Stand: 29.11.2020

Christliche Weltanschauung beruht auf dem Dienstgedanken, der Ausdruck der christlichen Forderung zur Nächstenliebe ist. Dieser Gedanke hat das gesamte abendländische Erbe geprägt, das darauf beruht, die Schwachen zu schützen und die unvollkommene Welt im Rahmen des Möglichen menschlicher zu gestalten. Vor diesem Hintergrund soll politisches Handeln nach christlicher Vorstellung stets den Dienst am Gemeinwohl zum Ziel haben.

1. Das Gemeinwohl

Das Gemeinwohl ist der normative Bezugspunkt jeder praktischen Politik, die sich an der geistigen Tradition des Abendlandes orientiert. Die christliche Soziallehre hat das Gemeinwohl in Anknüpfung an die politische Philosophie der griechischen und römischen Antike definiert. Oswald von Nell-Breuning definierte das Gemeinwohl als die Zielvorstellung einer Gesellschaft, die durch das Zusammenwirken aller ihrer Bestandteile verwirklicht werden soll.1

1.1 Das Gemeinwohl aus Sicht der christlichen Soziallehre

Das Gemeinwohl ist laut Definition der katholischen Kirche die Gesamtheit der Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die allen Teilen der Gesellschaft ein vollständigeres und leichteres Erreichen ihrer Vollendung ermöglichen.2 Das Gemeinwohl ist zudem die soziale und gemeinschaftliche Dimension des moralisch Guten in Bezug auf das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen.3 Das Gemeinwohl ist somit die Gesamtheit der Ziele eines Gemeinwesens und der Zweck seiner Existenz. In einem im Sinne des Gemeinwohls verfassten Gemeinwesen stehen dessen einzelne Ziele in einer Wertordnung zueinander. Niedrige Ziele tragen dabei stets zur Erreichung höherer Ziele bei.

Papst Benedikt XVI. sagte über das Gemeinwohl:

„Jemanden lieben heißt sein Wohl im Auge haben und sich wirkungsvoll dafür einsetzen. Neben dem individuellen Wohl gibt es eines, das an das Leben der Menschen in Gesellschaft gebunden ist: das Gemeinwohl. Es ist das Wohl jenes ‚Wir alle‘, das aus einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen.

Es ist nicht ein für sich selbst gesuchtes Wohl, sondern für die Menschen, die zu der sozialen Gemeinschaft gehören und nur in ihr wirklich und wirkungsvoller ihr Wohl erlangen können. Das Gemeinwohl wünschen und sich dafür verwenden ist ein Erfordernis von Gerechtigkeit und Liebe. Sich für das Gemeinwohl einzusetzen bedeutet, die Gesamtheit der Institutionen, die das soziale Leben rechtlich, zivil, politisch und kulturell strukturieren, einerseits zu schützen und andererseits sich ihrer zu bedienen, so daß auf diese Weise die Polis, die Stadt Gestalt gewinnt.“4

Der Dienst des Christen am Gemeinwohl trage „zum Aufbau jener universellen Stadt Gottes bei, auf die sich die Geschichte der Menschheitsfamilie zu bewegt.“

Dem katholischen Philosophen Josef Pieper zufolge ist das Gemeinwohl das Gut, für das eine menschliche Gemeinschaft existiert und „der Inbegriff der Werte, welche ein Gemeinwesen, vor allem das staatliche Gemeinwesen, verwirklichen müßte, wenn von ihm soll gesagt werden können, es habe die in ihm angelegten Möglichkeiten realisiert“.5

Das Konzept des Gemeinwohls ist offen gestaltet und kein Programm, das zwingend bestimmte Inhalte vorsieht. Dies ist damit verbunden, dass das Gemeinwohl inhaltlich kaum abstrakt bestimmbar ist. Seine Bestimmung erfordert ein hohes Maß an Klugheit bzw. an Verständnis der konkreten Lage eines Gemeinwesens und der Kräfte, die auf es einwirken.

Das Konzept des Gemeinwohls ist außerdem nicht gegen das Individuum angelegt, sondern beruht auf ihm. Es soll den Menschen dabei unterstützen, das übernatürliche Ziel seiner Existenz zu erreichen. Ein Gemeinwesen ist wie ein biologischer Organismus größer als seine Bestandteile und überdauert diese, wobei die einzelnen Bestandteile dennoch einen unverzichtbaren Bestandteil des Ganzen darstellen und gemeinsam etwas schaffen, das größer ist als die Summe der einzelnen Teile.6

Der Zweck des Staates ist nach christlichem Verständnis die Förderung eines materiell und geistig guten Lebens. Zum Gemeinwohl gehört daher auch das, was das Heil der Seele des Menschen fördert. Die Achtung von wahrer Religion ist daher Teil des Gemeinwohls. Kardinal Raymond Burke betonte, dass auch die Anerkennung des Naturrechts eine wesentliche Grundlage des Gemeinwohls sei.7

1.2 Kontinuität und Selbsterhalt des Gemeinwesens als grundlegende Elemente des Gemeinwohls

Laut Thomas von Aquin sei es der wichtigste Auftrag des Regierenden, „das, was er zu regieren übernommen hat, heil zu erhalten.“8

1.3 Allgemeine Bestandteile des Gemeinwohls

Zum Gemeinwohl gehören laut christlicher Soziallehre die drei folgenden Elemente:

  • Achtung und Förderung der Grundrechte der Person;
  • Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens;
  • Sicherheit des Gemeinwesens und seiner Mitglieder.9

Der Historiker Shalom Salomon Wald hat das Konzept des Gemeinwohls politisch operationalisierbar zu machen versucht, indem er die Faktoren untersuchte, die den langfristigen Bestand und die Entfaltung eines Gemeinwesens in der Geschichte gefördert haben. Ihm zufolge seien dies die folgenden Faktoren:

  • Pflege seines Kulturkerns und seiner Identität;
  • Stärkung innerer Bindungen;
  • Konstruktive Beilegung innerer Konflikte;
  • Äußere Verteidigungsbereitschaft und Wehrhaftigkeit;
  • Hohe Qualität des Führungspersonals;
  • Hohes Leistungsniveau in Naturwissenschaft und Technik;
  • Belastbare Allianzen und zuverlässige Verbündete;
  • Wohlstand und konstruktive Beilegung von Verteilungskonflikten;
  • Intakte demographische Grundlagen.10

Der Soziologe Amitai Etzioni definierte das Gemeinwohl als die Summe der Güter die allen Mitgliedern eines Gemeinwesens inklusive dessen ungeborenen Mitgliedern, sowie dessen Institutionen dienten.11

1.4 Kulturelle Voraussetzungen des Gemeinwohls

Zu den Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft gemeinwohlfähig ist, gehören u. a. die Anerkennung der Würde des Menschen durch Staat und Politik, eine subsidiäre Gesellschaftsordnung die auf der Familie als fundamentaler Einheit aufbaut und ein Minimum an intakten Bindungen und Gemeinsinn innerhalb der Gesellschaft. (Weiterlesen: Das Solidaritätsprinzip) Außerdem ist die Existenz von fähigen Eliten, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, eine kulturelle Voraussetzung dafür, dass ein Gemeinwesen gemeinwohlfähig ist. (Weiterlesen: Die Eigenschaften guter Eliten)

Gemeinwohl und Antifragilität

Der Risikoforscher und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb setzte sich in seinem Werk „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ mit den Eigenschaften nachhaltiger Systeme auseinander, die Herausforderungen aller Art auf optimale Weise begegnen könnten und durch sie sogar stärker würden. Antifragile Systeme, etwa Gemeinwesen, hätten die folgenden Eigenschaften:

  • Aktiver Umgang mit Verwundbarkeiten und Bedrohungen: Sie würden aktiv nach möglichen Bedrohungen suchen, diese frühzeitig erkennen und seien dadurch in der Lage, sich auf sie einzustellen. Sie würden ihr Umfeld und ihre Lage zudem vom Negativen ausgehend betrachten und die Reduzierung von unnötiger Komplexität sowie von Schwächen und Verwundbarkeiten anstreben und dadurch Risiken präventiv reduzieren. Dazu gehöre, dass sie das Scheitern untauglicher Systemelemente förderten anstatt es herauszuzögern, zum Beispiel durch die Übernahme privater Risiken durch das Gemeinwesen, bevor sie systemrelevant („too big to fail“) würden.
  • Meritokratie und persönliche Verantwortung: In ihnen würden Entscheidungsträger die Risiken ihrer Entscheidungen persönlich tragen, und ihr Schicksal sei unauflöslich mit dem des Systems verbunden. Ein Beispiel dafür sei ein Schiff, dessen Kapitän nach traditionellem Verständnis im Fall des Untergangs mit diesem unterzugehen habe. Sie seien zudem meritokratisch organisiert und würden die Übertragung von Verantwortung von früheren Erfolgen abhängig machen, während sie diese bei Misserfolg konsequent wieder entziehen würden.
  • Aufrechterhaltung hoher Standards: Sie würden nicht primär Stabilität anstreben, sondern sich in dosierter Form Belastungen aussetzen, die sie zur Herausbildung von Stärken und Eliminierung von Schwächen zwingen würden, etwa in Form hoher Standards.
  • Dezentralität und Vorsorge: Sie seien dezentral bzw. in kleinen Einheiten organisiert und würden Reserven und Redundanzen bilden. Zentralistische Strukturen seien hingegen allgemein fragil, könnten auf Herausforderungen nur langsam reagieren und würden im Notfall benötigte Reserven als ineffizient betrachten.

Modernes Denken würde laut Taleb die Verwundbarkeit von Systemen erhöhen, weil sein oft naives Verständnis von Rationalität sowohl die Folgen von Komplexität als auch langfristige sowie indirekte und nichtlineare Auswirkungen von Handlungen unterschätzen würde. Es überschätze gleichzeitig die Möglichkeit, auf Grundlage theoriegeleiteter Ansätze komplexe Systeme steuern, ihre Entwicklung prognostizieren oder auf sie Einfluss nehmen zu können.

Modernes Denken gehe außerdem häufig von moralisch aufgeladenen Abstraktheiten aus, von denen auf die Wirklichkeit bzw. darauf, wie sie sein solle, geschlussfolgert werde. Gleichzeitig habe es die Tendenz, die Möglichkeit krisenhafter Entwicklungen zu unterschätzen und existenzielle Herausforderungen in seiner Neigung zum positiven Denken umso stärker auszublenden, je akuter sie würden. Das Ergebnis sei, dass die Wirklichkeit häufig verzerrt wahrgenommen und Lagen unzutreffend beurteilt würden, was zu schlechten Entscheidungen führe. Dieses Denken eige zudem dazu, traditionelle Lösungen und Ansätze als „irrational“ abzulehnen, die im Gegensatz zu theoriebasierten Ansätzen jedoch unter komplexen Bedingungen langfristig erprobt seien und ihre Tauglichkeit bewiesen hätten. Traditionelles Denken sei seinem Wesen nach daher antifragil und modernen Ansätzen oft überlegen, was seine Krisentauglichkeit angehe.

1.5 Gemeinwohl und nationales Interesse

Das im Sinne der katholischen Soziallehre definierte Konzept des nationalen Interesses beruht auf der weltanschaulichen Annahme, dass eine Gesellschaft ein Gemeinwesen ist und Politik nach der Sicherstellung des Gemeinwohls dieses Gemeinwesens streben soll.12 In der Definition Joseph Frankels umfasst das nationale Interesse das „Wohlergehen der Nation“, die „Erhaltung der nationalen Lebensart“ und die Bewahrung der politischen Ordnung.13

  • Das nationale Interesse umfasst die Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit ein Gemeinwesens sein Gemeinwohl (z. B. Sicherheit oder die Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens) erreichen kann. Diese einzelnen Bedingungen sind seine nationalen Interessen.14
  • Der Politikwissenschaftler Hanns Maull regte an, anstatt vom nationalen Interesse vom „außenpolitischen Gemeinwohl“ zu sprechen, um den Gemeinwohlbezug des nationalen Interesses noch deutlicher erkennbar zu machen.15
  • Der damalige Bundespräsident Roman Herzog definierte die nationalen Interessen Deutschlands 1995 im Sinne des Gemeinwohlsbegriffs der katholischen Soziallehre. Deutsche Interessen seien „zunächst unsere unmittelbaren nationalen Interessen  wie Sicherheit und Bewahrung von Wohlstand.“16
  • Der Politikwissenschaftler Hans Morgenthau, der die realistische Schule der Analyse der internationalen Beziehungen begründete, bezeichnete das Überleben des Staates als das wichtigste nationale Interesse.17

Der Soziologe Max Weber erklärte in seinem Aufsatz über Verantwortungs- und Gesinnungsethik, dass die Verantwortung des Staates darin bestehe, seine Interessen zu vertreten.18 Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1960, dass für den christlichen Konservatismus eines Konrad Adenauer das „nationale Interesse als Wille zum Überleben […] identisch mit dem Interesse des solidarischen Abendlandes“ gewesen sei.

Nicht auf der katholischen Soziallehre beruhende Konzepte des nationalen Interesses, die in der Regel auf das Denken Niccolò Machiavellis zurückgehen, können dieses Interesse auch als etwas definieren, was auf Kosten des Gemeinwohls anderer Nationen durchzusetzen ist. Dieses Verständnis von nationalem Interesse hat in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass die Herrscher christlicher Gemeinwesen sich mit Gegnern des Christentums gegen andere christliche Gemeinwesen verbündet haben, um Vorteile zu erlangen.

1.6 Gemeinwohl und Nachhaltigkeit

Das Gemeinwohlprinzip berührt Aspekte des Prinzips der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit ist ein ganzheitliches Handlungsprinzip, das die langfristige Kontinuität eines Gemeinwesens durch einen schonenden Umgang mit den materiellen und immateriellen Ressourcen sicherstellen soll, von denen seine Kontinuität abhängt. Diese Ressourcen sollen möglichst intakt und im besten Fall erweitert an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.19 Nachhaltig ist der Zustand eines Gemeinwesens dann, wenn dieses so beschaffen ist, dass es sich auf Dauer nicht selbst zerstört oder sich gegenüber äußeren Bedrohungen verwundbar macht, die es zerstören könnten. Ulrich Grober, der sich mit der Geistesgeschichte des Konzepts der Nachhaltigkeit auseinandersetzte, definierte das Nachhaltige als das „was standhält, was tragfähig ist, was auf Dauer angelegt ist, was resilient ist, und das heißt: gegen den ökologischen, ökonomischen und sozialen Zusammenbruch gefeit“.20 (Weiterlesen: Das Nachhaltigkeitsprinzip)

2. Gute Politik ist Dienst am Gemeinwohl

Die christliche Soziallehre betrachtet Politik als einen Dienst am Gemeinwohl und die Sicherstellung des Gemeinwohls als den zentralen Auftrag der Politik:

„Die Einzelnen, die Familien und die verschiedenen Gruppen, aus denen sich die politische Gemeinschaft zusammensetzt, wissen, daß sie allein nicht imstande sind, alles das zu leisten, was zu einem in jeder Richtung menschlichen Leben gehört. Sie erfassen die Notwendigkeit einer umfassenderen Gesellschaft, in der alle täglich ihre eigenen Kräfte zusammen zur ständig besseren Verwirklichung des Gemeinwohls einsetzen […]. So begründen sie denn die politische Gemeinschaft in ihren verschiedenen Formen. Die politische Gemeinschaft besteht also um dieses Gemeinwohls willen; in ihm hat sie ihre letztgültige Rechtfertigung und ihren Sinn, aus ihm leitet sie ihr ursprüngliches Eigenrecht ab.“21

Laut Roger Scruton sei das Ideal der „Verantwortlichkeit in öffentlichen Ämtern“ kulturell ein Produkt des Christentums.22

Aristoteles schrieb, dass der gute Staat „nicht nach dem gegenwärtigen Nutzen“ suche, „sondern nach dem, was für das ganze Leben nützlich ist.“23

2.1 Herrschaft als Dienst am Gemeinwohl

Die Vorstellung, dass gute Herrschaft im Dienst am Nächsten bzw. am Gemeinwohl besteht, ist ein zentraler Bestandteil der christlichen Soziallehre und beruht unmittelbar auf dem Kern der christlichen Religion. (Weiterlesen: Der Dienstgedanke im Christentum) Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass ein Christ in politischer Verantwortung „die Macht oder die Habe, die ihm gegeben ist, als einen Auftrag ansieht, um darin ein Dienender zu werden“. Christus selbst habe dies vorgelebt.24

Dem katholischen Theologen Romano Guardini zufolge sei politische Macht in christlicher Weltanschauung nicht die bloße Fähigkeit zur Durchsetzung der eigenen Interessen, sondern „dienende Stärke“:

„Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.“

Dieses Machtverständnis könne jedoch nicht auf Grundlage modernen, säkularen Denkens entstehen, da es von der Legitimation politischen Handelns durch einen göttlichen Auftrag ausgehe, in dessen Rahmen der Dienst ausgeübt werde, und an dem er sich zu messen habe. Die politischen Eliten, die das künftige Europa schaffen, sollten dies in Abgrenzung von den Entwürfen der Moderne auf Grundlage des Gedankens der „dienenden Stärke“ tun:

„Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde wieder Recht werden. In dieser Form der Machtübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.“

Christliche Weltanschauung lehnt das Konzept des Gesellschaftsvertrages ab, das im Eigennutz des Individuums die Grundlage der Legitimität eines Gemeinwesens sieht und  gesellschaftliches und politisches Leben in erster Linie als Ausdruck von Ansprüchen an andere betrachtet. Ein dauerhaftes Gemeinwesen beruht im Gegensatz dazu auf Dienst und Pflichtempfinden, das zumindest in der Führung und bei den Funktionsträgern des Staates notwendig ist und von diesen auch dann praktiziert werden muss, wenn dies nicht mit individuellem Nutzen verbunden ist.

In der Bevölkerung eines Staates ist das die Dienstbereitschaft am Gemeinwohl fördernde Pflichtempfinden auch faktisch nicht wie von der Hypothese des Gesellschaftsvertrags angenommen von individuellen Nutzenerwägungen, sondern von der Stärke der vorhandenen Bindungen abhängig. Je mehr sich Menschen miteinander und mit dem Gemeinwesen identifizieren, desto größer ist in der Regel auch der Grad der Bereitschaft, sich auch unter Inkaufnahme von persönlichen Nachteilen für das Gemeinwohl einzusetzen. Die Mitglieder eines Gemeinwesens mit starken Bindungen stehen füreinander auch ohne Entlohnung ein und sind bereit dazu, zu geben anstatt zu nehmen. Christen gehen noch darüber hinaus und dienen dem Nächsten grundsätzlich, weshalb sie unter allen Umständen als Träger des Gemeinwohls agieren.

2.1.1 Das traditionelle abendländische Herrscherideal

Augustinus schrieb über gerechte Herrschaft, dass „nicht die Lust zu herrschen, sondern die Pflicht zu helfen“ und „nicht ehrgeiziger Hochmut, sondern fürsorgliches Erbarmen“ sie leiten würden.25

Ein König definiere sich laut Thomas von Aquin dadurch, dass er Herrschaft über eine Gesellschaft ausübt, „um ihrem Gemeinwohl zu dienen“26 Die Könige hätten ihre Autorität von Gott, und ein guter König sei „in der Ausübung seines Herrscheramtes über das Volk ein Diener Gottes.“27 Ein Herrscher, der das Gemeinwohl verachte, nach seinem persönlichen Vorteil suche oder im Amt seinen Leidenschaften folge, anstatt zu dienen, sei hingegen ein Tyrann.28

Aristoteles schrieb, dass ein guter König „den Nutzen der Beherrschten“ anstrebt, während ein Tyrann nur seinen eigenen Nutzen anstrebe. Ein schlechter König werde zwangsläufig zum Tyrannen. Ob dem Gemeinwohl gedient werde oder nicht, unterscheide auch den Aristokraten vom Oligarchen.29 Die Herrschaft des guten Königs beruhe auf Freundschaft gegenüber den Regierten. Seine Herrschaft bestehe darin, ihnen Gutes zu tun, „wenn er als ein Guter wirklich für sie sorgt, damit es ihnen gut geht, so wie der Hirte für seine Schafe sorgt“. Homer habe Agamemnon daher den „Hirten der Völker“ genannt. Die Freundschaft des Herrschers gegenüber den Beherrschten ähnele auch der Freundschaft des Vaters gegenüber dem Sohn.30

Dem Mediävisten Joachim Bumke zufolge sehe das traditionelle abendländische Herrscherideal Gerechtigkeit und Friedenswahrung als die wichtigsten Pflichten politischer Herrschaft an. Das Ideal des gerechten und friedensstifenden Königs präge bereits in den Schriften des Cicero und des Augustinus das abendländische Denken.31 Der Gedanke, dass Dienst eine Auszeichnung darstellt wenn er für Gott und Christentum geleistet werde, bildete den Mittelpunkt der Weltanschauung des christlichen Rittertums.32 Von Gregor dem Großen stamme der Satz, dass „Gott dienen herrschen ist“. Augustinus schrieb, dass diejenigen, die herrschen, denen dienten, die sie zu beherrschen scheinen.33

Über die Erziehung des Freiherrn Bernhard II. zur Lippe (gest. 1224) heißt es in einer zeitgenössischen Quelle:

„Bekleidet mit dem Gewand des Laien, fängt er an, sich in den Waffen zu üben. Als ein Knecht trägt er das Joch dessen, der dient. Mit Freuden will er dienen; er verschmäht es nicht, Mühen zu ertragen, bereit zum Gehorsam und bemüht, nicht träge zu sein. Nicht der Mangel an Reichtum zwingt ihn zu dienen, sondern seine innewohnende Tugend, das Lob und der Beifall der Leute. Er dient, weil er herrschen will; er dient, damit er dadurch an Ansehen zunimmt.“34

Quellen

  1. Zit. nach Ursula Nothelle-Wildfeuer: „Gemeinwohl“, in: Winfried Becker et al. (Hrsg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn 2002, S. 546 f.
  2. Gaudium et spes 74.
  3. Gaudium et spes 26.
  4. Caritas in veritate 7.
  5. Josef Pieper: „Philosophie und Gemeinwohl“, in: Ders.: Erkenntnis und Freiheit, München 1964, S. 114-121, hier: S. 115.
  6. Joseph Kardinal Höffner: Christliche Gesellschaftslehre. Studienausgabe, 4. Aufl., Kevelaer 1983, S. 45 ff.
  7. „Two powerhouse cardinals answer questions on Muslim migration, patriotism, contraception“, lifesitenews.com, 17.05.2019.
  8. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10 f.
  9. KKK 1925.
  10. Shalom Salomon Wald: Rise and Decline of Civilizations: Lessons for the Jewish People, Jerusalem 2014, S. 374 ff.
  11. Amitai Etzioni: Reclaiming patriotism, Charlottesville 2019, S. 73.
  12. W. David Clinton: „The National Interest: Normative Foundations“, The Review of Politics, Vol. 48, No. 4 (Autumn, 1986), S. 495-519, hier: S. 497.
  13. Joseph Frankel: Nationales Interesse, München 1971, S. 15.
  14. W. David Clinton: „The National Interest: Normative Foundations“, The Review of Politics, Vol. 48, No. 4 (Autumn, 1986), S. 495-519, hier: S. 500.
  15. Hanns W. Maull: „Nationale Interessen! Aber was sind sie?“, Internationale Politik, Oktober 2006, S. 64.
  16. Roman Herzog: „Die Globalisierung der deutschen Außenpolitik ist unvermeidlich“, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Bulletin Nr. 20, 15.03.1995, S. 161–165, hier: S. 164.
  17. Hans J. Morgenthau: Politics among Nations: The Struggle for Power and Peace, New York 1948.
  18. Max Weber: „Politik als Beruf“, in: Ders.: Gesammelte Politische Schriften, 5. Aufl., Tübingen 1988, S. 505-560.
  19. Grunwald/Kopfmüller 2006, S. 37.
  20. Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, München 2010, S. 14.
  21. Gaudium et spes 74.
  22. Scruton 2019, S. 42.
  23. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 269.
  24. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 278.
  25. Augustinus: Die Gottesbürgerschaft, Frankfurt am Main 1961, S. 281.
  26. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10.
  27. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 31.
  28. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 14 f.
  29. Aristoteles 2006, S. 270.
  30. Aristoteles 2006, S. 272.
  31. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, 9. Aufl. München 2009, S. 385.
  32. Ebd., S. 406.
  33. Zit. nach Ebd., S. 407.
  34. Ebd., S. 407.