Stand: 29.11.2020

Europa ist weit mehr als die zentralistische Bürokratie, die diesen Namen für sich beansprucht.

1. Der abendländische Gedanke

Das Abendland ist der kulturell durch das Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch germanische und keltische Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft.

Der Begriff „Abendland“ entstand im Anschluss an Martin Luthers Übersetzung des Wortes oriens mit „Morgenland“ im 16. Jahrhundert. Die heutige Bedeutung des Begriffes entstand im frühen 19. Jahrhundert. Der Historiker Leopold von Ranke gehörte zu den ersten Denkern, die den Begriff im heutigen Sinne verwendeten.1

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb, dass die Antwort auf die Frage, was das Abendland sei, „stets wieder geleistet werden“ müsse, damit unsere Kultur sich selbst verstehe. Die Antwort auf diese Frage sei zudem wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft aus den eigenen Wurzeln heraus.2

Dem katholischen Theologen Karl Rahner zufolge sei das Abendland der „geschichtlich-kulturelle Raum des Christentums, den Gott auf es hin als seine Vorbedingung […] geschaffen hat oder den es selbst als seine geschichtliche Leibhaftigkeit sich gebildet hat“ sowie die „Einwurzelung des Christentums in der öffentlichen Geschichte“.3

1.1 Die Ursprünge des Abendlandes

Die ältesten Wurzeln des Abendlandes liegen vermutlich in indoeuropäischen Einflüssen, die im fünften vorchristlichen Jahrtausend entstanden und über die Kulturen des antiken Roms und Griechenlands und später über keltische und germanische Kultur in die abendländische Tradition eingingen. Ebenfalls sehr weit zurück gehen die Einflüsse des Judentums sowie die noch älteren ägyptischen und babylonischen Einflüsse, die es aufnahm.

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff „Europa“ häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.4

Das Abendland entstand in einem mehrere Jahrhunderte umspannenden Prozess, der damit begann, das  germanische Stämme in das weströmische Reich einbrachen und die christlich-römische Kultur annahmen bzw. ihre Kultur mit dieser zu einer neuen Synthese verbanden.5

Von Europäern wurde im nachantiken Kontext erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten. Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Die von diesen Mönchen ausgehende Mission schaffte bis zum Jahr 1000 eine Glaubensgemeinschaft der romanischen, germanischen und einiger slawischen Völker sowie der Ungarn.6 Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken. Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein. Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

1.2 Das Wesen des Abendlandes

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy erklärte, dass Europa „kein Ort, sondern eine Idee“ sei. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was das Wesen Europas ausmacht. Der abendländische Gedanke betont die christlichen Wurzeln, das christliche Wesen und die christliche Bestimmung Europas und unterscheidet sich dabei von materialistischen Europakonzepten, die in Europa vor allem eine Freihandelszone oder einen durch die gemeinsame Abstammung seiner Bewohner bestimmten Raum sehen.

Der Historiker Christopher Dawson beschreibt die Geschichte des Abendlandes als „die Geschichte einer Reihe von Renaissancen von religiösen und geistigen Erneuerungsbewegungen“. Josef Pieper zufolge bestehe das Wesen des Abendlandes in „theologisch gegründeter Weltlichkeit“.

Der katholische Philosoph Alois Dempf schrieb, dass das Abendland ein „großes Symbol der Heilsgeschichte“ darstelle, da in ihm „trotz allen Versagens und aller Schuld die Auswirkung des Christentums in der ganzen Breite der führenden Weltgeschichte“ nachvollzogen werden könne.7

Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über das Wesen des Abendlandes:

„Unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen wurzelt in der geistigen Substanz des Abendlandes, also in dem geistigen Wesen, das in der Antike begonnen hat, […] das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche seine große Wendung erfahren und schließlich beim Ausgang des Mittelalters  in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und umgestaltet hat.“8

Der Dichter Novalis schrieb über das Abendland:

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Euro­pa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“

1.3 Das Abendland und die Gegenwart

Seit dem Verlust der religiösen Einheit West- und Mitteleuropas und im Zuge der Moderne ist das Abendland von einer geopolitischen Tatsache zu einem geistigen Ideal geworden.

Der der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer schrieb 1965 in seinem Buch Erinnerungen 1945-1953“, dass vor dem Hintergrund der Verbrechen der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts eine Politik, die sich auf die „christlich-abendländische Weltanschauung“ stütze, dringender erforderlich sei als jemals zuvor. Aus dem „Wesen des abendländischen Christentums“ gehe der Grundsatz hervor, „daß die Würde der menschlichen Person über allem, auch über der staatliche Macht, stehen muß“.

Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1960:

„Adenauer ist es, der in jedem Lande die Männer beschwört, ihre nationalen Ansprüche in den zweiten Rang zu schieben. Nur die Ansprüche, die mit dem allgemeinen Interesse koinzidieren, sind zu halten. Das nationale Interesse als Wille zum Überleben ist identisch mit dem Interesse des solidarischen Abendlandes.“

Die europaweiten Reaktionen auf den Brand in der Kathedrale Notre-Dame in Paris 2019 zeigten, dass der abendländische Gedanke weiterhin lebendig ist und es in den Völkern Europas weiterhin ein starkes Bewusstsein für die geteilte abendländische Identität gibt.

2. Der christliche Reichsgedanke und die Einheit Europas

Das Ideal einer völkerübergreifenden politischen Einheit auf Grundlage christlicher Ordnungsvorstellungen und Kultur entstand zur Karolingerzeit. Es geht auf den römischen Reichsgedanken zurück und lebt im christlich-konservativen Ideal der europäischen Einheit fort. Das christlich gedachte Reich ist eine subsidiäre, auf Nationen aufbauende transnationale Ordnung und kein zentralistisches Imperium. Seine Herrschaft ist an das Naturrecht gebunden und nicht absoluter Natur wie im Imperium. Ansätze des Reichsgedankens wurden in der Europäischen Gemeinschaft, dem Vorläufer der Europäischen Union, verwirklicht. Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck bezeichnete die römische Reichsidee 2013 als eine der Grundlagen europäischer Identität.9 Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass christliche Konservative wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gasperi nach dem Zweiten Weltkrieg „das Wagnis einer Neugründung Europas über Ruinen unternahmen, und zwar im alten karolingischen Erbteil des Abendlands.“10 Adenauer hatte damals die Integration Europas als „die einzige mögliche Rettung des christlichen Abendlandes“ bezeichnet.11

3. Europa als geopolitischer Raum und Verteidigungsgemeinschaft

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass Identität durch „große Erzählungen“ und „heilige Geschichten“ gestiftet und weitergegeben werden. Dazu gehöre auch die Geschichte der Verteidigung des christlichen Europas:

„In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].“

Auch Otto von Habsburg hob die Bedeutung des christlichen Kulturerbes des schützenden Dienstes für Europa hervor:

„Bestimmend für die europäische Zivilisation waren auch die großen und damit die volle Entfaltung Europas ermöglichenden Abwehrkämpfe von außen, wie die Reconquista in Spanien oder die Türkenkriege im Donauraum. Sie haben dazu beigetragen, das europäische Bewußtsein zu formen, erfolgten sie doch im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond. In der Reconquista entstand die imperiale Orientierung Spaniens, die seit Karl V. vor allem das Haus Österreich stark beeinflußte. In den Türkenkriegen vor mehr als dreihundert Jahren wiederum fanden sich die Europäer in ganz besonderer Weise zusammen. Das vom Islam bedrohte Wien verteidigten die großen Völkerfamilien unseres Erdteiles, Germanen, Slawen und Romanen gemeinsam […].“12

Dem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht Udo Di Fabio zufolge sei Europa stets ein auf die Abwehr äußerer Gegner und Bewältigung größerer Herausforderungen ausgerichtetes „Projekt der Selbstbehauptung vielfältiger politischer Räume“ gewesen. Europa werde sich künftig in einem „robusteren, ja vielleicht sogar gewalttätigeren geopolitischen Umfeld“ behaupten werden müssen.13

Quellen

  1. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  2. Josef Pieper: „Was heißt ‚Christliches Abendland‘?“, in: Ders.: Tradition als Herausforderung. Aufsätze und Reden, München 1963.
  3. Zit. nach Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 5.
  4. Simon Price/Peter Thonemann: Die Geburt des klassischen Europa, Darmstadt 2018, S. 142.
  5. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  6. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  7. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 7.
  8. Werner Heisenberg: Das Naturbild der heutigen Physik, Hamburg 1955, S. 36
  9. Joachim Gauck: „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“, sueddeutsche.de, 22.02.2013.
  10. „Die Wahrheit suchen und für sie kämpfen: Erzbischof Gänswein über das neue Benedikt-Buch“, catholicnewsagency.com, 12.05.2018.
  11. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–196. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 230.
  12. Otto von Habsburg: Die Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung, Wien/München 1986, S. 25.
  13. Udo di Fabio: „United States of Europe – nur Zukunftsmusik?“, Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2019.