Stand: 29.11.2020

Moderne und postmoderne Ideologien der Entgrenzung verwenden Mauern als Symbole für Grenzen jeglicher Art, die aufgehoben oder überwunden werden müssten. Diese Ideologien lehnen nicht nur Grenzen zwischen Staaten ab, sondern jegliche Unterscheidung, die als Ausdruck illegitimer Ausgrenzung dargestellt wird. Auch die Grenzen der Natur des Menschen oder die durch Religionen errichteten moralischen Grenzen werden von diesen Ideologien überwiegend abgelehnt. Der evangelische Theologe Richard Schröder erklärte 2019, dass ihm „Rassismus“ vorgeworfen worden sei, weil er den als „ausgrenzend“ wahrgenommenen Standpunkt der christlichen Soziallehre vertreten habe, dass Migration gesteuert werden müsse.1

Diese Ideologien unterscheiden sich radikal von christlicher Weltanschauung. Aussagen wie die, dass Religionen Brücken statt Mauern errichten sollten, entstammen der politischen Rhetorik dieser Ideologien und haben weder einen biblischen Bezug noch einen Bezug zu christlicher Weltanschauung. In der 2017 veröffentlichten „Pariser Erklärung“ betonten christliche Denker wie Robert Spaemann, Roger Scruton, Ryszard Legutko und Rémi Brague, daher das zwischen dem christlichen Europa und dem von Ideologien der Entgrenzung angestrebten Europa ein fundamentaler Gegensatz bestehe. Diese Ideologien würden sich bei ihrem „Kreuzzug für eine entgrenzte Welt“ zum Teil auf ein „falsches Christentum“ berufen, dass sie für ihre politischen Zwecke konstruiert hätten.

Der vorliegende Text soll eine auf der christlichen Soziallehre beruhende verantwortungsethische Position zum Thema Grenzen beschreiben, um einen Beitrag zur öffentlichen Debatte über Grenzen und ihren Schutz zu leisten.

Er behandelt die folgenden Inhalte:

  • Die Bewertung von Grenzen und Grenzschutz aus Sicht der christlichen Soziallehre;
  • Schützende Grenzen in der Weltanschauung der Bibel;
  • Schützende Mauern im abendländischen Kulturerbe;
  • Ideologien der Entgrenzung.

1. Grenzen und das Gemeinwohl

1.1 Grenzen dienen dem Gemeinwohl

Die christliche Soziallehre definiert es als höchste Pflicht des Staates, das Gemeinwohl zu schützen.2 Das Gemeinwohl ist laut Definition der christlichen Soziallehre die Gesamtheit der Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die allen Teilen der Gesellschaft ein vollständigeres und leichteres Erreichen ihrer Vollendung ermöglichen.3 Das Gemeinwohl ist zudem die soziale und gemeinschaftliche Dimension des moralisch Guten in Bezug auf das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen.4

Zum Gemeinwohl gehören laut christlicher Soziallehre neben der auch Achtung und Förderung der Grundrechte der Person und der Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens auch die Sicherheit des Gemeinwesens und seiner Mitglieder.5 Ohne Sicherheit kann es keinen Frieden geben, der identisch ist mit der „Dauerhaftigkeit und Sicherheit einer gerechten Ordnung“.6

Dem Gemeinwohl dienende Grenzen schützen ein Gemeinwesen nach außen, indem sie den Zugang zu diesem im Sinne des Gemeinwohls steuern. Davon zu unterscheiden ist u. a. die Praxis kommunistischer Staaten, deren Grenzen vor allem dazu dienten, ihren Bürgern das Grundrecht auf freie Ausreise zu verweigern.

Damit Grenzen dem Gemeinwohl dienen könne, sei es laut Isenee außerdem förderlich, wenn Staatsgrenzen mit Kulturgrenzen übereinstimmen, wie es im Nationalstaat der Fall ist. Isensee zitiert den Rechtswissenschaftler Carl Friedrich von Geber mit der Aussage, dass im Nationalstaat das „Staatsgebiet Heimat und Vaterland“ sei. Auf „ihm ist die ganze Kulturarbeit der Vorfahren in sichtbaren Merkmalen ausgeprägt, welche die wirkungsvollste Verbindung zwischen dem Lande und dem Volksgeiste verkünden“.7 Dies sei die Voraussetzung dafür, dass die Menschen eines Gemeinwesens über eine geteilte Vorstellung von Gemeinwohl verfügen und somit zum Streben nach dem Gemeinwohl fähig sind.

Der Philosoph Georg Kohler erklärte, dass von Fremden an ein Gemeinwesen gestellte Ansprüche nur solange akzeptabel seien, wie „durch sie die staatliche Ordnung nicht als solche und damit die Sicherheit und Freiheit ihrer Bürger grundsätzlich bedroht sind. Kein Staat ist verpflichtet, das Recht auf die eigene Selbsterhaltung aufzugeben.“8

Der Reformator Johannes Calvin folgerte aus der auf den Apostel Paulus zurückgehenden Position der christlichen Soziallehre, welche die Notwendigkeit einer öffentliche Sicherheit und Ordnung gewährleistenden Autorität bejaht, dass Staaten eine  „Berechtigung zu Schutzbesatzungen, Bündnissen und bürgerlichen Rüstungen“ hätten, insbesondere zu Maßnahmen „zu Schutz der Grenzen eines Landes“.9

Sichere Grenzen sind zudem Ausdruck eines verantwortungsethischen generationenübergreifenden Denkens, das den Staat als ein zu pflegendes und zu bewahrendes Erbe und nicht als ein beliebig an fremde Akteure und Interessen veräußerliches Objekt betrachtet.

Der Schutz von Frieden, Sicherheit und Ordnung erfordert darüber hinaus aufgrund der unvollkommenen Natur des Menschen die Existenz von Staaten und von Sicherheitsmaßnahmen wie Grenzen. Die Alternative zu Staatsgrenzen ist aufgrund der Natur des Menschen nicht eine mutmaßlich freiere Welt ohne Grenzen, sondern ein anarchischer Zustand, indem die Starken Grenzen zum Schutz ihrer eigenen Interessen auf Kosten des Gemeinwohls innerhalb von Gesellschaften errichten.

Die Achtung von Grenzen stellt einen wesentlichen Beitrag zum Frieden zwischen Staaten dar, während ihre Missachtung oder Infragestellung Konflikte erzeugt.

Die Migrationsforscher Paul Collier und Alexander Betts hatten analysiert, wie offene Grenzen nicht nur dem nationalen, sondern auch dem globalen Gemeinwohl schaden.10 (Weiterlesen: Offene Grenzen schaden dem Gemeinwohl)

1.2 Grenzen bewahren kulturelle Vielfalt

Eine entgrenzte Welt könne laut Isensee zu einer „Welteinheitskultur“ führen und kulturelle Vielfalt dadurch vernichten.11 Grenzen würden einen „nationalen Besonderheiten der Kultur Schutz- und Entfaltungsraum“ schaffen, der zur „Hege national-kultureller Eigenart und kultureller Vielfalt“ beitrage.12 Innerhalb territorialer Grenzen könnten „sich nationale Kulturen, Rechtsordnungen, ökonomische und soziale Standards in Eigenart und Vielfalt entwickeln.“ Grenzen schützten Kulturen vor aufgezwungener Veränderung und ermöglichen es ihnen, frei darüber zu entscheiden, welche äußeren Impulse sie aufnehmen und welche nicht. Dies trage auch zur Integration bei. Fremde, die dies nicht wollten, könnten innerhalb der Grenzen ihrer Heimat verbleiben und seien dadurch ihrerseits vor Zwang zu ungewollter kultureller Anpassung geschützt.13

Die Schaffung sicherer Grenzen sei nicht gleichbedeutend mit Isolation, die eine Kultur schwäche und nicht wünschenswert sei. Grenzen würden ein Gemeinwesen idealerweise nicht abschotten, sondern ihm eine kontrollierte Begegnung mit dem Fremden ermöglichen. Jede dauerhafte Kultur brauche „die Begegnung mit dem Fremden, die Konfrontation, die Anregung, den Austausch, den Wettstreit, das Überlebensrisiko, um sich lebendig zu entwickeln“. Eine Kultur müsse ihre Kraft dazu erhalten, im Wettbewerb mit fremden Ideen entweder zu bestehen oder an ihnen wachsen.14

1.3 Staatliche Souveränität erfordert schützende Grenzen

Staatliche Souveränität sei ohne schützende Grenzen nicht denkbar, weshalb das Völkerrecht ihren Schutz betone:

„Der einzelne Staat entscheidet darüber wem er die Tür öffnet oder sperrt. Darin manifestiert sich seine Souveränität, die ihm das Völkerrecht zuerkennt […]. Schon um seiner Selbstbehauptung willen ist er gezwungen, den Zugang zu seinem Gebiet zu regeln und seine Regelungen auch wirksam durchzusetzen.

Er bildet nicht die Provinz einer Weltrepublik innerhalb deren uneingeschränkte, allgemeine Freizügigkeit waltet, sondern die souveräne Organisation einer Menschengruppe, die auf einem begrenzten Raum nach ihren Gesetzen leben will. Seine Unabhängigkeit nach außen, seine demokratische Fundierung im Innern fordern, daß er selbst über die rechtlichen Bedingungen der Einreise bestimmt und daß die Zusammensetzung der Bevölkerung, von der demokratische Herrschaft und Beherrschbarkeit abhängen, nicht dem Zufall, nicht den von außen zuströmenden Individuen und nicht auswärtigen Mächten anheimfällt.“15

1.5 Grenzen ermöglichen Solidarität in einem Gemeinwesen

Menschen seien nur dann bereit dazu, Opfer für andere Menschen zu bringen, wenn sie davon ausgingen, dass diese Bereitschaft erwidert wird. Diese Bereitschaft hänge jedoch von der Wahrnehmung von Gemeinschaft ab. Offene Grenzen würden die Solidarität in einem Gemeinwesen schwächen, weil sie es Menschen ermöglichen, von dieser Solidarität zu profitieren, ohne sie zu erwidern. Solidaritätsforderungen könnten nicht beliebig und vor allem nicht ohne die Zustimmung derer, die die entsprechenden Lasten zu tragen haben, ausgeweitet werden.

1.6 Grenzen als Grundlage einer internationalen Friedensordnung

Das Territorialprinzip als Grundlage einer globalen Staatenordnung

Das Konzept der Staatsgrenzen in seiner heutigen Form geht zurück auf den Westfälischen Frieden, der konfessionelle Konfliktakteure voneinander trennte und dadurch Frieden zwischen ihnen ermöglichte.16 Das Westfälische System wurde anschließend zunächst in Europa die Grundlage der politischen Ordnung und später weltweit. Es beinhaltet neben dem Territorialprinzip, das klare territoriale Grenzen von Staaten vorsieht, auch das Souveränitätsprinzip, das äußere Einmischung in innere Angelegenheiten ablehnt, und das Legalitätsprinzip, das Staaten als gleichberechtigt betrachtet.

Grenzen ermöglichen Frieden zwischen unterschiedlichen Nationen

Grenzen zwischen unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Gruppen sind erforderlich, damit diese friedlich zusammenleben können. Kriege seien laut Isensee nicht die Folge des Schutzes, sondern der Verletzung, Missachtung und Überschreitung von Grenzen. Grenzen, deren Verlauf kulturelle Unterschiede berücksichtige, führten dazu, dass sich in einem Gemeinwesen eine Kultur frei entfalten könne, ohne dabei in Konflikt mit einer anderen Kultur zu geraten. Grenzen würden daher entscheidend zum Frieden unter den Völkern beitragen.17 Das Völkerrecht betrachte daher Grenzen als Teil einer internationalen Struktur, die aus schützenden Räumen bestehe, die ihrerseits durch das Völkerrecht mittels Gewalt- und Interventionsverbot geschützt werden sollten.18

Die Schaffung klar definierter Grenzen zwischen Konfliktparteien und die Errichtung von Mauern zwischen diesen ist darüber hinaus ein häufig mit Erfolg eingesetztes Mittel zur Regulierung von Konflikten, das diese entschärfte und zu späterem Frieden zwischen den Parteien beitrug:

  • Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann wies darauf hin, dass die Ziehung von Grenzen auf dem Balkan und in der ehemaligen Sowjetunion eine friedensstiftende Maßnahme war, die Bürgerkriege beendete oder verhinderte.19
  • In der Schweiz wurden die Kantonsgrenzen zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen gezogen, weshalb die Schweiz einer der wenigen stabilen und friedlichen multiethnischen Staaten ist.20
  • Dass die europäischen Kolonialmächte in Subsahara-Afrika und im Nahen Osten Staatsgrenzen oft ohne Rücksicht auf ethnische und kulturelle Gegebenheiten zogen, trug dazu bei, dass viele Staaten dieser Regionen bis in die Gegenwart von Bürgerkriegen und ethnischen Konflikten geprägt sind.
  • Die „Peace Walls“ in Nordirland etwa wurden ab 1969 zwischen den Wohngebieten pro-irischer Republikaner und pro-britischer Unionisten in Nordirland errichtet. Wo diese Mauern errichtet wurden, ging die Zahl der Menschen, die im Rahmen des Konflikts zwischen diesen Parteien getötet wurden, deutlich zurück.21

1.7 Grenzschutz als rechtsstaatliche Notwendigkeit

Ein Grenzregime bzw. die Gesamtheit der staatlichen Regelungen zum Schutz der Grenzen sei ein  wesentlicher Teil einer rechtsstaatlichen Ordnung. Es verhindere, dass die staatliche Ordnung an den Rändern ausfranse oder unterlaufen und umgangen werde. Gleichzeitig vermeide ein funktionierendes Grenzregime untragbare Lasten und Risiken für die Volkswirtschaft, die sozialen Systeme, die Integrationsfähigkeit, den inneren Frieden und die nationale Kultur eines Staates und trage so zu seiner Kontinuität bei. Ein Verzicht auf Grenzen „wäre die Kapitulation des Verfassungsstaates“.22

Isensee kritisiert die in Deutschland verbreiteten psychischen und moralischen Hemmungen dabei, die zum Schutz der eigenen Grenzen erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Diese Hemmungen hätten das Land erpressbar gemacht. Dass „Deutschland jedwede Kontrolle des Massenzustroms von Migranten aller Art in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 aussetzte, brach Gesetz und Recht.“23 Wo die „Furcht vor häßlichen Bildern“ stärker sei als das Gesetz, löse der Rechtstaat sich auf. An die Stelle des Gesetzes trete die öffentliche Meinung, und der Staat werde unfähig dazu, „die Erfordernisse des deutschen wie des europäischen Gemeinwohls nach allgemeinen Normen zu realisieren“.24

1.8 Grenzschutzanlagen als sicherheitspolitische Notwendigkeit

Der Schutz der Grenzen eines Staates kann sowohl durch eine stabile internationale Ordnung, durch Vorwärtsverteidigung mit Abstand zu den eigenen Grenzen oder auf defensive Weise durch Grenzschutzanlagen sichergestellt werden. Alternativen zum Schutz der eigenen Grenzen, bei der das Gemeinwohl gewahrt bleibt, existieren nicht. Ein Staat, der seine Grenzen nicht sichern kann oder will, hört faktisch auf zu existieren, wenn Kräfte von außen seine Grenzen herausfordern.

Sicherheitspolitische Folgen offener Grenzen

Der Politikwissenschaftler Martin Wagener untersuchte die Frage, wie Staaten ihre Außengrenzen wirksam schützen können, um das Gemeinwohl sicherzustellen.25 Offene Grenzen würden dazu führen, dass „unerwünschte transnationale Akteure“ bzw. transnationale Bedrohungen ohne größere Hindernisse in Deutschland aktiv werden könnten, was mit gravierenden sicherheitspolitischen Herausforderungen verbunden sei.

Zu den unmittelbar durch offene Grenzen begünstigten Herausforderungen gehörten islamistischer Terrorismus und Organisierte Kriminalität. Zudem würden durch offene Grenzen indirekte Herausforderungen entstehen, darunter ein Anstieg der allgemeinen Kriminalität, eine Überdehnung der Sozialsysteme, die Auflösung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie der zunehmende Zerfall der EU und die Infragestellung der Fähigkeit europäischer Gesellschaften, „ihre Identität und ihre legitime Existenzberechtigung“ zu schützen.

Vor diesem Hintergrund seien Nationalstaaten und sichere Grenzen nicht überholt, wie Teile der Politikwissenschaft nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes gemeint hätten, sondern würden im Gegenteil an Bedeutung gewinnen. „Prozesse der Deterritorialisierung“ bzw. der Auflösung staatlicher Ordnung, die eine der Ursachen von Massenmigration seien, würden ihnen entgegenwirkende Prozesse der „Festigung von Territorialität“ erfordern.

Die Notwendigkeit eines wirksamen Grenzschutzes

Die Bewältigung der beschriebenen Herausforderungen erfordere ein „effektives Grenzsicherungssystem“. Wagener setzt sich insbesondere mit der als Antwort auf palästinensischen Terrorismus errichteten israelischen Sperranlage auseinander, die in den Jahren ab 2003 zu einem Rückgang der Zahl der Anschläge in Israel um über 95 Prozent beigetragen und gleichzeitig sichere Arbeitsmigration ermöglicht habe. Dies könne ein Vorbild für die Wiederherstellung des Schutzes der deutschen Außengrenzen sein, die unter der Maßgabe durchgeführt werden müsse, Sicherheit zu gewährleisten, ohne „eine komplette Abschottung des Landes zu bewirken“ und erwünschte Migration unnötig zu erschweren.

Ein solches Systems stelle jedoch „kein Allheilmittel zur Bewältigung transnationaler Probleme“ dar und könne nur im Rahmen einer umfassenden Sicherheitsarchitektur wirksam sein, die neben funktionierender Strafverfolgung und Rückführung illegaler Migranten auch die Kontrolle sozialstaatlicher Anreize für Migration sowie Maßnahmen in den Herkunftsregionen irregulärer Migranten umfassen müsse.

1.9 Grenzen schützen die Schwachen

Plutarch habe gesagt, dass sichere Grenzen der stärkeren Seite die Hände binden würden, da das Unrecht offenkundig werde, wo sie sich über eine Grenze hinwegsetze.26 Die Grenzen freiheitlicher Staaten würden zudem humanitäre Schutzräume schaffen. Sie „öffnen sich dem politisch Verfolgten und schließen sich dem Verfolger“. Grenzschutz sei daher auch ein humanitärer Akt.27

2. Die Notwendigkeit von Grenzschutz

2.1 Grenzschutzanlagen

Transnationale Herausforderungen wie Organisierte Kriminalität, Terrorismus und illegale Migration führten in der jüngeren Vergangenheit dazu, dass Staaten verstärkt Grenzschutzanlagen errichteten, die Mauer, Zäun oder Überwachung durch Streifen und technische Maßnahmen beinhalten können.2011 wurden rund 38.000 km Staatsgrenze weltweit auf diese Weise gesichert.28

Niccolò Machiavelli schrieb über Festungen:

„Es ist eine Gewohnheit der Fürsten, zur Sicherung ihres Staates Festungen zu erbauen, zum Zaum und Zügel der feindlichen Absichten ihrer Gegner und als sichere Zuflucht bei einem plötzlichen Angriff. Ich lobe diese Handlungsweise; denn sie ist seit alters geübt worden.“29

Die Bewertung von Festungen hänge von der Perspektive ab: „Wenn sie Gutes nach der eigenen Seite stiften, so schaden sie nach der anderen.“

3. Schützende Grenzen in der Weltanschauung des Christentums

Biblische Weltanschauung bejaht schützende Grenzen grundsätzlich. Dies gilt sowohl für physische Mauern, etwa Stadtmauern, sowie für staatliche Grenzen, als auch für Mauern und Grenzen im metaphysischen Sinne.

Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament werden Mauern, die Grenzen markieren, an vielen Stellen erwähnt, wobei die Erwähnung fast ausschließlich in einem positiven Kontext erfolgt. Mauern stehen hier vor allem für den Schutz des Volkes Gottes vor äußeren Feinden und für seine Abgrenzung bzw. Unterscheidung von anderen Völkern und Religionen. Auf der metaphysischen Ebene stehen Mauern für die Abgrenzung des Reich Gottes von der Welt und für den Schutz des Raums der Kultur vor dem Chaos. Auf der symbolischen Ebene stehen Mauern außerdem für persönliche Integrität.

Aus der Erwähnung historischer Sachverhalte in der Bibel folgt nicht automatisch, dass aus dieser Erwähnung ein normativer Anspruch entsteht. So wird in der Bibel etwa Sklaverei als historische Tatsache erwähnt, ohne dass daraus folgt, dass das Christentum Sklaverei bejahen müsste. Im Fall von Mauern und Grenzen beschreiben die Bücher der Bibel jedoch nicht nur deren historische Existenz, sondern verwenden sie auch als Symbole, und zwar fast ausschließlich in einem positiven Sinne. Die schützenden Mauern und Grenzen des eigenen Gemeinwesens werden in der Bibel, soweit es erkennbar ist, ohne Einschränkung und ausdrücklich bejaht.

3.1 Grenzen, Mauern und der christliche Universalismus

Das Christentum bejaht als Religion mit universellem Anspruch bestimmte Formen des symbolischen Überwindung von Mauern und der Überschreitung von Grenzen. Christus überschritt die Grenzen des Alten Testaments, als er seinen Jüngern den universellen Missionsbefehl erteilte. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge sei die katholische Kirche ihrem Anspruch nach eine universelle Kirche bzw. „die Kirche der ganzen Welt“, die „allen Kulturen und allen Zeiten zugehört“. Sie dürfe sich „nie zu einer Nationalkirche verengen“ und sei dazu da, „daß die Grenzen überschritten werden“.30

Der Staatsphilosoph Josef Isensee betonte, dass die katholische Kirche im Völkerrecht der einzige Staat ohne echtes Territorium sei, der in Form des Vatikanstaates nur über einen symbolischen Ort verfüge. Die eher symbolische Staatlichkeit der Kirche drücke aus, dass diese keinem Staat untergeordnet sei, sondern über den Staaten und ihren Grenzen stehe.31

In allen diesen Fällen der christlichen Bejahung der Überschreitung symbolischer oder realer Grenzen geht es jedoch nicht darum, die Zerstörung schützender Grenzen oder Mauern zu legitimieren, sondern die Grenzen des Reiches Gottes zu erweitern.

3.2 Das Errichten von schützenden Mauern als gutes politisches Handeln und Dienst an Gott

Im Alten Testament werden Mauern vor allem mit Bezug auf die Schutzmauern von Städten erwähnt. Sie stehen hier für den Schutz vor Bedrohungen und Gefahren. Der Bau und die Verstärkung oder Ausbesserung solcher Mauern werden in der Bibel als Bild für gutes, gerechtes und verantwortungsbewusstes Handeln verwendet32 und entsprechende Leistungen bei Königen, die dafür verantwortlich waren, ausführlich positiv gewürdigt. Wo die politischen Eliten des Volkes Israel schützenden Dienst an ihrem Volk im Gehorsam gegenüber Gott leisten, können die Menschen laut dem Propheten Jesaja dankbar singen: „Wir haben eine starke Stadt. Zum Heil setzt er Mauern und Wall.“33 In den Psalmen werden die Menschen Jerusalems zum Dank dafür aufgerufen, dass Gott die „die Riegel deiner Tore festgemacht“ und dadurch Frieden innerhalb seiner befestigten Grenzen ermöglicht habe.34

König Hiskija (ca. 750-696 v. Chr.) wird in der Bibel als Idealgestalt des weltlichen Königtums beschrieben. Unter allen Königen seines Volkes, „die nach ihm kamen oder vor ihm lebten, war keiner wie er.“ Sein Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten sei vollständig gewesen.35 Er schützte sein Volk vor assyrischen Eroberern auch dadurch, dass er die schützenden Mauern Jerusalems ausbauen, verstärken und ausbessern ließ.36

Leistungen beim Errichten und Ausbessern schützender Mauern werden auch bei anderen Königen des Volkes Israel positiv hervorgehoben. Dies ist auch bei ansonsten ambivalent oder negativ beurteilten Königen der Fall. Über König Asa (er regierte von 913 bis 873 v. Chr.) heißt es etwa:

„Asa tat, was gut und recht war in den Augen des HERRN, seines Gottes. […] Das Reich hatte Ruhe unter ihm. […] Weil das Land Ruhe hatte und weil er in jenen Jahren keinen Krieg führen musste, konnte Asa Festungen in Juda ausbauen. Der HERR hatte ihm nämlich Ruhe verschafft. Er sagte daher zu den Männern Judas: Wir wollen diese Städte ausbauen und sie mit Mauern, Türmen, Toren und Riegeln versehen; denn noch liegt das Land frei vor uns. Weil wir den HERRN, unseren Gott, eifrig gesucht haben, hat er uns ringsum Ruhe verschafft. So konnten sie bauen und hatten Erfolg.“37

Bereits König David begann damit, Jerusalem mit einer Mauer zu befestigen, deren Bau unter der Herrschaft König Salomos abgeschlossen wurde. Die Bedeutung der Mauer Jerusalems wird dadurch unterstrichen, dass sie als einziges Bauprojekt neben dem Tempel erwähnt wird.38

Das Buch Nehemia handelt im Wesentlichen von der Erneuerung der Mauern Jerusalems. Nehemia, der als Jude im Dienst des persischen Königs Artaxerxes I. stand, weinte, als er hörte, dass die Mauern der heiligen Stadt zerstört und diese schutzlos ihren Feinden ausgeliefert war. Er begab sich mit einer Gruppe von Soldaten in die Stadt, um sie wieder sicher zu machen und eine Wiederherstellung der Religion und eine Erneuerung der Tradition zu ermöglichen:

„Dann machte ich mich bei Nacht auf, nahm aber nur einige wenige Männer mit. Noch hatte ich keinem Menschen mitgeteilt, was mein Gott mir eingegeben hatte, für Jerusalem zu tun. […]

So ritt ich bei Nacht zum Taltor hinaus. An der Drachenquelle vorbei gelangte ich zum Aschentor. Dabei besichtigte ich die Mauern Jerusalems: Sie waren niedergerissen und die Tore vom Feuer verzehrt. […]

Ihr seht selbst, in welchem Elend wir leben: Jerusalem liegt in Trümmern und seine Tore sind abgebrannt. Gehen wir daran und bauen wir die Mauern Jerusalems wieder auf! So machen wir unserer Schande ein Ende. […]

Als aber Sanballat und Tobija sowie die Araber, die Ammoniter und die Leute von Aschdod hörten, dass der Wiederaufbau der Mauer von Jerusalem voranging – denn die Breschen schlossen sich allmählich -, wurden sie wütend und alle zusammen verschworen sich, gegen Jerusalem in den Krieg zu ziehen und dort Unruhe zu stiften. Wir aber beteten zu unserem Gott und stellten Tag und Nacht eine Wache auf, um uns vor ihnen zu schützen. […]

Ich musterte sie, dann erhob ich mich und sagte zu den Vornehmen, den Beamten und den übrigen Männern: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Denkt an den Herrn; er ist groß und furchtgebietend. Kämpft für eure Brüder und Söhne, für eure Töchter und Frauen und für eure Häuser! […]

Seit jenem Tag arbeitete nur die Hälfte meiner Leute am Bau; die andere Hälfte hielt Lanzen, Schilde, Bogen und Panzer bereit und die Obersten standen hinter dem ganzen Volk Juda, das an der Mauer baute. Die Lastträger arbeiteten so: Mit der einen Hand taten sie ihre Arbeit, in der andern hielten sie den Wurfspieß. […]

So arbeiteten wir am Bau, während die Hälfte die Lanzen bereithielt, vom Anbruch der Morgenröte bis zum Aufgang der Sterne.“

Hier wird die Mauer Jerusalems über die Beschreibung des historischen Geschehens hinaus auch als Bild für den Auftrag zum physischen Schutz des Volkes Gottes vor seinen Feinden und Schutz seiner religiösen Identität verwendet. Nehemia lässt dementsprechend zunächst die Mauern der Stadt erneuern um äußere Bedrohungen abzuwehren, bevor er Jerusalem auch im Innern erneuert. Die Errichtung der schützenden Mauer wird auch hier als ein von Gott gewollter Dienst an Gott und an seinem Volk dargestellt.

Laut dem Apostel Paulus sei die Gliederung der Menschheit in Völker gottgewollt. Gott hat die „Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt“.39 An vielen Stellen im Alten Testament wird betont, dass Gott die Grenzen des Volkes Israel festgelegt hat.40

Das Verschieben von Grenzen wird als Akt der Ungerechtigkeit und des Raubes, der von Stärkeren gegenüber Schwächeren verübt wird, verurteilt.41 Im Gesetz des Moses wird das Verschieben von Grenzsteinen mehrfach verboten.42

Der Prophet Jesaja verurteilte Entgrenzung durch die Assyrer. Deren König „beseitige die Grenzen zwischen den Völkern“ und plündere ihre Schätze.43

3.4 Das Fehlen schützender Mauern liefert Menschen dem Wirken von Feinden aus

Gott warnt laut dem Propheten Hesekiel, dass das „ungeschützte Land“, dessen friedliche Menschen „ohne Mauern“ und ohne „Riegel und Tore“ leben, dem Wirken des Bösen schutzlos ausgeliefert ist.44

Im Buch der Sprichwörter steht eine verfallene Mauer für die aus Trägheit geborene Nachlässigkeit, die Menschen Not und Bedrohungen ausliefert:

„Am Acker eines Faulen ging ich vorüber, am Weinberg eines unverständigen Menschen: Sieh da, er war ganz überwuchert von Disteln, seine Fläche mit Unkraut bedeckt, seine Steinmauer eingerissen. Ich sah es und machte mir meine Gedanken, ich betrachtete es und zog die Lehre daraus: Noch ein wenig schlafen, noch ein wenig schlummern, noch ein wenig die Arme verschränken, um auszuruhen. Da kommt schnell die Armut über dich, die Not wie ein bewaffneter Mann.“45

Das Alte Testament verwendet außerdem das Bild des Wächters, d. h. das Bild des Kriegers, der auf den Mauern Wache hält, um das Gemeinwesen zu verteidigen, auch als Bild zur Beschreibung des Auftrags religiöser Eliten und von Propheten. Diejenigen, die diesem Auftrag nicht richtig nachkommen, werden u. a. als „blinde Wächter“ verurteilt.

Der Fall schützender Mauern wird in der Bibel als Bild für Zeiten der Not verwendet46 und Risse sowie Lücken in Mauern als Bild für unbewältigte Bedrohungen.47  Der Tag, an dem „Türme einstürzen“, ist der „Tag des großen Mordens.“48

In historischen Beschreibungen im Alten Testament wird die Zerstörung von Mauern der Städte des Volkes Israel außerdem als Teil von Katastrophen dargestellt, die als Strafen Gottes verstanden werden. Solche Feinde „verbrannten das Haus Gottes, rissen die Mauern Jerusalems nieder, legten Feuer an alle seine Paläste und zerstörten alle wertvollen Geräte“.49 In den Klageliedern Jeremias anlässlich der Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. wird der Fall der Mauern der Stadt als Beginn einer Zeit der großen Not für die Menschen der Stadt dargestellt:

„Seinen Altar hat der Herr verschmäht, verworfen sein Heiligtum, ausgeliefert in die Hand des Feindes die Mauern von Zions Palästen. […] Zu schleifen plante der HERR die Mauer der Tochter Zion. […] Trauern ließ er Wall und Mauer; miteinander sanken sie nieder. In den Boden sanken ihre Tore, ihre Riegel hat er zerstört und zerbrochen.“50

Zu den Folgen der Zerstörung der Mauern von Städten oder der Unfähigkeit, sie zu schützen, zählen in der Darstellung des Alten Testaments Tod, Vergewaltigung, Versklavung, Vertreibung, Unterwerfung und Zerstörung der eigenen Religion.

Das Einreißen von Mauern durch Angehörige der durch die Mauern geschützten Gemeinschaft oder ihre Führung wird in der Bibel vermutlich auch deshalb nicht beschrieben, weil eine solche Tat im biblischen Weltbild undenkbar wäre und selbst als Akt des Verrats oder im Wahn der Überlieferung nach nicht vollzogen wurde. Auch die schlechtesten Herrscher, die das Alte Testament beschreibt, gingen nie so weit, die schützenden Mauern des eigenen Gemeinwesens zerstören zu wollen.

3.4 Die biblische Symbolik schützender Mauern

3.4.1 Befestigungsanlagen als Symbol Gottes und des Glaubens

Mauern sind in der Bibel ein Symbol für alles, was ein Gemeinwesen stärkt und schützt, vor allem für Glaube und für Gehorsam gegenüber Gott.

Im Alten Testament werden Defensivwaffen wie Schilde, aber auch Burgen und Türme als Bilder für Gott verwendet. In den Psalmen wird Gott mehrfach als „unsre Burg“51, „meine Burg“52 und „Burg für Zeiten der Not“53 sowie als „Schild und Schutz“54 bezeichnet. Martin Luther dichtete in Anlehnung an den Text des Psalms zwischen 1520 und 1530 das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“, in dem er Gott „ein gute Wehr und Waffen“ nennt. Auch der Prophet Samuel nannte Gott „meine starke Burg“.55 In den Psalmen wird Gott außerdem als „starker Turm vor meinen Feinden“ bezeichnet.56

Im Alten Testament heißt es darüber hinaus: „Ein fester Turm ist der Name des HERRN, dorthin eilt der Gerechte und ist geborgen“.57

Der Prophet Jesaja sagte, dass Gott „über jeden hohen Turm und über jede feste Mauer“ erhaben ist, um die Macht Gottes zu unterstreichen und Menschen zur Demut und zum Gehorsam gegenüber Gott aufzurufen.58

3.4.2 Das Errichten von Mauern als Bild für eine gute Zukunft

Im Alten Testament wird die Aussicht darauf, dass die schützenden Mauern Jerusalems wiederaufgebaut werden, als Bild für eine bessere Zukunft verwendet.59

3.4.3 Das Errichten von Mauern als Bild für allgemeinen schützenden Dienst

Laut dem Propheten Jesaja hat Gott Wächter auf die Mauern Jerusalems gestellt, welche die Bewohner an das Gesetz Gottes erinnern und zu seiner Einhaltung ermahnen sollen.60

Der Prophet Hesekiel überlieferte dieses Wort Gottes der Anklage gegen die „törichten Propheten“, die in ihrem Wächteramt versagen:

„Ihr seid nicht in die Bresche gesprungen. Ihr habt keine Mauer für das Haus Israel errichtet, damit es im Kampf am Tag des HERRN standhalten kann.“61

An anderer Stelle des Buches wird beschrieben, dass Gott vergeblich einen Mann gesucht habe, der gegen Fehlverhalten der Eliten des Landes aufsteht, indem er „eine Mauer baut“:

„Da suchte ich unter ihnen einen Mann, der eine Mauer baut und vor mir für das Land in die Bresche tritt, damit ich es nicht vernichten muss; aber ich fand keinen.“62

Den Propheten Jeremia berief Gott „zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur bronzenen Mauer“ gegen die korrupten Eliten seiner Zeit, die ihn zwar bekämpfen, aber nicht besiegen könnten.63 Die Mauer ist hier nicht in einem physischen Sinn zu verstehen, sondern ein Bild für das Wirken der Propheten, die in ihrem Wächteramt vor Gefahren und Bedrohungen warnen und Verfehlungen politischer und religiöser Eliten anprangern sollen.

Beim Propheten Micha ist ein „schützender Turm für die Herde“ ein Symbol für weltliches Königtum.64

3.4.4 Das Überwinden von Mauern als Bild für den Sieg über Feinde

In der Bibel hat das Überwinden von Mauern nur dann eine positive symbolische Bedeutung, wenn es sich um die Mauern von Feinden handelt.

Im Psalm 18 wird Gott gepriesen, weil er König David den Sieg über seine Feinde ermöglichte. In diesem Zusammenhang heißt es:

„Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“65

Dieser Vers wird zum Teil aus dem Kontext gerissen zitiert, um der Idee des Überwindens von Mauern im Sinne utopischer Ideologien eine scheinbare biblische Legitimation zu geben. Tatsächlich jedoch sind die Mauern, die hier überwunden werden, die Mauern des Feindes, die im siegreichen Kampf überwunden werden. Dementsprechend wird Gott im weiteren Verlauf des Psalms so gepriesen:

„Er lehrte meine Hände zu kämpfen,
meine Arme, den ehernen Bogen zu spannen. […]
Du hast mich zum Kampf mit Kraft umgürtet,
hast alle in die Knie gezwungen, die sich gegen mich erhoben.“66

Der Apostel Paulus schrieb über den Kampf zur Überwindung metaphysischer Festungen:

„Wir leben zwar in dieser Welt, kämpfen aber nicht mit den Waffen dieser Welt. Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht irdisch, aber sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen; mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen. Wir nehmen alles Denken gefangen, sodass es Christus gehorcht; wir sind entschlossen, alle Ungehorsamen zu strafen, sobald ihr wirklich gehorsam geworden seid.“67

Dies impliziert, dass das Überwinden oder Einreißen der eigenen Mauern durch Gegner oder andere Kräfte negativ ist. Der Apostel Paulus schrieb in Anschluss an die oben zitierten Worte, dass Gott ihm seine Vollmacht verliehen habe, „damit ich bei euch aufbaue, nicht damit ich niederreiße“.68

3.4.5 Mauern als Symbol für persönliche Integrität

König David betete zu Gott, dass er „die Mauern Jerusalems“ wieder erbauen solle.69 Im Kontext dieses Psalms steht die zerstörte Mauer für die Sünde Davids bzw. dafür, dass er Jerusalem durch seine Sünde Bedrohungen ausgeliefert hat. Mauern stehen in der Bibel außerdem für mangelnde Selbstkontrolle. Eine „Stadt mit eingerissener Mauer“ sei wie „ein Mann, der sich nicht beherrscht.“70

3.4.6 Sonstige symbolische Darstellungen von Mauern in der Bibel

Im Hohenlied werden Mauern im Zusammenhang mit der Beschreibung weiblicher Schönheit verwendet, die durch „silberne Zinnen“ geschützt werden soll.71

Türme und Mauern werden im Alten Testament auch als Symbole für Stolz verwendet. Gott werde über jeden hohen Turm und über jede feste Mauer“ der Stolzen erhaben sein“.72 In diesem Bild sind jedoch nicht die Türme und Mauern etwas Negatives, sondern der Stolz des Menschen, der sich nicht auf Gott verlässt oder sich gegen ihn wendet. Ihm helfen Türme und Mauern nicht.

3.5 Grenzen als Trennlinien zwischen Ordnung und Chaos sowie Heiligem und Profanem

Grenzen werden in der Bibel nicht nur in Form politischer Grenzen beschrieben, sondern auch als metaphysische Trennlinien. In diesem Sinne werden sie in der Bibel ebenso bejaht wie politische Grenzen.

  • Die Schöpfung wird als Akt der Grenzziehung Gottes zwischen Ordnung und Chaos beschrieben.73 Gott trennt in der Schöpfung das Licht von der Dunkelheit und den Tag von der Nacht.74 Im Akt der Schöpfung hat Gott eine Grenze gesetzt, welche die Urflut als Bild für das Chaos nicht mehr überschreiten dürfe.75
  • Gott befahl Moses, eine Grenze zwischen dem Bereich des Heiligen und des Profanen zu ziehen, die nicht überschritten werden darf.76
  • Jesus Christus sprach von den Grenzen seines Reiches. Dieses habe eine „enge Tür“, und „viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.“77

3.6 Der Umgang mit dem Fremden in der Bibel

Das Konzept offener Grenzen ist im biblischen Weltbild unbekannt. Ob ein Fremder die Grenzen des Volkes Israel überschreiten darf, hängt davon ab, wie er sich ihm gegenüber verhält.

  • Der ger ist ein Mensch fremder ethnischer Herkunft, der über Grundrechte verfügt und dessen Schutzbedürfigkeit betont wird.78 Dieser Fremde soll laut dem von Gott gegebenen Gesetz nicht unterdrückt werden und wie ein Einheimischer gelten, gegenüber dem Nächstenliebe praktiziert werden soll.79 Gleichzeitig wird von ihm kulturelle Anpassung in Form der Einhaltung der für das Volk Israel geltenden Verbote (jedoch nicht der Gebote) und ein Beitrag zum Gemeinwohl erwartet. König Salomo erklärte, dass Fremde, wegen des „großen Namens“ des Volkes Israel dorthin kämen und dort beten wollten, willkommen geheißen sollten.80
  • Der nakhri hält sich nur vorübergehend auf dem Gebiet Israels auf, etwa aus wirtschaftlichen Gründen. Er genießt keinen besonderen rechtlichen Schutz, während gleichzeitig auch keine kulturelle Anpassung von ihm erwartet wird erwartet wird.
  • Der zar ist ein feindlicher Fremder, der ein Instrument der Strafe Gottes sein kann. Solche Fremden zerstörten den Tempel, verwüsteten das Land und beanspruchten seine Erträge für sich.81

4. Utopische Ideologien der Entgrenzung

Die Bejahung von Staatsgrenzen entspreche laut Isensee nicht den geistigen Moden der Gegenwart, die von einer „kosmopolitischen Utopie“ getrieben seien und nach Entgrenzung strebten:82

„Der Zeitgeist reibt sich an den räumlichen Grenzen. Er strebt danach, sie zu lockern, beweglich und durchlässig zu machen, zu relativieren und tunlichst aufzuheben. Grenzen gelten ihm nur als Hemmnisse der Mobilität, als Vorenthaltung von Möglichkeiten, in denen das Glück des Einzelnen  enthalten sein könnte, als Gründe für die Ungleichheit zwischen den Eingeschlossenen und den Ausgeschlossenen, zwischen den Zugehörigen und dem Fremden. Der Gegenbegriff ist Offenheit. Das Wort ist im politischen wie im moralischen Sinne positiv besetzt: der offene Staat, die weltoffene Gesellschaft, die offene Politik, das offene Denken und Reden, das einsetzt, wenn einmal die ‚Mauer in den Köpfen‘ niedergelegt ist. […] Mit der Vorstellung von Offenheit verbinden sich die Ideale der barrierefreien Umwelt, der Überwindung aller rechtlichen, nationalen und sozialen Unterschiede, der Gleichheit und Freiheit für alle, die Universalität der Menschenrechte, die kosmopolitische Umarmung. Die Antipathie gegen Grenzen läßt vom Thema Grenzen nur noch die Grenzüberschreitungen übrig.“83

Die „Unterscheidung zwischen Zugehörigen und Fremden, zwischen dem ‚Wir‘ und den ‚Anderen‘, ist verpönt, weil sie aus universalistischer Sicht der universalen Einheit des Menschengeschlechts widerspricht und diskriminiert.“84 Dieser Universalismus reibe „sich an Recht und Realität der Staaten und ihrer territorialen Grenzen“. Er stelle sie „in Frage und strebt, sie zu überwinden“.85

Es handele sich bei der Ideologie der Entgrenzung um eine Utopie, , die „sich über die Widrigkeiten der Wirklichkeit hinwegsetzt, sich nicht um Anschlußfähigkeit an die Realien kümmert, den Vorwurf der Politikferne nicht fürchtet und die antagonistischen Züge der menschlichen Natur vernachlässigt“. Sie halte zudem entgegen der Klugheit am Geltungsanspruch ihrer „Normen auch dann fest, wenn ihnen die Wirksamkeit abgeht“. Sie neige außerdem dazu, „sich mit politischem Moralismus zu verbünden und das unbequeme Argument durch den Anspruch auf die höhere Moral abzuweisen“.86

Die Ablehnung von Grenzen sei ein Phänomen, das kulturell und historisch auf die jüngste Vergangenheit beschränkt ist. Sie sei Ausdruck einer „Poleophobie“, die sich, beginnend mit der 68er-Bewegung, gegen den Staat und die Institutionen des Gemeinwesens gerichtet habe und die Selbstaufgabe wertmäßig über die Selbstbehauptung gestellt habe.87

Die entsprechende Utopie sei in Verbindung mit dem Wunsch zur Zerstörung gesellschaftlicher Institutionen erstmals von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert worden. Grenzen seien ihm zufolge mit der Vorstellung von Eigentum verbunden und hätten die bürgerliche Gesellschaft hervorgebracht, die den von Rousseau angenommenen konfliktfreien Naturzustand des Menschen zerstört habe. „Verbrechen, Kriege, Morde, […] Not und Elend“ hätte laut Rousseau „derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet“ hätte.88 In der europäischen Antike habe man Grenzen laut Isensee wegen ihrer Bedeutung für das Gemeinwohl hingegen als heilig betrachtet.89

Quellen

  1. „‚Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht‘“, nzz.ch, 29.08.2019.
  2. KKK 1910.
  3. Gaudium et spes 74.
  4. Gaudium et spes 26.
  5. KKK 1925.
  6. KKK 1909.
  7. Carl Friedrich von Gerber: Grundzüge eines Systems des deutschen Staatsrechts, Leipzig 1865, S. 62.
  8. Georg Kohler: „Wo liegen die Grenzen der Humanität?“, Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2019.
  9. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 397.
  10. Paul Collier/Alexander Betts: Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, München 2017.
  11. Josef Isensee: Grenzen. Zur Territorialität des Staates, Berlin 2018, S. 103.
  12. Ebd., S. 101.
  13. Ebd., S. 97-98.
  14. Ebd., S. 103-104.
  15. Ebd., S. 112-113.
  16. Alexander C. Diener/Joshua Hagen: Borders. A Very Short Introduction, Oxford 2012, S. 41.
  17. Isensee 2018, S. 97-98.
  18. Ebd., S. 92-93.
  19. Ulrich von Alemann: „Grenzen schaffen Frieden. Gegen die Ungebundenheit in der Politik. Ein Versuch über das Wohltätig Trennende“, Die Zeit, 04.02.1999.
  20. Alex Rutherford et al.: „Good Fences: The Importance of Setting Boundaries for Peaceful Coexistence“, Plos One, 21.05.2014.
  21. Niall Cunningham/Ian Gregory: „Hard to miss, easy to blame? Peacelines, interfaces and political deaths in Belfast during the Troubles“, Political Geography, Nr. 40 (2014), S. 64-78.
  22. Isensee 2018, S. 113.
  23. Ebd., S. 114.
  24. Ebd., S. 129.
  25. Martin Wagener: Deutschlands unsichere Grenze. Plädoyer für einen neuen Schutzwall, München 2018, S. 309-310.
  26. Zit. nach Ebd., S. 5.
  27. Ebd., S. 14.
  28. Diener/Hagen 2012, S. 9.
  29. Niccolò Machiavelli: Der Fürst, Leipzig 1987, S. 116.
  30. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 377.
  31. Josef Isensee: Grenzen. Zur Territorialität des Staates, Berlin 2018, 80-81.
  32. Dies ist außer an den anderen erwähnten Stellen u. a. auch bei Jesaja 22,10 der Fall.
  33. Jes 26,1.
  34. Ps 147, 13-14.
  35. 2. Könige 18, 5-6
  36. 2. Chronik 32, 5.
  37. 2. Chronik 14, 1-6.
  38. 1. Könige 3,1.
  39. Apg 17,26.
  40. Etwa bei 2. Mose 23,31 und Hes 47, 13.
  41. Hiob 24, 2-4.
  42. 5. Mose 27, 5. Mose 19.
  43. Jesaja 10, 7-13.
  44. Hesekiel 38,11.
  45. Sprüche 24, 30-34.
  46. Etwa bei Jesaja 22,5.
  47. Jesaja 30,13; Hiob 30,14.
  48. Jesaja 30,25.
  49. 2.Chronik 36, 19.
  50. Klagelieder 2, 7-9.
  51. Psalm 46,8.
  52. Psalm 18,3 und Psalm 91,2.
  53. Psalm 9,10
  54. Psalm 91,4.
  55. 2 Samuel 22, 33.
  56. Psalm 61,4.
  57. Sprüche 18, 10-11.
  58. Jes 2,15.
  59. Micha 7, 11.
  60. Jes 62,6.
  61. Hes 13,5.
  62. Hes 22,30.
  63. Jer 1,18 f.
  64. Micha 4,7.
  65. Ps 18,30.
  66. Ps 18,35 ff.
  67. 1. Kor 10, 3-7.
  68. 1. Kor 10,8.
  69. Ps 51,20.
  70. Spr 25,28.
  71. Hld 8,9-10 und 4,4.
  72. Jes 2,11-18.
  73. Hiob 26,10.
  74. 1 Mose 4 ff.
  75. Ps 104, 6-9.
  76. 2. Mose 19,12.
  77. Lk 13,24.
  78. Etwa in Exodus 22,30 und 23,9.
  79. 3. Mose 19,33 f.
  80. 2. Chr 6,32.
  81. Jes 1,7.
  82. Isensee 2018, S. 175.
  83. Ebd., S. 13-14.
  84. Ebd., S. 196.
  85. Ebd., S. 194.
  86. Ebd., S. 195.
  87. Ebd., S. 16.
  88. Jean-Jacques Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit, Paderborn 1984, S. 172 f.
  89. Isensee 2018, S. 32.