Stand: 26.11.2021

Diese Themenseite befinde sich noch in einem frühen Entwurfsstadium. Sie behandelt Themen aus dem Bereich Baukunst, die einen Bezug zum abendländischen Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes haben. Dazu gehören vor allem die Kathedralen, Klöster und Burgen des Mittelalters, welche die beiden höchsten der drei Stände der indoeuropäischen Gesellschaftsordnung repräsentieren; den des Geistlichen und den des Kriegers.1

1. Sakrale Bauten

1.1 Kathedralen und Dome

Kathedralen sind Bischofskirchen, die in Deutschland und Italien auch (abgeleitet vom lateinischen domus/Haus) als Dome bezeichnet werden.

Jacques le Goff schrieb über die gotischen Kathedralen des Mittelalters:, dass sie vor allem ein “Bild von Stärke” und einen “Triumph der Höhe, Triumph des Lichts” darstellten. In ihrer Betonung der Vertikalen käme “das Sich-in-die-Höhe-Schwingen als Charakteristikum mittelalterlicher Spiritualität” zum Ausdruck. Die Kathedralen seien “aufs engste mit den im Werden begriffenen Staaten und Nationen verbunden“ gewesen, weil Könige auf ihren Bau großen Einfluss genommen hätten. Die Kathedrale habe sich daher zunehmend vom “Monument einer Stadt” zum “Monument eines Staates” entwickelt. Ihre Errichtung sei durch eine „Kombination von Glaube und Vernunft“ möglich geworden, die auch die scholastische Theologie des Mittelalters auszeichnete. Außerdem hätten der technologische und wirtschaftliche Fortschritt dieser Zeit, der die Gründung von Städten erlaubte und Wohlstand hervorbrachte, ihre Errichtung ermöglicht. Charles Péguy habe daher über die Kathedrale von Chartres geschrieben: „Dies ist die Kornähre, die nie verdorren wird.“2

G. K. Chesterton bezeichnete die Gotik als den Stil der ecclesia militans, der kämpfenden Kirche. Er habe diesen Eindruck bei der Betrachtung der Kathedrale von Lincoln gewonnen:

“The truth about Gothic is, first, that it is alive, and second, that it is on the march. It is the Church Militant; it is the only fighting architecture. All its spires are spears at rest; and all its stones are stones asleep in a catapult. In that instant of illusion, I could hear the arches clash like swords as they crossed each other. The mighty and numberless columns seemed to go swinging by like the huge feet of imperial elephants. The graven foliage wreathed and blew like banners going into battle; the silence was deafening with ail the mingled noises of a military march; the great bell shook down, as the organ shook up its thunder. The thirsty-throated gargoyles shouted like trumpets from all the roofs and pinnacles as they passed; and from the lectern in the core of the cathedral the eagle of the awful evangelist clashed his wings of brass,

And amid all the noises I seemed to hear the voice of a man shouting in the midst like one ordering regiments hither and thither in the fight; the voice of the great half-military master-builder; the architect of spears. I could almost fancy he wore armour while he made that church; and I knew indeed that, under a scriptural figure, he had borne in either hand the trowel and the sword.

I could imagine for the moment that the whole of that house of life had marched out of the sacred East, alive and interlocked, like an army. Some Eastern nomad had found it solid and silent in the red circle of the desert. He had slept by it as by a world-forgotten pyramid; and been woke at midnight by the wings of stone and brass, the tramping of the tall pillars, the trumpets of the waterspouts. On such a night every snake or sea-beast must have turned and twisted in every crypt or corner of the architecture. And the fiercely coloured saints marching eternally in the flamboyant windows would have carried their glorioles like torches across dark lands and distant seas; till the whole mountain of music and darkness and lights descended roaring on the lonely Lincoln hill. So for some hundred and sixty seconds I saw the battle-beauty of the Gothic […].”3

Zerstörung und Entweihung von Kathedralen

Im 16. Jahrhundert wurden keine neuen Kathedralen mehr gebaut, und einige wurden zur Zeit der Reformat teilweise oder vollständig zerstört. Im 18. Jahrhundert ersetzten zudem viele Bischöfe die von ihnen als überholt angesehenen Elemente von Kathedralen, etwa die heute noch in Chartres und Amiens zu sehenden Labyrinthe, die an antike Mythen anknüpfen. Im Zuge der französischen Revolution wurden in Frankreich viele Kathedralen entweiht und die in ihnen aufbewahrten Reliquien oder Gräber von Königen zerstört. Einige wurden zu Tempeln der Vernunft oder der Natur umfunktioniert. Auch in den Weltkriegen wurden Kathedralen zerstört oder stark beschädigt, etwa in Reims und Coventry.

1.2 Klöster

Inhalt folgt

2. Wehrbauten

Die Menschen Europas mussten in der Geschichte des Kontinents immer Wieder Ablagen zu dessen Schutz und Verteidigung errichten. Dies brauchte vor allem an den Kulturgrenzen Europas eine reiche Vielfalt von Wehrbauten hervor, die an die Waffen und Taktiken ihrer Zeit sowie an die jeweilige Landschaft angepasst waren. Diese Bauten, zu denen neben befestigten Städten und Festungen auch Burgen, Wehrkirchen, Kirchenburgen und Klosterburgen gehören. zählen zu den wichtigsten Baudenkmälern Europas. Vor allem die Einfälle muslimischer Invasoren bildeten über Jahrhunderte hinweg eine Triebfeder für die Entwicklung des Wehrbaus in Europa.4

2.1 Burgen

Burgen sind als Wohnsitze dienende befestigte Wehrbauten. Sie entstanden im Mittelalter im Zusammenhang mit dem Feudalsystem im gesamten christlichen Kulturraum, vor allem aber in Grenz- und Konfliktregionen. Sie waren vor allem Symbole von Kraft und Herrschaft und entfalten entsprechende Ausstrahlung oft bis in die Gegenwart. Jacques le Goff schrieb, dass die Burg “zum mythischen Bild der mittelalterlichen Gesellschaft und europäischen Kultur” geworden sei.5 Die Zeit der Burgen endete spätestens im 15. Jahrhundert im Zuge der Entwicklung der Artillerie.

Im Mittelalter gab es Adelsburgen, Reichsburgen sowie Kloster- und Ordensburgen, von denen einige zu den beeindruckendsten Baudenkmälern Europas zählen. Auch ganze Städte wurden damals burgartig befestigt. Der Verlauf der schützenden Mauern der damaligen Zeit ist meist heute noch am Verlauf von Ringstraßen um Stadtzentren erkennbar.

Zu den wichtigsten Taten des ostfränkischen Königs Heinrich I. gehörte im 10. Jahrhundert die Errichtung und Erneuerung von Wallanlagen und Fluchtburgen zum Schutz der Bevölkerung vor den Ungarneinfällen, die damals das christliche Europa von Osten her bedrohten.  Auf dem Wormser Reichstag von 926 erließ er eine Burgenordnung, welche Regeln zur Errichtung und zum Betrieb dieser Schutzbauten beschreibt.

2.2 Festungen

2.2.1 Die Befestigungsanlagen Maltas

Die Befestigungsanlagen der Insel Malta wurden zwischen 1530 und 1798 durch den Johanniterorden zur Abwehr osmanischer Angriffe auf die für Europa strategisch wichtige Insel angelegt und gelten als eines der besten gelungenen Werke militärischer Architektur weltweit. Die Festungsanlagen sind bis heute fast vollständig erhalten.

2.2.2 Der Papstpalast in Avignon

Der Papstpalast von Avignon wurde in der architektonischen Tradition des Festungsbaus errichtet und ist von Zinnen, Wehrtürmen und Wehrgängen geprägt. Er gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen gotischen Gebäuden in Europa.

Der katholische Theologe Jürgen Kuhlmann verfasste eine Betrachtung, die die kreuzförmigen Schießscharten des burgartig angelegten Papstpalastes von Avignon behandelt. In diesem Wehrbau käme ein „christliches Ja zur aktiven Verteidigung“ zum Ausdruck:

„Plötzlich staune ich: die Schießscharten haben Kreuzesform. Das ist ein Schock. […] Militärischen Zweck und christlichen Sinn derart ineins zu rühren: hieß das nicht Gott lästern? […] Mein Zeitgeist ist empört.

Später stelle ich mir den Papst vor, wie er den Zinnen-Entwurf prüft. Gut, sagt er, so wollen wir es machen. Durch das Kreuz hat Christus uns aus der Gewalt des bösen Feindes erlöst, durch diese Kreuze hier soll auch die Burg seines Stellvertreters gegen allen Ansturm böser Feinde verteidigt werden. Schießscharten sind keine Angriffswaffen; nur wer selbst angreift, hat sie zu fürchten; Notwehr ist in Gottes Sinn.“6

2.2.3 Die befestigten Klöster auf dem Berg Athos

Die Klöster der Mönchsrepublik am Berg Athos in Griechenland, dem zweitheiligsten Ort der Ostkirche nach Jerusalem, sind größtenteils festungsartig ausgebaut, um sie vor Seeräubern zu schützen, für welche die Klöster wegen ihrer Kunstschätze ein attraktives Ziel darstellten. Der Ausbau begann im 11. Jahrhundert und erfolgte mit Schwerpunkt vor allem ab dem 14. Jahrhundert, als osmanische Piraten die Klöster verstärkt bedrohten. In den Jahrhunderten davor ging diese Bedrohung vor allem von arabischen Piraten aus.

2.2 Wehrkirchen und Kirchenburgen

Kirchen, die so verstärkt sind, dass sie zur Abwehr von Angriffen sowie als Schutzbauten geeignet sind, bezeichnet man als Wehrkirchen. Ist eine Kirche von einer für Verteidigungszwecke geeigneten Mauer umgeben, die auch andere Wehrbauten umschließt, spricht man von Kirchenburgen. Sie finden sich vor allen an den früheren Kulturgrenzen Europas; insbesondere in Regionen, die islamischen Invasionen ausgesetzt waren wie etwa in Teilen Österreichs und Rumäniens. Dort dienten sie vor allem als Schutzbauten für die Bewohner ihrer Umgebung.

Kirchen wurden in vor allem an den durch osmanische Invasionen bedrohten Grenzen Europas über Jahrhunderte hinweg als Schutzbauten für die Bevölkerung in Form von Wehrkirchen und Kirchenburgen gebaut, vor allem in Österreich und Rumänien.

Solche Bauten wurden etwa durch deutschstämmige Siedler in Siebenbürger erreichtet, die seit dem 12. Jahrhundert Aufrufen ungarischer Könige folgten, sich im Karpatenraum niederzulassen, um die Kulturgrenze Europas gegen mongolische und später osmanische Vorstöße zu sichern. Den Kern ihrer Siedlungen bilden häufig Kirchenburgen, in die sich die Menschen beim Auftauchen überlegenen Feindes zurückzogen.

2.3 Mauern und Wälle

Neben der historischen Bedeutung bzw. dem Zweck der Sicherung von Räumen verfügen Mauern in der abendländischen Architektur auch über eine symbolische Bedeutung. Mauern, Wälle und Gräben werden als architektonisches Mittel eingesetzt, um Abgrenzung bzw. Trennung von der Umgebung, Rückzug und Kontemplation auszudrücken. Klöster sind dementsprechend ebenfalls häufig von Mauern umgeben und verfügen über ein zusätzlich eingefriedetes Zentrum, den Kreuzgang. Auch Baptisterien verfügen über eine Einfriedung.

2.3.1 Die Theodosianische Mauer

Die Theodosianische Mauer wurde unter der Herrschaft von Theodosios II. als Antwort auf die Plünderung Roms durch die Goten im Jahr 410 errichtet und schützte Konstantinopel und somit das Zentrum des Byzantinischen Reiches jahrhundertelang zunächst vor den Invasionen der Hunnen und Araber und später vor den Osmanen. Sie spielte eine wichtige Rolle für den langen Bestand dieses Reiches und gilt als eine der bedeutendsten Befestigungsanlagen in der Geschichte der Menschheit.

Die militärische und die sakrale Bedeutung der Mauer waren untrennbar miteinander verbunden. Bei Belagerungen wurden Prozessionen zur Ehre Marias auf den Wällen durchgeführt, unter deren Schutz die Mauer gestellt wurde. An der Außenseite waren außerdem Kreuze und Gebetsinschriften angebracht. Die Ihr Fall im Jahr 1453 markiert nicht nur den Untergang der Stadt und den Tod, die Versklavung und die Vertreibung ihrer Bewohner, sondern auch das Ende des Byzantinischen Reiches. Der letzte Kaiser des Reiches, Konstantin XI., fiel wahrscheinlich bei der Verteidigung der Mauer.

Peter Bamm schrieb über die Mauer Konstantinopels, dass diese „tausend Jahre lang der Schutzwall der Zivilisation gegen die Barbarei“7 gewesen sei:

„Hinter dem Schutzwall der byzantinischen Macht konnten die Völker des Nordens in Ruhe die Antike zerstören, um aus den Trümmern der Vergangenheit jene kräftigen Staaten aufzubauen, aus denen Europa entstanden ist. Hätte nicht Byzanz in elf Jahrhunderten ununterbrochener Kämpfe die Wacht im Osten gehalten, Rom wäre ein persisches oder arabisches Dorf geworden wie Carthago […]. […] Byzanz hat Roma Aeterna, die Ewige Stadt, davor bewahrt, eine ewige Erinnerung zu sein.“8

2.3.2 Die Leoninische Mauer

Die Leoninische Mauer umfasst Teile der Vatikanstadt. Sie wurde zwischen 847 und 852 unter der Herrschaft von Papst Leo IV. zum Schutz vor Angriffen durch die Sarazenen errichtet.

2.3.3 Die Wehrmauern mittelalterlicher Städte

Im Kernbereich des Römischen Reiches wurden Stadtmauern allenfalls aus Prestigegründen errichtet, da die römischen Legionen mögliche Bedrohungen von diesen fernhielten. Neu gegründete Städte in den Außenbereichen des Reiches wurden jedoch meist befestigt, etwa Trier, Regensburg und Köln. Die mittel- und westeuropäischen Städte, die zur Zeit des Mongolensturms im 4. Jahrhundert über Mauern verfügten, konnten diesem standhalten, weil die Mongolen sie mit ihren leichten Waffen nicht bezwingen konnten.

Das Recht zur Errichtung einer Wehrmauer bzw. das Befestigungsrecht war im Mittelalter ein Privileg, das nur durch Verleihung erlangt werden konnte.

Im Zuge der Einführung und Verbesserung der Artillerie wurden Wehrmauern zunehmend obsolet und daher entfernt. In anderen Fällen wurden Städte im Zuge der napoleonischen Kriege dazu gezwungen, ihre Mauern zu schleifen. Außerdem trugen das Wachstum der Städte sowie die Einführung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert dazu bei, das Wehrmauern entfernt wurden. Ihre Spuren finden sich häufig noch in Form von Ringstraßen.

Die Befestigung der Stadt Augsburg durch den heiligen Ulrich

Auch christliche Heilige errichteten schützende Mauern. Der heilige Ulrich von Augsburg (890-973) veranlasste im Jahre 926 als Bischof von Augsburg die Befestigung der Stadt mit einer Stadtmauer. Er befehligte als Reichsfürst ihre Verteidigung gegen die Ungarn im Jahr 955, als es diesen nicht gelang, die Mauern der Stadt zu überwinden. Er trug dadurch zum Sieg Ottos I. über die Ungarn bei der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg im selben Jahr bei, die für die abendländische Geschichte von entscheidender Bedeutung war. Ulrich von Augsburg wurde später der erste in einem Heiligsprechungsverfahren bestätigte Heilige der katholischen Kirche. Zahlreiche Kirchen und Quellen im süddeutschen Raum, die seinen Namen tragen, belegen eine ausgeprägte Verehrung des Heiligen im Mittelalter.

2.3.4 Die Anastasiusmauer

Die Anastasiusmauer war eine vorgelagerte Verteidigungslinie Konstantinopels. Sie erstreckte sich vom Marmarameer bis zum Schwarzen Meer und stellte eine der größten Verteidigungsanlagen der römischen Antike in Europa dar. Sie entstand mutmaßlich in den Jahren ab 470 und wurde nach dem oströmischen Kaiser Anastasios I. (491–518) benannt.

Quellen

  1. Jacques le Goff: Ritter, Einhorn, Troubadoure. Helden und Wunder des Mittelalters, München 2005, S. 28.
  2. Le Goff 2005, S. 28-32.
  3. G. K. Chesterton: “The Architect of Spears”, in: Ders.: A Miscellany of Men, London 1912, S. 102-104, hier: S. 103-104.
  4. Werner Meyer: Europas Wehrbau, Frankfurt am Main 1973.
  5. Jacques le Goff: Ritter, Einhorn, Troubadoure. Helden und Wunder des Mittelalters, München 2005, S. 57-60.
  6. Jürgen Kuhlmann: „Die Wehrkreuze von Avignon“, Christ in der Gegenwart, 30.07.1989.
  7. Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit, München 1966, S. 86.
  8. Peter Bamm: Frühe Stätten der Christenheit, München 1966, S. 70 f.