Stand: 04.04.2021

Diese Themenseite behandelt die geistigen Grundlagen Europas und setzt sich mit einzelnen Aspekten der politischen Gestaltung Europas auseinander.

1. Europa und die westlich-abendländische Zivilisation

Als Europa wird hier der durch die Völker des Westens des eurasischen Kontinents über Jahrtausende hinweg in einer ungebrochenen Traditionskette geschaffene Kulturraum verstanden, dessen Vielfalt durch den abendländischen Gedanken zu einer Einheit geformt wurde. Europa ist in diesem Sinne identisch mit der abendländischen Zivilisation und kein geographischer Begriff, sondern ein geistig-kultureller Entwurf, der ins Universelle ausgreift.

Der Begriff der „westlichen Zivilisation“ trägt diesem universellen Selbstverständnis Rechnung und beschreibt die nicht mehr auf den europäischen Subkontinent oder an Menschen europäischer Abstammung gebundene Kultur, die auf die abendländische Zivilisation zurückgeht, sowie das mit ihr verbundene politische Ordnungsmodell. Zu den Menschen des Westens kann jeder gehören, der bereit dazu ist, das abendländische Erbe anzunehmen. Europa verfügt dementsprechend nicht über feste Grenzen. In der Geschichte der Menschheit schufen bislang nur Europäer und andere Menschen des Westens Weltreiche, und solche Menschen drangen bislang auch als einzige zu anderen Welten vor.

Als historische Größe blickt Europa heute auf eine rund dreitausendjährige Geschichte zurück. Seine Wurzeln reichen jedoch weit tiefer in die Geschichte zurück. Seine ältesten nachweisbaren Wurzeln liegen in jenen indoeuropäischen Einflüssen, die im fünften vorchristlichen Jahrtausend entstanden und über die Kulturen des antiken Roms und Griechenlands und später über keltische und germanische Kultur in die abendländische Tradition eingingen. Ebenfalls sehr weit in die Geschichte zurück gehen die Einflüsse des Judentums sowie die noch älteren ägyptischen und babylonischen Einflüsse, die es aufnahm.

1.1 Die Geburt Europas aus dem Geist des Christentums

Die abendländische Zivilisation entstand in einem mehrere Jahrhunderte umspannenden Prozess, der damit begann, das  germanische Stämme in das weströmische Reich einbrachen und die christlich-römische Kultur annahmen bzw. ihre Kultur mit dieser zu einer neuen Synthese verbanden.1 Das Christentum bildete dabei die kulturelle Grundlage für das Zusammenwachsen der Stämme. In diesem Umfeld war die Kirche die einzige stabile Institution, die ganz Europa durch ihr Netzwerk aus Bischofssitzen, Pfarreien und Klöstern verband. Laut dem Altphilologen Manfred Fuhrmann stellte die Kirche zu dieser Zeit das „weitaus wichtigste Bollwerk für die Kontinuität der Kultur“ sowie für die Kunst des Lesens und Schreibens dar. Außerdem verfügte die Kirche über die gemeinsame Sprache des Lateinischen und das damit verbundene Kulturerbe, das sie „aus den Trümmern des weströmischen Reiches herübergerettet hatte“. Dies machte sie zum einigenden und identitätsprägenden Faktor der abendländischen Zivilisation.2

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Die von diesen Mönchen ausgehende Mission schaffte bis zum Jahr 1000 eine Glaubensgemeinschaft der romanischen, germanischen und einiger slawischen Völker sowie der Ungarn.3 Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein. Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und die auch heute noch vorhandenen Städte gegründet wurden.

1.2 Europa als Antwort auf Bedrohungen von außen

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. legte Hekataios von Milet den ersten überlieferten Entwurf eines Geographiewerks vor, dass die Welt in Europa und Asien unterteilte. Seitdem war der Begriff „Europa“ häufiger in der griechischen Literatur zu finden. Mit ihm verbunden war die Annahme einer kulturellen Kluft, welche die Bereiche von Ordnung und Chaos trennt.4

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) wies darauf hin, dass der europäische Kulturraum der Antike das Mittelmeer zum Zentrum gehabt und Teile Westasiens umfasst habe. Die islamische Expansion im 7. Jahrhundert habe diesen Kulturraum auf den europäischen Kontinent zurückgeworfen.5 Die „islamische Welt“ sei der Gegner gewesen, mit dem sich das vorneuzeitliche Europa „auf Leben und Tod auseinanderzusetzen hatte“.6

Von Europäern wurde im nachantiken Kontext erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten. Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Die Selbstwahrnehmung Europas entstand als Folge der äußeren Bedrohung der antiken Griechen durch die kulturell fremden Perser. Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Westens immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken. Ratzinger wies darauf hin, dass der Begriff „Europa“ erst im Zuge der neuzeitlichen Bedrohung durch das Osmanische Reich Teil der allgemeinen Sprache wurde.7

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass Identität durch „große Erzählungen“ und „heilige Geschichten“ gestiftet und weitergegeben werden. Dazu gehöre auch die Geschichte der Verteidigung des christlichen Europas:

„In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].“

Auch Otto von Habsburg hob die Bedeutung des christlichen Kulturerbes des schützenden Dienstes für Europa hervor:

„Bestimmend für die europäische Zivilisation waren auch die großen und damit die volle Entfaltung Europas ermöglichenden Abwehrkämpfe von außen, wie die Reconquista in Spanien oder die Türkenkriege im Donauraum. Sie haben dazu beigetragen, das europäische Bewußtsein zu formen, erfolgten sie doch im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond. In der Reconquista entstand die imperiale Orientierung Spaniens, die seit Karl V. vor allem das Haus Österreich stark beeinflußte. In den Türkenkriegen vor mehr als dreihundert Jahren wiederum fanden sich die Europäer in ganz besonderer Weise zusammen. Das vom Islam bedrohte Wien verteidigten die großen Völkerfamilien unseres Erdteiles, Germanen, Slawen und Romanen gemeinsam […].“8

Dem ehemaligen Richter am Bundesverfassungsgericht Udo Di Fabio zufolge sei Europa stets ein auf die Abwehr äußerer Gegner und Bewältigung größerer Herausforderungen ausgerichtetes „Projekt der Selbstbehauptung vielfältiger politischer Räume“ gewesen. Europa werde sich künftig in einem „robusteren, ja vielleicht sogar gewalttätigeren geopolitischen Umfeld“ behaupten werden müssen.9

2. Europa als geistiger Entwurf

Dieses Kapitel beschreibt verschiedene Europaentwürfe, denen gemeinsam ist, dass sie Europa vor allem als geistig-kulturelle Einheit betrachten. Diese Entwürfe grenzen sich von technokratischen Entwürfen ab, die gemeinsame wirtschaftliche Interessen als die Grundlage der europäischen Einheit ansehen.

2.1 Der abendländische Gedanke

Das Abendland ist der kulturell durch das Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch germanische und keltische Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft. Das Abendland beruht auf dem in West- und Nordeuropa inkulturierten Christentum, das in Abgrenzung zu dem in Ost- und Südosteuropa oder im südlichen und östlichen Mittelmeerraum inkulturierten Christentum, aber auch in Abgrenzung zum islamischen Kulturraum, seine eigene kulturelle Identität entwickelt hat. Der abendländische Gedanke ist stützt sich auf dieses Erbe, um eine christlich begründete, den europäischen Kulturraum umfassende übernationale politische Einheit zu schaffen.

Der Begriff „Abendland“ entstand im Anschluss an Martin Luthers Übersetzung des Wortes oriens mit „Morgenland“ im 16. Jahrhundert. Die heutige Bedeutung des Begriffes entstand im frühen 19. Jahrhundert. Der Historiker Leopold von Ranke gehörte zu den ersten Denkern, die den Begriff im heutigen Sinne verwendeten.10

Seit dem Verlust der religiösen Einheit West- und Mitteleuropas und im Zuge der Moderne ist das Abendland von einer geopolitischen Tatsache zu einem geistigen Ideal geworden. Nach dem Ersten Weltkrieg gewann der abendländische Gedanke stark an Bedeutung, weil man in ihm eine Grundlage für Versöhnung und Frieden zwischen den Völkern Europas sah.11 Er inspirierte später den Widerstand gegen totalitäre Ideologien und den Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg. Die europaweiten Reaktionen auf den Brand in der Kathedrale Notre-Dame in Paris 2019 zeigten jedoch, dass der abendländische Gedanke weiterhin lebendig ist und es in den Völkern Europas weiterhin ein starkes Bewusstsein für die geteilte abendländische Identität gibt.

2.1.1 Das Wesen des Abendlandes

Dem katholischen Theologen Karl Rahner zufolge sei das Abendland der „geschichtlich-kulturelle Raum des Christentums, den Gott auf es hin als seine Vorbedingung […] geschaffen hat oder den es selbst als seine geschichtliche Leibhaftigkeit sich gebildet hat“ sowie die „Einwurzelung des Christentums in der öffentlichen Geschichte“.12

  • Der französische Bernard-Henri Lévy erklärte, dass Europa „kein Ort, sondern eine Idee“ sei. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was das Wesen Europas ausmacht. Der abendländische Gedanke betont die christlichen Wurzeln, das christliche Wesen und die christliche Bestimmung Europas und unterscheidet sich dabei von materialistischen Europakonzepten, die in Europa vor allem eine Freihandelszone oder einen durch die gemeinsame Abstammung seiner Bewohner bestimmten Raum sehen.
  • Der Philosoph Paul Valéry schrieb, dass das europäische Wesen „unabhängig von Rasse, Sprache und Nationalität“ sei und einen universellen Entwurf darstelle: „Überall wo die Namen Cäsar, Gajus, Trajan, Virgil, überall wo die Namen Moses und Paulus, überall wo die Namen Aristoteles, Plato, Euklid Bedeutung und entsprechendes Ansehen haben – dort ist Europa. Jede Rasse und jedes Land, das nacheinander romanisiert und christianisiert und der geistigen Strenge der Griechen unterworfen wurde, ist vollkommen europäisch.“13
  • Der Historiker Christopher Dawson beschrieb die Geschichte des Abendlandes als „die Geschichte einer Reihe von Renaissancen von religiösen und geistigen Erneuerungsbewegungen“.
  • Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb, dass die Antwort auf die Frage, was das Abendland sei, „stets wieder geleistet werden“ müsse, damit unsere Kultur sich selbst verstehe. Die Antwort auf diese Frage sei zudem wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft aus den eigenen Wurzeln heraus.14 Laut Pieper machten „theologisch gegründete Weltlichkeit“, eine „bejahende Zuwendung zur Welt“, die „Bejahung des leibhaftigen Menschen“, die „Bejahung und Anerkennung der natürlichen menschlichen Vernunft“, ein „Ernstnehmen der natürlichen Wirklichkeit in allen ihren Bereichen“ sowie „Weltoffenheit“ das christliche Abendland aus. Das Christentum betrachte diese Dinge als positive Werte, weil sie von Gott geschaffen seien. Es vertrete in seiner westeuropäischen Ausprägung daher eine „innere Verknüpfung von Weltlichkeit und Religiosität“ und eine „weltbejahende und weltformende Theologie“. Das orthodoxe Christentum hingegen unterscheide sich vom abendländischen, weil es sich auf den Vollzug der Liturgie und Kontemplation fokussiere.15
  • Das abendländische Erbe sei kein fester Bestand, der unverändert weitergegeben werden könne, sondern „ein geschichtlicher Entwurf, der unter stets sich verändernden Bedingungen immer neu in geschichtliche Wirklichkeit umgesetzt werden muß“. Die Gegenteile dieses Entwurfs sei „eine von keiner Weltverpflichtung beunruhigte Religiosität einerseits und andererseits eine von keiner Weltverpflichtung beunruhigte Weltlichkeit“.16
  • Der katholische Philosoph Alois Dempf schrieb, dass das Abendland ein „großes Symbol der Heilsgeschichte“ darstelle, da in ihm „trotz allen Versagens und aller Schuld die Auswirkung des Christentums in der ganzen Breite der führenden Weltgeschichte“ nachvollzogen werden könne.17

Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über das Wesen des Abendlandes:

„Unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen wurzelt in der geistigen Substanz des Abendlandes, also in dem geistigen Wesen, das in der Antike begonnen hat, […] das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche seine große Wendung erfahren und schließlich beim Ausgang des Mittelalters  in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und umgestaltet hat.“18

Der Dichter Novalis schrieb über das Abendland:

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Euro­pa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“

2.1.2 Totalitäre Ideologien: Die Hauptfeinde des abendländischen Gedankens

Der Schriftsteller Heinrich Mann wies darauf hin, dass die Abkehr vom abendländischen Gedanken Europa nicht mehr Frieden, Freiheit und Vernunft gebracht habe, sondern das Gegenteil in Form totalitärer Ideologien:

„Die katholische Kirche war lange Inhaberin, Dach und Turm des Europas einigenden Geistes […]. Die Kirche ist der einzige organisierte Versuch der abendländischen Gesellschaft, zur Herrschaft ihren Geist zu führen, ihn höher einzusetzen als alle stoffliche Gewalt. Geist, unmittelbare Macht über jeden Europäer, das kam nie wieder. Was kam, waren Mächte, die von Stufe zu Stufe gemeiner wurden.“19

Der Kampf gegen Nationalsozialismus und Kommunismus im 20. Jahrhundert wurde in Westeuropa verbreitet als Überlebenskampf des christlichen bzw. des abendländischen Europas gegen moderne totalitäre Ideologien wahrgenommen. Der französische General Charles de Gaulle, eine der zentralen Symbolfiguren dieses Kampfes, stammte aus einem traditionsorientierten Katholizismus, der die Französische Revolution und die modernen Ideologien ablehnte, die sie hervorgebracht hatte.20

Der jüdische Philosoph Hans Jonas, der später vor allem durch seine Gedanken über Verantwortungsethik bekannt wurde, sagte zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, dass das Judentum für den Nationalsozialismus ein „metaphysischer Feind“ sei. Ein solches Feindschaftsverhältnis sei auf das Dasein der anderen Seite gerichtet, negiere deren Recht zu existieren, ziele auf ihre Vernichtung ab und sei absoluter Natur. Es dauere an, solange eine der Konfliktparteien existiere. Wer zum Gegenstand eines solchen Verständnisses von Feindschaft werde, dem drohe das „Armenierschicksal“. Ihm bleibe es nur, die ihm angedachte Vernichtung zu akzeptieren und dabei auch noch seine Ehre zu verlieren, oder zu kämpfen und vielleicht sein Leben, in jedem Fall aber seine Ehre zu behalten. Entsprechende Kriege würden als totaler Krieg bzw. als Vernichtungskrieg geführt, der „nur mit der Vernichtung des Einen oder Andern enden“ könne. Es handele sich um Religionskriege, die zwischen widerstreitenden Prinzipien geführt würden. Der Krieg des Nationalsozialismus gegen das christlich-abendländische, aber auch gegen das jüdische Erbe sei ein solcher Krieg gewesen:

„Krieg zwischen Prinzipien, von denen das eine in der Form der christlich-abendländischen Humanität auch das Vermächtnis Israels an die Welt verwaltet, – das andere, der Kult der menschenverachtenden Macht, die absolute Negierung dieses Vermächtnisses bedeutet“. Der NS „hat dies zuerst begriffen, indem er das Christentum als Verjudung der europäischen Menschheit beurteilte und in seinen metaphysischen Antisemitismus einbezog“. Der NS als heidnische Ideologie habe als „Widersacher“ des geistigen Erbes Europas „das scheinbare Paradox zuwege gebracht“, dass ein bellum christianum zugleich ein bellum judaicum sein kann“. Der Kampf gegen den NS sei „der antiheidnische Kampf“ schlechthin, der „in seinen elementaren Vereinfachungen plötzlich die gemeinsamen Grundlagen sichtbar weden“ ließ, „die unser Judentum mit der christlich-abendländischen Kultur verbinden“.21

In Osteuropa wurden die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, vor allem auch von christlich-konservativen Kräften getragen, zum Beispiel die Solidarnosc in Polen. Entscheidend war hier auch das Wirken der katholischen Kirche unter der Führung von Johannes Paul II. Auch protestantische, insbesondere evangelikale Christen engagierten sich in besonderem Maße im Kampf gegen den Kommunismus. In Osteuropa war die Kirche oft der letzte Freiraum, den der Kommunismus nicht zerstören konnte.

Während des Ost-West-Konflikts wurde der abendländische Gedanke von Anhängern des kommunistischen Totalitarismus als „Kampfbegriff“ abgelehnt, weil sich das freie Europa vor allem in der Nachkriegszeit auf diesen Gedanken stützte und damit den anstrebten Revolutionen und der Durchsetzung kommunistischer Ideologie im Wege stand.

2.1.3  Der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg im abendländischen Geist

Der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg und die damaligen Bestrebungen zu größerer europäischer Einheit fanden zunächst im Geist des Christentums und auf Grundlage der katholischen Soziallehre statt. Erst später gewannen Kräfte die Oberhand, welche den Versuch der politischen Einigung Europas im Rahmen einer zentralistischen Bürokratie und in bewusster Abwendung von den christlichen Wurzeln Europas betrieben.

In Westeuropa erkämpften christliche Konservative zusammen mit ihren Verbündeten gegen den Widerstand und die Angriffe säkularer totalitärer Ideologien eine menschenwürdige Ordnung. Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass es christliche Konservative wie Konrad Adenauer waren, denen es gelang, Deutschland nach dem durch die säkulare Ideologie des Nationalsozialismus herbeigeführten Zivilisationsbruch „wieder ganz neu im freiheitlichen Wertesystem der jüdisch-christlichen Geschichte des lateinisch-westlichen Abendlandes zu verankern.“ Zusammen mit anderen christlichen Konservativen wie Robert Schuman und Alcide De Gasperi sei Adenauer das „Wagnis einer Neugründung Europas über Ruinen“ auf der Grundlage abendländischer Weltanschauung eingegangen.22 Es gelang christlichen Konservativen und ihren Verbündeten, Europa die geistigen, kulturellen und politischen Grundlage für seinen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg zu geben, die von totalitären säkularen Ideologien angerichteten Zerstörungen zu beheben, den Kontinent nach zwei Kriegen wieder auf Grundlage des geteilten abendländischen Erbes zu vereinen und die Grundlagen für die bislang längste Friedensperiode in der Geschichte der Region zu schaffen.

Dietrich Bonhoeffer schrieb kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten, dass Krieg und Totalitarismus „die notwendige Erfahrungsgrundlage dafür“ bildeten, „daß nur auf dem Boden des Christentums ein Wiederaufbau des Lebens der Völker im Innern und Äußern möglich ist“.23

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte Adenauer, „dass nur eine Demokratie, die in der christlich-abendländischen Weltanschauung, in dem christlichen Naturrecht, in den Grundsätzen der christlichen Ethik wurzelt, die große erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen und seinen Wiederaufstieg herbeiführen kann“.24

Deutschland und Europa könnten nur auf einer christlich-abendländischen Grundlage erneuert werden:

„Wir wollen von den geistigen Grundlagen aus, die das abendländische Christentum im Laufe vieler Jahrhunderte geschaffen hat, in Deutschland neu gestalten – und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und in der Welt.“25

Der der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer schrieb 1965 in seinem Buch “, dass vor dem Hintergrund der Verbrechen der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts eine Politik, die sich auf die „christlich-abendländische Weltanschauung“ stütze, dringender erforderlich sei als jemals zuvor. Aus dem „Wesen des abendländischen Christentums“ gehe der Grundsatz hervor, „daß die Würde der menschlichen Person über allem, auch über der staatliche Macht, stehen muß“.26

Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1960:

„Adenauer ist es, der in jedem Lande die Männer beschwört, ihre nationalen Ansprüche in den zweiten Rang zu schieben. Nur die Ansprüche, die mit dem allgemeinen Interesse koinzidieren, sind zu halten. Das nationale Interesse als Wille zum Überleben ist identisch mit dem Interesse des solidarischen Abendlandes.“

In der ersten in der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Regierungserklärung sagte Adenauer 1949, die Arbeit seiner Regierung werde „getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und von der Würde des Menschen“. Seine Hoffnung und sein Ziel sei es „dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt“.27

Adenauer rief nach Krieg christliche Konservative dazu auf, den „Kampf um die Seele des deutschen Volkes und die Seele Europas, die christliche Seele Europas“ aufzunehmen.28 Dies stieß offenbar auf die Zustimmung eines wesentlichen Teils der Deutschen. Als am 12. September 1949 erstmals der neugewählte Bundespräsident Theodor Heuss auf dem Bonner Marktplatz empfangen wurde, sangen die Menschen mangels einer Nationalhymne den Choral „Großer Gott wir loben dich“.29 Ende der 1940 Jahre war eine Welle von Kircheneintritten zu beobachten. Außerdem stieg die Zahl der Wallfahrten und der Prozessionen, und auch der Anteil der Christen, die Gottesdienste besuchen, stieg an.30

  • Laut dem Politikwissenschaftler Franz Walter habe es im modernen Deutschland nie zuvor „eine solche Symbiose zwischen Staat und katholischer Kirche gegeben wie in den 50er Jahren unter dem Kanzler Adenauer, dem Helden und der Identifikationsfigur der deutschen Katholiken“.31
  • Dem Soziologen Gerhard Schmidtchen nach seien Katholiken „die eigentlichen Entdecker der Bundesrepublik“ sowie die „Ordnungs-Bürgen“ ihrer demokratischen Staatlichkeit gewesen.32

Laut dem Historiker Karl-Joseph Hummel währte die „Stunde des Christentums“ nach dem Krieg „nur einige Minuten“. Der Sozialdemokrat Kurt Schuhmacher hingegen habe gegen die katholische Kirche als „fünfte Besatzungsmacht“ polemisiert.33

Dem Historiker Axel Schildt zufolge sei das politische Klima der frühen Bundesrepublik vom abendländischen Gedanken geprägt gewesen. Dieser habe die Grundlage dafür dargestellt, deutsche Identität in einem europäischen Kontext zu verorten sie von totalitären und materialistischen Entwürfen abzugrenzen.34

Diese abendländische Verortung Deutschlands und Europas durch den christlichen Konservatismus wirkt bis in die Gegenwart nach Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck betonte 2013, dass die Identität Europas im Sinne des abendländischen Gedankens auf dem Fundament der „prägenden christlich-jüdischen Glaubenstraditionen“ sowie dem Denken der griechischer Antike und römischen Vorstellungen von Ordnung und Recht stehe.35

Der Sozialdemokrat Willy Brandt äußerte seine Achtung vor den historischen Leistungen des christlichen Konservatismus. Konservative wie Adenauer hätten in einer schwierigen Zeit „Werte bewahrt, die sich als unverbraucht erwiesen“.36

2.1.4 Die gegenwärtigen Gegner des abendländischen Gedankens

Wegen seiner Bejahung der christlichen Wurzeln Europas wird der abendländische Gedanke heute sowohl von neomarxistischer als auch von postmoderner Ideologien aus deren Streben nach Auflösung von Bindungen und Entgrenzung heraus abgelehnt. Diese Ideologien werfen dem abendländischen Gedanken etwa vor, Muslime auszugrenzen.37

Diese Ideologien dringen zunehmend auch in die Kirche ein, was dazu führt, dass sowohl im deutschen Katholizismus als auch im Protestantismus entsprechende Ideologeme an die Stelle christlicher Weltanschauung treten. Der Münchener Kardinal Reinhard Marx etwa verurteilte 2019 den abendländischen Gedanken, weil dieser „Begriff vor allem ausgrenzend ist“.38 Das, was Dietrich Bonhoeffer als den „Rest an Ordnungsmacht“ bezeichnete, der sich „wirksam dem Verfall widersetzt“ und der „Auflösung alles Bestehenden“ entgegentritt, wollen diese Akteure offenbar nicht mehr sein.39

2.2 Das Konzept der westlichen Welt

Die Vorstellung einer „westlichen Welt“ entstand nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Hintergrund der Bedrohung der Völker Westeuropas und Nordamerikas durch den Kommunismus und der in Folge der Schwächung Europas durch zwei Weltkriege begünstigten Hegemonie der USA. Im Westeuropa der Nachkriegszeit verbanden Christdemokraten den abendländischen Gedanken mit dem Gedanken einer gemeinsamen westlichen Identität, die Europa und Nordamerika verbinde. Dadurch gelang es ihnen, Westeuropa gegen kommunistische Expansionsversuche zu behaupten, die Befreiung Osteuropas von der Herrschaft des Kommunismus zu unterstützen und schließlich die Einheit Deutschlands wiederherzustellen.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) warf die Frage auf, ob die westliche, „technisch-säkulare Welt“ bzw. die „siegreich über die Welt ausgebreitete Zivilisation der Technik und des Kommerzes“ mit der europäischen Kultur gleichgesetzt werden kann, oder ob diese nicht eher „posteuropäisch aus dem Ende der alten europäischen Kulturen geboren“ sei. Man könne den Eindruck gewinnen, dass „die Wertewelt Europas, seine Kultur und sein Glaube, worauf seine Identität beruhten, am Ende und eigentlich schon abgetreten sei“.40

Der Wegfall der Bedrohung durch den Kommunismus, die schwindende Hegemonie der USA und die Auflösung der kulturellen Grundlagen, auf denen die Vorstellung einer westlichen Welt beruht, lassen es derzeit als fraglich erscheinen, ob dieses Konzept eine Zukunft hat. Dies wird durch die zunehmende Abwendung der gesellschaftlichen und kulturellen Eliten sowohl in den USA als auch in Europa von der traditionellen europäischen Kultur und dem Christentum verstärkt, weil dadurch die Bindungen verloren gehen, auf denen der westliche Gedanke beruht.

Zudem werden seit dem Ende des Ost-West-Konflikt unterschiedliche geopolitische Interessen zwischen den USA und den Staaten Europas sichtbar. Die amerikanische Interventionspolitik im Mittleren Osten etwa hat Teile der Peripherie Europas destabilisiert und Migrationsströme ausgelöst, die eine anhaltende Herausforderung für Europa darstellen. Eine mögliche künftige Zunahme der Bedrohung durch Staaten wie China oder Russland könnte allerdings erneut zu Interessenüberschneidungen zwischen den USA und den Staaten Europas führen. R. R. Reno hatte 2019 Optionen einer Erneuerung der transatlantischen Partnerschaft auf der Grundlage christlich-konservativen Denkens beschrieben.

2.3 Der Reichsgedanke

In der deutschen Geschichte haben sehr unterschiedliche Staaten und Ordnungen den Namen „Reich“ getragen. Im Deutschen wird der begriff zudem allgemein für jegliche Form von imperialer Herrschaft verwendet. Das abendländisch gedachte Reich ist getrennt davon eine subsidiär organisierte, multiethnische, aus weitgehend souveränen politischen Einheiten aufbauende transnationale europäische Ordnung und kein Staat im eigentlichen Sinne. Für Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) ist das Reich der „geistige Rahmen, ohne den sich Europa nicht hätte bilden können“.41

Das Reich ist zudem eine Idee, die nicht an eine bestimmte Nation oder an ein festgelegtes Territorium gebunden ist. Der Reichsgedanke als Ideal einer völkerübergreifenden politischen Einheit auf Grundlage christlicher Ordnungsvorstellungen und Kultur entstand zur Karolingerzeit. Es geht auf den römischen Reichsgedanken zurück und lebt im christlich-konservativen Ideal der europäischen Einheit fort.

Das im zehnten Jahrhundert unter der Herrschaft der Ottonen entstandene Heilige Römische Reich bestand fast 850 Jahre lang und gehörte zu den dauerhaftesten politischen Strukturen in der Geschichte der Menschheit. Es schuf eine außergewöhnlich resiliente und über Jahrhunderte hinweg vergleichsweise stabile Rechts-, Verteidigungs- und Friedensordnung in Mitteleuropa, die auch Krisen wie die Pest und den Dreißigjährigen Krieg überstand:

  • Das Reich schützte den Frieden nach Außen. Es war strukturell nicht zu Angriffskriegen in der Lage, ermöglichte aber durch seine Fähigkeit zur Verteidigung der Vielzahl der ihm angehörigen Kleinstaaten das Überleben im Angesicht der Ansprüche europäischer Großmächte, in dem es Schutz gegenüber äußeren Bedrohungen gewährte. Über viele Jahrhunderte hinweg sicherte das Reich zudem die Südostflanke Europas gegen osmanische Expansionsversuche in Richtung Mitteleuropa.
  • Das Reich schützte den Frieden auch nach Innen. Im Reich lebten verschiedene Ethnien (etwa französischsprachige Lothringer im Westen und Slawen im Osten) und Konfessionen (nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges) über lange Zeiträume hinweg friedlich zusammen. Seine Ordnung wirkte durch Prinzipien wie Nichtaggression und kollektive Selbstverteidigung bewaffneten Konflikte unter den politischen Einheiten entgegen.
  • Das Reich war föderal organisiert. Seine politischen Einheiten waren in hohem Maße autonom und die Macht des Kaisers, der von den Kurfürsten gewählt wurde, begrenzt. Seine politische Ordnung beruhte auf einer hierarchischen Struktur aus persönlichen Treueverhältnissen, an deren Spitze der Kaiser stand.
  • Politische Entscheidungen wurden im Reich gemeinschaftlich durch die Institution des Reichstags (in dem alle freie Städte und Stände eine Stimme hatten) gefällt, wobei der Konsens als Ideal galt. Entscheidungen führten meist zu dauerhaften Kompromissen.42
  • Als Rechtsordnung sicherte das Reich sowohl die Rechte der Herrscher als auch der Untertanen und schuf eine Rechtskultur, die bis in die Gegenwart positiv nachwirkt.43

Das Reich scheiterte letztlich auch daran, dass es militärisch zu schwach war, um sich gegen die militärische Aggression Napoleons zu verteidigen. Bereits 1241 hatte das Reich politisch-militärische Schwäche bei der Verteidigung Europas gegen die Mongolen gezeigt und die Fürsten an seiner Ostgrenze allein gelassen.44

2.3.1 Das Reich als Fortsetzung des Römischen Reiches

Nach der Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom im Jahr 800 wurde das Reich als Fortsetzung und Erneuerung des Römischen Reiches verstanden. Damit war die Vorstellung verbunden, dass die römische Kaiserwürde auf die Franken übergegangen sei. Ein Grund dafür war, dass man in Anknüpfung an das Buch Daniel davon ausging, dass das Römische Reich das letzte Reich in der Geschichte der Menschheit sei und es sich beim neuen, abendländischen Reich daher um dessen Fortsetzung handele.45 Die Vorstellung einer translatio imperii setzte sich später durch, so dass das Reich ab dem 13. Jahrhundert als Heiliges Römisches Reich bezeichnet wurde.

2.3.2 Der Reichsgedanke und die Einheit Europas

Einige Historiker sehen im Heiligen Römischen Reich einen Vorläufer des föderalen Europas der Gegenwart.46

Der evangelische Theologe und liberale Politiker Friedrich Naumann (1860– 1919) bezog sich 1915 positiv auf das „alte Reich“, das „nach langem Schlafe wiederkommen“ wolle, weil es einen zeitlosen Entwurf darstelle. Das Reich als die „mittelalterliche mitteleuropäische Lebens- und Kulturgemeinschaft“ sei älter und elementarer als die Nationen Europas. Die deutschen Kaiser des Mittelalters seien „mitteleuropäische Gestalten im vollen Sinne des Wortes“ gewesen und hätten den Gedanken der „Weltmacht Mitteleuropa“ sowie der europäischen Einheit bereits vor langer Zeit Wirklichkeit werden lassen. Dadurch seien Bindungen geschaffen worden, die auch in der Gegenwart eine Einheit der Völker Europas ermöglichen könnten.47

Carl Schmitt setzte sich 1939 vom Reichsbegriff des Nationalsozialismus ab, als er auf Grundlage traditioneller Entwürfe das Reich als eine „völkerrechtliche Großraumordnung“ beschrieb, die universell bzw. „planetarisch“ und „erdraumhaft“ sein könne, „ohne die Völker und Staaten zu vernichten“ oder sie einem globalen Einheitsrecht zu unterwerfen.48 Ein so verstandenes Reich wirke zudem ordnend auf sein Umfeld durch das, was später als soft power bezeichnet wurde, indem es seine politischen Ideen in einen Großraum ausstrahle und diesen dadurch für Interventionen raumfremder Mächte verschließe.49

Ansätze des Reichsgedankens wurden in der Europäischen Gemeinschaft, dem Vorläufer der Europäischen Union, verwirklicht. Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass christliche Konservative wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gasperi nach dem Zweiten Weltkrieg „das Wagnis einer Neugründung Europas über Ruinen unternahmen, und zwar im alten karolingischen Erbteil des Abendlands.“50 Adenauer hatte damals die Integration Europas als „die einzige mögliche Rettung des christlichen Abendlandes“ bezeichnet.51 Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck erkannte 2013 zumindest die römische Reichsidee, auf der auch das Heilige Römische Reich aufbaute, als eine der Grundlagen europäischer Identität an.52

2.3.3 Der Reichsgedanke als Option für die Zukunft Europas

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur Heinrich Böll (1917-1985) gehörte in den 1960er Jahren einem Kreis von Denkern an, der sich um Werner von Trott zu Solz und die Zeitschrift „Labyrinth“ sammelten. Sie sahen im Reichsgedanken eine zeitlos gültige Vision für die Gestaltung Europas. Den Reichsgedanken betrachteten sie als Alternative sowohl zum Nationalismus als auch zur Auflösung gewachsener Identitäten.

Die Gruppe unterschied zwischen dem modernen, aus ihrer Sicht pervertierten Reichsgedanken, der die Herrschaft über andere Nationen und Völker anstrebe, und dem traditionellen Reichsgedanken, der im Reich einen Diener der Völker sehe:

  • Heinrich Böll sagte kurz vor seinem Tod 1985, dass dieser Reichsgedanke und der Gedanke eines deutschen Reichsauftrags von zeitlosem Wert sei und „als Gedanke, als Utopie im besten Sinne noch aufgegriffen werden“ könne.53 Er könne auch Teile des monarchischen Gedankens, wie sie vor der wilhelminischen Zeit vorhanden gewesen seien, nachvollziehen.54
  • Böll stellte die Suche nach politischen Alternativen im traditionellen Denken in den Kontext der Suche der erwähnten Gruppe nach einer Form deutscher Identität, die nicht revanchistisch sein solle, und kritisierte in diesem Zusammenhang das Fehlen echter konservativer Kräfte in Deutschland, die traditionelle Werte und Lebensformen bewahren wollten. Die vorhandenen Kräfte strebten nicht nach Bewahrung, sondern nach „Etablierung eines totalen Kapitalismus“.55 Er kritisierte gleichzeitig die politische Linke, welche auf Versuche, konservatives Denken und deutsche Identität in diesem Sinne zu erneuern, mit Nationalismus-Vorwürfen reagiere.56 Aus den Worten Bölls wird deutlich, dass er im abendländischen Denken eine Antwort auf die geistig-kulturelle Krise der Deutschen nach dem Krieg sah.

In jüngerer Zeit betonte der Historiker Michael Stürmer die Leistungen des alten Reiches als mögliche Inspiration für die Zukunft Europas:

„Im grellen Licht der Französischen Revolution und des nationalen Machtstaats lehrten die borussischen Barden, das Alte Reich zu verachten. Dabei war es doch nach der Urkatastrophe des Dreißigjährigen Krieges noch einmal auf anderthalb Jahrhunderte eine Rechts- und Friedensordnung Europas, in der die ewige Deutsche Frage eine passable Antwort fand – allemal im Vergleich zu den Bränden des 20. Jahrhunderts. Das Reich, unfähig zum Angriff, aber kraftvoll in der Verteidigung, brachte die Nachbarn nicht um den Schlaf.

Seit dem Westfälischen Frieden 1648 ruhte das Alte Reich in sich selbst. Es war nicht demokratisch organisiert. Aber es umfasste in großen und kleinen Reichsstädten einen kraftvollen Republikanismus. Und auch die Staaten unter dem Krummstab waren, genau genommen, Adelsrepubliken, wo der Fürstbischof von Standesgenossen gewählt wurde. Nicht anders der Kaiser, der in seiner Titulatur niemals auslassen durfte, dass er zwar von Gottes Gnaden, aber letzten Endes ‚Erwählter Römischer Kaiser‘ war.

Es ist schon seltsam, dass der EU-Verfassungskonvent auf Geschichte und Erfahrung Europas, das Gleichgewicht und das Alte Reich keinen einzigen Gedanken gewendet hat. Aber was soll man von Franzosen und Briten, Spaniern und Schweden erwarten, wenn die Deutschen selbst ihre Geschichte nicht schätzen und kaum kennen. Sollte nicht in einer politischen Daseinsform, die über 30 Generationen Bestand hatte, auch Weisheit zu finden sein?

Auf ewig unbegabt zur Demokratie, von jeher ein Volk von Untertanen, so klagen sich die Deutschen an: viel Selbstmitleid und wenig Selbstbewusstsein. Was über viele Jahrhunderte an genossenschaftlichen und sozialen, rechtsstaatlichen und föderalen Daseinsformen entstand, ist zwar in der politischen Landschaft, von den obersten Gerichten bis zu der föderalen Gliederung, von den Gewerkschaften bis zu den Verbänden, von der Selbstverwaltung bis zur Sozialversicherung noch wirkungsmächtig. Aber dass das meiste davon nicht von hier und nicht von jetzt ist – das kommt weder in Schulplänen vor noch im kollektiven Gedächtnis. Wer würde es vor dem Thron der Political Correctness schon wagen zu sagen, dass unsere Altvorderen weder Knechte waren noch Tröpfe?

Im Vergleich mit dem Absolutismus in Frankreich, Spanien oder Schweden oder mit der britischen Parlamentsoligarchie war das Alte Reich Inbegriff des Pluralismus, des friedlich-schiedlichen Ausgleichs, des Genossenschaftswesens und der Rechtlichkeit. […]

Es gab nach 1945 wahrhaftig Grund, die NS-Diktatur als soziale Revolution und Nihilismus zu begreifen. Zehn Jahrhunderte deutscher Geschichte aber als zwanghafte Vorgeschichte abzutun – dazu bestand kein Grund. Doch kam es Ideologen und Technokraten gerade recht. Was die Bomben nicht zerschmettert hatten, das wurde abgeräumt – ein Gleichnis deutschen Geschichtsbewusstseins.“57

Jürgen Brand schrieb über den Reichsgedanken als Option nicht nur für Europa, sondern auch für andere Regionen der Welt:

„Gerade nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts erscheint die eigenwillige Konstruktion eines Verbundes, der nach innen über das Recht Frieden und Konsens stiftete und nach außen nicht angriffsfähig war, in einem neuen Licht. Die den heutigen Betrachter des Reichsgefüges immer wieder überraschende Buntscheckigkeit und das Nebeneinander von kleinsten Territorien neben aufstrebenden Territorialstaaten, ja Großmächten, nehmen sich im Vergleich mit übrigen damaligen europäischen Zuständen gleichsam paradiesisch aus. […] Erst recht, wenn man die Verhältnisse außerhalb Europas betrachtet, drängen sich biblische Vergleiche auf. Im Alten Reich lag wirklich das Lamm friedlich neben dem Löwen.“58

Das Reich ist außerdem bis heute die einzige langfristig in der Praxis bewährte Form der politischen Organisation multiethnischer Staaten, welche die kulturelle Vielfalt der in ihnen lebenden Völker achtet. Da bislang keine tragfähige Lösung dafür gefunden wurde, wie politische Ordnungen in Europa nach der derzeit stattfindenden Auflösung der Nationalstaaten dauerhaft stabil und gemeinwohlorientiert gestaltet werden können, liegt es nahe, sich mit den vorhandenen Erfolgsbeispielen auseinanderzusetzen.

2.3.4 Der Reichsauftrag der Deutschen

Die Vorstellung, dass das deutsche Volk nicht primär eine nationale, sondern eine universelle Berufung habe, und dass diese geistiger, dienender und friedfertiger Art sei, ist ein Grundmotiv der deutschen Geistesgeschichte, das als Antwort auf den Nationalismus der Französischen Revolution erstmals ausformuliert wurde. Harald Plessner bezeichnete den Konflikt zwischen dem traditionellen Reichsgedanken und dem modernen Nationalgedanken als den „Grundkonflikt“ der deutschen Geschichte.59

Die Vorstellung, dass Völker als Ganzes eine Berufung haben können, bezieht sich auf das Alte Testament und dessen Darstellungen der Berufung des Volkes Israel. Der pervertierte Reichsbegriff des Nationalsozialismus betrachtete die Deutschen nicht als Träger eines Erbes, das mit dem Volk Israel begann, sondern als dessen Vernichter. Auf diese Weise pervertierte der Nationalsozialismus auch die Berufung der Deutschen in ihr Gegenteil, diskreditierte sie und zerstörte dadurch die Möglichkeit dazu, diese Berufung zu erkennen, möglicherweise für immer.

Der Gedanke einer Reichsberufung der Deutschen findet sich im Konzept der  translatio imperii, das davon ausgeht, dass die römische Kaiserwürde auf die Franken (Karl den Großen) bzw. die Ostfranken (Otti I.) übergegangen sei.

Dieser Gedanke findet sich auch auch im „Ludus de Antichristo“, einem geistlichen Spiel, das um das Jahr 1160 in Raum des Tegernsees verfasst wurde. Es stellt den Kampf Kaiser Barbarossa gegen die mit dem Antichrist verbündeten Fürsten dar.60 Der Inhalt des Spiels wurde als Grundlage der Vorstellung gedeutet, dass das Reich den Deutschen von Gott als geschichtlicher Auftrag gegeben wurde, „damit sie sich an ihm bewähren und an ihm schuldig werden würden“.61

Friedrich Schiller gehörte zu den ersten Autoren, die den Gedanken einer Reichsberufung der Deutschen ausformulierten, als er im Jahr 1801 in seinem Gedichtfragment mit dem Titel „Deutsche Größe“ schrieb, dass dem Deutschen „das Höchste bestimmt“ sei, nämlich „die Menschheit, die allgemeine, in sich zu vollenden“. Er sei „erwählt von dem Weltgeist […] an dem ewgen Bau der Menschenbildung zu arbeiten, zu bewahren, was die Zeit bringt“. Der Deutsche habe sich alles, „was schätzbares bei anderen Zeiten und Völkern aufkam“, in sich bewahrt. Er sei der Hüter der „Schätze von Jahrhunderten“. Jedes Volk habe „seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Aernte der ganzen Zeit – wenn der Zeiten Kreis sich füllt, und des Deutschen Tag wird scheinen“. Die Deutschen seien das „langsamste Volk“, aber demjenigen „der den Geist bildet, beherrscht, muß zuletzt die Herrschaft werden.“ Es sei „nicht des Deutschen Größe“ sich „mit dem Schwerte“ durchzusetzen, sondern in „das Geisterreich zu dringen“ und männlich „mit dem Wahn zu ringen“. Das Reich der Deutschen sei „Finster zwar und Grau von Jahren“, aber „lebendge Blumen grünen“ über „gothischen Ruinen“.62

Allerdings finden sich sich in Schillers Fragment an einer Stelle auch anti-abendländische, nationalistische Töne, die sich aus dunklen Impulsen der deutschen Geistesgeschichte wie dem hier seit Jahrhunderten präsenten Anti-Katholizismus verweisen und sich mit Ideologemen der Aufklärung verbinden. Diese dunklen Impulse setzten sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend durch, was zu einer verzerrten Wahrnehmung der deutschen Reichsberufung führte. Das 1871 gegründete Reich stellte dementsprechend nicht die Erneuerung des alten Reiches dar, sondern war ein gewöhnlicher Nationalstaat, der seine innere Einheit zeitweise durch Unterdrückung seiner katholisch-abendländischen Kulturelemente zu festigen versuchte und die ihm gegebenen Stärken nicht zum Dienst an den Völkern Europas nutzte, wie es ein echtes Reich getan hätte.

Der Philosoph Jacques Maritain, sah sowohl im Nationalismus als auch im imperial ausgerichteten Nationalsozialismus die Antithese zum eigentlichen Wesen der Deutschen und ihres Erbes. Insbesondere der Nationalsozialismus sei eine „Geistesrichtung […] die in schändlicher Weise dieses ganze große Erbe verschleudern, zerstören und vernichten“ wolle. Dabei knüpfe er an „die uralte Krankheit, an der Deutschland leidet“, an. Diese sei die Ablehnung der Vorstellung, kulturell Teil des christlichen Abendlandes zu sein. Aus ihr habe sich „Sehnsucht nach Selbstverherrlichung und Vorherrschaft entwickelt“. Auch große Geister wie Luther, Fichte und Wagner seien ihr erlegen.63

Die traditionelle, ins Universale zielende christlich-abendländische Vorstellung der deutschen Reichsberufung bestand jedoch auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fort; insbesondere nach dem Scheitern des nationalstaatlichen Reiches 1918. Der Abendland-Kreis und die abendländische Bewegung gehörten dabei zu den zentralen Akteuren.

Auch ein um Carl Schmitt entstandener Kreis junger Denker bekannte sich 1932 zum „weltgeschichtlichen Beruf des deutschen Volkes als einer nur religiös erfaßbaren Bestimmung“ und zu einem religiösen Verständnis des Begriffes „Reich“, das „an die ältesten deutschen Überlieferungen“ anknüpfe.64 Damit distanzierte man sich deutlich sowohl vom Reichsgedanken von 1871 als auch von dem der Nationalsozialisten.

Albrecht Erich Günther sah den Reichsauftrag der Deutschen darin bestehen, die „Schirmherrschaft über die abendländische Christenheit bis zur Wiederkunft des Herrn“ zu leisten. Die Christenheit werde durch das „Wirken eines Gegenreiches“ bedroht, dem sie unter der Führung Deutschlands Widerstand leisten müsse.65

Der Gedanke einer deutschen Reichsberufung findet sich nicht zuletzt auch in den Vorstellungen des George-Kreises wieder. Der Dichter Stefan George sprach 1928 vom „neuen Reich“ und beschrieb in einem seiner Gedichte eine Prophetengestalt, die in Zeiten des Verfalls und der Auflösung den Gedanken an dieses Reich bewahre:

„Der Sänger aber sorgt in trauer-läuften
Dass nicht das mark verfault · der keim erstickt.
Er schürt die heilige glut die über-springt
Und sich die leiber formt · er holt aus büchern
Der ahnen die verheissung die nicht trügt
Dass die erkoren sind zum höchsten ziel
Zuerst durch tiefste öden ziehn dass einst
Des erdteils herz die welt erretten soll […]
Er führt durch sturm und grausige signale
Des frührots seiner treuen schar zum werk
Des wachen tags und pflanzt das Neue Reich.“66

Unmittelbar an die Gedanken des George-Kreises zur Reichsberufung der Deutschen knüpft auch der Schwur der Männer des 20. Juli 1944 an, der wenige Wochen vor diesem Ereignis von Personen aus dem Umfeld dieses Kreises verfasst wurde, darunter Claus und Berthold Graf Stauffenberg. Dort berufen sich diese Männer unter anderem auf die Kräfte im Deutschen, „die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen“. Sie bekennen sich in ihre Schwur zu einem abendländischen Deutschland und zu „den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf.“67 Stauffenberg habe bereits 1940 in einem Brief geäußert, dass eine „heilige Schar“ das eigentliche, geistige Wesen der Nation verkörpern und ein „geheimes Deutschland“ bilden müsse, das die Schaffung eines „Neuen Reiches“ vorbereiten solle.68

Jene christlich-abendländischen Denker, die zum Teil dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus angehörten und sich in den 1960er Jahren um Werner vom Trott zu Solz versammelten, sahen im Reich eine primär nicht auf Nationen, sondern auf die „ganze abendländische Christenheit“ gestützte politische Form. Sie müsse von einer Elite getragen werden, der es nicht darum gehe, sich Macht anzueignen, sondern die sich dienend „als Macht zur Verfügung“ stelle. Diese Macht müsse darauf beschränkt bleiben, das Recht durchzusetzen. Die geistige Grundlage dieser Elite müsse das Christliche als das „Dem-Allgemeinen-Dienende“ sein.69

Werner von Trott zu Solz sprach in diesem Zusammenhang vom Reich als dem „dem einzigen Vaterland der Deutschen“. Es sei fraglich, ob „wir Deutschen in dieser Welt je ein Vaterland gehabt hätten“. Dies sei Ausdruck einer universellen religiösen Berufung der Deutschen, deren historische Aufgaben nicht auf ihre eigene Nation beschränkt seien. Die Deutschen hätten daher „mit dem Reich mehr verloren als das natürlich begrenzte Vaterland, das den anderen Völkern, niemals aber den Deutschen zuteil geworden“ sei. Sie hätte „mit dem Reich die Welt verloren, die uns nur durch die Erfüllung oder den Mißbrauch des Reichsauftrags gegeben war“.

Er sprach zudem von der „Gnade des Reichsauftrags“, die darin liege, das die Deutschen „sich im Mitvollzug des Kreuzesopfers und der Auferstehung hineinopfern durften in die ihnen anvertrauten Völker der christlichen Welt, um sich aus ihnen und mit ihnen dem Herrn darzubringen“. Die Deutschen versagten jedoch seit Langem dabei, dieser Berufung nachzukommen. Vor allem der deutsche Adel habe dabei versagt, sein „weltliches Amt“ als Bürde zu tragen, sondern Vorteile daraus ziehen wollen. Er habe in weiten Teilen nicht gedient, sondern die Religion in den Dienst seiner Macht gestellt, was zum Zusammenbruch seiner Herrschaft und der Katastrophe danach geführt habe.

Er klagte nach dem Zweiten Weltkrieg jene an, die sich angesichts dieses Versagens und dem dadurch ermöglichten Missbrauch des Reichsgedankens „vor dem Reich zurückgezogen“ hätten, „statt dem Reichsauftrag sich zu stellen und für ihn gegen seine Schänder einzustehen“.70

2.3.5 Religiöse Aspekte des Reichsgedankens

Die religiöse Legitimation des Reiches

Der Philosoph Walter Warnach sah im Reichsgedanken einen Versuch, „den weltlichen Bereich in Bezug zur göttlichen Ordnung zu bringen, ohne die Anmaßung, sich mit ihr identifizieren zu wollen“. In der Ordnung des Reiches habe alles Weltliche vom Kaiser angefangen der Weihe, also „der Aufnahme in den weltlichen Opferdienst der Schöpfung“, bedurft.71

Der Herrscher des Reiches führte im Mittelalter den Titel eines deutschen Königs. Wenn er durch den Papst gekrönt und gesegnet wurde, erlangte er den Titel eines Kaisers von Gottes Gnaden. Von den Reichsinsignien haben das Reichskreuz und die Heilige Lanze einen unmittelbaren Bezug zur christlichen Heilsgeschichte, was die religiöse Legitimation des Reiches unterstreicht.

Das Reich als Beschützer der Kirche

Die deutschen Kaiser galten als die Beschützer des Papsttums und der Kirche.

Das Reich als Aufhalter des Antichristen

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah Carl Schmitt im christlich-abendländisch verstandenen Reich die „geschichtliche Macht“, die gemäß der Worte des Apostels Paulus das Erscheinen des Antichristen aufhalten könne.72

Schon 1932 schrieb er, dass er an den „Katechon“, den von Paulus beschriebenen Aufhalter des Antichristen, glaube. Die Vorstellung der Existenz einer geschichtlichen Macht, die das Auftreten des Antichrist in der Welt verhindere, sei für ihn „die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden“. Die Rolle des Katechons sei in der Geschichte niemals unbesetzt gewesen, „sonst wären wir nicht mehr vorhanden“:

„Jeder große Kaiser des christlichen Mittelalters hat sich mit vollem Glauben und Bewußtsein für den Katechon gehalten, und er war es auch. Es ist gar nicht möglich, eine Geschichte des Mittelalters zu schreiben, eine Geschichte des Mittelalters zu schreiben, ohne dieses zentrale Faktum zu sehen und zu verstehen.“73

Auch der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer äußerte sich über den Katechon. Er betrachtete diesen als den „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, von dem das christusfeindlich gewordene ehemalige Abendland geprägt sei, sowie als „die mit starker physischer Kraft ausgerüstete Ordnungsmacht, die sich den in den Abgrund Stürzenden erfolgreich in den Weg stellt“.74 Bonhoeffer führt diesen Gedanken nicht weiter aus, aber die Tatsache, dass er von „physischer Kraft“ und von „Ordnungsmacht spricht, legt nahe, dass er den Katechon ebenso wie Carl Schmitt als politischen Akteur betrachtete.

2.3.6 Missdeutungen und Missbrauch des Reichsgedankens

Da aus der Korrumpierung des Besten zuverlässig das Schlechteste folgt, ist der Reichsgedanke potenziell gefährlich, wenn er nicht auf das transzendente Gute ausgerichtet ist und im Rahmen der kosmischen Ordnung verstanden wird, an deren Spitze Gott steht. Wo dies nicht geschieht, entartet der Reichsgedanke und führt nicht zu einer guten transnationalen Ordnung, sondern zum Bösen, etwa in Form der gewaltsamen Unterwerfung von Völkern.

Das deutsch Reich von 1871 beruhte auf einer nationalen Missdeutung des Reichsgedanken und betrieb in seiner Spätzeit eine Weltmachtpolitik, die im Widerspruch zum traditionellen Reichsgedanken stand.

Das „Dritte Reich“ von 1933 hingegen beruhte auf der Pervertierung des Reichsgedankens in sein Gegenteil. Dieser wurde hier missbraucht, um eine von jeglichem traditionellem Bezug losgelöste Vorstellung totalitärer Ordnung zu legitimieren. Diese Pervertierung hat den Reichsgedanken bis in die Gegenwart in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend diskreditiert.

Der Nationalsozialismus wendete sich jedoch explizit gegen die abendländischen Wurzeln der deutschen und europäischen Kultur, die er in Gestalt des Volkes Israel physisch zu vernichten versuchte. Er bekämpfte auch deren christliche Wurzeln und lehnte zudem ihre römische Bestandteile ab, wie etwa Alfred Rosenberg (1893–1946) als führender NS-Ideologie erklärte, der vom „unglückseligen System des rasselosen Großrömischen Reiches“ sprach. Wer sich auf dessen universellen Reichsgedanken berufe, begehe „ein Verbrechen am deutschen Volke“.75

Adolf Hitler lehnte den traditionellen abendländischen Reichsgedanken, wie er im Heiligen Römischen Reich verwirklich war, ab. Er ordnete 1939 an, den Begriff „Drittes Reich“ nicht mehr zu verwenden, „um so jede unangemessene Bezugnahme auf vermeintlich reichspolitische Vorläufer kategorisch auszuschließen.“76 Auch andere NS-Ideologen lehnten den abendländischen, universellen Reichsgedanken als „undeutsch“ ab und deuteten das Reich statt dessen als einen „durch das deutsche Volk bluthaft bestimmten Herrschafts- und Lebensraum“.77

Im Motto „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“ kommt ebenfalls zum Ausdruck, dass der NS den traditionellen Reichsgedanken ablehnt. Ein echtes Reich umfasst viele Völker und wird nicht von einem „Führer“ zentral gesteuert, sondern ist subsidiär organisiert greift nur minimal in die Angelegenheiten der politischen Einheiten ein, aus denen es besteht.

2.4 Der Paneuropa-Gedanke

Richard Coudenhove-Kalergi formulierte nach dem Ersten Weltkrieg den Paneuropa-Gedanken, um einen weiteren Krieg in Europa abzuwenden und zugleich dazu beizutragen, die sich abzeichnende Bedrohung durch die Sowjetunion mit vereinten Kräften abwehren zu können. Paneuropa verstand er als einen Staatenbund bzw. als eine politische und wirtschaftliche Union nach dem Vorbild der USA.78

2.5 Der Mitteleuropa-Gedanke

Inhalt folgt

3. Die Defizite der Europäischen Union

Die wirtschaftliche Integration Europas, die Schwerpunkt der Aktivitäten der Europäischen Gemeinschaft war, hat sich überwiegend positiv auf den Wohlstand der beteiligten Staaten ausgewirkt. Das Europaverständnis, das die Europäische Union prägt, weist jedoch eine Reihe von Defiziten auf:

  • Betonung von Zentralismus auf Kosten des Subsidiaritätsprinzips und der Eigenständigkeit der Nationen und Regionen Europas;
  • Technokratisches Europaverständnis mit weitgehender Blindheit gegenüber den kulturellen Voraussetzungen der Einheit Europas;
  • Neigung zu utopischem Denken und mangelndes Bewusstsein für Herausforderungen wie Migration und Integration bzw. für die langfristigen Folgen der diesbezüglich betriebenen Politik;
  • Mangelnde demokratische Kontrolle von Entscheidungsprozessen bzw. mangelnde Möglichkeit, durch Wahlen auf diese einzuwirken sowie weitreichende Eingriffe in nationale Gesetzgebungen ohne angemessene Möglichkeit der demokratischen Kontrolle;
  • Erzeugung gravierender Risiken für die beteiligten Staaten durch die Gemeinschaftswährung Euro.

4. Impulse für das Europa der Zukunft

Dieses Kapitel beschreibt Impulse für eine mögliche Gestaltung Europas im Geist seiner abendländischen Tradition.

4.1 Europa als Raum abendländischer Identität

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass die Überwindung der „trennenden Nationalismen“ und der „hegemonistischen Ideologien, die im Zweiten Weltkrieg das Gegeneinander radikalisiert hatten“, die Besinnung auf „das gemeinsame kulturelle, moralische und religiöse Erbe Europas“ erfordere. Diese Erkenntnis sei ein wesentlicher Treiber der europäischen Einigung nach dem Krieg gewesen. Diese europäische Identität habe „die nationalen Identitäten nicht auslöschen und nicht leugnen“, sondern sie „in einer höheren Gemeinsamkeit zu einer einzigen Völkergemeinschaft verbinden“ sollen. Die „gemeinsame Geschichte sollte als Frieden stiftende Kraft aktiviert werden“. Die Gründerväter der europäischen Einigung hätten „das christliche Erbe als Kern dieser geschichtlichen Identität angesehen“ und dieses als vereinbar mit „den großen moralischen Impulsen der Aufklärung“ betrachtet, weil diese „die rationale Seite des Christlichen herausgestellt“ hätten.79

4.1.1 Kultursensible Gestaltung der europäischen Einheit

Eine kultursensible Gestaltung der europäischen Einheit, die der abendländischen Identität Europas Rechnung trägt, muss sich in einer Selbstbegrenzung Europas äußern, die einer möglichen Überdehnung entgegenwirkt. Staaten, die nicht Teil des abendländischen Kulturraums sind, können Partner, aber nicht Teil Europas sein.

4.2 Europa als Raum von Freiheit, Vernunft und Menschenwürde

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) bezeichnete Rationalität als „ein wesentliches Kennzeichen des europäischen Geistes“. Mit dieser Eigenschaft habe es „die Welt erobert“, und die „zuerst in Europa gewachsene Form von Rationalität prägt heute das Leben aller Kontinente“. Diese Rationalität könne jedoch „zerstörerisch werden, wen sie sich von ihren Wurzeln löst“.80 Dies gilt auch für den Gedanken der individuellen Freiheit, den Europa in die Welt hineingetragen hat. Zusammen mit dem Gedanken der Unantastbarkeit der Menschenwürde stellen Freiheit und Vernunft jedoch gute Impulse dar, die von Europa ausgehend zum Wohl seiner Völker und der ganzen Menschheit wirken können.

Paul Badde sieht in den Migrationsströmen nach Europa vor allem einen Ausdruck einer Sehnsucht der Menschen nach dem christlichen Geist der Freiheit, der „das Abendland immer neu begründet hat“ und der „undenkbar in anderen Kulturen“ist. Dieser Geist entfalte heute „eine Sogwirkung auf andere Kulturen“ wie „vielleicht noch nie zuvor“, gerade auch unter Muslimen, die an dieser Errungenschaft Europas partizipieren wollen.81

4.3 Europa als föderaler Staatenbund – Das Europa der Nationen

Der Historiker Heinrich August Winkler schrieb, dass die christlich-konservativen Akteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg die bis heute stabile Friedensordnung Westeuropas schufen, dies bewusst auf der Grundlage des Konzepts eines Europas der Nationen getan hätten. Ihre Ansätze zur Stärkung der Einheit Europas hätten mit den Worten Walter Hallsteins das Ziel gehabt, die „Kraftquellen der Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“. Versuche, in die Geschichte der Einigung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg einen Impuls zur Auflösung der Nationalstaaten hineinzudeuten seien „Ausfluss einer postfaktischen Geschichtsbetrachtung“:

„Die Abschaffung der Nationen und Nationalstaaten aber lag nicht in der Absicht der Wegbereiter der Europäischen Union und auch nicht in der von Walter Hallstein, dem Verfechter eines bundesstaatlich verfassten Europas. Sie waren sich bewusst, dass die Wurzeln der meisten europäischen Nationen bis tief ins Mittelalter zurückreichen und die der älteren Nationalstaaten ebenfalls. Sie hatten recht: Zu den Besonderheiten Europas gehört seine historisch gewachsene nationale Vielfalt. Wer die Nationen und die Nationalstaaten abschaffen will, zerstört Europa und fördert den Nationalismus.“

Diejenigen, welche die Nationalstaaten Europas auflösen wollten, würden zudem die Zerstörung des Gewachsenen anstreben, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was an seine Stelle treten könnte. An die Stelle des Nationalstaates als Raum demokratischer Ordnung könne aber allenfalls die Herrschaft einer demokratisch nicht mehr legitimierten „universalen Klasse“ treten.82

4.4 Europa als geopolitischer Raum und Verteidigungsgemeinschaft

4.4.1 Das Ziel der strategischen Autonomie

Die Corona-Krise zeigte, dass die globale Integration der Wirtschaft mit Risiken verbunden ist. Herfried Münkler bewertete das „europäische Impfstoffdesaster“ in der Corona-Krise als „Folge neoliberalen Denkens und Handelns, bei dem man auf globale Lieferketten vertraut und das strategische Ausnutzen von Knappheit seitens der Konkurrenten völlig übersehen hat“.83

Ein strategisch autonomer europäischer Wirtschaftsraum84 könnte resilient gegenüber Krisen dieser Art sein, ohne dafür seine grundsätzliche Integration in die Weltwirtschaft aufgeben zu müssen. Dieser strategischen Autarkie, die auch den Forderungen des Subsidiaritätsprinzips entsprechen würde, stehen gegenwärtig noch die wachsende Abhängigkeit von Importen technologischer Komponenten aus Ostasien sowie die fortgesetzte Abhängigkeit von Rohstoffen und Energieträgern aus dem Nahen und Mittleren Osten und Russland entgegen.

4.4.2 Strategische Entflechtung

Die Instabilität anderer Weltregionen kann durch Migration und die Abhängigkeit Europas von Rohstoffimporten auf Europa übergreifen. Ein Beispiel dafür ist die Bedrohung durch Islamismus, die sich in Europa überwiegend auf Akteure stützt, die durch Migration nach Europa gelangten. Eine Politik der strategische Entflechtung reduziert solche Risiken, indem es die Präsenz von Migranten aus den entsprechenden Räumen steuert und Abhängigkeiten Europas reduziert.

4.5 Europa als Wirtschaftsraum

Inhalt folgt

Quellen

  1. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  2. Manfred Fuhrmann: Bildung. Europas kulturelle Identität, Stuttgart 2002, S. 13.
  3. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  4. Simon Price/Peter Thonemann: Die Geburt des klassischen Europa, Darmstadt 2018, S. 142.
  5. Joseph Kardinal Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs, Freiburg i. Br. et al. 2005, S. 69.
  6. Ebd., S. 77.
  7. Ratzinger 2005, S. 69.
  8. Otto von Habsburg: Die Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung, Wien/München 1986, S. 25.
  9. Udo di Fabio: „United States of Europe – nur Zukunftsmusik?“, Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2019.
  10. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 3.
  11. Otto Weiss: Kulturkatholizismus. Katholiken auf dem Weg in die deutsche Kultur 1900 – 1933, Regensburg 2014, S. 187.
  12. Zit. nach Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 5.
  13. Paul Valéry: „Der europäische Mensch“, in: Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Europa – Weltmacht oder Kolonie? Wieder nationalen Egoismus und Kleinmut, Herderbücherei Initiative 25, Freiburg i. Br. 1978, S. 159 – 164,, hier: S. 163.
  14. Josef Pieper: „Was heißt ‚Christliches Abendland‘?“, in: Ders.: Tradition als Herausforderung. Aufsätze und Reden, München 1963.
  15. Josef Pieper: „Die Frage nach dem christlichen Abendland“, in: Hansgeorg Loebel (Hrsg.): Europa. Vermächtnis und Verpflichtung, Frankfurt a. M. 1967, S. 22-33, hier: S. 22-24.
  16. Ebd., S. 33.
  17. Alois Dempf: „Abendland“, in: Görres-Gesellschaft (Hrsg.): Staatslexikon, Band 1, Freiburg i. Br. 1957, Sp. 3-8, hier: Sp. 7.
  18. Werner Heisenberg: Das Naturbild der heutigen Physik, Hamburg 1955, S. 36
  19. Zit. nach Weiss 2014, S. 188.
  20. Johannes Willms: Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert, München 2019.
  21. Hans Jonas: „Unsere Teilnahme an diesem Kriege. Ein Wort an jüdische Männer“, Manuskript, September 1939.
  22. „Die Wahrheit suchen und für sie kämpfen: Erzbischof Gänswein über das neue Benedikt-Buch“, catholicnewsagency.com, 12.05.2018.
  23. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 84.
  24. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 87 f.
  25. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 124 f.
  26. Konrad Adenauer: Erinnerungen 1945-1953.
  27. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 169.
  28. Zit. nach Seewald 2020, S. 223.
  29. Seewald 2020, S. 225.
  30. Seewald 2020, S. 244.
  31. Franz Walter: „Katholizismus in der Bundesrepublik. Von der Staatskirche zur Säkularisierung“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/1996, S. 1102-1110, hier: S. 1103.
  32. Gerhard Schmidtchen: Protestanten und Katholiken. Soziologische Analyse konfessioneller Kultur, Bern/München 1973, S. 245.
  33. Marco Gallina: „Ansprechpartner der Alliierten“, Die Tagespost, 07.05.2020.
  34. Axel Schildt: „Das ‚christliche Abendland‘ als Zentrum politischer Integration in der Frühzeit der Ära Adenauer“, in: Tilman Mayer (Hrsg.): Medienmacht und Öffentlichkeit in der Ära Adenauer, Bonn 2009, S. 398.
  35. Joachim Gauck: „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“, sueddeutsche.de, 22.02.2013.
  36. Zit. nach Dorothea und Wolfgang Koch: Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, Aachen 2013, S. 18.
  37. Siehe z. B. Thomas Schmidinger: „Wir und die Anderen: Inklusion, Exklusion und Identität“, in: Franz Gmainer-Pranzl (Hrsg.): Inklusion/Exklusion: Aktuelle gesellschaftliche Dynamiken, Berlin 2018, S. 213-228.
  38. „Kardinal Marx kritisiert Begriff ‚christliches Abendland'“, katholisch.de, 11.01.2019.
  39. Ilse Tödt et al. (Hrsg.): Dietrich Bonhoeffer: Ethik (Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 6), Gütersloh 1998, S. 122-23.
  40. Ratzinger 2005, S. 78.
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  42. Helmut Neuhaus: Das Reich in der Frühen Neuzeit, München 1997, S. 57-58.
  43. Helmut Neuhaus: Das Reich in der Frühen Neuzeit, München 1997, S. 1-5.
  44. Hermann Aubin: „Abendland, Reich, Deutschland und Europa“, in: Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.): Schicksalsfragen der Gegenwart, Erster Band, Tübingen 1957S. 29-63, hier: S. 40.
  45. Ratzinger 2005, S. 69.
  46. Joachim Whaley: „Federal Habits. The Holy Roman Empire and the Continuity of German Federalism“, in: Maiken Umbach (Hrsg.): German Federalism: Past, Present and Future, Houndmills 2002, S. 15–41.
  47. Friedrich Naumann: Mitteleuropa, Berlin 1915, S. 40-42.
  48. Carl Schmitt: Völkerrechtliche Großraumordnung und Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegriff im Völkerrecht, Berlin/Wien/Leipzig 1939, S. 87-88.
  49. Ebd., S. 35.
  50. „Die Wahrheit suchen und für sie kämpfen: Erzbischof Gänswein über das neue Benedikt-Buch“, catholicnewsagency.com, 12.05.2018.
  51. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–196. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 230.
  52. Joachim Gauck: „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“, sueddeutsche.de, 22.02.2013.
  53. Zit. nach Wolfgang Matthias Schwiedrzik: Konservativ und rebellisch, Neckargemünd 2000, S. 64.
  54. Zit. nach Ebd., S. 54.
  55. Zit. nach Ebd., S. 46.
  56. Zit. nach Ebd., S. 59-63.
  57. Michael Stürmer: „Eine Träne für das Alte Reich“, Die Welt, 16.10.2003.
  58. Jürgen Brand: „Die Idee des Reiches seit 1806 oder: Ein deutscher Wiedergänger zwischen Traum und Trauma“, Der Staat, Nr 58 (2019), S. 101-118, hier: S. 115.
  59. Zit. nach Koenen 1995, S. 60.
  60. Ludus de Antichristo. Das Spiel vom Antichrist. Lateinisch/Deutsch, Stuttgart 1976.
  61. Gerhard Günther: Der Antichrist. Der staufische Ludus de Antichristo, Hamburg 1970, S. 270.
  62. Bernhard Suphan (Hrsg.): Friedrich Schiller: Deutsche Größe. Ein unvollendetes Gedicht Schillers 1801, Weimar 1902, S. 5-8.
  63. Jacques Maritain: „Europa und der föderalistische Gedanke“, Neues Abendland, September 1947, S. 193-199, hier: S. 196 f.
  64. Zit. nach: Andreas Koenen: „Visionen vom ‚Reich‘. Das politisch-theologische Erbe der Konservativen Revolution, in: Andreas Göbel/Dirk van Laak/Ingeborg Villinger (Hrsg.): Metamorphosen des Politischen. Grundfragen politischer Einheitsbildung seit den 20er Jahren, Berlin 1995, S. 53-74, hier: S. 56.
  65. Albrecht Erich Günther: „Die Deutschen und das Reich“, Europäische Revue, 9. Jg., 1. Halbbd. (1933), S. 122-126.
  66. Stefan George: Das Neue Reich (Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 9), Berlin 1928, S. 35-41.
  67. Zit. nach Eberhard Zeller: Geist der Freiheit. Der 20. Juli, München 1963, S. 489 -490.
  68. Karlheinz Weissmann: „Nichts Ernstes mehr im Leben?“, Cato, Nr. 4/2019, S. 58-62, hier: S. 60.
  69. Wolfgang Matthias Schwiedrzik: Konservativ und rebellisch, Neckargemünd 2000, S. 112-114.
  70. Werner von Trott zu Solz: „Der Untergang des Vaterlandes“, Labyrinth, Nr. 1 (1960), S. 4-20, hier: S. 4-6.
  71. Walter Warnach: Wege im Labyrinth, Pfullingen 1982, S. 356.
  72. Carl Schmitt: Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europeaum, Köln 1950, S. 29.
  73. Zit. nach Koenen 1995, S. 71.
  74. Ilse Tödt et al. (Hrsg.): Dietrich Bonhoeffer: Ethik (Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe, Band 6), Gütersloh 1998, S. 122-23.
  75. Alfred Rosenberg: Der Mythos des 20. Jahrhunderts, München 1930, S. 475.
  76. Zit. nach Jürgen Brand: „Die Idee des Reiches seit 1806 oder: Ein deutscher Wiedergänger zwischen Traum und Trauma“, Der Staat, Nr 58 (2019), S. 101-118, hier: S. 112.
  77. Gerhard Krüger: „Um den Reichsgedanken“, Historische Zeitschrift, Nr. 165 (1942), S. 457–471, hier: S. 457-463.
  78. Richard Coudenhove-Kalergi: Eine Idee erobert Europa. Meine Lebenserinnerungen, Wien et al. 1958, S 105 – 115.
  79. Ratzinger 2005, S. 89-90.
  80. Ratzinger 2005, S. 96.
  81. Paul Badde: Abendland. Die Geschichte einer Sehnsucht, Kißlegg 2020, S. 437.
  82. Heinrich August Winkler: „Europas falsche Freunde“, Der Spiegel, 21.10.2017.
  83. Herfried Münkler: „Europa ist der Konkurrenz nicht gewachsen“, Neue Zürcher Zeitung, 16.03.2021.
  84. Zum Konzept der strategischen Autonomie siehe auch Barbara Lippert/Nicolai von Ondarza/Volker Perthes (Hrsg.): „Strategische Autonomie Europas. Akteure, Handlungsfelder, Zielkonflikte“, SWP-Studie 2 (Februar 2019).