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Stand: 01.06.2021

Die Geschichte der Ursprünge, des Aufbaus und der Verteidigung des christlichen Europas bzw. des Abendlandes wird hier aus der Perspektive des schützenden und bewahrenden Dienstes in Schlaglichtern dargestellt. Diese Geschichte ist die Geschichte des in West- und Nordeuropa inkulturierten Christentums, das in Abgrenzung zu dem in Ost- und Südosteuropa oder im südlichen und östlichen Mittelmeerraum inkulturierten Christentum, aber auch in Abgrenzung zum islamischen Kulturraum, seine eigene kulturelle Identität entwickelt hat.

Die Autoren beanspruchen dabei nicht, ein geschichtswissenschaftliches Werk vorzulegen. Es geht darum jenen, die in der Gegenwart Träger und Verteidiger der abendländischen Tradition sind, den erforderlichen Überblick über das historische Erbe zu verschaffen, auf dessen Grundlage sie stehen und das sie weitergeben wollen. In diesem Zusammenhang soll vor allem herausgestellt werden, was in diesem Erbe an zeitlos Wertvollem vorhanden ist.

Dieser Text befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium und wurde hier veröffentlicht, um die Möglichkeit zur Kommentierung und Ergänzung zu geben. Der Text wird laufend ergänzt und soll mittelfristig zu einer oder mehreren Publikationen im Rahmen der Reihe Renovatio-Impulse aufwachsen.

1. Einführung

1.1 Geschichte als identitätsstiftende Erzählung 

Geschichte ist aus christlicher Sicht auch die identitätsstiftende Erzählung der Entwicklung einer Kultur hin zum Heiligen. Geschichte beschreibt, wo die eigene Kultur herkommt, was sie ausmacht sowie wer ihre Helden und wer ihre Feinde sind.

Der christliche Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass Identität durch „heilige Geschichten“ gestiftet und weitergegeben werde. Die Identitäten von Völkern würden durch die Gemeinsamkeit der Erinnerung und gemeinsame große Erzählungen begründet. In der Bibel spiele dieser Gedanke eine wichtige Rolle. Gott habe in der Geschichte seines Volkes sowohl schützend als auch erziehend bzw. strafend eingegriffen. Christen würden in dieser Tradition stehen und seien dazu verpflichtet, sie weiterzugeben.1

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann sprach in diesem Zusammenhang von einem „kulturellen Gedächtnis“, das einer Gesellschaft „Zeitresistenz“ verleihe und „über die Generationenfolge hinweg eine Identität“ schaffe.2 Dem protestantischen Theologen Adolf von Harnack zufolge sei Geschichte „der begeisternde Antrieb, sich in die Reihe der Helden zu stellen und in ihrer Nachfolge und mit ihnen zu wirken.“3

Der Philosoph José Ortega y Gasset lehnte es ab, im Zusammenhang mit Geschichtsschreibung nur auf die „tote Geschichtszahl“ zu blicken. Eine solche Geschichtsschreibung sei nur eine „Zurschaustellung von Mumien“. Geschichtliche Wirklichkeit erschließe sich nur durch den „Zusammenhang mit dem Gesamtbild einer bestimmten Form des menschlichen Lebens“. Geschichte habe immer einen bestimmten Kontext. Ihre Beschreibung müsse „ein begeisterter Versuch der Auferstehung“ sein und das geschichtliche Geschehen zeigen, „wie es aus dem ewigen Born aufsteigt, aus dem alles Menschliche, also das Leben des Menschen, hervorquillt, und in dem es seine Wirklichkeit hat“. Geschichte zu schreiben bedeute, „jedes Geschehnis über seine Vergangenheit bis zu seiner Lebensquelle zurückzuführen“, um seiner Geburt beizuwohnen“.4

Laut dem Historiker John Roberts „weben […] Völker und Kulturen an Mythen über das, was sie waren und sind, können und tun sollten“. Viele dieser Mythen hätten mit der Geschichte zu tun. Es läge im Wesen der Kultur, dass sie versuche, „in ihrer Vergangenheit Sinn zu finden“. Mythen seien „unerläßlich, wenn man der Geschichte zu Leibe rückt; ohne sie wäre die ganze Angelegenheit unerträglich“. Gleichzeitig seien solche Mythen zwangsläufig mit Vereinfachungen, Zuspitzungen und Verfälschungen des tatsächlichen Geschehens verbunden. Der Blick auf die Geschichte sei nur „durch die verzerrende Optik unserer eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte“ möglich.5

Der protestantische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hatte in diesem Zusammenhang einen Mangel an großen Erzählungen im europäischen Identitätsverständnis der Gegenwart kritisiert. Europa brauche ein „Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte.“6

1.2 Die tiefe Geschichte des Abendlandes

Die Geschichte des christlichen Europas bzw. des Abendlandes wird hier bis in ihre tiefsten noch erschließbaren vorchristlichen Wurzeln hinein betrachtet. Grundlage dafür ist der abendländische Gedanke, der die durch das Christentum aufgenommenen Bestände vorchristlicher Kulturen ausdrücklich würdigt und anerkennt. Die katholische Dichterin Gertrud von le Fort hat dies in ihren Hymnen an die Kirche so ausgedrückt:

„Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme, ich habe noch Tau in meinen Haaren aus Tälern der Menschenfrühe,

Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht, ich weiß noch, wie man
die Gewitter fromm macht und das Wasser segnet. […]

Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, und aus meiner Seele  leuchten nach dem Ew’gen viele Heiden!“7

Thomas Browne schrieb über die tiefe Identität menschlicher Kulturen: „there is all Africa and her prodigies in us“.8

Neuste Forschung hat bestätigt, dass die Wurzeln der abendländischen Kulturen tief in die Geschichte zurückreichen. Einige Motive griechischer Mythen finden sich demnach schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.9 Der Mythos mit den ältesten nachweisbaren Wurzeln ist der des Drachenkampfes. Dieser für das Christentum besonders wichtige Mythos ist ebenfalls in altsteinzeitlicher Kunst nachweisbar und mutmaßlich einige zehntausend Jahre alt.10

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff „Europa“ häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.11

Das Abendland entstand in einem mehrere Jahrhunderte umspannenden Prozess, der damit begann, das  germanische Stämme in das weströmische Reich einbrachen und die christlich-römische Kultur annahmen bzw. ihre Kultur mit dieser zu einer neuen Synthese verbanden.12

Von Europäern wurde im nachantiken Kontext erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten. Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Die von diesen Mönchen ausgehende Mission schaffte bis zum Jahr 1000 eine Glaubensgemeinschaft der romanischen, germanischen und einiger slawischen Völker sowie der Ungarn.13 Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken. Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein. Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

1.3 Die Geschichte des christlichen Europas als Geschichte des schützenden und bewahrenden Kampfes

Laut Robert Spaemann  sei die „heilige Geschichte“ des Christentums oft eine „blutige Geschichte sei“ bzw. eine „Geschichte der Märtyrer“ von denen man lernen könne, was die Nachfolge Christi bedeute. Dazu gehöre auch die Geschichte der Verteidigung des christlichen Europa:

„In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].“14

Auch Otto von Habsburg hob die Bedeutung des christlichen Kulturerbes des schützenden Dienstes für Europa hervor:

„Bestimmend für die europäische Zivilisation waren auch die großen und damit die volle Entfaltung Europas ermöglichenden Abwehrkämpfe von außen, wie die Reconquista in Spanien oder die Türkenkriege im Donauraum. Sie haben dazu beigetragen, das europäische Bewußtsein zu formen, erfolgten sie doch im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond. In der Reconquista entstand die imperiale Orientierung Spaniens, die seit Karl V. vor allem das Haus Österreich stark beeinflußte. In den Türkenkriegen vor mehr als dreihundert Jahren wiederum fanden sich die Europäer in ganz besonderer Weise zusammen. Das vom Islam bedrohte Wien verteidigten die großen Völkerfamilien unseres Erdteiles, Germanen, Slawen und Romanen gemeinsam […].“15

Der Historiker Hilaire Belloc schrieb 1938, dass das Studium der Geschichte der Kämpfe, die das Christentum seit seinem Erscheinen bestehen musste, inspirierend und stärkend auf Menschen wirken könne, die dessen Erbe in der Gegenwart verteidigen. Es sei eine historische „Tatsache, dass die Kirche durch die Jahrhunderte hinweg in den Momenten größter Not immer mit ihrer eigenen Wiederauferstehung reagiert hat“. Der Abwehrkampf gegen islamische Invasionen etwa „war eine knappe Angelegenheit; er hätte uns fast überwältigt“, aber das Christentum habe gegen sie ebenso die notwendigen Abwehrkräfte mobilisieren können wie gegen viele andere Feinde. Auch innere Krisen habe das Christentum immer wieder überwinden können. Dies zeige, dass die Kirche „besondere Selbstheilungskräfte“ besitze, „die nur ihr eigentümlich sind“.16

2. Ur- und Frühgeschichte

Die Betrachtung der Geschichte des christlichen Europa schließt meist auch dessen antike Wurzeln mit ein. Die Wurzeln des antiken Europa reichen jedoch bis in die Ur- und Frühgeschichte zurück, die sich erst in jüngster Zeit erschließbar geworden ist. In den vergangenen zehn Jahren haben die Populationsgenetik und die Archäologie viele Fragen in diesem Zusammenhang vorläufig beantworten können, die früher weitgehend Gegenstand von Spekulation waren. Zu diesen Fragen gehört auch die Frage nach der Herkunft der Völker Europas, aus denen später das christliche Europa entstand. Sie ist noch nicht vollständig verstanden, wird aber mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis zunehmend transparent.

Auch die kulturellen Wurzeln der abendländischen Kulturen reichen bis in die Ur- und Frühgeschichte zurück. Einige Motive griechischer Mythen finden sich demnach schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.

2.1 Das Auftauchen des Menschen (ca. 100.000-150.000 v. Chr.)

Die Ursprünge des Lebens und die biologischen Vorfahren des Menschen

Die Ursprünge des Lebens liegen größtenteils im Dunkeln. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, der sich als Atheist versteht, griff zu einem biblischen Bild, um den Weg des Lebens durch die Zeiten zu beschreiben. Er verglich das Leben mit einem Strom, der im Garten Eden entsprungen sei. Das Leben sei ein „Strom der Informationen“, der „durch die Zeit“ fließe.17

Der Mensch sei nicht das Produkt eines Zufalls, sondern das Werk seiner Vorfahren, die ihn in seiner Einzigartigkeit formten. Dawkins verwies darauf, dass der Mensch über eine lange Ahnenreihe an Lebewesen verfüge, die sich über hunderte von Millionen Jahren in jeder Generation habe bewähren müssen. Diese „Elite der Vorfahren“ werde zurecht in allen Völkern verehrt, die ihren Ahnen gegenüber Verehrung empfänden. Der Mensch könne stolz darauf sein, dass zu seinen Vorfahren keine gescheiterten Wesen gehören würden. Vom Beginn des Lebens habe sich jeder seiner Vorfahren gegen die Herausforderungen, denen er gegenüberstand, hinreichend erfolgreich durchgesetzt, egal ob es Feinde, Krankheiten oder die Gefahren der Natur waren. Diejenigen, die dabei scheiterten, seien nicht unter den Vorfahren des Menschen.18

Das Auftauchen des Menschen

In diesem Prozess des Lebens gibt mindestens einen wesentlichen Schritt, der nicht evolutionär erklärbar ist. Als einziges aller bekannten Lebewesen verfügt der Mensch über die Fähigkeit, über sich selbst hinauszublicken und transzendente Aspekte der Wirklichkeit wahrzunehmen. Er verfügt außerdem über freien Willen und Verstand, die keine Vorläufer in der natürlichen Evolution haben, sondern ab einem unbekannten Punkt in der Geschichte des Menschen auftauchten. In diesem Sinne gab es einen ersten Menschen, der sich von allen Lebewesen, der sich von allen seiner Vorfahren radikal unterschied.

Der Homo sapiens bildete sich vor rund 200.000 Jahren heraus. Die als „mitochondriale Eva“ benannte älteste gemeinsame Vorfahrin aller heute lebenden Menschen, die mit den Mitteln der Archäogenetik bestimmt werden konnte, lebte mutmaßlich vor rund 100.000-150.000 Jahren in Ostafrika. Die älteste bekannte Begräbnisstätte des Menschen befindet sich in der Skhul-Höhle im Karmel-Gebirge im heutigen Israel. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass hier vor rund 100.000-130.000 Jahren religiöse Begräbnisse stattfanden, deren Urheber den Funden nach wahrscheinlich von der Existenz einer unsterblichen Seele und einem Leben nach dem Tod ausgingen. Ähnliche Funde gab es in der Qafzeh-Höhle bei Nazareth, die auf einen Zeitraum vor rund 100.000-90.000 Jahren datiert wurden.19 Aus christlicher Sicht sind hier die wichtigsten Eigenschaften des Menschen erstmals archäologisch nachweisbar, weshalb das Auftauchen des Menschen vorläufig auf diesen Zeitraum datiert werden kann.

Die Fähigkeit des Menschen, Träger einer Seele mit den erwähnten Eigenschaften zu sein, hat jedoch offensichtlich auch eine biologische Grundlage. Evolutionäre Prozesse, in deren Verlauf sich das Leben fortschreitend an die Erfordernisse seiner Umwelt anpasste, haben dem gegenwärtigen Stand der Naturwissenschaften zufolge diese Grundlage geschaffen. Über das Phänomen der menschlichen Seele kann die Naturwissenschaft jedoch keine sinnvollen Aussagen treffen, da die Seele zwar über ein biologisches Substrat verfügt, jedoch kein Produkt materieller Prozesse ist. Die Existenz eines freien Willens etwa ist dem derzeitigen Erkenntnisstand der Naturwissenschaften zufolge unmöglich, da deren Annahmen nach alle Phänomene in der Natur auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung beruhen und determiniert sind.

2.2 Die Kulturen der europäischen Altsteinzeit (ca. 50.000-14.000 v. Chr.)

Die Besiedlung Europas durch den modernen Menschen erfolgte vermutlich durch die Nachfahren einer kleinen Gruppe von Menschen, die vor rund 60.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließ. Diese drangen vom Nahen Osten aus vor ca. 40.000 Jahren auf einem von Neanderthalern bewohnten, von eiszeitlichen Bedingungen geprägten europäischen Kontinent vor. Die Gruppe derer, die nach Europa vorstießen, umfasste vermutlich nur wenige hundert Menschen. Sie lebten als Jäger und Sammler in kleinen Familienverbänden.

Der Anpassungsdruck, der von den klimatischen Bedingungen der damaligen Zeit ausging, trugen wesentlich dazu bei, den europäischen Menschentyp hervorzubringen.  Vor rund 45.000 Jahren bildete sich in Europa der Cro-Magnon-Mensch heraus, der vom Mensch der Gegenwart anatomisch kaum zu unterscheiden ist. Mit seinem Auftauchen war eine Phase kultureller Kreativität und Produktivität verbunden, die Werke hervorbrachte, die bis dahin in der Geschichte der Menschheit unbekannt waren. Er schuf die nach einem Fundort später als „Auragnacien“ benannte Kultur.

  • 2020 wurde der bislang älteste Fund von Überresten von Menschen der Gattung Homo sapiens in Europa in der Bacho Kiro-Höhle in Bulgarien gemeldet. Sie sind mindestens 45.000, möglicherweise aber bis zu 47.000 Jahre alt.20 Diese Menschen stellten Kunstgegenstände hin und praktizierten wahrscheinlich eine Religion. Ein Frauenschädel eines modernen Menschen, der im nahegelegenen Zlatý kůň in Tschechien gefunden wurde, wurde ebenfalls auf ein Alter von mindestens 45.000 Jahren datiert.
  • Vor ca. 39.000 Jahren brach ein Supervulkan im Raum der Phlegräischen Felder in Süditalien aus. Vor allem in Osteuropa und auf dem Balkan führte dieses Ereignis zur Kontamination des Trinkwassers und starken Ascheablagerungen. Außerdem ging wahrscheinlich die globale Temperatur für einige Zeit zurück. Zumindest die Gruppe von Menschen im Raum Zlatý kůň überlebte dies wahrscheinlich nicht, wie Erbgut-Untersuchungen zeigen, denen zufolge die Menschen dieser Gruppe ihr Erbgut nicht an die heutigen Europäer weitergab. Ob die Menschen im Raum der Schwäbischen Alb diese Katastrophe vor Ort überlebten oder später dorthin wanderten, ist unklar, aber vermutlich waren Mittel- und Westeuropa weniger stark von den Folgen betroffen.
  • Die ältesten sicher belegten Musikinstrumente wurden in den Höhlen Geißenklösterle und Hohlefels auf der Schwäbischen Alb gefunden und sind rund 43.000 bzw. 37.000 Jahre alt.
  • In weiten Teilen Europas wurden Frauenfiguren gefunden, die erstmals vor rund 40.000 Jahren nachzuweisen sind und mit Schwerpunkt zwischen 28.000 und 12.000 Jahren alt sind. Die ältesten bekannten figürlichen Darstellungen eines Menschen entstanden vor ca. 35.000-40.000 Jahren in den Räumen Schwäbische Alb (Venus vom Hohlefels) und Niederösterreich (Venus vom Galgenberg). Sie stellen vermutlich Urmütter dar. Zu den ebenfalls in diesem Zeitraum entstandenen ältesten Abbildungen eines Menschen gehört auch der „Adorant vom Geißenklösterle“, dessen Körperhaltung an die eines betenden Menschen erinnert. Die „Venus von Brassempouy“ zeigt die älteste bekannte Darstellung eines menschlichen Gesichts.
  • Immer aufwändigere Bestattungen deuten darauf hin, dass die Menschen der Jungsteinzeit von der Unsterblichkeit der Seele ausgingen und sich fortschreitend intensiv mit dem Tod und dem Leben nach dem Tod auseinandersetzten.
  • Vor rund 30.000 Jahren begannen Menschen auf dem Gebiet des heutigen Tschechien größere Mengen zu zählen, worauf Einkerbungen auf Knochen hindeuten. Eine vor ca. 19.500 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs entstandene Speerschleuder stellt die erste bekannte Maschine in der Geschichte der Menschheit dar.

Europa bildete während der Zeit des Auragnacien vor ca. 45.000-30.000 Jahren erstmals einen zusammenhängenden Kulturraum zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Die damals in Europa lebenden Menschen gehören zu den Vorfahren der heutigen Europäer.21 Sie lebten in Gruppen mit durchschnittlich ca. 40-150 Mitgliedern als Jäger und Sammler von einigen Siedlungsräumen ausgehend die den jahreszeitlichen Tierwanderungen folgten. Die Existenz solcher Siedlungsräume ist in Nordspanien, Südwestfrankreich, Belgien, Teilen Tschechiens sowie im Bereich der Schwäbischen Alb nachgewiesen. Archäologische Spuren von gewaltsamen Konflikten zwischen diesen Gruppen wurden bislang nicht gefunden.

Die Zahl der in Europa gleichzeitig lebenden Menschen während des Auragnacien wird auf maximal einige tausend geschätzt. Während eines Kältemaximums, das vor rund 30.000 Jahren begann, ging die Zahl der Menschen in Europa auf vielleicht nur einige hundert Menschen zurück. Die Menschen Europas zogen sich vermutlich nach Nordspanien, Italien, den Balkan und die Nordküste des Schwarzen Meeres und möglicherweise Anatolien zurück, von wo aus Nordeuropa später neu besiedelt wurde. Selbst in wärmeren Phasen lebten damals vermutlich nur wenige tausend Menschen gleichzeitig in Europa.

Vor rund 25.000 Jahren bildeten sich im Raum des kaspischen Meeres Gruppen von Menschen heraus, deren Vertreter in einer Jahrtausende umspannenden Wanderung über den Nahen Osten und Routen südlich und nördlich des Schwarzen Meeres nach Europa vordrangen, wo vor 16.000-13.000  Jahren der Rückzug der eiszeitlichen Gletscher neue Lebensräume freigab. Vor rund 11.000 Jahren begannen Menschen in die Teile Deutschlands nördlich der Donau vorzudringen, die mit dem Ende der Eiszeit bewohnbar wurden.

Sie besiedelten auch den Raum zwischen Dänemark und Großbritannien, in dem sich heute die Nordsee erstreckt, und der vor 8.000 Jahren vom steigenden Ozean überflutet wurde. Archäologische Funde belegen die Präsenz von Jägern und Sammlern in diesem untergegangenen Land, das später als „Doggerland“ bezeichnet wurde.

Die schamanische Religion des frühen Europas und die frankokalabrische Höhlenkunst

Vermutlich herrschte zu dieser Zeit eine schamanische Religion vor. In Bad Dürrenberg in Sachsen Anhalt wurde das Grab einer mutmaßlichen Schamanin entdeckt, die um 7.000-6.000 v. Chr. besonders aufwändig bestattet worden war. Auf schamanische Religion weist auch eine  vor ca. 35.000-40.000 Jahren im Raum Schwäbische Alb entstandene Figur hin, welche eine menschliche Figur mit Löwenkopf darstellt.

Auch die frankokalabrische Höhlenkunst, die im Zeitraum vor ca. 40.000-12.000 Jahren nördlich und südlich der Pyrenäen entstand, war von schamanischen Einflüssen geprägt. Diese Höhlenkunst weist kaum Entwicklungen auf, sondern hatte bereits in ihrer Frühzeit ein hohes künstlerisches Niveau, das sie bis zu ihrem Ende beibehielt.

Die Höhepunkte dieser Kunst finden sich in den vor ca. 30.000 Jahren entstandenen Malereien in Chauvet und den vor ca. 17.000 Jahren entstandenen Malereien in Lascaux. Diese Malereien entstanden über den Verlauf von Jahrhunderten hinweg, und die Höhlen wurden vermutlich über Jahrtausende hinweg für Zeremonien einer schamanischen Religion genutzt. Es ist unbekannt, welche genaue Funktion die Malereien hatten, aber es ist wahrscheinlich, dass sie nicht nur dekorativen Zwecken dienten. Möglicherweise erzählten sie bestimmte Geschichten bzw. Mythen.

In der Höhle von Lascaux existiert zudem ein Schacht, an dessen Grund Zeichnungen mit Motiven gefunden wurden, die besonders deutliche Bezüge zu schamanischer Religion aufweisen und die offenbar Bezüge zu Themen wie Leben, Tod, Kampf, Zeugung und Transzendenz aufweisen. Zudem finden sich am Boden des Schachts Spuren möglicher Opfergaben aufweisen, etwa Pfeilspitzen mit rotem, möglicherweise Blut repräsentierendem Pigment.

Einige Motive griechischer Mythen finden sich schon in den Höhlenmalereien der Altsteinzeit, etwa in Lascaux, was nur dadurch zu erklären ist, dass es eine direkte Linie mündlicher Überlieferung zwischen den Kulturen der Altsteinzeit und der Antike gegeben haben muss.22

Die Nutzung der Höhlen endete aus unbekannten Gründen. Eine Hypothese lautet, dass die schamanische Naturreligion ihrer Schöpfer im Zuge des sich erwärmenden Klimas am Ende der letzten Eiszeit und den damit verbundenen radikalen Veränderungen der Natur bzw. der Tier- und Pflanzenwelt ihren Sinn verlor und vergessen bzw. aufgegeben wurde.

2.3 Die neolithische Revolution (seit ca. 6.000 v. Chr.)

Vor rund 14.000 Jahren entstanden im Nahen Osten die ersten sesshaften Kulturen, die später in Form der Kultivierung von Wildgetreide die Landwirtschaft entwickelten, was ein starkes Bevölkerungswachstum ermöglichte.

Um 9.000 v. Chr. errichteten diese Menschen die erste bekannte Tempelanlage in der Geschichte der Menschheit in Göbekli Tepe. Klaus Schmid zufolge habe die Errichtung dieser Anlage einen wesentlichen Impuls für die Sesshaftwerdung des Menschen dargestellt, weil sie große Zahlen an Arbeitskräften über einen längeren Zeitraum sowie eine hierarchische Gesellschaftsordnung erfordert habe. Die Errichtung Anlage hätte dann einen wesentlichen Impuls für die Entwicklung der Menschheit dargestellt.23 Die aus Steinkreisen bestehende Anlage stellte mutmaßlich eine Kultstätte dar. Es wurden Hinweise auf einen Ahnenkult entdeckt. Außerdem stellten Archäologen fest, dass die einzelnen Strukturen auf der Grundlage von Dreiecksmustern errichtet wurden, was bedeutet, dass die Erbauer über Geometriekenntnisse sowie über Maßeinheiten verfügten. Abweichend von der Kunst der Steinzeit stellten in künstlerischen Darstellungen erstmals Menschen das Zentrum dar.24

Um 8.000 v. Chr. entstand mit Jericho die erste bekannte Stadt in der Geschichte der Menschheit. Die Stadt erfüllte mutmaßlich vor allem die Funktion eines Heiligtums, da ihr Name „Ort des Mondgottes“ bedeutet. Um 7.400 v. Chr. entstand zudem die besonders gut erforschte Großsiedlung in Çatalhöyük.

Das wärmer werdende Klima nach dem Ende der letzten Eiszeit trug vermutlich dazu bei, dass Siedler aus dieser Region ab ca. 8.000 v. Chr. nach Europa zogen. Der Prozess der neolithischen Durchdringung Europas dauerte mehrere tausend Jahre und fand in Form von Migration von Bauern in das damals dünn besiedelte Europa statt, welche die ansässige Bevölkerung überwiegend in Richtung Norden verdrängte, sich zum Teil aber auch mit ihr vermischte bzw. parallel zu diesen lebte und deren Lebensweise übernahm. Die Bauern der Jungsteinzeit stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern eine weitere Gruppe der Vorfahren der heutigen Europäer dar.25

Eine dieser Migrationsbewegungen fand über den Balkan und entlang der Donau statt, während sich die andere entlang der Mittelmeerküste über Spanien und Frankreich bis nach England vollzog, das sie um 4.000 v. Chr. erreichte.26 Die Siedler verfügten über Kenntnisse der Landwirtschaft und über Technologien wie Keramik, Brunnen- und Hausbau und werden wegen der typischen Verzierungen ihrer Tonwaren als Bandkeramiker bezeichnet. Ihre Siedlungsbewegung verbreitete sich offenbar entlang von Flussläufen, in deren Umfeld des fruchtbare Boden gab. Es wird davon ausgegangen, dass es Handlungsbeziehungen zwischen den eingewanderten Bauern und den einheimischen Jägern und Sammlern gab, aber nur wenig Vermischung. Die Einheimischen wichen zunächst offenbar in Hochlagen sowie nach Norden und Westen aus, nahmen Landwirtschaft und andere Technologien der Bauern an und wurden zur Tricherbecher-Kultur, deren Angehörige später aus Skandinavien nach Süden vorstießen.

  • Über Ungarn eingewanderte Menschen, deren Vorfahren Teil dieser Migrationsbewegung waren, errichteten um 5.400 v. Chr. das erste bekannte Dorf auf dem Boden des heutigen Deutschlands bei Schwanfeld in Franken.
  • Um 5.300 v. Chr. schuf die Vinca-Kultur auf dem Balkan Objekte, die mit Zeichen versehen waren, bei denen es sich möglicherweise um das erste bekannte Schriftsystem in der Geschichte der Menschheit handelte. Einige der Zeichen ähneln minoischen Schriftzeichen, aus denen später die griechische Schrift hervorging, aus der wiederum die moderne europäische Schrift hervorging. Zudem stellten Angehörige der Vinca-Kultur die ersten metallenen Werkzeuge in der Geschichte der Menschheit her.
  • Für den Zeitraum ab ca. 5.100 v. Chr. sind Auseinandersetzungen in Mitteleuropa archäologisch belegt, bei denen jeweils Dutzende oder sogar mehrere hundert Männer getötet wurden. In Herxheim in der Pfalz wurde eine vermutlich von Bandkeramikern betriebene Kultstätte entdeckt, an der um 5.000 v. Chr. innerhalb weniger Jahre mindestens mehrere hundert Männer (darunter auch Kinder), die aus vielen Regionen Mittel- und Westeuropas stammten, rituell hingerichtet wurden. Der genaue Hintergrund ist unklar.

Aus dieser Phase stammen u. a. die Megalithstrukturen (ca. 4.500-2.000 v. Chr.), die baulich an Vorbilder aus der bereits erwähnten Tempelanlage Göbekli Tepe anknüpften. Um das Jahr 4.800 v. Chr. seien vermutlich im Nordwesten des heutigen Frankreichs erstmals Grabstätten (Steinkammern in Grabhügeln) und Kultanlagen aus großen Steinen erreichtet worden. Deren Erbauer waren mutmaßlich sich entlang der Mittelmeerküste verbreitende Angehörige der oben beschriebenen Migrationswelle aus dem Bereich Levante und Ägäis.27 Diese Praxis habe sich dann auf dem Seeweg in den küstennahen Räumen von Mittelmeer, der europäischen Atlantikküste sowie im Raum Nord- sowie Ostsee verbreitet.28 In diesem Zusammenhang entstanden auch die Bauten von Stonehenge (ab ca. 3.000 v. Chr.). Diese Werke belegen den hohen Stellenwert der Religion im Europa der Jungsteinzeit, da der damalige Aufwand zu ihrer Errichtung enorm war.

Ab ca. 3800 v. Chr drangen Angehörige der Trichterbecher-Kulturen im Zuge einer rund ein Jahrtausend anhaltenden Migrationsbewegung aus Skandinavien nach Süden vor. Es handelte sich  bei Nachkommen der Menschen, die zuvor von den neolithischen Bauern nach Norden verdrängt worden waren. Archäologisch sind aus diesem Zeitraum viele Spuren von Gewalt nachgewiesen.

2.4 Die Indoeuropäer (ca. 2.800-1.600 v. Chr.)

Der Großteil der europäischen Sprachen, die Menschen Europas und wesentliche Aspekte der antiken Kulturen Europas gehen wesentlich auf indoeuropäische Einflüsse zurück.

Der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel kritisierten, dass wichtige Völker dieser Zeit nach ihren materiellen Produkten benannt worden seien, was ihrer Bedeutung für die europäische Geschichte unangemessen sei. Die Schnurkeramiker- und die Glockenbecherkultur seien „zwei der faszinierendsten europäischen Kulturen überhaupt“.29

  • Die Schnurkeramiker (ca. 2.800-2.200 v. Chr.): Die Proto-Indoeuropäer waren wahrscheinlich Angehörige der Jamnaja-Kultur, die im Zeitraum vor rund 6.000-4.000 Jahren möglicherweise aufgrund verschlechterter Umweltbedingungen in mehreren Wellen aus ihrem nördlich von Kaukasus und Schwarzem Meer gelegenen Siedlungsraum nach Ost- und Mitteleuropa vordrangen und dabei ihre Sprache, Religion und Kultur verbreiteten. Sie waren die Träger der schnurkeramischen Kultur (ca. 2.800-2.350 v. Chr.), die damals Mittel- und Osteuropa prägte.30 Es drangen vorwiegend Männer nach Mitteleuropa vor, die sich ansässige Frauen als Partnerinnen nahmen. Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch kaum nachweisbar. Mutmaßlich war Mitteleuropa zu dieser Zeit nur dünn besiedelt, weil die Proto-Indoeuropäer wahrscheinlich die Pest in Europa verbreiteten und dadurch teilweise entvölkerten. Die Proto-Indoeuropäer stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern sowie den neolithischen Bauern den dritten maßgeblichen Einfluss dar, aus dem die Menschen Europas hervorgingen.31 Auf die proto-indoeuropäische Sprache gehen die meisten heutigen europäischen Sprachen zurück. Zu den proto-indoeuropäischen kulturellen Einflüssen gehören auch die Annahme der Existenz eines anderen Göttern übergeordneten Vatergottes (Proto-Indoeuropäisch: dyeus phater, Altgriechisch: Zeus pater, Latein: Iupiter) und die Dreiteilung der Gesellschaft in Klerus, Kriegerklasse und Bauern.
  • Die Glockenbecher-Kultur (ca. 2.500-2.200 v. Chr): Ab ca. 2.500 v.Chr. drangen auch die Menschen der sog. Glockenbecherkultur aus Siedlungsgebieten, die nach aktuellen Erkenntnissen ebenfalls aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres stammen, nach Mitteleuropa vor. Ab ca. 2.400 v. Chr. erreichten sie die britische Insel, wo sie Stonehenge übernahmen und weiter betrieben. Sie waren durch Pferde sehr mobil und besiedelten Teile West- und Mitteleuropas inselartig, wobei stellenweise, etwa auf der britischen Insel, ein weitgehender Bevölkerungsaustausch stattfand.32 Sie beherrschten die Bronzeherstellung und unterhielten wahrscheinlich ganz Europa umspannende Handelsnetzwerke, entlang der sie auch ihre mit der Errichtung von Ringheiligtümern verbundene Religion und Kultur verbreiteten.
  • Die Aunjetitzer Kultur (ca 2.200-1.600 v. Chr.): Ab ca. 2.200 v. Chr verbanden sich Schnurkeramiker und Glockenbecher-Kultur v. a. auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts zur Aunjetitzer Kultur, die Träger des ersten bekannten Staates Mitteleuropas war. Durch günstige geographische Bedingungen für Landwirtschaft in Form von Schwarzerdeböden sowie die Lage an einem Knotenpunkt europäischer Handelswege konnte die Kultur eine Armee unterhalten, die das Gebiet über Jahrhunderte vor äußeren Bedrohungen schützte und eine lange Friedensperiode ermöglichte. Befestigungen und Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch nicht nachweisbar. Die Kultur schuf die Himmelsscheibe von Nebra, die früheste bekannte konkrete Himmelsdarstellung in der Geschichte des Menschen. Sie errichtete zudem große, pyramidenähnliche, mit weißem Kalk überzogene Hügelgräber für ihre Herrscher, die heute weitgehend abgetragen sind. Die Aunjetitzer Kultur stand wahrscheinlich im Kontakt zu den damaligen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens, von denen sie kulturelle Impulse aufnahm.33

Laut dem Archäologen Harald Meller sei die Bevölkerung Mitteleuropas seit der indoeuropäischen Einwanderungswelle genetisch im Wesentlichen bis in die Gegenwart hinein stabil geblieben:

“Wir sprechen heute noch diese Sprachen, die Gene tragen wir heute noch in uns, sodass wir mit einer gewissen Berechtigung zwischen der Zeit um 2000 bis heute von einer Bevölkerungskontinuität ausgehen können. Es handelt sich dabei auch nicht um so viele Generationen. Wenn Sie für hundert Jahre fünf Generationen ansetzen, kommen Sie seit Christi Geburt nur auf hundert Generationen, wenn Sie weitere 2000 Jahre zurückgehen, sind es insgesamt zweihundert Generationen. Das ist menschheitsgeschichtlich ein überschaubarer Zeitraum.”34

3. Antike

3.1 Die „Achsenzeit“ (ca. 800-200 v. Chr.)

Karl Jaspers bezeichnete den Zeitraum zwischen ca. 800-200 v. Chr. als „Achsenzeit“. Es sei auffällig, dass zu dieser Zeit in den voneinander unabhängigen Kulturräumen der damaligen Welt gleichzeitig entscheidende kulturelle Entwicklungen eingesetzt hätten, die bis in die Gegenwart prägende Wirkung haben. Jaspers zufolge habe damals die geistige Grundlegung der Menschheit stattgefunden.35 Während sich in Europa das antike Griechenland kulturell formte und die griechische Philosophie entstand, seien fast gleichzeitig der Buddhismus in Indien, der Daoismus und Konfuzianismus in China, das Judentum in der Levante und der Zoroastrismus in Persien entstanden.

3.2 Die antiken Wurzeln des Abendlandes

3.2.1 Das antike Griechenland

Die Grundlagen der Kultur des antiken Griechenlands entstanden ab ca. 2.600 v. Chr. auf Kreta in Form der mutmaßlich nicht indoeuropäisch-sprachigen minoischen Kultur, welche u. a. eine Schrift schuf, aus der später auch die lateinische Schrift hervorging. Teile der minoischen Kultur überlebten ihren Untergang um 1450 v. Chr.

Die auf indoeuropäische Ursprünge zurückgehende mykenische Kultur (ca. 1.600-1.200 v. Chr.) war die erste Hochkultur auf dem europäischen Kontinent. Sie endete zu einer Zeit, als der gesamte ostwärtige Mittelmeerraum von gewaltsamen Verwerfungen geprägt war, deren Hintergründe bislang nur unvollständig verstanden sind.

Die Zeit zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet, weil aus ihr keine Schriftzeugnisse überliefert sind. Es gebe archäologische Hinweise für die Zerstörung vieler Siedlungen und einen „katastrophalen Bevölkerungsrückgang“ zwischen dem 12. und dem 10. Jahrhundert. Außerdem hätten umfangreiche Migrationsbewegungen stattgefunden. Spuren der Erinnerung daran fänden sich in der griechischen Literatur späterer Jahrhunderte.36

Ab ca. 800 v. Chr. setzte im östlichen Mittelmeerraum eine Zeit raschen Bevölkerungswachstums und technologischer Entwicklung ein. Es bildete sich eine auf Stadtstaaten (Poleis) gestützte griechische Kultur heraus, die ebenso wie die phönizische Kultur im gesamten Mittelmeerraum Kolonien gründete.

Ab dem 5. Jhd. v. Chr. führen diese durch die äußere Bedrohung zur Einheit gezwungenen griechischen Stadtstaaten einen Abwehrkampf gegen persische Versuche zur Expansion nach Europa. Zwischen ca. 500 und 400 v. Chr. erfolgte auch der kulturelle Aufstieg Athens. Zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert v. Chr. wirkten die Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles, welche die gesamte europäische Geistesgeschichte bis in die Gegenwart prägen. Auch der Bildungsbegriff der griechischen Antike und ihre auf schlichter Eleganz beruhende Ästhetik wirken bis in die Gegenwart nach. Wie keine andere Kultur hat das antike Griechenland auch das Christentum geprägt. Der Apostel Paulus, der als hellenisierter Jude aufwuchs, gehörte selbst dieser Kultur an.

Die Perserkriege (500-479 v. Chr.)

Das persisches Reich befand sich in einem weltanschaulichen Konflikt mit den griechischen Städtebünden und strebte danach, seine Herrschaft nach Europa auszudehnen, weil laut laut Herodot „Europa so schöne Landschaften besitze, dass dort alle möglichen Bäume gezüchtet würden, dass die Fruchtbarkeit des Bodens dort hervorragend sei und dass von allen Sterblichen der König der Perser als Einziger würdig sei, dies alles zu besitzen.“ Die persischen Vorstöße nach Europa wurden im Zuge der Schlachten bei den Thermopylen und bei Marathon zurückgeschlagen. Der endgültige Sieg der Griechen über die Perser und somit der Sieg der entstehenden abendländischen Zivilisation erfolgte auf See in der Schlacht von Salamis 480 und auf Land bei Plataiai 479.

Der Ursprung des europäischen Gedankens

Aus den Konflikten der damaligen Zeit entwickelte sich bei den antiken Griechen die Vorstellung, dass die Welt aus zwei entgegengesetzten Hälften bestehe. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff „Europa“ häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.37

3.2.2 Das antike Rom

Die römische Kultur hellenisierte sich kulturell ab dem 3. Jhd. v. Chr. und nach der Eroberung Griechenlands setzten die Römer ab dem 2. Jhd. v. Chr. das kulturelle Erbe der Griechen in ihrem Reich fort. Gestützt auf in höchstem Maße leistungsfähige Verwaltung und Streitkräfte schufen sie im Verlauf des Bestehens der Römischen Republik (509 – 27 v. Chr.) die erste politische Ordnung auf europäischer Ebene mit einer gemeinsamen Sprache, in die die Völker und Stämme der damaligen Zeit geordnet eingebunden waren. Auch das damals geschaffene römische Recht, das auf dem Naturrechtsgedanken beruhte, wirkt bis in die Gegenwart nach.

Im Römischen Reich (27 v. Chr. – 476 n. Chr.) fand das Christentum zudem die Grundlage dafür vor, zur Weltreligion werden zu können. Die Gedanken des politischen Philosophen Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) beeinflussten maßgeblich das christliche Denken bzw. das Denken des hl. Augustinus (354-430 n. Chr.), der seinen eigenen Worten zufolge durch die Gedanken Ciceros zum Christentum fand. Später griff der hl. Thomas von Aquin die Gedanken Ciceros auf. Auch die Philosophie der Stoa, die v. a. durch Seneca (1-65 n. Chr.) propagiert wurde und die römische Elitenkultur zeitweise prägte und die das Streben nach Tugend über das Streben nach Wohlbefinden stellte und die Kontrolle der eigenen Leidenschaften anstrebte, verfügte über Anknüpfungspunkte zu christlichem Denken.

Die römische Identität bzw. die romanitas was das Ergebnis der Durchdringung der ursprünglichen Kultur Roms durch das griechische Erbe. Laut John Roberts hätten „römische Waffen und römische Regierungen […] ein Rahmenwerk“ errichtet, innerhalb dessen die hellenistische Vergangenheit fortlebte und schließlich in das frühe Christentum mündete“. Zudem hätten „Friede, Ordnung und Stabilität“ innerhalb des Reiches günstige Bedingungen für die Ausbreitung des Christentums geschaffen.38

Der römische Nationaldichter Vergil definierte mit seinem Werk die romanitas und den römischen Kulturauftrag. Einige der von ihm beschriebenen Konzepte wurden durch das Christentum aufgegriffen und nach dem Untergang des römischen Reiches fortgesetzt. Er beschrieb zudem in einem ca. 40 v. Chr. entstandenen prophetischen Gedicht die Ankunft eines Knaben, der als Erlöser ein goldenes Zeitalter einleiten und als König herrschen werde:

„Schon ist das Ende der Zeit nach dem Lied von Cumae gekommen.
Und großartig beginnen den Lauf ganz neue Geschlechter.
Schon kehrt wieder Astraea, es kehrt Saturnus‘ Regierung:
Neue Geburten entsteigen nun bald dem erhabenen Himmel.
Sei nur dem werdenden Knaben, mit dem sich das eiserne Alter
Schließt, und die goldene Zeit aufsteiget dem sämtlichen Erdkreis […].

Er wird göttliches Leben empfahn: Heroen mit Göttern
Wird er vermischt anschaun und selbst sich ihnen gesellt sehn,
Und im Frieden die Welt mit der Tugend des Vaters beherrschen.
Aber dir wird, o Knabe, zuerst ungebauet das Erdreich […].

Jetzo beginne – die Zeit ist da – die erhabene Ruhmbahn,
Sprössling, den Göttern so wert, du, Juppiters herrlicher Nachwuchs!“

Unter Kaiser Trajan (53-117 n. Chr.) erlangte das Reich seine größte Ausdehnung. Er galt bereits der antiken Geschichtsschreibung als bester der römischen Kaiser (optimus princeps). Die christliche Tradition schloss sich dieser positiven Bewertung seiner Herrschaft an. Zu den herausragenden römischen Kaisern gehören zudem Augustus (63. v. Chr. – 14 n. Chr.), Hadrian (76-138 n. Chr.) und Marcus Aurelius (121-181 n. Chr.). Letzterer gilt als Verkörperung des Ideals der Philosophenherrschaft. Seine Unterstützung für Christenverfolgungen ging wahrscheinlich auf Missverständnisse bzgl. des Christentums zurück, wozu das Verhalten von Fanatikern am Rande der Kirche beigetragen hatte.

Im dritten Jahrhundert wurde der Verfall des Reiches bereits deutlich sichtbar, das zwischen 235–284 n. Chr. eine erste existenzielle Krisen durchlief. Unter Konstantin dem Großen (ca. 270-337 n. Chr.) endeten die Christenverfolgungen endgültig, weshalb ihm aus christlicher Sicht besondere Anerkennung gilt. Als sich das Christentum im vierten Jahrhundert durchsetzte, konnte es den Untergang des Reiches jedoch nicht mehr verhindern. Die katholische Kirche ist die einzige zu römischer Zeit entstandene Institution, die den Untergang des Reiches überlebte und dabei viele seiner kulturellen Leistungen bewahrte.

Außer von guten Werken, die in das abendländische Erbe aufgenommen wurden, war die römische Gesellschaft jedoch auch von vielen schlechten Eigenschaften geprägt, etwa von Sklaverei, grausamer Massenunterhaltung, einer zunehmend dekadenten Elite sowie immer größerer sozialer Polarisierung und einer wenig glaubwürdigen Staatsreligion.

3.2.3 Das Volk Israel

Die historischen Ursprünge des Judentums bzw. des Volkes Israel sind nur unvollständig bekannt. Vermutlich wurde das Gebiet des heutigen Israels zwischen dem 12. und dem 10. Jhd. v. Chr. besiedelt, wobei archäologische Funde darauf hindeuten, dass diese Besiedlung sich möglicherweise abweichend von einigen Darstellungen des Alten Testaments friedlich vollzog.39 Die wesentlichen historischen Aussagen des Alten Testaments sind für die Zeit seit König David Historikern zufolge den vorliegenden Erkenntnissen nach jedoch „im Großen und Ganzen korrekt“.40

Bei den Königen David (ca. 1010-970 v. Chr.) und Salomon (ca. 970-930 v. Chr.) handelte es sich wahrscheinlich um historisch reale Personen.41 David eroberte Jerusalem, machte es zur Hauptstadt seines Reiches und ließ vermutlich einen ersten Tempel zur Verehrung Jahwes errichten. Die erste Version der ältesten Schriften des Alten Testaments entstand mutmaßlich um 620 v. Chr. und eine zweite Version während der Zeit des jüdischen Exils in Babylon um 550 v. Chr.42

Der jüdische Monotheismus und die auf den Zehn Geboten beruhende jüdische Naturrechtstradition prägten das Christentum und dadurch auch Europa. Die jüdische Tradition nahm auch ägyptische, persische, hethitische, sumerische, babylonische und andere Elemente auf, die teilweise auch in das Christentum eingingen und so in einer veredelten Form bis in das christliche Europa der Gegenwart weiterexistieren.43

3.2.4 Kelten und Germanen

Die Stämme Nord- und Westeuropas treten in der Spätantike mit der Annahme des Christentums und der Einführung einer Schriftkultur in die Geschichte ein. In ihrer kulturellen Entwicklung standen sie bis dahin deutlich hinter der der Völker des östlichen Mittelmeerraums zurück. In Spätantike und Mittelalter spielten sie jedoch eine zentrale Rolle für die Entstehung des christlichen Europas.

Die Begriffe „Kelten“ und „Germanen“ wurden von den unter diesen Zusammenfassungen bezeichneten Stämmen sehr wahrscheinlich nicht verwendet. Die späteren germanischen Großstämme, etwa die Franken, bezogen sich in ihrem Identitätsverständnis zudem weniger auf ihre germanische Vergangenheit sondern auf das von ihnen angenommene christliche und römische Erbe. Die Vorstellung einer übergreifenden nationalen Identität entwickelte sich erst spät, als mit dem Christentum eine gemeinsame kulturelle Grundlage für das Zusammenwachsen der Stämme vorhanden war. Im 19. Jahrhundert wurde versucht, die Abstammung von Völkern wie den Deutschen und den Franzosen unmittelbar auf Germanen und Kelten zurückzuführen um die jeweiligen Nationen in einer vorchristlichen Vergangenheit zu verwurzeln. Die Darstellung, dass die Nationen direkte Fortsetzungen von Germanen und Kelten sind, ist jedoch nicht haltbar. Beide Nationen gehen auf die Synthese germanischer, keltischer, christlicher und römischer Einflüsse zurück.

Die Kelten

Die Kelten schufen mit der Hallstatt-Kultur (800-450 v. Chr.) die erste höhere Kultur in Europa nördlich der Alpen, die schließlich bis zum Atlantik und an das Schwarze Meer und nach Anatolien expandierte. Die La-Tène-Kultur (450-15 v. Chr.) stützte sich auf einen kriegerischen Adel, herrschte über weite Teile Mittel- und Westeuropas, errichtete ab ca. 200 v. Chr. urbane Zentren und erreichte die Schwelle zur Hochkultur. Die militärischen Vorstöße der Kelten bedrohten um 279 v. Chr. sogar die griechische Halbinsel. Den Höhepunkt ihrer geographischen Ausdehnung erreichte die keltische Kultur um 250 v. Chr. Ein keltisches Reich entwickelte sich jedoch nicht, da die Kelten aus zerstrittenen Stämmen bestanden. Eine keltische Literatur, Geschichtsschreibung oder schriftlich niedergelegte Religion gab es zudem nicht, auch wenn Hinweise darauf existieren, dass Kelten eine Schrift verwendeten.

Die keltische Religion stützte sich auf Druiden als geistige Führer, die offenbar religiöse Zeremonien leiteten, aber auch andere Funktionen wahrnahmen, etwa als Richter, Berater  Astrologen, Naturkundige und Philosophen. Gottheiten wurden in häufig eingefriedeten heiligen Hainen verehrt, vor allem durch Tier-, aber auch durch Menschenopfer. Wichtige Persönlichkeiten wurden in Grabhügeln bestattet. Die Römer gingen in Gallien gegen die Druiden vor, die sie auch als politische Führer wahrnahmen. Im Jahr 21 gab es in Gallien einen Aufstand, der mutmaßlich von einem Druiden angeführt wurde. Im Jahr 60 gingen die Römer zudem auf der Insel Anglesey an der Nordostküste von Wales gegen Druiden vor, die für diese offenbar eine besondere Bedeutung hatte. Sie zerstörten dort eine Reihe von keltischen Heiligtümern. Nach 100 gibt es nur noch wenige Erwähnungen von Druiden in historischen Quellen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass sich Reste keltischer Religion in Irland und Wales bis ins frühe Mittelalter halten könnten. Die Gestalt des Zauberers Merlin in der ab dem 12. Jahrhundert in Wales entstandenen Artussage trägt Züge eines Druiden. Der christliche Geistliche Geoffrey von Monmouth, der die Sage niederschrieb, griff dabei offenbar auf ältere Sagen und Legenden zurück.

Um 150 n. Chr. bildeten sich in Südgallien die ersten keltischen christlichen Gemeinden. Bis 350 v. Chr. verbreitete sich das Christentum im gesamten gallischen Raum.

Die römische Eroberung Galliens unter Julius Caesar ab 58 v. Chr., bei der schätzungsweise eine Million Kelten getötet, eine weitere Million versklavt sowie mehrere Hundert Städte und Dörfer zerstört wurden, führt auch zum Ende der keltischen Kultur auf dem europäischen Festland. Nach der keltischen Niederlage setzt eine Romanisierung Galliens ein, die sich auf die überlebenden keltischen Eliten stützt, die nun Verwaltungsaufgaben leisten. Die keltische Religion erlosch in Gallien vermutlich im Jahrhundert. Die keltische Sprache wurde zur Zeit des Zusammenbruchs des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert nur noch in einigen Randgebieten gesprochen. Östlich des Rheins erlosch die keltische Präsenz bereits in den Jahren ab ca. 100 v. Chr. Möglicherweise verödeten die Siedlungen der Kelten hier in Folge von Abwanderung nach dem Zusammenbruch der Wirtschaft nach den römischen Eroberungen in Gallien oder in Folge von Seuchen oder Dürren. Zunächst durch Romanisierung und später durch Verdrängung durch die Angelsachsen verschwand die keltische Kultur auch in großen Teilen der britischen Insel. Vor allem in Irland bestand die keltische Kultur jedoch in christianisierter Form fort und spielte eine wichtige Rolle bei der Christianisierung weiter Teile Mitteleuropas im frühen Mittelalter.

Die Germanen

Die Germanen leisteten der Expansion Roms Widerstand und bedrohten seit den Einfällen der Kimbern und Teutonen ab ca. 120 v. Chr. immer wieder das Römische Reich, das sie ab dem dritten Jahrhundert verstärkt durch Vorstöße über den Rhein unter Druck setzten und schließlich im Zuge der Völkerwanderung zerstörten. Die zu diesem Zeitpunkt bereits christianisierten germanischen Stämme schufen gleichzeitig aber auch die Grundlage für die Entstehung des christlichen Europas im Mittelalter.

Die aus der Jastorf-Kultur (ca. 500 v. Chr.) hervorgegangenen, ursprünglich in Südskandinavien und im norddeutschen Raum beheimateten germanischen Stämme dehnten ihren Siedlungsraum schrittweise nach Süden aus, wobei sie die Kelten verdrängten. Ab ca. 500 v. Chr. entwickelte sich auch aus der indoeuropäischen Sprache, die bis dahin in Mitteleuropa verbreitet war, in diesem Raum das Urgermanische.

Es sind rund 70 germanische Stämme bekannt, darunter Chatten, Chauken, Cherusker, Friesen, Kimbern und Langobarden. Sie gingen mit der Zeit in größeren Stämmen wie Franken, Sachsen und Goten auf. Germanische Stämme, Sippen und Dorfgemeinschaften befehdeten sich häufig bzw. führten Raubzüge gegeneinander. Sie lebten außerdem in Räumen mit vergleichsweise ungünstigen natürlichen Bedingungen, was das Risiko von Hungersnöten erhöhte, nur geringe Bevölkerungszahlen erlaubte und dazu beitrug, dass sich die materielle Kultur der Germanen in vieler Hinsicht langsamer entwickelte als die keltische. Der römische Historiker Tacitus stellte die germanische Kultur in seiner um das Jahr 100 n. Chr. entstandenen Schrift Germania positiv der von ihm als dekadent beschriebenen römischen Kultur gegenüber.

Die germanischen Stämme seien laut dem Archäologen Harald Meller ursprünglich “nicht besonders kriegerisch” gewesen. Erst in der Auseinandersetzung mit Rom gewinnt das Kriegertum eine große Bedeutung, die Kampfideologie entsteht, martialische Götter gewinnen an Einfluss”. Der Konflikt mit dem Römischen Reich habe auch dazu geführt, dass kleinere Stämme sich zu größeren Gemeinschaften zusammengeschlossen hätten. Die germanischen Stämme hätten eine außergewöhnliche Resilienz gegenüber dem kulturellen Anpassungsdruck Roms gezeigt und ihre Identität dagegen behauptet.44 Durch den Kontakt mit römischer Kultur in Städten und Siedlungen im römisch-germanischen Grenzgebiet sowie durch den Dienst in den römischen Streitkräften kamen Germanen gleichzeitig in Kontakt mit römischer Kultur und erlangten auch das römische Bürgerrecht. Einige frühe römische Kaiser seit Augustus verfügten parallel zu den Prätorianern über eine vorwiegend aus Batavern und Ubiern rekrutierte germanische Leibwache, die Germani corporis custodes, die rund 500-1.000 Soldaten umfasste und auf deren Grabsteine ihre Herkunftststämme vermerkt sind. Später wurde die berittene, auch aus Germanen bestehende Leibwache equites singulares aufgestellt, die erst unter Kaiser Konstantin aufgelöst wurde, weil sie auf der Seite seiner Gegner gekämpft hatte.

Über die Religion der Germanen ist nur wenig bekannt ist. Seen und Moore dienten als Kultstätten, an denen Opfer dargebracht wurden. Bei Oberdorla in Thüringen wurde eine Kultstätte entdeckt, die mehrere kleinere heilige Bezirke mit Altären aus Erde und Ruten sowie Pfahlbildnisse von Gottheiten am Ufer eines Moorsees umfasst. Hier wurden über einen Zeitraum von rund 1.200 Jahren bis um das Jahr 600 n. Chr. göttlichen Mächten Opfer gebracht, darunter offenbar auch Menschen, sowie die Waffen besiegter Feinde, die zuvor zerstört wurden. Möglicherweise galten Seen und Moore als Orte der Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. An diesen heiligen Stätten wurden offenbar auch Opfermahle gefeiert, worauf Funde zahlreicher Tierknochen hindeuten. Außerdem war offenbar der Glaube an Weissagung und Magie verbreitet. Die in den Jahrzehnten vor 150 n. Chr. entwickelte, vermutlich an südeuropäische Alphabete angelehnte Runenschrift der Germanen wurde vorwiegend für religiöse bzw. magische Zwecke sowie für die Angabe von Namen vorbehalten. Sie ist in ihrer Gestaltung darauf angelegt, nicht geschrieben sondern eingraviert zu werden, was durch Runenmeister vollzogen wurde.

Die Religionen der Germanen entwickelte sich über die Jahrhunderte. Im Zuge dieser Entwicklung bildete sich die Vorstellung Odins als Göttervater heraus, woran das Christentum anknüpfen konnte. Gleichzeitig flossen Elemente der germanischen Religion in das europäische Christentum ein. Als Beginn der Christianisierung germanischer Stämme gilt das Wirken des arianischen Christen Bischof Wulfilas bei den Goten, der um 350 die Bibel ins Gotische übersetzte (siehe unten). Das arianische Christentum breitete sich im 5. und 6. Jahrhundert auf andere germanische Stämme wie Langobarden, Vandalen, Burgunder und Ostgoten aus.

3.2.5 Das Alte Ägypten

Die Kultur des Alten Ägyptens beeinflusste sowohl die Kultur des antiken Griechenlands als auch die des Volkes Israel und dessen Religion. Auf diesem Weg wirkte das Alte Ägypten auch in die abendländische Kultur hinein.

  • Herodot führte große Teile der Religion des antiken Griechenlands auf das Alte Ägypten zurück und äußerte große Achtung gegenüber dessen Kultur.
  • Der erstmals unter dem Pharao Eschnaton (er herrschte ca. zwischen 1351-1334 v Chr.) aufgekommene Monotheismus strahlte möglicherweise auf das Judentum aus. Teile der Psalmen 104 und 145 greifen Elemente des mutmaßlich von Eschnaton selbst formulierten Aton-Hymnus bzw. des „Großen Sonnengesangs“ auf.
3.2.6 Sonstige Einflüsse: Babylonier und Assyrer

Inhalt folgt

3.3 Das frühe Christentum

3.3.1 Die Verfolgung der ersten Christen

Nach der Kreuzigung Christi duldeten die jüdischen Pharisäer das Christentum zunächst als Gruppe innerhalb des Judentums, während die Sadduzäer für dessen Verfolgung eintraten. Die erste größere Christenverfolgung begann 34 n. Chr. Sie wurde offenbar durch den späteren Apostel Paulus im Auftrag der Sadduzäer geleitet, der in deren Auftrag die Steinigung von Stephanus, dem ersten Märtyrer in der Geschichte des Christentums, beaufsichtigte. Ein Teil der Christen floh vor der Verfolgung, die sich auf Judäa und ggf. Galiläa konzentrierte, nach Syrien und Samaria, während eine Kerngruppe um die Apostel in Jerusalem verblieb. Dort wurde im Jahr 64 Jakobus der Gerechte gesteinigt, weil er jüdische religiöse Gesetze verletzt haben soll.

Laut John Roberts habe sich das Christentum auch durch die zunehmende geistige Verbindung mit der griechisch-römischen Kultur, in deren Raum es sich verbreitete, innerlich vom Judentum getrennt.45 Dem Historiker Israel Yuval ist außerdem das Judentum der Gegenwart nicht mit dem Judentum identisch, aus dem das Christentum hervorging. Das heutige Judentum habe seine Identität in der Auseinandersetzung mit dem entstehenden Christentum durch negative Abgrenzung geformt. Das „Christentum ist in diesem Sinne die Mutter und das Judentum die Tochter, nicht umgekehrt“. Der Talmud, das nach der Tora wichtigste Buch des Judentums, stelle eine Reaktion auf das Neue Testament dar, was die dort enthaltenen antichristlich-polemischen Äußerungen erkläre.46 Der babylonische Talmud, der um das Jahr 100 herum entstand, enthält etwa einen „Ketzersegen“, der Christen als Häretiker bezeichnet und Gott anruft, „die Nazarener […] mögen augenblicklich zugrunde gehen“.

3.3.2 Die frühe Phase der Christianisierung Europas

Das Christentum erreichte Europa vermutlich im Jahre 49, als der Apostel Paulus einem im Traum an ihn gegangenen Ruf gehorchend von Troja aus nach Philippi segelte. Christopher Dawson beschrieb die Bedeutung dieses Moments so: „Er brachte Europa das Samenkorn eines neuen Lebens, das letztlich bestimmt war, eine neue Welt zu schaffen.“

Zum europäischen Kulturraum gehörten damals allerdings noch die von griechischer Kultur geprägten Teile des östlichen Mittelmeerraums, so dass der Beginn der Christianisierung Europas im kulturellen Sinne bereits in den Jahren unmittelbar nach dem Wirken Christi und somit noch vor der Niederschrift der Evangelien anzusetzen ist.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner sagte im September 2013, dass der Apostel Paulus „durch den Ruf Gottes bewegt […] der Erwecker Europas geworden“ sei. Er habe ursprünglich auf seiner zweiten Missionsreise gar nicht nach Europa gehen wollen, sei aber durch eine Vision dazu bewegt worden:

„Damit ist etwas Großes ausgesagt: Gott selbst, der Herr der Geschichte, wollte, dass die Frohe Botschaft nach Europa gelange. Es lag also ein Auftrag Gottes an den Weltapostel vor, die eingeschlagene Ostrichtung der Evangelisation abzubrechen und in den Westen zu gehen. Und dieser Westen war dazu bereit […]. Dieser Auftrag bedeutet höchste Auszeichnung unseres Erdteils Europa und damit eine heilige Verpflichtung. Hätte der Auftrag nicht auch lauten können: ‚Geh nach Indien oder China!‘ oder ‚Geh in das alte Pharaonenland am Nil!‘? Nein, der kleinste Erdteil, freilich schon damals politisch der bedeutsamste, wird berufen, das Samenkorn des Evangeliums in sich aufzunehmen, das vom alttestamentlichen Gottesvolk verworfen wurde. Europa ist also auserwählt, die christliche Frohe Botschaft aufzunehmen. […]

Der christliche Historiker Friedrich Heer hat im Hinblick darauf gesagt: ‚Von allen Großräumen der Weltgeschichte ist das Abendland bis zur Gegenwart der einzige Raum geblieben, in dem die Inkarnation, die Menschwerdung Christi, geschichtsbildend geworden ist‘.“47

Das Christentum verbreitete sich in den Jahren bis ca. 300 zunächst in Zentren wie Rom, Südspanien, entlang des Rhone-Tals in Städten wie Lyon, aber auch in Köln und Trier. Die Verbreitung beruhte in dieser Zeit auf individueller Annahme des Glaubens und Aufnahme in die Kirche nach intensiver Glaubensunterweisung.48

Nach der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion im Jahr 313 erfasste es von dort aus das gesamte weströmische Reich. Die Kirche bildete ab diesem Zeitpunkt eine enge Verflechtung mit dem römischen Staat und ähnelte diesem in ihrer hierarchischen Struktur, ihrem Recht und ihrer territorialen Organisation. Es bildete sich zudem eine enge Verbindung von christlicher und römischer Identität heraus. Zu Beginn des fünften Jahrhunderts bildeten Christen im Westen des Reiches eine starke Minderheit, während sie im Osten des Reiches zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits eine Mehrheit bildeten.

3.3.3 Die Verfolgungen durch die römischen Kaiser

Die erste Welle der römischen Christenverfolgung begann im Jahre 64 in Rom unter der Herrschaft Neros, nachdem ein Brand Teile der Stadt vernichtet hatte. Nero entschloss sich dazu, die Verantwortung für den Brand Christen anzulasten. Christen wurden daraufhin in großer Zahl verhaftet und auf zum Teil besonders grausame Weise getötet. Auf diese Aktion folgte jedoch offenbar noch keine systematische Verfolgung. Christen wurden später im Römischen Reich nicht primär wegen der Inhalte ihrer Religion verfolgt, sondern weil sie sich weigerten, den römischen Kaiser als Gott anzuerkennen und ihm oder römischen Gottheiten zu opfern.

Im 3. Jahrhundert verschärften römische Kaiser die Verfolgung der Christen und versuchten die Kirche zu vernichten:

  • Kaiser Maximinus Thrax begann 235 eine Verfolgungswelle.
  • Kaiser Decius ordnete 250 an, dass jeder römische Bürger vor Zeugen ein Opfer vor dem Altar einer römischen Gottheit zu vollbringen habe. Christen, die dies verweigerten, wurden hingerichtet.
  • Kaiser Valerian verstärkte die Verfolgungen 257 weiter. Unter seiner Herrschaft wurden die Bischöfe Cyprian von Karthago (200-258) und Sixtus II. von Rom (gest. 258) getötet. Nach dem Tod Valerians 260 sind für einige Jahrzehnte keine größeren Christenverfolgungen dokumentiert
  • Unter Kaiser Diokletian wurden zwischen 303-311 wieder intensive Christenverfolgungen durchgeführt, weil dieser alte heidnische Kulte wieder als Staatsreligion durchsetzen wollte. Die von ihm verantwortete Verfolgung gilt als besonders konsequent. Zahlreiche Christen wurden festgenommen, gefoltert und getötet. Außerdem wurden die Gräber von Märtyrern geschändet, christliche Texte verbrannt und Kirchen zerstört.

Durch ihre vielfach demonstrierte Bereitschaft, für ihren Glauben zu sterben, erwarben Christen sich zunehmend den Ruf, tapfer und reinen Geistes zu sein. Tertullian (ca. 155-230) sprach davon, dass das „Blut der Märtyrer“ die „Saat der Kirche“ sei.

3.3.4 Der Angriff der Gnosis auf die Kirche

Im 2. und 3. Jahrhunderten bildeten sich Häresien wie die Gnosis heraus. Diese war eine synkretistische Theosophie, die Elemente aus dem Christentum mit jüdischen, griechischen, mesopotamischen, ägyptischen und anderen Einflüssen verband. Die heiligen Schriften der Gnostiker beanspruchten für sich, Evangelien oder Apostelgeschichten zu sein, waren aber deutlich später entstanden als die authentischen, im Bibelkanon enthaltenen Schriften, weshalb sie und somit auch ihr Inhalt nicht authentisch sein konnten. Auf Grundlage dieser Schriften vertrat die Gnosis eine Theologie, die sich zum Teil deutlich von der des Christentums unterschied:

  • Es gebe zwei Götter, einen guten Gott und einen als „Demiurg“ bezeichneten bösen Gott, der mit dem Gott des Alten Testaments identisch sei. Die Welt und der Mensch seien durch den Demiurgen geschaffen worden.
  • Jesus sei nicht Christus, sondern nur ein besonders gerechter Mensch gewesen, während Christus ein himmlisches Wesen sei, das sich zeitweise mit Jesus vereint und ihn vor seiner Kreuzigung wieder verlassen habe.
  • Die meisten Menschen verfügten nicht über eine Seele, sondern nur über Geist, der im Gegensatz zur Seele aber nicht göttlich und daher sterblich sei. Nur eine Minderheit von geistig veranlagten Menschen besitze eine unsterbliche Seele, weshalb nur diese Minderheit erlöst werden könne.

David Bentley Hart verglich die Gnosis mit modernen New Age-Sekten.49 Er erwähnt als potenziell indirekt positiven Einfluss der Gnosis die Vermutung, dass diese die Kirche dazu veranlasst haben könnte, den Bibelkanon zu schaffen, den von den Gnostikern neu geschaffenen Pseudo-Evangelien eine zuverlässige Zusammenstellung echter Evangelien gegenüberzustelle.50

3.3.5 Der Aufstieg des Christentums zur römischen Staatsreligion unter Kaiser Konstantin

Das Christentum wurde unter Kaiser Konstantin (ca. 285 – 337) zur römischen Staatsreligion. Nach einem religiösen Erlebnis zeigte dieser sich zunächst freundlich gegenüber dem Christentum und förderte es später. Er genoss noch zu Lebzeiten daher große Anerkennung unter Christen, handelte aber möglicherweise weniger aus seinem Glauben heraus sondern vor allem aus dem Motiv, das Reich innerlich wieder zu festigen.

Während er anfänglich kaum dem Ideal des christlichen Herrschers entsprach, was etwa die von ihm veranlasste Ermordung seiner Frau und seines Sohnes zeigte, versuchte er später, seine Politik stärker nach christlichen Grundsätzen zu gestalten. Er schaffte beispielsweise besonders grausame Strafen wie die Kreuzigung ab, setzte sich für die Freilassung von Sklaven ein und ermöglichte es der Kirche durch seine Unterstützung, stärker für Arme, Kranke, Witwen und Waisen da zu sein. Taufen ließ er sich jedoch erst unmittelbar vor seinem Tod im Jahre 337.

Die konstantinische Wende (313)

Nach den besonders intensiven Christenverfolgungen unter Diokletian beendete Kaiser Konstantin die Bekämpfung des Christentums durch den römischen Staat. Als Grund dafür gilt ein religiöses Erlebnis, das Konstantin während der Schlacht an der Milvischen Brücke in Rom im Jahr 312 hatte, als er nach Jahren des Bürgerkrieges seinen Gegner Maxentius besiegte. Ein Erlebnis vor der Schlacht veranlasste ihn, die Schulde seiner Soldaten mit dem Christusmonogramm zu versehen, das aus den griechischen Buchstaben Chi und Rho besteht. Einer Überlieferung nach habe er im Traum die Anweisung dazu erhalten. Einer anderen Überlieferung nach sahen Konstantin und seine Soldaten vor der Schlacht ein Kreuz am Himmel.

Nach seinem Sieg erließ er in seiner Funktion als Kaiser des Westreiches zusammen mit Licinius, dem Kaiser des Ostreichs, das Edikt von Mailand, das Christen Glaubensfreiheit und vollständige Bürgerrechte gewährte.

Das Konzil von Nicäa (325)

Im Jahre 325 berief Konstantin das erste allgemeine Konzil der Kirche, um die Lehre der Kirche zu vereinheitlichen.

Der letzte heidnische Kaiser

Kaiser Julian versuchte zwischen 360-363 noch einmal, das Christentum zurückzudrängen und die alte heidnische Religion wieder zu erneuern. Dies gelang ihm jedoch nicht. Einer Überlieferung nach sollen seine letzten Worte gelautet haben: „Du hast gewonnen, o Galiläer!“.51

Das Dreikaiseredikt (380)

Am 27.02.380 unterzeichnete der oströmische Kaiser Theodosius I. (347-395) in Thenessaloniki in Anwesenheit des weströmischen Kaisers Valentinian II. (371-392) und dessen mitregierenden Halbbruder Gratian (359-383) das Dekret „Cunctos populos“, welche das Christentum zur Staatsreligion erklärte und die Ausübung heidnischer Kultur unter Strafe stellte. Heidenverfolgungen analog zu den vorherigen Christenverfolgungen fanden jedoch nicht statt, und die erwähnten Straften wurden eher milde oder gar nicht vollzogen. Es kam allerdings zur Zerstörung heidnischer Tempel und Kultstätten, etwa dem Ort des Orakels von Delphi. Der heidnische römische Staatskult erlosch in Westrom jedoch erst im sechsten Jahrhundert mangels innerer Kraft und Anhängern.

3.3.6 Der Hunnensturm (ca. 370-469)

Die einer schamanischen Religion folgenden, aus Zentralasien stammenden nomadischen Hunnen zogen ab ca. 350 in Richtung Westen und drangen um 375 in Osteuropa ein, besiegten die Alanen und die Ostgoten und lösten die Völkerwanderung aus. Ambrosius, der damalige Bischof von Mailand, sprach angesichts der Invasion der Hunnen der von ihr ausgelösten Völkerwanderung und den damit verbundenen Zerstörungen und Konflikten 390 vom „Ende der Welt“.52 Unter der Führung Attilas stießen die Hunnen aus dem Donauraum nach Vernichtung des Burgunderreiches im Jahre 436 bis nach Gallien vor, wo sie 451 geschlagen wurden. Zuvor waren Versuche der Hunnen, Konstantinopel zu erreichen, am Widerstand oströmischer Legionen gescheitert. Nach dem Tod Attilas im Jahre 453 zogen sich die Hunnen in den Raum ostwärts der Donau zurück. Die Söhne Attilas teilten sein Reich auf und bekämpften sich gegenseitig, bis der letzte von ihnen 469 im Kampf gegen oströmische Kräfte fiel. Die in Osteuropa präsenten Hunnen gingen anschließend in verschiedenen Völkern der Region auf.

Aus christlicher Sicht wurden die Hunnen aufgrund der Tatsache, dass sie bei ihren Raubzügen zahlreiche Städte, Kirchen und Klöster zerstörten, als Feinde des Christentums bzw. der Christenheit, aber auch Werkzeug der Strafe Gottes wahrgenommen. Die Chronik von Venedig bezeichnete Attila aufgrund der von ihm verantworteten Verwüstungen in Norditalien als einen Feind aller Christen.53 Im Zusammenhang mit dem Hunnensturm entstanden außerdem viele Heiligenlegenden, von denen hier nur einzelne wiedergegeben werden.

Die Legende der heiligen Ursula

Das Leben der heiligen Ursula ist nur in Legenden überliefert. Sie war demnach eine britannische Königstochter, die ihr Leben Christus geweiht hatte. Im Rahmen einer Schiffsreise, die sie zusammen mit Gefährtinnen unternahm, sei ihr in Köln ein Engel erschienen, der sie angewiesen habe, nach Rom zu pilgern und ihr prophezeit habe, dass sie das Martyrium erleiden werde. Auf der Rückreise seien sie wieder an Köln vorbeigereist, das zu diesem Zeitpunkt von den Hunnen belagert wurde. Die Hunnen töteten der Überlieferung nach Ursulas Begleiterinnen. Als die überlebende Ursula sich einem Hunnenfürsten verweigert habe, habe dieser sie getötet. Daraufhin hätten die Seelen der getöteten Gefährinnen Ursulas die Hunnen in die Flucht geschlagen.54 Die heilige Cordula habe sich während des Massakers an ihren Begleiterinnen zunächst versteckt, sich aber am nächsten Tag dazu entschieden, ihnen zu folgen.

Die Legende der heiligen Genoveva von Paris

Die heilige Genoveva (ca. 422-502) ist die Schutzpatronin von Paris, wo wie als Asketin lebte. Der Legende nach sagte sie voraus, dass Attila Paris bei seinem Vormarsch verschonen werde. Als er mit seinen Kräften 451 auf die Stadt marschierte, habe sie die Frauen zum Gebet und die Männer zum Kampf aufgerufen:

„Mögen die Männer fliehen, wenn sie wollen; wenn sie nicht mehr dazu in der Lage sind, zu kämpfen. Wir, die Frauen, beten weiter und weiter zu Gott bis er unser Flehen erhört.“

Attila habe Paris schließlich nicht angegriffen.

Der Schutz Roms durch Papst Leo I.

Papst Leo I. soll 452 dem auf Rom marschierenden Attila mit einer Gesandtschaft entgegen gereist sein. Nahe des Gardasees sei es zu einem Treffen gekommen, bei dem Leo I. Attila dazu habe bewegen können, Rom nicht anzugreifen. Die genauen Umstände sind unklar. Zur Entscheidung Attilas trug möglicherweise bei, dass die ihm zur Verfügung stehenden Kräfte nach der Niederlage auf den Katalaunischen Feldern zu schwach waren.

Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern

Attila rief sich 445 zum König der Hunnen aus und drang 451 über den Rhein nach Gallien vor. 451 gelang es römischen Kräften unter der Führung von Flavius Aëtius in Zusammenarbeit mit Westgoten unter Theoderich I., die Hunnen bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern im Raum des heutigen Châlons-en-Champagne zu schlagen und zum Rückzug aus Gallien zu zwingen. Theoderich I. fiel in der Schlacht. Einer Legende nach sollen die Seelen der gefallenen christlichen Kämpfer nach ihrem Tod als unbesiegbare Geistkämpfer den Kampf fortgesetzt und so die Entscheidung in der Schlacht herbeigeführt haben.

3.3.7 Die Völkerwanderung und das Ende des weströmischen Reiches (375-568)

Das Römische Reich versuchte anfänglich noch, die von den Hunnen verdrängten germanischen Stämme, die ab 376 über die Donau strömten, geordnet aufzunehmen und anzusiedeln. Die Lage geriet jedoch rasch außer Kontrolle, und die Stämme zogen ab 377 plündernd durch die römischen Provinzen südlich der Donau. Die römischen Streitkräfte scheiterten 378 in der Schlacht bei Adrianopel dabei, die Eindringlinge aufzuhalten und erlitten in einer der folgenschwersten militärischen Niederlagen der römischen Geschichte hohe Verlust. Die Stämme zogen anschließend für mehrere Jahre plündernd durch den Balkan, bis es Kaiser Theodosius 382 gelang, ein Abkommen mit ihnen auszuhandeln, wobei er ihnen Siedlungsraum und Autonomie in einem Gebiet südlich der Donau gewährte. Nach dem Tod des Kaisers 395 nutzen Goten unter der Führung Alarichs, der bis dahin in römischem Dienst gestanden hatte, die Schwäche des Römischen Reiches für erneute Plünderzüge in oströmischen Provinzen. Sie wurden durch rebellierende germanische, in römischem Dienst stehende Soldaten unterstützt.

Im Jahr 407 überschritt eine große Zahl von Vandalen, Sueben und Mitgliedern anderer germanischer Stämme den Rhein, was die verbliebenen römischen Kräfte endgültig überdehnte. 408 stießen die Kräfte Alarichs bis nach Rom vor und belagerten die Stadt, in der es zu Hungersnot und dem Ausbruch von Seuchen kam, die er im Gegenzug für die Übergabe großer Mengen an Edelmetallen und sonstiger Güter nicht eroberte. Im Jahr 410 eroberte Alarich Rom, nachdem seine weiteren Forderungen nicht erfüllt wurden, und ließ die Stadt plündern. Die Vandalen zogen parallel dazu über Gallien und Spanien bis nach Nordafrika, das sie 429 erreichten, wo sie die Getreideprovinzen des Römischen Reiches einnahmen. 455 plünderten auch sie Rom, das sie von Nordafrika aus angriffen.

Im Jahr 449 zogen Angeln, Sachsen und Jüten aus ihren Siedlungsräumen an der Nordseeküste auf die britische Insel, wo sie die einheimische Bevölkerung größtenteils verdrängten. Die Ostgoten zogen 473 aus dem Bereich des heutigen Ungarn zunächst über den Balkan, bevor sie 488 im Auftrag des oströmischen Kaisers nach Italien zogen, wo König Theoderich 493 die Herrschaft übernahm. Der letzte weströmische Kaiser, Romulus Augustulus, war bereits 476 von einem germanischen Heerführer gestürzt worden.

3.3.8 Kaiser Justinians Christianisierungsmaßnahmen, Verteidigung des Ostens und Versuch zur Rückeroberung des Westens

Der oströmische Kaiser Justinian (ca. 482-565), der als letzter römischer Kaiser Latein als Muttersprache sprach, nahm umfangreiche Christianisierungsmaßnahmen vor, verteidigte die Ostgrenze des Reiches, die zugleich die europäische Kulturgrenze darstellte, gegen Angriffe der persischen Sassaniden und den Balkan gegen Angriffe von Slawen, Bulgaren, Awaren und Hunnen. Im Westen gelang es ihm, durch die Goten- und Vandalenkriege vorübergehend die Herrschaft des römischen Kaisers über Teile des untergegangenen weströmischen Reiches wiederherzustellen.

Außerdem christianisierte Justinian das Reich durch Reformen und ließ Krankenhäuser, Waisenhäuser und Armenhäuer, aber auch Kirchen und Klöster errichten. Heiden und Häretikern wurde untersagt, ihre Lehren zu verbreiten. Der 529 eingeführte „Codex Iustinianus“  erleichterte die Freilassung von Sklaven, gewährte Frauen größere Rechte und erschwerte die Scheidung, die vor allem für Frauen katastrophale Folgen haben konnte. Unter seiner Führung wurde auch die Hagia Sophia errichtet, die bis in die Gegenwart zu den herausragendsten architektonischen Leistungen in der Geschichte der Menschheit gehört. Seine Herrschaft schuf das Fundament für die christlich-byzantinische Kultur der folgenden Jahrhunderte.

Vor allem General Belisar (ca. 505-565) ging erfolgreich gegen Germanen vor, die der arianischen Häresie folgten und damit begonnen hatten, katholische Christen zu verfolgen.

  • Vandalenkrieg: Zwischen 533 und 534 zerschlug er die Vandalenherrschaft in Nordafrika. Die Region blieb bis zur islamischen Invasion 698 christlich.
  • Erster Gotenkrieg: 535 begann Belisar er auf Sizilien mit der Rückeroberung Italiens. 536 eroberte er Rom und 540 Ravenna, die Hauptstadt der Goten. Nach seinem Sieg setzte er einen neuen kaiserlichen Präfekten ein.
  • Zweiter Gotenkrieg: Mutmaßlich auch wegen hoher Steuern kam es zu Aufständen, die im zweiten Gotenkrieg mündeten. Die damit verbundenen Kämpfe verwüsteten das Land und schwächten die Reste der römischen Senatsaristokratie, die bis zu diesem Zeitpunkt auch Träger der antiken römischen Kultur war. Der oströmische Kaiser schaffte zudem ihre Ämter ab. Gegen Ende des Jahrhunderts verschwand der Senat aus der Geschichtsschreibung. Die Goten erlitten 552 entscheidende Niederlagen gegen die von General Narses geführten oströmischen Kräfte, und ihr letzter König Teja fiel im Oktober 552 in der Schlacht am Mons Lactarius nahe des Vesuvs.

Nach dem Tod Justinians fielen die Langobarden 568 in Italien ein und eroberten große Teile davon. Sizilien blieb bis zum 9. Jahrhundert und Teile Süditaliens blieben bis 1071 unter oströmischer Herrschaft. Auch der Raum Ravenna hielt sich noch bis 751 als oströmische Provinz.

4. Mittelalter

4.1 Die Geburt Europas aus dem Geist des Christentums

Papst Benedikt XVI. schrieb über die kulturellen Wurzeln Europas:

„Von der Wirkungsgeschichte des Mönchtums her können wir sagen, daß im großen Kulturbruch der Völkerwanderung und der sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen die Mönchsklöster der Ort waren, an dem die Schätze der alten Kultur überlebten und zugleich von ihnen her eine neue Kultur langsam geformt wurde.“

Es sei jedoch nicht das Ziel der Mönche gewesen, die alte Kultur zu erhalten oder eine neue zu schaffen. Sie hätten vielmehr Gott gesucht:

„Da ist zunächst und als erstes ganz nüchtern zu sagen, daß es nicht ihre Absicht war, Kultur zu schaffen oder auch eine vergangene Kultur zu erhalten. Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verläßlichen kommen. […] Quaerere Deum: Weil sie Christen waren, war dies nicht eine Expedition in eine weglose Wüste, eine Suche ins völlige Dunkel hinein. Gott hatte selbst Wegzeichen ausgesteckt, ja, einen Weg gebahnt, den zu finden und zu gehen die Aufgabe war. Dieser Weg war sein Wort, das in den Büchern der heiligen Schriften vor den Menschen aufgeschlagen war.“

Daraus habe sich die christliche Kultur Europas beiläufig entwickelt. Die Mönche hätten auf ihrer Suche Sprachen lernen und sich mit theologischen Gedanken auseinandersetzen müssen, wozu sie Schulen und Bibliotheken gebracht hätten.55

Die Abstammung einiger Völker des christlichen Europas liegt nicht in Europa, etwa die der Ungarn und die Bulgaren. Sie wurden dadurch zu Europäern, dass sie Christen wurden. Gemeinsame Abstammung ist daher nicht der wichtigste Faktor, der die abendländische bzw. die europäische Identität ausmacht. Der Historiker Adrian Hastings wies darauf hin, dass sich die Herausbildung der Völker Europas auf der kulturellen Grundlage des Christentums erfolgt sei.56

Die katholische Kirche schuf die geistig-kulturellen Grundlagen dafür, dass mit dem Frankenreich Chlodwigs der erste Vorläufer der späteren europäischen Nationalstaaten entstehen konnte (siehe unten).

Bischof Agobard von Lyon (ca. 769-840) erklärte, dass es im Reich Karls des Großen „nicht mehr Aquitanier und Langobarden, Burgunder oder Allemannen“ gebe, weil alle Bewohner des Reiches durch den Glauben an Gott geeint seien, „der Knecht und der Herr, der Arme und der Reiche, der Ungelehrte und der Gebildete, der Schwache und der Starke, der niedrige Arbeiter und der erhabene Kaiser“.57

Nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt wurden viele Sprachen zum ersten Mal niedergeschrieben, weil christliche Missionare die Bibel in sie übersetzten. Die Bibel war auch in einigen europäischen Sprachen das erste jemals verfasste Dokument überhaupt, etwa in der Sprache der Goten. Bischof Wulfila verfasste um 350 n. Chr. eine gotische Bibelübersetzung, wofür er ein eigenes Alphabet für die gotische Sprache entwickelte. Seine übersetzten Worte „Atta unsar, thu in himinam“ sind auch heute noch für deutschsprachige Menschen verständlich. Um die Bedeutung dieses Werkes zu unterstreichen, ließ der um 500 nach dem Untergang des Römischen Reiches auf der italienischen Halbinsel herrschende Ostgote Theoderich den Codex Argenteus anfertigen, eine besonders prachtvolle Fassung der Evangelien der Wulfila-Bibel, die mit silber- und goldfarbener Tinte auf purpurfarbenes Pergament geschrieben wurde.

4.2 Das Frankenreich und der Übergang zwischen Antike und Mittelalter (ab ca. 450)

4.2.1 Die Merowinger (ca. 481-751): Der Beginn der Neuordnung Europas

Die Franken unter dem aus der Dynastie der Merowinger stammenden König Chlodwig stellten sich als die stärkste germanische Gruppe zur Zeit des Untergangs des Römischen Reiches heraus. Unter Chlodwig (466-511) gelangen Siege gegen andere germanische Stämme sowie die Unterwerfung der Galloromanen, wodurch die Grundlagen des Frankenreiches geschaffen wurden, das er als den Erben Roms verstand. Chlodwig versuchte fortzusetzen und zu bewahren, was vom römischen Erbe noch vorhanden war. Durch seinen zusammen mit rund 3.000 Kriegern vollzogenen Übertritt zum katholischen Christentum zwischen 497-499 schuf er vor allem aber eine der Grundlagen des späteren christlichen Europas. Die Franken traten die Nachfolge des Römischen Reiches in Westeuropa an, was sie auch dadurch ausdrückten, dass der Franke Karl der Große sich im Dezember 800 in Rom durch den Papst zum Kaiser krönen ließ.

4.2.2 Die Karolinger (ca. 751-843): Die Nachfolger des Römischen Reiches

Bis zur Zeit Karls des Großen (768-814) hätten die Völker Nordeuropas von der verbliebenen kulturellen Substanz der Antike gelebt, seien aber selbst nicht schöpferisch tätig geworden. Mit den Karolingern jedoch taucht laut Christopher Dawson „die europäische Kultur aus dem Zwielicht eines vorgeburtlichen Daseins empor in die Bewusstheit eines wirkkräftigen Lebens“.58

Das Fränkische Reich der Karolinger habe die „Sammlung der halb verlorenen Reste des klassischen und patristischen Schrifttums und seine Wiederbelebung als Grundlage einer neuen Kultur“ angestrebt und damit eine erste Renaissance des antiken Erbes hervorgebracht. In den Karolingern hätten sich die wesentlichen Ströme europäischer Tradition vereinigt, die  sowohl gallo-römische Bischöfe und Heilige als auch fränkische Krieger umfasst habe. Unter der Führung Karls des Großen sei es ihnen gelungen, auf Grundlage von militärischer Kompetenz und religiöser Begeisterung eine christliche Ordnung zu errichten und die Grenzen des christlichen Europas zu verteidigen. Unter der Herrschaft Karls des Großen sei zum Beispiel erstmals organisierter Widerstand gegen die islamischen Eroberungszüge auf der spanischen Halbinsel geleistet worden.

Dawson sah in einigen Aspekten der Herrschaft Karls des Großen Parallelen zu islamischen Praktiken, etwa seine entgegen der christlichen Lehre praktizierte gewaltsame Verbreitung der Religion und Anordnung von Zwangstaufen, durch die er die Sachsen religiös in sein Reich integrieren wollte.59

Die Darstellung, dass er 4.500 Sachsen bei Verden habe hinrichten lassen, beruht allerdings vermutlich auf einem Lesefehler eines Chronisten. 785 ergaben sich die Sachen unter der Führung Widukinds, der mit seiner Taufe die religiöse Eingliederung der von ihm geführten Sachen in das Reichs Karls des Großen vollzog. Der letzte sächsische Widerstand wurde erst 804 gebrochen. Anschließend integrierten sich die Sachsen rasch in das Reich, und bereits 919 gelangte mit Heinrich I. der erste Sachse auf den Königsthron.

Unter den Nachfahren Karls zerfiel sein Reich. Aus den Nachfolgereichen wurden viele Jahrhunderte später das heutige Frankreich, Deutschland und die Beneluxstaaten. Die zur Zeit Karls des Großen verbreitete Schrift sowie das Kirchen- und Verwaltungssystem strahlten auf ganz Westeuropa aus und prägten es über Jahrhunderte.

4.3 Die Kontinuität der Kirche im Chaos nach dem Untergang des Römischen Reiches

Das Abendland entstand im frühen Mittelalter, als das Christentum die kulturelle Grundlage für das Zusammenwachsen der Stämme West- und Nordeuropas schuf und die Kirche die einzige stabile Institution war, die ganz Europa durch ihr Netzwerk aus Bischofssitzen, Pfarreien und Klöstern verband. Laut dem Altphilologen Manfred Fuhrmann stellte die Kirche zu dieser Zeit das „weitaus wichtigste Bollwerk für die Kontinuität der Kultur“ sowie für die Kunst des Lesens und Schreibens dar. Außerdem verfügte die Kirche über die gemeinsame Sprache des Lateinischen und das damit verbundene Kulturerbe, das sie „aus den Trümmern des weströmischen Reiches herübergerettet hatte“. Dies machte sie zum einigenden und identitätsprägenden Faktor der abendländischen Zivilisation. 60

Die Grundlagen Europas seien laut Dawson im Chaos des im fünften und sechsten Jahrhundert von Migrationswellen überrannten untergehenden Römischen Reiches von Männern geschaffen worden, die sich aus christlichem Geist heraus gegen die Auflösung und den Zerfall gestellt hätten, der sie umgab. Papst Gregor der Große (540-604) habe im sechsten Jahrhundert die Lage Roms so beschrieben:

„Wenn wir betrachten, wie andere Menschen gestorben sind, finden wir Trost in dem Gedanken an die Art des Todes, die uns bedroht. Welche Verstümmelungen, welche Grausamkeiten haben wir an Menschen verübt gesehen, für die der Tod die einzige Rettung ist und in deren Mitte zu leben eine Qual war! […]

Und sogar wir Überlebenden, wenige wie wir sind, täglich werden wir mit dem Schwerte geschlagen, täglich werden wir heimgesucht von Schmerzen ohne Zahl […] Denn der Senat ist nicht mehr, das Volk ist vergangen, aber Sorge und Seufzen werden täglich vervielfacht unter den wenigen, die übrigblieben. Rom ist nun schon leer und brennend.“61

Gregor der Große, der aus einer römischen Patrizierfamilie stammte, stellt ein wichtiges Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter dar. Ohne sein Wirken wäre die kulturelle Kontinuität damals vielleicht unterbrochen worden. In dieser „Zeit des allgemeinen Verfalls und der Zerstörung“ seien „die Grundlagen des neuen Europa gelegt“ worden.62 Das Papsttum sei damals der letzte verbliebene Träger der antiken Kultur gewesen, die christliches Denken mit griechischer Philosophie und römischem Ordnungsgeist verbunden habe. Es sei der Kirche dadurch gelungen, „alle Lebenskräfte im allgemeinen Verfall der europäischen Kultur zu vereinen“:

„Durch alles Unglück der Völkerwanderung hindurch bewahrten die Wortführer der christlichen Sache, Männer wie Sidonius Apollinaris oder der heilige Avitus, nicht nur den Glauben an Christus, sondern auch an die Berufung des Römischen Reiches und an die Überlegenheit der alten Kultur. Die Christen fühlten, dass das Werk des Reiches nicht vergeblich sein konnte, solange die Kirche lebte.“63

Die Kirche, die schon damals von staatlichen Institutionen unabhängig gewesen sei, habe so als einige Institution den Zusammenbruch des Reiches überstanden und weiter wirken können. Dabei sei es zunächst gar nicht die Absicht Gregors des Großen und anderer Männer seiner Zeit gewesen, eine neue Ordnung zu schaffen, da dieser Gedanke unter den damaligen Bedingungen absurd gewesen wäre. Die Männer dieser Zeit hätten ihre Kraft aus dem christlichen Motiv geschöpft, den überlebenden Menschen bis zuletzt zu helfen. Einer zeitgenössischen Inschrift zufolge habe Gregor der Große es „verachtet“, „niedergeworfen zu werden, obgleich die Welt versagte.“

In der „Vita Sancti Severini“ wird beschrieben, dass die römische Garnison und Verwaltung in Passau sich in den Jahren nach 476 ausgelöst hätten nachdem Soldzahlungen ausblieben. In dieser Lage habe die Kirche die Aufgaben übernommen, die bis dahin der römische Staat geleistet habe.

4.3.1 Christliche Klöster als Inseln im Chaos und Geburtsstätten europäischer Kultur

Bereits im sechsten Jahrhundert erkannten Persönlichkeiten wie der römische Beamte und spätere Klostergründer Cassiodor (ca. 485-580), dass der römische Staat als Träger höherer Kultur früher oder später ausfallen würde. Er sammelte systematisch das Wissen der Antike im von ihm nach 540 gegründeten Kloster Vivarium, um es über den Zusammenbruch hinaus zu retten. Auch der christliche Philosoph Boethius (ca. 475-534) bemühte sich, alle zu seiner Zeit noch verfügbaren Schriften zusammenzutragen.

Später seien weitere Führergestalten und Heilige wie Benedikt von Nursia (480-547) in Italien oder Columban und Columba in Irland hervorgetreten. Diese hätten laut Dawson eine „in jeder Beziehung zertrümmerte Welt“ vorgefunden, ihren Auftrag im Geist der Propheten des Alten Testamentes ausgeführt und Gemeinschaften um sich versammelt und mit ihnen Zentren geistiger Macht in Form von Klöstern geschaffen. Die Heiligen hätten dabei als „lebendige Kraft“ gewirkt, und die von ihnen gegründeten Klöster waren „Heimstätten einer solchen lebendigen Kraft“:

„So war der Geist der Männer, die die neue Zeit schufen – Männer wie der heilige Augustinus, der die Eitelkeit und Vergeblichkeit menschlicher Macht erkannte; wie der heilige Benedikt, der mitten im Unheil der Gotenkriege eine kleine Welt des Friedens und der geistlichen Ordnung schuf; wie der heilige Gregor, der die Sorgen einer ganzen Welt auf seinen Schultern trug, als die ihn umgebende Kultur in Trümmer fiel; wie der heilige Bonifatius, der trotz tiefer Entmutigung und Enttäuschung sein Leben hingab für das Wachstum des christlichen Volkes.“64

Als „die Finsternis sich über dem Abendland verdichtete“, seien „die Mönche […] die Apostel des Abendlandes und die Begründer der mittelalterlichen Kultur“ gewesen, „die Wächter und Hüter“, „welche auf den Mauern der Stadt Christi Wache hielten und die Angriffe der feindlichen Geister abwehrten“.

In „einer Welt voller Unsicherheit, Unordnung und Barbarei“ hätten die christlichen Mönche „das Ideal einer geistlichen Ordnung und disziplinierten sittlichen Tätigkeit“ gelebt, „die das Kloster zu einer Oase des Friedens in einer kriegerischen Umwelt machten“. Die Klöster seien Komplexe aus Schulen, Kirchen, Wohnhäusern und sozialen Einrichtungen gewesen, die zunehmend an die „Stelle der sterbenden Städte getreten“ und zu Zentren der Kultur geworden seien. Von den Klöstern aus hätten Missionare Reisen in chaotische Gebiete unternommen und dort Stützpunkte geschaffen, aus denen wiederum neue Klöster hervorgingen.

Der in Irland lebende Abt Molua (gest. ca. 609) beschrieb die Arbeit der Mönche folgendermaßen:

„Meine lieben Brüder, pflügt die Erde gut und arbeitet fleißig, damit ihr ausreichend zu essen, zu trinken und euch zu kleiden habt. Denn dort, wo die Diener Gottes keinen Mangel leiden, dort herrscht Beständigkeit, und wo Beständigkeit ist, dort ist Gottesdienst möglich und damit religiöses Leben. Und das Ziel des religiösen Lebens ist das ewige Leben.“

John Henry Newman zeichnete dieses Bild des kulturbegründenden Wirkens der Klöster:

„Überall auf den Feldern und in den Wäldern bemerkte man schweigsame Männer, die dort gruben, lichteten oder anbauten, während andere schweigsame Männer, die man nicht zu sehen bekam, in den kalten Klöstern saßen und mit angespannter Aufmerksamkeit und arbeitsmüden Augen immer aufs neue die Manuskripte abschrieben, die sie gerettet hatten. Da war kein Streit noch Lärm und niemand machte Aufhebens von dem, was geleistet wurde, aber nach und nach erwuchsen in der sumpfigen Wildnis erst eine Einsiedelei, dann ein Kloster, ein Gutshof, eine Abtei, ein Dorf, ein Seminar, eine Schule und schließlich eine Stadt.“

4.4 Die iro-schottische Mission (ca. 590-800)

Nachdem die merowingischen Könige das katholische Christentum angenommen hatten, wirkten von ihrem Einflussbereich aus seit dem 7. Jahrhundert gallo-fränkische Missionare über die Grenzen des früheren Römischen Reiches hinaus bis nach Irland und den Norden der britischen Insel. Von dort aus wirkte später die iro-schottische Mission gestützt auf die Karolinger in Mitteleuropa.

Die Bekehrung zum Christentum fand in Europa zu dieser Zeit meist kollektiv durch den Übertritt von Stammesführern und Sippenältesten statt. Diese sahen im christlichen Gott vor allem einen stärkeren Gott, der den heidnischen Gottheiten überlegen war. Auch die überlegene Kultur des Christentums und der Wunsch zur Einbindung in die karolingische Herrschaft über Mitteleuropa spielten für den Übertritt eine Rolle. Die Tatmission, die sich in Aktionen wied er Fällung der Donareiche von Geismar durch Bonifatius 723 vollzog, wurde als Demonstration der Stärke des Christentums als überzeugend wahrgenommen. Die Missionare stützen sich in ihrem Wirken zwar auf die Macht der Karolinger und ihren Willen zur Ausbreitung ihrer Herrschaft durch Verbreitung des Christentums, das den integrierenden Faktor ihres Reiches darstellte, waren selbst aber durch den Glauben motiviert.65

Das Wesen des keltischen Christentums

Christopher Dawson hob hervor, dass die keltischen Mönche eine Kultur geschaffen hätten, die von ausgeprägter Disziplin, Opferbereitschaft, sowie Wertschätzung von Ehre, Treue und Arbeit gekennzeichnet gewesen sei. Diese Kultur habe römische und christliche Kultur mit dem lokalen Erbe sowie dem Ethos der heidnischen Kriegerbünde verbunden. In Form der Heiligenlegenden habe man die alte Heldendichtung fortgesetzt, die zudem christianisiert worden sei, etwa in Form des Beowulf-Mythos. Dadurch sei enorme kulturelle Strahlkraft auf die Umgebung entstanden, aus der sich vor allem Adelige den Mönchen angeschlossen hätten. Die keltischen Mönche hätten außerdem unter heidnischen Bauern gewirkt, zunächst in Irland und Schottland und später auf dem europäischen Kontinent. Sie hätten den „bäuerlichen Geist von der Ankunft einer neuen Macht überzeugt, stärker als alle Naturgeister der alten Bauernreligion“. Dies sei ihnen gelungen, weil sie nicht als Fremde in Erscheinung traten und die mönchische Kultur stark von Elementen heidnischer Kultur geprägt gewesen sei, die jedoch durch christlichen Geist veredelt waren. Diese Mönche seien, „selbst Landleute mit einem tiefen Gefühl für die Natur und ihre Wildheit“ gewesen. Sie „standen der bäuerlichen Gesittung nah genug, um sie mit dem Geist der neuen Religion durchtränken zu können“. Wo früher Naturgeister verehrt worden seien, habe man nun christliche Heilige sowie heilige Quellen und Bäume verehrt, die den neuen, größeren Mächten geweiht gewesen seien. Steinkreuze hätten die Druidensteine des alten Kultes ersetzt, dessen Bräuche man ebenfalls umgewidmet habe.66

Die Strategie der Christianisierung Europas

Die Christianisierung Europas war, von einzelnen Entscheidungen abgesehen, kein zentral geplanter Vorgang, sondern beruhte auf der Initiative lokaler Kirchenstrukturen und Herrschern wie den Karolingern. Die Missionare koordinierten ihr Vorgehen aber mit Rom, das für die Einrichtung neuer Kirchenprovinzen zuständig war.67

Zu den zentral geplanten Missionsaktivitäten gehörte die Entsendung von Missionen auf die britische Insel durch Papst Gregor der Großen (540-604). Die seit dem späten sechsten Jahrhundert von den Klöstern in Irland und Schottland in Einsätze auf dem europäischen Kontinent ausgesendeten Mönche hätten zudem laut Dawson im Rahmen einer allgemeinen Strategie der Kirche gehandelt, deren Ziel die Christianisierung Europas gewesen sei. In ihrem Handeln sei die „wohlüberlegte Absicht erkennbar“ gewesen, „eine lateinisch-christliche Kultur zu schaffen bzw. wiederherzustellen, die allgemeiner geistiger Besitz des neuen christlichen Reiches werden sollte.“ Die im Rahmen dieser Strategie eingesetzten Mönche seien „zum Schöpfer einer neuen christlichen Kultur und zur Schule christlichen Lebens für die neuen Völker Westeuropas“ geworden. Es sei ihnen gelungen, „die Welle der Barbarei im westlichen Europa zum Rückfluten zu bringen und das Land, das in der Völkerwanderungszeit verwüstet und entvölkert worden war, wieder zu kultivieren“.

Die von ihnen geschaffenen Klöster wie Fulda, St. Gallen, Hersfeld, Benediktbeuern, Tegernsee, Kremsmünster, Lorsch und Corvey seien „Ausstrahlungspunkte der christlichen Kultur“ sowie weiterer Missionstätigkeit unter den germanischen und keltischen Stämmen gewesen. Persönlichkeiten wie Bonifatius (675-753), der Apostel der Deutschen oder Alkuin (730-804), ein Berater Karls des Großen, hätten enorme Wirkung entfaltet und wesentlich zur Schaffung des Karolingerreiches beigetragen. Die iro-schottischen Mönche hätten mit der Zeit „Inseln des geistigen Lebens inmitten der wiederkehrenden Flut des Barbarentums“ geschaffen, wobei Dawson sich auf die im neunten Jahrhundert einsetzenden Wikingereinfälle bezieht. Die Klosterkultur Irlands und Schottlands sei später von den Wikingern weitgehend vernichtet worden, aber es sei ihr zuvor noch gelungen, die Saat für die Erneuerung Europas zu legen.

Der Apostel der Friesen, der hl. Wilibrord (ca. 658-739), gründete in Utrecht in den heutigen Niederlanden eine Missionsschule, über die eine Chronik berichtete:

„Die Schüler stammten nicht aus einem Volk, sondern waren aus der Blüte aller benachbarten Völker vereint Sie waren von solchem Vertrauen, solcher Freundlichkeit und geistlichen Freude beseelt, dass an sie in ihrer Einheit sonnenklar als Söhne eines geistlichen Vaters und der Mutter aller, der Liebe erkannte. Einige waren aus dem edlen Stamm der Franken, einige aus dem frommen Volk der Angeln, einige aus der neuen Pflanzung Gottes, die erst in unseren Tagen bei den Frieden und Sachen angelegt wurde. Andere kamen von den Bayern und Schwaben, die dieselbe Religion hatten, oder von welchem Volk und Stamm sie Gott gerade gesandt hatte.“68

4.5 Die Krise des christlichen Europas im neunten und zehnten Jahrhundert

In den Jahren zwischen 850 und 950 habe Europa laut Christopher Dawson die größte Krise seiner gesamten bisherigen Geschichte durchgemacht und in Folge der von Norden, Süden und Osten angreifenden Invasionen mehrfach am Rande der Vernichtung gestanden. Es sei damals „in die schlimmste Gesetzlosigkeit und Finsternis“ gefallen, „die es vielleicht je erlebt hat“.69 Die Grundlagen des Abendlandes seien damals „in Furcht und Schwäche und Leiden“ gelegt worden; „in so großem Leiden, wie wir es uns heute kaum selbst vorzustellen vermögen“, wie Dawson kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb.70 Europa sei wieder in kleinste, von räuberischen Adeligen beherrschte Regionen zerfallen, die sich untereinander in ständigen Fehden bekämpft hätten.

Erneut hätten Klöster eine wichtige Rolle als Rückzugsorte der Kultur in einer von Krieg und Chaos geprägten Umgebung gespielt:

„So war in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts die westliche Kultur bis an den Rand des Abgrunds geraten. […] Die Christenheit war eine Insel geworden, umgeben von den steigenden Fluten des Islam und des Barbarentums.“71

Wissenschaft, Schriftkultur, Kunst und sonstige Kultur seien zu dieser Zeit nur innerhalb der Kirche aufrechterhalten worden.

4.5.1 Die Wikingerinvasionen (ca. 793-1066)

Die Überfälle der heidnischen Wikinger beendeten die Hochphase der christlich-keltischen Kultur Nordwesteuropas, der weite Teile Europas ihre Christianisierung verdankten, und richteten auch in anderen Teilen Europas enorme Zerstörungen an. Dem Historiker Christopher Dawson zufolge waren die Ereignisse „für die Geschichte des Abendlandes von entscheidender Bedeutung“:

„Es hat niemals einen Krieg gegeben, der die Existenz des abendländischen Christentums schlechthin so unmittelbar bedrohte. Der Widerstand der Christen könnte hier mit größerem Recht ein Kreuzzug genannt werden als die Kreuzzüge selbst. […] Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.“

Die um das Jahr 800 einsetzenden Wikingereinfälle hätten laut Dawson die irisch-schottische Klosterkultur, von der die Christianisierung großer Teile Westeuropas ausgegangen war, vernichtet. Es gebe Hinweise, dass die Wikinger dabei nicht nur materielle, sondern auch weltanschauliche Motive verfolgten und versucht hätten, das Christentum zu vernichten, etwa in Irland.72 Sie hätten bei ihren Einfällen im Raum zwischen Irland, Schottland, Nordfrankreich und Norddeutschland „große Landstriche […] in Wüsten verwandelt“ und das gesellschaftliche und kulturelle Gefüge an vielen Orten aufgelöst.

Zu dieser Zeit seien heute weitgehend vergessene Kriegerheilige wie Herzog Bruno von Sachsen (ca. 830-880) hervorgetreten. Er fiel als Heerführer zusammen mit den als „Ebstorfer Märtyrern“ bekannten Adeligen und Kriegern in der Normannenschlacht in der Lüneburger Heide im Jahre 880 beim Versuch, eine Invasion heidnischer Normannen abzuwehren.

Das christliche Europa habe sein Überleben zu dieser Zeit jedoch insgesamt weniger seiner militärischen Widerstandskraft verdankt, sondern vor allem der kulturellen Strahlkraft des Christentums, die zur Konversion der heidnischen Nordvölker und der Einstellung ihrer Angriffe geführt habe.

In diesem Zusammenhang sind die folgenden Ereignisse zu nennen:

  • Die Normannenschlacht bei Stade (880): Bei der Normannenschlacht im Februar 880 lieferte ein eindringendes heidnisches Wikingerheer dem christlich-sächsischen Gesamtaufgebot im heutigen nördlichen Niedersachsen eine für die Sachsen verlustreiche Schlacht. Die Gefallenen auf christlicher Seite, darunter Herzog Bruno von Sachsen und die Bischöfe Theoderich von Minden und Markward von Hildesheim, werden als die „Märtyrer von Ebstorf“ und als Heilige verehrt.
4.5.2 Die Verteidigung Mitteleuropas gegen die Ungarneinfälle (899-955)

In diesem Zusammenhang sind vor allem die folgenden Ereignisse zu nennen:

  • Die Schlacht auf dem Lechfeld (955): Am 10. August 955 gelang es einem kräftemäßig unterlegenen Heer unter der Führung von Otto I. auf dem Lechfeld bei Augsburg die heidnischen Magyaren so zu schlagen, dass diese ihre Einfälle nach Mitteleuropa dauerhaft einstellten. Otto I. zog seinen Truppen der Überlieferung zufolge mit der Heiligen Lanze und einem Banner voran, das den heiligen Erzengel Michael zeigte. Seitdem gilt dieser als der Schutzpatron Deutschlands.
4.5.3 Die islamischen Invasionen in Europa (ab 711)

Als das christliche Europa aus den Trümmern des Römischen Reiches zu entstehen begann, erreichten die islamischen Eroberungswellen die Südwestflanke Europas.

711 setzte ein islamisches Heer von Nordafrika aus auf die spanische Halbinsel über. Im Kampf gegen angreifende Muslime fiel 711 in der Schlacht am Río Guadalete Roderich, der letzte König der Goten. Die Muslime vernichteten das katholische westgotische Reich auf der spanischen Halbinsel, das als einer der vollkommensten Nachfolgestaaten des Römisches Reiches galt. Um das Jahr 720 stießen Muslime bis nach Zentralfrankreich vor und bedrohten den gesamten nördlichen Mittelmeerraum bis zu den Alpen.

Sizilien, das damals Teil des Byzantinischen Reiches war, ein kulturelles Zentrum darstellte und vergleichsweise wohlhabend war, bildete einen weiteren Schwerpunkt der islamischen Invasionen. Die Eroberung der Insel erfolgte im Jahre 827, wobei christlicher Widerstand noch fast hundert Jahre lang weiterging. In Folge der Ansiedlung von Arabern und Berbern erreichte der muslimische Bevölkerungsanteil um 1050 rund zwei Drittel. Die Befreiung der Insel gelang Normannen in den Jahren zwischen 1061 und 1091 und wurde zunächst von Robert Guiskard geführt.

Christopher Dawson führt die enormen militärischen Erfolge des Islam auf „die kämpferische Sittenstrenge, dieses Wesensgesetz des Islam“ zurück.73 Dem Islam sei es durch seine „düstere Einfachheit“ und seine Betonung von asketischer Strenge, Gehorsam und Unterwerfung gelungen, kriegerische arabische Stämme, die sich zuvor ständig gegenseitig bekämpft hätten, zu einen und ihre Kraft nach außen zu richten. Die byzantinischen Söldnerheere hätten dieser Kraft an der Südostflanke des christlich-europäischen Kulturraumes wenig entgegenzusetzen gehabt.

John Roberts zufolge sei der Abwehrkampf gegen die islamischen Invasionen „Europas erste große gemeinsame Sache“ gewesen.74

4.5.4 Das „dunkle Jahrhundert“ der Kirche (ca. 882-1046)

Im neunten und zehnten Jahrhundert habe sich auch die Kirche laut Dawson auf dem Tiefpunkt ihrer Geschichte befunden und ein „dunkles Jahrhundert“ durchgemacht. Der Heilige Stuhl sei damals zur „Spielfigur einer verdorbenen und rohen Adelsherrschaft geworden“ und habe im 10. Jahrhundert „die tiefsten Tiefen seiner Entehrung“ erfahren und zeitweise der Kontrolle einer Maitresse namens Marozia unterstanden.

4.6 Die Überwindung der Krise im zehnten und elften Jahrhundert

4.6.1 Die Cluniazensische Reform (ca. 1000-1050)

Die Krise der Kirche brachte eine vom Benediktinerkloster Cluny ausgehende Reformbewegung hervor, die nicht wie die des 16. Jahrhundert gegen das Papsttum wirkte, sondern es erneuern wollte. Dabei sprach die damalige Erneuerungsbewegung die Verfallserscheinungen ihrer Zeit sehr deutlich an. Französische Bischöfe hätten zum Beispiel im Jahre 991 erklärt „Zeugen der Ankunft des Antichrist zu sein, denn dies ist der Abfall, von dem der Apostel spricht, nicht der Völker, sondern der Kirche selbst“.

Aus dieser Bewegung gingen Päpste hervor, welche die Bindung der Kirche an die Tradition wiederherstellten. Sie schuf außerdem zusammen mit weltlichen Herrschern wie Otto III. das Heilige Römische Reich als Gemeinwesen der christlichen Völker.

4.7 Die Hochphase des christlichen Europas (ca. 1050-1300)

Die Krise Europa im neunten und zehnten Jahrhundert war laut Dawson rückblickend Ausdruck der „Geburtswehen einer neuen Zeit“. Während der Zeit der Krise seien in Europa Kräfte entstanden, die es ermöglicht hätten, dass der Kontinent zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert sein „gestaltendes Zeitalter“ erlebt habe. Dieses „brachte nicht diese oder jene Kulturerscheinung hervor, sondern die Kultur selbst – die Wurzel und den Grund aller späteren kulturellen Hochleistungen“. Das Hochmittelalter sei entgegen dem verbreiteten Klischee nicht „die Zeit der Finsternis“ gewesen, sondern „die Zeit der Morgendämmerung“.75 Dies sei auch deshalb möglich gewesen, weil die korrumpierten Elemente europäischer Kultur die vorhergehende Krise nicht überlebt hätten:

„Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.“

Im 11. Jahrhundert hätten die Kräfte der Erneuerung sich endgültig durchgesetzt und die Krise Europas überwunden. Zu dieser Zeit sei das Heidentum erloschen und es hätten sich auf der Grundlage der gemeinsamen christlichen Religion sowohl die abendländische Einheit als auch die Völker Europas herausgebildet:

„Und zu derselben Zeit hatte der lange Winter des finsteren Zeitalters sein Ende erreicht, und überall im Westen regte sich neues Leben, neue soziale und geistige Kräfte erwachten, der Westen trat aus dem Schatten des Ostens hervor und nahm seinen Platz  ein als unabhängige Einheit an der Seite der älteren Kulturen der morgenländischen Welt. […]

[D]as dunkle Zeitalter war zu Ende, die westliche Kultur trat ans Licht. […]

Es wurden nicht nur die Grundlagen der heutigen Welt geschaffen, sondern vor allem bildete sich jener Völkerverband, der mehr ist als irgendeine rein geographische Einheit und den wir Abendland nennen.“76

Auf dem Gebiet des heutigen Nordfrankreichs und des westlichen Deutschlands sei damals in einer Phase höchster kultureller Produktivität ein nordeuropäischer Katholizismus entstanden, der Institutionen wie Universitäten oder das Rittertum sowie Werke wie die gotische Baukunst geschaffen habe. Es habe ein rasches Bevölkerungswachstum eingesetzt, das die Besiedlung zuvor unbewohnter Räume und die Gründung von Städten ermöglicht habe.

Dieser nordeuropäische Katholizismus sei später der Träger des jahrhundertelangen Abwehrkampfes gegen die islamischen Eroberungswellen gewesen und habe diese zeitweise in Form der Kreuzzüge zurückdrängen können.

4.7.1 Das römisch-deutsche Kaisertum

König Otto I., der Herrscher des ostfränkischen Reiches und ein Nachfahre der von Karl dem Großen unterworfenen Sachen, besiegte die Slawen und annektiere Teile Mitteleuropas in sein Reich. Er setzte sich nach seiner Krönung im Jahre 936 demonstrativ auf den Karlsthron, um zu unterstreichen, dass er seine auf der christlich-römischen Reichsidee begründete Tradition fortsetzen wolle. Er schuf damit die Grundlage der römisch-deutschen Reichstradition, die Europa über Jahrhunderte prägte. In der Schlacht auf dem Lechfeld 955 führte er das Heer an, das die Raubzüge der Ungarn in Mitteleuropa durch seinen Sieg beendete. Die Ungarn bekehrten sich nach ihrer Niederlage zum Christentum.

Otto I. war Teil eines Netzwerks aus Familien, die zahlreiche Heilige der katholischen Kirche hervorbrachten, darunter auch seine Frau, seine Mutter und seinen Bruder. Sein Neffe Heinrich II. und dessen Ehefrau Kunigunde wurden ebenfalls heilig gesprochen, ebenso Heinrichs Schwester Gisela und deren Ehemann, Stefan I., König von Ungarn. Dieses Netzwerk von Heiligen trug wesentlich dazu bei, das christliche Europa zu schaffen.

4.7.2 Die Reconquista (722-1492)

Obwohl es nach der islamischen Eroberung großer Teile der iberischen Halbinsel auch Phasen der relativen Toleranz gegenüber dem Christentum gab, wäre das Christentum dort vermutlich langfristig ebenso ausgelöscht worden wie in weiten Teilen Nordafrikas, wenn es nicht gelungen wäre, diese Expansion durch die Reconquista rückgängig zu machen und die Kulturgrenze des christlichen Europas wieder bis an die Straße von Gibraltar auszudehnen.

In diesem Zusammenhang sind vor allem die folgenden Ereignisse zu nennen:

  • Die Schlacht von Covadonga (ca. 722): Die Schlacht bzw. das Gefecht endete mit dem ersten Sieg christlicher Kräfte gegen die maurischen Invasoren in Spanien und markiert den Beginn der Reconquista, die erst rund 750 Jahre später abgeschlossen war.
  • Die Schlacht bei Las Navas de Tolosa (1212): Hier besiegte ein Bündnis der Königreiche Kastilien, Aragón, Portugal und Navarra unter Alfons VIII. die maurischen Almohaden unter Kalif Muhammad al-Nasir. In der Folgezeit gelang es den christlichen Reichen, weite Teile des muslimischen Herrschaftsgebietes auf der iberischen Halbinsel zu erobern.

In Spanien bildete sich im Zuge dieses Kampfes ein besonders wehrhaftes Christentum heraus. Der Historiker John Roberts schrieb dazu, dass Spanien in den Jahrhunderten des Kampfes zu einem „Land von Heiligen und Soldaten“ geworden sei.77

4.7.3 Die Kreuzzüge (1095-1291)

Die im Zeitraum zwischen 1095 bis 1291 durchgeführten Kreuzzüge sind als der letztlich fehlgeschlagene Versuch, die islamischen Eroberungszüge in Richtung des christlichen Kulturraumes einzudämmen und zurückzudrängen, differenziert zu betrachten. Anlass waren Versuche der islamischen Eroberer zur Vernichtung der heiligen Stätten des Christentums in Jerusalem sowie zur Unterbindung von Pilgerfahrten. Darüber hinaus waren sie eine Antwort auf Christenverfolgungen und auf ein Unterstützungsersuchen des bedrängten Byzantinischen Reiches, was die Kreuzzüge zu einem Vorläufer der humanitären Interventionen der Gegenwart macht.

Die Kreuzzüge waren dabei grundsätzlich defensiv angelegt. Der Historiker John Roberts bezeichnete sie als „die erste große christliche Gegenoffensive“ in einem zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrhunderten andauernden Krieg, der mit den islamischen Invasionen in den christlichen Kulturraum begonnen hatte.78 Der Historiker Egon Flaig sah 2006 in den Kreuzzügen trotz mancher in ihrem Rahmen beobachteten Fehlentwicklungen (etwa der Plünderung Konstantinopels entgegen des Befehls des Papstes im 4. Kreuzzug) insgesamt eine positiv zu bewertende Leistung, welche die islamische Expansionsbewegung in Richtung Europa über mehrere Jahrhunderte unterband und so dazu beitrug, das sich hier die abendländische Synthese aus antikem und christlichem Denken herausbilden konnte. Das moderne Europa verdanke den Kreuzzügen ähnlich viel wie den griechischen Abwehrkämpfen gegen die Perser.

Johann Wolfgang von Goethe, der dem Christentum ansonsten distanziert gegenüberstand, würdigte die Kreuzzüge ausdrücklich als historische Leistung:

„Indessen bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände schuldig geworden.“

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe der Beginn der Kreuzzüge einen Wendepunkt in der abendländischen Geschichte markiert:

„In diesem Augenblick enden die langen Jahrhunderte der Schwäche, der Isolierung und der kulturellen Unterlegenheit, als die neuen Völker der westlichen Christenheit zu den alten Zentren der östlichen Mittelmeerkultur zurückkehren.“

Papst Urban II. sagte in seiner Ansprache zum Beginn des Ersten Kreuzzugs 1095:

„Die Wiege unseres Heils, das Vaterland des Herrn, das Mutterland der Religion ist in die Gewalt eines gottlosen Volkes gefallen. Das gottlose Volk der Sarazenen bedrückt mit seiner Tyrannei die heiligen Stätten, auf denen der Herr gewandelt ist, und hält die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Hunde sind ins Heiligtum gekommen.  Das Allerheiligste ist entweiht. Das Volk, das dem wahren Gott dient, ist erniedrigt. […] Bewaffnet Euch, meine Brüder, mit dem Eifer Gottes! Gürtet Eure Schwerter! Rüstet Euch und seid Söhne des allmächtigen Gottes! Besser ist es, im Kampf zu sterben, als unser Volk und die Heiligen leiden zu sehen! […] Wir wollen unseren Brüdern helfen.“79

Die Führung des Ersten Kreuzzugs sei die „erlesene Blüte der europäischen Hocharistokratie“ gewesen.80

Während der Zeit der europäischen Präsenz in der Levante nahmen Europäer einige der kulturellen Leistungen auf, die im islamischen Herrschaftsbereich existierten und die zum Teil aus dem persischen und indischen Raum, zum Teil aber auch aus der griechischen Antike stammten. Die Kreuzzüge wirkten auf diese Weise kulturell befruchtend für Europa.

Verfehlungen der Kreuzzüge

Im Verlauf der Kreuzzüge gab es Aktionen des Pöbels, der etwa im Rheinland Pogrome gegen Juden verübte, bei denen mehrere tausend Juden getötet wurden. Papst Calixtus II. (1119-1124) veröffentlichte die Bulle „Sicut Judeis“, um „der Schlechtigkeit böser Menschen und der Habsucht entgegenzutreten“, nachdem sich Juden an ihn um Schutz gewandt hatten. Spätere Päpste erneuerten diese Bulle, die hervorhebt, dass durch die Juden „unser Glaube wahrhaft bewiesen wird“ und sie daher „von den Gläubigen nicht schwer bedrückt“ oder gar getötet werden dürften. In ihren Rechten dürften Juden zudem „keine Beeinträchtigung erfahren“, weder in ihrer Glaubensfreiheit noch in ihrem Eigentum. Sollte ein Christ dagegen verstoßen, „so soll er Gefahr laufen, Ehre und Amt zu verlieren und von der Strafe der Exkommunikation betroffen zu werden“.81

Auch der hl. Bernhard von Clairvaux (1091-1153), ein wesentlicher Vordenker und geistiger Führer der Kreuzzugsbewegung, verurteilte judenfeindliche Tendenzen, rief unter Verweis darauf, dass auch Christus aus dem Volk Israel stamme zur Mäßigung auf und trat einem Volksprediger namens Radulf entgegen, der judenfeindliche Stimmung zu schüren versuchte. Der aus Bonn stammende Rabbiner und Chronist Efraim ben Jakob (ca. 1132-1221) schrieb, dass Gott das Flehen der Juden erhört habe, als er in Form des hl Bernhards „einen würdigen Mönch“ gesandt habe, „einen der größten und geachtetsten unter allen Mönchen, der ihre Religion kannte und verstand“.82

Zu den Schattenseiten der Kreuzzüge gehörte auch, dass diese in einem Fall Konstantinopel geplündert und dadurch die Südostflanke des christlichen Kulturraums geschwächt hätten. Außerdem seien Versuche, dass Heilige Land dauerhaft durch Kolonisation zu sichern, weitgehend unterblieben.83

4.7.4 Die Abwehr der Angriffe von Mongolen und Tataren auf Osteuropa (1206-1736)

Der Begriff „Mongolensturm“ bezeichnet eine Reihe von Invasionen von Mongolen und Tataren in Europa, die bereits im Mittelalter begannen und erst in der frühen Neuzeit endeten.

  • Einen Höhepunkt erreichten diese Invasionswellen ab der Mitte des 13. Jahrhunderts. Ab 1240 wurde Russland für rund zwei Jahrhunderte von Mongolen bzw. von der Goldenen Horde beherrscht.
  • Die Krimtataren entstanden als Zusammenschluss verschiedener ethnischer Gruppen, die durch den sunnitischen Islam vereint wurden. Sie begannen 1468 mit Überfällen auf slawische Gebiete in der Ukraine und Südrussland, bei denen sie Sklaven einbrachten, die von der Krim aus in das Osmanische Reich oder den Nahen Osten verkauft wurden. Armenische und griechische Kollaborateure unterstützten sie dabei, indem sie den Handel organisierten. Außerdem erpressten die Krimtataren Tribut- und Lösegeldzahlungen von christlichen Nachbarvölkern. Für das Russische Zarenreich, Polen-Litauen und das Fürstentum Moldau stellten diese Überfälle eine erhebliche Herausforderung dar, die erst im 18. Jahrhundert abgestellt werden konnte. Die Herausbildung der Kosaken als Wehrbauern war eine Antwort auf diese Herausforderung.

Da die Auswirkungen des Mongolensturms sich in den späteren Jahrhunderten vorwiegend auf Osteuropa beschränkten, ist die historische Erinnerung an diese Bedrohung des europäischen Christentums in Westeuropa nur schwach ausgeprägt. Noch 1656 fielen Krimtataren und Lipka-Tataren jedoch im Herzogtum Preußen ein.

Im Zusammenhang mit der Abwehr des Mongolensturms sind die folgenden Ereignisse zu nennen:

  • Die Schlacht bei Liegnitz (1241): Unter der Führung Heinrichs II., dem Herzog von Schlesien, gelang es einem von Templern, Deutschrittern und Johannitern unterstützten Heer, am 9. April 1241 einen mongolischen Vorstoß in Richtung Mitteleuropa unter hohen Verlusten abzuwehren.
  • Die Schlacht auf dem Kulikowo Pole (1380):  Unter der Führung des Großfürsten von Moskau, Dmitri Donskoi, besiegte ein christliches Heer überlegene Kräfte der mongolischen Goldenen Horde. Der Sieg markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Abwehrkampfes gegen die Mongolen.

5. Frühe Neuzeit

5.1. Das Ausgreifen des christlichen Europas in die Welt ab dem 15. Jahrhundert

Europäische Seefahrer, Abenteurer und Forscher bereiteten ab dem 15. Jahrhundert den Weg dafür, dass das Christentum sich global ausbreiten konnte. Besondere Leistungen erbrachten dabei Portugiesen wie Bartolomeo Diaz der 1487 das Kap der Guten Hoffnung umsegelte. Ebenfalls zu nennen ist Vasco da Gama. Ebenfalls zu nennen sind Vasco da Gama, der 1498 eine neue Passage nach Indien entdeckte, sowie Pedro Alvares de Cabral, der 1500 das heutige Brasilien erreichte. Einige von ihnen wurden auf ihren Fahrten von Mönchen begleitet. Ferdinand Magellan, der als Portugiese in spanischen Diensten stand, brachte das Christentum um 1520 auf die Philippinen.

Entgegen der später durch Aufklärer geschaffenen Klischees war den katholischen Seefahrern dieser Zeit die Kugelgestalt der Erde bekannt. Expeditionen mit dem Ziel der Überquerung des Atlantiks wurden nur deshalb zunächst nicht übernommen, weil man die ungefähre Größe der Erde bekannt war und man nicht wusste, ob sich zwischen Europa und Asien weiteres Land befand.

Heinrich der Seefahrer

Begonnen hatte diese Bewegung mit dem Wirken Heinrich des Seefahrers. Er organisierte Expeditionen zu den Inseln des Atlantik und entlang der Küste Afrikas, die nach seinem Tod fortgesetzt wurden und schließlich Ostasien erreichten. Seine wichtigsten Motive seien „Rittertum und Religion“ gewesen. Seine Vorhaben ließ er durch den Papst autorisieren und suchte offenbar nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes, wollte aber auch zur Eindämmung der islamischen Expansion beitragen.84

Forschen und Entdecken als kulturelle Besonderheiten des christlichen Europa

Der Historiker John Roberts nannte die Akteure des Ausgreifens Europas in die Welt die „Werkzeuge der Übermittlung verschiedener Auslesen aus dem Reichtum einer einzigen Kultur, der des Abendlandes, in andere Teile der Welt“.85

Auch Chinesen, Araber und Osmanen verfügten zu dieser Zeit oder auch früher über die Fähigkeit, weltweite Seefahrt zu betreiben, aber nur Europas haben diese tatsächlich auch durchgeführt. Laut John Robert sei die „ausgeprägte Gleichgültigkeit mancher Kulturen und ihr Mangel an Neugier in Bezug auf andere Welten“ auffällig. Nur Europäer hätten sich für andere Kulturen interessiert und „europäische Wißbegier und Abenteuerlust“ sowie ihre Neigung zu forschen und zu entdecken seien kulturell einzigartig gewesen.86

Johannes Fried in Wirken europäischer Entdecker das Nachwirken einer „nicht mehr nachlassenden Bereitschaft zum Lernen“ in der mittelalterlichen Kultur Europas.87

5.1.1 Das „goldene Jahrhundert“ des habsburgischen Spaniens (1550-1660)

Nach dem Abschluss der Reconquista 1492 erlebte Spanien eine kulturelle Blütezeit, die ihren Höhepunkt in den Jahren zwischen 1550 und 1660 erreichte. Gleichzeitig stieg Spanien zur Weltmacht auf. Laut Oswald Spengler sei hier der Geist der Gotik „zum letztenmal in großartigen Formen“ aufgelebt, nachdem der Abwehrkampf gegen die Muslime ein besonders Dienstethos geschaffen habe.88 Außerdem seien in dieser Zeit die Jesuiten als „einzige und letzte große Gründung seit jenen Ritterorden, die im Kampf gegen die Ungläubigen entstanden waren“, hervorgetreten.  Mit dem „spanisch-gotischen Geist des Barock“ habe sich ein „starker und strenger Lebensstil über die westeuropäische Welt“ verbreitet. Der Spanier dieser Zeit habe eine große Mission in sich gefühlt und sei entweder Soldat oder Priester gewesen und habe Gott oder dem König gedient. Erst der preußische Stil habe ein vergleichbares Ideal „von solcher Strenge und Entsagung wieder ins Dasein gerufen“. Spengler sprach von der „Zucht und Disziplin des spanischen Geistes, der wie der preußische aus den Ritterorden der gotischen Zeit hervorging“.89

Im Escorial, dem spanischen Königspalast, sei der moderne Staat von Männern der „großen Pflichterfüllung“ geschaffen worden. Der spanische Geist habe „sich den Planeten erobern“ wollen, der europäischen Kultur den Gedanken des Universalkaisertums geschenkt und ein Reich geschaffen, in dem die Sonne nicht untergegangen sei. Männer wie Christoph Kolumbus seien in den Dienst Spaniens getreten, nachdem andere ihre Qualität nicht erkannt hätten.90 Das habsburgische Spanien habe zudem der Korruption der Renaissancekirche ein Ende gemacht und sei zugleich der Reformation mit ihrem spanisch-gotischen Stil entgegengetreten, „der bis heute den Vatikan beherrscht“.91

5.1.2 Die weltweite Verbreitung des Christentums

Der Historiker John Roberts zählte die globale Ausbreitung des Christentums zu den Leistungen, die mit dem Ausgreifen Europas in die Welt verbunden waren. Das Christentum habe dadurch aufgehört, eine nur europäische Religion zu sein. Die Geschichte des Weltchristentums sei „überwiegend die Geschichte eines abendländischen Erfolges bei der Verbreitung seines Ideengutes“, das in diesem Punkt von den Menschen vieler nichteuropäischer Kulturen freiwillig angenommen worden sei.92

Pius XII. nannte 1948 die Leistungen christlicher Missionare der damaligen Zeit das „missionarische Heldenlied“ der Ausbreitung des christlichen Glaubens. Gleichzeitig waren viele der Akteure dieser Zeit jedoch nicht von christlichen Motiven getrieben, sondern vom Streben nach materiellem Gewinn und Macht.

Der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah sprach von den „den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen“ in Afrika. Europa habe die historische Berufung gehabt, das Christentum in die Welt zu tragen:

„Als ich noch in Afrika lebte, durfte ich von den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen zehren. Die kulturellen, moralischen und religiösen Werte, welche die Franzosen uns brachten, waren für uns eine große Bereicherung. Die Kolonisatoren brachten viele lebendige, durch das Christentum geadelte Traditionen ihrer Vorfahren mit. Ihre Auffassung von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten waren etwas absolut Neues. Frankreich hat mich eine hervorragende Sprache gelehrt. Seine Missionare brachten mir den wahren Gott. Ich bekenne mich gerne dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.“93

Kardinal Walter Brandmüller schrieb 2018 über das europäische Ausgreifen in die Welt:

„Die Kolonisierung war gewiß auch in bestimmter Hinsicht ein naturrechtswidriger Vorgang. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war sie aber auch mit der christlichen Mission verbunden. Sie hatte also ein doppeltes Gesicht. Man darf nicht verschweigen, daß das, was an Zivilisation heute in den afrikanischen Ländern existiert, eine Folge der Mission bzw. der Kolonisierung war. Auch die Landnahme der Spanier im heutigen Lateinamerika hatte ihre zwei Seiten. Die dortigen Völker haben noch im 16. Jahrhundert massenhaft aus kultischen Gründen Menschen geopfert. Das hörte mit der Kolonisierung und der damit verbundenen Christianisierung auf. […] Niemand kann in Abrede stellen, daß die lateinamerikanischen Stämme ausgebeutet worden sind, Niemand kann aber auch in Abrede stellen, daß ihnen gleichzeitig Kultur und Bildung gebracht wurden.“94

Der nigerianische Kardinal Francis Arinze sagte 2019, dass er dankbar dafür sei, dass europäische Missionare es ihm ermöglicht hätten, Christ zu werden. Diese Missionare hätten für ihn große Opfer gebracht.95

Kritik

Der protestantische Missionar Bruno Gutmann kritisierte im frühen 20. Jahrhundert, dass sich Christianisierung häufig auf die Übernahme äußerlicher Aspekte europäischer Kultur durch die Menschen etwa in Subsahara-Afrika beschränkt habe. Diese Form von Christianisierung habe die vorgefundenen Kulturen sowie die in ihnen vorhandenen Weisheitsbestände aufgelöst und durch eine Imitation der zum Teil schlechtesten Aspekte europäischen Moderne ersetzt. Die Menschen vor Ort seien dadurch zu Karikaturen ihrer selbst geworden, die nicht selten ihren vermeintlich rückständigen Landsleuten mit Arroganz begegneten.96

5.1.3 Die Entwicklung der Menschenrechte durch Dominikaner als Antwort auf Verfehlungen des Kolonialismus

Das europäische Vordringen in die Neue Welt war in großen Teilen auch von materiellen Zielen getrieben und mit gravierenden Vergehen verbunden. Christliche Orden waren an diesen Vergehen jedoch nicht beteiligt. Laut John Robert seien die katholischen Geistlichen in Mittel- und Südamerika „im großen und ganzen die einzigen einflußreichen Vertreter der indianischen Sache“ gewesen. Ordensgeistliche wie Franziskaner, Dominikaner und Augustiner hätten nicht nur Kirchen errichtet, sondern auch Schulen mit Unterricht in einheimischen Sprachen, Krankenhäuser Städte und Wasserleitungen.97

Insbesondere die Dominikaner leisteten in diesem Zusammenhang außerdem einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Menschenrechte auf der Grundlage des christlichen Naturrechtsdenkens. Als Reaktion auf das Fehlverhalten vieler Eroberer und Siedler setzte der Dominikaner Bartolomé de Las Casas, der einer der ersten katholischen Bischöfe in der Neuen Welt war, die Anerkennung der Rechte der Ureinwohner in den von Spanien kontrollierten Teilen Süd- und Mittelamerikas durch. Er verwendete dabei erstmals in der Geschichte den Begriff „Menschenrechte“ („derechos humanos“). Las Casas wurde unter anderem durch den Dominikaner Antonio de Montesinos inspiriert, der 1511 die folgende Predigt vor spanischen Siedlern gehalten hatte:

„Mit welchem Recht und welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Indios in einer so grausamen und schrecklichen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr diese Völker blutig bekriegt, die ruhig und friedlich in ihren Ländern lebten, habt sie in ungezählter Menge gemartert und gemordet? Ihr unterdrückt sie und plagt sie, ohne ihnen zu essen zu geben und sie in ihren Krankheiten zu heilen, die über sie kommen durch die maßlose Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, und sie sterben – oder besser gesagt: ihr tötet sie, um Tag für Tag Gold zu gewinnen.“98

Das Wirken der Dominikaner entfaltete vor allem in Spanien Wirkung und Las Casas wurde 1516 zum offiziellen Vertreter der Interessen der Indios vor dem spanischen König ernannt. Er und andere trugen dazu bei, dass Papst Paul III. 1537 im Dokument „Sublimis Deus“ Rechtfertigungen für die Versklavung von Ureinwohnern, denen abgesprochen wurde eine Seele zu besitzen, als „teuflisch“ verurteilte und ihre universellen und unverfügbaren Menschenrechte auf Freiheit und Eigentum betonte:

„Alle, […] ohne Ausnahme, sind doch alle fähig, im Glauben unterwiesen zu werden. Scheelen Blickes sah dies der Rivale des Menschengeschlechtes, der stets allem Guten entgegenwirkt und es zu vernichten trachtet. Daraufhin ersann er eine bislang nie gehörte List, um die Verkündigung des Wortes Gottes an die Völker und damit deren Heil zu hintertreiben: Er veranlasste nämlich einige seiner Helfershelfer, die nichts anderes begehrten, als ihre Habsucht zu befriedigen, dass sie unablässig daraufhin arbeiteten, die Bewohner West- und Südindiens und andere Nationen, von denen wir Kunde erhalten haben, wie Tiere zum Sklavendienst einzuspannen. Sie schützten dabei vor, diese Leute könnten des katholischen Glaubens nicht teilhaftig werden. […]  Aus dem Verlangen, in diese Angelegenheit Ordnung zu bringen, bestimmen und erklären wir mit diesem Schreiben und kraft unserer apostolischen Autorität, ungeachtet all dessen, was früher in Geltung stand und etwa noch entgegensteht, dass die Indianer […] ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden dürfen; vielmehr sollen sie ungehindert und erlaubter Weise das Recht auf Besitz und Freiheit ausüben und sich dessen erfreuen können. Auch ist es nicht erlaubt, sie in den Sklavenstand zu versetzen. Alles, was diesen Bestimmungen zuwiderläuft, sei null und nichtig.“

Der spanische König Karl V., der zunächst eine Rücknahme dieser Bulle erwirkte, sich später aber den Gedanken des Papstes anschloss, setzte als Reaktion auf das Wirken der Dominikaner außerdem eine Untersuchungskommission ein, die eine Reihe von Gesetzen zum Schutz der Indios entwarf, die 1542 verkündet wurden.

5.1.4 Die Schaffung einer europäischen Weltzivilisation

Papst Paul VI. nahm in der Enzyklika Populorum progressio 1967 eine differenzierte Bewertung des europäischen Ausgreifens in die Welt vor:

„Man kann sicherlich manche Übelstände eines sogenannten Kolonialismus und seine Folgen nicht leugnen. Trotzdem darf man auch die Tüchtigkeit und das Werk mancher Kolonisatoren rühmend erwähnen, die so manchem bettelarmen Land ihr Wissen und ihr Können zur Verfügung gestellt und gesegnete Früchte ihres Wirkens hinterlassen haben. So unvollkommen auch die damals geschaffenen Einrichtungen sein mögen, sie haben die Unwissenheit und die Krankheit zurückgedrängt, neue Verbindungswege eröffnet und die Lebenslage verbessert.“99

Europäische Kultur prägt die Welt bis in die Gegenwart, was für die dadurch beeinflussten Völker sowohl positive als auch negative Folgen hatte und hat. Dem Schriftsteller V. S. Naipaul zufolge habe das globale Ausgreifen Europas eine universelle Zivilisation geschaffen, die einen Weg für alle Menschen der Welt zu einem gelingendem Leben aufzeigen könne. Ohne dieses Ausgreifen hätten es für große Teile der Menschheit keinen Ausweg aus Elend und Aberglaube gegeben.

John Roberts schrieb in den 1980er Jahren über die anhaltende Durchdringung der Welt durch europäische Kultur:

„Fast alle heute die Welt umgestaltenden Grundprinzipien und Ideen gehen von Europa aus. Sie haben sich rund um den Erdball verbreitet, und andere Kulturen sind unter ihrem Anprall zerfallen. […] Einige […] Folgen waren waren unbestreitbar gut, andere ebenso unbestreitbar schlecht. […] Fest steht […], daß die abendländische Kultur bewußt oder unbewußt andere Kulturen zu Zugeständnissen gezwungen hat, Zugeständnisse, wie jene sie niemals zuvor irgendeiner von außen kommenden Macht hätten machen müssen.“

Europa habe die erste Weltkultur geschaffen, und diese Kultur sei die Kultur des Abendlandes.100 Es seien „Männer aus dem Abendland“ gewesen, die „die ganze Welt nach ihren Vorstellungen der Zivilisation zugeführt“ haben.101 Dies wirke bis in die Gegenwart nach. Englisch sei die einzige globale Sprache in einer Welt, in der fast überall der europäische Kalender verwendet werde und die durch vom europäischen Kulturraum ausgehende Impulse zunehmend vereinheitlicht werde.

Roberts zufolge hätten selbst die Völker, die den europäischen Einfluss ganz oder teilweise ablehnten, dies nicht ohne Rückgriff auf europäische Ideen tun können. Der Panafrikanismus etwa, auf den sich Bewegungen gegen den Kolonialismus in Subsahara-Afrika stützten, habe auf der europäischen Wahrnehmung Afrikas als Einheit aufgebaut. Vor der Ankunft der Europäer dort sei keinem Afrikaner bewusst gewesen, dass er Teil einer größeren kulturellen Einheit ist, die sich von anderen unterscheidet. China hingegen berufe sich bei seiner Ablehnung des Westens auf einen deutschen Philosophen der Spätromantik. Nur im islamischen Kulturraum gebe es einen von westlichem Denken unabhängigen Widerstand gegen die europäische Weltkultur.102

5.2 Die Türkenkriege: Die Verteidigung Mitteleuropas gegen osmanische Invasionen (1423-1799)

Bereits im 14. Jahrhundert begannen die Osmanen auf dem Balkan mit militärischen Vorstößen in Richtung Mitteleuropa. Nach dem Untergang des Byzantinischen Reiches bedrohten die Osmanen die Südostflanke des christlichen Europas auf dem Balkan direkt. Diese Bedrohung bestand für mehrere Jahrhunderte. Die politische Zersplitterung der Völker des Balkans begünstigte diese Bedrohung. Bulgaren, Serben Rumänen, Kroaten und Ungarn unterlagen den Invasoren nacheinander. 1529 erreichten die Osmanen erstmals Wien und planten, von dort aus weiter nach Mitteleuropa sowie nach Italien vorzustoßen. Nachdem dieser Angriff abgewehrt werden konnte, erfolgte 1683 ein zweiter Versuch der Eroberung Wiens, der auf gesamteuropäische Verteidigungsanstrengungen stieß. Nach der erfolgreichen Abwehr dieses Angriffs gingen das Bündnis der christlichen Völker Europas zu einer Gegenoffensive über und befreiten zunächst Ungarn von der osmanischen Besatzung. Eine wesentliche Rolle spielte dabei Prinz Eugen als militärischer Führer sowie als Staatsmann.

Bedeutende Ereignisse waren in diesem Zusammenhang die im Folgenden genannten:

  • Die Schlacht auf dem Amselfeld (1389): Auf dem Amselfeld im heutigen Kosovo stellte sich 1389 ein Heer unter der Führung des serbischen Fürsten Lazar den angreifenden Truppen des osmanischen Sultans Murad I. entgegen. Das kräftemäßig unterlegene Heer Lazars unterlag zwar den Angreifern, konnte diesen aber hohe Verluste zufügen. Das Ereignis spielt in der Erinnerungskultur der slawischen Balkanvölker eine wichtige Rolle als Symbol der Aufopferung für das christliche Europa.
  • Der Fall Konstantinopels (1453): Am 28. Mai 1453 vernichteten die Osmanen mit der Einnahme Konstantinopels das Byzantinische Reich, das auf das Römische Reich zurückging und den islamischen Angriffen rund 800 Jahre lang standgehalten und dadurch das christliche Mitteleuropa geschützt hatte. Der letzte byzantinische Kaiser Konstantin XI. fiel bei der Verteidigung der Stadt, an der er sich persönlich beteiligt hatte.
  • Die Schlacht bei Mohács (1526): Der Sieg Sultan Süleymans I. über Ludwig II. von Ungarn in der Schlacht bei Mohács war mit dem Tod Ludwigs und eines großen Teils des ungarischen Adels verbunden, die in der Schlacht fielen. Der größte Teil Ungarns wurde anschließend in das Osmanische Reich eingegliedert und konnte erst 1686 wieder befreit werden.
  • Die Verteidigung Maltas (1565): Zahlenmäßig deutlich unterlegen Kräften des Malterserordens sowie anderen Verteidigern unter der Führung Jean Parisot de la Valettes gelang es, der zwischen Mai und September 1565 andauernden Belagerung der strategisch wichtigen Insel Malta durch die Osmanen standzuhalten. Die Insel wurde dabei zuletzt von nur noch rund 600 Mann gegen mehrere zehntausend Osmanen gehalten.
  • Die Seeschlacht von Lepanto (1571): Siehe unten
  • Die Schlacht am Kahlenberg (1683): Die Schlacht am 12. September 1683 beendete die Zweite Wiener Türkenbelagerung. Ein deutsch-polnisches Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski schlug dabei die osmanische Armee unter dem Schlachtruf „Maria hilf“. Auf christlicher Seite kämpften Kräfte aus Österreich, Sachsen, Bayern, Baden und dem Kirchenstaat sowie polnische Husaren. J. R. R. Tolkien hat seine Beschreibung der fiktiven Schlacht auf dem Pelennor vor den Toren der Stadt Minas Tirith mutmaßlich auch an die Schlacht am Kahlenberg angelehnt.
  • Die Schlacht bei Zenta (1697): Der unter der Führung von Prinz Eugen errungene Sieg führte bei geringen eigenen Verlusten zur fast vollständigen Zerschlagung der osmanischen Kräfte und bereitete den Frieden von Karlowitz entscheidend mit vor.
  • Die Schlacht von Peterwardein (1716): Von Prinz Eugen geführte Kräfte besiegten hier ein osmanisches Heer und beendeten damit einen der vorläufig letzten osmanischen Vorstöße in Richtung Mitteleuropa.
  • Die Befreiung von Belgrad (1717): Die Befreiung der strategisch wichtigen, am Zusammenfluss von Donau und Save gelegenen und stark befestigten Stadt galt als äußerst schwierig. Das bis heute überlieferte Volkslied von „Prinz Eugen, dem edlen Ritter“ erzählt die Geschichte dieser Schlacht, die das Osmanische Reich zum Frieden von Passarowitz zwang und die osmanische Bedrohung für das christliche Mitteleuropa für lange Zeit neutralisierte.

Mangelnde Einheit des christlichen Europas begünstigte die osmanischen Invasionen. Die Hauptlast des Kampfes trugen die Republik Venedig, Ungarn, die Habsburgermonarchie, das Heilige Römische Reich und Polen. Frankreich beteiligte sich nicht an der Verteidigung des christlichen Europas und verbündete sich statt dessen zeitweise mit den Osmanen gegen seine europäischen Gegner.

5.2.1 Die Seeschlacht von Lepanto (1571)

Die Schlacht markiert einen entscheidenden Wendepunkte im Abwehrkampf des christlichen Europas gegen die Osmanen. Den Kräften der von Papst Pius V. organisierten Heiligen Liga unter der militärischen Führung von Don Juan de Austria gelang hier der Sieg über die osmanische Flotte. Die religiöse Bedeutung dieses Sieges wurde 1572 durch die Einführung des Rosenkranzfestes unterstrichen, das auf die Fürsprache Marias während der Schlacht verweist. Der Tag des Sieges ist bis heute der katholische Gedenktag „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“ (ursprünglich „Unsere Liebe Frau vom Siege“).

Paul Badde schrieb über die Schlacht:

„Vielleicht hat in den letzten tausend Jahren nur die Schlacht um Wien hundertzwölf Jahre später den Lauf der Geschichte Europas noch einmal so entscheidend verändert. […] Die Helden der christlichen Seefahrt waren den Janitscharen Ali Paschas hoffnungslos unterlegen. […] Die Blüte Europas kämpfte an diesem Tag in der ‚Heiligen Liga‘ gegen den Halbmond, der aus dem Osten kam. Es war eine einmalige Vereinigung der uneinigen Christenheit. Das Flaggschiff der Savoyer zierte eine riesige Fahne, auf der die Konturen des Gekreuzigten vom Turiner Grabtuch in den schweren Brokat vor dem Emblem der Sonne gestickt waren. […] Mit dem Ruf ‚Viva Maria!‘ stürzte sich Andrea Doria endlich […] kopfüber in die Schlacht.“

Die Schlacht sei zunächst sehr ungünstig für die christliche Seite verlaufen. In dieser Lage habe Andrea Doria vor einem Gnadenbild gebetet, das die Maria von Guadelupe zeigte, die Maria gemäß der Darstellung in der Apokalypse des Johannes auf einem Halbmond stehend zeigt. Es habe sich um die erste Kopie des Bildes gehandelt, die Europa erreichte.103

5.3 Der Kampf gegen die muslimischen Piraten und Sklavenhändler Nordafrikas (ca. 1500-1844)

Die mit den Osmanen verbündeten Barbareskenstaaten Nordafrikas begannen ab ca. 1530 Angriffe auf die Seefahrt christlicher Staaten im Mittelmeer sowie gegen Orte an der Mittelmeer- und Atlantikküste. Die Angriffe wurden durch Korsaren durchgeführt, deren Zentren Algier, Tunis und Tripolis waren.

Haupteinnahmequelle der Barbareskenstaaten waren neben Piraterie auch die Versklavung Gefangener bzw. Sklavenhandel und Lösegelderpressung. Modernen Schätzungen zufolge wurden in diesem Zusammenhang zwischen 1530 und 1780 etwa 1,25 Millionen Christen versklavt, die meisten davon durch Raubzüge an den Küsten Italiens, Spaniens, Portugals und der Inseln im Mittelmeer. Bei diesen Angriffen wurden auch zahlreiche Orte durch Brandstiftung zerstört. Alleine Sizilien wurde zwischen 1570 und 1606 insgesamt 136 Mal angegriffen.

In Algier wurden die meisten Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen in als „Bagnos“ bezeichneten unbelüfteten Verliesen untergebracht, die sie tagsüber verließen, um z.B. bei Bauarbeiten eingesetzt zu werden. Ähnliche Einrichtungen existierten auch in Tunis und Tripolis. Eine kleine Minderheit der Sklaven konvertierte zum Islam oder wurde aufgrund besonderer beruflicher Fähigkeiten besser behandelt. Andere wurden freigekauft, vorwiegend von christlichen Orden.

Diese fortgesetzten Angriffe waren Anlass zahlreicher militärischer Interventionen europäischer Staaten seit dem 17. Jahrhundert. Am Vorgehen gegen die Piraten beteiligten sich vor allem Großbritannien, Frankreich, Spanien, die Niederlande und Venedig, aber auch Dänemark, Portugal und andere. Im Zuge dieser Interventionen wurden wiederholt Infrastruktur der Piraten bzw. Hafenanlagen in Algier, Tunis und Tripolis sowie Piratenflotten vernichtet und christliche Sklaven und Geiseln befreit. 1801-1805 und 1815 beteiligten sich auch die USA in Form Barbareskenkriege („Barbary Wars“) am Vorgehen gegen die Piraten. Erst nach der französischen Eroberung Algeriens 1830 und Marokkos 1844 konnte die muslimische Piraterie im Mittelmeer endgültig unterbunden werden. Die islamischen Kulturen Nordafrikas haben die Versklavung von Christen jedoch nie historisch aufgearbeitet, und vor allem in Libyen wird Sklaverei weiterhin praktiziert, was vor allem schwarzafrikanische Migranten betrifft. Auch im westlichen Kulturraum gilt im Zusammenhang mit der Durchsetzung postkolonialer Opfer- und Täternarrative die Erinnerung daran, dass auch Europäer versklavt wurden, zunehmend als politisch unerwünscht.

5.4 Die Reformation und Religionskriege in Mitteleuropa (1517-1648)

Die Reformation stellte anfänglich einen Versuch dar, Verfallserscheinungen, Dekadenz und Korruption in der Kirche zu bekämpfen. Sie führte jedoch zum Verlust der religiösen Einheit Westeuropas, so dass der Begriff des christlichen Abendlandes für die Zeit nach der Reformation nur noch bedingt anwendbar ist. Die mit der Reformation verbundenen Religionskriege, insbesondere der Dreißigjährige Krieg in Deutschland, richteten nicht nur enorme Schäden an und waren mit großen Verlusten verbunden, sondern förderten auch religionsfeindliche Kräfte. In diesen Kriegen gehörten die sich bekämpfenden Akteure zwar unterschiedlichen Konfessionen an, aber religiöse Fragen spielten nur eine nachrangige Rolle. Die Hugenottenkriege in Frankreich (1562-1589) waren etwa Auseinandersetzungen zwischen zwei Adelsparteien und im Dreißigjährigen Krieg (1616-1648) überlagerten die Konflikte zwischen europäischen Mächten die konfessionellen Konflikte.

Zu den wenigen erwähnenswerten Leistungen des schützenden und bewahrenden Dienstes aus dieser Zeit gehören die im Folgenden aufgeführten.

  • Die Verteidigung des Papstes durch die Schweizergarde bei der Plünderung Roms (06.05.1527): Als eine Armee außer Kontrolle geratener Söldner Rom plünderte und dort aufgehetzt von Predigten, die den Papst als „Antichrist“ darstellten, Greueltaten in großem Ausmaß verübten, fielen 147 von insgesamt 189 Soldaten der Schweizergarde unter der Führung von Kaspar Röist bei einem Gefecht auf dem Petersplatz.  Sie ermöglichten dadurch dem Papst, sich an einen sicheren Ort zu begeben. Die Schweizergarde gedenkt jedes Jahr bei ihrer Vereidigungszeremonie am 6. Mai dieser Tat.

Absolutismus und beginnender Nationalismus

Eine Folge des Dreißigjährigen Krieges war auch ein Wandel im Verhältnis zwischen Religion und Staat. In den Jahren zwischen 1650-1790 lösten sich die zunehmend absolutistisch agierenden Staaten Europas nicht nur von Verbindungen zur Kirche, sondern auch an das Christentum allgemein, dem allenfalls noch eine den Staat legitimierende Rolle zugedacht war. In Frankreich versuchte z. B. König Ludwig XIV., mit seinen „gallikanischen Artikeln“ eine vom Papsttum weitgehend gelöste Staatskirche zu errichten. Nicht mehr die Einheit des christlichen Abendlandes, sondern nationale Interessen prägten das Handeln der Staaten. Es gelang der Kirche in Folge dessen nicht mehr, sie zu einem gemeinsamen Kampf gegen osmanische Angriffe an der Südostflanke Europas zu bewegen.

5.5 Der Hexenwahn (1550-1560) als Niederlage der Kirche

In der europäischen Geschichte ist das Phänomen des Hexenwahns ein Ausdruck der destruktiven Kraft der Masse. Das Phänomen war bereits im vorchristlichen Europa vorhanden, wurde aber durch die Kirche bzw. durch christliche Herrscher im frühen Mittelalter weitgehend erfolgreich unterbunden. Während der Krisen der frühen Neuzeit erwiesen sich kirchliche Institutionen, etwa die Inquisition, in Teilen Mitteleuropas jedoch als nicht mehr stark genug, um dieses Phänomen zu unterbinden. Wo die Inquisition stark war, etwa in Spanien, blieb der Hexenwahn jedoch unter Kontrolle.

5.6 Die Aufklärung und ihr Kampf gegen das Christentum (1650-1800)

Die Aufklärung ist als Epoche die Zeit zwischen 1650 und 1800. Sie ist zugleich eine weltanschauliche Bewegung mit bestimmten Ideen und Werten, die in die Forderung münden, dass die Menschen sich von Autoritäten und Konventionen befreien sollten, die der kritischen Prüfung der Vernunft nicht standhalten. Die Aufklärung ist ein komplexes und vielschichtiges geistesgeschichtliches Phänomen, das keine einheitliche geistige Strömung beschreibt, und das neben guten auch ambivalente oder schlechte Elemente umfasst. Lenin und Hitler sind ebenso Teil der Tradition der Aufklärung wie Locke oder Kant.

Allgemein bezeichnet der Begriff der Aufklärung die Betrachtung des Menschen als höchste moralische Autorität. Typisch für die Aufklärung ist auch ein Fortschrittsbegriff, der diesen an materiellen Kriterien wie naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Leistung sowie am Grad der als Befreiung verstandenen Lösung des Menschen aus traditionellen Bindungen misst. Durch die Entwicklung von Wissen und Technologie könne der Mensch seine Situation fortlaufend verbessern.

Zu den Leistungen der Aufklärung gehören ihre Aufgeschlossenheit gegenüber den Naturwissenschaften, ihre begründete Kritik an einer Theologie, die nicht zwischen Natur und Übernatürlichem differenzierte, und ihre Unterstützung des Naturrechts.

Aus christlicher Perspektive muss zwischen der religionsfeindlichen französischen Strömung der Aufklärung und der pragmatischen angelsächsischen Strömung unterschieden werden, die freien Handel und individuelle Freiheit betonte und dem Christentum positiver gegenüberstand. Antichristliche Strömungen der Aufklärung sammelten sich auch im Umfeld der Freimaurer, die ab ca. 1717 als kirchen- und zum Teil auch christenfeindlicher Geheimbund in Erscheinung traten und eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung der französischen Revolution spielten. Zur antikirchlichen und antichristlichen Ausrichtung dieser Strömung trugen auch die Dekadenz von Teilen des Adels in Europa sowie die enge Bindung der Kirche an diesen sowie die verheerenden religiösen Konflikte im Europa des 17. Jhd. und Phänomene wie der Hexenwahn bei.

Ein Beispiel für das destruktive Wirken radikaler Strömungen der Aufklärung gegenüber dem Christentum in Europa ist die Herrschaft von Joseph II. (1741-1790), der nach den Prinzipien des aufgeklärten Absolutismus herrschte und als einer der letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu dessen Ende beitrug, etwa durch den von ihm initiierten Bayerischen Erbfolgekrieg. Seine als „Josephinismus“ bekannt gewordene Religionspolitik in Österreich in den Jahren zwischen 1781 und 1790 strebte vor allem die Zerstörung von Klöstern und Orden an, die er als „Quellen des Aberglaubens und des religiösen Fanatismus“ betrachtete. Der Aufhebungsbeschluss betraf 1782 zunächst die kontemplativen Orden, die er als „unnütz“ erachtete und deren Besitz verstaatlich wurde. Viele christliche Feiertage und Kirchenfeste wurden unter seiner Herrschaft abgeschafft, um die Zahl der Arbeitstage zu erhöhen. Außerdem strebte Joseph II. danach, die Unabhängigkeit der Kirche aufzuheben und sie in eine Staatskirche umzuwandeln.

Christliche Bezüge der Aufklärung

Die Aufklärung baut auf den durch christliche Weltanschauung und Kultur über Jahrhunderte hinweg geschaffenen Voraussetzungen, etwa auf der positiven Bewertung des Verstandes, die in der mittelalterlichen Scholastik betont wurde.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach von Christentum und Aufklärung als „Zwillingen“. Ein grundsätzlicher Gegensatz bestehe nur zwischen auf extreme Weise verschlossenen Strömungen im Christentum und ebenso extremen, sich pauschal gegen ein als obskurantistisch verurteiltes Christentum wendenden Strömungen der Aufklärung. Diese Gegensätze sollten überwunden werden, weil sie unnötig seien.104

Das Christentum habe gleichzeitig auch von Leistungen der Aufklärung profitiert und diese in christliche Weltanschauung integriert, etwa auf dem Gebiet des Naturrechtslehre bzw. der Menschenrechte.105

Christliche Kritik der Aufklärung

Papst Johannes Paul II. kritisierte, dass die Aufklärung Dinge, die tief in Christentum verwurzelt seien, im Gegensatz zum Christentum gestellt und als ihre exklusive Leistung ausgegeben habe. Insbesondere die französische Aufklärung habe destruktive Auswirkungen gehabt: „Die Aufklärung stellte sich in ihren verschiedenen Ausdrucksformen dem entgegen, was Europa aufgrund der Evangelisierung geworden war.“

Sie habe die Trennung der Kulturen Europas von ihren religiösen Wurzeln angestrebt und damit großen Schaden erzeugt. Mit katholischer Weltanschauung teilt die jedoch Aufklärung die positive Bewertung der menschlichen Vernunft und der Prüfung kultureller Bestände mit den Mitteln des Verstandes. Teile der Aufklärung gehen dabei jedoch von einem naiven Menschenbild aus, das die unvollkommene Natur des Menschen leugnet und daher Widerstände unterschätzt und ausblendet, die menschlichen Versuchen entgegenwirken, seine Leidenschaften seinem Verstand unterzuordnen.

Aufklärerisches Denken ist zudem materialistisch geprägt. Es hat durch seine Fokussierung auf materiellen Dingen zwar viel zur Verbesserung der materiellen Situation des Menschen beigetragen, aber auch dazu geführt, dass die materiellen Aspekte der Wirklichkeit häufig mit der Wirklichkeit als solcher gleichgesetzt werden.

6. Moderne

6.1 Die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleons (1789-1815)

6.1.1 Antichristliche Maßnahmen der Revolution

Die Französische Revolution eskalierte ihr Vorgehen gegen das Christentum und gegen die Kirche in mehreren Schritten. Zunächst wurden das Kircheneigentum aufgehoben und Orden und Kongregationen aufgelöst. Ab 1790 wurde von Geistlichen gefordert, einen Eid auf den Staat abzulegen. Die zwei Drittel des Klerus, die dies verweigert, wurden durch den Staat für abgesetzt erklärt. Später wurden Geistliche, die diesen Eid verweigert, verbannt und das öffentliche Tragen von geistlicher Kleidung unter Strafe gestellt. Es wurde zudem versucht, eine Staatskirche zu schaffen.

1792 ermordeten Revolutionsanhänger im Zuge des sog. Septembermassakers rund 1.200 politische Gefangene, darunter auch viele Geistliche. Diese wurden 1926 von der Kirche als christliche als Märtyrer anerkannt. Es kam außerdem zu Versuchen, das christliche Kulturerbe auszulöschen, u. a. durch die Entfernung des christlichen Verständnisses der Ehe aus der Gesetzgebung und durch die Einführung einer neuen Zeitrechnung ohne Bezug auf die Geburt Christi. Außerdem wurde versucht, mit dem „Kult des höchsten Wesens“ eine neue Religion einzuführen. Kirchen wurden dazu in „Tempel der Vernunft“ umgewandelt.

Der revolutionäre Nationalkonvent beschloss im Juli 1793 die Zerstörung bzw. Schändung der Grabmäler und Mausoleen der französischen Könige in der Kathedrale Saint Denis.106

6.1.2 Der Widerstand gegen den Terror der Französischen Revolution (1793-1804)

In der Vendée (1793-96) und der Bretagne (1794-1804) leisteten Christen militärischen Widerstand gegen den Terror der Französischen Revolution.  Der nach einem ihrer Führer „Chouannerie“ benannte Widerstand in der Bretagne, der sich vor allem auch gegen Entchristianisierungsversuche der Revolutionäre richtete, ist weniger bekannt als der in der Vendée. Er erfasste auch benachbarte Regionen wie Anjou, Maine und die Normandie, wobei zum Höhepunkt der Bewegung rund 50.000 Widerstandskämpfer aktiv gewesen sein sollen. Die Kräfte der Revolution gingen mit großer Brutalität gegen die Bevölkerung vor. In einem Bericht beschrieb Louis Antoine de Saint-Just, ein Vertrauter Robesspieres, die an der Zivilbevölkerung verübten Verbrechen: „In Meudon wird menschliche Haut gegerbt. Sie ist von besserer Qualität als die Haut der Gänse. Die der Frauen ist weicher, aber nicht so stabil.“ In Clisson töteten Soldaten unter der Führung von General Crouzat am 05.04.1794 150 Frauen und verbrannten sie, um aus den Leichen Fett zu gewinnen.

6.1.3 Kirchenfeindliche Maßnahmen Napoleons

Die Herrschaft Napoleons war weniger stark von allgemeiner Christenfeindlichkeit gekennzeichnet als die Herrschaft der Revolutionäre. Er setzte jedoch deren kirchenfeindlichen Kurs fort und versuchte, die katholische Kirche zu zerstören. 1796 besetzten französische Truppen den Kirchenstaat. 1798 wurde Papst Pius VI. von den Franzosen für abgesetzt erklärt und zunächst verbannt, bevor er 1799 nach Frankreich verschleppt wurde, wo er im März 1799 in Haft verstarb. Er hatte zuvor jedoch noch Vorkehrungen für die Wahl eines Nachfolgers außerhalb des besetzten Roms treffen können, so das Napoleons Plan zur Enthauptung der Kirche scheiterte.

6.2 Der Kampf gegen die osmanische Besatzung des Balkans (1804-1913)

Das osmanische Reich besetzte große Teile des Balkans sowie Griechenlands im 14. und 15. Jahrhundert und betrieben dort eine Islamisierungspolitik, die das Christentum zwar duldete, aber es gleichzeitig auf allen Gebieten von Gesellschaft und Kultur zurückzudrängen versuchte.

Der Widerstand gegen die osmanische Besatzung im 19. Jahrhundert stützte sich nur teilweise auf christliche Bezüge und war stark von nationalen Motiven geprägt. Die griechische Nationalbewegung stützte sich etwa vorwiegend auf ein Identitätsverständnis, das nicht das christlich-byzantinische Erbe sondern das heidnische Erbe der Antike betonte.

In den einzelnen Staaten des Balkans gestaltete sich der Kampf gegen die osmanische Besatzung unterschiedlich.

  • Serbien: Der erste serbische Aufstand gegen die osmanischen Besatzer fand zwischen 1804 und 1813 statt. Der serbisch-osmanische Krieg dauerte von 1876 bis 1878.
  • Bulgarien: Das Land wurde 1393 von den Osmanen besetzt. Vor allem in christlichen Klöstern überlebte die griechisch-orthodox geprägte christliche Kultur der Bulgaren. Im Zuge des Aprilaufstands gegen die osmanischen Besatzer, der im April und Mai 1876 stattfand, verübten diese das Massaker von Batak, bei dem mehrere tausend Zivilisten ermordet und andere Gräueltaten verübt wurden.
  • Griechenland: Der griechische Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen dauerte von 1821–1829. Auch hier gingen die Osmanen mit großer Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vor. Im Zuge des Massakers von Chios im April 1822 töteten die Osmanen alle christlichen bzw. griechischen Männer über zwölf Jahren, alle Frauen über 40 Jahren und alle Kinder unter zwei Jahren. Insgesamt wurden 25.000 Menschen bei dem Massaker getötet. Der Rest der christlichen Bevölkerung der Insel, rund 45.000 Menschen, wurde als Sklaven verkauft.

6.3 Der Kampf nationalistischer und liberaler Ideologien gegen den Katholizismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

6.3.1 Der national-liberale „Kulturkampf“ in Deutschland und Europa

Im späten 19. Jahrhundert kämpften nationalistische und liberale Akteure in Europa sowie an dessen Peripherie gegen den Katholizismus. Ein Schwerpunkt war Deutschland, wo zwischen 1871-1887 der sog. „Kulturkampf“ stattfand. Dem Historiker Christopher Clark zufolge war dieser Kulturkampf nicht auf Deutschland beschränkt, sondern in ähnlicher Form auch in Italien, Österreich-Ungarn, Belgien und Frankreich zu beobachten. Prägendes Motiv dieses Kampfes sei der national-liberale „Affekt gegen den transnationalen politischen Katholizismus“ gewesen, der Katholiken als „vaterlandslose Gesellen“ bzw. als Hindernis bei der Herstellung nationaler Homogenität wahrgenommen habe, sowie ein „exaltierter Fortschrittsoptimismus“, der den Katholizismus als „mittelalterliches Relikt“ wahrgenommen habe.107 Der Liberale Rudolf Virchow, der den Begriff „Kulturkampf“ geprägt hatte, strebte nach eigenen Worten den Sieg des wissenschaftlichen Lichtes über mittelalterliche Finsternis und fanatischen Aberglauben an. Zwischen 1859 und 1878 erschienen laut Clark in Deutschland 427 antikatholische Romane.108

6.3.2 Die Verteidigung des Kirchenstaates gegen italienische Nationalisten (1859-1870)

Kirchenfeindliche italienische Nationalisten unter der Führung Giuseppe Garibaldis versuchten in den 1860er Jahren, den zu diesem Zeitpunkt ältesten Staat Europas, den Kirchenstaat, militärisch zu zerschlagen. Dieser wurden durch aus internationalen Freiwilligen bestehende Regimenter verteidigt, darunter auch das Infanterieregiment der Päpstlichen Zuaven.

6.3.3 Die osmanischen Genozide an christlichen Bevölkerungen an der Peripherie Europas (1895-1924)

Das Osmanische Reich verübte eine Reihe von Genoziden an Christen in seinem Herrschaftsbereich. Das erste genozidale Vorgehen gegen armenische Christen in den Jahren 1895 und 1896 forderte bis zu 300.000 Todesopfer. In den Jahren 1915-1916 führte das Reich eine zweite Welle dieses Genozids durch, die mindestens eine Million Todesopfer forderte. In den Jahren 1914-1924 verübte das Osmanische Reich außerdem Genozode an griechischen Christen in Anatolien in den Jahren 1914-1922 (bis zu 750.000 Tote), an assyrischen Christen in den Jahren 1914–1924 (bis zu 300.000 Tote).

Am 12. September 1915 (dem Tag des Festes Mariä Namen, dem Jahrestag der Befreiung von Wien von der osmanischen Besatzung 1683), gelang der französischen Marine die Evakuierung von rund 5.000 armenischen Christen aus dem Raum Djebel Mussa am Golf von Antiochien. Diese wurden dort im Zuge des osmanischen Völkermordes an den Armeniern von rund.15.000 Angreifern belagert. Französische Marineinfanterie sicherte die Evakuierung an Land.

6.4 Die Krise Europas im 20. Jahrhundert und der Kampf gegen die totalitären Ideologien

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) sprach vom „Karfreitag des 20. Jahrhunderts“, in dem die Gottverlassenheit eines Europas, das Gott zurückgewiesen habe, ihre furchtbare Wirkung offenbart habe:

„Wenn Kant und Hegel Recht behalten hätten, dann hätte die voranschreitende Aufklärung den Menschen immer freier, immer gerechter, immer vernünftiger, immer gerechter machen müssen. Stattdessen steigen wachsend aus seiner Tiefe jene Dämonen auf, die wir so eifrig totgesagt hatten und lehren den Menschen, Angst vor seiner eigenen Macht und Ohnmacht zu empfinden. Vor seiner Macht zu zerstören; vor seiner Ohnmacht, sich selbst zu finden und der eigenen Unmenschlichkeit Herr zu werden.“109

6.4.1 Nationalismus, Romantik und die Selbstzerstörung Europas im Ersten Weltkrieg

Nationalismus und Romantik waren Ausdruck von Versuchen, im geistigen Vakuum der Moderne Absolutheiten zu schaffen, die an die Stelle des verlorenen Glaubens und der Religion treten sollten. Der Erste Weltkrieg fand in einem von Zivilisationsmüdigkeit gekennzeichneten Umfeld statt, in dem sich große Teile der politischen und kulturellen Eliten Europas anfänglich eine Erneuerung der Kultur durch den Krieg erhofften. Populäre Philosophien betonten den „Willen zur Macht“. Paul Schütz schrieb, dass viele kriegsbegeisterte junge Männer nicht mit der Heiligen Schrift, sondern mit der heidnischen Edda, Goethes Faust und Nietzsches Zarathustra im Gepäck in den Krieg gezogen seien.

Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs schrieb der katholische Schriftsteller Léon Bloy:

„Es handelt sich nicht mehr um Eroberungen, die Auslöschung ist befohlen, die vollkommene und irreparable Vernichtung von Menschen und von Sachen.

Vom ersten Tag an ging es darum, daß Frankreich nicht mehr existiert oder daß das Deutsche Reich vernichtet wird. Keine Abschwächung ist möglich. Der Haß hat jedes Maß überstiegen […]. Zwölf oder fünfzehn Millionen lebendige Abbilder Gottes vernichten einander in der Dämmerung jeder Zivilisation […].“110

6.4.2 Der christliche Widerstand gegen den Kommunismus (1917-1989)

Die Ideologie des Kommunismus knüpfte an die Gedanken der Aufklärung und der Französischen Revolution an. Lenin sagte über die Revolution, dass als ihr „die ganze Entwicklung der gesamten zivilisierten Menschheit des 19. Jahrhunderts“ hervorgegangen sei. Die katholische Kirche hat diese Ideologie seit ihrer Entstehung in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausdrücklich abgelehnt. Nach dem II. Vatikanischen Konzil. das aus bis heute ungeklärten Gründen von der vorherigen Praxis der eindeutigen Verurteilung des Kommunismus abwich, drang marxistische Ideologie auch in Teile der katholischen Kirche ein, etwa in Form der sog. Befreiungstheologie. Papst Johannes Paul II. hingegen gehörte zu den wichtigsten Führungsgestalten des Widerstands gegen den Kommunismus. Vor allem im deutschen öffentlich-rechtlichen Protestantismus war seit den 1960er Jahren verbreitet Sympathie für kommunistische Ideologie zu erkennen, während die protestantischen Freikirchen überwiegend an der entschiedenen Ablehnung dieser Ideologie festhielten und weltweit ihre Bekämpfung unterstützten.

Der kommunistische Kampf gegen das Christentum

Alexander Solschenizyn beschrieb die von den sowjetischen Kommunisten betriebenen Maßnahmen zur „totalen Ausmerzung der Religion“, darunter massenhafte Verhaftungen und Deportation in Lager. Es sei den Kommunisten dabei vor allem darum gegangen, die öffentliche Bekundung des christlichen Glaubens sowie die christliche Erziehung von Kindern durch ihre Eltern zu unterbinden. Bereits in der Frühzeit der kommunistischen Herrschaft in der Sowjetunion sei die religiöse Erziehung von Kindern als „konterrevolutionäre Agitation“ unter Strafe gestellt worden.111

Papst Johannes Paul II.: Geistiger Führer des Kampfes gegen den Kommunismus

Die katholische Kirche spielte insbesondere unter Papst Johannes Paul II., dessen Pontifikat im Oktober 1978 begann, eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Osteuropas von der kommunistischen Herrschaft.

Der damalige Leiter des sowjetischen KGB, Juri Andropow, erkannte in Johannes Paul II. unmittelbar nach dessen Wahl zum Papst eine Bedrohung nicht nur für die kommunistische Regierung Polen, sondern für den gesamten sowjetisch kontrollierten Ostblock sowie für die Sowjetunion selbst.112 Das Politbüro der sowjetischen KPdSU beschloss 1979:

„Es sind alle möglichen Mittel zu nutzen, um eine Neuausrichtung der Politik zu vermeiden, die vom polnischen Papst begonnen wurde, und wenn es notwendig ist, ist nach Mitteln zu greifen, die weiter reichen als Desinformation und Diskreditierung.“113

Die Kommunistische Partei Polens bezeichnete den Papst vor seinem Besuch in seiner Heimat 1979 in einer vertraulichen Erklärung, die an Lehrer gerichtet war, als „Feind“, der aufgrund seiner positiven Wahrnehmung in der Bevölkerung eine besondere Gefahr darstelle. Maßnahmen zur Durchsetzung atheistischer Weltanschauung unter jungen Menschen müsste vor diesem Hintergrund weiter verstärkt werden. Im Umgang mit dieser Angelegenheit seien alle Mittel erlaubt.114

Ein nur knapp gescheiterter Mordanschlag gegen Johannes Paul II. wurde im Mai 1981 mit Unterstützung des bulgarischen Geheimdienstes verübt. Es gibt Hinweise darauf, dass der sowjetische KGB und die politische Führung der Sowjetunion von den Anschlagsplänen zumindest Kenntnis hatten.115 Dass der Anschlag auf sowjetische Initiative hin verübt wurde,ist aufgrund des damaligen Verhältnisses zwischen der Sowjetunion und den Staaten in ihrem Einflussbereich wahrscheinlich. Es wäre unwahrscheinlich gewesen, dass der bulgarische Geheimdienst eine Aktion von so großer Tragweite gegen den Willen der sowjetischen Führung durchgeführt hätte. Beweise dafür, dass der Anschlag auf Initiative sowjetischer Stellen verübt wurde, liegen bislang allerdings nicht vor.

Der polnische Dissident Adam Michnik erklärte später, das der Besuch des Papstes in Polen und dessen Auftritte vor z. T. mehr als einer Million Menschen eine Herausforderung für das „ehrlose Leben“ unter kommunistischer Herrschaft dargestellt habe und ein „Ethos des Opfers“ in der Bevölkerung erneuert habe, das schon frühere Generationen von Polen zum Kampf für „nationale und menschliche Würde“ motiviert habe.116 Rund ein Jahr nach dem Besuch des Papstes gründete sich in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc, deren Widerstand entscheidend zum Ende der sowjetischen Herrschaft über Osteuropa und zum Ende der Sowjetunion beitrug.

Papst Johannes Paul II. habe sich nach dem Anschlag auf ihn 1981 mit der Tatsache beschäftigt, das dieser am Jahrestag der ersten Marienerscheinung in Fatima stattgefunden habe. In Folge dessen habe er das dritte Geheimnis von Fatima auf diesen Anschlag bezogen. Nachdem er von einer gefährlichen Virusinfektion geheilt wurde nachdem er Wasser aus dem Heiligtum von Fatima getrunken hatte, vollzog der unter dem Gesamteindruck der Ereignisse die Weihe Russlands an das Unbefleckte Herz Marias, wie es in eine der Botschaften Marias in Fatima gefordert wurde. Diese Weihen erfolgten 1982 und 1984 und wurden zunächst nicht öffentlich bekannt. Er habe diese Weihe an jedem Morgen erneuert. Im September 1981 segnete er außerdem eine Statue Unserer Lieben Frau von Fatima und ließ sie in einer Kirche nach an der Grenze Polens zur Sowjetion mit Blick nach Osten aufstellen.117

Die Ermordung von Pater Jerzy Popieluszko durch polnische Kommunisten (1984)

Popieluszko stammte aus einer traditionellen und patriotischen katholischen Familie. Bereits als Schüler war er wegen seines Glaubens Repressalien der Kommunisten ausgesetzt. Später versuchte der polnische Geheimdienst ihn durch Kompromate dazu zu erpressen, als Informant zu arbeiten, was er mehrfach verweigerte.

In seinem Dienst widmete er sich unter anderem der Unterstützung politischer Gefangener. 1981 übernahm er die Durchführung einer monatlichen „heiligen Messe für das Vaterland“, die er entgegen den Bestimmungen des damals wegen der Demonstrationen in Polen verhängten Kriegsrechts fortsetzte, und an der jeweils bis zu mehrere tausend Menschen teilnahmen. Der Geheimdienst setzte daraufhin Informanten in seinem Umfeld ein, darunter auch mit den Kommunisten kollaborierende Priester, und deponierte Munition und Handgranaten in seiner Wohnung, um ihn zu kompromittieren und wegen Terrorismus anzuklagen. Er im Oktober 1984 durch Geheimdienstmitarbeiter entführt, gefoltert und anschließend in der Weichsel ertränkt.

Nach dem Ende der kommunistischen Diktatur in Polen wurden zahlreiche Denkmäler für Pater Popieluszko errichtet und viele Straßen, Plätze und Schulen nach ihm benannt. Er wurde außerdem zum Schutzpatron der Solidarnosc-Bewegung ernannt. Ein Verfahren zur Heiligsprechung wurde 1997 eingeleitet.

Das „Fanal von Zeitz“: Die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in der DDR 1976

Am 18.08.1976 verbrannte sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz auf einem Platz vor der Michaeliskirche in Zeitz in der DDR. Zuvor hatte er ein Schild aufgestellt, auf dem u. a. stand: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Nachdem es staatlichen Stellen nicht gelungen war, den Vorfall geheimzuhalten, versuchten sie, Brüsewitz nachträglich als Psychopathen und sexuell Perversen zu verleumden. Dies führte zu öffentlichem Widerspruch, etwa zu mehreren tausend entsprechenden Leserbriefen an das „Neue Deutschland“ und zur Solidarisierung von Künstlern und Intellektuellen mit Brüsewitz. Dem Historiker Karsten Krampitz zufolge habe das staatliche Vorgehen nach der später als „Fanal von Zeitz“ bezeichneten Tat „die sich damals so langsam formierende Zivilgesellschaft mobilisiert“. Erich Honecker bezeichnete die Tat als einen der konterrevolutionärsten Akte in der Geschichte der DDR.118

6.4.3 Der christliche Widerstand und Kampf gegen den Nationalsozialismus (1933-1945)

Der Nationalsozialismus war seinem Wesen nach so wie der Kommunismus antichristlich ausgerichtet und plante für die Nachkriegszeit eine deutlich gesteigerte Bekämpfung des Christentums in seinem Herrschaftsbereich. Diese gegen alle Christen gerichtete Einstellung brachte Christen aller Konfessionen im Widerstand zusammen.

Der Nationalsozialismus als antichristliche Ideologie

Der Nationalsozialismus ist eine im Kern antichristliche Weltanschauung, die sich gegen die christliche Tradition Europas sowie gegen Institutionen wie die Ehe und gegen traditionelle Milieus richtet. Sein Ziel war die Schaffung atomisierter Individuen, die in Massenorganisationen erfasst und in allen Lebensbereichen dem Staat unterworfen werden sollten. Die durch den NS beschworene „Volksgemeinschaft“ sollte Laut Christian Graf von Krockow sei sich Hitler „mit seinem bolschewistischen Todfeind vollkommen einig“ gewesen, was diese Ziele anging.119 Der Nationalsozialismus geht außerdem wie alle modernen Ideologien von einem materialistischen Welt- und Menschenbild aus. Wenn Nationalsozialisten von „Gott“ sprechen, meinen sie damit materielle Abläufe in der Natur bzw. Naturgesetze, insbesondere im Bereich Vererbung bzw. Evolution. Auch der Begriff „Glaube“ beschreibt im Nationalsozialismus eine rein innerweltliche, politisch mobilisierbare Ergriffenheit.

  • Adolf Hitler äußerte sich öffentlich zurückhaltend in religiösen Fragen, solange es nicht um das Judentum ging. Alfred Rosenberg, der führende Ideologe des NS, schrieb in seinem Tagebuch, dass Hitler unter Vertrauten geäußert habe, die „christlich-jüdische Pest gehe jetzt wohl ihrem Ende entgegen“. In der Bibel sah Hitler ein Instrument der Juden zur Beherrschung und Verdummung der Völker Europas. Sie sei entstanden, als „ein Jude sich gesagt hat: Setzt den Nichtjuden Sprüche vor, die Unsinn sind, je dunkler der Sinn, desto mehr werden sie darüber grübeln und von der Betrachtung der Wirklichkeit abgehalten sein!“ Das christliche Ethos des Schutzes der Schwachen widerspreche laut Hitler den Gesetzen der Natur.
  • Martin Bormann, ein enger Vertrauter Adolf Hitlers und zuletzt Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, erklärte in einem 1941 entstandenen internen Dokument: „Nationalsozialistische und christliche Auffassungen sind unvereinbar.“ Das Christentum baue auf Unwissenheit auf und wolle diese in der Bevölkerung erhalten. Es beruhe zudem auf „wirklichkeitsfremden Dogmen“. Wenn der NS von „Gott“ spreche, meine er nicht dasselbe wie die „naiven Christen“, sondern eine „naturgesetzliche Kraft“. Der NS fordere außerdem anders als das Christentum „lebensgesetzlich zu leben“. Der Einfluss der Kirche müsse „restlos und endgültig gebrochen werden“. 1940 betonte er in seinen „Richtlinien für die Erstellung des Religionsunterrichts“, dass sich Christentum und Nationalsozialismus grundsätzlich voneinander unterscheiden würden.
  • Gustav Bub, ein weltanschaulicher Schulungsleiter der NSDAP, erklärte, das Christentum habe „Artfremdes in die nordische Rassenseele und damit auch in das deutsche Volkstum hineingetragen“. Es sei eine „Vergewaltigung der eigenen Art“.
  • Die Bekämpfung des Christentums war einer der Schwerpunkte der Tätigkeit der am Neuheidentum ausgerichteten SS. Ende der 30er Jahre gehörte nur noch eine kleine Minderheit der Angehörigen von Allgemeiner SS und SS-Verfügungstruppe formell einer christlichen Kirche an.  Unter den ranghöheren SS-Führern befanden sich gar keine Christen.
  • Karl Maria Wiligut, der engste weltanschauliche Berater des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, legte Hitler ein strategisches Konzept zur Vernichtung des Christentums in Europa vor, das dieser unterschrieb.
  • Von Theodor Eicke, dem Kommandanten des KZ Dachau und Inspekteur der Konzentrationslager, ist der Spruch überliefert: „Gebetbücher sind für Weiber, auch solche die Hosen tragen. Wir hassen den Gestank des Weihrauchs, er verdirbt die deutsche Seele wie der Jude die Rasse.“
  • SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich war 1939 für die Erstellung eines Dokuments mit dem Titel „Die Einstellung der politischen Kirchen und Sekten zur gegenwärtigen Lage“ verantwortlich. Diesem Dokument nach würde der „Widerstand gegen Führer und Reich“ von „Hetzpastoren“ getragen sowie durch „maßgebliche Kreise des Katholizismus“, der seine „gegnerische Einstellung zum nationalsozialistischen Staat offen zum Ausdruck“ bringen würde, etwa mit „Hetzpredigten“ und „Hetzgottesdiensten“. Der Katholizismus würde zudem die „Verängstigung des Volkes“ betreiben und „die Bevölkerung unsicher und ängstlich“ machen durch „Verbreitung von Prophezeiungen einer baldigen Vernichtung Deutschlands“. Die „Hetztätigkeit der staatsfeindlichen Priesterschaft“, müsse „zum Schweigen gebracht werden“.
  • Ernst Krieck, der u.a. Rektor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main war, schrieb 1943 in seiner Schrift „Heil und Kraft“, dass Religion eine asiatische Erfindung sei. „Religion ist uns art- und sinnfremd“ und „unserer Rasse lebensfeindlich“. Die Germanen hätten im Gegensatz dazu über einen Glauben verfügt, „der den Willen gebiert und als schöpferische Kraft lebende Weltwirklichkeit gestaltet“. Religion „mit Zauber, Hinterwelt und Erlösung ist die Ursache der Krankheit“. Ihr stellte er „Glaube, Wille und Kraft“ als „Mächte der Gesundheit“ gegenüber. Die Religion „kreist mit ihren zauberischen Bewirkungen um Seele und Geist, verweist darum jedes Mal in ein lebensfeindliches Jenseits“. Glaube nach dem Verständnis des NS sei rein auf materielle Dinge bezogen.
  • Der Philosoph Ernst Bergmann war einer der Führer der „Deutschen Glaubensbewegung“, die im NS-Umfeld mit Unterstützung der SS zeitweise versuchte, eine neue Religion zu schaffen. In seiner Schrift „Deutschland, das Bildungsland der neuen Menschheit“ schrieb er, dass das Christentum eine „fremde Geisteskultur“ repräsentiere. Für das Christentum sei der Körper „ein Grabmal der Seele“. Es verachte den Körper und wolle ihn durch Askese zerstören „um sich seiner als eines wertlosen Gutes so rasch wie möglich zu entledigen“. Es stehe im Gegensatz zum NS, der den Körper „eugenisieren, aristogenisieren“ wolle. Er verspreche sich von „Rassenhygiene“ das „Ende des Christentums“. Diese neue Bewegung „tötet den christlichen Seelenstil“ durch Hochachtung des Körpers. Dass die Kirchen leer seien, sei ein Beleg für den Erfolg des NS. Die Deutschen würden sich vom „Aberglauben“ des Christentums abwenden, den eine „kranke“ Menschheit geschaffen habe. Der „nordische Mensch“ verehre die Natur und ihre Kräfte, und: „Der nordische Mensch büßt nicht.“ Als einzige Schuld erkenne er „große, gewaltige und niemals mehr abzutragende Schuld des Christentums an der Menschheit“ an, welche „die deutsche Jugend, die in der nordischen Glaubensbewegung steht, mit Recht wie eine brennende Schmach empfindet“. Diese Jugend sei von einem hohen Maß an „Gewalt des Hasses gegen das Christentum“ gekennzeichnet.
  • Der Mediziner und SS-Standartenführer Wilhelm Kinkelin war u.a. Leiter des Amtes „Blutpflege und Rassenkultur“ im Reichsamt für Agrarpolitik der NSDAP, In der Zeitschrift „Odal“ schrieb er im April 1937, dass das Christentum eine „lebensfeindliche Lehre“ sei, welche die natürliche „Blutsordnung“ bekämpfen würde. Das Christentum mit seiner „Lehre vom Geist“ und die „Lehre vom Blut“ des NS würden sich „unversöhnlich und feindlich gegenüber“ stehen. Der „Sieg des Blutsglaubens“ würde den „Untergang der Geisteslehre“ bedeuten. Die katholische Kirche habe unter Deutschen „tausend Jahre lang gegen das Blutsdenken gekämpft“ und sich beinahe schon vollständig durchgesetzt, was sich darin zeige, dass christliche Deutsche der Ansicht seien dass sie, „geistig Erben und Nachkommen der Juden“ wären. Kinkelin warf dem Christentum in diesem Zusammenhang falsche Achtung gegenüber dem „feindlichen Blutsverband“ der Juden vor.
  • Karl Astel, ein Inhaber eines Lehrauftrags für „menschliche Züchtungslehre und Vererbungsforschung“ an der Universität Jena, schrieb im Dezember 1936 in der Publikation „Nationalsozialistische Monatshefte“, dass der Nationalsozialismus die „Befreiung der arischen Naturwissenschaft von Scholastik, Dogma und Spekulation“ anstrebe. Er kritisierte, dass die „Universität der Vergangenheit“ aus christlichen Klosterschulen hervorgegangen sei. Die „Katholische Aktion“ würde den Umgestaltungsplänen des NS im Wege stehen. Der menschliche Geist müsse in den „Dienst der Lebenserhaltung und Lebensverbesserung“ nach NS-Sicht gestellt werden „und nicht in den Dienst irgendeines das Leben zerstörenden, mit Krankheit und Irrsinn anfüllenden ‚Meta‘.“ Metaphysik jeglicher Art sei unarisch.

Der Nationalsozialismus als Bruch mit der christlichen Tradition Deutschlands

Der katholische Philosoph Jacques Maritain, der später die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte mitgestaltete, schrieb unmittelbar nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs:

„Dieser Krieg ist ein Kultur-Krieg. Man hat recht, wenn man behauptet, daß es in der vielherdigen Brandkatastrophe, in die Polen, Frankreich, England, Finnland, Dänemark und Norwegen hineingeworfen worden sind, um die Rettung der christlichen Kultur geht. Das trifft zu, wenn wir zwei Dinge richtig verstehen. Fürs erste müssen wir wissen, daß eine christliche Kultur in gleicher Weise vom Nationalsozialismus Hitlers und vom Kommunismus Stalins in ihrem Dasein bedroht wird, und vielmehr von einer Art Nationalbolschewismus, in den diese beiden Seuchen sich zu vereinigen trachten […].“120

Der Nationalsozialismus stelle die Antithese zum kulturellen Erbe Deutschlands dar. Er sei eine „Geistesrichtung […] die in schändlicher Weise dieses ganze große Erbe verschleudern, zerstören und vernichten“ wolle. Dabei knüpfe er aber an „die uralte Krankheit, an der Deutschland leidet“, an. Diese sei die Ablehnung der Vorstellung, kulturell Teil des christlichen Abendlandes zu sein. Es gebe in diesem Zusammenhang eine „Sucht, sich in seine Eigenart zurückzuziehen“. Aus ihr habe sich „Sehnsucht nach Selbstverherrlichung und Vorherrschaft entwickelt“. Auch große Geister wie Luther, Fichte und Wagner seien ihr erlegen.121

Dem deutschen Volk und der Welt wünschte Maritain 1940:

„Möge Gott Deutschland Heilige senden! Sie werden nötig sein, um das angerichtete Unheil wieder gutzumachen.“122

Der christliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Die katholische Kirche hatte bereits in den späten zwanziger Jahren insbesondere die Rassenideologie und den Antisemitismus des Nationalsozialismus als unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild verurteilt. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler nannte „die unzweideutige Kritik, mit der die katholische Amtskirche bis 1933 der Hitler-Bewegung begegnete, ein Ruhmesblatt ihres politischen Urteilsvermögens.“123

Der Rechtsphilosoph und Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde schrieb über den katholischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Jahren bis 1933:

„Die deutschen Katholiken hatten, von ihren Bischöfen und dem Klerus geführt und bestärkt, diesem Druck, im Ganzen gesehen, tapfer widerstanden und sich dabei als überzeugungsfeste Gegner des Nationalsozialismus erwiesen.“124

Die katholischen Bischöfe hätten frühzeitig in zahlreichen Erklärungen „die Irrlehre der nationalistischen Bewegung verurteilt, vor ihrer Gefährlichkeit gewarnt und das aktive Eintreten für die Ziele der NSDAP, vielfach auch die bloße Mitgliedschaft in ihr, für unerlaubt erklärt“. Teilweise seien aktive Nationalsozialisten und Parteimitglieder vom Sakramentenempfang ausgeschlossen worden. Die katholische Zentrumspartei habe den Wahlkampf 1933 in „scharfer Frontstellung gegen die Nationalsozialisten“ geführt.125

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hätte der deutsche Katholizismus dann zunächst versucht, sich durch Arrangements vor den Auswirkungen nationalsozialistischer Herrschaft zu schützen. Böckenförde kritisiert, dass diese Arrangements bereits vor dem Eintreten der erwarteten Notlagen getroffen worden seien und den NS stabilisiert hätten. Es habe zudem katholische Akteure gegeben, die sich in die stille Opposition zurückgezogen oder im NS einen potenziellen Verbündeten im Kampf gegen den Kommunismus gesehen hätten.126 Später sei angesichts der Praxis nationalsozialistischer Herrschaft jedoch deutlich geworden, dass eine Koexistenz mit dieser Ideologie nicht möglich gewesen sei. Diese Erkenntnis habe das „Ruhmesblatt des katholischen Widerstandes“ hervorgebracht, der von Persönlichkeiten wie Kardinal Faulhaber und Bischof Graf von Galen angeführt worden sei.127

Das 1942 veröffentlichte Hirtenwort der deutschen Bischöfe zur Lage der katholischen Kirche in Deutschand verurteilte neben den Verbrechen des Nationalsozialismus gegen Freiheit und Leben auch die „widerchristliche Propagandawelle […] mit dem klar erkennbaren […] Ziel, womöglich das Christentum in Deutschland zu vernichten“.128

Nach dem Krieg warf vor allem die Propaganda kommunistischer Staaten der von ihr als einen ihrer Hauptgegner betrachteten katholischen Kirche vor, mit dem Nationalsozialismus kooperiert zu haben. Diese Vorwurfe richteten sich vor allem gegen Papst Pius XII. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth griff diese Vorwürfe in seinem Theaterstück „Der Stellvertreter“ auf, das die öffentliche Diskussion in Deutschland zu diesem Thema lange prägte, jedoch in den wesentlichen Punkten so wie auch die kommunistische Propaganda nicht auf historischen Tatsachen beruhte. Der Archivar Johan Ickx, der nach der Öffnung der entsprechenden Archivbestände des Vatikans das vollständige Material auswerten konnte, empfahl der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Pius XII. als „Gerechten unter den Völkern“ zu ehren. Der Heilige Stuhl habe aktiv nach Mitteln und Wegen gesucht, um mit den zur Verfügung stehenden Mitteln „so viele Menschenleben wie möglich zu retten“.129

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ging hauptsächlich von christlich-konservativen Kräften aus, die bestimmend für die Widerstandsbewegung im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 waren. Der bereits erwähnte Papst Pius XII. stand in Verbindung zum militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und unterstützte diesen. Das „Martyrologium Germanicum“ erfasst 415 katholische deutsche Märtyrer, die neben den vielen Märtyrern anderer Konfessionen und denen aus anderen Ländern Europas durch Nationalsozialisten wegen ihres Glaubens getötet wurden. Es enthält unter anderem Mitglieder der Weißen Rose und des Kreisauer Kreises. Zu den bislang heiliggesprochenen Märtyrern des Widerstands gehört Alfred Delp.

Dem Philosophen Alexander Lohner zufolge waren die Vorstellungen des Kreisauer Kreises bezüglich der Neuordnung Deutschlands von der christlichen Soziallehre geprägt:

„Dem Programm der Neuordnung Deutschlands lag ein dezidiert christliches Menschenbild zugrunde. Der neue Staat sollte entsprechend der christlichen Soziallehre subsidiär aufgebaut werden. Es bestanden Kontakte zu den Vertretern der Kirchen. Es sei hier nur der Jesuit Alfred Delp zu nennen.“130

Claus Schenk Graf von Stauffenberg soll wenige Tage dem 20. Juli 1944 die Rosenkranzbasilika in Berlin aufgesucht haben. Dort gibt es ein Votivbild der Rosenkranz-Madonna, auf dem sich die Inschrift befindet: „Accipe Sanctum Gladium a Deo“, auf Deutsch: „Empfange dieses heilige Schwert von Gott“.

Der Kreisauer Kreis formulierte in seinen Grundsätzen für die Neuordnung Deutschlands, dass „im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes“ sowie „für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft“ liege. Der Ausgangspunkt der Ordnungsvorstellungen des Kreises lag „in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt“.131

Der Kampf gegen den Nationsozialismus als abendländischer Überlebenskampf

Der Kampf gegen den Nationalsozialismus wurde in Westeuropa verbreitet als Überlebenskampf des christlichen Europas gegen eine moderne totalitäre Ideologie wahrgenommen. Der französische General Charles de Gaulle, eine der zentralen Symbolfiguren dieses Kampfes, stammte aus einem traditionsorientierten Katholizismus, der die Französische Revolution und die modernen Ideologien ablehnte, die sie hervorgebracht hatte.132

Der jüdische Philosoph Hans Jonas, der später vor allem durch seine Gedanken über Verantwortungsethik bekannt wurde, sagte zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, dass das Judentum für den Nationalsozialismus ein „metaphysischer Feind“ sei. Ein solches Feindschaftsverhältnis sei auf das Dasein der anderen Seite gerichtet, negiere deren Recht zu existieren, ziele auf ihre Vernichtung ab und sei absoluter Natur. Es dauere an, solange eine der Konfliktparteien existiere. Wer zum Gegenstand eines solchen Verständnisses von Feindschaft werde, dem drohe das „Armenierschicksal“. Ihm bleibe es nur, die ihm angedachte Vernichtung zu akzeptieren und dabei auch noch seine Ehre zu verlieren, oder zu kämpfen und vielleicht sein Leben, in jedem Fall aber seine Ehre zu behalten. Entsprechende Kriege würden als totaler Krieg bzw. als Vernichtungskrieg geführt, der „nur mit der Vernichtung des Einen oder Andern enden“ könne. Es handele sich um Religionskriege, die zwischen widerstreitenden Prinzipien geführt würden. Der Krieg des Nationalsozialismus gegen das christlich-abendländische und das jüdische Erbe sei ein solcher Krieg gewesen:

„Krieg zwischen Prinzipien, von denen das eine in der Form der christlich-abendländischen Humanität auch das Vermächtnis Israels an die Welt verwaltet, – das andere, der Kult der menschenverachtenden Macht, die absolute Negierung dieses Vermächtnisses bedeutet“. Der NS „hat dies zuerst begriffen, indem er das Christentum als Verjudung der europäischen Menschheit beurteilte und in seinen metaphysischen Antisemitismus einbezog“. Der NS als heidnische Ideologie habe als „Widersacher“ des geistigen Erbes Europas „das scheinbare Paradox zuwege gebracht“, dass ein bellum christianum zugleich ein bellum judaicum sein kann“. Der Kampf gegen den NS sei „der antiheidnische Kampf“ schlechthin, der „in seinen elementaren Vereinfachungen plötzlich die gemeinsamen Grundlagen sichtbar weden“ ließ, „die unser Judentum mit der christlich-abendländischen Kultur verbinden“.133

6.4.4 Der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg im Geist des Christentums

Der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg und die damaligen Bestrebungen zu größerer europäischer Einheit fanden zunächst im Geist des Christentums und auf Grundlage der katholischen Soziallehre statt. Erst später gewannen Kräfte die Oberhand, welche den Versuch der politischen Einigung Europas im Rahmen einer zentralistischen Bürokratie und in bewusster Abwendung von den christlichen Wurzeln Europas betrieben.

In Westeuropa erkämpften christliche Konservative zusammen mit ihren Verbündeten gegen den Widerstand und die Angriffe säkularer totalitärer Ideologien eine menschenwürdige Ordnung. Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass es christliche Konservative wie Konrad Adenauer waren, denen es gelang, Deutschland nach dem durch die säkulare Ideologie des Nationalsozialismus herbeigeführten Zivilisationsbruch „wieder ganz neu im freiheitlichen Wertesystem der jüdisch-christlichen Geschichte des lateinisch-westlichen Abendlandes zu verankern.“ Zusammen mit anderen christlichen Konservativen wie Robert Schuman und Alcide De Gasperi sei Adenauer das „Wagnis einer Neugründung Europas über Ruinen“ auf der Grundlage abendländischer Weltanschauung eingegangen.134 Es gelang christlichen Konservativen und ihren Verbündeten, Europa die geistigen, kulturellen und politischen Grundlage für seinen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg zu geben, die von totalitären säkularen Ideologien angerichteten Zerstörungen zu beheben, den Kontinent nach zwei Kriegen wieder auf Grundlage des geteilten abendländischen Erbes zu vereinen und die Grundlagen für die bislang längste Friedensperiode in der Geschichte der Region zu schaffen.

Dietrich Bonhoeffer schrieb kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten, dass Krieg und Totalitarismus „die notwendige Erfahrungsgrundlage dafür“ bildeten, „daß nur auf dem Boden des Christentums ein Wiederaufbau des Lebens der Völker im Innern und Äußern möglich ist“.135

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte Adenauer, „dass nur eine Demokratie, die in der christlich-abendländischen Weltanschauung, in dem christlichen Naturrecht, in den Grundsätzen der christlichen Ethik wurzelt, die große erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen und seinen Wiederaufstieg herbeiführen kann“.136

Deutschland und Europa könnten nur auf einer christlich-abendländischen Grundlage erneuert werden:

„Wir wollen von den geistigen Grundlagen aus, die das abendländische Christentum im Laufe vieler Jahrhunderte geschaffen hat, in Deutschland neu gestalten – und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und in der Welt.“137

In der ersten in der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Regierungserklärung sagte Adenauer 1949, die Arbeit seiner Regierung werde „getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und von der Würde des Menschen“. Seine Hoffnung und sein Ziel sei es „dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt“.138

Adenauer rief nach Krieg christliche Konservative dazu auf, den „Kampf um die Seele des deutschen Volkes und die Seele Europas, die christliche Seele Europas“ aufzunehmen.139 Dies stieß offenbar auf die Zustimmung eines wesentlichen Teils der Deutschen. Als am 12. September 1949 erstmals der neugewählte Bundespräsident Theodor Heuss auf dem Bonner Marktplatz empfangen wurde, sangen die Menschen mangels einer Nationalhymne den Choral „Großer Gott wir loben dich“.140 Ende der 1940 Jahre war eine Welle von Kircheneintritten zu beobachten. Außerdem stieg die Zahl der Wallfahrten und der Prozessionen, und auch der Anteil der Christen, die Gottesdienste besuchen, stieg an.141

  • Laut dem Politikwissenschaftler Franz Walter habe es im modernen Deutschland nie zuvor „eine solche Symbiose zwischen Staat und katholischer Kirche gegeben wie in den 50er Jahren unter dem Kanzler Adenauer, dem Helden und der Identifikationsfigur der deutschen Katholiken“.142
  • Dem Soziologen Gerhard Schmidtchen nach seien Katholiken „die eigentlichen Entdecker der Bundesrepublik“ sowie die „Ordnungs-Bürgen“ ihrer demokratischen Staatlichkeit gewesen.143

Laut dem Historiker Karl-Joseph Hummel währte die „Stunde des Christentums“ nach dem Krieg „nur einige Minuten“. Der Sozialdemokrat Kurt Schuhmacher hingegen habe gegen die katholische Kirche als „fünfte Besatzungsmacht“ polemisiert.144

Dem Historiker Axel Schildt zufolge sei das politische Klima der frühen Bundesrepublik vom abendländischen Gedanken geprägt gewesen. Dieser habe die Grundlage dafür dargestellt, deutsche Identität in einem europäischen Kontext zu verorten sie von totalitären und materialistischen Entwürfen abzugrenzen.145

Diese abendländische Verortung Deutschlands und Europas durch den christlichen Konservatismus wirkt bis in die Gegenwart nach Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck betonte 2013, dass die Identität Europas im Sinne des abendländischen Gedankens auf dem Fundament der „prägenden christlich-jüdischen Glaubenstraditionen“ sowie dem Denken der griechischer Antike und römischen Vorstellungen von Ordnung und Recht stehe.146

Der Sozialdemokrat Willy Brandt äußerte seine Achtung vor den historischen Leistungen des christlichen Konservatismus. Konservative wie Adenauer hätten in einer schwierigen Zeit „Werte bewahrt, die sich als unverbraucht erwiesen“.147

In Osteuropa wurden die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, vor allem auch von christlich-konservativen Kräften getragen, zum Beispiel die Solidarnosc in Polen. Entscheidend war hier auch das Wirken der katholischen Kirche unter der Führung von Johannes Paul II. In Osteuropa war die Kirche oft der letzte Freiraum, den der Kommunismus nicht zerstören konnte.

Quellen

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  77. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 145.
  78. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 124.
  79. Zit. nach Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit, München 1966, S. 224.
  80. Zit. nach Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit, München 1966, S. 225 f.
  81. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 359.
  82. Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 361 f.
  83. Zit. nach Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit, München 1966, S. 225 f.
  84. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 179 ff.
  85. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 44 f.
  86. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 176.
  87. Johannes Fried: Mittelalter. Geschichte und Kultur, München 2009, S. 547.
  88. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 32.
  89. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 27, 68.
  90. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 27.
  91. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 28.
  92. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 42.
  93. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 298.
  94. „Finde Dich damit ab“, Cato, Nr. 5/2018, S. 31.
  95. „‚You ask them: Are you serious?’: An interview with Cardinal Arinze“, catholicherald.co.uk, 25.07.2019.
  96. Bruno Gutmann: Freies Menschentum aus ewigen Bindungen, Kassel 1928, S. 62-67.
  97. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 216 f.
  98. Zit. nach Martin Neumann: Las Casas. Die unglaubliche Geschichte von der Entdeckung der Neuen Welt, Freiburg 1990, S. 41.
  99. Populorum progressio 7.
  100. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 40 ff.
  101. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 8.
  102. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 38 ff.
  103. Paul Badde: Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb, Berlin 2004.
  104. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 176.
  105. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 198.
  106. Georg Blüml: „Die Liegenden von Paris“, Die Tagespost, 12.12.2019.
  107. Christopher Clark: „Kulturkampf!“, Die Zeit, 29.11.2018.
  108. Christopher Clark: „Kulturkampf!“, Die Zeit, 29.11.2018.
  109. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 19 f.
  110. Léon Bloy: „Jeanne d’Arc und Deutschland“, in: Ders.: Das Heil durch die Juden. Jeanne d’Arc und Deutschland. Zwei Schriften, Wien/Leipzig 2002, S. 115-196, hier: S. 127.
  111. Alexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG. Bern/München 1974, S. 47 f.
  112. David Remnick: „John Paul II“, The New Yorker, 11.04.2005.
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  114. David Remnick: „John Paul II“, The New Yorker, 11.04.2005.
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  116. David Remnick: „John Paul II“, The New Yorker, 11.04.2005.
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  121. Jacques Maritain: „Europa und der föderalistische Gedanke“, Neues Abendland, September 1947, S. 193-199, hier: S. 196 f.
  122. Jacques Maritain: „Europa und der föderalistische Gedanke“, Neues Abendland, September 1947, S. 193-199, hier: S. 199.
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  125. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung“, in: Rainer Brendel (Hrsg.): Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich – zwischen Arrangement und Widerstand, Münster 2002, S. 171-199, hier: S. 173 f.
  126. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung“, in: Rainer Brendel (Hrsg.): Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich – zwischen Arrangement und Widerstand, Münster 2002, S. 171-199, hier: S. 176 ff.
  127. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung“, in: Rainer Brendel (Hrsg.): Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich – zwischen Arrangement und Widerstand, Münster 2002, S. 171-199, hier: S. 190.
  128. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 650 f.
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  130. Alexander Lohner: „Das Christliche des 20. Juli“, Die Tagespost, 18.07.2019.
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  133. Hans Jonas: „Unsere Teilnahme an diesem Kriege. Ein Wort an jüdische Männer“, Manuskript, September 1939.
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  135. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 84.
  136. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 87 f.
  137. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 124 f.
  138. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 169.
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  142. Franz Walter: „Katholizismus in der Bundesrepublik. Von der Staatskirche zur Säkularisierung“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/1996, S. 1102-1110, hier: S. 1103.
  143. Gerhard Schmidtchen: Protestanten und Katholiken. Soziologische Analyse konfessioneller Kultur, Bern/München 1973, S. 245.
  144. Marco Gallina: „Ansprechpartner der Alliierten“, Die Tagespost, 07.05.2020.
  145. Axel Schildt: „Das ‚christliche Abendland‘ als Zentrum politischer Integration in der Frühzeit der Ära Adenauer“, in: Tilman Mayer (Hrsg.): Medienmacht und Öffentlichkeit in der Ära Adenauer, Bonn 2009, S. 398.
  146. Joachim Gauck: „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“, sueddeutsche.de, 22.02.2013.
  147. Zit. nach Dorothea und Wolfgang Koch: Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, Aachen 2013, S. 18.