Inhalt

Christliche Weltanschauung nimmt den Menschen als Träger eines von ihm intakt weiterzugebenden Erbes wahr und ist daher auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Sie betrachtet den Menschen außerdem als den Hüter und Bewahrer sowohl der natürlichen Umwelt als auch der kulturellen Lebensgrundlagen des Gemeinwesens. Christliche Weltanschauung geht somit von einem ganzheitlichen Ökologieverständnis aus, das den umfassenden Schutz aller Lebensgrundlagen von Mensch und Gemeinwesen anstrebt. Diese Weltanschauung kann einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung der existenziellen Herausforderungen leisten, denen nicht nur westliche Gesellschaften gegenüberstehen.

Das Renovatio-Institut hat zu diesem Thema eine Publikation erstellt, die die besonderen Impulse vorstellt, welche die christliche Soziallehre und die abendländische Tradition des Denkens dazu beizutragen haben. Sie kann hier abgerufen werden:

Ganzheitliche Ökologie und Nachhaltigkeit: Prinzipien christlicher Weltanschauung (Renovatio-Impulse Nr. 1/Stand: Juli 2020)

Der Inhalt der Publikation wird auch nachstehend wiedergegeben.

1. Einführung

Die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit sind für den langfristigen Bestand eines Gemeinwesens von fundamentaler Bedeutung. Der Geograph Jared Diamond zeigte am Beispiel einer Reihe untergegangener Kulturen, dass die Übernutzung von Ressourcen oder eine rasche Veränderung von Umweltbedingungen, die die Anpassungsfähigkeit dieser Kulturen überforderte, entscheidend zu deren Zusammenbruch beitrug.1

In der öffentlichen Diskussion in westlichen Gesellschaften spielen diese Themen eine immer größere Rolle. Dahinter steht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass diese Gesellschaften in immer stärkerem Maße von ihrer Substanz leben und dabei materielle und andere Bestände verbrauchen, die sie nicht mehr in ausreichendem Umfang erhalten und erneuern können.

Auch wenn die öffentliche Debatte zu Nachhaltigkeitsfragen sich derzeit weitgehend auf einzelne Aspekte des Themas beschränkt und somit nur einen kleinen Ausschnitt der Nachhaltigkeitsdefizite westlicher Gesellschaften anspricht, so kann diese Debatte doch den Beginn der notwendigen Auseinandersetzung mit den existenziellen Herausforderungen darstellen, denen diese Gesellschaften gegenüberstehen.

Aus der Perspektive der christlichen Soziallehre begrüßte Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) diese Debatte grundsätzlich, weil das Streben nach Nachhaltigkeit bzw. nach der Dauerhaftigkeit des Gemeinwesens und nach dem schonenden Umgang mit den materiellen, geistigen und kulturellen Beständen, auf denen es beruht, ein grundlegender Bestandteil des Strebens nach dem Gemeinwohl ist, das die christliche Soziallehre als den zentralen Auftrag politischen Handelns betrachtet. In der Umweltdebatte sah Ratzinger Ansätze für ein „neues Bewußtsein […] der Verantwortung für die Menschheit im Ganzen, der Verantwortung für die Schöpfung“.2

Ziele dieser Publikation

Die vorliegende Publikation soll einen Beitrag zur Ökologie- und Nachhaltigkeitsdebatte leisten und dabei die besonderen Impulse vorstellen, welche die christliche Soziallehre und die abendländische Tradition des Denkens zu dieser Debatte beizutragen haben. Dabei geht es vor allem darum, den Leser aus der Perspektive dieser Ansätze in die grundsätzlichen Aspekte des Themas einzuführen.

Laut dem Historiker Peter Hersche mangelt es in Deutschland seit langem an Akteuren, die sich auf die christlich-konservative Tradition ökologischen Denkens beziehen. Aus dieser seit langem in den Hintergrund geratenen Tradition sei jenes Denken ursprünglich entstanden, das bereits vor rund 200 Jahren die ökologischen Herausforderungen erkannt habe, die heute in besonderem Maße sichtbar werden.3

Roger Scruton hielt es in diesem Zusammenhang für erschütternd, dass gerade konservative Parteien die „Sache des Umweltschutzes […] nicht als ihre eigene erkannt haben.“ Ein Grund dafür sei, „dass das Denken der Konservativen durch die Ideologie der Konzerne […] und durch den Aufstieg des ökonomischen Denkens bei modernen Politikern vergiftet wurde.“ Dies habe Konservative dazu veranlasst, „Bündnisse mit Leuten einzugehen, die meinen, die Bemühungen Dinge zu erhalten, seien nutzlos und altmodisch.“4 Umweltfragen würden heute „an die erste Stelle von jedermanns Agenda“ gehören.5

Durch die Betonung des ganzheitlichen Ökologieverständnisses der christlichen Soziallehre soll die vorliegende Publikation außerdem der Verengung der Debatte auf Einzelthemen, etwa den Klimaschutz, durch Weitung der Perspektive entgegenwirken. Papst Franziskus kritisierte in diesem Zusammenhang Strömungen im Umweltaktivismus, welche „die Unversehrtheit der Umwelt verteidigen“, aber „dieselben Prinzipien nicht für das menschliche Leben anwenden.6

Kulturelle Resilienz, Ökologie und Nachhaltigkeit

Die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit sind eng mit kultureller Resilienz und somit mit dem Schwerpunkt der Arbeit des Renovatio-Instituts verbunden:

  • Kulturelle Resilienz ist die Fähigkeit einer Kultur sowie eines auf einer bestimmten Kultur beruhenden Gemeinwesens, die existenziellen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, zu bewältigen.
  • Ökologie ist im ganzheitlichen Verständnis der christlichen Soziallehre ein Denkansatz, der den umfassenden Schutz der Lebensgrundlagen des Menschen anstrebt. Diese Lebensgrundlagen sind nicht nur natürlicher, sondern auch kultureller Art.

Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit eines Gemeinwesens zu langfristiger Kontinuität, die durch den schonenden Umgang mit den Beständen bzw. Ressourcen sichergestellt werden soll, von denen seine Existenz abhängt und auf denen sie beruht.

2. Ganzheitliche Ökologie: Der umfassende Schutz menschlicher Lebensgrundlagen

Die christliche Soziallehre beinhaltet ein ganzheitliches Ökologieverständnis. Sie betrachtet den Menschen aufgrund seiner Sonderrolle in der Natur als Hüter der Schöpfung und als Träger eines Erbes, das er intakt an nachfolgende Generationen weiterzugeben hat. Aus dem Gebot der Nächstenliebe ergibt sich für Christen ein Auftrag zum Schutz sämtlicher Lebensgrundlagen eines Gemeinwesens. Zu diesen Lebensgrundlagen gehören sowohl die natürliche Umwelt als auch Institutionen wie Familie und Nation, die Bindungen, die das Gemeinwesen zusammenhalten, und sein geistiges und kulturelles Erbe.

2.1. Die Würde und der Auftrag des Menschen

Der Mensch verfügt über eine besondere Würde, die ihn über alle anderen Lebewesen erhebt. Daraus folgt, dass der Schutz des Menschen Vorrang vor dem Schutz aller anderen Lebewesen haben muss. Daraus folgt jedoch auch, dass der Mensch über einen Auftrag als Hüter der Schöpfung verfügt.

2.1.1 Die besondere Würde und Schutzwürdigkeit des Menschen

Der Mensch steht aufgrund seiner Personalität, also aufgrund der Eigenschaften, die ihn zum Ebenbild Gottes machen und ihm seine besondere Würde verleihen, in der Rangordnung des Kosmos über der Pflanzen- und Tierwelt. Laut Thomas von Aquin ist der Mensch das Ziel der gesamten Schöpfung.7 Er ist daher vor allem anderen Leben schutzwürdig.

Die Würde des Menschen ist eines der zentralen Elemente christlicher Weltanschauung. In der traditionellen Liturgie der katholischen Kirche ist ein vermutlich im 5. Jahrhundert formuliertes Gebet enthalten, welches betont, dass „Gott […] die Würde dies Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert“ hat. (Sacramentarium Leonianum)

Der Gedanke der unveräußerlichen Würde des Menschen beruht auf der christlichen Vorstellung seiner Gottesebenbildlichkeit8, weshalb er laut der Lehre der katholischen Kirche „zum Herrn über alle irdischen Geschöpfe gesetzt“ ist.9

Laut Thomas von Aquin äußert sich diese Gottesebenbildlichkeit in bestimmten Eigenschaften der menschlichen Seele, nämlich dem freien Willen (zu dem auch die Fähigkeit zu lieben gehört) und im Verstand des Menschen. Diese in der Natur einzigartigen Fähigkeiten befähigen den Menschen zum Guten bzw. dazu, Gott zu erkennen und ihm zu dienen. Außerdem geht christliche Weltanschauung davon aus, dass die Seele des Menschen kein Produkt biologischer Abläufe ist und daher ewig existiert.

Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant (1724–1804) knüpften daran an, beriefen sich jedoch nicht auf die Gottesebenbildlichkeit, sondern bezogen sich auf das „Vermögen zur sittlichen Selbstbestimmung“ des Menschen als Begründung der Menschenwürde. Vor allem im 20. Jahrhundert stellte sich aber heraus, dass eine absolute, universelle und unverfügbare Menschenwürde ohne die Annahme der Gottesebenbildlichkeit nicht plausibel und tragfähig begründet werden kann.

Papst Benedikt XVI. betonte, dass es falsch sei, „die Natur für wichtiger zu halten als die menschliche Person“. Diese „Einstellung verleitet zu neu-heidnischen Haltungen oder einem neuen Pantheismus“.10 Ohne den Gedanken der Menschenwürde kann ökologisches Denken zu einer Verabsolutierung der Natur und in Verbindung damit zur Menschenverachtung führen.

Der jüdische Philosoph Hans Jonas sagte analog dazu, dass der Mensch aufgrund seiner höheren Würde Vorrang vor der Natur habe.11

Rechte Ideologien, die auf der Grundlage der natürlichen Ordnung argumentieren, diese Ordnung bzw. die Rolle des Menschen in ihr und die Würde des Menschen jedoch nicht richtig erkannt haben, tendieren dazu, biologistisch begründete Vorstellungen sozialer Ordnung zu entwickeln und einzelnen Gruppen von Menschen die Menschenwürde abzusprechen.12

Linke Ideologien, die häufig ebenfalls nicht von der Würde des Menschen im christlichen Sinne ausgehen, sind ebenfalls gefährdet, menschenverachtende Vorstellungen im Zusammenhang mit ökologischen Fragen zu entwickeln. Papst Franziskus kritisierte in diesem Zusammenhang Ansätze des Umwelt- und Naturschutzes, welche „die Unversehrtheit der Umwelt verteidigen“, aber „dieselben Prinzipien nicht für das menschliche Leben anwenden.13 Wer bereits daran scheitere, den Wert ungeborenen Lebens zu erkennen und es zu schützen, verfüge nicht über die nötigen weltanschaulichen Voraussetzungen, um auch die natürliche Umwelt schützen und das Verhältnis des Menschen zu ihr angemessen gestalten zu können.14

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, dass sich wesentlich auf den Naturrechtsgedanken und Impulse der christlichen Soziallehre stützt, steht der Gedanke der Menschenwürde aufgrund der Erfahrungen mit dem menschenverachtenden Wirken rechter und linker Ideologien am Anfang des ersten Artikels.

Der Artikel 1 des Chiemseer Entwurfs des Grundgesetzes zitierte den katholischen Philosophen und Europa-Vordenker Richard Graf Coudenhove-Kalergi, der 1937 vor dem Hintergrund des Wirkens totalitärer Ideologie erklärt hatte, dass „der Staat um des Menschen willen da“ ist „und nicht der Men-sch um des Staates willen“.15

Jegliche Änderungen, die das Prinzip der Menschenwürde berühren, werden durch das Grundgesetz im Sinne des Naturrechtsgedankens für unzulässig erklärt.16 Das Bundesverfassungsgericht betonte 2017, dass die Menschenwürde den Ausgangspunkt der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie eines ihrer unverzichtbaren Grundprinzipien darstelle.17 Der Schutz der Menschenwürde erstreckt sich dabei sowohl für das geborene als auch auf das ungeborene Leben.18

Ein wesentliches Merkmal extremer und totalitärer Ideologien ist es, dass sie den Gedanken einer unveräußerlichen Würde des Menschen ablehnen oder diese Würde bestimmten Gruppen von Menschen absprechen wollen. Tragfähige Konzepte zum umfassenden Schutz des Menschen und seiner Lebensgrundlagen konnten auf dieser Grundlage bislang nicht formuliert werden.

2.1.2 Der Mensch als Hüter der Schöpfung

Der Schöpfungsauftrag Gottes an den Menschen beinhaltet die ihm laut dem Buch Genesis übertragenen Aufgaben, die Erde zu bevölkern, über sie zu herrschen und sie zu hüten. Dieser Auftrag sei ein Ordnungs- und Schutzauftrag zur „Abwehr der stets drohenden Chaosmächte“. Der Mensch wird in diesem Zusammenhang als „Mandatar des Schöpfers“ verstanden, der die Schöpfung durch Arbeit weiter entfalten und dabei dem Wohl des Ganzen einschließlich dem Wohl künftiger Generationen dienen solle.19

Aufgrund seiner besonderen Rolle in der Ordnung der Natur hat der Mensch den Auftrag, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen. Gott fordert nach den Worten des Buches Genesis, dass die Menschen walten sollen „über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen.“20

Gott setzte den Menschen außerdem in den Garten Eden, „damit er ihn bebaue und hüte!“21 Laut der Lehre der katholischen Kirche hat „Gott die Erde und ihre Güter der Menschheit zur gemeinsamen Verwaltung anvertraut, damit sie für die Erde sorge, durch ihre Arbeit über sie herrsche und ihre Früchte genieße“.22 Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sagte, dass dieser Herrschaftsauftrag mit Verantwortung verbunden sei. Der Mensch habe den Auftrag, „die Welt als Gottes Schöpfung im Rhythmus und in der Logik der Schöpfung“ zu pflegen.23 Die Natur sei „Ausdruck eines Plans der Liebe und der Wahrheit. Sie geht uns voraus und wird uns von Gott als Lebensraum geschenkt. Sie spricht zu uns vom Schöpfer […] und von seiner Liebe zu den Menschen.“ Sie sei zudem „eine Gabe des Schöpfers, der die ihr innewohnenden Ordnungen gezeichnet hat“ und sie „bebaue und hüte“.24

Papst Johannes Paul II. zufolge sei es der Wille des Schöpfers, dass „daß der Mensch der Natur als ‚Herr‘ und besonnener und weiser ‚Hüter‘ und nicht als ‚Ausbeuter‘ und skrupelloser ‚Zerstörer‘ gegenübertritt“.25

Laut dem Philosophen Rémi Brague geht dieser Auftrag auch aus dem vierten Gebot des Christentums hervor:

„Wir können nur leben und von der Erde Besitz ergreifen (deren Erzeugnisse allein uns ernähren), wenn wir ehren, was vor uns war, die Erde eingeschlossen. Das vierte Gebot lehrt uns nicht nur, unsere Eltern zu ehren, sondern auch Mutter Erde.“26

Da die Natur den organischen Prinzipien des Lebens folgt, kann ihre Bewahrung nicht ihre Konservierung in einem bestimmten Zustand bedeuten. Die „Bewahrung der Schöpfung“ ist die Bewahrung bestimmter wertvoller Eigenschaften der Natur, etwa ihrer Fähigkeit, die für den Menschen lebensnotwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, aber auch ihres ästhetischen und kulturellen Wertes sowie ihres Eigenwertes.

Die Natur kann diesem Denken nicht Eigentum des Menschen sein. Sie ist dem Buch Leviticus nach das Eigentum Gottes, mit dem der Mensch seinem Auftrag gemäß umgehen muss.27Dabei ist der Mensch nicht nur dem Auftrag Gottes, sondern auch der Ordnung der Natur und ihren Gesetzen und Grenzen unterworfen. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann betonte, dass das Christentum die Schöpfungsordnung prinzipiell positiv als „verwirklichte Möglichkeit des göttlichen Geistes“ betrachte.28 Der Mensch muss diese Ordnung respektieren, denn sie ist, einem der Psalmen nach, „immer und ewig“ und durch den Menschen nicht zu übertreten, ohne dass er Schaden nimmt.29

2.1.3 Christliche Nächstenliebe, der Dienst am Gemeinwohl und der Auftrag zur umfassenden Bewahrung von Lebensgrundlagen

Der Begriff der Liebe bzw. der Nächstenliebe wird aufgrund seiner Überlagerung durch moderne Bedeutungen häufig missverstanden und auf positive Gefühlsregungen reduziert. Christliche Nächstenliebe (caritas) ist jedoch kein Gefühl, sondern der Wille zu dienen. Christliche Nächstenliebe beinhaltet den Auftrag, sich in der Nachfolge Christi dienend für das Wohl anderer Menschen und die Bewahrung der Dinge einzusetzen, auf denen das Wohl von Mensch und Gemeinwesen beruht.

Benedikt XVI. beschrieb die Nächstenliebe als eine „außerordentliche Kraft“, die ihren Ursprung in Gott habe, und die den Menschen zu entsprechendem Dienst dränge.30 Johannes Chrysostomos, einer der Kirchenlehrer, sagte, dass Christen dazu berufen seien, „dass wir Sterne seien“ und dienend unter den Menschen leben. Die beste Predigt sei die dienende Tat.

Die Nächstenliebe beinhaltet laut Benedikt XVI. auch eine Pflicht zum Dienst am Gemeinwohl. Jemanden zu lieben bedeute, „sein Wohl im Auge haben und sich wirkungsvoll dafür einsetzen.“ Dazu gehöre auch der Dienst am Gemeinwohl. Sich für das Gemeinwohl einzusetzen „bedeutet, die Gesamtheit der Institutionen, die das soziale Leben rechtlich, zivil, politisch und kulturell strukturieren, einerseits zu schützen und andererseits sich ihrer zu bedienen, so daß auf diese Weise die Polis, die Stadt Gestalt gewinnt.“31

Dem christlichen Philosophen Josef Pieper zufolge ist das Gemeinwohl das Gut, für das eine menschliche Gemeinschaft existiert und „der Inbegriff der Werte, welche ein Gemeinwesen, vor allem das staatliche Gemeinwesen, verwirklichen müßte, wenn von ihm soll gesagt werden können, es habe die in ihm angelegten Möglichkeiten realisiert“.32

Die christliche Soziallehre betont, dass ein Gemeinwesen, das in Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein „verwirklichter Gottesgedanke“ sei und zur „Ehre und Verherrlichung des Schöpfers“ beitrage. Es sei unbedingt schützenswert.33 Der Dienst am Gemeinwohl ist aus christlicher Sicht ein Weg, Christus nachzufolgen, und somit ein Weg zur Heiligkeit.34

Thomas von Aquin zufolge sind das Streben nach Kontinuität sowie die intakte Weitergabe des erhaltenen Erbes wesentliche Aspekte des Dienstes am Gemeinwohl. Beim Regieren komme es für den Regierenden vor allem darauf an, „das, was er zu regieren übernommen hat, heil zu erhalten.“35

Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt kritisierte, dass in Deutschland die Vorstellung vorherrsche, dass das Gemeinwohl nicht gepflegt und bewahrt werden müsse, weil es eine Selbstverständlichkeit darstelle. Dabei werde übersehen, dass die Herausbildung gemeinwohlfähiger staatlicher Ordnungen in Europa lange Zeiträume in Anspruch genommen habe. Das Gemeinwohl und seine Grundlagen stellten eine Errungenschaft dar, die auch wieder verloren gehen könne.36

2.2 Das ganzheitliche Ökologieverständnis der christlichen Soziallehre

Als Naturwissenschaft ist die Ökologie ein Teilbereich der Biologie, der die Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt untersucht. Die ganzheitliche Ökologie der christlichen Soziallehre ist hingegen ein Denkansatz, der die Lebensgrundlagen von Mensch und Gemeinwesen in einem umfassenden Sinn verstehen will, ihre Bewahrung anstrebt und Wechselwirkungen zwischen Mensch, Natur und Gesellschaft analysiert, um die Voraussetzungen gelingenden gesellschaftlichen Lebens zu verstehen.37 Dieser Ansatz beruht auf der Anerkennung der Tatsache, dass gelingendes individuelles und gemeinschaftliches Leben von einer Vielzahl von Voraussetzungen abhängig sind, die bewahrt werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Diese Lebensgrundlagen sind nicht nur natürlicher, sondern auch kultureller und geistiger Art. Papst Benedikt XVI. sprach diesbezüglich von einer „Ökologie des Menschen“.38 Die kulturellen und geistigen Lebensgrundlagen des Menschen müssten genauso geachtet und vor Verletzungen geschützt werden wie die natürliche Umwelt.39 Es gebe eine Tendenz moderner Ideologien dazu, die Natur des Menschen zu leugnen, etwa die geschlechtliche Identität des Menschen als Mann und Frau. Der Überschreitung der Grenzen der Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt und der Leugnung der Grenzen der Natur des Menschen liege der gleiche ideologische Impuls zugrunde.

Papst Franziskus sprach von einer „ganzheitlichen Ökologie“ bzw. von einer „Sozialökologie“ und einer „Humanökologie“, die über den Schutz der natürlichen Umwelt hinausgehe. Der Ökologiebegriff der christlichen Soziallehre umfasse auch die Suche nach einer Gesellschaftsordnung, die nachhaltig mit ihren natürlichen und kulturellen Lebensgrundlagen umgehe sowie das Nachdenken darüber, „was die Lebens- oder Überlebensbedingungen einer Gesellschaft sind“.40

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der für seine naturkundliche Forschung einen Nobelpreis erhielt, hatte einen ähnlichen ganzheitlichen Ökologiebegriff beschrieben, der auf die Erhaltung aller Lebensgrundlagen des Menschen ausgerichtet ist. Lorenz zufolge sind Umweltvernichtung und kulturelle Dekadenz Teil des gleichen Problemkomplexes.41 Dekadenz sei die Folge einer „Störung der Systemganzheit“, die unter anderem durch Traditionsabbrüche ausgelöst werde.42 Auch der jüdische Philosoph Hans Jonas beschrieb einen umfassenden, verantwortungsethisch fundierten Ökologiebegriff, der nach der „Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ strebt.43

2.2.1 Der Dienst am Gemeinwohl umfasst den Schutz aller Lebensgrundlagen des Menschen

Der christliche Auftrag zum Dienst am Gemeinwohl umfasst alle Grundlagen des Gemeinwohls im Sinne des ganzheitlichen Ökologiebegriffs. Der Schutz des Gemeinwohls umfasst laut christlicher Soziallehre daher auch den Schutz der geistigen und materiellen Grundlagen, auf denen es beruht.44 Gemäß der Lehre der katholischen Kirche verbinde eine nachhaltige Entwicklung in christlichem Sinne „die Weisheit der Vorfahren mit den heutigen technischen Kenntnissen […], wobei immer ein nachhaltiger Umgang mit dem Gebiet zu gewährleisten ist, der zugleich den Lebensstil und die Wertesysteme der Bewohner bewahrt“.45

Laut Romano Guardini beinhaltet der Dienst des Christen, dass er sich „für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.“ Laut Papst Johannes Paul II. bezeichnete es als „Aufgabe des Staates, für die Verteidigung und den Schutz jener gemeinsamen Güter, wie die natürliche und die menschliche Umwelt, zu sorgen […] die unter anderem den Rahmen bilden, in dem allein es jedem einzelnen möglich ist, seine persönlichen Ziele auf gerechte Weise zu verwirklichen.“46

Die Kirche habe laut Papst Benedikt XVI. „eine Verantwortung für die Schöpfung und muß diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen.“ Wenn sie dies tue, dann müsse „sie nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen“, sondern „vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen.“ Dies sei das Ziel der „Ökologie des Menschen“, die das „gesunde Zusammenleben in der Gesellschaft wie das gute Verhältnis zur Natur betrifft“. Es sei ein „Widerspruch, von den neuen Generationen die Achtung der natürlichen Umwelt zu verlangen, wenn Erziehung und Gesetze ihnen nicht helfen, sich selbst zu achten.“ Pflichten „gegenüber der Umwelt verbinden sich mit den Pflichten, die wir gegenüber dem Menschen an sich und in Beziehung zu den anderen haben.“47

Papst Benedikt XVI. sprach außerdem von den „Verpflichtungen […] die aus der Beziehung des Menschen zur natürlichen Umwelt entstehen“. Der Umgang mit ihr stelle „für uns eine Verantwortung gegenüber den Armen, den künftigen Generationen und der ganzen Menschheit dar“. Dieser Umgang sei im Sinne der „Solidarität und Gerechtigkeit zwischen den Generationen“ zu gestalten. Die Natur sei „Gabe des Schöpfers“ und der Auftrag des Menschen sei es, dass er sie „bebaue und hüte“, wie es im Buch Genesis heißt. Es widerspreche dabei christlicher Weltanschauung, „die Natur für wichtiger zu halten als die menschliche Person“.48

Papst Franziskus rief Christen daher dazu auf den Krisen der Gegenwart entgegenzutreten und die globale Entwicklung in eine andere Richtung zu steuern. Die Welt stehe einer „umfassenden anthropologischen und sozio-ökologischen Krise“ gegenüber, die damit verbunden sei, dass zunehmend „Symptome eines Bruchs“ zu beobachten seien. Um dem zu begegnen, sei die Schaffung einer Kultur erforderlich, „die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten.“ Außerdem sei es notwendig, eine Führerschaft heranzubilden, die diesbezüglich Wege aufzeige.49

Franziskus betonte außerdem die Bedeutung der „Vielfalt von Vereinigungen“ außerhalb der Politik, die sich „für das Gemeinwohl einsetzen“, indem sie „etwas, das allen gehört, zu schützen, zu sanieren, zu verbessern oder zu verschönern“ unternehmen und dadurch Bindungen sowie „örtliches soziales Gewebe“ stärken oder schaffen und zur „Bildung einer gemeinsamen Identität“ beitragen, „einer Geschichte, die bleibt und weitergegeben wird.“50

Roger Scruton beschriebt das Streben nach „Haushalten mit unseren Ressourcen“ als ein Prinzip des Konservatismus, der auf dem christlichen Welt- und Menschenbild aufbaut. Zu diesen Ressourcen gehöre nicht nur die natürliche Umwelt, sondern auch die sozialen und kulturellen Bestände von Gesellschaften.51

2.2.2 Die Bewahrung von Familie, Kultur und Nation als Forderungen ganzheitlicher Ökologie

Christentums betrachtet neben den natürlichen Lebensgrundlagen auch Familie, Kultur und Nation als schützenswert.

Die Bewahrung der Familie

Laut der Lehre der katholischen Kirche strebt ganzheitliche Ökologie im Sinne der christlichen Soziallehre auch die Bewahrung der kulturellen Institutionen an, von denen das Überleben eines Gemeinwesens abhängt, „angefangen von der elementaren sozialen Zelle der Familie“.52 Zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Erbe, der „die Ressourcen für die nachfolgenden Generationen bewahrt“, gehöre auch der Schutz kultureller Ressourcen wie der Wertschätzung der Familie oder des Sinns für Solidarität, wie Papst Franziskus unterstrich.53 Da die Familie der Ort der Weitergabe des Lebens ist, ist sie ein Garant der Nachhaltigkeit. Dies gilt auch für die christliche Sexualethik, die die Weitergabe des Lebens betont.

Die Bewahrung der Kultur

Die Lehre der katholischen Kirche bejaht die Bewahrung der Völker und Kulturen, die den Menschen Laut Papst Franziskus „Identität und Sinn“ gäben.54 Die „menschliche Vielfalt“ der Völker und Kulturen und ihre kulturelle Identitäten stellten einen „einzigartigen Reichtum“ dar. Dieser müsse ebenso erhalten werden wie die natürliche Umwelt.55 Es sei diese kulturelle „Vielfalt, die unsere Menschheit schön macht“.56 Ihre Träger glichen den „Hütern eines Schatzes“.57

Die „konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird“, bedrohe Franziskus zufolge auch die kulturellen Lebensgrundlagen und führe dazu, „die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.58 Neben dem natürlichen Erbe werde durch das Wirken dieser Ideologie auch das historische und kulturelle Erbe bedroht, das „Grundlage für den Aufbau funktionierender Gemeinwesen“ sei. Ganzheitliche Ökologie erfordere es, dass im Wandel die „ursprüngliche Identität bewahrt bleibt“ und setze „die Pflege der kulturellen Reichtümer der Menschheit im weitesten Sinn voraus.“59 Auch der Schutz ästhetischer Werte bzw. die Erhaltung des Schönen in der Welt sei eine Forderung ganzheitlicher Ökologie.60

Papst Johannes Paul II. betonte ebenfalls die Bedeutung der Kultur für das Gemeinwohl. Sie stelle das Wesen eines Gemeinwesens dar und müsse unbedingt geschützt werden.61 Josef Pieper sprach in diesem Zusammenhang von den „unsichtbaren Fundamenten“, derer es in schwierigen Zeiten bedarf, etwa während der Herrschaft totalitärer Regierungen, „damit das Leben eines Volkes gesund oder doch der Gesundung fähig bleibt“.62

Ein Gemeinwesen kann nur dann Kontinuität erlangen, wenn diejenigen, die es regieren, über viele Generationen hinweg im Sinne des Gemeinwohls zu handeln in der Lage sind. Dies setzt laut Scruton voran, dass sie sich diesem Gemeinwesen kulturell verbunden fühlen.63 Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde betonte, dass der säkularisierte Staat „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“ Migration und ihre potenziell ungünstigen kulturellen Auswirkungen könnten dazu führen, dass „der kulturelle Sockel“, auf dem ein Staat beruht, „sich zunehmend parzelliert, aushöhlt und seine verbindende Kraft einbüßt“.64

Ein „Abreißen der Tradition“ zählte Konrad Lorenz zu den Herausforderungen, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“. Dies könne dazu führen, dass die europäische Kultur „ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“. Lorenz zufolge liege „kumulierende Tradition“ aller Kulturentwicklung zugrunde. Die dabei geschaffene kulturelle Substanz sei für das Überleben eines Gemeinwesens von höchster Bedeutung. Eine „größte Konservativität im Festhalten am Bewährten und Erprobten“ gehöre daher „zu den lebensnotwendigen Eigenschaften“ eines Gemeinwesens.65

Auch Hans Jonas erklärte, dass nicht nur die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen bewahrt werden müssten, damit der Mensch eine Zukunft haben könne. Der Verfall des geistig-kulturellen Erbes würde den „Erben mit degradieren“. Die „Hütung des Erbes“ im Sinne der „Behütung vor Degradation“ sei daher eine „Sache jedes Augenblicks“. Bei dieser Aufgabe nicht nachzulassen sei „die beste Garantie der Dauer“ und das „Gedeihen des Menschen in unverkümmerter Menschlichkeit“.66

Die Bewahrung der Nation

Die christliche Soziallehre betrachtet darüber hinaus auch die Nation (als Fortsetzung der Familie) als eine schutzwürdige kulturelle Institution, wie Johannes Paul II. betonte.67 Die in ihr vorhandenen Bindungen müssen gepflegt und bewahrt bleiben, damit ein solidarisch nach dem Gemeinwohl strebendes Gemeinwesen möglich ist. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) bezeichnete „das Erhalten und das Verteidigen des Bestehenden als die große Aufgabe politischen Handelns“. Im antiken Rom sei mit dem Begriff des „Conservator mundi“ der „höchste Dienst umschrieben“ worden, „der in der Menschheit zu leisten war“, nämlich die Ordnung des Reiches gegenüber allen Bedrohungen von innen und außen zu erhalten, weil dieses Reich ein Raum war, in dem Menschen in Sicherheit und Würde leben konnten. Christen hätten dies immer zu schätzen gewusst.68

2.2.3 Das organische Gesellschaftsbild der christlichen Soziallehre

Die christliche Soziallehre beruht auf einem organischen Gesellschaftsverständnis. Ein Gemeinwesen stellt aus ihrer Sicht eine Einheit von Individuen und Gemeinschaft dar und gleicht einem biologischen Organismus, in dem das Ganze mehr darstellt als die Summe seiner Bestandteile. Dem Ganzen wohne ein Geist inne, der durch Zergliederung des Ganzen nicht verstanden werden kann.69

Eine soziale Ordnung und ihre Institutionen können demnach nicht oder allenfalls nur bedingt als rationale Entwürfe durch den Menschen geplant und geschaffen werden. Dieser Gedanke steht dem Machbarkeitsgedanken der Moderne diametral entgegen. Am Beispiel von Nationen oder der Kirche wird am deutlichsten sichtbar, dass Ordnungen und Institutionen nach organischen Prinzipien wachsen.

Konrad Lorenz sah im Sinne dieses organischen Verständnisses in den Abläufen des Lebens bzw. der Evolution ein konservatives organisches Prinzip wirken. Das Leben entwickele sich über lange Zeiträume, wobei nur das Bewährte weitergegeben werde. Dadurch habe das Leben Traditionsbestände geschaffen, in denen mehr Informationen über die Wirklichkeit gespeichert seien, als sie der Mensch ohne Rückgriff auf diese Bestände mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln erlangen könne.70

Dem Historiker Rolf Peter Sieferle zufolge habe dieses organische Verständnis der Gesellschaft im 19. Jahrhundert eine wesentliche geistige Grundlage für das Entstehen der Umweltbewegung dargestellt. Die christlich beeinflussten konservativen Strömungen dieser Zeit hätten sich damals gegen das Denken der Aufklärung und dessen mechanisches Welt- und Menschenbild gestellt. Dieses habe Gesellschaften mit mechanischen Analogien zu verstehen versucht und sie, so wie die Natur, für vollständig durch den Menschen kontrollierbar gehalten. Außerdem sei die Aufklärung für die immer weiterreichende Ausbeutung der Natur für den Menschen eingetreten.71

Laut Scruton ist Leben gleichbedeutend mit dem Kampf gegen die Entropie, die alle natürlichen Dinge mit der Zeit auflösen. Der Konservatismus sei in diesem Sinne eine „Politik des Aufschubs, dessen Zweck darin liegt, Gesundheit und Leben eines sozialen Organismus solange als möglich zu gewährleisten.“ Es gehe ihm „darum, den Kräften der Entropie, die unser soziales und ökologisches Gleichgewicht bedrohen, wachsamen Widerstand entgegenzusetzen. Ziel muss sein, künftigen Generationen jene Ordnung weiterzugeben, deren zeitweilige Treuhänder wir sind, und diese in der Zwischenzeit aufrechtzuerhalten und zu verbessern.“72

2.3 Ganzheitliche Ökologie, Solidarität und Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Der Schutz der Lebensgrundlagen des Menschen ist auch eine Forderung des Solidaritätsprinzips der christlichen Soziallehre. Dieses Prinzip ist Ausdruck der natürlichen Pflichten des Menschen, in diesem Fall seiner Pflichten gegenüber nachfolgenden Generationen, aber auch seinen Pflichten gegenüber Gott bzw. der Pflicht zur Erfüllung des von ihm erteilten Auftrags, die Welt zu hüten und zu bewahren.

Die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und die gegenseitige Abhängigkeit der Geschöpfe untereinander werden von christlichem Denken als gottgewollt wahrgenommen, weil in ihnen ein tieferer Sinn enthalten ist. Sie ist laut der Lehre der katholischen Kirche Teil einer kosmischen Ordnung, die auf dem Dienst am Nächsten beruht. Die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen und ihre „unzähligen Verschiedenheiten und Ungleichheiten“ seien von Gott gewollt. Im Dienst aneinander sollten sie sich gegenseitig ergänzen.73

Der Mensch, der diese Pflichten erfüllt, handelt gerecht. Russell Kirk zufolge ist der Gerechte ein entschlossener Verteidiger der Dinge, die ihm überantwortet sind. Gerechte Frauen und Männer seien Voraussetzung dafür, dass der Egoismus der Menschen eine Kultur nicht zerstört.74

2.3.1 Der Mensch als Teil einer Generationenkette

Christliche Weltanschauung nimmt den Menschen als Teil einer Generationenkette wahr. Sie blickt über den Horizont der gegenwärtig lebenden Generationen hinaus und ist grundsätzlich langfristig angelegt. Auf dieser Grundlage konnte das Christentum seine großen Werke schaffen, die zu errichten oft die Arbeit vieler Generationen erforderte. Kathedralen sind ein architektonischer Ausdruck des generationenübergreifenden Denkens des Christentums. Ihre Errichtung erstreckte sich häufig über Jahrhunderte bzw. über mehrere Generationen.

2.3.2 Nachhaltigkeit und generationenübergreifende Solidarität

Nachhaltigkeit ist Ausdruck einer Solidarität, die sich über die Generationenkette hinweg erstreckt, wie katholische und evangelische Kirche 1997 in einer gemeinsamen Erklärung betonten. Solidarität beziehe sich „nicht nur auf die gegenwärtige Generation; sie schließt die Verantwortung für die kommenden Generationen ein.“ Die gegenwärtige Generation dürfe „nicht auf Kosten der Kinder und Kindeskinder wirtschaften, die Ressourcen verbrauchen, die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft aushöhlen, Schulden machen und die Umwelt belasten.“ Auch die künftigen Generationen hätten „das Recht, in einer intakten Umwelt zu leben und deren Ressourcen in Anspruch zu nehmen.“75

Eine „ganzheitliche menschliche Entwicklung“ beruht laut Benedikt XVI. auf „Solidarität und Gerechtigkeit zwischen den Generationen“.76 Es stelle eine „sehr ernste Verpflichtung“ dar, „die Erde den neuen Generationen in einem Zustand zu übergeben, so daß auch sie würdig auf ihr leben und sie weiter kultivieren können.“77

Papst Franziskus schrieb über generationenübergreifende Solidarität, dass der Begriff des Gemeinwohls „auch die zukünftigen Generationen mit ein“ beziehe. Ohne „eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede“ sein. Die natürliche Umwelt stelle ein Erbe dar, das intakt übergeben werden müsse.78

Laut Papst Paul VI. seien wir „Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger“ und daher allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller, die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteile mit sich, sondern auch Pflichten.“79

Papst Franziskus rief Christen 2018 zu einem generationenübergreifenden Dienstethos im Geist „der Erbauer der mittelalterlichen Kathedralen in ganz Europa“ auf: „Diese gewaltigen Bauten erzählen, wie wichtig die Teilnahme eines jeden an einem Werk ist, dass die Grenzen der Zeit überdauert. Der Baumeister an einer Kathedrale wusste, dass er die Vollendung seines Werkes nicht erleben würde. Trotzdem hat er kräftig mitgeholfen, denn er verstand sich als Teil eines Projektes, das seinen Kindern zu Gute kommen sollte und die es dann ihrerseits für ihre Kinder verschönern und erweitert würden. Jeder Mann und jede Frau dieser Erde – und besonders wer Regierungsverantwortung trägt – soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen und so ein Zeichen der Hoffnung für unsere zerrissene Welt sein.“80

Dem Historiker Ernest Renan zufolge sei eine Nation eine übergenerationelle Solidargemeinschaft der Gewesenen, der Lebenden und der Künftigen.81 Edmund Burke schrieb über generationenübergreifende Solidarität, dass die Ziele eines Gemeinwesens „nicht in einer Generation zu erreichen sind“. Ein Gemeinwesen könne daher nur als „Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen“, funktionieren. Der primäre Sinn einer Gesellschaft sei nicht die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern die Schaffung einer Verbindung zwischen früheren und künftigen Generationen und die Sicherstellung der Kontinuität des Erbes. Dieses sei ein von jeder Generation zu pflegendes und an die nächste Generation zu übergebendes wertvolles Gut.82

Roger Scruton betonte, dass der auf diesen Gedanken beruhende Konservatismus eine „Philosophie des Bewahrens“ sei, der es nicht nur um die Konservierung der Vergangenheit gehe, weil sie vor allem auch künftige Generationen und deren Wohl im Blick habe.83

2.3.3 Die Ehrung der Vorfahren in der abendländischen Tradition

Die Ehrung der eigenen Vorfahren, auf der generationenübergreifende Solidarität beruht, ist eine Forderung des Vierten Gebots des Christentums und des Judentums. Alle Hochkulturen der Menschheit haben in ihrer Tradition diese naturrechtliche Forderung anerkannt, weil sie den Menschen gleichermaßen als Träger eines Erbes betrachten, das er weiterzugeben habe. Ahnenkulte gehören zu den ältesten Formen religiöser Praxis und spielten eine wichtige Rolle für die Identität und Kontinuität früher Gemeinschaften von Menschen.84

Roger Scruton schrieb über die Dankbarkeit gegenüber den eigenen Ahnen im abendländischen Erbe, dass sie uns Menschen lehre, „Raum zu schaffen in unserem Herzen für unsere Nachfolger, deren Zuneigung wir verdienen möchten“. Menschen lernten dadurch auch, ihre eigenen Interessen zugunsten denen nachfolgender Generationen zurückzustellen, und dass sie das Gute, dass sie ererbt haben, „nicht besitzen, um es zu verbrauchen, sondern um es klug zu nutzen und dann weiterzugeben“.85

Der atheistische Evolutionsbiologe Richard Dawkins versuchte, eine naturalistische Begründung für die Ehrung der eigenen Ahnen zu formulieren, die ebenfalls die Bedeutung des Erbes betont. Er verwies darauf, dass der Mensch über eine lange Ahnenreihe an Lebewesen verfüge, die sich über hunderte von Millionen Jahren in jeder Generation habe bewähren müssen. Der Mensch könne stolz auf die „Elite der Vorfahren“ sein. Vom Beginn des Lebens an habe sich jeder seiner Vorfahren gegen die Herausforderungen, denen er gegenüberstand, hinreichend erfolgreich durchgesetzt, egal ob es Feinde, Krankheiten oder die Gefahren der Natur waren.86

2.3.4 Der Mensch als Träger eines Erbes

Der Philosoph Edmund Burke (1729–1797) betonte, dass der traditionelle, auf christlicher Weltanschauung beruhende Konservatismus im Sinne des oben beschriebenen Welt- und Menschenbilds das anvertraute Land als Erbe betrachte, das Menschen von ihren Vorfahren erhalten und intakt an kommende Generationen zu übergeben hätten, weil sie innerhalb der Kette der Generationen Pflichten sowohl gegenüber Vorfahren als auch gegenüber Nachkommen hätten.87

Der Mensch stehe laut Hans Jonas gegenüber künftigen Generationen in einem Verantwortungsverhältnis und nicht in einem liberalen Vertragsverhältnis.88 Scruton zufolge sehe die abendländische Tradition den Menschen als „kollektiven Erben von großartigen und seltenen Gütern“. Sein Ziel müsse es sein, „an diesen Gütern festzuhalten, um sie an unsere Kinder zu übergeben“. Ein intaktes Verhältnis der Generationen untereinander könne nicht auf Vertragsdenken beruhen, sondern sich nur auf dienende Liebe stützen, die den Menschen „als einen Teil der fortlaufenden Kette von Geben und Entgegennehmen“ sehe, dem es nicht zustehe, dass Gute, dass er erbe, zu verderben.89

Der Althistoriker Egon Flaig führte kulturelle Nachhaltigkeitsdefizite in europäischen Gesellschaften auf den Verlust der „kulturellen Dankbarkeit“ gegenüber den eigenen Vorfahren zurück. Moderne und postmoderne Ideologien hätten mit der abendländischen Tradition gebrochen und würden den Menschen darauf reduzieren, „ökonomisch motivierte Wesen ohne kulturelle Imprägnierung“ zu sein. Kulturelle Substanz werde über viele Generationen hinweg aufgebaut. Ihre Weitergabe und Weiterentwicklung von Generation zu Generation setze Dankbarkeit gegenüber den eigenen Vorfahren voraus. Wo diese fehle, breche das Erbe eines Gemeinwesens ab.90

Ähnlich wie Flaig sieht Rüdiger Safranski in westlichen Gesellschaften zunehmend einen Menschentypus vertreten, der nicht Träger eines Erbes sein wolle, sondern nur ein Konsument. Es entstehe „eine Gesellschaft von Endverbrauchern, die, aus der Generationenkette gelöst, nur noch für sich selbst sorgen“.91

Kardinal Robert Sarah sagte im September 2019, dass die geistig-kulturelle Krise der westlichen Welt auch eine Folge der Weigerung von Menschen sei, sich als Träger eines Erbes zu verstehen. Der moderne Mensch lehne die Vorstellung ab, eine begrenzte und abhängige Kreatur zu sein, die von einem Vater abstamme, in eine Familie hineingeboren sei und von einem Erbe bzw. von einer Überlieferung lebe. Wer es ablehne, der Nachkomme seiner Vorfahren und der Sohn seines Vaters zu sein, habe auch eine Neigung, Gott abzulehnen.92

2.3.5 Oikophilia: Die Liebe zum Eigenen als Voraussetzung der Bindung an Natur und Umwelt

Roger Scruton schuf den Begriff der Oikophilia (griechisch für „die Liebe zum Heim“) zur Beschreibung des konservativen Konzepts der Liebe zum Eigenen bzw. zur eigenen Heimat und der Dinge, die sie ausmachen, etwa ihre Menschen, ihre Kultur und ihre Natur. Konservative seien von der Überzeugung geprägt, „dass das Wichtigste, was Lebende tun können“, es sei, „sich niederzulassen, ein Heim für sich zu schaffen und dieses Heim an ihre Kinder weiterzugeben.“93

Der „Oikos“ sei ein „Ort des Sinns“, an dem es ein „Wir“ gibt und nicht nur eine Ansammlung von Individuen. Solche Orte seien Inseln der Werte in einem Meer von Preisen. Sie würden Bindungskraft entwickeln und den Willen stärken, sich für sie einzusetzen und Verantwortung für sie zu übernehmen.94 Der Konservatismus sei die „Philosophie der Zugehörigkeit“ und der Bindung an die Dinge, die man liebe und vor Verfall bewahren wolle.95 Er knüpfe an die antike römische Tugend der pietas an, die ein ähnliches Konzept beschreibe.96

Das „Gefühl territorialer Zugehörigkeit“ und Bindung an Gemeinschaft von Menschen habe dazu beigetragen, „ein ererbtes soziales und ökologisches Gleichgewicht zu bewahren“. Der Wunsch, eine bestimmte Umwelt zu schützen und dafür Opfer zu bringen, setze voraus, dass man sich mit dieser identifiziere und eine Bindung an sie empfinde.97 Umwelt- und Naturschutz setzten die Liebe zum Eigenen voraus.98 Diese Liebe gelte utopischen Ideologien als verdächtig.99 Der Auflösungsdruck, der „in einer Welt der ersetzbaren Beziehungen, der allgegenwärtigen Kommerzialisierung, der anschwellenden Migration und der ständigen Erosion unseres sozialen und politischen Erbes“ herrsche, erschwere es, solche Bindungen aufzubauen. In „einer Welt, in der alles und jedes in Bewegung ist“, sei es zunehmend schwierig, einen Ort und eine Heimat zu finden, gegenüber der man Bindungen aufbauen kann.100 Zudem gebe es eine Tendenz zur „oikonomia ohne oikos“, die damit verbunden sei, politische Entscheidungen ausschließlich von wirtschaftlichen Faktoren abhängig zu machen. Beispiele dafür seien nicht nur Entscheidungen auf Kosten der natürlichen Umwelt, sondern auch die Entscheidung, aus wirtschaftlichen Gründen Massenzuwanderung zu fördern, ohne auf deren kulturelle Folgen Rücksicht zu nehmen.101

Auch der Philosoph Martin Drenthen beobachtete, dass Gemeinschaften von Menschen, die über eine enge Bindung an einen bestimmten Ort oder Raum verfügen den sie als Heimat wahrnehmen, eher dazu bereit sind, für diesen Verantwortung zu übernehmen, als Akteure, die nicht über eine solche Bindung verfügen. Durch „durchlebte Erfahrung“ entstehe „eine besondere Beziehung und damit ein Gefühl der Zugehörigkeit zu und der Verbundenheit mit einem bestimmten Ort.“

Bereits Ernst Rudorff, der im späten 19. Jahrhundert einer der Pioniere des Umweltschutzgedankens war, habe die Bedeutung des Heimatgefühls als Quelle der Motivation für den Schutz der natürlichen Umwelt betont. Der Fremde werde laut Drenthen in diesem Denken als potenzieller Gast wahrgenommen, so dass dieses Denken Gastfreundschaft betone, solange der Fremde als Gast in Erscheinung tritt.102

Die Forderungen des modernen Lebens nach erhöhter Mobilität sowie Individualisierung lösen diese Bindung an einen Ort auf. Der Mensch verbringe laut Drenthen sein Leben zunehmend an global gleichförmigen „Nicht-Orten“, denen gegenüber er kaum Bindung oder Verantwortungsgefühl entwickeln könne.103

2.4 Subsidiarität als Grundlage einer nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung

Das Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre bestimmt das richtige Verhältnis zwischen sozialen Einheiten, das eine der Voraussetzungen von Nachhaltigkeit ist. Es betrachtet die Familie als Grundlage der Gesellschaft. Familie und Nation werden von der Soziallehre als Grundordnungen und wesentliche Systeme von Bindungen angesehen, innerhalb der sich der Mensch als Gemeinschaftswesen bewegt. Gesellschaftliche Aufgaben sollten dabei jeweils von der kleinsten Einheit und auf der niedrigsten Organisationsebene durchgeführt oder gelöst werden, die dazu in der Lage ist.

Das Subsidiaritätsprinzip beruht auf der Anerkennung der Natur des Menschen als Gemeinschaftswesen und der Eingebundenheit des Menschen in natürliche Gemeinschaften, vor allem in die Familie. Christliche Weltanschauung betrachtet die Gesellschaft als System von aufeinander bezogenen Bindungen und Gemeinschaften, die bei der Familie beginnen und sich über die Nationen sowie Gemeinschaften von Nationen (etwa die Gemeinschaft europäischer Nationen) fortsetzen.

Ulrich vom Hagen bezeichnete den Ansatz der christlichen Soziallehre zur Gestaltung einer nachhaltigen, subsidiär organisierten Wirtschaftsordnung als „Gemeinwirtschaft, welche die Dinge örtlich und beständig hält“. Diese Ordnung beruhe auf kleinen sozialen Einheiten, vor allem der Familie, sowie auf geringer Staatsintervention, einer möglichst breiten Verteilung des Privateigentums „als der besten Garantie politischer und sozialer Freiheit“ sowie auf freiwillig gewähltem einfachem Leben. Die wirtschaftliche Dimension des Lebens werde in dieser Ordnung als Unterstützungsfunktion des geistigen Lebens sowie des Familienlebens betrachtet. Es handele sich somit um eine christozentrische Ordnung im Sinne des Gedankens des sozialen Königtums Christi.104

Dem Subsidiaritätsprinzip zufolge beruht eine nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf dem Grundsatz, dass Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Entscheidenden die Folgen ihres Handelns unmittelbar zu tragen und zu verantworten haben. Christliche Soziallehre lehnt die Verlagerung der meisten wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen auf die Ebene globaler Konzerne oder Bürokratien ab, weil hier keine Beziehung mehr zwischen Entscheidungsträgern und den Folgen ihrer Entscheidungen gewährleistet sei. Sie bejaht hingegen eine Gestaltung von Märkten, die diejenigen für Kosten verantwortlich macht, die sie verursachen.105

Laut Benedikt XVI. ist es wichtig, dass „die wirtschaftlichen und sozialen Kosten für die Benutzung der allgemeinen Umweltressourcen offen dargelegt sowie von den Nutznießern voll getragen werden und nicht von anderen Völkern oder zukünftigen Generationen“.106 Der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz erklärte ebenfalls, dass wirtschaftliche Anreize zur Übernutzung von Ressourcen dadurch reduziert werden könnten, dass man handelnde Akteure dazu zwinge, für die Folgen ihrer Handlungen einzustehen bzw. deren Kosten zu tragen.107

Roger Scruton betonte in diesem Zusammenhang, dass die Bewältigung ökologischer Herausforderung nur auf der Grundlage des konservativen Eigentumsbegriffs gelingen könne:

  • Dieser binde das Recht auf Eigentum an die Pflicht, mit diesem verantwortlich umzugehen. Voraussetzung dafür sei, dass Eigentum dezentral verteilt sei und die Folgen seines guten Gebrauchs oder seines Missbrauchs bzw. die dabei entstehenden Kosten jeweils die Handelnden sowie ihre unmittelbaren Interessen direkt betreffen.
  • Zu große Konzentration von Eigentum führe dazu, dass der Zusammenhang von Handeln und Folgen aufgelöst werde. Ein globaler Konzern habe allenfalls nur einen abgeschwächten wirtschaftlichen Anreiz dafür, die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen für einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen zu berücksichtigen.
  • Solche Akteure könnten außerdem die Folgen ihres Handelns, etwa Umweltfolgen, auf andere abwälzen, etwa durch politische Einflussnahme. Zudem würden solche Konzentrationen lokale Wirtschaftsstrukturen schwächen.

Der „globale Kapitalismus“ sei somit „weniger eine Übung in der Ökonomie des freien Marktes“, sondern „eine Art Räuberbanden-Verhalten, das die Kosten im Interesse der hier und heute machbaren Gewinne der zukünftigen Generation aufbürdet“ und „Raub an den zukünftigen Generationen“ begeht.108

2.4.1 Totalitäre Potenziale zentralistischer Modelle

Der Zukunftsforscher Robert Jungk warnte in den 1970er Jahren vor dem „Atomstaat“, der in Folge der Einführung von Großtechnologien seien könne. Solche Technologien würden durch die mit ihnen verbundenen Risiken Sachzwänge und eine Entwicklung hin zu immer größerem Zentralismus und staatlicher Kontrolle erzeugen.109

2.4.2 Subsidiarität und Resilienz

Dezentrale, subsidiäre Strukturen haben sich im Vergleich zu zentralistischen Strukturen als krisenfester erwiesen. Solche Strukturen haben zudem das hervorgebracht, was im positiven Sinne die Vielfalt der Kulturen Europas und der Welt ausmacht.

2.5 Die ökologische Krise als Folge geistig-kultureller Verfallserscheinungen

Das Ziel der vollständigen Beherrschung der Natur durch den Menschen mit den Mitteln der Technik teilen alle modernen Ideologien. In Verbindung mit ihrer Tendenz zu kurzfristigem Denken und ihrer Bejahung des Hedonismus führen sie zur Vernutzung der natürlichen Umwelt und anderer Lebensgrundlagen des Menschen. Gleichzeitig beseitigen diese Ideologien die kulturellen und geistigen Eindämmungen, die über die Jahrhunderte hinweg geschaffen wurden, um der Tendenz des Menschen zum Missbrauch seiner Macht entgegenzuwirken.

Benedikt XVI. kritisierte den modernen Lebensstil, der „zum Hedonismus und Konsumismus neigt und gegenüber den daraus entstehenden Schäden gleichgültig bleibt“. Notwendig zur Bewältigung der ökologischen Krise sei „ein tatsächlicher Gesinnungswandel“ hin zu einer Lebensweise, in der die Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten sowie die Gemeinschaft mit anderen Menschen die bestimmenden Elemente sein sollen.110

Papst Franziskus zufolge sei die sich abzeichnende ökologische Krise auch eine Folge von dem „ethischen und kulturellen Verfall […], der den ökologischen begleitet“:

  • Dieser äußere sich etwa in Hedonismus, Konsumismus und Individualismus bzw. der „Unfähigkeit“, „ernsthaft an die zukünftigen Generationen zu denken“.111
  • In der ökologischen Krise werde die ethische, kulturelle und spirituelle Krise der Moderne sichtbar.112
  • Es gebe „nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.“113
  • Die „menschliche Wurzel der ökologischen Krise“ sei „ein Verständnis des menschlichen Lebens und Handelns, das fehlgeleitet ist und der Wirklichkeit widerspricht bis zu dem Punkt, ihr zu schaden.“114

Franziskus kritisierte in diesem Zusammenhang den „modernen Mythos vom unbegrenzten materiellen Fortschritt“, mit dem „Schluss zu machen“ sei, weil er die geistige Grundlage der Vernichtung der Lebensgrundlagen des Menschen darstelle.115 Individualismus und Konsumismus seien Teil dieses falschen Mythos.116

2.5.1 Technischer und naturwissenschaftlicher Fortschritt sollen dem Menschen dienen

Die christliche Soziallehre lehnt technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt, anders als radikale Umweltideologien es tun, nicht ab. Franziskus betonte, dass technischer Fortschritt auch „unzähligen Übeln, die dem Menschen schadeten und ihn einschränkten, Abhilfe geschaffen“ habe und zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen könne, wenn er im Sinne des Gemeinwohls gestaltet werde.117

Die Überwindung der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die Substitution nicht-erneuerbarer knapper Rohstoffe, eine Dematerialisierung der Wirtschaft bzw. eine Abkoppelung von wirtschaftlicher Entwicklung und Ressourcenverbrauch oder die Ernährung einer wachsenden Menschheit erfordern technologischen Fortschritt. Die durch den Wirtschaftswissenschaftler Thomas Malthus Ende des 18. Jahrhunderts als Folge des damaligen Bevölkerungswachstums vorausgesagten Hungernöte konnten nur durch technologischen Fortschritt in der Landwirtschaft abgewendet werden.

2.5.2 Der moderne Fortschrittsbegriff ignoriert die  Grenzen des Menschen und der Natur

Josef Pieper zufolge habe sich der moderne Fortschrittsoptimismus im 20. Jahrhundert als Irrtum erwiesen. Fortschritt gebe es in der Geschichte nur auf den Gebieten der Technik, der Wissenschaft und der Medizin. Die Natur des Menschen sei jedoch unveränderlich. Ihre schlechten Seiten seien durch den materiellen Fortschritt freigelegt und entfesselt worden, der die Fähigkeit des Menschen zum Bösen potenziert habe.[noite]Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 246 ff.[/note]

Gerd-Klaus Kaltenbrunner warnte, dass man sich „im Schatten der drohenden Ökokatastrophe nicht mehr der Einsicht verschließen“ könne, „daß der anthropozentrische Hochmut die Bedingungen zerstört, von denen die Existenz des Menschen abhängig ist.“118

Der christliche Philosoph Leszek Kolakowski erklärte, dass eine westliche Welt, die „ihr religiöses Erbe und ihre historische Tradition vergessen hat“, trotz allen technologischen und sonstigen Fortschritts keine Zukunft haben könne. Die moderne Annahme, dass es keine „Grenzen der Veränderung“ gebe, sei „eine der gefährlichsten Illusionen unserer Zivilisation“. Die Ursache dieser Illusion sei der Verlust des Sinns für das Heilige, nicht dem Willen des Menschen Unterworfene durch die Moderne. Nur Religion könne utopischem Denken, das den realen Menschen leugnet und sich letztlich gegen ihn wendet, vorbeugen und ihm die nötigen Grenzen setzen. Moderne Ideologien hingegen würden Fortschritt mit materiellem Zuwachs jeglicher Art gleichsetzen und irgendwann diese natürlichen Grenzen mit „katastrophischen“ Folgen überschreiten.119

Die neuzeitliche Fortschrittsideologie stelle laut Günter Rohrmoser einen Bruch mit der christlichen Tradition des Denkens dar, das Herrschaft über die Natur als die Übernahme von Verantwortung definiere. Neuzeitliche Denker wie Francis Bacon hätten abweichend davon eine Fortschrittsutopie geschaffen, die den Menschen aus seiner Abhängigkeit von der Natur befreien, die Folgen des Sündenfalls überwinden, den Menschen erlösen und das Paradies wiederherstellen wolle.120

Dieses Fortschrittsideal sei gescheitert bzw. drohe, zu einem „Fortschritt in die Katastrophe“ zu führen. Der Vorstellung, dass unendliches Wachstum durch Ausbeutung der Natur sowie deren vollständige Beherrschung möglich sei, liege „ein wahnhafter Gedanke“ zugrunde, der die Wirklichkeit ignoriere. Westliche Gesellschaften und ihre Institutionen seien jedoch vollständig auf der Grundlage dieses Ideals organisiert, weshalb sein Scheitern zu einer geistigen Krise dieser Gesellschaften geführt habe. Dies eröffne einen „Weg zurück zur Wiege der abendländischen Tradition“ bzw. zur Metaphysik und zur Religion.121

Der Philosoph Ludwig Klages griff 1913 den modernen Fortschrittsbegriff und die auf ihm beruhende Ideologie an. Die Vorstellung, dass der Mensch durch Naturwissenschaft und Technik eine immer umfassendere Kontrolle über die Natur erlangen und durch die Ausbeutung ihrer als unerschöpflich betrachteten Ressourcen einen stetig wachsenden materiellen Lebensstandard erlangen könne, sei falsch. Die dahinterstehende Ideologie beruhe auf einem radikalen Bruch mit der europäischen Tradition, welche die innere und äußere Schönheit des Menschen oder seine seelische Erhebung hin zu Gott als Ideale betrachtete. Die Ideologie des Fortschritts strebe hingegen nach Machtgewinn. Der „Fortschrittsmensch“ habe „dürre Nützlichkeit […] zum obersten Grundsatz alles Handelns“ erklärt und „ringsumher Mord gesät und Grauen des Todes“. Seine Ideologie sei die „Vernichtung des Lebens“, die sich wie „ein fressendes Feuer“ über die Erde ausbreite. Er „rodet Wälder, streicht die Tiergeschlechter, löscht die ursprünglichen Völker aus, überklebt und verunstaltet mit dem Firnis der Gewerblichkeit die Landschaft und entwürdigt, was er vom Lebewesen noch übrigläßt […] zur bloßen Ware“.

Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieb er, dass eine „Verwüstungsorgie ohnegleichen“ die Menschheit ergriffen habe. Die Zivilisation trage „die Züge entfesselter Mordsucht, und die Fülle der Erde verdorrt vor ihrem giftigen Anhauch“.122

2.5.3 Der moderne Mensch ist seiner Macht nur bedingt gewachsen

Christliche Weltanschauung, die die Schwäche der Natur des Menschen anerkennt, ist skeptisch, dass der Mensch dazu in der Lage ist, die von ihm geschaffenen, immer mächtiger werdenden Technologien und die Folgen ihres Einsatzes zu beherrschen. Mit zunehmender Leistungsfähigkeit dieser Technologien nehmen auch die potenziellen Folgen im Fall von Missbrauch, Fehlern oder Störungen und Ausfällen zu. Die Fähigkeit des Menschen zum Umgang mit diesen Technologien ist jedoch durch seine Natur begrenzt und bleibt konstant, was dazu führt, dass die Wahrscheinlichkeit katastrophaler Ereignisse mit zunehmender Leistungsfähigkeit der Technik zunimmt.

Dem Historiker Arnold Toynbee zufolge gebe es seit „der Morgendämmerung der Zivilisationen“ eine „Diskrepanz zwischen dem technologischen Fortschritt des Menschen und seinem gesellschaftlichen Verhalten“. Der technische Fortschritt habe die Fähigkeiten des Menschen „gewaltig vermehrt“. Es gebe daher eine wachsende „Kluft zwischen der physischen Möglichkeit, Böses zu tun, und der geistig-sittlichen Fähigkeit diese Kräfte zu meistern“. Diese Kluft sei im 20. Jahrhundert „so klaffend weit geworden […] wie die mythischen Schlünde der Hölle“. Der Mensch habe nun die Mittel dazu, „die Mutter Erde ermorden“ und sei „das erste Lebewesen in unserer Biosphäre, das die Macht erlangt hat, sie zu zerstören und dabei sich selbst zu vernichten“. Der Fortschrittsgedanke sei an seine Grenze gestoßen. Der Mensch werde sich „nicht vor der Nemesis seiner dämonischen materiellen Macht und Habgier bewahren können, wenn er seine Haltung zur Biosphäre nicht grundlegend wandelt“. Er müsse „jene von seinen großen Sehern gepredigten und praktizierten Gebote der Bescheidung […] als notwendige praktische Lebensregeln […] akzeptieren“.123

Christopher Dawson zufolge stelle es „beinahe ein historisches Unglück“ dar, „daß die Vollendung der wissenschaftlichen Kontrolle des Menschen über seine materielle Umwelt mit der Preisgabe des Prinzips geistiger Ordnung zusammenfiel, so daß damit die neuen Kräfte des Menschen zu Dienern wirtschaftlicher Erwerbssucht und politischer Leidenschaft wurden“. Die „Wiederherstellung der moralischen Kontrolle und die Rückkehr zur geistigen Ordnung sind nunmehr die unausweichlichen Bedingungen für die Fortdauer der Menschheit geworden“.124

Laut Hans Jonas erfordert der „endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt“, eine Ethik, „die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhalt, dem Menschen zum Unheil zu werden“.  Die „Verheißung der modernen Technik“ sei „in Drohung umgeschlagen“.125 Den Menschen der Antike sei die Erde „alterslos und unermüdbar“ erschienen. Sie hätten kaum über die Fähigkeit verfügt, ihr ernsthaften Schaden zuzufügen. Das Handeln des Menschen habe durch technischen Fortschritt jedoch in jüngster Zeit „eine beispiellose kausale Reichweite in die Zukunft“ erlangt. Eine neue Ethik sei erforderlich, weil keine frühere Ethik „die globale Bedingung menschlichen Lebens und die ferne Zukunft, ja die Existenz der Gattung zu berücksichtigen“ gehabt habe.126 Es gehe darum, „die Unversehrtheit seiner Welt und seines Wesens gegen die Übergriffe seiner Macht zu bewahren“.127

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) warnte, dass der Mensch bei der Manipulation seiner Gene „letzte Grenzen“ beachten müsse, „die wir nicht überschreiten können, ohne zu Zerstörern der Schöpfung selbst zu werden“. Das Leben des Menschen müsse unverfügbar bleiben. Es müsse hier „hier eine Grenze unseres Machens, Könnens und Dürfens und des Experimentierens aufgerichtet bleiben“, um irreparable Schäden für den Menschen und andere katastrophale Folgen zu vermeiden.128

2.5.4 Die christliche Tugend des Maßes als Grundlage nachhaltiger Lebensstile

Die ökologische Krise sei laut Günter Rohrmoser eigentlich eine „Begrenzungskrise“ bzw. das Ergebnis des modernen Fortschrittsverständnisses und seiner Ignorierung natürlicher Grenzen. Um diese Krise zu überwinden, müsse der Mensch wieder lernen, „mit Grenzen zu leben“.129 Gerd-Klaus Kaltenbrunner forderte eine „Ethik der Grenze“, welche die Endlichkeit der Erde und die Tatsache anerkenne, dass die „unseren eigenen Fortbestand gefährdende Instabilität aller Lebensverhältnisse um so größer wird, je mehr wir uns als angeblich autonome, keine höhere Norm als die der Machbarkeit anerkennende ‚maîtres et possesseurs de la nature‘“ im Sinne einer Äußerung von René Descartes gebärdeten.130

Laut Leszek Kolakowski könne nur eine Religion die notwendige asketische Haltung in Form einer Distanz des Menschen zu seinen materiellen Wünschen hervorbringen und begründen, die zur Lösung der ökologischen Probleme der Menschheit erforderlich sei.131

Edmund Burke zufolge eignen sich Menschen „für die bürgerliche Freiheit in genauem Verhältnis zu ihrem Willen, ihrem eigenen Appetit moralische Fesseln anzulegen“. Jede Gesellschaft brauche eine kulturelle „Bremse des ungezügelten Willens und des Appetits“. Wo diese nicht vorhanden seien, müsse diese „ihnen von außen auferlegt werden“. Es sei „in der ewigen Ordnung der Dinge beschlossen, daß Menschen mit ungezügeltem Charakter nicht frei sein können“.132

Christliche Umweltethik orientiert sich an den christlichen Kardinaltugenden, etwa der Gerechtigkeit, welche Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen einfordert, oder der Klugheit, die nach dem Verständnis der Zusammenhänge strebt, die für das eigene Handeln relevant sind.133 Ein nachhaltiger Umgang mit immer größeren Konsummöglichkeiten und einer immer mächtiger werdenden Technologie setzt vor allem aber die Tugend des Maßes bzw. die Selbstbeschränkung des Menschen voraus. Moderne Weltanschauungen, die diese Selbstbeschränkung ablehnen und materiellen Zuwachs als Wert an sich betrachten, können daher keine Grundlage nachhaltigen Handelns sein.

Johannes Paul II. betrachtete Fragen der Ökologie als eng verbunden mit Fragen der Lebensführung. Ein Lebensstil, „der vorgibt, dann besser zu sein, wenn er auf das Haben und nicht auf das Sein ausgerichtet ist“134, sei falsch. Das „Problem des Konsumismus“ sei verbunden mit der Frage der Ökologie. Der moderne Mensch. „der mehr von dem Verlangen nach Besitz und Genuß als dem nach Sein und Entfaltung ergriffen“ sei, konsumiere „auf maßlose und undisziplinierte Weise die Ressourcen der Erde“. Die Lösung ökologischer Probleme bestehe darin, dass die Menschen einen ihren „Pflichten und Aufgaben gegenüber den künftigen Generationen“ entsprechenden Lebensstil entwickeln und pflegen.“135

Der Theologe und Soziologe Wolfgang Sachs prägte für diese freiwillige Selbstbeschränkung des Menschen den Begriff der „Suffizienz“. Diese könne in Verbindung mit technischer und wirtschaftlicher Effizienz, welche die Verschwendung von Ressourcen unterbinden, eine nachhaltige Gesellschaft ermöglichen. Ohne maßvolles Verhalten des Menschen bleibe ein effizienter Umgang mit Ressourcen wirkungslos, weshalb technischer Fortschritt allein ökologische Probleme nicht lösen könne.136

Der Wirtschaftswissenschaftler Gerhard Scherhorn schrieb, dass Suffizienz „Maßhalten“ und „von nichts zuviel wollen“ bedeute, „damit für anderes, das man ebenfalls braucht, noch Platz bleibt.“ Suffizienz könne jedoch „nur empfohlen, nicht vorgeschrieben werden“. Dass Suffizienz praktiziert wird, setzt somit eine entsprechende kulturelle Grundlage voraus, über die moderne Gesellschaften jedoch nicht verfügten. Scherhorn betonte, dass Suffizienz für viele ein „Ärgernis“ darstelle, „weil sie im Gegensatz zum Credo der Industriegesellschaft – ‚Wachstum, Wachstum, Wachstum!‘ – steht“.137

2.5.5 Seelische Folgen von Umweltzerstörung und Entfremdung von der Natur

Ludwig Klages kritisierte den modernen Fortschrittsbegriff 1913 auch wegen dessen Folgen für die Seele des Menschen. Nicht nur die Natur, sondern auch die Seele des Menschen nehme im Zuge der Durchsetzung dieses Fortschritts Schaden. Der Fortschritt als Ideologie der „Selbstzersetzung des Menschentums“ zerstöre auch die „heiligen Bräuche“, die „Jahrtausende lang“ unversiegbarer „Born für Mythos und Dichtung“ gewesen seien. Man lebe im „Zeitalter des Unterganges der Seele“. Je größer das Maß dessen sei, was die moderne Zivilisation als Fortschritt betrachte, desto mehr entferne sie sich von den großen Werken früherer Zeiten. Etwas vergleichbares könne sie nicht schaffen, weil sie nur materielle, aber keine seelischen Werte anerkenne.138

Auch der Verhaltensforscher Konrad Lorenz warnte, dass der Mensch in Folge der Zerstörung der natürlichen Umwelt und der Entfremdung von ihr seelischen Schaden erleide. Die „allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur“ trage „einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen“. Diesem werde es unmöglich, Ehrfurcht vor irgendetwas zu entwickeln, da „alles, was er um sich sieht, Menschenwerk, und zwar sehr billiges und häßliches Menschenwerk ist“. Fundamentale Naturerfahrungen wie die den Menschen seit Urzeiten inspirierende Erfahrung des Anblicks des Sternenhimmels seien vielen Menschen mittlerweile verstellt. Ästhetisch stelle die moderne Zivilisation eine „Kulturschande“ dar. Ihre Städte glichen „Batterien von Ställen für Nutzmenschen“. Die „Schönheit der Natur und Schönheit der menschengeschaffenen kulturellen Umgebung“ seien jedoch „offensichtlich beide nötig, um den Menschen geistig und seelisch gesund zu erhalten.“ Die „totale Seelenblindheit für das Schöne“ sei „eine Geisteskrankheit“, die „mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht“.139

2.5.6 Die Nachhaltigkeit traditioneller Lebensstile

Lorenz sah in traditionellen Lebensstilen ein Vorbild nachhaltigen Lebens. Es gebe „alte Bauernkulturen, in denen Menschen viele Generationen lang auf demselben Land sitzen, es lieben und auf Grund ihrer recht guten, in der Praxis erworbenen ökologischen Kenntnisse der Scholle zurückgeben, was sie von ihr empfingen“ und die wüssten, „was die gesamte zivilisierte Menschheit vergessen zu haben scheint, nämlich, daß die Lebensgrundlagen des ganzen Planeten nicht unerschöpflich sind“.140

Eine Studie des Bundesumweltministeriums belegte den ökologischen Wert traditioneller Lebensstile. Das entsprechende Milieu in Deutschland sei „in besonderem Maße um den Zustand der Umwelt besorgt und daran interessiert, Bewahrenswertes zu erhalten“.141

  • Dieses Milieu sehe die Umwelt als Schöpfung Gottes, habe „grundsätzlich den Wunsch, […] Bewährtes zu bewahren“, sorge sich um kommende Generationen und sei besonders sensibel für die negativen Auswirkungen der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung.
  • Außerdem verfüge dieses Milieu im Gegensatz zu hedonistischen Milieus über die „Bereitschaft, verzichten zu können“, lehne die moderne „Wegwerfmentalität“ ab und bevorzuge haltbare, langlebige Produkte regionaler und lokaler Herkunft.
  • Umweltschutz werde von diesem Milieu darüber hinaus nicht als abstraktes Anliegen betrachtet, sondern konkret auf den „Schutz und Erhalt wertvoller, naturnaher heimischer Landschaften oder Gewässer, aber auch von Kulturdenkmälern“ bezogen.142

3. Nachhaltigkeit: Das Streben nach einer Zivilisation der Dauerhaftigkeit

Das Prinzip der Nachhaltigkeit strebt nach der Sicherstellung der Kontinuität des Gemeinwesens und seiner Kultur durch Gewährleistung der Stabilität ihrer ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebensgrundlagen. Dieses Prinzip unterscheidet sich von den Annahmen moderner Fortschrittsutopien, die diese Lebensgrundlagen entweder als gegeben betrachten oder davon ausgehen, dass materielles Wachstum ihre langfristige Sicherstellung hinreichend gewährleiste. Das Prinzip der Nachhaltigkeit beruht zudem auf der Annahme, dass materielles Wachstum nicht der wichtigste Indikator gesellschaftlicher Entwicklung ist, sondern auch der Zustand der erwähnten Lebensgrundlagen bei der Bewertung des Zustands und der Entwicklung einer Gesellschaft zu berücksichtigen ist.

3.1 Die Ursprünge des Nachhaltigkeitsbegriffs

Naturvölker agieren nicht bewusst nachhaltig, da sie in der Regel nicht über die Mittel verfügen, die erforderlich wären, um ihre eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, auch wenn dieser Völker bereits in prähistorischer Zeit die größten Landtiere in einigen Regionen der Welt ausrotteten.143 Völkerkundler gehen jedoch davon aus, dass sich Vorläufer des Konzepts der Nachhaltigkeit in tradiertem Erfahrungswissen einiger Naturvölker finden.144 Ein auf dem Verständnis von Naturzusammenhängen beruhendes Konzept von Nachhaltigkeit entwickelte sich mutmaßlich erst im Mittelalter. Die älteste bekannte Beschreibung des Prinzips der Nachhaltigkeit findet sich in einem Dokument über Forstwirtschaft, das von Benediktinermönchen des Klosters Camaldoli in der Toskana im Jahr 1350 verfasst wurde. Die Mönche bewirtschafteten Wälder in der Region des Klosters auf der Grundlage jener Prinzipien, die später mit dem Begriff Nachhaltigkeit beschrieben wurden.145

Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde erstmals Anfang des 18. Jahrhunderts durch Hans Carl von Carlowitz in einem land- und forstwirtschaftlichen Zusammenhang verwendet. Durch eine nachhaltige Bewirtschaftung, die Holzbestände nicht stärker abbaut als sie nachwachsen, wollte von Carlowitz der Übernutzung von Wäldern entgegenwirken.146

Eine von der damaligen norwegischen Premierministerin Gro Harlem Brundtland geleitete Kommission der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung verwendete den Begriff 1987 zur Beschreibung eines Leitbilds globaler Entwicklung. Sie definierte nachhaltige Entwicklung als den Prozess der Herstellung von Nachhaltigkeit bzw. als eine Form von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeit nachfolgender Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse ebenfalls zu befriedigen.147

3.2 Eine Definition von Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein ganzheitliches Handlungsprinzip, das die langfristige Kontinuität eines Gemeinwesens durch einen schonenden Umgang mit den materiellen und immateriellen Ressourcen sicherstellen soll, von denen seine Kontinuität abhängt. Diese Ressourcen sollen möglichst intakt und im besten Fall erweitert an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.148

Nachhaltig ist der Zustand eines Gemeinwesens dann, wenn dieses so beschaffen ist, dass es sich auf Dauer nicht selbst zerstört oder sich gegenüber äußeren Bedrohungen verwundbar macht, die es zerstören könnten.

Ulrich Grober, der sich mit der Geistesgeschichte des Konzepts der Nachhaltigkeit auseinandersetzte, definierte das Nachhaltige als das „was standhält, was tragfähig ist, was auf Dauer angelegt ist, was resilient ist, und das heißt: gegen den ökologischen, ökonomischen und sozialen Zusammenbruch gefeit“.149

Das Gegenteil eines nachhaltigen Gemeinwesens ist ein dekadentes Gemeinwesen, dem die innere Kraft und der Wille zur Dauer fehlen und das von einer Substanz lebt, die andere geschaffen haben, und die diese konsumiert, ohne sie ausreichend zu erneuern.

3.3 Zusammenbrüche von Gesellschaften in Folge mangelnder Nachhaltigkeit

Jared Diamond untersuchte eine Reihe von Zusammenbrüchen von Gesellschaften und Kulturen in der Geschichte der Menschheit. Er definierte „Zusammenbruch“ dabei als „die Extremform des Niederganges“, die „einen drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl und/oder der politisch-wirtschaftlich-sozialen Komplexität“ beinhalte, „der sich auf ein größeres Gebiet erstreckt und längere Zeit andauert“.150 Mangelnde Nachhaltigkeit habe bei vielen dieser Zusammenbrüche eine der Ursachen dargestellt. Es gebe viele Beispiele des „unbeabsichtigten ökologischen Selbstmords“ von Kulturen, die ihre natürlichen Lebensgrundlagen durch die Übernutzung von Ressourcen oder die Überschreitung der natürlichen Tragfähigkeit ihres Lebensraums zerstörten. In anderen Fällen schwächten sich Kulturen dadurch soweit, dass sie verwundbar gegenüber äußeren Bedrohungen wurden, die sie zerstörten, etwa militärischen Invasionen oder Migrationswellen.151

Solche Zusammenbrüche seien auch in der Gegenwart möglich. Ihre Wahrscheinlichkeit nehme zu, weil immer leistungsfähigere Technologie auch über beabsichtigtes und unbeabsichtigtes Zerstörungspotenzial verfüge. Gleichzeitig nehme die Abhängigkeit des Menschen von Technologie zu. Auch globale Wechselwirkungen zwischen menschlichen Aktivitäten würden zunehmen, so dass ein lokaler Zusammenbruch eines zentralen Akteures globale Folgen habe könne.152

3.4 Nachhaltigkeit als Prinzip der christlichen Soziallehre

Neuere Ansätze der christlichen Soziallehre betrachten Nachhaltigkeit neben Solidarität, Subsidiarität und Personalität als ein Sozialprinzip bzw. als einen grundlegenden Baustein einer guten und dauerhaften Gesellschaftsordnung. In der Soziallehre wird vereinzelt auch der Begriff der „Retinität“ zur Beschreibung des Prinzips der Nachhaltigkeit verwendet.153

Oswald von Nell-Breuning bezeichnete die Sozialprinzipien als „Baugesetze der Gesellschaft“.154 Sie beruhen auf der Beobachtung der Natur des Menschen und des Wesens gelingender menschlicher Gemeinschaften und sind wie das Naturrecht in der Seinsordnung angelegt. Gleichzeitig stellen diese Prinzipien staatsethische Norm- bzw. Sollensprinzipien dar, die als geeignete Leitlinien für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens angesehen werden. Sie sind dabei nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern ergänzen einander.

Sozialprinzipien bringen „die ganze mit Hilfe der Vernunft und des Glaubens erkannte Wahrheit über den Menschen zum Ausdruck“.155 Sie dienen außerdem der „Systematisierung jener Grundgewissheiten über das Wesen und die Bestimmung des Menschen“, welche die Basis der Disziplin der Sozialethik bilden.156

3.5 Nachhaltigkeit und das abendländische Ethos der Dauer

Christliche Weltanschauung beinhaltet ein Ethos der Dauer, das Kontinuität und Tradition sowie alles bejaht, was guten Dingen Dauer verleiht.

Aristoteles schrieb, dass ein gutes Gemeinwesen langfristig denke und handele und „nicht nach dem gegenwärtigen Nutzen“ suche, „sondern nach dem, was für das ganze Leben nützlich ist.“157 Dieses langfristig orientierte Denken christlich-abendländischer Weltanschauung beruht auf der Erkenntnis, dass sich kulturelle Substanz nur über lange Zeiträume hinweg bilden kann und sie nicht ohne weiteres regenerierbar ist, wo sie zerstört wurde. Roger Scruton zufolge ist das, was gut ist, leicht zu zerstören, aber schwer zu erschaffen.158

Christliche Weltanschauung misst politische Entscheidungen an ihren langfristigen Folgen und nicht an möglichen kurzfristigen Vorteilen oder an Popularität. Gleichzeitig ist christlichem Denken bewusst, dass kein materielles Werk ewig Bestand haben kann, während die Seelen neu geborener Kinder ewig leben und somit die einzigen ewigen Werke sind, an denen der Mensch mitwirkt. Die Kontinuität des Lebens und seine Weitergabe nehmen daher einen besonderen Rang in christlicher Weltanschauung ein. Diese strebt daher auch ökologische Nachhaltigkeit an, also einen langfristig orientierten, verantwortlichen Umgang mit Ressourcen und der natürlichen Umwelt.

3.5.1 Guten Dingen Dauer verleihen

Der Soziologe Harald Welzer wies darauf hin, dass der Mangel der modernen Zivilisation an langfristigem Denken ökologische Herausforderungen verschärfe. Diesem Denken stellte er als positiven Kontrast christliche Weltanschauung gegenüber. Kein „heute lebender Mensch, und sei er noch so zukunftsbewusst, würde sein Handeln an einem Horizont von mehreren Jahrhunderten ausrichten“, denn dies erfordere eine religiöse Weltsicht.159

Der Kölner Dom, dessen Grundsteinlegung 1248 stattfand, sei mit seiner bis in die Gegenwart „endlosen Kette“ von Dombaumeistern ein Beispiel für nachhaltiges Denken. Der „Dom transportiert Zukunft, weil er von einer Glaubensvorstellung getragen ist, die jenseits menschlicher Zeitskalen angesiedelt“ sei und er „weder dem Zeitgeist noch seinen Funktionalitätserfordernissen noch seiner ökonomischen Rationalität entspricht“. Die „Kirchen und ihre Türme“ würden „von Welten künden, die andere sind als die der Gegenwart“. Sie würden auch einen sichtbaren Gegenentwurf zur architektonischen Moderne und ihren „auf Abriss gebauten kulturellen Verfallszustände[n]“ darstellen. Christliche Dome seien Gegenbilder für „Konzepte darüber […], worum es im Leben geht und welches Verhältnis jeweils zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herrscht“. Von der Erhabenheit der Dombaumeister über die Zeit könne man lernen, „was man in Zukunft brauchen wird“.160

Laut Hans Jonas werde Dauerhaftigkeit seit der Antike als entscheidendes Kriterium für die Bewertung politischer Ordnungen wahrgenommen. Die „beste Verfassung ist die dauerhafteste, und Tugend ist die beste Garantie der Dauerhaftigkeit“.161 Die „Probe der Lebensfähigkeit“ einer Ordnung liege in der Dauer. Dauer sei die Folge guter Ordnung.162

Aus der Menschenwürde und der Sonderrolle des Menschen im Kosmos folge die Pflicht des Menschen, nach Dauer und Kontinuität zu streben, das Leben weiterzugeben und für den Erhalt seiner Grundlagen einzutreten. Der „unbedingte Imperativ“ allen politischen Handelns müsse es sein, die Existenz des Menschen für die Zukunft zu sichern163, damit „es eine Welt für die kommenden Geschlechter der Menschen gebe“.164

Dieser Imperativ fordere vom Menschen so zu handeln, dass die Wirkungen jeder Handlung „verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“.165 Der Mensch habe nicht das Recht, „das Nichtsein künftiger Generationen wegen des Seines der jetzigen zu wählen oder auch nur zu wagen“. Begründet werden könne diese Position jedoch nur mit einem religiösen Verständnis der Menschenwürde.166 Es gebe „eine unbedingte Pflicht der Menschheit zum Dasein“.167 Die Existenz des Menschen sei ein „höchstes und verletzliches Treugut“, das  uns die höchste Pflicht der Bewahrung auferlegt“.168

3.5.2 Der Wille zur Dauer

Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagte, dass das Streben nach Nachhaltigkeit der Errichtung einer „Zivilisation der Dauerhaftigkeit“ dienen solle.169 Für den Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek ist Nachhaltigkeit Ausdruck des gemeinschaftlichen Willens, auf Dauer überleben zu wollen.170 Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld sprach von der Notwendigkeit eines „Überlebensethos“, das „auch die Interessen künftiger Generationen berücksichtigt.“171

Der Philosoph Oswald Spengler bezeichnete das Streben danach, „für die Zukunft von Geschlechtern“ zu leben, als Ausdruck eines „Willens zur Dauer“, über den jeder Mensch verfügen müsse, der Verantwortung für ein Gemeinwesen übernehmen wolle.172 Dieser Wille zur Dauer äußere sich im Streben nach aktiver Gestaltung der Zukunft im Sinne des übernommenen Erbes. Es handele sich dabei um ein zentrales Motiv abendländischen Denkens.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Hans-Georg Gadamer, der vom „Willen zum Fortbestand“ und vom „Willen zur Dauer“ als Ursprung bestimmter Kulturleistungen wie der Literatur, die eine „Form des Fortbestandes“ darstelle.173

Laut dem Philosophen Arnold Metzger sei das „Trachten nach Dauer“ ein „Trachten gegen das Sterben“ bzw. Ausdruck des Lebenstriebes des Menschen. Die Jugend setze sich in der Regel noch nicht mit dem Tod auseinander. In ihr äußere sich der Wille zur Dauer als Wille zur Zukunft. Erst mit wachsendem Bewusstsein des Menschen dafür, dass er sterben muss, entwickele sich der Wille zur Dauer, der sich gegen den Tod wende.174

Hans Jonas vertrat in seiner „Ethik der Erhaltung“ bzw. „Ethik des Überlebens“175, die er als Antwort auf die ökologische Krise formulierte, ähnliche Gedanken. Das Ziel der Verantwortung des politischen Entscheidungsträgers sei die Kontinuität dessen, für das er Verantwortung trage. Er trage „totale Verantwortung“, deren Ausübung nicht aussetzen dürfe, denn er habe „in der Kontinuität der Zeit eine Identität zu wahren“.176

3.5.3 Nachhaltigkeit als Ausdruck verantwortungsethischen Denkens

Als ethisches Konzept steht Nachhaltigkeit auf der Grundlage der Verantwortungsethik. Nach Max Weber macht Verantwortungsethik die Folgen politischen Handelns zum Kriterium für die Bewertung politischer Entscheidungen, während Gesinnungsethik die damit verbundenen Absichten zum Kriterium macht.177

Der deutsche „Rat der Sachverständigen für Umweltfragen“ definierte Verantwortung in diesem Zusammenhang als die „Einheit von Klugheit und Pflicht“178 auf der Grundlage eines Begriffs der Menschenwürde, der identisch ist mit dem der christlichen Soziallehre, indem er den Menschen in den Vordergrund stellt.179

3.5.4 Gute und schlechte Arten von Dauerhaftigkeit

Gute Dauerhaftigkeit beruht auf der Menschenwürde und wird niemals gegen sie angestrebt.

Friedrich Schiller kommentierte die Gesetzgebung des Spartaners Lykurg als ein „Meisterstück der Staats- und Menschenkunde“, weil sie einen in „sich selbst gegründeten, unzerstörbaren Staat“ und „Dauerhaftigkeit“ als Ziel anstrebte. Der Mensch dürfe diesem Ziel jedoch niemals „zum Opfer gebracht werden“, da der Staat dem Menschen dienen müsse und nicht umgekehrt. Die Dauerhaftigkeit eines Gemeinwesens sei nur dann gut, wenn dieses die Würde des Menschen achte, sonst sei es „nur ein verlängertes Übel“. Diesem Kriterium sei das Gesetz des Lykurg nicht gerecht geworden. Die christlichen Widerstandskämpfer der Weißen Rose zitierten diese Sätze Schillers in einem ihrer Flugblätter.180

Romano Guardini schrieb in diesem Zusammenhang, dass es eine falsche Form der Dauerhaftigkeit gebe. Durch „Zwang und Sklaverei“ sei schon „Gewichtiges geschaffen worden; die Pyramiden stehen noch“. Groß seien jedoch nur die Werke, die groß vor Gott seien.181

3.5.5 Nachhaltigkeit und die Kardinaltugend der Klugheit

Jared Diamond versuchte in seiner Studie über ökologische Faktoren des Zusammenbruchs von Gesellschaften auch die Frage zu beantworten, warum Gesellschaften ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstören bzw. warum sie entsprechende Fehlentscheidungen mit katastrophalen Folgen treffen und wie dies vermieden werden kann. Mangelnde Voraussicht, also einen Mangel der Kardinaltugend der Klugheit, bezeichnete er als eine der wesentlichen Ursachen dieser Zusammenbrüche. Entscheidungsträger hätten die Herausforderungen, die ihr Gemeinwesen am Ende zerstörten, oft über lange Zeiträume hinweg nicht wahrgenommen oder nicht wahrnehmen wollen. In anderen Fällen hätten sie kurzfristige Vorteile gravierenden langfristigen Nachteilen vorgezogen.182

3.5.6 Eine nachhaltige Zivilisation erfordert eine christliche Grundlage

Die christliche sowie die jüdische Tradition beinhalten mit dem Konzept der Menschenwürde, der Wahrnehmung des Menschen als Treuhänder der Erde und dem Ideal freiwilliger Selbstbeschränkung die geistigen Grundlagen, die eine nachhaltige Zivilisation benötigt.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) wies darauf hin, dass Gemeinwesen, die sich von Gott abwenden, unabhängig von sonstigen Nachhaltigkeitserwägungen keine Lebensperspektive hätten. Wo sich ein Gemeinwesen weigere, „die Dinge Gottes ernst zu nehmen, wiederholt sich auf irgendeine Weise das Gomorrha-Geschick“. Ein solches Gemeinwesen schneide sich von seinen Wurzeln ab und zerfalle materiell und geistig, so wie es etwa am Beispiel der Staaten des kommunistischen Herrschaftsbereichs zu beobachten gewesen sei. Das von Christus verwendete Bild des verdorrten Baumes zeige, „wie Völker, Gemeinschaften, Gruppen, die gleichsam nur Blätter hervorbringen […] und aus denen nichts herauskommt, was den anderen dient, dürr werden, verdorren“.183

Laut Hans Jonas nehme die Bedeutung des Auftrags des Menschen, als Treuhänder der Erde zu wirken, parallel zu seiner Fähigkeit zu, die Biosphäre zu gefährden. Nur die Religion habe den Menschen auf diesen Auftrag vorbereitet.184 Es sei fraglich, „ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben“.185

Günter Rohrmoser sah in Anknüpfung an Sigmund Freuds Hypothese des Todestriebes eine Tendenz des Menschen zur Gleichgültigkeit in Bezug auf seine Selbsterhaltung. Angesichts des Nihilismus moderner Ideologien sei es eine offenkundige Tatsache, „daß die einzige geistige Macht in der Welt, die den Menschen vor den irrationalen Formen der Selbstzerstörung bewahren konnte, die großen Religionen sind, in unserem Falle das Christentum“.186

3.6 Nachhaltigkeit als strategischer Begriff

Ein dem Ziel der Sicherstellung der Kontinuität des Gemeinwesens angemessenes Nachhaltigkeitsverständnis muss alle Ressourcen betrachten, von denen diese Kontinuität abhängt. Konventionelle, aktivistisch getriebene Nachhaltigkeitsdiskurse neigten bislang jedoch dazu, nur die Ressourcen zu betrachten, deren Schutz Gegenstand ihres jeweiligen Aktivismus ist.

Die Nachhaltigkeitsdebatte leidet zudem darunter, dass sie vor allem durch internationale Konferenzen und von ihnen verabschiedete Konsensdokumente getrieben wird. Das Ziel der beteiligten Akteure ist es meistens, Einschränkungen der eigenen Souveränität so weit wie möglich zu verhindern und dies mit in westlichen Gesellschaften akzeptierter politischer Rhetorik zu verbinden. In den damit verbundenen Abstimmungs- und Entscheidungsprozessen spielt die strategische Analyse von Herausforderungen oder das Ziel der Bewältigung der Herausforderungen konkreter Gemeinwesen praktisch keine Rolle.

In einem der gegenwärtig wichtigsten politischen Dokumente zum Thema Nachhaltigkeit, den 2015 verabschiedeten „Sustainable Development Goals“ (SDG) der Vereinten Nationen, fehlen daher wesentliche Aspekte von Nachhaltigkeit vollständig, etwa demographische und kulturelle Nachhaltigkeit187, während mit einem auf dem Gedanken der Menschenwürde beruhenden Verständnis von Nachhaltigkeit Ökologie des Menschen unvereinbare Forderungen wie die nach „sicherer Abtreibung“ in diesem Kontext erhoben und als Beitrag zur Förderung von Gesundheit und Menschenrechten dargestellt werden.188

Ein umfassenderes und damit angemesseneres Verständnis von Nachhaltigkeit, das auch bislang ausgeblendete Aspekte wie die Fähigkeit eines Gemeinwesens zur Gewährleistung seiner Sicherheit oder den Zustand seiner kulturellen und demographischen Grundlagen betrachtet, kann auf der Grundlage des Denkens der strategischen Wissenschaft entwickelt werden.

3.6.1 Verkürzte Betrachtungen von Nachhaltigkeit

Das Konzept der Nachhaltigkeit wird meist mit drei Handlungsfeldern oder Dimensionen verbunden, die zur Sicherstellung von Nachhaltigkeit zu berücksichtigen seien. Demnach gebe es eine ökonomische, ökologische und soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek kritisierte dieses Dreisäulenmodell, weil es keine Unterscheidung zwischen existenzbedrohenden und anderen Herausforderungen beinhalte.189 Die langfristige Kontinuität eines Gemeinwesens hängt außerdem auch von Faktoren ab, die anderen Handlungsfeldern zuzuordnen sind.

Die Verengung der Nachhaltigkeitsdebatte auf die genannten Dimensionen hat ihren Ursprung darin, dass diese in den 1970er Jahren vor allem von Akteuren aus dem progressiven Spektrum angestoßen wurde, die ihre umwelt- und sozialaktivistischen Einzelanliegen betonten und dabei vor allem auf Widerstand von Akteuren aus Wirtschaft stießen, so dass schließlich auch deren Belange berücksichtigt wurden. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Erfordernissen der langfristigen Kontinuität von Gesellschaften fand im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte aufgrund der jeweils sehr spezifischen Interessen der beteiligten Akteure bislang jedoch nicht statt.

Wesentliche Aspekte von Nachhaltigkeit im Sinne von Kontinuität fehlen daher häufig in der Nachhaltigkeitsdebatte, etwa demographische und kulturelle Aspekte. Dabei handelt es sich gerade um die Aspekte, bei denen die meisten westlichen Gesellschaften am wenigsten nachhaltig beschaffen sind, weshalb dieser Mangel gravierend ist. Ein Gemeinwesen, dass künftigen Generationen immer größere öffentliche Schulden auflastet und in großem Maßstab die Tötung von Kindern durch Abtreibung duldet, wird im Sinne der Generationengerechtigkeit kaum als nachhaltig bezeichnet werden können. In der Nachhaltigkeitsdebatte spielen diese Themen bislang jedoch praktisch keine Rolle. Im Fall mehrerer europäischer Staaten werden im 21. Jahrhundert ökologische, soziale oder wirtschaftliche Herausforderungen im Sinne der konventionellen Nachhaltigkeitsdebatte sehr wahrscheinlich zwar gravierende, aber keine existenzbedrohenden Auswirkungen haben, während die demographische und kulturelle Kontinuität mehrerer Gemeinwesen durchaus in Frage gestellt ist.

Die hier skizzierten Dimensionen von Nachhaltigkeit sollen Herausforderungen in diesem Bereich daher umfassender betrachten, als es in der Nachhaltigkeitsdebatte bislang der Fall ist. Dabei wird vor allem auf Erkenntnisse der Strategieforschung zurückgegriffen, die sich mit der langfristigen Kontinuität bzw. mit dem Erfolg von Organisationen und Staaten auseinandergesetzt hat. Auch in der Nachhaltigkeitsforschung gibt es Ansätze, die genannten Dimensionen zu erweitern, was hier aufgegriffen wird.190

3.6.1 Nachhaltigkeit aus der Perspektive der strategischen Wissenschaft

Die Disziplin der strategischen Wissenschaft befasst sich mit der politikwissenschaftlichen Analyse der existenziellen Herausforderungen, denen Gemeinwesen gegenüberstehen. Sie geht dabei von einem erweiterten Sicherheitsbegriff aus, der eine Gesamtbetrachtung dieser Herausforderungen über militärische Bedrohungen hinaus anstrebt. Grundlage ist ein anwendungsorientiertes Verständnis von Politikwissenschaft sowie ein interdisziplinärer Ansatz, der sich auf die Arbeit vor allem von Politikwissenschaftlern sowie auf den Austausch mit Experten aus Politik, Behörden und Wirtschaft stützt.191 Dieser strategische Ansatz kann auch dazu beitragen, vorhandene Lücken bei der Betrachtung der Nachhaltigkeit von Gemeinwesen zu schließen.

3.6.2 Nachhaltigkeit und der Schutz strategischer Ressourcen

Ressourcen sind die Mittel, Eigenschaften oder Bedingungen, die ein Gemeinwesen zur Erreichung seiner Ziele benötigt, etwa des Ziels der Kontinuität. Ressourcen können erneuerbar oder nicht erneuerbar sowie materiell oder immateriell sein und sind in der Regel knapp. Strategische Ressourcen sind die Ressourcen, die für ein Gemeinwesen von existenzieller Bedeutung sind und von einer nachhaltigkeitsorientierten Politik daher geschützt werden müssen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Porter identifizierte fünf Kategorien strategischer Ressourcen:

  • Menschliche Ressourcen (die Bevölkerung eines Staates und deren Gesundheit);
  • Natürliche Ressourcen (Land, Wasser, Industrierohstoffe, Energie, Nahrungsmittel);
  • Wissen (vor allem naturwissenschaftliches, technologisches und organisatorisches Wissen sowie Wissen bzgl. der eigenen Lage);
  • Kapital (finanzielle Mittel, die zur Erreichung der eigenen Ziele zur Verfügung stehen);
  • Infrastruktur-Ressourcen.192

Porter konzentrierte sich in seiner Analyse jedoch vor allem auf den langfristigen Erfolg von Gemeinwesen im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb, weshalb andere, ggf. existenziellere Herausforderungen für den Bestand eines Gemeinwesens und die Nachhaltigkeit der mit diesen Herausforderungen verbundenen Ressourcen keine Rolle spielen.

Die strategische Wissenschaft betrachtet strategische Ressourcen daher auf eine noch umfassendere Weise. Hier werden die Ressourcen, die ein Gemeinwesen zur Erreichung seiner Ziele benötigt, unter Begriffen wie „National Power“ oder „Comprehensive National Power“ zusammengefasst. Dabei kann es sich um natürliche Ressourcen handeln, aber auch um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, leistungsfähige Institutionen (etwa die politische Ordnung oder die Streitkräfte eines Staates), Menschen und kulturelle Faktoren. Die aus dem gemeinsamen kulturellen Hintergrund von Menschen entstehenden gesellschaftlichen Bindungen werden hier zum Beispiel als eine strategische Ressource betrachtet, weil von ihr der Zusammenhalt in einem Gemeinwesen abhängt.193 Die Bindungen in einem Gemeinwesen stellen somit ebenfalls eine strategische Ressource dar.

Den strategischen Ressourcen entgegengestellt sind strategische Verwundbarkeiten, bei denen es sich um geographische, wirtschaftliche, politische, soziale und andere Faktoren handeln kann.194 Der strategischen Ressource der sozialen Bindungen und der kulturellen Substanz, auf denen sie beruht, werden zum Beispiel als strategische Verwundbarkeit kulturelle Heterogenität und Fragmentierung gegenübergestellt, weil sie die Bindungen in einem Gemeinwesen schwächen.195

3.6.3 Die kulturelle Kontinuität des Staatsvolkes als höchstes strategisches Nachhaltigkeitsziel

Laut Peter Carnau erfordert die Auseinandersetzung mit der Frage der Nachhaltigkeit zunächst immer auf der „Bestimmung dessen, was Bestand haben soll“. Die Grundidee beruhe auf der Einsicht, „dass ein System dann nachhaltig ist, wenn es selbst überlebt und langfristig Bestand hat“.196 In einer freiheitlichen Demokratie müsste das Gut, das primär zu sichern ist, die Kontinuität des Staatsvolks sein.

Dem Soziologen Raymond Aron zufolge ist der Erhalt des Gemeinwesens der grundlegende (weil existenziellste) Aspekt des Gemeinwohls.197 Der Selbsterhalt eines Gemeinwesens könne wiederum viele Aspekte umfassen, etwa den Fortbestand seiner politischen Ordnung und seiner Kultur, die Handlungsfreiheit seiner politischen Führung oder die Sicherheit seiner Bürger.198

Das Konzept der Menschenwürde beinhaltet die Zielsetzung, dass staatliches Handeln dem Menschen dienen soll und nicht der Mensch dem Staat. Im freiheitlich-demokratischen Staat der europäischen Tradition geht die Staatsgewalt zudem vom Staatsvolk aus. Daraus ergibt sich, dass die Kontinuität des Staatsvolkes im staatlichen Handeln freiheitlicher Demokratien allen anderen Nachhaltigkeitszielen wertmäßig übergeordnet ist.

Die christliche Soziallehre definiert das Staatsvolk vor allem durch geistige Faktoren bzw. als Träger einer bestimmten Kultur, welche die Grundlage des Gemeinwesens und seiner Institutionen darstellt.199 Das Volk wird hier als Träger einer „spezifischen Kulturgestalt“ bzw. Kulturgemeinschaft und als „langdauernde äußere Lebensgemeinschaft“ verstanden. Diese müsse nicht auf einheitlicher Abstammung beruhen Die Kontinuität des Staatsvolkes ist daher gleichbedeutend mit der Kontinuität der Kultur, die dieses Volk ausmacht. Johannes Paul II. betonte in diesem Zusammenhang, dass die Kultur das Wesen eines Volkes ausmache und es ihr auch unter extremen Bedingungen, etwa nach dem Verlust der politischen Unabhängigkeit, erlaube fortzubestehen.200

Der Verfassungsrechtler und ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof definierte das Staatsvolk analog dazu als „die Menschen, die einer Kulturgemeinschaft […] angehören“.201 Im freiheitlichen Staat sei das Staatsvolk eine durch Bindungen und gegenseitige Verantwortlichkeiten gefestigte „Kultur- und Rechtsgemeinschaft“.202 Die Zusammensetzung und Beschaffenheit des Staatsvolkes dürfe nicht als gleichgültig betrachtet werden. Eine Demokratie sei nur so gut wie ihr Staatsvolk und der Auftrag des Staates sei es, das Volk zu schützen und ihm zu dienen.203 Der freiheitliche Staat setze zudem eine bestimmte Kultur vor. Er lebe „aus dem Humus, aus dem er erwächst“ und sei „Ausdruck seiner geistigen Wurzeln.“204 Dies impliziert, dass ein nachhaltiges Gemeinwesen vor allem diese Wurzeln intakt halten muss.

Wie das jüdische Beispiel zeigt, kann ein Volk zudem auch ohne Staat überleben, während ein Staat nicht ohne Volk existieren kann. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) hob die bemerkenswerte Kontinuität des jüdischen Volkes hervor. Es habe sich über die Jahrtausende hinweg als Nation nicht aufgelöst, sondern es geschafft, „daß es auch sich selbst behält, daß es Israel bleibt, daß die Juden die Juden und ein Volk geblieben sind“ und es „immer seine Identität behalten“ hat. Was diese historisch einmalige Kontinuitätsleistung ermöglicht habe, bleibe ein „absolutes Rätsel“. Die Einmaligkeit dieser Leistung deute darauf hin, „daß hier etwas anderes am Werk ist“. In der Kontinuität des jüdischen Volkes werde „etwas von der Beständigkeit, ja vom Geheimnis Gottes“ sichtbar.205

3.6.4 Strategische Nachhaltigkeit im politischen Denken des Judentums

Die Auseinandersetzung mit Fragen kultureller Kontinuität und Resilienz wurde im christlichen Geistesleben in Europa lange vernachlässigt. Eine wesentlich intensivere Auseinandersetzung mit diesem Thema findet im Judentum statt, das aus historischen Gründen immer wieder dazu gezwungen war, sich mit existenziellen Bedrohungen und Risiken sowie Möglichkeiten ihrer Bewältigung auseinanderzusetzen. Der Historiker Shalom Salomon Wald hat vor diesem Hintergrund versucht, das Konzept der Nachhaltigkeit des Gemeinwesens strategisch operationalisierbar zu machen, indem er die Faktoren untersuchte, die den langfristigen Bestand und die Entfaltung eines Gemeinwesens in der Geschichte gefördert haben. Ihm zufolge seien dies die folgenden Faktoren:

  • Pflege seines Kulturkerns und seiner Identität;
  • Stärkung innerer Bindungen;
  • Konstruktive Beilegung innerer Konflikte;
  • Äußere Verteidigungsbereitschaft und Wehrhaftigkeit;
  • Hohe Qualität des Führungspersonals;
  • Hohes Leistungsniveau in Naturwissenschaft und Technik;
  • Belastbare Allianzen und zuverlässige Verbündete;
  • Wohlstand und konstruktive Beilegung von Verteilungskonflikten;
  • Intakte demographische Grundlagen.206
3.6.5 Nachhaltigkeit und Resilienz

Das Streben nach Nachhaltigkeit ist eng mit dem Streben nach Resilienz verbunden. Während Resilienz die Fähigkeit eines Gemeinwesens ist, die existenziellen Herausforderungen, denen es gegenübersteht, zu bewältigen, ist Nachhaltigkeit die Fähigkeit eines Gemeinwesens zur langfristigen Kontinuität.

Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb setzte sich mit den Eigenschaften nachhaltiger bzw. resilienter Strukturen auseinander. Diese würden aktiv nach möglichen Bedrohungen suchen, diese frühzeitig erkennen und seien dadurch in der Lage, sich auf sie einzustellen. Sie seien außerdem dezentral bzw. in kleinen Einheiten organisiert und würden Reserven und Redundanzen bilden. Modernes, theoriegeleitetes Denken neige irrtümlicherweise dazu, traditionelle Lösungen und Ansätze als irrational abzulehnen, die im Gegensatz zu theoriebasierten Ansätzen jedoch unter komplexen Bedingungen langfristig erprobt seien. Traditionelle Ansätze seien ihren Wesen nach daher resilient und modernen Ansätzen oft überlegen, was ihre Krisentauglichkeit angehe.207

Jared Diamond beobachtete in seiner Studie über den Zusammenbruch von Gesellschaften, dass es primär von den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen sowie den kulturellen Werten einer Gesellschaft abhänge, ob sie existenzielle Herausforderungen erfolgreich bewältigen könne oder nicht.208

3.7 Dimensionen von Nachhaltigkeit

Auf der Grundlage der oben dargestellten strategischen Erwägungen zum Thema Nachhaltigkeit können sechs strategische Ressourcen bzw. Handlungsfelder von Nachhaltigkeit identifiziert werden.

  • Soziale und kulturelle Nachhaltigkeit: Ein Gemeinwesen ist sozial und kulturell nachhaltig, wenn ein möglichst großer Anteil der Bevölkerung sich mit diesem identifiziert, als sein Träger agiert und auch in Krisensituationen die Solidarität ihm gegenüber fortsetzt bzw. dazu bereit ist, es zu verteidigen. Scruton zufolge sei ein Gemeinwesen dann sozial gestaltet, wenn möglichst viele seiner Bürger „Teil des Netzes der Verpflichtungen“ seien, die es tragen.209 Ein Gemeinwesen ist somit dann sozial nachhaltig, wenn der Anteil derer, die aktiv zu seinem Bestand beitragen, möglichst hoch bzw. der Anteil derer, die öffentliche Unterstützung benötigen, möglichst gering ist. Soziale Nachhaltigkeit ist von kulturellen Ressourcen abhängig, etwa von der Akzeptanz gemeinsamer Normen innerhalb des Gemeinwesens.210 In christlicher Weltanschauung kommt dem Ziel der Kontinuität der kulturellen Identität eines auf der kulturellen Grundlage des Christentums stehenden Gemeinwesens zudem besondere Bedeutung zu.
  • Demographische Nachhaltigkeit: Ein Gemeinwesen ist demographisch nachhaltig, wenn die Stärke und Entwicklung seiner Bevölkerung stabil sind und nach oben hin nicht die Tragfähigkeit des Landes überschreiten. Demographische Nachhaltigkeit kann sich auch auf die Zusammensetzung einer Bevölkerung beziehen. Diese ist dann nachhaltig, wenn der Anteil von Bevölkerungsteilen, die als Träger des Gemeinwesens wirken, zumindest stabil ist. Gesundheit sowie Bildung und Ausbildung gehören ebenfalls zu den menschlichen Ressourcen.
  • Wirtschaftliche Nachhaltigkeit: Die Wirtschaft eines Landes ist dann nachhaltig, wenn sie ökonomische Erträge maximiert, ohne die dafür benötigten Ressourcen zu überdehnen. Ein Staat ist wirtschaftlich nachhaltig, wenn seine Ausgaben nicht seine Einnahmen überschreiten. Eine Gesellschaft ist wirtschaftlich nachhaltig, wenn Wirtschaft und Staat nachhaltig sind und ihre sonstigen Wohlstandsgrundlagen, etwa ihre naturwissenschaftliche und technologische Leistungsfähigkeit, intakt sind.
  • Ökologische Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaft ist dann ökologisch nachhaltig, wenn sie natürliche Ressourcen nur in dem Maße beansprucht, in dem diese sich regenerieren. Diese Ressourcen beinhalten landwirtschaftlich nutzbares Land, Trinkwasser, Atemluft, vorhandene günstige klimatische Bedingungen und die Fähigkeit des Ökosystems zur Absorption von Abfallprodukten. Bei Ressourcen, bei denen eine Regeneration nicht möglich ist, besteht ein nachhaltiger Umgang im Streben nach möglichst schonender Nutzung sowie nach langfristiger Ersetzung durch anderer, idealerweise erneuerbare Ressourcen.
  • Infrastrukturelle Nachhaltigkeit: Technisch fortgeschrittene Gesellschaften können nur dann nachhaltig funktionieren, wenn die Kritischen Infrastrukturen, von denen sie abhängen, resilient sind. Diese Infrastrukturen sind Einrichtungen oder Organisationen mit herausgehobener Bedeutung für das Gemeinwesen, bei deren Ausfall mit gravierenden Verwerfungen zu rechnen wäre. Dazu gehören Staat und Verwaltung, Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Gesundheit, Ernährung, Wasser, Transport und Verkehr sowie Finanz- und Versicherungswesen.
  • Institutionelle Nachhaltigkeit: Zu den Lebensgrundlagen eines Gemeinwesens gehören auch die Qualität und der Zustand seiner staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen. Staatliche Institutionen sind etwa dann nachhaltig, wenn sie sich am Gemeinwohl orientieren und dazu in der Lage sind, dieses zu gewährleisten. Zu diesen Institutionen gehören auch intakte Beziehungen gegenüber anderen Staaten, zuverlässige außen- und sicherheitspolitische Bündnisse sowie Streitkräfte, die glaubwürdig dazu in der Lage sind, Bedrohungen abzuschrecken oder abzuwehren. Unter den nichtstaatlichen Institutionen, die für ein Gemeinwesen von existenzieller Bedeutung und die deshalb relevant für die Frage seiner Nachhaltigkeit sind, ist vor allem die Familie zu nennen.

Kultureller und demographischer Nachhaltigkeit kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da sie gleichbedeutend mit der Kontinuität des Staatsvolkes als höchstem Nachhaltigkeitsziel sind.

4. Ganzheitliche Ökologie und Nachhaltigkeit in der abendländischen Tradition und Geistesgeschichte

Die Vorstellung, dass der Mensch Teil einer von Gott geschaffenen kosmischen Ordnung ist, die er nicht verändern kann und von der er abhängig ist, gehört zum Kernbestand aller Religionen und reicht zurück bis in vorgeschichtliche Zeit. Das Christentum entwickelte auf dieser Grundlage im Mittelalter eine eigene Schöpfungsspiritualität. Ganzheitliches ökologisches Denken bildete sich ab dem späten 19. Jahrhundert heraus. Seine Wurzeln liegen im Denken des christlichen Konservatismus und der Romantik, die damit auf Fehlentwicklungen der Moderne reagierten. Bis in die späten 1970er Jahre spielten christlich-konservative Ansätze in der Umweltbewegung im deutschsprachigen Raum eine wichtige Rolle. Sie unterscheiden sich deutlich von den neuheidnischen Ansätzen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts herauszubilden begannen, sowie von den neomarxistisch geprägten Ansätzen, welche die Umweltbewegung seit den 1970er Jahren prägen.

4.1 Die religiöse Urtradition der Menschheit und das Christentum

Der Historiker Christopher Dawson schrieb, dass am Beginn aller Religionen die Schau kosmischer Ordnung und der Versuch gestanden habe, das Leben des Menschen und menschlicher Gemeinschaften in die Übereinstimmung mit dieser Ordnung zu bringen. In den ältesten Religionen habe noch keine Unterscheidung zwischen der Ordnung der Natur und der metaphysischen Ordnung des Kosmos stattgefunden.

Die fundamentalste Erfahrung des Menschen sei die der Kreisläufe der Natur. Auch auf der niedrigsten Stufe der Kultur wisse der Mensch „von Geburt und Tod und der Folge der Generationen“. Der Mensch habe daher von Beginn an versucht, „in seinem religiösen Leben den Kreislauf der Natur mit dem Kreislauf des menschlichen Lebens in Einklang zu bringen“, wie es in Naturreligionen überall auf der Welt der Fall war. Die christliche Tradition habe an diese religiöse Urtradition der Menschheit angeknüpft, etwa in Form der „Tendenz kosmische und soziale Elemente im liturgischen Jahr zu verschmelzen“.211 Auch die Mythologien der heidnischen Religionen seien „nicht unverträglich mit einem tiefen und echten Gefühl für die göttliche Ordnung der Natur“ gewesen.212

Naturbeobachtung als Versuch des Verständnisses der Ordnung des Kosmos sei zudem nicht auf Naturreligionen und die auf ihnen beruhenden Kulturen beschränkt. Je mehr sich die Menschen mit diesem Studium beschäftigt hätten, etwa mit dem der Sterne, desto mehr seien sie „von der Sinnhaftigkeit der ewigen Ordnung beeindruckt“ gewesen, welche auch die größten sichtbaren Phänomene beherrscht, die wiederum das Leben des Menschen beherrschen. So wies die Beobachtung der Natur schließlich den Blick des Menschen über die Natur hinaus und wurde ein Weg zur Erfahrung Gottes.

Es entstand „heilige Wissenschaft“, etwa die Erforschung des Kalenders, die „überall mit dem Aufstieg der höheren Formen der Zivilisation verbunden“ gewesen sei. Im antiken Griechenland sei auf der Grundlage des entsprechenden von den Babyloniern übernommenen Wissens um 250 v. Chr. ein vager Monotheismus entstanden, den der Philosoph Aratos von Soloi (ca. 310–245 v. Chr.) beschrieben habe. Das Christentum habe daran anknüpfen können.213 Der Apostel Paulus zitierte bei seinen Missionsreisen im griechischen Kulturraum Texte des Aratos.214

4.2 Die christliche Schöpfungstheologie des Mittelalters

Augustinus stellte in der Spätantike seinem Werk über das Reich Gottes in der Welt eine Betrachtung der Abhängigkeit des Menschen von der Natur und seine Eingebundenheit in die Schöpfungsordnung voran. Gott sei es, „der die Erde gründet und fruchtbar macht“. Die Schöpfung sei zu bejahen, weil Gottes Güte Gutes schaffen wollte“. Dies belegten die „Schönheit des Himmels, der Erde und des Meeres“ und „die dichtbelaubten Wälder, die Farben und Düfte der Blumen, die Menge zwitschernder, bunter Vögel in ihren mancherlei Arten, die Vielgestaltigkeit zahlloser Tiere, die je kleiner, desto wunderbarer sind“.215 Augustinus formulierte außerdem mit dem Konzept des liber naturae eine theologische Naturdeutung. Die natürliche Umwelt gleiche einem Buch, in dem die Lehre Gottes gelesen werden kann. Christliche Denker knüpften daran im Mittelalter an.216

Im Mittelalter entstand auf dieser Grundlage eine christliche Schöpfungstheologie, welche die Rolle des Menschen als Teil der von Gott geschaffenen Ordnung, die Notwendigkeit der Achtung dieser Ordnung und den Auftrag zu ihrem Schutz betont. Die in Europa entstandene christliche Spiritualität betont außerdem die Eingebundenheit des Menschen in seine natürliche Umwelt bzw. in einen Kosmos, der die als untrennbar miteinander verbunden betrachtete physische und geistige Wirklichkeit umfasst.

Die Schöpfungstheologie beinhaltet die Annahme, dass der Mensch die Schöpfungsordnung mittels des Verstandes erfassen könne. Thomas von Aquin zufolge werde die Schöpfung von „Sekundärursachen“ bestimmt, „so wie wenn ein Schiffsbauer einem Stück Holz die Fähigkeit verliehen hätte, sich selbst zu einem Schiff zu entwickeln“. Charles Darwin bezog sich bei der Verteidigung seiner Evolutionstheorie auf diesen Gedanken bzw. auf die naturwissenschaftlich beobachtbaren „Gesetze […], die der Schöpfer der Materie eingegeben hat“.217

Diese Theologie nimmt den Menschen außerdem als Verwalter der ihm von Gott anvertrauten Schöpfung wahr218, der die Natur, in der er eine herausgehobene Rolle einnimmt, durch Kultur vollenden soll. Ihre religiöse Praxis ist außerdem eng mit der natürlichen Umwelt Europas verbunden. Der Jahreskreis christlicher Feste ist zum Beispiel unmittelbar mit den Zyklen der Natur verbunden, wie sie in Europa anzutreffen sind. Feste wie Weihnachten und Ostern greifen ebenfalls Bezüge zur Natur Europas auf, etwa die Wintersonnenwende oder den Frühling der Nordhalbkugel, um religiöse Botschaften auf eine den Menschen Europas intuitiv verständliche Weise zu vermitteln.

Christliche Weltanschauung nimmt dabei allgemein in der Schönheit der Natur ein Abbild der Schönheit des Schöpfers wahr, wie die Lehre der katholischen Kirche betont. Die „Ordnung und Harmonie der erschaffenen Welt“ rufe die „Bewunderung der Wissenschaftler“. Die Schönheit der Schöpfung spiegele „die unendliche Schönheit des Schöpfers“ wider. Sie solle „Ehrfurcht wecken und den Menschen dazu anregen, seinen Verstand und seinen Willen dem Schöpfer unterzuordnen.“219

Im zwölften Jahrhundert verfasste die Benediktinerin und katholische Heilige Hildegard von Bingen naturkundliche Schriften und setzte sich in diesem Zusammenhang auch mit ökologischen Fragen auseinander. Sie sah dabei einen engen Zusammenhang zwischen spirituellen Problemen und der Zerstörung der Umwelt. In einem ihrer Werke schrieb sie, sie habe „mit einem wilden Schrei die Elemente der Welt“ rufen hören, sie könnten aufgrund der schlechten Taten „nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden“. Alle Winde seien „voll vom Moder des Laubes, und die Luft speit Schmutz aus, so daß die Leute nicht einmal mehr recht ihren Mund aufzumachen wagen“. Es „welkte die grünende Lebenskraft durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen“, die nur „ihrer eigenen Lust folgen“.220

Sie bezeichnete die Erde als „Mutter“, weil „alles, was nur immer Gestalt und Leben irdischer Natur hat, sich aus ihr erhebt, und da schließlich selbst der Mensch […] aus Erde geschaffen wurde“. Die Erde sei der „Grundstoff des Werkes Gottes am Menschen“. Aus Erde sei „jenes Werk, das Gott als den Menschen schuf, und es ward der Grundstoff jener Jungfrau, die in der lauteren und heiligen Menschheit den Sohn Gottes ohne Makel hervorbrachte“.221 In dem die Erde unmittelbar mit Gott in Verbindung gebracht wird, wird ihr hier eine heilige Eigenschaft zugesprochen.

In wichtiges Dokument christlicher Schöpfungsspiritualität ist auch der Sonnengesang des heiligen Franziskus von Assisi, der um das Jahr 1225 seine Verehrung gegenüber der Schöpfung ausdrückte, in der er das Wirken des Schöpfers erkannte. Zugleich betonte er in seinem Text die Abhängigkeit des Menschen von dieser Schöpfung.

„Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein ist das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder Sonne,
der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz:
von dir, Höchster, ein Sinnbild. […]

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind,
für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.

Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser.
Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch. […]

Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.“

Schöpfungstheologische Gedanken finden sich auch im Werk des Arztes und evangelischen Theologen Albert Schweitzer (1875-1965), der das Leben allgemein als Werk Gottes und damit als heilig betrachtete. Der Mensch habe den Auftrag, dass er „sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt“. Dies gelte nicht nur für menschliches Leben.[Note]Zit nach Gruhl 1985, S. 214.[/note]

4.3 Die christlichen Ursprünge der Umweltbewegung im 19. Jahrhundert

Laut dem Historiker Peter Hersche haben christlich-konservative Katholiken aus dem Umfeld der deutschen Romantik sich zuerst mit Herausforderungen auseinandergesetzt, die in Folge der Industrialisierung für die natürlichen, kulturellen und sozialen Lebensgrundlagen des Menschen entstanden seien. Sie hätten damit die Tradition der „konservativen Ökologie“ begründet.222

Laut Jürgen Wüst stehe der Ökologiegedanke in einem „symbiotischen Verhältnis“ zur Weltanschauung des Konservatismus. Die „Ökologie als Wissenschaft“ zeige „jene natürlichen Ordnungen und Gesetzmäßigkeiten auf, für deren Beachtung und Bewahrung der Wertkonservatismus als theoretischer Überbau dann eintritt“.223

Der Publizist Fabian Federl wies in diesem Zusammenhang auf die natürliche Affinität konservativ eingestellter Menschen zum ökologischen Denken hin. Konservative Milieus seien in vieler Hinsicht die Träger und Treiber ökologischen Fortschritts in Deutschland gewesen, auch weil sie dazu neigen, „skeptisch auf neueste Umwälzungen blicken“. Kernelemente des auf die Bewahrung gewachsener Werte ausgerichteten christlich-konservativen Denkens seien „in nahezu jeder ökologischen Bewegung der vergangenen 200 Jahre“ prägend gewesen.224

Gerd-Klaus Kaltenbrunner zufolge sehe der Konservatismus gemäß dem christlichen Menschenbild den Menschen als „Mitglied und Hüter einer ihn umgreifenden Ordnung“.225 Die ökologische Krise verliehe „den typisch konservativen Tugenden des Erhaltens, Hegens und Bewahrens, der Bindung des Menschen an ihn übergreifende Ordnungen eine neue Aktualität.“226

4.3.1 Romantik und christlicher Konservatismus

Der Umweltschutzgedanke entstand im Zuge der Hinwendung zur Natur durch die Romantik als Antwort auf die Auflösung von Traditionen sowie auf Verstädterung und Industrialisierung ab dem späten 18. Jahrhundert. Diese beeinträchtigten sowohl die natürliche Umwelt als auch die Ästhetik des Lebensumfelds der Menschen sowie die Traditionen und Bindungen, in die sie bis dahin eingebunden waren.

Die Romantik betonte als Antwort darauf nicht nur die Einbindung des Menschen in die Natur und entdeckte deren Schönheit und ästhetischen Wert, sondern kritisierte auch die industrielle Vernutzung der natürlichen Umwelt. Dieses Streben nach dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen war im Denken der Romantik eng verbunden mit einem christlich, vielfach katholisch geprägten Streben nach Erneuerung der religiösen Lebensgrundlagen des Menschen und verstärktem Interesse an Spiritualität, Kultur und Ästhetik des Mittelalters.227

Das konservative Denken der Romantik warnte außerdem vor der Entstehung einer Einheitskultur durch die Industrialisierung, vor der Zerstörung von kultureller Identität und gewachsener Ordnung durch materialistische Ideologien und Konflikten durch das Wirken revolutionärer Ideologien.228

Das Denken der Romantik unterschied sich in diesem Punkt von den Modernisierungsideologien Liberalismus und Sozialismus bzw. Kommunismus. Deren Fortschrittsbegriff betont die Beherrschung und immer weiter reichende wirtschaftliche Nutzung der Natur, nicht jedoch ihre Bewahrung. Modernen Ideologien nahestehende Strömungen in der Kunst betonten, anders als die Kunst der Romantik, außerdem Naturferne und strebten die Loslösung der Kunst von natürlichen sowie traditionellen Vorbildern und Formen ab.

Der christlich-konservative politische Philosoph Edmund Burke stellte der nach Auflösung von Bindungen strebenden Ideologie des Liberalismus eine konservative Nachhaltigkeitsidee gegenüber. Im Kontext der Frage nach der Gestaltung von Landbesitz warf Burke dem Liberalismus vor, die Zerstörung des Landes zu fördern. Indem er dieses als Ware und nicht als Erbe betrachte, fördere er die kurzfristige Ausbeutung des Landes ohne Rücksicht auf künftige Generationen. Konservative hingegen würden das Land als Erbe betrachten, das sie von ihren Vorfahren erhalten und intakt an künftige Generationen zu übergeben hätten, weil sie innerhalb der Kette der Generationen Pflichten sowohl gegenüber Vorfahren als auch gegenüber Nachkommen hätten.229

Thomas Paine, einer der führenden liberalen Zeitgenossen Burkes, entgegnete darauf, dass es sich bei kommenden Generationen ebenso wie bei Vorfahren um „Nicht-Entitäten“ handele, gegenüber denen keinerlei Pflichten existierten. Man müsse die Freiheit der Lebenden gegenüber den Ansprüchen der Nichtlebenden verteidigen.230

Dem Historiker Rolf Peter Sieferle zufolge habe das organische Verständnis der Gesellschaft, das von einer Einheit von Natur und Gesellschaft sowie von Individuum und Gemeinschaft ausgehe, im 19. Jahrhundert eine wesentliche geistige Grundlage für das Entstehen der Umweltbewegung dargestellt. Die christlich beeinflussten konservativen Strömungen dieser Zeit hätten sich damals gegen das Denken der Aufklärung gestellt. Dieses habe Gesellschaften mit mechanischen Analogien zu verstehen versucht und sie, so wie die Natur, für vollständig durch den Menschen kontrollierbar gehalten. Außerdem sei die Aufklärung für die immer weiterreichende Ausbeutung der Natur für den Menschen eingetreten. Konservative hätten darauf mit Fortschritts-, Technologie- und Zivilisationskritik geantwortet.231

Kaltenbrunner schrieb vor diesem Hintergrund, dass progressive Ideologien wie der Liberalismus sich aufgrund der ihnen zugrunde liegenden weltanschaulichen Annahmen als unfähig erwiesen hätten, für eine konsequente Berücksichtigung ökologischer Belange einzutreten. Wenn „angesichts der Gefahr einer Ökokatastrophe und der Lehren von zwei Jahrhunderten Revolution nicht mehr die progressive Entfesselung der industriellen Produktivkräfte, die stetige Steigerung des Lebensstandards und die Verwirklichung einer sozialen Utopie zeitgemäß sind, sondern die Verhütung des Weltuntergangs, die Bewahrung der Natur und die umsichtige Verwaltung der immer knapper werdenden Bestände, dann ist schwer einzusehen, wie diese von den ‚Grenzen des Wachstums‘ uns auferlegten Notwendigkeiten durch eine progressistisch-emanzipatorische Theorie und Praxis bewältigt werden könnten.“

Laut Peter Hersche spielte vor allem der konservative bzw. restaurative Katholizismus des frühen 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Umweltgedankens. Seine Träger seien häufig Konvertiten gewesen, die den beginnenden Wirtschaftsliberalismus ihrer Zeit und seine Auswirkungen, darunter auch Umweltzerstörung, kritisierten. Neben sozialen Problemen seien die Abwertung der Landwirtschaft und die Idealisierung des Handels, aber auch die Zerstörung des Waldes auf Ablehnung bei christlich-konservativen Denkern dieser Zeit gestoßen.232

  • Ein früher Vordenker der ganzheitlichen Ökologie war der 1805 zum Katholizismus konvertierte Philosoph und Ökonom Adam Heinrich Müller (1779–1829), der vor einer bevorstehenden „Weltherrschaft der Industrie“ und ihrer „neuen Priester“ warne. Diese hofften, „mit der Natur und ihren feindseligen oder ungewissen Kräften für immer fertigzuwerden“. Er kritisierte außerdem die Ideologie permanenten Wachstums und erklärte, dass nicht auf Kosten künftiger Generationen gewirtschaftet werden dürfe.
  • Der ebenfalls aus dem restaurativ-katholischen Umfeld stammende Philosoph Franz von Baader (1765–1841) warnte vor den Folgen ungehemmter Ausbeutung der „Mutter Erde“ und wies zugleich auf die negativen sozialen Folgen der Industrialisierung hin.233
  • Achim von Arnim (1781–1831) beklagte im frühen 19. Jahrhundert den Verlust der „alten Bäume, unter denen wir noch gestern richteten, die uralten Zeichen fester Grenzen, was ist damit geschehen, was geschieht?“ Wenn die Höhen der Berge einmal abgeholt seien, wachse dort nie wieder etwas. Dass „Deutschland nicht so verwirtschaftet werde, sei unser Bemühen!“234

Die Vertreter der katholischen Romantik hätten sich „politisch als Konservative verstanden und die eigentliche Gegenströmung zum entstehenden Liberalismus“ gebildet. Ihre sozialen Gedanken seien von anderen katholischen Autoren aufgegriffen worden und später in die katholische Soziallehre eingeflossen.235

Der Politikwissenschaftler Felix Dirsch sprach bezüglich der Anfänge der Umweltbewegung während der Romantik von einer „Allianz von Konterrevolution, Kapitalismuskritik und Naturverbundenheit“, die jedoch einem allgemeinen Fortschrittsoptimismus gewichen sei, der bis in das späte 19. Jahrhundert prägend gewesen sei.236

4.3.2 Die Heimatschutzbewegung

Gegen Ende des 19. Jahrhundert wich der oben beschriebene Fortschrittsoptimismus zunehmender einer Zivilisationskritik, die auch den Gedanken des Umweltschutzes wieder aufgriff. Einer der Vordenker dieser Zivilisationskritik war der Philosoph Julius Langbehn (1851–1907).

Außerdem entstand die Heimatschutzbewegung, die einen ganzheitlichen Ökologiegedanken verfolgte, der nicht nur die natürliche Umwelt, sondern auch Kultur und Tradition bewahren wollte. Die Bewegung engagierte sich für die Denkmalpflege, die Pflege traditioneller Baukunst, den Landschaftsschutz, den Schutz der Tier- und Pflanzenwelt, der Volkskunst und der traditionellen Sitten und Gebräuche sowie Trachten. Diese Bewegung ging wesentlich auf das Wirken des Komponisten Ernst Rudorff (1840–1916) zurück, der sich im Umwelt- und Landschaftsschutz engagierte und 1897 ein Buch mit dem programmatischen Titel „Heimatschutz“ veröffentlichte, in dem er den Materialismus moderner Ideologien verurteilte.237

Anders als die oben erwähnte katholisch-romantische Strömung war die Heimatschutzbewegung vor allem protestantisch geprägt bzw. stieß vor allem in protestantischen Milieus in Nord- und Ostdeutschland auf Unterstützung, in denen die Industrialisierung  stärkere Auswirkungen hatte als in den katholischen Regionen Deutschlands.238 Katholiken setzten sich zu diesem Zeitpunkt vorwiegend mit den sozialen Folgen der Industrialisierung auseinander und waren in der Heimatschutzbewegung Hersche zufolge deutlich schwächer vertreten als Protestanten. Außerdem sei diese Bewegung in einer Zeit entstanden, in der modernistische Strömungen im Katholizismus versuchten, ihre Fortschrittlichkeit unter Beweis zu stellen. Dies habe sich in geringerem Interesse an Umweltfragen ausgewirkt.239

4.4 Christlich-konservative Ökologieansätze nach dem Zweiten Weltkrieg

Laut Hersche seien es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. zwischen 1950 und 1970 „konservative Kräfte“ gewesen, die Umweltfragen „zuerst und dringlich erörterten.“ Sie hätten sich vor allem in der seit 1971 von Max Himmelheber und Friedrich Georg Jünger herausgegebenen Zeitschrift „Scheidewege“ geäußert, in der auch der katholische Philosoph Robert Spaemann (1927–2018) Aufsätze zu Umweltfragen veröffentlichte.240 Auch Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939–2011) setzte sich in den 1970er Jahren mit Umweltfragen auseinander.

In der materialistischen Grundstimmung der westdeutschen Gesellschaft nach dem Krieg stießen diese Stimmen jedoch zunächst auf wenig Resonanz. Außerdem wurden die kulturpessimistischen und zivilisationskritischen Stimmen, die die konservative Umweltbewegung in der Zeit vor dem Krieg prägten, von Anhängern der erstarkenden neomarxistischen Ideologie als Wegbereiter des Nationalsozialismus diskreditiert. Jürgen Wüst zufolge stand Fortschrittskritik nach 1945 in Deutschland „außerhalb des Grundkonsenses“ und „hatte keinen legitimen ideologischen Ort mehr“.241

Kaltenbrunner zufolge wurden bis weit in die 1960er Jahre hinein „jene, die sich kritisch über die Gefahren des Fortschritts zu äußern wagten, als zivilisationsfeindliche Romantiker und Reaktionäre abgestempelt“.242

4.4.1 Geringes Interesse der Unionsparteien an Ökologiefragen

Die Überformung der Unionsparteien in Deutschland durch neoliberale Ideologie nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass konservativ-ökologische Impulse in diesen keine größere Wirkung entfalten konnten.

Der SPD-Politiker Peter Glotz schrieb Ende der 1980er Jahre, dass Konservative sich mit den Themen Umwelt und Ökologie „einen wichtigen Teil ihrer Kronjuwelen klauen lassen“ hätten.243 Roger Scruton bewertete es als „erschütternd“, dass konservative Parteien die „Sache des Umweltschutzes […] nicht als ihre eigene erkannt haben.“ Ein Grund dafür sei, „dass das Denken der Konservativen durch die Ideologie der Konzerne […] und durch den Aufstieg des ökonomischen Denkens bei modernen Politikern vergiftet wurde.“ Dies habe Konservative dazu veranlasst, „Bündnisse mit Leuten einzugehen, die meinen, die Bemühungen Dinge zu erhalten, seien nutzlos und altmodisch.“244

Der ehemalige Generalsekretär der „Deutschen Bundesstiftung Umwelt“ und CDU-Politiker Fritz Brickwedde schrieb 2019 rückblickend, dass die Entscheidung der Unionsparteien, in den 1970er Jahren auf Distanz zu Denkern wie Herbert Gruhl zu gehen, „ein strategischer Fehler“ gewesen sei. Themen wie „Bewahrung der Schöpfung, Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen, der Schutz der Heimat und Identität“ seien „samt und sonders christliche und konservative Anliegen!“245

Laut Hersche mangele es bis in die Gegenwart an konservativ-ökologischen Akteuren in Deutschland. Es gebe nur Einzelpersonen, die in dieser Richtung aktiv seien. Diese seien politisch heimatlos, da keine Partei sich derzeit auf konservative Ökologieansätze berufe.246

4.4.2 Christlich-konservative Parteigründungen

Jürgen Wüst sprach von einem „ökologischen Wertkonservatismus“ der sich in Deutschland aufgrund der inhaltlichen Nähe zwischen dem Ökologiegedanken und den Gedanken des Konservatismus seit den 1970er Jahren herausgebildet habe.[/note]Jürgen Wüst: Konservatismus und Ökologiebewegung, Frankfurt a. M. 1993, S. 43.[/note]

Der CDU-Politiker Herbert Gruhl (1921–1993), ein konservativer Pionier des Umweltgedankens, wurde 1970 Leiter der Arbeitsgruppen für Umweltvorsorge der Unionsfraktion im Bundestag und der Partei. 1975 veröffentlichte er das Buch „Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik“ und wurde Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Nachdem er in der CDU mit seinen Gedanken auf Widerstand stieß und nach der Bundestagswahl 1976 seine Funktion als Leiter der oben genannten Arbeitsgruppen verlor, gründete er 1978 die „Grüne Aktion Zukunft“ (GAZ), die sich 1979 mit den Grünen vereinigte. Hier konnte er sich jedoch nicht gegen Kräfte der radikalen Linken durchsetzen, die das Umweltthema vor allem im Sinne neomarxistischer Mobilisierungsstrategien behandelten und es auf die für sie politisch nützlichen Aspekte reduzierten. Hersche schreibt, dass die „konservativen Umweltschützer“ bei den Grünen „nach 1980 marginalisiert und richtiggehend ausgebootet“ worden seien.247 Gruhl gründete daher 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP). In seinen Schriften trat er für eine Ethik des Verzichts und die Wiederentdeckung traditioneller Werte wie Familie und Heimat ein. Zur Beschreibung seiner Positionen schuf der den Begriff des „Naturkonservatismus“.

In GAZ und ÖPD engagierten sich die meisten der christlichen Konservativen, die sich in 1970er und 1980er Jahren mit Ökologiefragen auseinandersetzten. Die Autorin Christa Meves verankerte christliche Impulse im bildungs- und familienpolitischen Teil des Programms der GAZ. Der Journalist Franz Alt unterstützte nach seinem Austritt aus der CDU die ÖDP, die seinen Worten nach „auf das ‚C‘ im Parteinamen“ verzichte, aber für eine „christlich-inspirierte Politik“ stehe und „im besten Sinne des Wortes“ bewahrend sei. Der Biologe Joachim Illies war Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und von 1982 bis zu seinem Tod im gleichen Jahr Mitglied des Rates der ÖDP. Er betonte, dass es ihm bei seinem Engagement um die Verteidigung des christlichen Menschenbildes gegen die Entmenschlichung gehe, die naturwissenschaftlicher Materialismus bewirke.248

4.4.3 Wertkonservatismus und Ökologie in der politischen Linken

Günter Rohrmoser sah in der ökologischen Bewegung konservative Tendenzen wirken, derer sich diese Bewegung selbst nicht bewusst gewesen sei. Die Anhänger der ökologischen Linken seien „von ihrem Antrieb her Konservative, die es auf der Suche nach ihrer Identität so schwer haben, wie es so wenige bewußte, gebildete Konservative gibt“.249

Der Sozialdemokrat Erhard Eppler, der zu den Vordenkern der Umweltbewegung gehörte, unterschied Anfang der 1980er Jahre zwischen Wert- und Strukturkonservatismus. Strukturkonservatismus bestehe „aus dem letzten Aufguß des Liberalismus der Jahrhundertwende“ und sei eine Ideologie „zum Schutz und zur Rechtfertigung von Herrschaft“, die im Gegensatz zur christlich-konservativen Tradition stehe. Wertkonservatismus hingegen strebe nach der Bewahrung von Werten wie einer intakten natürlichen Umwelt, einer solidarischen Gesellschaft oder der Würde des Menschen.250

Zu den wertkonservativen Vertretern der politischen Linken gehörte auch der Philosoph und Dissident Rudolf Bahro (1935–1997), der 1979 aus der DDR nach Westdeutschland emigriert war. Er strebte danach, eine „Rettungsbewegung“ gegen die umfassende ökologische und kulturelle Krise der modernen Welt ins Leben zu rufen, die sich „auf den richtigen Konservatismus“ stützen und die historisch gewachsene geistig-kulturelle Substanz Europas durch „Rettungspolitik“ sowie durch die Bildung dezentraler Gemeinschaften alternativen Lebens bewahren sollte.251

Das Erbe Europas sah Bahro in Anknüpfung an den Historiker Edward Thompson durch ein als „Exterminismus“ bezeichnetes Phänomen bedroht. Bei diesem handele es sich um ein „letztes Stadium der Zivilisation“, das „die massenhafte Vernichtung von Leben, das wir für unwert befunden haben“, betreibe.252

Bahro argumentierte zeitlebens vorwiegend marxistisch, wandte sich nach dem Prager Frühling 1968 aber zunehmend vom Kommunismus ab, suchte geistig die Nähe zum christlichen Konservatismus und wandte sich zudem dem Christentum zu. Gegen Ende seines Lebens verbrachte er eine Zeit in einem Kloster.

4.4.4 Geistige Überformung der Kirche durch säkulare Umweltideologien

Die seit den 1960er Jahren verstärkt in der katholischen Kirche hervortretenden modernistischen Strömungen sowie die parallel dazu erstarkenden liberalen Strömungen im Protestantismus strebten wesentlich danach, als fortschrittlich wahrgenommen zu werden, weshalb sie auch mit dem oben beschriebenen traditionellen christlichen Denken weitgehend brachen. Die Anhänger dieser Strömungen versuchten statt dessen vielfach, ihre Fortschrittlichkeit dadurch unter Beweis zu stellen, dass sie die im Folge des Wirkens der 68er-Bewegung entstehenden, sich als fortschrittlich wahrnehmenden neomarxistisch geprägten Neuen Sozialen Bewegungen anschlossen oder diese unterstützen.

Diese Bewegungen griffen Umweltthemen jedoch meist auf, um damit Menschen gegen den „Kapitalismus“ bzw. gegen westliche Gesellschaftsordnungen zu mobilisieren. Diese Bewegungen lehnten meist jedoch auch das Christentum in seinen überlieferten Formen als Stütze der abgelehnten Gesellschaftsordnungen ab, weshalb Christen in diesen Bewegungen in der Regel nur um den Preis weitgehender Verleugnung des christlichen Glaubens geduldet wurden, weil man sie als nützlich ansah, um an Legitimität in bürgerlichen Teilen der Gesellschaft zu gewinnen. Eine Konfrontation mit menschenverachtenden und mit ganzheitlichem ökologischem Denken unvereinbaren Elementen in den Ideologien dieser Bewegungen, etwa deren fast durchgängiger Bejahung von Abtreibung, unterließen deren kirchliche Unterstützer, um weiter akzeptiert zu werden.

Eigene Impulse zu Ökologiefragen im Sinne christlicher Weltanschauung oder ein entsprechender Einfluss auf die Umweltbewegung gingen von modernistischen und liberalen Strömungen, die die beiden großen Konfessionen der Kirche in Deutschland seit den 1960er Jahren prägen, daher praktisch nicht aus.

5. Ökologie als Ideologie: Utopische und extreme Tendenzen in der Umweltbewegung

Das Ökologie- und Nachhaltigkeitsverständnis christlicher Weltanschauung, das tief in der Tradition des abendländischen Denkens verwurzelt ist, unterscheidet sich zum Teil deutlich von den entsprechenden Konzepten moderner und postmoderner utopischer Ideologien. Diese Ideologien weisen sowohl in ihren rechts- als auch in ihren linksgerichteten Erscheinungsformen in einigen Fällen ersatzreligiöse, totalitäre Tendenzen auf oder greifen Umweltthemen aus neomarxistischem Denken entspringenden Ressentiment gegenüber westlichen Gesellschaften heraus auf, deren Umsturz sie anstreben. Einige Strömungen in der Umweltbewegung lehnen zudem den Gedanken der Menschenwürde ganz poder teilweise ab und verneinen das Ziel der Kontinuität menschlichen Lebens. In anderen Strömungen wird das Gemeinwohl zugunsten von Einzelfragen wie dem Klimaschutz ausgeblendet. Außerdem ist in Teilen der Umweltbewegung eine Tendenz zu mangelndem Realismus bei der Beurteilung der Lage der Umwelt sowie eine Neigung zu Hedonismus und gesinnungsethischer Selbstdarstellung zu beobachten.

5.1 Die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung der Umweltbewegung

Die Umweltbewegung ist weltanschaulich sehr heterogen, Die kritische Auseinandersetzung mit bestimmten Tendenzen in Teilen der Umweltbewegung kann daher nicht in allgemeinen Aussagen oder Bewertungen über diese Bewegungen als Ganzem münden.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) äußerte sich allgemein positiv über die Umweltbewegung und deren „neues Bewußtsein […] der Verantwortung für die Menschheit im Ganzen“ und  „der Verantwortung für die Schöpfung“, das zu den positiven Dingen der Gegenwart gehöre.253 Gerd-Klaus Kaltenbrunner würdigte es aus einer christlich-konservativen Perspektive heraus als wesentliche historische Leistung der progressiven Umweltbewegung, dass sie, anders als die konservativen Parteien und die modernistischen Teile der Kirche, im von naivem Fortschrittsoptimismus geprägten geistigen Klima der Bundesrepublik in den 1960er Jahren anerkannt habe, „daß es überhaupt Grenzen gibt“.[nolte]Kaltenbrunner 1976, S. 8.[/note] Sowohl von der progressiven Umweltbewegung als auch von konservativen Denkern sind dementsprechend wertvolle Impulse für christliche Weltanschauung in den Bereichen Ökologie und Nachhaltigkeit ausgegangen.

Gleichzeitig gibt es in diesen Strömungen jedoch auch utopische und extreme Tendenzen, mit denen sich christliche Weltanschauung kritisch auseinandersetzen muss. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) hatte die Auseinandersetzung mit der „Irrationalität der politischen Mythen“ als den wichtigsten „Dienst des christlichen Glaubens an der Politik“ bezeichnet.254 Christliche Weltanschauung kann auf diese Weise utopischen und extremen Tendenzen entgegenwirken und dazu beitragen, dass dem Gemeinwohl dienende Ansätze in der Umweltbewegung sich stärker entfalten und besser wirken können.

Der Spaemann-Schüler Engelbert Recktenwald wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Tatsache, dass Umwelt-Themen auch ideologisch instrumentalisiert würden, nicht dazu führen dürfe, dass diese Themen generell unter Ideologieverdacht gestellt werden. Diejenigen, die dies täten, verfielen „derselben Korruption des Denkens wie ihre Gegner“.255

5.2 Umweltaktivismus als politische Religion

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin beschrieb 1938 totalitäre und utopische Ideologien als politische Religionen. Diese würden als „wissenschaftliche Weltanschauungen“ auftreten sowie Szenarien einer weltlichen Apokalypse und Erlösung entwerfen, mit denen sie religiöse Gefühle bei Menschen ansprechen und sie dadurch zu politischem Fanatismus verführen würden.256

Laut Voegelin beruht echte Religion auf der Erfahrung des Transzendenten und behandelt die geistigen Grundfragen des Menschen, während politische Religion ihre Grundlage „in Teilinhalten der Welt“ habe, die verabsolutiert bzw. vergöttlicht würden. Eine politische Religion lade weltliche Dinge sakral auf und spreche damit bei Menschen einen „Geist der religiösen Erregung“ an. Es entstehe eine Diesseitsreligion, die sich als wissenschaftliche Weltanschauung ausgibt. Die „Inhalte der Welt“ würden hier „zu neuen Göttern“. Es gebe in politischen Religionen auch sich auf weltliche Phänomene beziehende apokalyptische Vorstellungen, die als wissenschaftliche Urteile dargestellt würden. Die „Haltung der innerweltlichen Religiosität“ könne so stark werden, „daß nicht ihre Apokalypsen unter dem Angriff wissenschaftlicher Kritik zerfallen, sondern daß der Wahrheitsbegriff umgebildet wird“. Als wahr werde dann das dargestellt, was der eigenen Ideologie nütze. Politische Religionen würden sich außerdem Gestalten bedienen, die als ihre Propheten auftreten, und einen Mythos schaffen und auf die Erzeugung von emotionaler Ekstase abzielende Massenveranstaltungen durchführen, „um Massen affektuell zu binden und in politisch wirksame Zustände der Heilserwartung zu versetzen“.257

Ansätze dazu, zu einer politischen Religion im Sinne der Beschreibung Voegelins zu werden, finden sich auch im progressiven Umweltaktivismus der Gegenwart. Rainer Maria Kardinal Woelki kritisierte vor diesem Hintergrund 2019, dass der Klimaschutz in Deutschland „für manche gewissermaßen religiöse Züge“ annehme.258

Im utopischen Umweltaktivismus wirken zum Teil fehlgeleitete religiöse Impulse, die sich hier Bahn brechen, weil die Anhänger entsprechender Ideologien häufig nicht mehr einer echten Religion anhängen. Diese Tendenz, zur politischen Religion zu werden, zeigt sich in den entsprechenden Formen des Umweltaktivismus vor allem darin, dass weltliche Probleme auf eine Weise behandelt werden, die in echter Religion übernatürlichen Fragen, etwa der Frage nach dem Schicksal der Seele des Menschen, vorbehalten sind.

  • Laut Roger Scruton müsse in der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen zwischen Teilen der Umweltbewegung differenziert werden, die dem Gemeinwohl dienen, und solchen, bei denen ein pseudoreligiöser Antrieb vorherrsche. Diese würden die Sache des Umweltschutzes „zu einem Kampf zwischen den Kräften des Lichts und Kräften der Dunkelheit“ stilisieren.259
  • Der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg schrieb über pseudoreligiöse Tendenzen im Umweltaktivismus. Hier sei zunehmend eine säkularisierte Form von „Endzeitstimmung“ sowie eine Neigung zum „apokalyptischen Unterton“ zu beobachten. Aktivisten wie Greta Thunberg würden zudem mit dem Habitus von Propheten auftreten. Die „apokalyptisch begründeten Forderungen an die Politik“, die dieser fehlgeleitete religiöse Impuls hervorbringe, führten zu „politischer Panik“, die auf Stimmungen reagiere, anstatt Probleme im Sinne des Gemeinwohls zu lösen. Von „ruhiger Überlegung, sorgfältigem Abwägen, strategischem Denken, das die Übersicht über die komplexen Zusammenhänge bewahrt“, sei in der säkularen Umweltbewegung „wenig zu spüren“. Der von ihr geforderte „panische Ausstieg aus der Kernenergie nach Fukushima“ sei ein Beispiel für die „Irrationalitäten“, die nichts zur Bewältigung der tatsächlich ernsten Herausforderungen im Bereich Umwelt beitrügen.260
  • Der als Redakteur für Religionsthemen bei der „Süddeutschen Zeitung“ tätige Journalist Matthias Drobinski schrieb, dass Umweltaktivismus in Deutschland eine „säkularreligiöse Dimension“ angenommen habe. Er sei von „apokalyptischer Angstlust“ geprägt, „die aus jedem heißen Sommertag den Weltuntergang herausliest“. Sie habe zudem „ihre eigenen Rituale und Bußübungen entwickelt“. Es habe eine „Ritualisierung des Protests“ eingesetzt, die eine „Aufteilung der Welt in Erlöste und Verdammte“ beinhalte.261
  • Gemäß einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts trete die Umweltbewegung in Deutschland vielfach an die Stelle des Christentums und würde in Form von ersatzreligiösen Verhaltensgeboten mittlerweile stärkere kulturelle Prägekraft entfalten als dieses.262

Dass sich Teile der Umweltbewegung in die Richtung einer politischen Religion entwickeln, ist den entsprechenden Akteuren zum Teil bewusst und wird von ihnen auch bejaht. Ingo Arzt, der Redakteur der Tageszeitung „taz“ für Energie und Klima, forderte 2019 etwa die Schaffung einer religiösen Grundlage für den utopischen Umweltaktivismus. Der Text war offenbar nicht in satirischer Absicht verfasst.

Er erklärte dort, dass Klimaschutz „dringend eine Religion werden“ müsse, die jedoch anders als andere Religionen rational, „global und ohne Gott“ sein solle. Die Klimaschutzbewegung würde „einen so radikalen Wandel und Verzicht“ fordern, „dass sie eine überzeitliche, metaphysische Erzählung braucht“. Sie bediene „sich ja schon fröhlich religiöser Motive, bedient sich am kollektiven Gedächtnis von Gesellschaften, an mythischen Erzählungen von Apokalypsen und Erlösungen, von guten und bösen Mächten“. Sie legitimiere „damit ihre permanenten Appelle ans eigene Verhalten und das anderer – iss weniger Fleisch, fliege nicht zum Vergnügen, fahre Fahrrad“.

Was der Bewegung noch fehle, sei „eine stringente, positive Utopie“. Die Umweltbewegung solle daher „getrost den irrationalen, mythischen, quasireligiösen Teil, der in ihr steckt, einräumen und stärken“, um eine „emotionale Heimat“ zu werden. Arzt entwirft dabei das Bild einer politischen Religion „mit einer klaren Erzählung eines eigentlich paradiesischen Planeten“ und mit „einem Glauben, der alle Götter zulässt, wer sie denn braucht“ und der ein weltliches „Paradies“ in Aussicht stelle, dass es „nur gibt, wenn die Schönheit der Natur für uns erhalten bleibt“.263

Kai Funkschmid, ein Mitarbeiter der „Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ (EZW), sah in Teilen der Umweltbewegung bzw. im mit ihr eng verbundenen Veganismus Anzeichen für ein religiöses Selbstverständnis. Man stelle die eigenen Positionen etwa mit religiösen Begriffen dar und spreche von Rettung, Apokalypse, Schuld und Umkehr. Außerdem betreibe man „Evangelisation“ und verspreche eine „Neue Welt“ ohne Leid und Klimakatastrophe, „vorausgesetzt, die meisten oder alle Menschen werden vegan“. Anders als in echten Religionen fehle jedoch ein Bezug auf Gott. Weil den entsprechenden Ideologien „alles vom Menschen abhängt“, neigten deren Anhänger „zur Gnadenlosigkeit gegenüber sich selbst und anderen.“264

Der Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski sieht im Umweltaktivismus eine Sehnsucht nach einem „verlorenen Garten Eden“ wirken, was darin zum Ausdruck komme, dass man den Klimawandel als durch den Menschen verschuldeten Austritt aus einem „paradiesisch verklärten Urzustand“ betrachte. Diese „mythische Grundierung“ führe dazu, dass Wünsche und Ängste auf das Phänomen des Klimawandels projiziert würden, was dem Verständnis dieses Phänomens im Wege stehe. Die Annahme der Existenz eines „natürlichen Gleichgewichts“, dass im Klima niemals existiert habe, sei ein Beispiel für die negativen Auswirkungen dieser Impulse im Umweltaktivismus.265

5.3 Ablehnung wesentlicher Aspekte der Menschenwürde

Sowohl rechts- als auch linksgerichtete Elemente innerhalb der Umweltbewegung lehnen das christliche Konzept der Menschenwürde ab. Diese Position äußert sich in der Ansicht, dass der Mensch einen Störfaktor in der Natur darstelle, aber auch in Feindseligkeit gegenüber den Menschen künftiger und älterer Generationen.

5.3.1 Allgemeine Ablehnung der Menschenwürde

Die Würde des Menschen folgt aus christlicher Sicht aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die ihm eine besondere Stellung unter den Lebewesen verleiht. Einige Strömungen in der der Umweltbewegung lehnen die Vorstellung einer besonderen Stellung des Menschen in der Natur und somit den zentralen Aspekt der Menschenwürde jedoch ab. Sie werfen dem Christentum vor, dass es die Zerstörung und Ausbeutung der natürlichen Umwelt begünstige, weil es den Menschen gegenüber der Natur als übergeordnet wahrnimmt.

Der Schriftsteller Carl Amery, ein späteres Gründungsmitglied der Grünen, schrieb 1972, dass das Christentum „den gegenwärtigen Krisenzustand der Welt verursacht“ habe.266 Christen seien „Fachleute für die Ausbeutung der Welt“. Die „Leitvorstellungen der judäisch-christlichen Tradition“ seien in Bezug auf die natürliche Umwelt falsch, weil sie von einer herausgehobenen Rolle des Menschen ausgingen und die Natur dadurch abwerteten. Die Vorstellung einer „Auserwähltheit des Menschen vor aller Schöpfung“ sei abzulehnen.267

Diesen Vorwurf übernahmen auch Akteure innerhalb von progressiven Strömungen in der Kirche, die sich an neomarxistischen und anderen in Folge der 68er-Bewegung wirkenden ideologischen Einflüssen orientierten. Dazu gehört auch der später suspendierte katholische Priester Eugen Drewermann, der dem Christentum einen „zerstörerischen Anthropozentrismus“ vorwarf.268 Nur durch einen radikalen Bruch mit der christlichen Tradition, die dem Menschen eine Sonderrolle in der Schöpfung einräumt, könne die erforderliche „grundlegende Korrektur“ des Christentums stattfinden.269

5.3.2 Feindselige Positionen gegenüber künftigen Generationen

Eine noch radikalere Ablehnung des Gedankens der Menschenwürde äußert sich in Teilen der Umweltbewegung in Form von Feindseligkeit gegenüber künftigen Generationen. Entsprechende Akteure betrachten den Menschen als Störfaktor in der Natur, der zum Wohl der Natur verschwinden müsse. In diese Richtung äußerte sich auch Konrad Lorenz, der davon abgesehen viel zur Entwicklung eines ganzheitlichen Ökologieverständnisses beigetragen hatte, als er 1988 sagte, dass er aus ökologischen Gründen „eine gewisse Sympathie für AIDS“ als Mittel zur Lösung des Problems der Überbevölkerung empfinde.270

Die Vereinten Nationen propagieren im Rahmen ihrer 2015 verabschiedeten „Sustainable Development Goals“ (SDG) der Vereinten Nationen unter anderem die mit einem auf dem Gedanken der Menschenwürde beruhenden Verständnis von Nachhaltigkeit Ökologie des Menschen unvereinbare Forderung nach „sicherer Abtreibung“ als angeblichen Beitrag zur Förderung von Gesundheit und Menschenrechten dargestellt werden.271

Im westlichen Kulturraum ist in diesem Zusammenhang zudem ein ökologischer Antinatalismus zu beobachten, der künftige Generationen bzw. Kinder als Belastung für die natürliche Umwelt ablehnt und im Extremfall auch die vorgeburtliche Tötung von Kindern als Mittel des Umwelt- und Klimaschutzes bejaht.

  • Die Lehrerin Verena Brunschweiger propagierte in einem 2019 erschienenen Buch den Verzicht auf Kinder zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Außerdem bedeute Leben Leid, weshalb man durch den Verzicht auf Weitergabe des Lebens das Leid in der Welt reduziere.272 Auch der Publizist Jonathan Safran Foer empfahl 2019 „weniger Kinder kriegen“ als einen Beitrag zum Klimaschutz.273
  • Die im Rahmen der Fridays-for-Future-Bewegung tätige Aktivistin Luisa Neubauer schrieb zusammen dem Politikökonomen Alexander Repenning ein Buch, in dem die Autoren die rhetorische Frage aufwarfen, ob „das Kinderkriegen unseren Mitmenschen gegenüber verantwortungsvoll“ sei, „da statistisch gesehen nichts einen größeren CO2-Fußabdruck hinterlässt als ein Kind“.274
  • Auf einer Großdemonstration der Fridays-for-Future-Bewegung in Berlin im September 2019 habe ein Redner dem „Tagesspiegel“ zufolge ein „Recht auf Abtreibung“ gefordert. Die Teilnehmer hätten daraufhin „kräftigen Beifall“ gespendet.275
  • Bernard Sanders, ein führender Vertreter des linken Flügels der Demokratischen Partei in den USA, unterstützte 2019 Forderungen, Maßnahmen der Bevölkerungskontrolle als Mittel des Klimaschutzes einzusetzen. Er unterstützte in diesem Zusammenhang auch die vorgeburtliche Tötung von Kindern durch Abtreibung.276

Eine Auffälligkeit des Antinatalismus in der Umweltbewegung ist es, dass er sich meist nicht auf Regionen mit starkem Bevölkerungswachstum bezieht, sondern ausschließlich auf die ohnehin schon einer demographischen Krise unterliegenden westlichen Gesellschaften. Gleichzeitig treten diese Stimmen häufig für unbegrenzte Zuwanderung in diese Gesellschaften ein, was potenzielle positive ökologische Wirkungen einer sinkenden Bevölkerung wieder aufhebt. Dies legt nahe, dass diesem Antinatalismus nicht wie behauptet ökologische, sondern andere Motive zugrunde liegen, die noch zu untersuchen wären.

Einen psychologischen Erklärungsansatz für dieses Verhalten formulierte der Soziologe Philip Rieff. Ähnlich wie Günter Rohrmoser277 sah er in Moderne und Postmoderne einen kollektiven Todestrieb im Sinne Sigmund Freuds wirken. Dieser Todestrieb sei Teil der Natur des Menschen, könne aber durch Religion bzw. die von ihr geschaffene soziale Ordnung kontrolliert werden. Mit der Abwendung von der Religion gerate dieser Todestrieb außer Kontrolle und strebe nach der Zerstörung der überlieferten Kultur und ihrer Werke sowie nach dem eigenen kollektiven Verschwinden.[/note]Philip Rieff: My Life Among the Deathworks. Illustrations of the Aesthetics of Authority, Charlottesville 2006.[/note] Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) sprach diesbezüglich ähnlich wie Rieff von einer „Antikultur des Todes“.278

Falls Rieffs Hypothese zutrifft, könnte dies erklären, warum die erwähnten Teile der Umweltbewegung nicht nur antinatalistisch ausgerichtet sind, sondern gleichzeitig auch nach Kontinuität und  Weitergabe des Lebens strebende kulturelle Institutionen wie Ehe und Familie und die damit verbundenen Ausdrucksformen menschlicher Sexualität häufig abwerten, während sie parallel dazu für die unbeschränkte Zuwanderung von Menschen aus fremden Kulturen eintreten, die dieses Streben nach dem eigenen Verschwinden nicht teilen.

5.3.3 Feindseligkeit gegenüber älteren Generationen

Konrad Lorenz hatte 1973 die Propagierung von „Feindschaft zwischen den Generationen“ als eine der am meisten destruktiven Eigenschaften der progressiven Strömungen in der Umweltbewegung kritisiert.279 Diese Tendenz ist in bestimmten Teilen der Umweltbewegung auch in der Gegenwart zu beobachten.

  • Im Dezember 2019 schrieb die Fridays-for-Future-Bewegung auf ihrem Twitter-Auftritt: „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“280
  • Der öffentlich-rechtliche Sender WDR ließ ebenfalls im Dezember 2019 den WDR-Kinderchor mit einem Lied auftreten, dessen Refrain lautete: „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Am Ende des Auftritts sagen die Mädchen auf Englisch in Richtung der Kamera mit ernstem Ausdruck, dass sie ihre Großeltern nicht davonkommen lassen würden („We will not let you get away with this.“)281 Der Sender stellte diesen Beitrag später als Satire dar.

5.4 Neuheidnische Tendenzen

Christliche Weltanschauung unterscheidet sich in ihrem Blick auf den Menschen und die Natur von heidnischem und neuheidnischem Denken, wie es auch in der modernen Umweltbewegung zu finden ist. Dieses Denken schreibt der Natur einen göttlichen bzw. absoluten Charakter zu, was damit verbunden ist, dass sie wertmäßig über den Menschen gestellt wird. Christliche Weltanschauung lehnt dieses Denken ab, weil es zu Menschenverachtung und zu pseudoreligiöser Naturanbetung führen kann.282

5.4.1 Neuheidnische Einflüsse in progressiven Strömungen der Umweltbewegung

Der Historiker Peter Hersche sah in den Anfängen der progressiven Umweltbewegungen in den 1970er Jahren Anknüpfungspunkte zur eher konservativ ausgerichteten Lebensreform-Bewegung des frühen 20. Jahrhundert, vor allem was die Nähe zu neuheidnischen Ideen angeht. Wo es religiöse Impulse in derprogressiven Umweltbewegung gebe, bezögen diese sich ansonsten meist auf Naturmystik und Esoterik oder auch auf fernöstliche Religionen.“283

Auch Jürgen Wüst stellte vor allem Einflüsse aus Esoterik und Neuheidentum sowie der „New-Age“-Bewegung in der Umweltbewegung dieser Zeit fest. Dies sei mit einer ausgeprägten Ablehnung des Christentums verbunden gewesen, das als Urheber ökologischer Herausforderungen dargestellt worden sei.284 Neuheidnisches Denken in linksgerichteten Strömungen der Umweltbewegung weist diesbezüglich Schnittmengen mit dem Denken radikaler rechtsgerichteter Strömungen auf.

Gegenwärtig sind neuheidnische Einflüsse vor allem in der Extinction-Rebellion-Bewegung zu beobachten. Aktivistinnen traten 2019 auf der „Goddess Conference“ in Großbritannien auf, wo sie ihre Verehrung der „Erdmutter Gaia“ bekundeten.285 In der Bewegung sind zudem Untergruppen aktiv, die sich als „Druiden“ und „Hexen“ bezeichnen.286 Die Bewegung ist allerdings von großer religiöser Heterogenität gekennzeichnet und trat bislang nicht christenfeindlich in Erscheinung. Neben den erwähnten neuheidnischen Strömungen sind in ihr auch solche aktiv, die sich an fernöstlichen Religionen oder auch am Christentum orientieren.287

Die Wicca-Bewegung: Ökofeministisches Neuheidentum

Von den USA ausgehend verbreitet sich derzeit vorwiegend unter jüngeren, urbanen, progressiv eingestellten und tendenziell akademisch gebildeten Frauen in Westeuropa die ökofeministische neuheidnische Wicca-Bewegung. In den USA stellte diese Strömung 2019 (ausgehend von einer insgesamt noch geringen Zahl von Anhängerinnen) die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung dar. Sie betrachtet Hexen als historische Trägerinnen des Widerstandes gegen das als maskuline bzw. „patriarchale“ Religion abgelehnte Christentum. Im Zuge der gegenwärtig verstärkt zu beobachtenden Politisierung der Bewegung und ihrer Anknüpfung an identitätspolitische Diskurse der radikalen Linken wird das Christentum zudem als „weiß“ und „heterosexuell“ dargestellt und dessen Ablehnung entsprechend begründet.

Anhängerinnen dieser Bewegung geben an, durch die Suche nach lebendiger religiöser Erfahrung in Verbindung mit Naturerfahrung sowie nach weiblicher Selbstverwirklichung motiviert zu sein. Kinder und die dauerhafte Bindung an einen männlichen Partner werden zum Teil als Hindernisse der eigenen Selbstverwirklichung betrachtet und abgelehnt. Die Wicca-Bewegung beinhaltet okkulte Elemente sowie Elemente aus fernöstlichen Religionen wie Meditation und Yoga und bejaht dämonische und satanische Bezüge zum Teil, weil diese als gegen patriarchale Autorität gerichtet wahrgenommen werden. Es wird außerdem „Magie“ praktiziert, durch die das Übernatürliche im Sinne eigener Interessen beeinflusst werden soll, etwa in Form von „Schadzaubern“ gegen christliche Vertreter des „Patriarchats“.

Laut dem Historiker Per Faxneld geht die positive Bezugnahme auf eine erfundene Hexen-Tradition auf frühe feministische Ideologie zurück, die im 19. Jahrhundert in Anknüpfung an die  antiklerikalen, linksgerichteten und esoterischen Strömungen dieser Zeit die Ablehnung des Christentums als patriarchaler Religion betont habe. Satan bzw. Luzifer wurde in diesem Zusammenhang als anti-patriarchaler Revolutionär und Unterstützer der Befreiung der Frau dargestellt. Satan verehrende Hexen wurden als Pionierinnen der Naturwissenschaften und der Emanzipation der Frau dargestellt. Auch in den Schriften der Theosophin Helena Blavatsky, auf die sich später rechte neuheidnische und esoterische Strömungen stützen, würden sich entsprechende Motive finden. Sie bezeichnete Satan als den höchsten göttlichen Geist.288

5.4.2 Neuheidnische Einflüsse in konservativen Strömungen der Umweltbewegung

In der konservativen Heimatschutzbewegung, die um die vorletzte Jahrhundertwende herum entstand und die in vieler Hinsicht den Vorläufer des Umweltaktivismus der Gegenwart darstellt, gab es neben positiven Ansätzen auch völkische Elemente, die betont antichristlich ausgerichtet waren und zum Teil mit neuheidnischen Vorstellungen verbunden waren.289 Paul Schultze-Naumburg (1869–1949), der zu den führenden Akteuren der Heimatschutzbewegung gehörte, war später als Politiker der NSDAP aktiv und verfasste rassenideologische Schriften.

Auch die bereits oben erwähnte Lebensreform-Bewegung war überwiegend antichristlich orientiert und folgte neuheidnischen oder neureligiösen Vorstellungen. Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913), der diese Bewegung prägte, trat etwa nicht nur für ein Leben im Einklang mit der Natur ein, sondern lehnte gleichzeitig Religion allgemein und christliche Kultur, etwa die monogame Ehe, ab.

Zu den heidnisch bzw. pantheistisch beeinflussten Denkern dieser Zeit gehört auch der Philosoph Ludwig Klages  (1872–1956), dessen oben bereits gewürdigter Aufsatz „Mensch und Erde“ bzw. dessen Kritik am Fortschrittsverständnis materialistischer Ideologien und dessen Auswirkungen auf die natürliche und geistige Umwelt des Menschen Überschneidungen zu christlichem Denken aufwies. Allerdings sah Klages im Transzendenzbezug monotheistischer Religionen die Ursache materialistischen Denkens, da diese Religionen dadurch die Natur entheiligt hätten. Außerdem lehnte er den christlichen Gedanken der besonderen Würde des Menschen ab. Er kritisierte, dass das Christentum „Achtung […] allein des Menschen, des Menschen in vergötterter Gegenstellung zur gesamten Natur“ vorsehe. Er forderte, die Natur wieder als heilig anzusehen.290 In diesem Punkt näherte sich Klages den völkisch-neuheidnischen Strömungen seiner Zeit an, die die christlichen Grundlagen der Kulturen und Gemeinwesen Europas bekämpften.

Alain de Benoist, ein ebenfalls neuheidnisch orientierter Vordenker der französischen Nouvelle Droite, knüpfte später in seinen Überlegungen zu ökologischen Fragen an diese Kritik am Christentum an und betonte damit den fundamentalen Unterschied zwischen dem christlich-konservativen und dem auf neuheidnisch-pantheistischem Denken beruhenden Ökologieverständnis.291

Die neuheidnisch und völkisch beeinflussten Teile der Umweltbewegung konnten sich (ebenso wie ihre progressiven Nachfolger) nicht konsequent für die Bewahrung der Lebensgrundlagen von Menschen und Gesellschaft einsetzen, weil sie deren geistige und kulturelle Lebensgrundlagen selbst ablehnen und bekämpfen. Bei der Tradition, die sie den Fehlentwicklungen der Moderne gegenüberstellen, handelt es sich um eine erfundene Tradition, die im Zuge revolutionärer Vorhaben gegen die authentische, christlich-abendländische Tradition Europas positioniert wurde. Einige Akteure dieser Strömungen unterstützten die Herrschaft der Nationalsozialisten und beteiligten sich so unmittelbar am totalitären Vorhaben der Vernichtung der geistigen und kulturellen Lebensgrundlagen Europas.

5.5 Ausblendung des Gemeinwohls und komplexer ökologischer Zusammenhänge

Die dominante Strömung in der Umweltbewegung der Gegenwart ist so stark auf das Einzelthema Klimawandel fixiert, dass sie andere Aspekte der Themen Ökologie und Nachhaltigkeit meist ausblendet. Es gelingt ihr daher nicht, verschiedene gleichermaßen wichtige gesellschaftliche Ziele im Sinne eines am Gemeinwohl orientierten Nachhaltigkeitsbegriffs miteinander in Einklang zu bringen. Sie nimmt außerdem die Nebenwirkungen der von ihr vorgeschlagenen Ansätze auf das Gemeinwohl nicht wahr bzw. hält diese für nicht relevant, weil sie das Thema Klimaschutz in seiner Bedeutung verabsolutiert.

5.5.1 Fokussierung auf Klimafragen und Ausblendung anderer Herausforderungen

Roger Scruton kritisierte, dass Teile der Umweltbewegung nicht ökologisch bzw. nicht in Zusammenhängen denken würden, wenn sie einzelne Themen unter Ausblendung anderer Herausforderungen verabsolutieren und ihre damit verbundenen Forderungen für nicht verhandelbar erklären.292 Im Denken der Umweltbewegung spiele außerdem die Abwägung von Risiken kaum eine Rolle. Einzelne Risiken des Handelns würden verabsolutiert, während die mit Nichthandeln, etwa dem Verzicht auf die Nutzung einer bestimmten Technologie verbundenen Risiken, ausgeblendet werden. Ein rationaler Umgang mit Risiken sei auf dieser Grundlage nicht möglich.293

Der Klimaforscher Hans von Storch kritisierte 2019 die Ausblendung wesentlicher globaler Herausforderungen in den Bereichen Ökologie und Nachhaltigkeit durch die Klimaschutzbewegung. Die globale Erwärmung sei „eine ernste Herausforderung; aber eine neben anderen“. Angesichts anderer Herausforderungen sei es unangemessen anzunehmen, dass „für die Zukunft nur der Klimawandel von Bedeutung ist, während andere Entwicklungen nachrangig sind. Die Geschichte zeigt uns, dass dies nicht der Fall ist. Andere Entwicklungen sind auch wesentlich, wie etwa die Versorgung mit Elektrizität.“294

Es gehe ihm „zu weit, dass Greta und ihre Anhänger den Eindruck erwecken, das Klimathema sei die alles beherrschende Schicksalsfrage, die größte Bedrohung aller Zeiten. Andere ebenso wichtige Themen wie die Bekämpfung von Armut, Krankheiten und Hunger erscheinen auf einmal nachrangig. Das ist mir zu sehr die Sichtweise des reichen Westens. Ein Kontinent wie Afrika wird ohne gewaltige zusätzliche Mengen an Energie nicht aus der Armut herauskommen.“ Hunger, Armut und Gesundheitsprobleme seien „viel drängender als der Klimawandel“.295

Der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek kritisierte die Fokussierung der Umweltdebatte auf das Thema Klimawandel. Wo „immer heute die Rede von Umweltproblemen ist“, suche „man beinahe vergeblich nach anderen Themen“. Auch die Umweltbewegung halte es „nicht mehr für erwähnenswert, dass es andere, ernst zu nehmende Umweltprobleme gibt“. Der Klimawandel sei jedoch nur eines von vielen problematischen Phänomenen, die in Folge der mangelnden Nachhaltigkeit moderner Gesellschaften entstünden.296

Der Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski kritisierte nach dem Beginn der COVID-19-Pandemie, dass die „Leidenschaft der Klimawandeldebatte“ eine „irrationale Komponente“ aufweise, was dazu geführt habe, dass „andere Naturgefahren von ähnlicher Dimension ignoriert“ worden seien. Bedrohungen wie „Supervulkanausbrüche, Pandemien oder Meteoriteneinschläge entbehren der Schuldfrage, was sie weniger attraktiv macht für politische Profilierung als der Klimawandel mit seinen vielen Sündern.“297

5.5.2 Ausblendung komplexer Zusammenhänge

Laut Schmidt-Bleek würden komplexe ökologische Zusammenhänge in der Umweltdebatte meist ausgeblendet, etwa die hohe Ressourcenintensität vieler als umweltfreundlich angesehener Technologien. Dies führe zu einer fehlgesteuerten Umweltpolitik, die etwa mit hohem Aufwand eine „Energiewende“ vorantreibe, die so gut wie keine messbaren Auswirkungen auf die globale Erwärmung haben und sich auf andere Umweltprobleme negativ auswirken werde.298 Wenn man die ökologischen Folgen des Abbaus der für die Herstellung der Akkus von elektrisch betriebenen Fahrzeugen sowie die Folgen der Stromerzeugung berücksichtige, stelle sich Elektromobilität gegenüber konventioneller Mobilität etwa keinesfalls als grundsätzlich nachhaltiger heraus.299

Auch der Naturforscher und Dokumentarfilmer David Attenborough kritisierte die Umweltbewegung, weil diese komplexe Probleme nicht angemessen wahrnehme. Die meist jugendlichen Aktivisten würden dazu neigen, „die Dinge schwarz-weiß“ zu sehen. Sie „kennen noch nicht alle Abers und Vielleichts wie ältere Menschen, die womöglich von der Realität, von der realen Welt, geläutert“ seien, und sie sähen „die Komplexität der zu lösenden Probleme“ noch nicht richtig.300

Wenn die Forderungen des utopischen Umweltaktivismus tatsächlich auf globaler Ebene umgesetzt würden, würde dies zum Beispiel die Armutsbekämpfung in vielen Regionen der Welt behindern, die wirtschaftliche Entwicklung und somit günstige Energieversorgung erfordert. Armut stellt jedoch in weiten Teilen der Welt eine wesentlich gravierendere Herausforderung dar als die Folgen des Klimawandels. Außerdem erfordert die Ernährung der rasch wachsenden Weltbevölkerung Kunstdünger, dessen Herstellung energieintensiv ist.

Strömungen der Umweltbewegung, die sowohl fossile Energieträger als auch Kernenergie grundsätzlich ablehnen, blenden diese Zusammenhänge und Wechselwirkungen aus. Bei Umsetzung auf nationaler Ebene in Deutschland würde dies die Grundlagen der Volkswirtschaft bzw. Schlüsselindustrien treffen und soziale Verwerfungen herbeiführen, ohne messbare Auswirkungen auf die globale Erwärmung zu haben.

5.5.3 Wissenschaftsgläubigkeit und naives Verständnis politischer Prozesse

In der Umweltbewegung ist eine naive Wissenschaftsgläubigkeit zu beobachten. Deren Anhänger scheinen davon auszugehen, dass politische Prozesse sowie Prozesse der Strategiefindung verzichtbar seien und man stattdessen einfach nur den Empfehlungen von Wissenschaftlern folgen müsse („follow the science“). Diese Annahme verkennt, dass auch Wissenschaftler Bewertungen auf der Grundlage unvollständiger Informationen abgeben. Eine einheitliche Position der Wissenschaft gab es nicht. Außerdem sind die Umwelt- bzw. die Naturwissenschaften nicht die einzigen Fachgebiete, deren Beiträge bei der Suche nach politischen Antworten auf Herausforderungen im Bereich Umwelt relevant sind. Unter diesen Umständen sind daher politische Prozesse unverzichtbar, die Risiken sowie unterschiedliche Interessen abwägen und Entscheidungen auf Grundlage von unvollständigen und widersprüchlichen Informationen treffen

5.6 Linksradikale und linksextreme Einflüsse

Wesentliche Teile des Umweltaktivismus der Gegenwart sind von neomarxistischer bzw. linksradikalen oder linksextremen Ideologien geprägt, die seit den 1970er Jahren in Folge des Wirkens der 68er-Bewegung den Umweltaktivismus in Westeuropa dominieren.

Neomarxistische Ansätze streben nicht in erster Linie nach dem Schutz der Lebensgrundlagen des Menschen, sondern verfolgen revolutionäre Ziele wie die Abschaffung des „Kapitalismus“ bzw. der westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Die Ansprache von Umweltthemen dient dabei in erster Linie nicht der Bewältigung der entsprechenden Herausforderungen, sondern der politischen Mobilisierung von Menschen für die oben genannten Ziele. Die entsprechenden Strömungen betreiben daher in der Regel nicht nur Umweltaktivismus, sondern sind auch auf anderen gegen westliche Gesellschaften und ihre vorwiegend kulturellen Lebensgrundlagen gerichteten Feldern aktiv.

5.6.1 Linksradikale Positionierungen und Ideologeme in der Umweltbewegung

Einige der wichtigsten Vertreter der Umweltbewegung der Gegenwart beziehen sich in ihren Äußerungen wesentlich auf neomarxistische Ideologie bzw. verwenden Begriffe und Konzepte, die aus dieser Ideologie stammen.

  • Stuart Basden, einer der Gründer der „Extinction-Rebellion“-Bewegung, erklärte, dass es seiner Bewegung letztlich nicht um Klimafragen gehe, sondern um die Bekämpfung der europäischen Zivilisation, die er als „Infektion“ bezeichnete, die für fast alle Probleme der Menschheit verantwortlich sei. Die europäische Zivilisation sei gleichbedeutend mit einer Ideologie weißer Überlegenheit, Rassismus, dem Patriarchat, Heterosexismus und Klassenhierarchie. Die Ursachen der „Krankheit“, also die europäische Zivilisation müsse bekämpft werden und nicht nur ihre Symptome wie etwa Umweltprobleme.301
  • Mit Greta Thunberg und Luisa N. erklärten 2019 zwei führende Repräsentantinnen der Fridays-for-Future-Bewegung, dass „kolonialistische, rassistische und patriarchale Unterdrückungssysteme“ die „Klimakrise“ geschaffen hätten. Man müsse „diese Systeme ausnahmslos demontieren“.302 An anderer Stelle erklärte Neubauer, dass die „Klimakrise“ auf „unsere imperiale Lebensweise“ und „die neokoloniale Entwicklungszusammenarbeit“ zurückzuführen und außerdem von Männern verursacht werde.303
  • Nike M., die Sprecherin des Bündnisses „Ende Gelände“, sagte 2019, dass die „Gründe für die Klimakrise“ im „Kapitalismus“ bzw. in der Ausbeutung „von Frauen, von Natur, von Menschen, des globalen Südens“ lägen.
  • Clara M., eine der führenden Vertreterinnen der Fridays-for-Future-Bewegung, ist Medienberichten zufolge auch im Umfeld der linksradikalen „Antifa“ aktiv. Auf einem Video sei zu sehen, wie sie auf einer entsprechenden Kundgebung in der ersten Reihe stehend zusammen mit einer anderen Fridays-for-Future-Aktivistin entsprechende Parolen ruft.304 Bilder einer Fridays-For-Future-Demonstration in Harburg im Januar 2020 zeigen große Transparente, auf denen Teilnehmer u. a. die „Zerschlagung“ des „Patriarchats“ („smash patriarchy, not the planet“) sowie „Klimagerechtigkeit nur mit Feminismus“.305
  • Teilnehmer einer Kundgebung in Köln im Januar 2020 wurden mit den Worten zitiert, dass eine klimagerechte Welt „immer antifaschistisch sein“ müsse, „um wirklich ein gutes Leben für alle zu schaffen.“ Das gegenwärtige System sei eine „echte Umweltsau“, weil es „es den Menschen unmöglich macht klimafreundlich zu handeln, genauso wie die Politik, die weiter an diesem festhält“.306
  • Die Kölner Sektion von „Fridays for Future“ erklärte außerdem im Januar 2020 zusammen mit anderen linksgerichteten Organisationen, dass man sich nicht mit dem Motto „Einigkeit! Recht! Freiheit!“ identifizieren könne, dass für die LGTBI-Veranstaltung „Cologne Pride 2020“ vorgesehen war. Dieses Motto, das sich an die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland anlehnt, sei „unverantwortlich in Zeiten von verstärktem Nationalismus“. Unter diesem Motto erscheine „eine Teilnahme unmöglich“.307 Eine positive Bezugnahme auf das Gemeinwesen bzw. den deutschen Staat und seine Symbole werden offenbar grundsätzlich abgelehnt.

Es entsteht der Eindruck, dass es wesentlichen Repräsentanten der entsprechenden Teile der Umweltbewegung in ihrem Aktivismus nicht primär um Umweltfragen oder die Bewältigung von Herausforderungen in diesem Bereich geht, sondern um die Mobilisierung vor allem junger Menschen für revolutionäre politische Ziele, die sich an neomarxistischer Ideologie orientieren und scheinbar die Beseitigung der westlichen Gesellschaftsordnungen beinhalten.

Der Philosoph Martin Rhonheimer kritisierte in diesem Zusammenhang, dass wesentliche Teile der sich „zunehmend radikalisierenden Klimabewegung“ nicht nach einer Verbesserung des Systems strebten, „sondern das System selbst als Unrecht anprangern“. Das dahinter erkennbare Verständnis von Politik sei „jakobinisch“.308

5.6.2 Linksextreme Einflüsse und Verbindungen

Es gibt in diesem Zusammenhang auch Hinweise darauf, dass linksextreme Kräfte in der Umweltbewegung aktiv sind oder versuchen, auf sie Einfluss zu nehmen. Dies wird durch die dort ohnehin schon vorhandenen neomarxistischen Tendenzen potenziell begünstigt.

  • Laut Angaben des Leiters des Hamburger Verfassungsschutzes würden diese versuchen, „über populäre Themen“ wie den Umwelt- und Klimaschutz „quasi wie ein schleichendes Gift in die demokratische Gesellschaft“ einzudringen.309
  • Das Bündnis „Ende Gelände“ versucht laut Sicherheitsbehörden, auf „Friday for Future“ Einfluss zu nehmen, um Unterstützer für illegale Aktionsformen zu gewinnen. „Fridays for Future“ habe sich bei einer Großveranstaltung in Aachen „auch auf das organisatorische Know-how von Angehörigen der linksextremistischen Szene“ gestützt. Es gebe direkte Verbindungen zwischen „Fridays for Future“ und der linksextremistisch beeinflussten Gruppierung „Interventionistische Linke“. (IL)310
  • Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz diene das Bündnis „als Vehikel zur Umsetzung linksextremistischer Ziele“. Laut dem nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz sei „Ende Gelände“ Teil einer Kampagne der IL, um „die Grenzen zwischen extremistischem und demokratischem Protest zu verwischen und sich als Teil einer legitimen Protestbewegung zu inszenieren“. Der IL sei dabei die „Mobilisierung bürgerlicher Klimaschützer“ in großem Umfang sowie deren Radikalisierung und Anleitung zu illegalem Handeln gelungen.312

Die Präsenz von Linksextremisten in der Umweltbewegung äußert sich auch in Militanz. Bis Juli 2020 verübten Umweltaktivisten, darunter auch solche aus dem Umfeld von „Fridays for Future“ und „Ende Gelände“, am Hambacher Forst 2 994 Straftaten, darunter 39 Brandstiftungen und 58 Körperverletzungen. Nach Angaben von Verfassungsschutzbehörde würden „zivildemokratische Aktivisten, militante Umweltaktivisten und gewaltorientierte Linksextremisten, darunter Autonome aus dem Bundesgebiet und dem europäischen Ausland“.313

Schritte hin zu einer Distanzierung von Linksextremisten waren in den entsprechenden Teilen der Umweltbewegung zuletzt nicht zu erkennen. Deren Unterstützer, etwa in den Jugendorganisationen von Bündnis90/Die Grünen, SPD und Linkspartei, forderten als Reaktion auf die oben beschriebenen Sachverhalte stattdessen die Auflösung der Verfassungsschutzbehörden.314

5.6.3 Distanz gegenüber demokratischen Prozessen und Strukturen

Die Teile der Umweltbewegung, in denen neomarxistische Einflüsse zu beobachten sind, weisen gleichzeitig die Neigung auf, ihre Forderungen für nicht verhandelbar zu erklären. Sie erwecken den Eindruck, dass sie diese nicht demokratischen Prozessen unterwerfen wollen. Luisa N., eine der führenden Vertreterinnen der Fridays-for-Future-Bewegung, erklärte 2019 etwa, „dass Klimaschutz nicht verhandelbar ist und dass ‚Maß und Mitte‘ nicht funktioniert – dass Klimaschutz nicht ‚gemäßigt‘, sondern immer radikal sein muss, denn diese Krise fordert Radikalität im besten Sinne.“ Der Politikwissenschaftler Alexander Straßner sah in diesem Denken den „Ursprung von politischem Extremismus und außerdem eine Initialzündung für Militanz“. Der Ansicht, dass es eine Krise gebe, „weil nicht alle meiner Meinung sind“, liege ein „potenziell demokratiefeindliches Menschenbild zugrunde“.315

Hans von Storch erklärte vor diesem Hintergrund 2019, dass ihm „die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas“ größere Sorge bereite als die globale Erwärmung. Zugespitzte Rhetorik dieser Art könne „den sozialen Frieden gefährden“. Einige Klimaaktivisten seien „ja sogar bereit, für den Kampf gegen die Erwärmung die Demokratie einzuschränken“.316

Teile der entsprechenden Strömungen der Umweltbewegung streben außerdem die Auflösung oder Schwächung freiheitlicher demokratischer Ordnungen an. Diese sollen durch überstaatliche zentralistische Bürokratien ersetzt werden, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen und die mit weitreichenden Regulierungs- und Eingriffsmöglichkeiten ausgestattet werden sollen. Der am Potsdam-Institut für Klimaforschung tätige Wirtschaftswissenschaftler Ottmar Edenhofer kritisierte in diesem Zusammenhang, dass es eine „Illusion“ darstelle anzunehmen, „dass internationale Klimapolitik Umweltpolitik“ sei. Es gehe hier so gut wie gar nicht um Umweltthemen, sondern um globale Umverteilung von Vermögen.317

5.6.4 Die katastrophalen Folgen sozialistischer und kommunistischer Herrschaft für die Umwelt

Eine Beseitigung der freiheitlichen politischen Ordnungen der westlichen Welt und ihre Ersetzung durch eine auf neomarxistischer Ideologie beruhende Ordnung würde die Lage im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit sehr wahrscheinlich eher verschlechtern als verbessern. Marxistische Staaten gehörten zu den ökologisch und in fast jeder anderen Hinsicht am wenigsten nachhaltigen in der Geschichte der Menschheit. Sie zerstörten in allen Fällen meist innerhalb kurzer Zeit aktiv die über Jahrhunderte hinweg geschaffene kulturelle Substanz von Gemeinwesen sowie Institutionen wie die Familie, auf denen jede intakte Gesellschaft beruht. Marxistische bzw. kommunistische Herrschaft wirkte sich außerdem katastrophal auf die natürlichen Lebensgrundlagen der betroffenen Gesellschaften aus. In der ehemaligen Sowjetunion sind ganze Regionen bis heute unbewohnbar, weil hier keine Rücksicht auf die Umwelt genommen wurde.

In der DDR verbesserte sich die Lage der Umwelt nach dem Ende kommunistischer Herrschaft und der Einführung dessen, was Neomarxisten als „Kapitalismus“ bezeichnen, innerhalb kurzer Zeit signifikant. Die Marktwirtschaft hat sich im Vergleich zur marxistischen Planwirtschaft global und über einen langen Zeitraum hinweg trotz ihrer ebenfalls gravierenden ökologischen Folgen allgemein als umweltfreundlicher erwiesen, weil sie größere Anreize für einen effizienten Umgang mit Ressourcen schafft und außerdem Mittel erzeugt, die für Schutzmaßnahmen eingesetzt werden können.

Der Philosoph Hans Jonas hat den Marxismus in seinem Werk über das „Prinzip Verantwortung“ aus ökologischer Perspektive entsprechend kritisiert und dabei darauf hingewiesen, dass „Vorantreibung der Industrialisierung“ bzw. „materielle Fülle“ als Voraussetzung zur Herstellung der „klassenlösen Gesellschaft ein zentrales Element marxistischer Ideologie und ihres Fortschrittsbegriffs sei. Die Idee natürlicher Grenzen habe diese Ideologie immer ausdrücklich abgelehnt. Der Marxismus, der durch keinerlei „Traditions- und Religionsreste“ in seinem utopischen Anspruch gehemmt werde, sei unter den Ideologien, welche für die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart verantwortlich seien, die radikalste.318

Sozialismus und Kommunismus beruhen laut Günter Rohrmoser so wie der Liberalismus auf dem Fortschrittsverständnis der Aufklärung und gehen davon aus, dass der Mensch seine Abhängigkeit von der Natur durch technische und naturwissenschaftliche Entwicklung überwinden könne. Laut Günter Rohrmoser ist der Sozialismus im Vergleich zum Liberalismus der radikalere Versuch, durch die Beherrschung der Natur „die Früchte eines wiederkehrenden Paradieses zu ernten“.319Neomarxistische Ideologie beruht somit auf eben der Fortschrittsideologie, deren Scheitern ökologische Krisen in den vergangenen Jahrzehnten offenbart hat.

Eine Reflektion der weltanschaulichen Schwächen dieser Ideologie im Bereich Ökologie oder auch nur ein Bewusstsein für die Existenz dieser Schwächen ist in den Teilen der Umweltbewegung, die sich auf Elemente dieser Ideologie beziehen, derzeit nicht erkennbar. Es ist möglich, dass vor allem die zitierten jüngeren Aktivisten weder die weltanschaulichen Hintergründe ihrer Positionierungen noch deren Implikationen angemessen überblicken.

5.7 Mangel an Realismus und Klugheit

Die vorherrschenden Strömungen des Umweltaktivismus sind von einem Mangel an Realismus bzw. der Kardinaltugend der Klugheit gekennzeichnet. Der Soziologe Harald Welzer kritisierte, dass die Emotionalisierung und Skandalisierung von Sachverhalten gegenüber der nüchternen Analyse in den Vordergrund getreten seien. Die Risiken einzelner Herausforderungen wie des Klimawandels würden dabei stark überzeichnet dargestellt, während andere Herausforderungen nicht angemessen deutlich angesprochen würden.

Welzer führt dies darauf zurück, dass im Bereich Umwelt tätige NGOs nach der Logik von Unternehmen geführt würden, die versuchen würden, im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Spenden mit möglichst drastischen und simplen Botschaften Wirkung zu erzielen. Er zitierte in diesem Zusammenhang einen Manager der Organisation „Greenpeace“, demzufolge man „verloren“ habe, wenn man „mit Wissenschaftlichkeit“ argumentiere.320

Der in Teilen der Umweltbewegung vorherrschende Realismus- und Klugheitsmangel äußert sich außerdem in einer Neigung zu Emotionalität, Gesinnungsethik sowie zur überzeichneten, von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht gestützten Darstellung von ökologischen Risiken. Außerdem ist dieser Aktivismus in Teilen von der moralischen Abwertung von Skepsis und Zweifeln geprägt, die in der Regel als „Leugnung“ nicht zu hinterfragender, zu Tatsachen erklärter Annahmen dargestellt werden.

Optionen politischen Handelns werden hier zudem meist an extremen Szenaren gemessen, so dass sie als alternativlos erscheinen. Dies trägt dazu bei, dass dieser Aktivismus nicht zu einer realistischen Erfassung und Beurteilung der Lage gelangen kann, vor allem, wenn es sich um ein komplexes Thema wie globale Klimaveränderungen handelt. Für andere Positionen oder für aufgrund von Zielkonflikten erforderliche politische Kompromisse, etwa zwischen ökologischen und sozialpolitischen Zielen, besteht in diesem Umfeld außerdem nur wenig Verständnis. Zu angemessenen politischen Entscheidungen kann dieser Ansatz jedoch kaum beitragen.

5.7.1 Streben nach Emotionalisierung der öffentlichen Diskussion

Die Deutsche Bischofskonferenz kritisierte bereits vor einigen Jahren eine „emotional aufgeladene und angstmachende Übertreibung von Umweltgefahren“. Umwelthemen würden dabei „mit einer allgemeinen ‚Weltuntergangsstimmung‘ verknüpft“. Eine sachliche, auf Lösungen ausgerichtete Diskussion werde dadurch erschwert.321

Paul Ehrlich sagte in seinem 1968 erschienenen Buch mit dem Titel „Die Bevölkerungsbombe“ zum Beispiel globale Hungersnöte für die 1970er Jahre voraus. Der „Club of Rome“ sagte Anfang der 1970er Jahre in seiner Schrift „Die Grenzen des Wachstums“ eine Ressourcenerschöpfung mit katastrophalen Folgen voraus. Keine der Prognosen, die diese in der Phase der Entstehung der progressiven Umweltbewegung sehr einflussreichen Schriften aufstellten, trat auch nur annähernd ein.

Auch die Fridays-for-Future-Bewegung verwendet durchgängig eine zugespitzte Rhetorik, die offenbar darauf abzielt, die Debatte zu emotionalisieren. Eine der Aussagen Greta Thunbergs lautete in diesem Zusammenhang: „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“322

Laut dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz bediene der Aktivismus dieser Bewegung vor allem das Bedürfnis einer infantiler werdenden Gesellschaft nach „Authentizität“ und „Gefühlsintensität“. Themen würden von den entsprechenden Zielgruppen vorzugsweise dann angenommen, wenn sie emotionalisiert und personalisiert würden. Zu diesem Zweck würden Kinder bzw. Mädchen und junge Frauen, die für einen „unschuldigen Blick auf die Wirklichkeit“ stehen sollten, zum Gesicht der Bewegung gemacht.323

Der Klimaforscher Hans von Storch kritisierte außerdem die von der Bewegung praktizierte emotionale Zuspitzung, etwa ihre Behauptung, dass die globale Erwärmung zum „Aussterben von Teilen der Menschheit“ führen werde. Er „sehe das nicht“. Einige der von dieser Bewegung gezeichneten Szenarien bezeichnete er als „steile These“.324 Die Diskurse des Umweltaktivismus seien teilweise von Übertreibungen geprägt. Wetterextreme, von denen keine Rückschlüsse auf langfristige Klimaveränderungen möglich sei, würden gegenüber der Öffentlichkeit als Belege für die globale Erwärmung dargestellt und der falsche Eindruck vermittelt, dass Maßnahmen des Klimaschutzes solche Ereignisse verhindern könnten. In der Vergangenheit habe es solche Ereignisse ebenfalls gegeben, und sie hätten deutlich mehr Menschenleben gefordert als in der Gegenwart.

In der Klimaforschung bestehe zwar nahezu ein Konsens darüber, dass der Mensch zur globalen Erwärmung beitrage, aber was die Folgen angehe, gebe es „große Deutungsunterschiede“. Die von der progressiven Umweltbewegung verbreitete Hysterie sei unbegründet und ein Untergang der Menschheit vorerst nicht zu erwarten. Die Behauptung der Aktivistin Greta Thunberg, dass man ihr ihre Zukunft gestohlen habe, sei angesichts der Tatsache, dass sie „aus einem behüteten Elternhaus im friedlichen Schweden stamm“, äußerst fragwürdig.325

5.7.2 Die Rhetorik des Notstands

Die Umweltbewegung verwendet allgemein verstärkt eine Rhetorik, die das Vorliegen eines „Notstands“ erklärt. Der Begriff bezeichnet üblicherweise Ausnahmesituationen, in denen Gesetze vorübergehend außer Kraft gesetzt werde müssen, um katastrophale Folgen abzuwenden oder entsprechende Lagen zu bewältigen. Ob diese Rhetorik angemessen ist, hängt davon ab, ob eine entsprechende Lage gegeben ist. In Deutschland ist dies jedoch bislang nicht der Fall und, anders als in Ländern mit geringerer Fähigkeit zur Anpassung an Umweltveränderungen, mittelfristig auch nicht zu erwarten. Bei der Erklärung entsprechender „Notstände“ durch Kommunen in Deutschland handelt es sich laut der nordrhein-westfälischen Landesregierung um eine rein symbolische Maßnahme.326

Der Verfassungsrechtler Udo Di Fabio kritisierte, dass die Rhetorik des Notstandes „alternativlose Handlungszwänge“ konstruiere, was die „verhandelnde und rechtsgebundene Demokratie“ und die Bindung staatlichen Handelns an das Recht bzw. die Rechtsstaatlichkeit untergraben und die „Spielräume für eine die Interessen ausgleichende, ordnungspolitisch durchdachte Gesetzgebung“ reduzieren könne. Politik im Sinne des Gemeinwohls müsse „eine Vielzahl von Interessen ausgleichen, es kann nie nur ein Thema geben.“327

Auch Roger Scruton kritisierte die in der Umweltbewegung vorherrschende „Sprache des Notstands“, welche der von politischen Extremisten ähnele. Mit Rhetorik dieser Art wären seit jeher extremes Handeln und autoritäre Herrschaft gerechtfertigt worden.328 Die Verlagerung des Diskurses ins Katastrophische stehe möglicher Kompromissfindung im Wege und erzeuge eine politische Stimmung, die darauf ausgerichtet sei, „Befehlen zu gehorchen, Führern zu folgen“.329

5.7.3 Naturentfremdung und Verklärung der Natur

Das zunehmend naturferne Leben in westlichen Gesellschaften ist mit einer Tendenz zur sentimentalen Verklärung der Natur verbunden, die in der Umweltschutzbewegung häufig anzutreffen ist.

Der Völkerkundler Matt Cartmill sprach in diesem Zusammenhang von einem „Bambi-Syndrom“.330 Der Soziologe Rainer Brämer knüpfte an diesen Begriff an, der sich auf ein Phänomen bezieht, dass die Psychologie als „Natur-Defizit-Syndrom“ bezeichnet. Dieses ist eine Wahrnehmungsverzerrung, die psychologisch auf dem Kindchen-Schema beruht. Tiere mit großen Augen und kleinen runden Nasen erscheinen von der Natur entfremdeten Menschen dadurch als besonders schutzwürdig, etwa Robben. Tiere, die diesem Schema nicht entsprechen, etwa Haie, spielen eine deutlich geringere Rolle im Umweltschutz, auch wenn sie ebenso bedroht sind wie die zuerst genannten Tiere.331

Laut Brämer würden vor allem gebildetere Bevölkerungsschichten in Folge von Entfremdung von der Natur „die Natur zu einer idyllischen, harmonischen Parallelwelt idealisieren, in der der Mensch nichts verloren“ habe und Jäger als „Mörder“ wahrgenommen würden. Es herrsche außerdem eine „infantilisierende Helferpose“ sowie eine Tendenz zur kindlichen „Verniedlichung der Natur“ sowie eine „moralische Überhöhung des Schutz- und Pflegeanspruchs auf der Basis technischer Allmachtsfantasien“ vor.332

Die Umweltbewegung, aber auch die Pädagogik hätten diese Tendenz und „die damit verbundene Emotionalisierung“ aus guten Absichten heraus gefördert. Dies behindere jedoch die Fähigkeit der Gesellschaft, Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne sowie deren Erfordernisse richtig zu verstehen.333

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) widersprach dieser sentimentalen Wahrnehmung der Natur. Christliche Weltanschauung beobachte in der Natur „ein Gesetz der Grausamkeit“ und nehme zur Kenntnis, dass Gewalt und Grausamkeit im Tierreich die Norm darstellen. Die „Gefährdungen des Menschen“ seien „bereits in der Tierwelt vorentworfen“.334

Der Biologe Hansjörg Küster wies außerdem darauf hin, dass es in Deutschland seit Jahrhunderten keine Landschaften mehr gebe, die sich im Naturzustand befinden. Das, was heute als bewahrenswert empfunden wird, sei eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft.335

Der katholische Theologe Martin Grichting kritisierte den „Klima- und Greta-Hype mit seiner bisweilen etwas kindlichen Verklärung der Natur“. Das Narrativ, demnach die Natur gut und der Mensch böse sei, habe sich während der Corona-Krise als falsch herausgestellt. Gilbert K. Chesterton habe die im Vergleich dazu realistischere Position der abendländischen Tradition so beschrieben: „Wenn du die Natur als eine Mutter ansiehst, wirst du entdecken, dass sie Stiefmutter ist.“336

5.8 Hedonistische Tendenzen

Da der Schutz der natürlichen Umwelt eine Aufgabe von existenziell wichtiger Bedeutung ist, sind bei diesem Thema Lösungen erforderlich, bei denen die Wirkung im Sinne des Gemeinwohls im Vordergrund stehen muss. Der Umweltaktivismus der Gegenwart ist jedoch häufig gesinnungsethisch und hedonistisch ausgerichtet und stützt sich vorwiegend auf symbolisches Handeln, bei dem nicht die tatsächliche Wirkung im Vordergrund steht, sondern die moralische Selbstdarstellung des Handelnden. Die vorgeschlagenen Maßnahmen haben dementsprechend meistens symbolischen Charakter und wirken sich in der Praxis kaum aus, was die Reduzierung von Risiken angeht.

5.8.1 Hedonistische Motive im Umweltaktivismus

Teile der Umweltbewegung sind von einem ausgeprägten Hedonismus geprägt. Kaum eine Gruppe legt so viel Wert auf die eigene globale Mobilität wie das hedonistische progressive Milieu, das gleichzeitig am sichtbarsten für Klimaschutz eintritt. Aktionen haben meist einen hedonistischen Zweck und sind Ausdruck des Distinktionsbedürfnisses der oberen Mittelschicht gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen oder dienen der Befriedigung des eigenen Wunsches nach sozialer Bestätigung sowie der Herstellung guter Gefühle, etwa des Gefühls moralischer Überlegenheit. Sie haben außerdem meist einen unterhaltenden Party- und Eventcharakter.

Den hedonistischen Charakter dieser Bewegung unterstreicht auch, dass die Aktionen von „Fridays for Future“, die 2019 den Kern des Aktivismus in diesem Spektrum darstellten, als „Schulstreik“ inszeniert wurden und ihre jugendlichen Unterstützer wohl auch mit der Aussicht darauf mobilisierten, statt an Unterricht an einem unterhaltenden Event teilnehmen zu können.

5.8.2 Das Motiv der Selbstinszenierung

Selbstdarstellung bzw. Statusgewinn sind ein weiteres zentrales Motiv von Anhängern der Umweltbewegung der Gegenwart. Matthias Drobinski kritisierte, dass die Umweltbewegung in Deutschland vorwiegend eine in sich höchst homogene Bewegung der Wohlhabenden sei, die auf sozial Schwache herabblicke, die sich den demonstrativ teuren Lebensstil, der diese Bewegung präge und mit dem sie sich sozial abgrenze, nicht leisten könnten.337

Der Soziologe Harald Welzer kritisierte, dass es großen Teilen der Umweltbewegung darum gehe, das Lebensgefühl zu konsumieren, ein besserer Mensch zu sein. Man inszeniere sich dazu im Rahmen professionell organisierter Events, die von kommerziell agierenden, untereinander im Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehenden NGOs durchgeführt würden, die „Moral als konsumierbare Ware“ anböten und Menschen ein bestimmtes Lebensgefühl verkaufen würden. Diese NGOs würden Themen nicht hinsichtlich ihrer Relevanz für das Gemeinwohl auswählen, sondern nach ihrer Vermarktbarkeit.338 Dieser Bewegung mangele es zudem an tieferen Analysen von Herausforderungen im Bereich Ökologie oder kulturellen Visionen. Antworten auf die angesprochenen Herausforderungen würden in vermeintlich besseren Konsumangeboten bestehen, mit denen sich Aktivisten als bessere Menschen inszenieren könnten.

Laut dem Umweltchemiker Michael Braungart drückten sich hedonistische Tendenzen in der Umweltbewegung auch dadurch aus, dass deren Anhänger „die Katastrophe einfach nur größer“ machen, „damit sie selber wichtiger erscheinen“.339

Teil dieser hedonistischen Ausrichtung bzw. des Motivs, die eigene Selbstwahrnehmung durch Aktivismus zu steigern, ist auch die eigene Selbstdarstellung als Rebellen, obwohl in Deutschland sowohl die Bundesregierung als auch der Großteil der Parteien sowie fast alle Medien und anderen gesellschaftlichen Akteure die Bewegung geschlossen unterstützen. Keiner der Teilnehmer hat öffentliche Kritik oder berufliche Nachteile zu erwarten, wie es bei echten Protestbewegungen der Fall ist.

5.8.3 Ausweichen vor persönlicher Verantwortung

Laut Harald Welzer ist Umweltaktivismus oft mit dem Ausweichen vor der Übernahme persönlicher Verantwortung verbunden. Das Thema Klimaschutz sei für viele Anhänger der Umweltbewegung so attraktiv, weil hier im Vergleich zu anderen Herausforderungen der unmittelbare Bezug zwischen der Lage der Umwelt und individuellem Verhalten am schwächsten ausgeprägt sei. Sich für Klimaschutz zu engagieren erlaube es, so weiterzuleben wie bisher und stattdessen von anderen Menschen Verzichtsleistungen zu fordern. Luxuskonsum, etwa der Einkauf in Bio-Supermärkten, wird in diesem Zusammenhang teilweise als eigene Verzichtsleistung dargestellt.

  • Zahlreiche Prominente, die sich für Klimaschutz engagieren, nutzen gleichzeitig Privatflugzeuge, etwa der britische Prinz Harry.340 Prominente Unterstützer der Extinction-Rebellion-Bewegung, darunter viele Popsänger und Schauspieler, räumten nach Kritik ein, dass sie „Heuchler“ seien, weil sie einen CO2-intensiven Lebensstil führen würden. Verantwortlich dafür seien jedoch nicht sie selbst, sondern das „System“ bzw. die auf fossilen Brennstoffen beruhende Wirtschaft. Veränderungen müssten auf dieser Ebene ansetzen.341
  • Carola Rackete, die 2019 als eine der führenden Aktivistinnen der Klimabewegung in Deutschland in Erscheinung trat, wollte die Folgen ihrer Forderungen selbst offenbar nicht tragen. Sie forderte einerseits eine unbeschränkte Aufnahme von irregulären Migranten („Klimaflüchtlingen“) in Deutschland342, erklärte aber andererseits, sie wolle auf keinen Fall in Deutschland leben, weil es hier zu viele Menschen auf engem Raum gebe.343

Alexander Grau beobachtete außerdem eine auffällige „Verbotssehnsucht“ in dieser Bewegung.344 Diese hat möglicherweise über das behauptete ökologische Motiv hinaus tiefere Ursachen und stellt vielleicht eine psychologische Reaktion auf die Folgen des eigenen Hedonismus dar. Robin Alexander vermutete, dass diese Bewegung durch Verbotsforderungen „an ihrer Umgebung ausagieren, was ihnen am eigenen Körper und an eigenen Bedürfnissen suspekt ist“.345

Martin Drenthen kritisierte außerdem den in der Umweltbewegung der Gegenwart vorherrschenden Universalismus. Dieser verlange vom Menschen, eine „abstrakte, körperlose Person“ zu werden, „die nirgends in der Welt wirklich zu Hause ist“. Der Schutz der natürlichen Umwelt setze in der Praxis jedoch die Bindung des Menschen an eine Heimat voraus, die er als schützenswert empfinde.346

Herbert Gruhl wies auf den Widerspruch hin, der darin liege, dass Teile der Umweltbewegung sich zwar für die Menschheit, aber nicht „für das eigene Volk, für die Heimat- oder Vaterland“ einsetzen wollten und diesen gegenüber „nur Gleichgültigkeit, oft sogar Verachtung zeigen“. Offenbar ziehe man die verbale Bekundung von Solidarität gegenüber einem abstrakten Gebilde der konkreten, praktischen Solidarität gegenüber einem konkreten Ort oder einer Gemeinschaft von Menschen vor. Er vermutete, dass das Motiv dafür darin liege, dass man sich ohne Konsequenzen für das eigene Verhalten „ganz beliebig in humanitären Theorien ergehen“ wolle, um das Gefühl des Gutseins ohne die damit verbundenen Lasten genießen zu können.347

Stand: 13.04.2020 – Autor: Fachgruppe 4 (Christliche Soziallehre)

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  257. Eric Voegelin: Die politischen Religionen, München 1993.
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  273. Jonathan Safran Foer: Wir sind das Klima!, Köln 2019, S. 115.
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  280. „Fridays for Future über Alte: ‚Die sind doch eh bald nicht mehr dabei‘“, faz.net 23.12.2019.
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  302. Greta Thunberg/Luisa Neubauer/Angela Valenzuela: „Warum wir weiter fürs Klima streiken“, ipg-journal.de, 02.12.2019.
  303. „‚Wir lassen uns nicht spalten‘“, taz.de, 28.11.2019.
  304. „Blanker Hass gegen Klimaaktivistin“, taz.de, 10.10.2019.
  305. „Runter von der Straße: So will ‚Fridays for Future‘ sich neu erfinden“, bento.de, 04.01.2020.
  306. „Fridays for Future demonstrieren mit Großeltern in Köln gegen rechts“, ksta.de, 03.01.2020.
  307. „Grüne Jugend, Jusos und Linksjugend: Kölner CSD-Motto ‚unverantwortlich‘“, queer.de, 15.01.2020.
  308. Martin Rhonheimer: „Der Aufrechte rechnet mit Strafe”, Neue Zürcher Zeitung, 24.01.2020.
  309. „‚Linksextremisten unterwandern auch bürgerliche Milieus‘“, Die Welt, 19.10.2019.
  310. „Sicherheitsbehörden warnen: Linksextreme wollen Klima-Demos unterwandern“, focus.de, 16.06.2019.
  311. Markus Wehner: „Extreme Klimaschützer“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2020.
  312. Der Berliner Verfassungsschutz stufte „Ende Gelände“ 2020 als linksextrem ein, weil das Bündnis eine „gezielte Diskreditierung von Staat­lichkeit“ betreibe. Außerdem versuche es „die – zumeist jungen – Klimaakteure zu vereinnahmen und zu radikalisieren“. Zudem sei die linksextreme Gruppierung „Interventionistische Linke“ Teil des Bündnisses, das „Gewaltanwendung mindestens billigend in Kauf“ nehme. Angriffe auf Polizeibeamte würden befürwortet. Auf eine linksextreme Ausrichtung deute auch die „unmittelbare Verknüpfung der Themenfelder Anti-Kapitalismus und Anti-Faschismus“ mit Klimaschutzfragen hin.311„Verfassungsschutz Berlin. Bericht 2019“, Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz, Berlin 2020, S. 162 ff.
  313. „‚Es wird ein ungehorsamer Sommer wie noch nie‘“, Die Welt, 11.07.2020.
  314. „Eine polarisierende Entscheidung“, Die Welt, 22.05.2020.
  315. „‚Kinder verbrennen sich die Füße? Das ist ja eine steile These‘“, Die Welt, 16.10.2019.
  316. „Früher war ein Sturm einfach ein Sturm“, Der Spiegel, 19.10.2019.
  317. „‚Klimapolitik verteilt das Weltvermögen neu‘“, NZZ am Sonntag, 14.11.2010.
  318. Jonas 1976, S. 256-279, 327.
  319. Rohrmoser 1994, S. 385.
  320. Harald Welzer: Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a. M. 2014, S. 74.
  321. „Handeln für die Zukunft der Schöpfung“, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 22.10.1998.
  322. „‚Ich will, dass ihr in Panik geratet‘“, welt.de, 25.01.2019.
  323. Norbert Bolz: „Herrschaft der Kindsköpfe“, Cicero, Nr. 2/2020, S. 14-23.
  324. „‚Kinder verbrennen sich die Füße? Das ist ja eine steile These‘“, Die Welt, 16.10.2019.
  325. „Früher war ein Sturm einfach ein Sturm“, Der Spiegel, 19.10.2019.
  326. „Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage 2582 vom 31. Mai 2019 des Abgeordneten Dr. Christian Blex“, Landtag Nordrhein-Westfalen, Drucksache 17/6407, 02.07.2019.
  327. „‚Tendenzen zur Verwahrlosung‘“, Die Welt, 16.12.2019.
  328. Roger Scruton: Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz, München 2013, S. 89.
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  330. Matt Cartmill: Das Bambi-Symdrom. Jagdleidenschaft und Misanthropie in der Kulturgeschichte, Hamburg 1995.
  331. Rainer Brämer: „Das Bambi-Syndrom. Naturverklärung als Naturentfremdung“, Natur subjektiv, Nr. 7/1998.
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  333. Rainer Brämer: „Natur infantil? Die Bambisierung der Natur hat die Erwachsenen erreicht“, Natur subjektiv, Nr. 11/2009.
  334. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 87-88.
  335. Hansjörg Küster: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa. Von der Eiszeit bis zur Gegenwart, München 1995.
  336. Martin Grichting: „Die Corona-Pandemie ist eine Katastrophe, aber sie zwingt uns, über uns selber nachzudenken – und über unsere Stellung in der Welt“, nzz.ch, 28.04.2020.
  337. „Matthias Drobinski: „Klimadebatte: Wenn Protest zur Säkularreligion wird“, sueddeutsche.de, 20.09.2019.
  338. Welzer 2014, S. 74-80.
  339. „Umweltchemiker Michael Braungart: ‚Greta Thunberg? Wie lächerlich‘“, shz.de, 18.01.2020.
  340. „Prince Harry Defends Private Jet Flights as He Launches New Travel Green Initiative“, time.com, 03.09.2019.
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  344. Alexander Grau: „Die neue Lust an Verboten“, cicero.de, 19.07.2019.
  345. Robin Alexander: „Klimaschutz braucht Streit“, Die Welt, 26.09.2019.
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