Sie stellen vermutlich Urmütter dar. Zu den ebenfalls in diesem Zeitraum entstandenen ältesten Abbildungen eines Menschen gehört auch der “Adorant vom Geißenklösterle”, dessen Körperhaltung an die eines betenden Menschen erinnert. Die “Venus von Brassempouy” zeigt die älteste bekannte Darstellung eines menschlichen Gesichts.
  • Immer aufwändigere Bestattungen deuten darauf hin, dass die Menschen der Jungsteinzeit von der Unsterblichkeit der Seele ausgingen und sich fortschreitend intensiv mit dem Tod und dem Leben nach dem Tod auseinandersetzten.
  • Vor rund 30.000 Jahren begannen Menschen auf dem Gebiet des heutigen Tschechien größere Mengen zu zählen, worauf Einkerbungen auf Knochen hindeuten. Eine vor ca. 19.500 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs entstandene Speerschleuder stellt die erste bekannte Maschine in der Geschichte der Menschheit dar.

Europa bildete während der Zeit des Auragnacien vor ca. 45.000-30.000 Jahren erstmals einen zusammenhängenden Kulturraum zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Die damals in Europa lebenden Menschen gehören zu den Vorfahren der heutigen Europäer.25 Sie lebten in Gruppen mit durchschnittlich ca. 40-150 Mitgliedern als Jäger und Sammler von einigen Siedlungsräumen ausgehend die den jahreszeitlichen Tierwanderungen folgten. Die Existenz solcher Siedlungsräume ist in Nordspanien, Südwestfrankreich, Belgien, Teilen Tschechiens sowie im Bereich der Schwäbischen Alb nachgewiesen. Archäologische Spuren von gewaltsamen Konflikten zwischen diesen Gruppen wurden bislang nicht gefunden.

Die Zahl der in Europa gleichzeitig lebenden Menschen während des Auragnacien wird auf maximal einige tausend geschätzt. Während eines Kältemaximums, das vor rund 30.000 Jahren begann, ging die Zahl der Menschen in Europa auf vielleicht nur einige hundert Menschen zurück. Die Menschen Europas zogen sich vermutlich nach Nordspanien, Italien, den Balkan und die Nordküste des Schwarzen Meeres und möglicherweise Anatolien zurück, von wo aus Nordeuropa später neu besiedelt wurde. Selbst in wärmeren Phasen lebten damals vermutlich nur wenige tausend Menschen gleichzeitig in Europa.

Vor rund 25.000 Jahren bildeten sich im Raum des kaspischen Meeres Gruppen von Menschen heraus, deren Vertreter in einer Jahrtausende umspannenden Wanderung über den Nahen Osten und Routen südlich und nördlich des Schwarzen Meeres nach Europa vordrangen, wo vor 16.000-13.000  Jahren der Rückzug der eiszeitlichen Gletscher neue Lebensräume freigab. Vor rund 11.000 Jahren begannen Menschen in die Teile Deutschlands nördlich der Donau vorzudringen, die mit dem Ende der Eiszeit bewohnbar wurden.

Sie besiedelten auch den Raum zwischen Dänemark und Großbritannien, in dem sich heute die Nordsee erstreckt, und der vor 8.000 Jahren vom steigenden Ozean überflutet wurde. Archäologische Funde belegen die Präsenz von Jägern und Sammlern in diesem untergegangenen Land, das später als “Doggerland” bezeichnet wurde.

Die schamanische Religion des frühen Europas und die frankokalabrische Höhlenkunst

Vermutlich herrschte zu dieser Zeit eine schamanische Religion vor. In Bad Dürrenberg in Sachsen Anhalt wurde das Grab einer mutmaßlichen Schamanin entdeckt, die um 7.000-6.000 v. Chr. besonders aufwändig bestattet worden war. Auf schamanische Religion weist auch eine  vor ca. 35.000-40.000 Jahren im Raum Schwäbische Alb entstandene Figur hin, welche eine menschliche Figur mit Löwenkopf darstellt.

Auch die frankokalabrische Höhlenkunst, die im Zeitraum vor ca. 40.000-12.000 Jahren nördlich und südlich der Pyrenäen entstand, war von schamanischen Einflüssen geprägt. Diese Höhlenkunst weist kaum Entwicklungen auf, sondern hatte bereits in ihrer Frühzeit ein hohes künstlerisches Niveau, das sie bis zu ihrem Ende beibehielt.

Die Höhepunkte dieser Kunst finden sich in den vor ca. 30.000 Jahren entstandenen Malereien in Chauvet und den vor ca. 17.000 Jahren entstandenen Malereien in Lascaux. Diese Malereien entstanden über den Verlauf von Jahrhunderten hinweg, und die Höhlen wurden vermutlich über Jahrtausende hinweg für Zeremonien einer schamanischen Religion genutzt. Es ist unbekannt, welche genaue Funktion die Malereien hatten, aber es ist wahrscheinlich, dass sie nicht nur dekorativen Zwecken dienten. Möglicherweise erzählten sie bestimmte Geschichten bzw. Mythen.

In der Höhle von Lascaux existiert zudem ein Schacht, an dessen Grund Zeichnungen mit Motiven gefunden wurden, die besonders deutliche Bezüge zu schamanischer Religion aufweisen und die offenbar Bezüge zu Themen wie Leben, Tod, Kampf, Zeugung und Transzendenz aufweisen. Zudem finden sich am Boden des Schachts Spuren möglicher Opfergaben aufweisen, etwa Pfeilspitzen mit rotem, möglicherweise Blut repräsentierendem Pigment.

Einige Motive griechischer Mythen finden sich schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.26

Die Nutzung der Höhlen endete aus unbekannten Gründen. Eine Hypothese lautet, dass die schamanische Naturreligion ihrer Schöpfer im Zuge des sich erwärmenden Klimas am Ende der letzten Eiszeit und den damit verbundenen radikalen Veränderungen der Natur bzw. der Tier- und Pflanzenwelt ihren Sinn verlor und vergessen bzw. aufgegeben wurde.

2.3 Die neolithische Revolution (seit ca. 6.000 v. Chr.)

Die Forschung habe zuletzt weitere, bislang unbekannte Vorfahren der heutigen Europäer identifizieren können, die Krause als die “basalen Europäer” bezeichnet. Er spricht von einer “Geisterpopulation”, deren Siedlungsraum bislang nicht lokalisiert werden konnte. Die Spuren dieser Menschen seien aber im Erbgut der Völker Europas bis heute prägend nachweisbar. Sie hätten mutmaßlich vor rund 65.000 Jahren von Ostafrika kommend den Nahen Osten erreicht und dort lange Zeit an einem unbekannten isoliert gelebt, was daran erkennbar sei, dass sie sich nicht mit Neandertalern vermischten. Vor rund. 30.000 oder 20.000 Jahren habe ihre Isolation geendet. Ihre Nachkommen seien die ersten Ackerbauern gewesen.27

Vor rund 14.000 Jahren entstanden im Nahen Osten die ersten sesshaften Kulturen, die später in Form der Kultivierung von Wildgetreide die Landwirtschaft entwickelten, was ein starkes Bevölkerungswachstum ermöglichte. Um 9.000 v. Chr. errichteten diese Menschen die erste bekannte Tempelanlage in der Geschichte der Menschheit in Göbekli Tepe. Klaus Schmid zufolge habe die Errichtung dieser Anlage einen wesentlichen Impuls für die Sesshaftwerdung des Menschen dargestellt, weil sie große Zahlen an Arbeitskräften über einen längeren Zeitraum sowie eine hierarchische Gesellschaftsordnung erfordert habe. Die Errichtung der Anlage hätte dann einen wesentlichen Impuls für die Entwicklung der Menschheit dargestellt.28 Die aus Steinkreisen bestehende Anlage stellte mutmaßlich eine Kultstätte dar. Es wurden Hinweise auf einen Ahnenkult entdeckt. Außerdem stellten Archäologen fest, dass die einzelnen Strukturen auf der Grundlage von Dreiecksmustern errichtet wurden, was bedeutet, dass die Erbauer über Geometriekenntnisse sowie über Maßeinheiten verfügten. Abweichend von der Kunst der Steinzeit stellten in künstlerischen Darstellungen erstmals Menschen das Zentrum dar.29

Um 8.000 v. Chr. entstand mit Jericho die erste bekannte Stadt in der Geschichte der Menschheit. Die Stadt erfüllte mutmaßlich vor allem die Funktion eines Heiligtums, da ihr Name “Ort des Mondgottes” bedeutet. Um 7.400 v. Chr. entstand zudem die besonders gut erforschte Großsiedlung in Çatalhöyük.

Das wärmer werdende Klima nach dem Ende der letzten Eiszeit trug vermutlich dazu bei, dass Siedler aus dieser Region ab ca. 8.000 v. Chr. nach Europa zogen. Der Prozess der neolithischen Durchdringung Europas dauerte mehrere tausend Jahre und fand in Form von Migration von Bauern in das damals dünn besiedelte Europa statt, welche die ansässige Bevölkerung überwiegend in Richtung Norden verdrängte, sich zum Teil aber auch mit ihr vermischte bzw. parallel zu diesen lebte und deren Lebensweise übernahm. Die Bauern der Jungsteinzeit stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern eine weitere Gruppe der Vorfahren der heutigen Europäer dar.30

Eine dieser Migrationsbewegungen fand über den Balkan und entlang der Donau statt, während sich die andere entlang der Mittelmeerküste über Spanien und Frankreich bis nach England vollzog, das sie um 4.000 v. Chr. erreichte.31 Die Siedler verfügten über Kenntnisse der Landwirtschaft und über Technologien wie Keramik, Brunnen- und Hausbau und werden wegen der typischen Verzierungen ihrer Tonwaren als Bandkeramiker bezeichnet. Ihre Siedlungsbewegung verbreitete sich offenbar entlang von Flussläufen, in deren Umfeld des fruchtbare Boden gab. Es wird davon ausgegangen, dass es Handlungsbeziehungen zwischen den eingewanderten Bauern und den einheimischen Jägern und Sammlern gab, aber nur wenig Vermischung. Die Einheimischen wichen zunächst offenbar in Hochlagen sowie nach Norden und Westen aus, nahmen Landwirtschaft und andere Technologien der Bauern an und wurden zur Tricherbecher-Kultur, deren Angehörige später aus Skandinavien nach Süden vorstießen.

  • Über Ungarn eingewanderte Menschen, deren Vorfahren Teil dieser Migrationsbewegung waren, errichteten um 5.400 v. Chr. das erste bekannte Dorf auf dem Boden des heutigen Deutschlands bei Schwanfeld in Franken.
  • Um 5.300 v. Chr. schuf die Vinca-Kultur auf dem Balkan Objekte, die mit Zeichen versehen waren, bei denen es sich möglicherweise um das erste bekannte Schriftsystem in der Geschichte der Menschheit handelte. Einige der Zeichen ähneln minoischen Schriftzeichen, aus denen später die griechische Schrift hervorging, aus der wiederum die moderne europäische Schrift hervorging. Zudem stellten Angehörige der Vinca-Kultur die ersten metallenen Werkzeuge in der Geschichte der Menschheit her.
  • Für den Zeitraum ab ca. 5.100 v. Chr. sind Auseinandersetzungen in Mitteleuropa archäologisch belegt, bei denen jeweils Dutzende oder sogar mehrere hundert Männer getötet wurden. In Herxheim in der Pfalz wurde eine vermutlich von Bandkeramikern betriebene Kultstätte entdeckt, an der um 5.000 v. Chr. innerhalb weniger Jahre mindestens mehrere hundert Männer (darunter auch Kinder), die aus vielen Regionen Mittel- und Westeuropas stammten, rituell hingerichtet wurden. Der genaue Hintergrund ist unklar.

Aus dieser Phase stammen u. a. die Megalithstrukturen (ca. 4.500-2.000 v. Chr.), die baulich an Vorbilder aus der bereits erwähnten Tempelanlage Göbekli Tepe anknüpften. Um das Jahr 4.800 v. Chr. seien vermutlich im Nordwesten des heutigen Frankreichs erstmals Grabstätten (Steinkammern in Grabhügeln) und Kultanlagen aus großen Steinen erreichtet worden. Deren Erbauer waren mutmaßlich sich entlang der Mittelmeerküste verbreitende Angehörige der oben beschriebenen Migrationswelle aus dem Bereich Levante und Ägäis.32 Diese Praxis habe sich dann auf dem Seeweg in den küstennahen Räumen von Mittelmeer, der europäischen Atlantikküste sowie im Raum Nord- sowie Ostsee verbreitet.33 In diesem Zusammenhang entstanden auch die Bauten von Stonehenge (ab ca. 3.000 v. Chr.). Diese Werke belegen den hohen Stellenwert der Religion im Europa der Jungsteinzeit, da der damalige Aufwand zu ihrer Errichtung enorm war.

Ab ca. 3800 v. Chr drangen Angehörige der Trichterbecher-Kulturen im Zuge einer rund ein Jahrtausend anhaltenden Migrationsbewegung aus Skandinavien nach Süden vor. Es handelte sich bei Nachkommen der Menschen, die zuvor von den neolithischen Bauern nach Norden verdrängt worden waren. Archäologisch sind aus diesem Zeitraum viele Spuren von Gewalt nachgewiesen.

2.4 Die Indoeuropäer (ca. 2.800-1.600 v. Chr.)

Der Großteil der europäischen Sprachen, die Menschen Europas und wesentliche Aspekte der antiken Kulturen Europas gehen wesentlich auf indoeuropäische Einflüsse zurück.

Die Indoeuropäer gehörten zu einer Gruppe kulturell eng miteinander verwandte Nomaden- bzw. Reitervölker, die vor rund 5000 Jahren vermutlich nördlich des Schwarzen Meeres entstanden. Sie betrieben Viehzucht und domestizierten Pferde, was ihnen die Ebenen und Steppen zwischen dem Westen des heutigen China und Mitteleuropa erschloss, in denen sie sich rasch ausbreiteten.

Der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel kritisierten, dass wichtige Völker dieser Zeit nach ihren materiellen Produkten benannt worden seien, was ihrer Bedeutung für die europäische Geschichte unangemessen sei. Die Schnurkeramiker- und die Glockenbecherkultur seien „zwei der faszinierendsten europäischen Kulturen überhaupt“.34

  • Die Schnurkeramiker (ca. 2.800-2.200 v. Chr.): Die Proto-Indoeuropäer waren wahrscheinlich Angehörige der Jamnaja-Kultur, die im Zeitraum vor rund 6.000-4.000 Jahren möglicherweise aufgrund verschlechterter Umweltbedingungen in mehreren Wellen aus ihrem nördlich von Kaukasus und Schwarzem Meer gelegenen Siedlungsraum nach Ost- und Mitteleuropa vordrangen und dabei ihre Sprache, Religion und Kultur verbreiteten. Sie waren die Träger der schnurkeramischen Kultur (ca. 2.800-2.350 v. Chr.), die damals Mittel- und Osteuropa prägte.35 Es drangen vorwiegend Männer nach Mitteleuropa vor, die sich ansässige Frauen als Partnerinnen nahmen. Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch kaum nachweisbar. Mutmaßlich war Mitteleuropa zu dieser Zeit nur dünn besiedelt, weil die Proto-Indoeuropäer wahrscheinlich die Pest in Europa verbreiteten und dadurch teilweise entvölkerten. Konflikte sind aber wahrscheinlich, weil anders kaum erklärbar ist, das die einheimischen Frauen (anders als die Männer) Nachkommen hatten. Die Proto-Indoeuropäer stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern sowie den neolithischen Bauern den dritten maßgeblichen Einfluss dar, aus dem die Menschen Europas hervorgingen.36 Auf die proto-indoeuropäische Sprache gehen die meisten heutigen europäischen Sprachen zurück. Zu den proto-indoeuropäischen kulturellen Einflüssen gehören auch die Annahme der Existenz eines anderen Göttern übergeordneten Vatergottes (Proto-Indoeuropäisch: dyeus phater, Altgriechisch: Zeus pater, Latein: Iupiter) und die Dreiteilung der Gesellschaft in Klerus, Kriegerklasse und Bauern.
  • Die Glockenbecher-Kultur (ca. 2.500-2.200 v. Chr): Ab ca. 2.500 v.Chr. drangen auch die Menschen der sog. Glockenbecherkultur aus Siedlungsgebieten, die nach aktuellen Erkenntnissen ebenfalls aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres stammen, nach Mitteleuropa vor. Ab ca. 2.400 v. Chr. erreichten sie die britische Insel, wo sie Stonehenge übernahmen und weiter betrieben. Sie waren durch Pferde sehr mobil und besiedelten Teile West- und Mitteleuropas inselartig, wobei stellenweise, etwa auf der britischen Insel, ein weitgehender Bevölkerungsaustausch stattfand.37 Sie beherrschten die Bronzeherstellung und unterhielten wahrscheinlich ganz Europa umspannende Handelsnetzwerke, entlang der sie auch ihre mit der Errichtung von Ringheiligtümern verbundene Religion und Kultur verbreiteten.
  • Die Aunjetitzer Kultur (ca 2.200-1.600 v. Chr.): Ab ca. 2.200 v. Chr verbanden sich Schnurkeramiker und Glockenbecher-Kultur v. a. auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts zur Aunjetitzer Kultur, die Träger des ersten bekannten Staates Mitteleuropas war. Durch günstige geographische Bedingungen für Landwirtschaft in Form von Schwarzerdeböden sowie die Lage an einem Knotenpunkt europäischer Handelswege konnte die Kultur eine Armee unterhalten, die das Gebiet über Jahrhunderte vor äußeren Bedrohungen schützte und eine lange Friedensperiode ermöglichte. Befestigungen und Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch nicht nachweisbar. Die Kultur schuf die Himmelsscheibe von Nebra, die früheste bekannte konkrete Himmelsdarstellung in der Geschichte des Menschen. Sie errichtete zudem große, pyramidenähnliche, mit weißem Kalk überzogene Hügelgräber für ihre Herrscher, die heute weitgehend abgetragen sind. Die Aunjetitzer Kultur stand wahrscheinlich im Kontakt zu den damaligen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens, von denen sie kulturelle Impulse aufnahm.38

Laut dem Archäologen Harald Meller sei die Bevölkerung Mitteleuropas seit der indoeuropäischen Einwanderungswelle genetisch im Wesentlichen bis in die Gegenwart hinein stabil geblieben:

“Wir sprechen heute noch diese Sprachen, die Gene tragen wir heute noch in uns, sodass wir mit einer gewissen Berechtigung zwischen der Zeit um 2000 bis heute von einer Bevölkerungskontinuität ausgehen können. Es handelt sich dabei auch nicht um so viele Generationen. Wenn Sie für hundert Jahre fünf Generationen ansetzen, kommen Sie seit Christi Geburt nur auf hundert Generationen, wenn Sie weitere 2000 Jahre zurückgehen, sind es insgesamt zweihundert Generationen. Das ist menschheitsgeschichtlich ein überschaubarer Zeitraum.”39

3. Antike

3.1 Die “Achsenzeit” (ca. 800-200 v. Chr.)

Karl Jaspers bezeichnete den Zeitraum zwischen ca. 800-200 v. Chr. als „Achsenzeit“. Es sei auffällig, dass zu dieser Zeit in den voneinander unabhängigen Kulturräumen der damaligen Welt gleichzeitig entscheidende kulturelle Entwicklungen eingesetzt hätten, die bis in die Gegenwart prägende Wirkung haben. Jaspers zufolge habe damals die geistige Grundlegung der Menschheit stattgefunden.40 Während sich in Europa das antike Griechenland kulturell formte und die griechische Philosophie entstand, seien fast gleichzeitig der Buddhismus in Indien, der Daoismus und Konfuzianismus in China, das Judentum in der Levante und der Zoroastrismus in Persien entstanden.

3.2 Die antiken Wurzeln des Abendlandes

3.2.1 Das antike Griechenland

Laut Arnold Toynbee gibt es in der Geschichte der Menschheit bislang „keine menschliche Gemeinschaft, die sich größerer Leistungen rühmen könnte“ als das antike Griechenland.41

Die Grundlagen der Kultur des antiken Griechenlands entstanden ab ca. 2.600 v. Chr. auf Kreta in Form der mutmaßlich nicht indoeuropäisch-sprachigen minoischen Kultur, welche u. a. eine Schrift schuf, aus der später auch die lateinische Schrift hervorging. Teile der minoischen Kultur überlebten ihren Untergang um 1450 v. Chr.

Die auf indoeuropäische Ursprünge zurückgehende mykenische Kultur (ca. 1.600-1.200 v. Chr.) war die erste Hochkultur auf dem europäischen Kontinent. Sie endete zu einer Zeit, als der gesamte ostwärtige Mittelmeerraum von gewaltsamen Verwerfungen geprägt war, deren Hintergründe bislang nur unvollständig verstanden sind.

Die Zeit zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird als “dunkles Zeitalter” bezeichnet, weil aus ihr keine Schriftzeugnisse überliefert sind. Es gebe archäologische Hinweise für die Zerstörung vieler Siedlungen und einen “katastrophalen Bevölkerungsrückgang” zwischen dem 12. und dem 10. Jahrhundert. Außerdem hätten umfangreiche Migrationsbewegungen stattgefunden. Spuren der Erinnerung daran fänden sich in der griechischen Literatur späterer Jahrhunderte.42

Ab ca. 800 v. Chr. setzte im östlichen Mittelmeerraum eine Zeit raschen Bevölkerungswachstums und technologischer Entwicklung ein. Es bildete sich eine auf Stadtstaaten (Poleis) gestützte griechische Kultur heraus, die ebenso wie die phönizische Kultur im gesamten Mittelmeerraum Kolonien gründete.

Ab dem 5. Jhd. v. Chr. führen diese durch die äußere Bedrohung zur Einheit gezwungenen griechischen Stadtstaaten einen Abwehrkampf gegen persische Versuche zur Expansion nach Europa. Es gelang diesen Stadtstaaten jedoch nie, eine dauerhafte politische Einheit zu bilden oder ein übergreifendes Nationalbewusstsein zu entwickeln.

Die Perserkriege (500-479 v. Chr.)

Das persisches Reich befand sich in einem weltanschaulichen Konflikt mit den griechischen Städtebünden und strebte danach, seine Herrschaft nach Europa auszudehnen, weil laut laut Herodot „Europa so schöne Landschaften besitze, dass dort alle möglichen Bäume gezüchtet würden, dass die Fruchtbarkeit des Bodens dort hervorragend sei und dass von allen Sterblichen der König der Perser als Einziger würdig sei, dies alles zu besitzen.“ Die persischen Vorstöße nach Europa wurden im Zuge der Schlachten bei den Thermopylen und bei Marathon zurückgeschlagen. Der endgültige Sieg der Griechen über die Perser und somit der Sieg der entstehenden abendländischen Zivilisation erfolgte auf See in der Schlacht von Salamis 480 und auf Land bei Plataiai 479.

Die Wirkungsmacht griechischer Kultur

Zwischen ca. 500 und 400 v. Chr. erfolgte der kulturelle Aufstieg Athens. Zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert v. Chr. wirkten die Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles, welche die gesamte europäische Geistesgeschichte bis in die Gegenwart prägen. Auch der Bildungsbegriff der griechischen Antike und ihre auf schlichter Eleganz beruhende Ästhetik wirken bis in die Gegenwart nach.

Um 225 v. Chr. waren die hellenische Kultur und Lebensweise im Raum zwischen Indus und Atlantik vorherrschend. Die Völker, die im Kontakt mit dieser Kultur standen, hellenisierten sich in Folge dessen, darunter Römer, Ägypter und Juden. Wie keine andere Kultur hat das antike Griechenland auch das später entstandene Christentum geprägt. Der Apostel Paulus, der als hellenisierter Jude aufwuchs, gehörte selbst dieser Kultur an.

Der Ursprung des europäischen Gedankens

Aus den Konflikten der damaligen Zeit entwickelte sich bei den antiken Griechen die Vorstellung, dass die Welt aus zwei entgegengesetzten Hälften bestehe. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff “Europa” häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.43

3.2.2 Das antike Rom

Die römische Kultur hellenisierte sich kulturell ab dem 3. Jhd. v. Chr. und nach der Eroberung Griechenlands setzten die Römer ab dem 2. Jhd. v. Chr. das kulturelle Erbe der Griechen in ihrem Reich fort. Gestützt auf in höchstem Maße leistungsfähige Verwaltung und Streitkräfte schufen sie im Verlauf des Bestehens der Römischen Republik (509 – 27 v. Chr.) die erste politische Ordnung auf europäischer Ebene mit einer gemeinsamen Sprache, in die die Völker und Stämme der damaligen Zeit geordnet eingebunden waren. Auch das damals geschaffene römische Recht, das auf dem Naturrechtsgedanken beruhte, wirkt bis in die Gegenwart nach.

Im Römischen Reich (27 v. Chr. – 476 n. Chr.) fand das Christentum zudem die Grundlage dafür vor, zur Weltreligion werden zu können. Die Gedanken des politischen Philosophen Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) beeinflussten maßgeblich das christliche Denken bzw. das Denken des hl. Augustinus (354-430 n. Chr.), der seinen eigenen Worten zufolge durch die Gedanken Ciceros zum Christentum fand. Später griff der hl. Thomas von Aquin die Gedanken Ciceros auf. Auch die Philosophie der Stoa, die v. a. durch Seneca (1-65 n. Chr.) propagiert wurde und die römische Elitenkultur zeitweise prägte und die das Streben nach Tugend über das Streben nach Wohlbefinden stellte und die Kontrolle der eigenen Leidenschaften anstrebte, verfügte über Anknüpfungspunkte zu christlichem Denken.

Die römische Identität bzw. die romanitas was das Ergebnis der Durchdringung der ursprünglichen Kultur Roms durch das griechische Erbe. Laut John Roberts hätten “römische Waffen und römische Regierungen […] ein Rahmenwerk” errichtet, innerhalb dessen die hellenistische Vergangenheit fortlebte und schließlich in das frühe Christentum mündete”. Zudem hätten „Friede, Ordnung und Stabilität“ innerhalb des Reiches günstige Bedingungen für die Ausbreitung des Christentums geschaffen.44

Der römische Nationaldichter Vergil definierte mit seinem Werk die romanitas und den römischen Kulturauftrag. Einige der von ihm beschriebenen Konzepte wurden durch das Christentum aufgegriffen und nach dem Untergang des römischen Reiches fortgesetzt. Er beschrieb zudem in einem ca. 40 v. Chr. entstandenen prophetischen Gedicht die Ankunft eines Knaben, der als Erlöser ein goldenes Zeitalter einleiten und als König herrschen werde:

“Schon ist das Ende der Zeit nach dem Lied von Cumae gekommen.
Und großartig beginnen den Lauf ganz neue Geschlechter.
Schon kehrt wieder Astraea, es kehrt Saturnus’ Regierung:
Neue Geburten entsteigen nun bald dem erhabenen Himmel.
Sei nur dem werdenden Knaben, mit dem sich das eiserne Alter
Schließt, und die goldene Zeit aufsteiget dem sämtlichen Erdkreis […].

Er wird göttliches Leben empfahn: Heroen mit Göttern
Wird er vermischt anschaun und selbst sich ihnen gesellt sehn,
Und im Frieden die Welt mit der Tugend des Vaters beherrschen.
Aber dir wird, o Knabe, zuerst ungebauet das Erdreich […].

Jetzo beginne – die Zeit ist da – die erhabene Ruhmbahn,
Sprössling, den Göttern so wert, du, Juppiters herrlicher Nachwuchs!”

Unter Kaiser Trajan (53-117 n. Chr.) erlangte das Reich seine größte Ausdehnung. Er galt bereits der antiken Geschichtsschreibung als bester der römischen Kaiser (optimus princeps). Die christliche Tradition schloss sich dieser positiven Bewertung seiner Herrschaft an. Zu den herausragenden römischen Kaisern gehören zudem Augustus (63. v. Chr. – 14 n. Chr.), Hadrian (76-138 n. Chr.) und Marcus Aurelius (121-181 n. Chr.). Letzterer gilt als Verkörperung des Ideals der Philosophenherrschaft. Seine Unterstützung für Christenverfolgungen ging wahrscheinlich auf Missverständnisse bzgl. des Christentums zurück, wozu das Verhalten von Fanatikern am Rande der Kirche beigetragen hatte.

Im dritten Jahrhundert wurde der Verfall des Reiches bereits deutlich sichtbar, das zwischen 235–284 n. Chr. eine erste existenzielle Krisen durchlief. Unter Konstantin dem Großen (ca. 270-337 n. Chr.) endeten die Christenverfolgungen endgültig, weshalb ihm aus christlicher Sicht besondere Anerkennung gilt. Als sich das Christentum im vierten Jahrhundert durchsetzte, konnte es den Untergang des Reiches jedoch nicht mehr verhindern. Die katholische Kirche ist die einzige zu römischer Zeit entstandene Institution, die den Untergang des Reiches überlebte und dabei viele seiner kulturellen Leistungen bewahrte.

Außer von guten Werken, die in das abendländische Erbe aufgenommen wurden, war die römische Gesellschaft jedoch auch von vielen schlechten Eigenschaften geprägt, etwa von Sklaverei, grausamer Massenunterhaltung, einer zunehmend dekadenten Elite sowie immer größerer sozialer Polarisierung und einer wenig glaubwürdigen Staatsreligion.

3.2.3 Das Volk Israel

Das Volk Israel hat nicht nur zu Geschichte des Abendlandes, sondern zur Geschichte der gesamten Menschheit einen herausragenden Beitrag geleistet. Der Ägyptologe Jan Assmann bezeichnete etwa das Buch Exodus als “die grandioseste und folgenreichste Geschichte, die sich Menschen jemals erzählten” sowie als “eine Wende der Menschheit”.

Die historischen Ursprünge des Judentums bzw. des Volkes Israel sind nur unvollständig bekannt. Vermutlich wurde das Gebiet des heutigen Israels zwischen dem 12. und dem 10. Jhd. v. Chr. besiedelt, wobei archäologische Funde darauf hindeuten, dass diese Besiedlung sich möglicherweise abweichend von einigen Darstellungen des Alten Testaments friedlich vollzog.45 Die wesentlichen historischen Aussagen des Alten Testaments sind für die Zeit seit König David Historikern zufolge den vorliegenden Erkenntnissen nach jedoch “im Großen und Ganzen korrekt”.46

Bei den Königen David (ca. 1010-970 v. Chr.) und Salomon (ca. 970-930 v. Chr.) handelte es sich wahrscheinlich um historisch reale Personen.47 David eroberte Jerusalem, machte es zur Hauptstadt seines Reiches und ließ vermutlich einen ersten Tempel zur Verehrung Jahwes errichten. Die erste Version der ältesten Schriften des Alten Testaments entstand mutmaßlich um 620 v. Chr. und eine zweite Version während der Zeit des jüdischen Exils in Babylon um 550 v. Chr.48

Der jüdische Monotheismus und die auf den Zehn Geboten beruhende jüdische Naturrechtstradition prägten das Christentum und dadurch auch Europa. Die jüdische Tradition nahm auch ägyptische, persische, hethitische, sumerische, babylonische und andere Elemente auf, die teilweise auch in das Christentum eingingen und so in einer veredelten Form bis in das christliche Europa der Gegenwart weiterexistieren.49

3.2.4 Kelten und Germanen

Die Stämme Nord- und Westeuropas treten in der Spätantike mit der Annahme des Christentums und der Einführung einer Schriftkultur in die Geschichte ein. In ihrer kulturellen Entwicklung standen sie bis dahin deutlich hinter der der Völker des östlichen Mittelmeerraums zurück. In Spätantike und Mittelalter spielten sie jedoch eine zentrale Rolle für die Entstehung des christlichen Europas.

Die Begriffe “Kelten” und “Germanen” wurden von den unter diesen Zusammenfassungen bezeichneten Stämmen sehr wahrscheinlich nicht verwendet. Die späteren germanischen Großstämme, etwa die Franken, bezogen sich in ihrem Identitätsverständnis zudem weniger auf ihre germanische Vergangenheit sondern auf das von ihnen angenommene christliche und römische Erbe. Die Vorstellung einer übergreifenden nationalen Identität entwickelte sich erst spät, als mit dem Christentum eine gemeinsame kulturelle Grundlage für das Zusammenwachsen der Stämme vorhanden war. Im 19. Jahrhundert wurde versucht, die Abstammung von Völkern wie den Deutschen und den Franzosen unmittelbar auf Germanen und Kelten zurückzuführen um die jeweiligen Nationen in einer vorchristlichen Vergangenheit zu verwurzeln. Die Darstellung, dass die Nationen direkte Fortsetzungen von Germanen und Kelten sind, ist jedoch nicht haltbar. Beide Nationen gehen auf die Synthese germanischer, keltischer, christlicher und römischer Einflüsse zurück.

Die Kelten

Die Kelten schufen mit der Hallstatt-Kultur (800-450 v. Chr.) die erste höhere Kultur in Europa nördlich der Alpen, die schließlich bis zum Atlantik und an das Schwarze Meer und nach Anatolien expandierte. Die La-Tène-Kultur (450-15 v. Chr.) stützte sich auf einen kriegerischen Adel, herrschte über weite Teile Mittel- und Westeuropas, errichtete ab ca. 200 v. Chr. urbane Zentren und erreichte die Schwelle zur Hochkultur. Die militärischen Vorstöße der Kelten bedrohten um 279 v. Chr. sogar die griechische Halbinsel. Den Höhepunkt ihrer geographischen Ausdehnung erreichte die keltische Kultur um 250 v. Chr. Ein keltisches Reich entwickelte sich jedoch nicht, da die Kelten aus zerstrittenen Stämmen bestanden. Eine keltische Literatur, Geschichtsschreibung oder schriftlich niedergelegte Religion gab es zudem nicht, auch wenn Hinweise darauf existieren, dass Kelten eine Schrift verwendeten.

Die keltische Religion stützte sich auf Druiden als geistige Führer, die offenbar religiöse Zeremonien leiteten, aber auch andere Funktionen wahrnahmen, etwa als Richter, Berater  Astrologen, Naturkundige und Philosophen. Gottheiten wurden in häufig eingefriedeten heiligen Hainen verehrt, vor allem durch Tier-, aber auch durch Menschenopfer. Wichtige Persönlichkeiten wurden in Grabhügeln bestattet. Die Römer gingen in Gallien gegen die Druiden vor, die sie auch als politische Führer wahrnahmen. Im Jahr 21 gab es in Gallien einen Aufstand, der mutmaßlich von einem Druiden angeführt wurde. Im Jahr 60 gingen die Römer zudem auf der Insel Anglesey an der Nordostküste von Wales gegen Druiden vor, die für diese offenbar eine besondere Bedeutung hatte. Sie zerstörten dort eine Reihe von keltischen Heiligtümern. Nach 100 gibt es nur noch wenige Erwähnungen von Druiden in historischen Quellen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass sich Reste keltischer Religion in Irland und Wales bis ins frühe Mittelalter halten könnten. Die Gestalt des Zauberers Merlin in der ab dem 12. Jahrhundert in Wales entstandenen Artussage trägt Züge eines Druiden. Der christliche Geistliche Geoffrey von Monmouth, der die Sage niederschrieb, griff dabei offenbar auf ältere Sagen und Legenden zurück.

Um 150 n. Chr. bildeten sich in Südgallien die ersten keltischen christlichen Gemeinden. Bis 350 v. Chr. verbreitete sich das Christentum im gesamten gallischen Raum.

Die römische Eroberung Galliens unter Julius Caesar ab 58 v. Chr., bei der schätzungsweise eine Million Kelten getötet, eine weitere Million versklavt sowie mehrere Hundert Städte und Dörfer zerstört wurden, führt auch zum Ende der keltischen Kultur auf dem europäischen Festland. Nach der keltischen Niederlage setzt eine Romanisierung Galliens ein, die sich auf die überlebenden keltischen Eliten stützt, die nun Verwaltungsaufgaben leisten. Die keltische Religion erlosch in Gallien vermutlich im Jahrhundert. Die keltische Sprache wurde zur Zeit des Zusammenbruchs des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert nur noch in einigen Randgebieten gesprochen. Östlich des Rheins erlosch die keltische Präsenz bereits in den Jahren ab ca. 100 v. Chr. Möglicherweise verödeten die Siedlungen der Kelten hier in Folge von Abwanderung nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft nach den römischen Eroberungen in Gallien oder in Folge von Seuchen oder Dürren. Zunächst durch Romanisierung und später durch Verdrängung durch die Angelsachsen verschwand die keltische Kultur auch in großen Teilen der britischen Insel. Vor allem in Irland bestand die keltische Kultur jedoch in christianisierter Form fort und spielte eine wichtige Rolle bei der Christianisierung weiter Teile Mitteleuropas im frühen Mittelalter.

Die Germanen

Die Germanen leisteten der Expansion Roms Widerstand und bedrohten seit den Einfällen der Kimbern und Teutonen ab ca. 120 v. Chr. immer wieder das Römische Reich, das sie ab dem dritten Jahrhundert verstärkt durch Vorstöße über den Rhein unter Druck setzten und schließlich im Zuge der Völkerwanderung zerstörten. Die zu diesem Zeitpunkt bereits christianisierten germanischen Stämme schufen gleichzeitig aber auch die Grundlage für die Entstehung des christlichen Europas im Mittelalter.

Die aus der Jastorf-Kultur (ca. 500 v. Chr.) hervorgegangenen, ursprünglich in Südskandinavien und im norddeutschen Raum beheimateten germanischen Stämme dehnten ihren Siedlungsraum schrittweise nach Süden aus, wobei sie die Kelten verdrängten. Ab ca. 500 v. Chr. entwickelte sich auch aus der indoeuropäischen Sprache, die bis dahin in Mitteleuropa verbreitet war, in diesem Raum das Urgermanische.

Es sind rund 70 germanische Stämme bekannt, darunter Chatten, Chauken, Cherusker, Friesen, Kimbern und Langobarden. Sie gingen mit der Zeit in größeren Stämmen wie Franken, Sachsen und Goten auf. Germanische Stämme, Sippen und Dorfgemeinschaften befehdeten sich häufig bzw. führten Raubzüge gegeneinander. Sie lebten außerdem in Räumen mit vergleichsweise ungünstigen natürlichen Bedingungen, was das Risiko von Hungersnöten erhöhte, nur geringe Bevölkerungszahlen erlaubte und dazu beitrug, dass sich die materielle Kultur der Germanen in vieler Hinsicht langsamer entwickelte als die keltische. Der römische Historiker Tacitus stellte die germanische Kultur in seiner um das Jahr 100 n. Chr. entstandenen Schrift Germania positiv der von ihm als dekadent beschriebenen römischen Kultur gegenüber.

Die germanischen Stämme seien laut dem Archäologen Harald Meller ursprünglich “nicht besonders kriegerisch” gewesen. Erst in der Auseinandersetzung mit Rom gewinnt das Kriegertum eine große Bedeutung, die Kampfideologie entsteht, martialische Götter gewinnen an Einfluss”. Der Konflikt mit dem Römischen Reich habe auch dazu geführt, dass kleinere Stämme sich zu größeren Gemeinschaften zusammengeschlossen hätten. Die germanischen Stämme hätten eine außergewöhnliche Resilienz gegenüber dem kulturellen Anpassungsdruck Roms gezeigt und ihre Identität dagegen behauptet.50 Durch den Kontakt mit römischer Kultur in Städten und Siedlungen im römisch-germanischen Grenzgebiet sowie durch den Dienst in den römischen Streitkräften kamen Germanen gleichzeitig in Kontakt mit römischer Kultur und erlangten auch das römische Bürgerrecht. Einige frühe römische Kaiser seit Augustus verfügten parallel zu den Prätorianern über eine vorwiegend aus Batavern und Ubiern rekrutierte germanische Leibwache, die Germani corporis custodes, die rund 500-1.000 Soldaten umfasste und auf deren Grabsteine ihre Herkunftsstämme vermerkt sind. Später wurde die berittene, auch aus Germanen bestehende Leibwache equites singulares aufgestellt, die erst unter Kaiser Konstantin aufgelöst wurde, weil sie auf der Seite seiner Gegner gekämpft hatte.

Über die Religion der Germanen ist nur wenig bekannt ist. Seen und Moore dienten als Kultstätten, an denen Opfer dargebracht wurden. Bei Oberdorla in Thüringen wurde eine Kultstätte entdeckt, die mehrere kleinere heilige Bezirke mit Altären aus Erde und Ruten sowie Pfahlbildnisse von Gottheiten am Ufer eines Moorsees umfasst. Hier wurden über einen Zeitraum von rund 1.200 Jahren bis um das Jahr 600 n. Chr. göttlichen Mächten Opfer gebracht, darunter offenbar auch Menschen, sowie die Waffen besiegter Feinde, die zuvor zerstört wurden. Möglicherweise galten Seen und Moore als Orte der Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. An diesen heiligen Stätten wurden offenbar auch Opfermahle gefeiert, worauf Funde zahlreicher Tierknochen hindeuten. Außerdem war offenbar der Glaube an Weissagung und Magie verbreitet. Die in den Jahrzehnten vor 150 n. Chr. entwickelte, vermutlich an südeuropäische Alphabete angelehnte Runenschrift der Germanen wurde vorwiegend für religiöse bzw. magische Zwecke sowie für die Angabe von Namen vorbehalten. Sie ist in ihrer Gestaltung darauf angelegt, nicht geschrieben sondern eingraviert zu werden, was durch Runenmeister vollzogen wurde.

Die Religionen der Germanen entwickelte sich über die Jahrhunderte. Im Zuge dieser Entwicklung bildete sich die Vorstellung Odins als Göttervater heraus, woran das Christentum anknüpfen konnte. Gleichzeitig flossen Elemente der germanischen Religion in das europäische Christentum ein. Als Beginn der Christianisierung germanischer Stämme gilt das Wirken des arianischen Christen Bischof Wulfilas bei den Goten, der um 350 die Bibel ins Gotische übersetzte (siehe unten). Das arianische Christentum breitete sich im 5. und 6. Jahrhundert auf andere germanische Stämme wie Langobarden, Vandalen, Burgunder und Ostgoten aus.

3.2.5 Das Alte Ägypten

Die Kultur des Alten Ägyptens beeinflusste sowohl die Kultur des antiken Griechenlands als auch die des Volkes Israel und dessen Religion. Auf diesem Weg wirkte das Alte Ägypten auch in die abendländische Kultur hinein.

  • Herodot führte große Teile der Religion des antiken Griechenlands auf das Alte Ägypten zurück und äußerte große Achtung gegenüber dessen Kultur.
  • Der erstmals unter dem Pharao Eschnaton (er herrschte ca. zwischen 1351-1334 v Chr.) aufgekommene Monotheismus strahlte möglicherweise auf das Judentum aus. Teile der Psalmen 104 und 145 greifen Elemente des mutmaßlich von Eschnaton selbst formulierten Aton-Hymnus bzw. des “Großen Sonnengesangs” auf.
3.2.6 Sonstige Einflüsse: Babylonier und Assyrer

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Quellen

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  47. Simon Price/Peter Thonemann: Die Geburt des klassischen Europa, Darmstadt 2018, S. 68 f.
  48. Simon Price/Peter Thonemann: Die Geburt des klassischen Europa, Darmstadt 2018, S. 66.
  49. Joseph Ratzinger: Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg im Breisgau 2001, S. 58.
  50. „Eine Kontinuität ist schon erkennbar“, faz.net, 30.10.2019.