Stand: 11.01.2021

Solidarität ist im Kern die Bejahung von Bindungen und das Eintreten für ihre Stärkung.

Das Solidaritätsprinzip (von lat. solidare = fest zusammenfügen) fordert von allen Teilen eines Gemeinwesens, im Sinne des Ganzen sowie im Interesse kommender Generationen zu denken und zu handeln. Es ist die Grundlage der christlichen Bejahung des Eigenen und des christlichen Patriotismus. Zudem fordert das Solidaritätsprinzip, Bindungen innerhalb des Gemeinwesens zu pflegen und zu stärken.

Die Bildung und der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setzen voraus, dass seine Mitglieder eine Gemeinschaft bilden. Dazu muss aus Vielfältigem durch fortlaufende Anstrengung eine Einheit geschaffen werden, wofür geistige und kulturelle Gemeinsamkeiten erforderlich sind. Wo diese fehlen, zerfällt ein Gemeinwesen. Je heterogener ein Gemeinwesen ist, desto wichtiger werden solche geteilten geistig-kulturellen Grundlagen.

1. Das Wesen der Solidarität

Papst Johannes Paul II. sagte über christliche Solidarität.

„Diese ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.“1

Dem Soziologen Heinz Bude zufolge bedeute Solidarität „Einsatz im Dienst des Gemeinsamen“ und die Wahrnehmung von Pflicht gegenüber anderen.2 Der solidarische Mensch glaube „an den sozialen Zusammenhalt, an die Wirksamkeit und Anziehungskraft der Gemeinschaft und an die Macht des großen Zusammenschlusses“:3

„Solidarität berührt mein Verständnis von Zugehörigkeit und Verbundenheit, meine Bereitschaft, mich den Nöten und dem Leiden meiner Mitmenschen zu stellen, und mein Gefühl der Verantwortung und Bekümmerung für das Ganze. Auf Solidarität pfeift, wer nur an sich glaubt, Solidarität entbehrt, wer die anderen ihrem Schicksal überlässt, und Solidarität ist ein Fremdwort für Menschen, denen der Zustand des Gemeinwesens gleichgültig ist.“4

Solidarität stärke ein Gemeinwesen und die Menschen, die ihm angehören, indem sie es erlaubt Kräfte zu bündeln und Risiken zu verteilen. Sie beinhalte dazu die „Pflicht, die Lasten für das gemeinsam Bewerkstelligte und die Gewinne für das gemeinsam Hervorgebrachte auf die Schulter aller Beteiligten zu legen“.5

Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier definierte Solidarität als die Bereitschaft, Opfer für das Gemeinwesen zu bringen und Rücksicht gegenüber den Interessen anderer zu nehmen, auch wenn dies mit eigenen Nachteilen verbunden sei.6

Der Politikwissenschaftler und katholische Sozialethiker Martin Spieker definierte Solidarität folgendermaßen:

„Solidarität ist ein Bewusstsein wechselseitigen Verbundenseins und Verpflichtetseins. Der Begriff kommt vom lateinischen „solidare“ und meint verstärken, verdichten, fest zusammenfügen. In der politischen Philosophie und in der Sozialethik bringt der Begriff die Tatsache zum Ausdruck, dass die Menschen aufeinander angewiesen sind – nicht nur in Familie und Gemeinde, sondern auch in Gesellschaft, Staat und internationalen Beziehungen. […] Sie ist ihrer Tendenz nach utilitaristisch. Solidarität rechnet mit Solidarität, Nächstenliebe rechnet nicht.“7

Ideologien wie Kommunismus und Sozialismus haben den Begriff der Solidarität missbraucht, weil er in ihnen nicht auf die Erreichung des Gemeinwohls ausgerichtet ist, sondern nur den Zusammenhalt einer revolutionären Gruppe bei ihrem Versuch zur Zerstörung gewachsener Ordnungen beschreibt.

Gustav Gundlach zufolge sei die das Gemeinwohl bejahende Einstellung identisch mit der Tugend des Gemeinsinns, den Gundlach als „nationale Diziplin“ beschreibt, ohne die ein Gemeinwesen unfähig zum Gemeinwohl sei. Das Gegenteil von Gemeinsinn sei Egoismus.8

Der Soziologe Jürgen Habermas warnte vor einer „entgleisenden Modernisierung“, welche die  Solidaritätsbestände auszehren könne, auf die demokratische Staaten angewiesen seien.9

1.1 Die römische „Pietas“ und islamische „Asabiyya“ als verwandte Konzepte

Die Universalität des Solidaritätsprinzips zeigt sich auch daran, dass die römische sowie arabisch-islamische Kulturen ähnliche Konzepte hervorgebracht haben.

In antiken Rom galt die pietas als eine der zentralen Tugenden. Der Begriff beschreibt laut Cicero die Tugend, die zur Erfüllung der eigenen Pflicht gegenüber dem eigenen Land und den eigenen Vorfahren und Verwandten ermahne.10

Dass die Prinzipien der Soziallehre nicht nur in einem abendländischen Kontext nachvollziehbar und anwendbar sind, zeigt außerdem das Beispiel des arabisch-islamischen Historikers Ibn Khaldun. Dieser hatte unter Anknüpfung an die griechische Philosophie der Antike im 14. Jahrhundert in seinem Werk Al-Muqaddima das Konzept der asabiyya, das dem abendländischen Konzept der Solidarität ähnlich ist, beschrieben. Die asabiyya sei die Form der Solidarität, die Menschen in einer Gemeinschaft aneinanderbinde und sie befähige, sich gegen äußere Bedrohungen zu wehren und eine Gesellschaft zu bilden. asabiyya sei der Bindungen stiftende und stärkende Geist, der einer Gemeinschaft gemeinsame Ziele und Werte gebe und ihr Zusammenhalt verleihe. Die asabiyya entstehe aus Not und Entbehrung und löse sich in zu langen Perioden des Wohlstands und der Sicherheit auf. Herrschaft entstehe aus der überlegenen asabiyya einer Gemeinschaft. Wenn diese verloren ginge, verliere diese Gemeinschaft auch die Herrschaft an eine sie herausfordernde Gemeinschaft mit stärkerer asabiyya.

Islamwissenschaftler beschrieben die asabiyya als Prinzip einer bedingungslosen kämpferischen Solidarität gegenüber der eigenen Gruppe bzw. einer „schrankenlosen, unbedingten Parteinahme für ‚die Eigenen‘“. Der Begriff habe ursprünglich den Geist der Bindung an den eigenen Kampfverband beschrieben, der für die Stämme der arabischen Halbinsel prägend gewesen sei. Allerdings sei asabiyya auch mit einer Neigung zur Prahlerei und Provokationen gegenüber Mitgliedern anderer Gemeinschaften verbunden, wodurch Stärke demonstriert werden solle.11

2. Quellen von Solidarität

2.1 Religion als wichtigste Quelle von Bindungen und Solidarität

Die dauerhafte Vereinigung von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einem Gemeinwesen war laut der Humanethologin Christa Sütterlin in der Geschichte der Menschheit nur auf der Grundlage einer gemeinsamen Religion erfolgreich.12 In Umfeldern, in denen keine anderen Bindungen existieren, sind nur religiöse Menschen dazu in der Lage, diese neu zu stiften.

2.2 Solidarität und die Gemeinschaftsnatur des Menschen

Das Solidaritätsprinzip beruht ebenso wie die anderen Prinzipien der christlichen Soziallehre auf der Anerkennung der Natur des Menschen, insbesondere seiner Eingebundenheit in und Angewiesenheit auf natürliche Gemeinschaften, aus der sich gegenseitiges Verbundensein und Verpflichtetsein ergeben. Laut Aristoteles ist der Mensch „ein Wesen, das auf die staatliche Gemeinschaft angewiesen und von Natur aus auf das Zusammenleben angelegt ist“.13 Menschen können die Ziele ihrer Existenz nur in Gemeinschaft erreichen. Die christliche Soziallehre lehnt daher einen Individualismus, der die Sozialnatur des Menschen bestreitet und in der Gemeinschaft oder Gesellschaft nur einen Zweckverband zum Ausgleich der Einzelinteressen sieht, ebenso ab wie Kollektivismus, der den Menschen nur als Objekt betrachtet.

Der Solidaritätsgedanke beruht laut Heinz Bude auf einem Menschenbild, das den Einzelnen nicht als „Atom des Ganzen“ betrachte, welches „seine Freiheit als Beliebigkeit seiner Wünsche und Bedürfnisse vor allen anderen behauptet“, sondern als Gemeinschaftswesen, das im Rahmen von Bindungen lebe, die  seine Freiheit begrenzen.14

Als Gemeinschaftswesen ist der Mensch in natürliche Gemeinschaften und Netze von Bindungen wie die Familie und die Nation eingebunden. Utopische Ideologien leugnen diese Bindungen oder wollen sie zerstören, weil sie mutmaßlich die Freiheit des Menschen einschränken. Vor allem den ersten Jahren seines Lebens oder im Alter könnte der Mensch jedoch nicht ohne Gemeinschaft bzw. ohne den Schutz und die Unterstützung durch eine Familie überleben. Familien wiederum benötigen zu ihrem Schutz eine noch größere Gemeinschaft.

  • Der Evolutionspsychologe E. O. Wilson beschrieb die Gemeinschaftsnatur des Menschen als eine Voraussetzung menschlichen Überlebens. Der Mensch gehöre zu den eusozialen Wesen, die das höchste Maß an Sozialverhalten zeigten. Anders als im Fall von Insekten sei das eusoziale Verhalten des Menschen jedoch kein bloßes Produkt von Instinkten, so dass der Mensch hier eine Sonderrolle unter Lebewesen einnehme. Altruistisches Verhalten habe sich evolutionsbiologisch durchsetzen können, weil es das Überleben der Gemeinschaften gefördert habe. Dies gelte auch wie Tugenden wie Ehr- und Pflichtgefühl gegenüber eine Gemeinschaft von Menschen. Diese würden zwar dazu führen, dass Individuen höhere individuelle Risiken eingingen, gleichzeitig aber das Überleben der Gemeinschaft fördern.15
  • Laut dem Verhaltensforscher Frans de Waal ist der Mensch das einzige Lebewesen, das über komplexe Moralvorstellungen verfügt, „die dem Übernehmen von Verantwortung für andere einen hohen Stellenwert zuschreiben“ und komplexe, hierarchisch strukturierte Gemeinschaften ermöglichen würden, die so bei anderen Lebewesen nicht zu finden ist. Solidarität beruhe zudem auf den menschlichen Eigenschaften Empathie und Altruismus, die sich ansatzweise auch bei anderen Primaten fänden. Die Fähigkeit zur Solidarität sei entscheidend dafür gewesen, dass der Mensch als körperlich vergleichsweise schwaches Wesen die Vorherrschaft über die Erde habe gewinnen können. Forschung mit Primaten habe ergeben, dass solidarisches Verhalten bevorzugt, aber nicht ausschließlich, gegenüber näheren Verwandten praktiziert werde. Außerdem begünstige Gegenseitigkeit bei der Gewährung von Solidarität solidarisches Verhalten. Empathie, also die Fähigkeit sich mit der Not oder dem Leid anderer zu identifizieren, sei ein weiterer solidaritätsfördernder Faktor. Der Mensch teile viele dieser Eigenschaften, sei darüber hinaus aber als einziges Lebewesen zur Kooperation mit und Solidarität gegenüber Fremden in der Lage.16
  • Eine Forschergruppe um den Biologen Christopher Boehm untersuchte Naturvölker auf ihr Sozialverhalten. Ausnahmslos alle untersuchten Völker würden einem gemeinschaftsorientierten Ethos folgen. Verhalten würde hauptsächlich durch das Ehrgefühl der Mitglieder dieser Gemeinschaften reguliert, das gemeinsame und von allen Mitgliedern als selbstverständlich betrachtete Regeln voraussetze. Wer sich altruistisch verhalte und der Gemeinschaft diene, gewinne an Ansehen bzw. Ehre und damit auch an Möglichkeiten zur Fortpflanzung. Wer sich hingegen egoistisch verhalte, würde durch Ächtung, Ausschluss aus der Gemeinschaft oder auch Tötung bestraft. Die Neigung zu antisozialen Verhaltensweisen sei durch die so erfolgte Unterbindung der Fortpflanzung ihrer Träger bzw. deren Ausschluss aus der Gemeinschaft immer weiter reduziert wurden.17
  • Laut dem Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier beruhe Solidarität auf der Wahrnehmung von Menschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, deren Mitglieder einander verpflichtet seien. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Identität, Zugehörigkeit und Heimat sei Teil der Natur des Menschen. Eng damit verbunden sei ein Bedürfnis nach Narrativen, die die eigene Gemeinschaft definieren, sowie nach Abgrenzung gegenüber anderen Gemeinschaften sowie nach Solidaritätsgrenzen.18

Das traditionelle Weltbild des Mythos, das in vergleichbarer Form in allen Kulturen der Welt zu finden ist, betrachte laut Kurt Hübner den Menschen als Bestandteil übergeordneter Zusammenhänge bzw. als Teil natürlicher Solidargemeinschaften wie Familie, Sippe, Stamm und Volk.19

2.3 Der Mensch als Träger eines Erbes

Roger Scruton zufolge sehe die abendländische Tradition den Menschen als „kollektiven Erben von großartigen und seltenen Gütern“. Sein Ziel müsse es sein, „an diesen Gütern festzuhalten, um sie an unsere Kinder zu übergeben“. Es stehe dem Menschen nicht zu, dass Gute, dass er erbe, zu verderben.20

Dem Soziologen Heinz Bude zufolge beruhe Solidarität auf auf einem „Denken von einem Erbe her“, das eine Verpflichtung begründe.21 Solidarität sei „nicht das Ergebnis einer Abmachung, sondern ergibt sich aus der Akzeptanz einer Schuld“.22 Sie sei somit „nichts anderes als die dankbare Hinnahme“ des Erbes und der Bindungen, in denen der Mensch sich wiederfinde und von denen er abhängig sei:

„Wir alle geben ein Erbe weiter, und wir alle sind auf die Mitmenschen angewiesen, die uns weiterhelfen […]. Solidarität ist nichts anderes als die dankbare Hinnahme dieser sozialen Tatsache. Deshalb besuchen wir Museen, erziehen unsere Kinder und schätzen unsere Freunde und Bekannten. Dadurch praktizieren wir ohne den Zwang von Gesetzen und ohne die Aufsicht von Gouvernanten Solidarität.“23

Der Philosoph Edmund Burke (1729–1797) betonte, dass der traditionelle, auf christlicher Weltanschauung beruhende Konservatismus im Sinne des oben beschriebenen Welt- und Menschenbilds das anvertraute Land als Erbe betrachte, das Menschen von ihren Vorfahren erhalten und intakt an kommende Generationen zu übergeben hätten, weil sie innerhalb der Kette der Generationen Pflichten sowohl gegenüber Vorfahren als auch gegenüber Nachkommen hätten.24

Kardinal Robert Sarah sah in westlichen Gesellschaften einen zunehmenden Unwillen dazu, Erbe der eigenen Vorfahren sein zu wollen. Diese Tendenz sei Teil dessen, was die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als „Antikultur des Todes“ bezeichnet hatten. Die Verweigerung, ein Erbe anzunehmen und weiterzugeben, entspringe einer „Todessehnsucht“. Moderne und Postmoderne hätten „den Bruch, die Negation“ zur Grundlage ihrer Vorstellung von Kultur gemacht und seien daher „nicht mehr in der Lage, die Weitergabe ihres kulturellen Erbes und der Erfahrungen der Vergangenheit sicherzustellen“.25

Der postmoderne Mensch wolle im übertragenen Sinne nicht mehr Sohn eines Vaters sein, sondern versuche, seinen Vater durch Zurückweisung seiner Herkunft, Natur und Vergangenheit und der damit verbundenen Dinge symbolisch zu töten:

„Ich glaube, dass wir den ‚Tod des Vaters‘, den eine bestimmte westliche Philosophie fordert, ganz theologisch verstehen dürfen. Es handelt sich eigentlich um ein […] destruktives Verlangen, von niemandem etwas empfangen zu wollen, um niemandem etwas zu schulden. Die Würde des Menschen besteht grundlegend darin, Schuldner und Erbe zu sein. […] Wie schön ist es doch, sich einer Geschichte, einem Land, einer Kultur verpflichtet zu wissen. Ich glaube nicht, dass man als Waise geboren werden muss, um wirklich frei zu sein. […] Erbe zu sein, ist die eigentliche Bedingung für Freiheit.“26

Der postmoderne Mensch sei von Stolz getrieben, wenn er versuche, sich an die Stelle Gottes zu setzen und seine Identität in einem Akt der Schöpfung selbst zu konstruieren. Da dies nicht möglich sei, führe diese Auflehnung der Menschen „gegen ihre Bestimmung als Erbe und Geschöpf“27 zwangsläufig zu Zerstörung von Mensch und Gesellschaft. Der demütige Mensch hingegen sei dazu in der Lage, „Unverdientes anzunehmen und umsonst weiterzuverschenken“. Diese Demut beruhe auf Liebe und ermögliche das Leben.28

2.4 Der Mensch als Teil einer Generationenkette

Christliche Weltanschauung nimmt den Menschen als Teil einer Generationenkette wahr. Sie blickt über den Horizont der gegenwärtig lebenden Generationen hinaus und ist grundsätzlich langfristig angelegt. Auf dieser Grundlage konnte das Christentum seine großen Werke schaffen, die zu errichten oft die Arbeit vieler Generationen erforderte. Kathedralen sind ein architektonischer Ausdruck des generationenübergreifenden Denkens des Christentums. Ihre Errichtung erstreckte sich häufig über Jahrhunderte bzw. über mehrere Generationen.

2.4.1 Abstammung als Quellen von Bindungen

Der Mensch ist als Gemeinschaftswesen Teil natürlicher Bindungen, die auch Bindungen an seine Vorfahren und Nachkommen umfassen. Laut Kardinal Raymond Burke sei der Mensch durch die Schöpfung an Gott gebunden, durch Zeugung und Empfängnis sowie durch Erziehung an seine Eltern und durch die Prägung der kulturellen Identität an die Nation.29

Eine Nation ist auch als Kulturnation nicht ohne den Faktor der gemeinsamen Abstammung eines relevanten Anteils der Menschen denkbar; nicht aus biologischen Gründen, sondern wegen der Tatsache, dass Kultur vor allem innerhalb von Familien weitergegeben wird.

Cicero betonte die Bedeutung der „natürlichen Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit“. Im weitesten Sinne bestehe eine Gemeinschaft aller Menschen, weil sie Vernunft und Sprache von anderen Lebewesen unterscheiden würden. Es gebe jedoch „Stufen der Verbindung zwischen Menschen“. Die „Zugehörigkeit zur selben Stammes-, Volks- und Sprachgemeinschaft“ sei zum Beispiel mit engeren Bindungen verbunden als jenem die aus dem geteilten Menschsein entstehen.30 Die stärkte Bindung sei jedoch die, die „anständige Männer von ähnlichem Charakter freundschaftlich“ vereine.31

Ethnische Bindungen, auf denen der freiheitliche Nationalstaat westlicher Art beruhe, seien laut Paul Collier ein kostbares Gut, da Staaten diese nicht selbst schaffen könnten, sondern von ihrem Vorhandensein abhängig seien.32 Der Nationalstaat stelle „die zweckmäßigste Einheit der meisten politischen Ordnungen“ dar, weshalb nationale Identität und Homogenität (und nicht Vielfalt bzw. Heterogenität) zu schützende Werte darstellten. Staaten wie Dänemark oder Norwegen befänden sich mit ihrer „markanten gemeinsamen Kultur“ in einer günstigen Position, was ihr Solidaritätspotenzial angehe.33 Wo es hingegen an solchen Bindungen und an kultureller Homogenität mangele, entstehe nicht Gleichheit, sondern die Verlagerung der Suche nach Gemeinschaft von der nationalen Ebene auf kleinere Ebenen, etwa auf die Ebene identitätspolitischer Opfergruppen oder ethnischer Subkulturen.34 Die Frage, wie in solchen Gesellschaften Bindungen erneuert werden könnten, sei noch unbeantwortet und stelle eine der zentralen Herausforderungen der Gegenwart dar.

Der Psychologin und Bindungsforscherin Lieselotte Ahnert zufolge sei es bereits im frühesten Kindesalter „immens wichtig“ für die Entwicklung eines Menschen, dass „ein Mensch, mit dem ich vertraut bin, sich dafür interessiert, was ich mache“. Ohne Teil einer auf natürlichen Bindungen beruhenden Gemeinschaft zu sein könne der Mensch sich nicht gesund entwickeln. Die Erziehung von Kindern sei daher nur bedingt an Fremde delegierbar.35

2.4.2 Die Verantwortung des Menschen für künftige Generationen

Der Mensch stehe laut Hans Jonas gegenüber künftigen Generationen in einem Verantwortungsverhältnis und nicht in einem liberalen Vertragsverhältnis.36

Solidarität beziehe sich laut einer gemeinsamen Erklärung von katholischer und evangelischer Kirche „nicht nur auf die gegenwärtige Generation; sie schließt die Verantwortung für die kommenden Generationen ein.“ Die gegenwärtige Generation dürfe „nicht auf Kosten der Kinder und Kindeskinder wirtschaften, die Ressourcen verbrauchen, die Funktions- und Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft aushöhlen, Schulden machen und die Umwelt belasten.“ Auch die künftigen Generationen hätten „das Recht, in einer intakten Umwelt zu leben und deren Ressourcen in Anspruch zu nehmen.“37

  • Eine „ganzheitliche menschliche Entwicklung“ beruht laut Benedikt XVI. auf „Solidarität und Gerechtigkeit zwischen den Generationen“.38 Es stelle eine „sehr ernste Verpflichtung“ dar, „die Erde den neuen Generationen in einem Zustand zu übergeben, so daß auch sie würdig auf ihr leben und sie weiter kultivieren können.“39
  • Papst Franziskus schrieb über generationenübergreifende Solidarität, dass der Begriff des Gemeinwohls „auch die zukünftigen Generationen mit ein“ beziehe. Ohne „eine Solidarität zwischen den Generationen kann von nachhaltiger Entwicklung keine Rede“ sein. Die natürliche Umwelt stelle ein Erbe dar, das intakt übergeben werden müsse.40
  • Laut Papst Paul VI. seien wir „Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger“ und daher allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller, die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteile mit sich, sondern auch Pflichten.“41

Papst Franziskus rief Christen 2018 zu einem generationenübergreifenden Dienstethos im Geist „der Erbauer der mittelalterlichen Kathedralen in ganz Europa“ auf: „Diese gewaltigen Bauten erzählen, wie wichtig die Teilnahme eines jeden an einem Werk ist, dass die Grenzen der Zeit überdauert. Der Baumeister an einer Kathedrale wusste, dass er die Vollendung seines Werkes nicht erleben würde. Trotzdem hat er kräftig mitgeholfen, denn er verstand sich als Teil eines Projektes, das seinen Kindern zu Gute kommen sollte und die es dann ihrerseits für ihre Kinder verschönern und erweitert würden. Jeder Mann und jede Frau dieser Erde – und besonders wer Regierungsverantwortung trägt – soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen und so ein Zeichen der Hoffnung für unsere zerrissene Welt sein.“42

Dem Historiker Ernest Renan zufolge sei eine Nation eine übergenerationelle Solidargemeinschaft der Gewesenen, der Lebenden und der Künftigen.43 Edmund Burke schrieb über generationenübergreifende Solidarität, dass die Ziele eines Gemeinwesens „nicht in einer Generation zu erreichen sind“. Ein Gemeinwesen könne daher nur als „Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen“, funktionieren. Der primäre Sinn einer Gesellschaft sei nicht die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern die Schaffung einer Verbindung zwischen früheren und künftigen Generationen und die Sicherstellung der Kontinuität des Erbes. Dieses sei ein von jeder Generation zu pflegendes und an die nächste Generation zu übergebendes wertvolles Gut.44

Roger Scruton betonte, dass der auf diesen Gedanken beruhende Konservatismus eine „Philosophie des Bewahrens“ sei, der es nicht nur um die Konservierung der Vergangenheit gehe, weil sie vor allem auch künftige Generationen und deren Wohl im Blick habe.45 Ein intaktes Verhältnis der Generationen untereinander könne nicht auf Vertragsdenken beruhen, sondern sich nur auf dienende Liebe stützen, die den Menschen „als einen Teil der fortlaufenden Kette von Geben und Entgegennehmen“ sehe, dem es nicht zustehe, dass Gute, dass er erbe, zu verderben.46

2.4.3 Ahnenverehrung als Ausdruck Solidarität zwischen den Generationen

Ahnenverehrung ist Teil der Natur des Menschen und bis in die älteste Vergangenheit nachweisbar. Ahnenkulte gehören zu den ältesten Formen religiöser Praxis und spielten eine wichtige Rolle für die Identität und Kontinuität früher Gemeinschaften von Menschen. Bei den verehrten Ahnen muss es sich dabei nicht immer um biologische Vorfahren handeln. In vielen Kulturen werden Männer im Rahmen ihrer Initiation symbolischen Ahnen unterstellt, die Gründungsfiguren einer Gemeinschaft sind, wodurch sie zu Trägern der von ihnen gestifteten Tradition und untereinander zu Brüdern werden. Ahnenvehrung dieser Art ermöglicht die Schaffung von Gemeinschaften über die Ebene des Klans hinaus, auf der noch verwandschaftliche Bindungen ausreichende Kraft entfalten. Ahnenkulte gehören zu den ältesten Formen religiöser Praxis und spielten eine wichtige Rolle für die Identität und Kontinuität früher Gemeinschaften von Menschen.47

Die Ehrung der eigenen Vorfahren, auf der generationenübergreifende Solidarität beruht, ist eine Forderung des Vierten Gebots des Christentums und des Judentums. Alle Hochkulturen der Menschheit haben in ihrer Tradition diese naturrechtliche Forderung anerkannt, weil sie den Menschen gleichermaßen als Träger eines Erbes betrachten, das er weiterzugeben habe.

Der Mensch ist nicht das Produkt eines Zufalls, sondern wird sowohl biologisch als auch kulturell von seinen Vorfahren geprägt. Diesen verdankt er seine Existenz und den Großteil dessen, was es an Gutem in seinem Leben gibt, selbst wenn seine Eltern oder seine Kultur Schwächen und Fehler haben.

Kardinal Robert Sarah schieb über die Bedeutung der Ahnen:

„Die Alten garantieren die Überlieferung. Sie sind unsere Archive, unsere Bibliotheken, die Hüter unserer Traditionen. Ohne sie wären die Völker Waisen: ohne Zugehörigkeit, ohne Ursprung, ohne Erinnerung, ohne Geschichte, ohne Kultur, ohne Tradition. Wenn wir unsere Vorfahren nicht ehren, dann können wir auch unser Vaterland nicht lieben, das uns unsere Identität schenkt.“48

Roger Scruton schrieb über die Dankbarkeit gegenüber den eigenen Ahnen im abendländischen Erbe, dass sie uns Menschen lehre, „Raum zu schaffen in unserem Herzen für unsere Nachfolger, deren Zuneigung wir verdienen möchten“. Menschen lernten dadurch auch, ihre eigenen Interessen zugunsten denen nachfolgender Generationen zurückzustellen, und dass sie das Gute, dass sie ererbt haben, „nicht besitzen, um es zu verbrauchen, sondern um es klug zu nutzen und dann weiterzugeben“.49

Der Althistoriker Egon Flaig setzte sich mit kulturellen Auflösungserscheinungen in europäischen Gesellschaften auseinander, die auch eine Folge des Verlusts der „kulturellen Dankbarkeit“ gegenüber den eigenen Vorfahren seien. Die Vorstellung eines Gemeinwohls beruhe auf einer geteilten Bindung an eine kulturelle Tradition. Nur auf dieser Grundlage könne der republikanische Pluralismus im Sinne seines Leitsatzes „e pluribus unum“ aus kulturell unterschiedlichen Gruppen eine Einheit formen und Fremde, aber auch nachfolgende Generationen integrieren.

Postmoderne und neomarxistische Ideologien, die seit den 1970er Jahren in Europa die kulturelle Hegemonie erlangt hätten, würden hingegen zunehmend eine Erinnerungskultur durchsetzen, welche die europäische Geschichte und Tradition als eine Serie von Verbrechen an der Menschheit darstelle. Dieses „selbstmörderische“ Vorhaben sei in den vergangenen Jahrzehnten sehr erfolgreich gewesen und werde mittlerweile auch durch liberale, globalistische Strömungen unterstützt, „welche die Menschen reduziert auf ihre bloße Eigenschaft, Arbeitskräfte zu sein“ sowie darauf, „ökonomisch motivierte Wesen ohne kulturelle Imprägnierung“ zu sein. In Folge der durch die Durchsetzung dieser Ideologien bewirkten Auflösung von historisch-kulturellen Bindungen würden europäische Gesellschaften zunehmend in Interessengruppen und Parallelgesellschaften zerfallen, die „nicht mehr willens sind, sich einem Gemeinwohl unterzuordnen“:

„[E]in solches Bewusstsein laugt den Zusammenhalt der Bürger aus, einen Zusammenhalt, auf den Demokratien existentiell angewiesen sind. Man kann die Demokratie nicht bewahren, wenn man nicht mehr weiß, auf welchen kulturellen Grundlagen sie aufruht.“

Diese Auflösungsprozesse seien für kurzfristig denkende Menschen „zunächst kaum wahrnehmbar“, was ihre Identifizierung und Bekämpfung erschwere.

Kulturelle Substanz werde über viele Generationen hinweg aufgebaut. Ihre Weitergabe und Weiterentwicklung von Generation zu Generation setze Dankbarkeit gegenüber den eigenen Vorfahren voraus. Diese habe daher im antiken Rom als „Pietas“ den Rang einer politischen Tugend gehabt. Als Vorfahren seien dabei mehr noch als die eigenen biologischen Vorfahren diejenigen wahrgenommen worden, in deren geistig-kultureller Tradition man stehe.50

Der atheistische Evolutionsbiologe Richard Dawkins versuchte, eine naturalistische Begründung für die Ehrung der eigenen Ahnen zu formulieren, die ebenfalls die Bedeutung des Erbes betont. Er verwies darauf, dass der Mensch über eine lange Ahnenreihe an Lebewesen verfüge, die sich über hunderte von Millionen Jahren in jeder Generation habe bewähren müssen. Der Mensch könne stolz auf die „Elite der Vorfahren“ sein. Vom Beginn des Lebens an habe sich jeder seiner Vorfahren gegen die Herausforderungen, denen er gegenüberstand, hinreichend erfolgreich durchgesetzt, egal ob es Feinde, Krankheiten oder die Gefahren der Natur waren.51

Kardinal Robert Sarah sagte im September 2019, dass die geistig-kulturelle Krise der westlichen Welt auch eine Folge der Weigerung von Menschen sei, sich als Träger eines Erbes zu verstehen. Der moderne Mensch lehne die Vorstellung ab, eine begrenzte und abhängige Kreatur zu sein, die von einem Vater abstamme, in eine Familie hineingeboren sei und von einem Erbe bzw. von einer Überlieferung lebe. Wer es ablehne, der Nachkomme seiner Vorfahren und der Sohn seines Vaters zu sein, habe auch eine Neigung, Gott abzulehnen.52

Die Kulturwissenschaftlerin und Ägyptologin Aleida Assmann äußerte sie sich unter anderem über der Achtung gegenüber der eigenen Vergangenheit als Voraussetzung kultureller Kontinuität. Dabei verneinte vehement die Frage eines Journalisten, ob es im antiken Ägypten Anstrengungen in die Richtung gegeben habe, „die riesige, mehrere Jahrtausende alte Geschichte einfach mal über Bord zu werfen, sich zu befreien von dem Muff der Vergangenheit“:

„Nichts läge den alten Ägyptern ferner. Niemand kam dort jemals auf die Idee eines solchen radikalen Modernismus. Niemand dachte dort jemals an Muff. Die Vergangenheit wurde dort niemals als eine Belastung empfunden. Dieses Gefühl findet sich in keinem einzigen altägyptischen Text. Die jahrtausendealte Vergangenheit war die Basis der Welt, in der sie lebten. Sie waren stolz auf sie.“53

2.5 Individualisierung führt zu Entsolidarisierung

Der Althistoriker Egon Flaig führte kulturelle Nachhaltigkeitsdefizite in europäischen Gesellschaften auf den Verlust der „kulturellen Dankbarkeit“ gegenüber den eigenen Vorfahren zurück. Moderne und postmoderne Ideologien hätten mit der abendländischen Tradition gebrochen und würden den Menschen darauf reduzieren, „ökonomisch motivierte Wesen ohne kulturelle Imprägnierung“ zu sein. Kulturelle Substanz werde über viele Generationen hinweg aufgebaut. Ihre Weitergabe und Weiterentwicklung von Generation zu Generation setze Dankbarkeit gegenüber den eigenen Vorfahren voraus. Wo diese fehle, breche das Erbe eines Gemeinwesens ab.54

Ähnlich wie Flaig sieht Rüdiger Safranski in westlichen Gesellschaften zunehmend einen Menschentypus vertreten, der nicht Träger eines Erbes sein wolle, sondern nur ein Konsument. Es entstehe „eine Gesellschaft von Endverbrauchern, die, aus der Generationenkette gelöst, nur noch für sich selbst sorgen“.55

Kardinal Robert Sarah sagte, dass die geistig-kulturelle Krise der westlichen Welt auch eine Folge der Weigerung von Menschen sei, sich als Träger eines Erbes zu verstehen. Der moderne Mensch lehne die Vorstellung ab, eine begrenzte und abhängige Kreatur zu sein, die von einem Vater abstamme, in eine Familie hineingeboren sei und von einem Erbe bzw. von einer Überlieferung lebe. Wer es ablehne, der Nachkomme seiner Vorfahren und der Sohn seines Vaters zu sein, habe auch eine Neigung, Gott abzulehnen.56

2.6 Krisen können Bindungen stärken

Der Soziologe Steffen Mau schrieb, dass Krisen den Zusammenhalt in einem Gemeinwesen stärken könnten. In der britischen Bevölkerung habe der Zweite Weltkrieg einen „kollektiven Geist“ entstehen lassen. Das „Miteinander der unterschiedlichen Klassen in den Luftschutzbunkern“ habe eine „bis dato unbekannte Zusammenhangserfahrung“ und ein „Bewusstsein für die Notwendigkeit wechselseitiger Hilfe über Standesgrenzen hinweg“ entstehen lassen. Aus „der doppelten Verbindung zueinander – als Personen, die abhängige Teile eines großen Ganzen sind, und als Personen, deren Handlungen auf das Ganze zurückwirken“, könne in einer Krise „ein Gefühl von Wechselseitigkeit entstehen.“. In der Krise seien „alle geradezu gezwungen, sich in einer Gemeinschaft zu verorten, deren Normalität prekär geworden ist“.57

3. Die Bedeutung von Bindungen und Solidarität für ein Gemeinwesen

Damit das Solidaritätsprinzip wirken und Subsidiaritätsprinzip greifen kann, sind starke Bindungen und Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft erforderlich. Je stärker diese sind, desto zurückhaltender kann der Staat agieren. Ein freiheitlicher Staat kann daher nicht ohne starke Bindungen funktionieren. Solche Bindungen sind die Voraussetzung dafür, dass unterschiedliche Menschen sich als Gemeinschaft wahrnehmen und ein Gemeinwohl anstreben können. Es gibt im Wesentlichen drei Quellen dauerhafter gemeinschaftlicher Bindungen, nämlich die durch Verwandtschaft und gemeinsame Abstammung, die durch gemeinsame Religion und Kultur und (auf der Ebene kleiner Gemeinschaften) die durch gemeinsam bewältigte Herausforderungen.

Laut Roger Scruton ermöglichen es Bindungen, die auf gemeinsamer Identität beruhen, ein funktionierendes, solidarisches Zusammenleben. In einem von solchen Bindungen geprägten Gemeinwesen gibt es stets fundamentale Dinge, die Menschen trotz aller Gegensätze miteinander teilen, so dass Kompromisse möglich werden. Wo diese Bindungen fehlten, zerfalle ein Gemeinwesen in Krisen, wie zahlreiche Beispiele wie etwa das ehemalige Jugoslawien zeigten.58

3.1 Bindungen schaffen ein Gemeinwesen

Die Bildung und der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setzen voraus, dass seine Mitglieder eine Gemeinschaft bilden bzw. dass in ihm ein Minimum an sozialer Integration vorhanden ist.59 Dazu muss aus Vielfältigem durch fortlaufende Anstrengung eine Einheit geschaffen werden, wofür geistige und kulturelle Gemeinsamkeiten erforderlich sind. Wo diese fehlen, zerfällt ein Gemeinwesen. Je heterogener ein Gemeinwesen ist, desto wichtiger werden solche geteilten geistig-kulturellen Grundlagen.

Intakte Bindungen und relative kulturelle Homogenität seien laut Paul Collier die Voraussetzungen dafür gewesen, dass sich in westlichen Gesellschaften liberale politische Ordnungen herausbilden konnten, die auf freiwilliger Regelkonformität beruhen. Es sei ein Fehler, diese kulturellen Voraussetzungen für selbstverständlich zu halten. Sie seien über lange Zeiträume gewachsen und müssten gepflegt werden, wenn freiheitliche Gesellschaften eine Zukunft haben sollen.60

Papst Franziskus betonte, dass Identität das Produkt der Bindungen sei, innerhalb derer sich der Mensch bewege:

„Identität entsteht nicht im Labor. Jede Identität ist bestimmt durch eine eigene Geschichte und somit auch durch eine Zugehörigkeit. Meine Identität ist verbunden mit einer Familie, einem Dorf, einer Gemeinschaft. […] Lasst Euch nicht hinters Licht führen. Denkt an Eure Zugehörigkeit. Wenn ihr dann jemanden unter Euch seht, dem nichts heilig ist, […] soll sich jeder von Euch fragen: Verkaufe ich meine Zugehörigkeit? Verkaufe ich die Geschichte meines Volkes? Verkaufe ich die Kultur, die ich von meiner Familie empfangen habe? […] Verkauft nicht Euer Innerstes – Eure Zugehörigkeit, Eure Identität.“61

Platon erklärte, dass Politik vor allem in der Integration der Bestandteile einer Gesellschaft in das Ganze und im Herstellen von Einheit bestehe. Er sprach diesbezüglich von der „königlichen Kunst des Zusammenwebens“.

Dem Soziologen Heinz Bude zufolge benötige ein Gemeinwesen in Krisenzeiten „Solidaritätsressourcen“ in Form von natürlichen Bindungen.62 Solidarität beweise sich Bude zufolge in Form von Opfern, die für eine Gemeinschaft erbracht werden. Je größer das erforderliche Opfer, desto stärker müssten laut Bude auch die Bindungen sein, die den Einzelnen mit einer Gemeinschaft verbinden:

„Ohne die grundsätzliche Sympathie der gesellschaftlichen Wesen, die sich verstehen, die Anteil einander nehmen und die aufeinander Rücksicht nehmen, ist ein gedeihliches oder auch nur funktionierendes Miteinander der freien und gleichen Einzelnen nicht vorstellbar.“63

Damit ein Mensch sich solidarisch verhalte, benötige er die Gewissheit, dass sein Altruismus nicht ausgenutzt werde. Dies erfordere das Vertrauen, dass derjenige, dem gegenüber er sich altruistisch verhält, diesen Altruismus mit hoher Wahrscheinlichkeit erwidern wird. Dieses Vertrauen sei zwischen Menschen, die sich in wesentlichen Aspekten ihrer Identität ähnelten, am größten. Der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg habe z.B. auch auf der gemeinsamen Erfahrung von Not sowie der Erfahrung des Krieges beruht, in dem Menschen sich „jenseits von Stand und Klasse“ als Kameraden erfahren hätten. Außerdem hätten die Folgen des Krieges die Wahrnehmung dessen in den Vordergrund gestellt, was die Völker Europas miteinander verbinde.64

Ein gewisses Maß an innerer Homogenität ist erforderlich, damit die Bevölkerung einer Gesellschaft Bindungen untereinander wahrnimmt und somit gemeinwohlfähig wird. Die Stärkung solcher Bindungen ist zudem eine Forderung des Solidaritätsprinzips der katholischen Soziallehre. Eine Gesellschaft braucht ein Zentrum bzw. eine es tragende Gruppe, die ein Interesse an der Kontinuität dieses Gemeinwesens hat und die andere Menschen kulturell in dieses Zentrum assimilieren kann.

Der Völkerrechtler Matthias Herdegen wies 2018 darauf hin, dass der Erfolg der europäischen Einigung „in entscheidender Weise“ von einer „starken, gesellschaftlichen, kulturellen und auch wirtschaftlichen Homogenität“ abhänge. Wo diese nicht vorhanden sei, „entstehen auch in Europa sofort sehr gefährliche Risse.“ Ein „hohes Maß an soziokultureller Konvergenz ist Voraussetzung dafür, dass so ein Modell funktioniert.“65

Kulturell heterogene Gesellschaften sind fast immer von geringer Solidaritätsbereitschaft geprägt. Die eigenen Ansprüche bzw. die Ansprüche der eigenen Gruppe gegenüber dem Gemeinwesen stehen hier statt dessen im Vordergrund. Laut einer Studie des Institute of Labor Economics sinkt die Bereitschaft zu einer Politik der Umverteilung, wenn der Anteil der Migranten in einer Gesellschaft zunimmt. Der Migrationsforscher David Miller sieht einen „Zielkonflikt zwischen mehr Einwanderung und der Schaffung oder Bewahrung eines starken Wohl­fahrtsstaats“, da die Bereitschaft zu solidarischem Handeln auch von wechselseitiger Vertraut­heit und von einem gewachsenen Gefühl der Zusammengehörigkeit abhänge.66

Der Soziologe Robert Putnam wies in seiner Arbeit darauf hin, dass die kulturelle Homogenität eines Gemeinwesens die Voraussetzung für dessen Gemeinwohl sei. Gemeinsame Kultur erzeuge gemeinsame Werte, ähnliche Verhaltensmuster und gegenseitiges Grundvertrauen, die ein geordnetes und gelingendes Zusammenleben ermöglichten. Eine gemeinsame Kultur erzeuge „soziales Kapital“, das insbesondere für freiheitlich organisierte Gemeinwesen wichtig sei, weil es die Grundlage für Selbstregulierung der Gesellschaft und Vertrauen der Menschen untereinander bilde. Ohne diese Grundlage müsste der Staat deutlich stärker regulierend in allen Bereichen des Lebens eingreifen, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und ein geordnetes Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Ein Staat ohne diese kulturelle Grundlage kann nur autoritär regiert werden. Diese Grundlage ist daher schützens- und bewahrenswert.

Eine Studie von Forschern der Universität Harvard stellte 2002 eine Korrelation zwischen ethnokultureller Homogenität und politischer Stabilität sowie Demokratie fest. Je homogener eine Gesellschaft sei, desto wahrscheinlicher sei es, dass es sich bei ihr um eine politisch stabile Demokratie handele, und desto geringer sei in ihr die Wahrscheinlichkeit von Konflikten. Krisenstaaten seien hingegen häufig von ethnokultureller Heterogenität gekennzeichnet.

Der Soziologe Curt Stofferahn hatte die Krisenfestigkeit von Gemeinschaften im Zusammenhang mit der durch den Sturm „Katrina“ im Jahr 2007 ausgelösten Katastrophe untersucht und dabei festgestellt, dass kulturell homogene Gemeinschaften mit starken sozialen Bindungen und intakten kulturellen Institutionen besonders resilient waren.

Der Historiker John Roberts wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „nur eine sehr primitive Kultur“ einen homogenen Block darstellen könne.67 Für eine Hochkultur stellt es somit eine ständige Herausforderung dar, das notwendige Minimum an innerer Homogenität in ihr zu erhalten, ohne dabei die für kulturelle Entwicklung notwendigen kreativen Kräfte zu stark einzuschränken.

John Jay, einer der Gründervater der USA und Autor eines der wichtigsten Kommentare ihrer Verfassung, sah in geteilter geteilte Religion, Abstammung, Sprache und politischen Grundüberzeugungen eine wesentliche Grundlage für den Zusammenhalt eines Gemeinwesens:

„With equal pleasure I have as often taken notice, that Providence has been pleased to give this one connected country, to one united people; a people descended from the same ancestors, speaking the same language, professing the same religion, attached to the same principles of government, very similar in their manners and customs, and who, by their joint counsels, arms and efforts, fighting side by side throughout a long and bloody war, have nobly established their general Liberty and Independence.“68

Josef Schmid beschrieb, dass die Bindungen, innerhalb derer der Mensch lebt, auch durch den Kommunismus nicht vernichtet werden konnten und sich schließlich als stärker erwiesen hätten als dieser:

„Nach dem Zerfall dieser Reiche trat wieder das zutage, was von ihnen unterdrückt und über Jahrzehnte vergraben wurde: Religion, Familie, Nation, Nationalstaat auf der Basis von Volksgruppe, Selbstbestimmung und durchweg Demokratie. […] Es muss eine anthropologische Widerstandskraft in diesen herkunftsbezogenen, vor-ideologischen Bindungsformen wohnen, die sie immer wieder zum Vorschein bringt.“69

Der Migrationsforscher Ruud Koopmans betonte, dass jeder funktionierende und stabile Staat auf einer nationalen Kultur beruhe.

„Nicht nur Deutschland, jedes Land der Erde braucht eine Leitkultur, und die stabilen Staaten haben auch alle eine nationale Kultur. […] Bisher hat es nur der Nationalstaat geschafft, Verteilungskonflikte friedlich auszutragen und einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen.“

Der Wunsch und das Streben nach Gemeinschaft auch in Form von Bindung an eine Nation oder eine nationale Kultur seien in der Natur des Menschen angelegt. Funktionierende Staaten würden auf dieser Bindung und dem Wunsch beruhen, kulturelle Gemeinsamkeiten in öffentlichen Institutionen verwirklicht zu sehen.

3.2 Der Schutz und die Stärkung von Bindungen als politischer Auftrag

Die christliche Soziallehre beinhaltet das Konzept der „sozialen Liebe“ (lat. dilectio socialis), das durch Thomas von Aquin formuliert wurde. Es sei demnach anzustreben, Bindungen und die Wahrnehmung von Zusammengehörigkeit in einem Gemeinwesen zu fördern, weil dadurch auch der Wille zum Dienst am Gemeinwohl gefördert und das Gemeinwesen gestärkt werde.70

Papst Johannes Paul II. beschrieb die Stärkung von Bindungen 1991 im Dokument „Centesimus Annus“ im Zusammenhang mit dem Solidaritätsprinzip als christliche Aufgabe:

„Außer der Familie erfüllen auch andere gesellschaftliche Zwischenkörper wichtige Aufgaben und aktivieren spezifische Solidaritätsnetze. Diese reifen in der Tat zu echten Gemeinschaften von Personen heran, beleben das gesellschaftliche Gefüge und verhindern, daß es in die Anonymität und in eine unpersönliche Vermassung absinkt, wie es in der modernen Gesellschaft leider häufig der Fall ist.“

Papst Franziskus betonte die Bedeutung der „Vielfalt von Vereinigungen“ die sich „für das Gemeinwohl einsetzen“ und dadurch Bindungen sowie „örtliches soziales Gewebe“ stärken oder schaffen und zur „Bildung einer gemeinsamen Identität“ beitragen, „einer Geschichte, die bleibt und weitergegeben wird.“71

Roger Scruton zufolge gehe es konservativer Politik um die Erhaltung eines „Wir“.72 Dies geschehe, „indem wir dem System auf lokaler Ebene Energie zuführen und so der Auflösung entgegenwirken“ sowe durch die Stärkung von historischer Verbundenheit und lokaler Identität.73

Der Philosoph Günter Rohrmoser bezeichnete „das sammelnde Einholen des Zerfallenen in das Ganze“ als eine der Aufgaben des christlichen Konservatismus.74 Das Wirken von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft stärkt Bindungen, integriert Fremde und Randgruppen und wirkt durch die Schaffung einer gemeinsamen geistig-kulturellen Grundlage den zentrifugalen Tendenzen in einem Gemeinwesen entgegen.

Thomas von Aquin schrieb, dass die „Wohlfahrt und das Heil einer zu höherer Gemeinschaft verbundenen Menge“ darin bestehe, „jene Einigkeit zu erhalten, die man Friede nennt“. Ohne sie gehe „aller Nutzen, der aus dem Leben der Gemeinschaft erwächst, zugrunde, und die entzweite Menge wird sich selbst zur Last“. Herrscher müssten daher vor allem darauf achten, Einheit zu stiften. Es sei in diesem Zusammenhang von höchster Bedeutung, dass Übereinstimmung herrsche, was „das Ziel, das er anstreben soll“, angeht, so dass politische Prozesse eine Grundlage dafür hätten, „das Mittel, um zu Ziele zu gelangen“, zu suchen. Ein Gemeinwesen, das „in sich selbst eins ist“, sei eine Voraussetzung des Gemeinwohls. „Vielheit“ im Sinne von unterschiedlichen Zielvorstellungen hingegen fördere das Gemeinwohl nicht.75

Platon schrieb in seinem Werk „Der Staat“ über die Bedeutung bindungsstärkender Kräfte:

„Gibt es nun etwas Schlimmeres für einen Staat als das, was ihn auflöst und in eine Vielheit zerspaltet? Oder etwas Vorzüglicheres als das, was ihn verbindet und vereinheitlicht?“

Dieser Gedanke liegt auch einem Leitspruch des republikanischen Pluralismus („E pluribus unum“) zugrunde, der sich auf eine Formulierung von Augustinus bezieht, mit denen dieser das Entstehen enger Bindungen auf der Grundlage gemeinsamen Geistes beschreibt.76

Cicero hatte in seiner Beschreibung der Bindungen, die Gemeinschaften stiften, eine ähnliche Formulierung zur Beschreibung der Grundlagen der Bindungen verwendet, die ein Gemeinwesen ermöglichen:

„Es gibt aber mehrere Stufen in der menschlichen Gesellschaft. Denn abgesehen von jener allgemeinen findet eine nähere zwischen den Menschen statt, die demselben Volke, demselben Stamme und derselben Sprache angehören. Die letztere ist ein ganz vorzügliches Mittel zur Verbindung der Menschen unter einander. Ein noch innigeres Verhältnis findet zwischen Menschen statt, die derselben Bürgerschaft angehören. […] Noch enger ist die Verbindung, die zwischen Anverwandten stattfindet. […] Doch unter allen geselligen Verbindungen ist keine vorzüglicher, keine fester, als wenn brave, an Charakter ähnliche Männer durch vertrauten Umgang mit einander verbunden sind. […] Nichts ist aber geeigneter Liebe zu erwecken und eine innige Verbindung hervorzurufen, als die Ähnlichkeit des Charakters bei guten Menschen. Denn wo gleiche Bestrebungen und gleiche Gesinnungen herrschen, da findet Einer an dem Anderen ebenso viel Wohlwollen wie an sich selbst, und die Folge davon ist, was Pythagoras in der Freundschaft als das Höchste ansieht, daß aus mehreren Personen Eine wird.“77

Papst Franziskus betonte im Oktober 2017 die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt und rief die Menschen dazu auf, entsprechende Bindungen wieder zu entdecken. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann erklärte, dass kultureller Pluralismus eine historisch begründete Gegebenheit sein könne, aus ethischen Gründen aber als politisches Ziel ungeeignet sei, weil er das Konfliktpotential in einer Gesellschaft vergrößere.

Kardinal Pietro Parolin betonte 2019, dass das Christentum nicht nach Auflösung, sondern nach Stärkung nationaler Identitäten strebe. Das Konzept der Inkulturation sehe vor, das Christentum mit den spezifischen Erfahrungen der Völker und Kulturen zu verbinden, mit denen es in Kontakt komme.78

Roger Scruton schrieb, dass es zu den guten Impulsen des Sozialismus gehöre, dass er danach strebe, Menschen an den Rändern der Gesellschaft in diese zu integrieren und sie zu Trägern und Stützen des Gemeinwesens zu machen.79

Der katholische Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde betonte, dass der säkularisierte Staat „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“ Migration und die Präsenz fremder Kulturen könnten potenziell dazu führen, dass „der kulturelle Sockel“, auf dem ein Staat beruht, „sich zunehmend parzelliert, aushöhlt und seine verbindende Kraft einbüßt“.80

Böckenförde zitiert den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger (den späteren Papst Benedikt XVI.), aus einem Briefwechsel zu diesem Thema:

„In einem weltanschaulich neutralen Staat müssten nicht alle öffentlich erscheinenden Symbole gleich behandelt werden, so dass entweder alle gleichmäßig oder keines öffentlich erscheinen könne. Ein Staat habe doch seine eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln, die auch dann für ihn in gewisser Hinsicht konstitutiv blieben, wenn er selbst sich den Religionen gegenüber zur Neutralität verpflichtet wisse. Andernfalls, so der Kardinal, müssten die Privilegien des Sonntags verschwinden, die Gesetzgebung in Sachen Ehe und Familie gleichermaßen der muslimischen wie der christlichen Tradition Rechnung tragen.“81

Abschließend heißt es:

„Ein Staat kann sich nicht völlig von seinen eigenen Wurzeln abschneiden und sich sozusagen zum reinen Vernunftstaat erheben, der ohne eigene Kultur und ohne eigenes Profil alle für Ethos und Recht relevanten Traditionen gleich behandelt und alle öffentlichen Äußerungen der Religionen gleich einstuft. Was in der Diskussion der letzten Jahre ziemlich unzulänglich mit dem Wort „Leitkultur“ angesprochen war, ist in der Sache fundiert.“82

Freiheiten könne ein Staat laut Böckenförde nur bedingt gewähren „gegenüber Religionen und religiösen Überzeugungen, die ihrerseits eine grundsätzliche Trennung von Staat und Religion und damit den säkularen Staat nicht akzeptieren und meinen, dies aus theologischen Gründen nicht tun zu können“. Eine Religion müsse zumindest „die Religionsfreiheit als gesetzlich bestehend respektieren und sich entsprechend verhalten“:

„Auf der anderen Seite kann und darf der säkularisierte Staat keiner religiösen Überzeugung, welchen Rückhalt bei den Menschen sie auch haben mag, die Chance einräumen, unter Inanspruchnahme der Religionsfreiheit und Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen und schließlich abzubauen. Daraus folgt: Wäre davon auszugehen, dass eine Religion, aktuell der Islam, sich gegenüber der Religionsfreiheit auf Dauer aktiv resistent verhält, sie also abzubauen suchte, sofern sich politische Möglichkeiten, etwa über Mehrheitsbildung, dazu bieten, so hätte der Staat dafür Sorge zu tragen, dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben. Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich von Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen.“83

Die Präsenz von Strömungen im Islam, die dieses Minimalkriterium nicht erfüllten, müsste entsprechend minimiert werden. In diesem Fall sei „der Staat ungeachtet seiner Freiheitlichkeit und Offenheit gehalten, Barrieren zu errichten, die die Anhänger des Islam hindern, direkt oder indirekt aus der Minderheitsposition herauszutreten. Darin läge kein Selbstwiderspruch, sondern nur die Selbstverteidigung des säkularisierten Staats.“84

Böckenförde bekräftigte diese Position auch an anderer Stelle und erklärte, dass der Staat dafür Sorge zu tragen habe, „dass […] die Angehörigen des Islams durch geeignete Maßnahmen im Bereich von Freizügigkeit und Migration […] in ihrer Minderheitenposition verbleiben, ihnen mithin der Weg verlegt ist, über die Ausnutzung demokratischer politischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen. Darin liegt nicht mehr als seine Selbstverteidigung, die der freiheitliche Verfassungsstaat sich schuldig ist.“85

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen ähnlich argumentiert:

„Jedenfalls kann sich auf die Glaubensfreiheit nicht berufen, wer die Schranken übertritt, die die allgemeine Wertordnung des Grundgesetzes errichtet hat. Das Grundgesetz hat nicht irgendeine, wie auch immer geartete freie Betätigung des Glaubens schützen wollen, sondern nur diejenige, die sich bei den heutigen Kulturvölkern auf dem Boden gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet hat.“86

Der Politikpsychologe Thomas Kliche betonte die Bedeutung kultureller Resilienzfaktoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der eine wesentliche Voraussetzung dafür darstelle, dass Gesellschaften Krisen erfolgreich bewältigen könnten. „Ruhe, Disziplin und Besonnenheit“ sowie das Ausbleiben von „Panik noch Unruhen“ gäbe es in Krisen dort, wo der Zusammenhalt bzw. das „Geflecht der Werte, Normen und Gewohnheiten gegenseitiger Verbundenheit im Alltagsleben“ groß seien.87

Laut Roger Scruton handele sozial, wer Bindungen in einem Gemeinwesen stärkt und am Rande stehende Menschen zu einem zu „Teil des Netzes der Verpflichtungen“ macht, die ein Gemeinwesen tragen. Sozial handele auch wer die Institutionen stärke, auf denen das Gemeinwesen beruht, etwa die Familie.88 Unsozial hingegen ist es, Bindungen und Institutionen in einem Gemeinwesen zu schwächen.

Wer anderen Lasten auferlegt oder von ihnen fordert Lasten zu tragen, die er selbst nicht zu tragen bereit ist, und sich dann selbst als solidarisch darstellt, ist nicht nur ein Heuchler, sondern handelt aktiv unsolidarisch.

Ein Sozialstaat der dafür sorgt, dass eine „Klasse von Abhängigen entsteht“ oder dysfunktionales Verhalten die Lösung des Menschen aus Bindungen finanziell belohnt und dadurch fördert, etwa außereheliche Schwangerschaften, kann sich laut Roger Scruton nicht auf das Solidaritätsprinzip berufen.89

Quellen

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  2. „‚Konservative denken kein Wir mehr‘“, Die Welt, 09.03.2019.
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  6. Collier 2014, S. 67.
  7. Manfred Spieker: „Pflichten und Grenzen der Solidarität“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2018.
  8. Gustav Gundlach: „Gemeinwohl“, in: Staatslexikon, Freiburg i. Br. 1959, Band 3, Sp. 737-740.
  9. Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung, Freiburg i. Br. 2005, S. 26.
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  15. E. O. Wilson: The Social Conquest of Earth, New York 2012.
  16. Frans de Waal: „Solidarität. Die Wurzeln der Kooperation“, Spektrum Highlights, Nr. 2/2018, S. 70-73.
  17. „Ayn Rand vs. the Pygmies. Did human evolution favor individualists or altruists?“, slate.com, 03.10.2012.
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  19. Kurt Hübner: Die Wahrheit des Mythos, München 1985, S. 76 ff.
  20. Scruton 2019, S 43-47.
  21. Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee, München 2019, S. 127.
  22. Heinz Bude: Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee, München 2019, S. 25.
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  84. Ebd.
  85. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Religionsfreiheit ist kein Gottesgeschenk“, faz.net, 22.04.2009.
  86. BVerfG, 08.11.1960, Az 1 BvR 59/56.
  87. ‚“Menschen sind zu Disziplin bereit, wenn sie den Plan kennen'“, welt.de, 21.03.2020.
  88. Scruton 2013, S. 117.
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