Stand: 28.01.2021

Tradition ist im kulturellen und sozialen Sinne der Bestand an wahren, d. h. mit der Wirklichkeit übereinstimmenden, erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen von Mensch und Gesellschaft. Der Traditionsgedanke beruht auf der Annahme einer überzeitlich gültigen Ordnung, die als Standard dient, an der alle kulturellen Leistungen gemessen werden, sowie als Ziel, auf das eine Kultur sich in einem organischen Prozess hin entwickelt. Die Entwicklung einer Kultur auf der Grundlage des Traditionsprinzips stellt das ständige Streben danach dar, diesem Standard näherzukommen.

Im religiösen Sinne ist Tradition der zu bewahrende Bestand an heiliger Überlieferung. Diese Tradition ordnet die menschliche Existenz nach übernatürlichen Kriterien, weshalb sie auch unmittelbare gesellschaftliche Relevanz hat.

Im Buch Jeremia wird der Traditionsgedanke als eine Forderung Gottes beschrieben:

„So spricht der Herr: Stellt euch an die Wege und haltet Ausschau, fragt nach den Pfaden der Vorzeit, fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“

Laut Aleida Assmann gelte seit dem Erfolg der 68er-Bewegung alle Tradition „bestenfalls als muffig, meist jedoch als vergiftet“. Die Gegenwart präge „ein Bekenntnis zur Diskontinuität“, das mit der angeblich durch die Tradition verursachte oder mit ihr zusammenhängende Katastrophe nationalsozialistischer Herrschaft begründet werde. Der „kulturrevolutionäre Zug zum unbedingten Neubeginn“ strebe nach einer „Stunde Null für das kulturelle Gedächtnis“. Seit der frühen Neuzeit sei die „Infragestellung von Autorität, Diskreditierung von sankrosankten Beständen, Abschaffung der Vergangenheit als normativer Ressource“ prägend für die westliche Kultur gewesen.1

1. Tradition als heilige Überlieferung, Erfahrungswissen und Teil der kollektiven Identität

Die Tradition eines Gemeinwesens oder einer Gemeinschaft ist im abendländischen Verständnis auch dessen Bindung an das Heilige.

Es wäre verkürzt, Tradition auf bestimmte Gebräuche zu reduzieren oder mit bloßer Routine zu verwechseln. Tradition sollte nicht mit dem Bestand des Vorhanden verwechselt werden. Sie ist identisch mit dem, was im Vorhandenen an Wahrheit vorhanden ist bzw. was in ihm der Wirklichkeit entspricht.

1.1 Tradition als heilige Überlieferung

Josef Pieper definierte Tradition als „heilige Überlieferung“, die von Überlieferung rein menschlicher Herkunft zu unterscheiden sei. Sie beruhe auf Offenbarung, die ausgewählten Menschen, etwa Aposteln oder Propheten durch eine übernatürliche Quelle zuteil werde und die über eine Kette von Generationen hinweg intakt weitergegeben werden müsse. Diese Offenbarung könne durch den Menschen nicht weiterentwickelt oder verbessert werden, sondern nur bewahrt.2 Im christlichen Glauben ist diese heilige Überlieferung der Bestand dessen, was Jesus Christus an die Menschen übergeben hat. Alle Christen gehen davon aus, dass dieser Bestand in der Bibel festgehalten ist. Die katholische Kirche geht zudem davon aus, dass die Tradition auch ungeschrieben überlieferte Bestände umfasse, die von den ersten Christen durch die Erfahrung der direkten Begegnung mit Christus aufgenommen wurden.

Weil Tradition aus einer transzendenten Quelle stammt, ist sie heilig und gehört dem Bereich des Ewigen an. Sie ist daher auch zeitlos gültig und kann durch den Menschen nur auf dem Weg der Offenbarung erkannt werden. Er kann an ihr nichts verbessern, sondern hat die Aufgabe, sie intakt weiterzugeben.

Dass Tradition als heilige Überlieferung unveränderlich ist, bedeutet nicht, dass die Träger der Tradition sich nicht entwickeln könnten. Indem sie danach streben, ihr Leben immer vollkommener dieser Tradition entsprechend zu gestalten und sich von ihr durchdringen lassen, vollziehen sie eine kulturelle Entwicklung, in deren Verlauf sie dem in der Ewigkeit bestehenden Ideal der Tradition immer ähnlicher werden. Der katholische Philosoph Nicolás Dávila schrieb über den Traditionsgedanken und seine Träger: „Der lautere Reaktionär ist kein Träumer von vergangenen Zeiten, sondern Jäger heiliger Schatten auf ewigen Hügeln.“

Tradition ist nicht Machbar

Traditionen können nicht als künstliches Produkt durch den Menschen geschaffen werden, weil sie aus heiligen Quellen heraus entstehen und im Kontakt mit der Wirklichkeit wachsen. Der Politikwissenschaftler Franz Walter verstand den „Zweifel an der Mach- und Planbarkeit sozialen Wandels“ als die zentrale Eigenschaft konservativer Weltanschauung.3

1.2 Tradition als Bestand an Erfahrungswissen

Eine Tradition enthält das Erfahrungswissen einer Organisation. Sie ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Einsichten, Erfahrungen, Lebensregeln und Antworten auf Grundfragen des Menschen sowie der Bestand dessen, was an zeitlos gültiger Erkenntnis darüber freigelegt wurde und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden muss.

Tradition wächst vor allem im Ernstfall, weil dort sichtbar wird, welche kulturellen und geistigen Bestände tauglich sind und welche nicht. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel sprach deshalb davon, dass eine lebendige Tradition Beispiele der „Bewährung im Extremen“ benötige. In eine militärische Tradition könne das eingehen, was im Kampf Bestand hatte.4

Eine Tradition beinhaltet außerdem die langfristig bewährten kulturellen Praktiken sowie die praktischen Antworten auf Herausforderungen, die von einer Organisation bewahrt und weitergegeben werden müssen, damit sie ihren Auftrag erfüllen kann.5

Tradition ist nach einem verbreiteten Sprichwort nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme. Die Grundlage dieses Verständnisses von Tradition ist laut Dietrich von Hildebrand die Tatsache, „daß es große Wahrheiten und hohe Werte gibt die, wenn sie einmal erschlossen worden sind, fordern, daß man an ihnen festhält“.6

Die Natur des Menschen und der Welt ist unveränderlich, weshalb auch die Grundfragen des Menschen zu allen Zeiten die prinzipiell gleich bleiben. Roger Scruton betonte, dass Konservative nicht originell wären und auch nicht versuchten, es zu sein.7 Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb dazu:

„Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches wirklich neu sein. Und doch muss das, was Menschen immer schon wissen, von Zeit zu Zeit neu gedacht werden, weil die realen Bedingungen des Lebens und die zur Verfügung stehenden Begriffe für unsere Selbstverständigung sich wandeln.“

Dieser Bestand an Wahrheit kann durch Kontakt mit der Wirklichkeit schrittweise über lange Zeiträume freigelegt werden. Im Zuge der Entwicklung von Tradition bildet sich dadurch ein „autoritativer Kanon menschlicher Weisheiten“, der weitergegeben wird, weil die ihn annehmenden als wertvoll erkannt haben.8 In diesem Sinne verstandene Tradition steht immer im Einklang mit der Natur und dem Verstand.

Laut Robert Scruton sei Tradition eine Form des Wissens, das durch Vernunft und Irrtum über lange Zeiträume hinweg gesammelt wurde:

  • Tradition enthalte Antworten auf die großen Lebenfragen und -Aufgaben des Menschen.
  • Die meisten Traditionen enthielten ein Element der Aufopferung, etwa die Traditionen, die sich auf die Familie, auf Wohltätigkeit, auf den militärischen Dienst oder auf gutes Benehmen beziehen.
  • In der Tradition wirkten Kräfte, die stärker seien als die Vernunft des Menschen. Die Zerstörung von Tradition vernichte Werte, die nicht ohne weiteres wieder geschaffen werden können.
  • Man nehme eine Tradition quasi durch Osmose auf, indem man Teil der Kultur ist, die von einer bestimmten Tradition geprägt ist.9

Die guten Eigenschaften und Institutionen einer Kultur seien leicht zu zerstören, aber nur schwer zu schaffen. Dies gebiete Vorsicht wenn es darum gehe, sie zu verändern.10 Organischer, auf Traditionsprozessen beruhender Wandel ist daher resilienter als revolutionäre Brüche, die ungeprüfte Dinge einführen und dabei die gewachsene Substanz zerstören.

Eine Tradition umfasst alles, was sich als dauerhaft gültig erwiesen hat. Das, was nur unter bestimmten Bedingungen gilt, ist Konvention. Tradition und Konvention sollten nicht miteinander verwechselt werden, weil sonst Schaden entsteht. Im militärischen Kontext wurde der Wechsel von bunten Uniformen zur feldgrauen Uniform zeitweise unter Verweis auf angebliche Traditionen abgelehnt.11

Kultur kann als die organisch gewachsene Gesamtheit der Lösungen verstanden werden, die Gesellschaften auf die Herausforderungen ihres Daseins gefunden haben. Laut dem Geografen Jared Diamond hätten nur die Kulturen längere Zeit überleben können, die bewährte Lösungen Experimenten vorzogen.12 Dem Völkerkundler Robert B. Edgerton zufolge sei die Fähigkeit von Kulturen zum Schutz der Menschenwürde oder zur Sicherstellung ihrer eigenen Kontinuität ungleich. Die Frage nach dem Wert von Kulturen und kulturellen Praktiken sei auf der Grundlage dieses Maßstabs objektiv zu beantworten. Traditionen seien von unterschiedlicher Qualität, was den in ihnen vorhandenen Bestand an Erfahrungswissen angehe.13

Damit etwas zur Tradition wird, muss es sich über einen langen Zeitraum unter den Bedingungen der Wirklichkeit bewährt und allen Herausforderungen standgehalten haben. Tradition nimmt auf diesem Weg schrittweise Erfahrungswissen auf, was Antworten auf Fragen menschlicher Existenz angeht, und schafft dabei immer größere und wertvollere Bestände. Wenn es um Fragen geht, welche die Natur des Menschen berühren, ist die in diesem Prozess entstandene Tradition so gut wie immer der auf theoretischen und abstrakten Erwägungen beruhenden Innovation überlegen. Innovationen können jedoch die Tradition aufgenommen werden, wenn sie sich in der Wirklichkeit bewähren. Je älter etwas ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es bereits von vielen Generationen für tauglich und weitergebenswert gehalten wurde, weil es sich im Leben bewährte. Der Traditionsgedanke begegnet dem Alten daher mit Achtung und dem Neuen mit prüfender Vorsicht. Dabei lehnt der Traditionsgedanke das Neue jedoch nicht grundsätzlich ab, und er hängt auch nicht dem überholten Alten an.

1.3 Tradition und kollektive Identität

Die kollektive Erinnerung von Organisationen und Institutionen umfasst laut Aleida Assmann vor allem das, „was die Identität der Gruppe stärkt, und die Identität der Gruppe befestigt die Erinnerungen“. Der Mythos einer Institution entstehe durch die bewusste Weitergabe der Erinnerungen, die sie stützen. Ihr Gedächtnis fokussiere sich „stets auf einen ruhmreichen, ehrenwerten oder zumindest akzeptablen Ausschnitt“. Helden und Märtyrer sowie Siege seien daher wesentliche Bestandteile traditioneller kultureller Erinnerung. Das kollektive Gedächtnis könne nur drei Rollen von Akteuren akzeptieren, „die des Siegers, der das Böse überwunden hat, die des Widerstandskämpfers und Märtyrers, der gegen das Böse gekämpft hat, und die des Opfers, das das Böse passiv erlitten hat“. Alles, was außerhalb davon stehe, sei kaum in das kollektive Gedächtnis integrierbar. Ob Erinnerungen weitergegeben werden, hänge allgemein davon ab, „ob sie gebraucht werden, das heißt: ob sie dem gewünschten Selbstbild der Gruppe und ihren Zielen entsprechen oder nicht“.14

2. Die komplexe Natur des Menschen und der Wirklichkeit erfordert Tradition

Der Mensch braucht als Mängelwesen Kultur, die durch Tradition wächst, die zudem ein kollektives und generationenübergreifendes Gedächtnis darstellt. Durch die Annahme einer Tradition nimmt er einen Bestand an Erfahrungswissen auf, der es ihm erlaubt, den Herausforderungen der Welt nicht unvorbereitet begegnen zu müssen.

Durch die Aufnahme von und den Anschluss an Tradition hat der Mensch an einer Weisheit teil, die größer ist als die einzelner Menschen, und deren Werke größer sind, als sie auch die besten rationalen Entwürfe erzeugen könnten. Der Philosoph Bernhard von Chartres schuf um 1120 das Bild der Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen, um das Verhältnis des Menschen zur Tradition zu beschreiben. Zudem ist die Natur des Menschen, aber auch die der Welt, häufig zu komplex, als dass einzelne Menschen sie hinreichend gut erfassen und erklären könnten. Auch die besten rationalen Entwürfe scheitern daher häufig in der Erprobung, weshalb es unangemessen wäre, theoretische Entwürfe denen den Antworten der Tradition vorzuziehen.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz zählte das „Abreißen der Tradition“ zu den Herausforderungen, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“. Dieses könne dazu führen, dass die europäische Kultur „ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“.15

Lorenz zufolge liege „kumulierende Tradition“ aller Kulturentwicklung zugrunde. Die planvolle Entwicklung einer Kultur, wie sie eine „überhebliche Aufklärung“ anstrebe, sei kaum möglich, da die Wirklichkeit dafür komplex sei. Nur die Bewährung in der Praxis könne verlässlich Aufschluss darüber geben, ob eine Idee oder ein Konzept eine Kultur und das auf ihr beruhende Gemeinwesen stärke oder nicht. Eine „größte Konservativität im Festhalten am Bewährten und Erprobten“ gehöre daher „zu den lebensnotwendigen Eigenschaften“ eines Gemeinwesens.

Die in den 1960er Jahren in Europa dominant gewordenen progressiven Ideologien und die von ihnen vorangetriebene kulturelle Revolution würden auf einem fehlerhaften Welt- und Menschenbild beruhen, welches die Komplexität der Wirklichkeit unterschätze und aus diesem Irrtum heraus Tradition als unnötig betrachte oder als rückschrittlich bekämpfe. Die damit ebenfalls verbundene „gewaltige Unterschätzung des nicht-rationalen, kulturellen Wissensschatzes und die gleiche Überschätzung dessen, was der Mensch als Homo faber mittels seiner Ratio auf die Beine zu stellen vermag“ seien Faktoren, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“:

„Der Irrglaube, daß nur das rational Erfaßbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich verderblich aus. Es führt die „wissenschaftlich aufgeklärte“ Jugend dazu, den ungeheuren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den Traditionen jeder alten Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. Wer da meint, all dies sei null und nichtig, gibt sich folgerichtig auch einem anderen, ebenso verderblichen Irrtum hin, indem er in er Überzeugung lebt, Wissenschaft könne selbstverständlich eine ganze Kultur mit allem Drum und Dran auf rationalem Wege und aus dem Nichts erzeugen.“

Progressive Ideologien würden gleichzeitig zum „Hass“ auf die als Fortschrittshemmnis wahrgenommene Tradition neigen und übersehen, dass „eine Kultur ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“.

Tradition erhebt den Menschen über die Moden der Zeit und immunisiert ihn gegen modische Ideen. Es waren fest in der christlich-abendländischen Tradition stehende Menschen, die Widerstand gegen die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts leisteten.

Tradition wird durch das Vorleben und das Beispiel vermittelt. Wo sie über keinen lebenden Träger mehr verfügt, ist sie tot.16

3. Tradition und übergenerationale Gemeinschaft

Tradition schafft eine Verbindung zwischen den Generationen, durch die sie ihre Identität erhalten und gemeinsam an einem großen Werk mitwirken. Sie ist übergenerationale Demokratie, die auch den Vorfahren und ihren Erfahrungen eine Stimme gibt. Der politische Philosoph Edmund Burke schrieb über das generationenübergreifende Denken des Konservatismus:

„Ein Staat […] ist eine Gemeinschaft in allem was wissenswürdig, in allem was schön, in allem was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist. Da die Zwecke einer solchen Verbindung nicht in einer Generation zu erreichen sind, so wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen.“

Der primäre Sinn einer Gesellschaft sei nicht die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern die Sicherstellung der Kontinuität des Erbes. Dieses sei ein von jeder Generation zu pflegendes und an die nächste Generation zu übergebendes wertvolles Gut. Der katholische Denker Gilbert Keith Chesterton bezeichnete Tradition als „die Demokratie der Toten“, welche frühere, lebende und künftige Generationen zu einem generationenübergreifenden Gemeinwesen verbinde:

„Es liegt doch auf der Hand, dass Tradition nichts weiter ist als Demokratie in zeitlicher Erstreckung. Tradition baut auf den Einklang gewöhnlicher menschlicher Stimmen statt auf irgendeine vereinzelte oder willkürliche Quelle. […] Tradition lässt  sich als erweitertes Stimmrecht fassen. Tradition bedeutet, dass man der am meisten im Schatten stehenden Klasse, unseren Vorfahren, Stimmrecht verleiht. Tradition ist Demokratie für die Toten. Sie ist die Weigerung, der kleinen, anmaßenden Oligarchie derer, die zufällig gerade auf der Erde wandeln, das Feld zu überlassen.“

Tradition stellt die Menschen der Gegenwart in Formen der Gemeinsamkeit, die von den Menschen vieler früherer Generationen geschaffen, gepflegt und weitergegeben wurden, weil sie ihnen wichtig waren oder ihnen halfen.

Papst Paul. VI. definierte das Traditionsprinzip 1967 als Ausdruck der Gemeinschaftsnatur des Menschen und als Erfordernis übergenerationaler Solidarität:

„Der Mensch ist aber auch Glied der Gemeinschaft. Er gehört zur ganzen Menschheit. Nicht nur dieser oder jener, alle Menschen sind aufgerufen, zur vollen Entwicklung der ganzen menschlichen Gesellschaft beizutragen. Die Kulturen entstehen, wachsen, vergehen. Aber wie jede Woge der steigenden Hut weiter als die vorhergehende den Strand überspült, schreitet auch die Menschheit auf dem Weg ihrer Geschichte voran. Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger, sind wir allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller, die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteils mit sich, sondern auch Pflichten.“17

Der Humangenetiker Luigi Luca Cavalli Sforza beschrieb Kultur als das Ergebnis der Lernfähigkeit des Menschen bzw. seiner Fähigkeit, Erfahrungen an andere weiterzugeben. Sie ähnele dem genetischen Erbe, das ebenfalls Informationen von einer Generation an die nächste weitergebe. Im Unterschied dazu sei kulturelle Entwicklung jedoch gewollt und erfolge zielgerichtet.18

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb nach seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten, dass eine Tradition den Menschen zum Teil einer die Generationen übergreifenden Gemeinschaft mache. Dadurch werde er unabhängig von den Irrtümern und Moden seiner Zeit:

„In solchen Zeiten erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig ist. Das Bewusstsein, von einer geistigen Überlieferung, die durch Jahrhunderte reicht, getragen zu sein, gibt einem allen vorübergehenden Bedrängnissen gegenüber das sichere Gefühl der Geborgenheit. Ich glaube, wer sich im Besitze solcher Kraftreserven weiß, braucht sich auch weicherer Gefühle, die meiner Meinung nach doch zu den besseren und edleren der Menschen gehören, nicht zu schämen, wenn die Erinnerung an eine gute und reiche Vergangenheit sie hervorruft.“19

4. Tradition ist dynamisch

Tradition ist ein Prozess der Anpassung des Bewährten an die Forderungen der Gegenwart. Sie ist außerdem ewiges Werden und etwas, dem sich die Träger einer Tradition schrittweise annähern. Wo sie erstarrt, würde aus der Tradition mit der Zeit ein Traditionalismus, der sich darauf beschränkt, am Vergangenen ohne Prüfung und Entwicklung festzuhalten, wodurch es zu schädlichem Ballast werden kann. Der Traditionsgedanke geht zudem nicht davon aus, dass es einen idealen Zustand in der Vergangenheit gab, der wiederhergestellt werden könne oder solle.

Das Christentum wurde in Europa heimisch, indem es das prüfte, was es hier an kulturellen Beständen vorfand, und das Gute daran auf seine Ziele hinordnete und in seine Tradition integrierte.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb das Wesen der Tradition am Beispiel der Kirche. Diese sei ein „lebendiges Wesen“:

„Sie lebt durch die Zeit weiter, werdend, wie alles Lebendige wird; sich wandelnd, dennoch im Wesen immer die gleiche.“

Der katholische Theologe Dietrich von Hildebrand erklärte, dass Fortschritt im eigentliche Sinne des Wortes stets die Verbesserung des Bestehenden unter Anknüpfung an dieses beinhalte. Echter Fortschritt beruhe auf Kontinuität und bestehe darin, der Wirklichkeit bzw. den absolut Wahren, Guten und Schönen immer vollständiger zu entsprechen. Radikale, revolutionäre Brüche würden in diesem Sinne keinen Fortschritt darstellen. Im christlichen Denken gebe es nur einen einzigen positiv bewerteten radikalen Bruch, nämlich die persönliche Bekehrung, die mit der Abkehr vom Irrtum und vom Bösen verbunden sei.20

Im Dokument „Dei Verbum“ des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es über das dynamische Wesen der Tradition der Kirche:

„Die Kirche führt in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt. Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt.“

Auf dem Traditionsgedanken beruhende Kulturen und Gesellschaften sind somit dynamisch und nicht statisch. Der Fortschrittsbegriff des Traditionsgedankens beruht dabei nicht auf revolutionären Brüchen mit den Werken der Vergangenheit wie in modernen Ideologien, sondern auf schrittweiser Entwicklung. Fortschritt ist in diesem Sinne gepflegte und erfolgreich weitergeführte Tradition.

Utopischen und revolutionären Ideologien mangelt es an Verständnis für Entwicklungsprozesse dieser Art. Sie erklären grundsätzlich jeden früheren Zustand für unzulänglich, wobei sie übersehen, dass diese Zustände Schritte auf einem Weg darstellten.

4.1 Kultur, Tradition und Institutionen wachsen organisch

Die christliche Soziallehre beruht auf einem organischen Gesellschaftsverständnis. Ein Gemeinwesen stellt aus ihrer Sicht eine Einheit von Individuen und Gemeinschaft dar und gleicht einem biologischen Organismus, in dem das Ganze mehr darstellt als die Summe seiner Bestandteile. Dem Ganzen wohne ein Geist inne, der durch Zergliederung des Ganzen nicht verstanden werden kann.21

Eine soziale Ordnung und ihre Institutionen können demnach nicht oder allenfalls nur bedingt als rationale Entwürfe durch den Menschen geplant und geschaffen werden. Dieser Gedanke steht dem Machbarkeitsgedanken der Moderne diametral entgegen. Am Beispiel von Nationen oder der Kirche wird am deutlichsten sichtbar, dass Ordnungen und Institutionen nach organischen Prinzipien wachsen.

Konrad Lorenz sah im Sinne dieses organischen Verständnisses in den Abläufen des Lebens bzw. der Evolution ein konservatives organisches Prinzip wirken. Das Leben entwickele sich über lange Zeiträume, wobei nur das Bewährte weitergegeben werde. Dadurch habe das Leben Traditionsbestände geschaffen, in denen mehr Informationen über die Wirklichkeit gespeichert seien, als sie der Mensch ohne Rückgriff auf diese Bestände mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erlangen könne.22

Wenn sich das Umfeld verändert, in dem eine Organisation bewegt, muss sich auch ihre Tradition weiterentwickeln. Prozesse der Traditionsbildung ähneln somit evolutionären Prozessen. Tradition entwickelt sich dynamisch über lange Zeiträume, wobei sie auf vorhandenem Wissen und praktischer Erfahrung aufbaut und revolutionäre Brüche oder auf bloßen abstrakten oder theoretischen Entwürfen beruhende Veränderungen vermeidet. Wolf Graf Baudissin unterschied daher zwischen der Tradition als dem, was sich über lange Zeiträume hinweg als gültig herausgestellt hat, und der Konvention, die zeitgebunden sei und laufend angepasst werden müsse.23

Dem Historiker Rolf Peter Sieferle zufolge habe dieses organische Verständnis der Gesellschaft im 19. Jahrhundert eine wesentliche geistige Grundlage für das Entstehen der Umweltbewegung dargestellt. Die christlich beeinflussten konservativen Strömungen dieser Zeit hätten sich damals gegen das Denken der Aufklärung und dessen mechanisches Welt- und Menschenbild gestellt. Dieses habe Gesellschaften mit mechanischen Analogien zu verstehen versucht und sie, so wie die Natur, für vollständig durch den Menschen kontrollierbar gehalten. Außerdem sei die Aufklärung für die immer weiterreichende Ausbeutung der Natur für den Menschen eingetreten.24

Laut Scruton ist Leben gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die Entropie, die alle natürlichen Dinge mit der Zeit auflösen. Der Konservatismus sei in diesem Sinne eine „Politik des Aufschubs, dessen Zweck darin liegt, Gesundheit und Leben eines sozialen Organismus solange als möglich zu gewährleisten.“ Es gehe ihm „darum, den Kräften der Entropie, die unser soziales und ökologisches Gleichgewicht bedrohen, wachsamen Widerstand entgegenzusetzen. Ziel muss sein, künftigen Generationen jene Ordnung weiterzugeben, deren zeitweilige Treuhänder wir sind, und diese in der Zwischenzeit aufrechtzuerhalten und zu verbessern.“25

Der katholische Theologe Henri de Lubac betrachtete Tradition als etwas Dynamisches. Sie sei kein starrer Punkt in der Vergangenheit, sondern gleiche einem Strom, der „auf seinen immer erneuerten, nie stagnierenden Fluten den gleichen unzerstörbaren Glauben mit sich führt“.26 Joseph Ratzinger sah im Erstarren des Überlieferten eine Gefahr für die Tradition.27

4.2 Die Notwendigkeit der Herausforderung von Tradition

Entwicklung erfordert es, dass Traditionen regelmäßig herausgefordert werden, um ihren Wert zu prüfen und ggf. vorhandene Schwächen zu identifizieren. Auch die Gegner einer Tradition können diese befruchten, indem sie ihre Schwächen erkennen, sie herausfordern und eine Tradition dadurch zur Korrektur dieser Schwächen oder zur Herausbildung neuer Stärken zwingen.

Der Philosoph Leszek Kolakowski schrieb dazu:

„Es gibt zwei Umstände, deren wir uns immer gleichzeitig erinnern sollen: Erstens, hätten nicht die neuen Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition revoltiert, würden wir noch heute in Höhlen leben; zweitens, wenn die Revolte gegen die ererbte Tradition einmal universell würde, werden wir uns wieder in Höhlen befinden. Der Kult der Tradition und der Widerstand gegen Tradition sind gleichermaßen unentbehrlich für das gesellschaftliche Leben; eine Gesellschaft, in der der Kult der Tradition allmächtig wird, ist zur Stagnation verurteilt; eine Gesellschaft, in der die Revolte gegen die Tradition universell wird, ist zur Vernichtung verurteilt.“28

Tradition ist alt und ewig jung zugleich, weil sie sich ständig aus einer transzendenten Quelle heraus erneuert und so den Kräften widerstehen kann, die sie herausfordern. Tradition ist das, was von ihnen nicht vernichtet werden konnte, weil es zu allen Zeiten stärker war als sie. Wo in der eigenen Tradition schlechte, schwache und untaugliche Elemente erkennbar werden, müssen diese erklärt, von den guten Elementen abgrenzt und schließlich aus der Tradition ausgeschieden werden. Dieser Ansatz unterscheidet sich vom modernen Ansatz, der die schlechten Elemente in einer Tradition zum Anlass nimmt, um die Zerstörung der ganzen Tradition zu fordern.

4.3 Tradition muss aktiv angeeignet, bewahrt und gepflegt werden

Eine Tradition wächst durch Erfolge, aber auch durch Niederlagen. Tradition ist überwiegend nur durch das persönliche. Lebendige Vorbild vermittelbar und muss aktiv entwickelt und gepflegt werden. Eine Tradition bricht ab, wenn eine einzige Generation sie nicht weitergibt. Mit Tradition muss daher sorgsam umgegangen werden, wenn die durch sie aufgebauten Bestände an Weisheit nicht verloren gehen sollen. Tradition kann nicht einfach übernommen werden, sondern sie muss immer wieder neu erarbeitet und erlernt werden.

Tradition bedeutet auch eine Verpflichtung. Wem eine Tradition übergeben wird, der kann aus ihrem Reichtum leben, steht aber zugleich in der Verantwortung, sie intakt und wenn möglich gestärkt weiterzugeben. Tradition muss außerdem verteidigt werden, wo sie bedroht ist. Da sie größer ist als der einzelne Mensch, spendet sie ihren Verteidigern die dazu erforderliche Kraft.

Laut dem Völkerkundler Robert B. Edgerton sei die Rationalität des Menschen begrenzt. Eine Kultur enthalte das durch Bewährung in der Praxis gewachsene Erfahrungswissen einer Gemeinschaft von Menschen. Traditionelle Prozesse der Schaffung und Pflege von Kultur seien jedoch störungsanfällig. Es gebe etwa eine Tendenz von Eliten, zur Wahrung ihres eigenen Vorteils auf Kosten des Gemeinwohls in diese Prozesse einzugreifen. Außerdem könne es einen zu stark ausgeprägten konservativen Impuls geben, der die notwendige Anpassung einer Kultur an neue Herausforderungen oder ihre Fortentwicklung behindere. Dies müsse bei der Pflege und Weitergabe von Kultur berücksichtigt werden.29

Quellen

  1. Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer, Köln 1999, S. 67-69.
  2. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 237 ff.
  3. Franz Walter: Baustelle Deutschland. Politik ohne Lagerbindung, Frankfurt a. M. 2008, S. 170.
  4. Neitzel 2020, S. 477.
  5. Heiko Biehl/Nina Leonhard: „Militär und Tradition“, in: Nina Leonhard/Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.): Militärsoziologie. Eine Einführung, Wiesbaden 2005, S. 216-239, hier: S. 220 ff.
  6. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 311.
  7. Roger Scruton: The Meaning of Conservatism, London 1980, S. 5.
  8. Oskar Köhler: „Tradition“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 7, Freiburg i. Br. 1962, Sp. 1019-1028.
  9. Scruton 2019 S. 48.
  10. Scruton 2019, S. 17.
  11. Bundesministerium der Verteidigung – Führungsstab der Bundeswehr I 6 (Hrsg.): Handbuch Innere Führung. Hilfen zur Klärung der Begriffe, 2. Aufl., Bonn 1960, S. 53.
  12. Diamond 2005, S. 255, 296 ff.
  13. Robert B. Edgerton: „Traditionelle Überzeugungen und Praktiken: Gibt es bessere und schlechtere?“, in:  Samuel P. Huntington/Lawrence E. Harrison (Hrsg.): Streit um Werte. Wie Kulturen den Fortschritt prägen, Hamburg 2002, S. 165-183.
  14. Aleida Assmann: „Erinnerung, Identität, Emotionen. Die Nation neu denken“, Blätter für deutsche und internationale Politik, S. 3/2020, S. 73-86, hier: S. 79-81.
  15. Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München 1973, S. 68-83.
  16. Gustav-Adolf Caspar/Ullrich Marwitz/Hans-Martin Ottmer: Tradition in den deutschen Streitkräften bis 1945, Herford/Bonn 1986, S. 17.
  17. Populorum progressio 17.
  18. Luigi Luca Cavalli Sforza: Gene, Völker, Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation, München/Wien 1999, S. 188 ff.
  19. Christian Gremmels/Eberhard Bethge/Renate Bethge (Hrsg.): Widerstand und Ergebung, Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 8, Gütersloh 1998, S. 240.
  20. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 157 ff.
  21. Joseph Kardinal Höffner: Christliche Gesellschaftslehre. Studienausgabe, 4. Aufl., Kevelaer 1983, S. 45 ff.
  22. Zit. nach Bernd Lötsch: „Das ökologische Gewissen der Nation. Konrad Lorenz und die Umweltfrage“, in: Franz Kreuzer (Hrsg.): Wiedervereinigung als Organisationsproblem. Gesamtdeutsche Zusammenschüsse von Parteien und Verbänden, Bochum 1992, S. 112-136, hier: S. 125.
  23. Wolf Graf Baudissin: Soldat für den Frieden. Entwürfe für eine zeitgemäße Bundeswehr, München 1969, S. 80-81.
  24. Rolf Peter Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, München 1984, S. 43.
  25. Scruton 2013, S. 16.
  26. Henri de Lubac: Glauben aus der Liebe, Einsiedeln 1992.
  27. Zit. nach Seewald 2020, S. 500.
  28. Leszek Kolakowski: „Der Anspruch auf selbstverschuldete Unmündigkeit“, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.): Vom Sinn der Tradition, München 1970, S. 1-15, hier: S. 1.
  29. Robert B. Edgerton: „Traditionelle Überzeugungen und Praktiken: Gibt es bessere und schlechtere?“, in: Samuel P. Huntington/Lawrence E. Harrison (Hrsg.): Streit um Werte. Wie Kulturen den Fortschritt prägen, Hamburg 2002, S. 165-183, hier: S. 180.