Stand: 30.01.2021

Die christliche Soziallehre bejaht die Bindung des Menschen an eine Heimat, d.h. an einen konkreten Ort und die für ihn typische Verbindung aus Menschen, Kultur und Natur.

1. Das Wesen von Heimat

Eine Heimat besteht aus einem Ort bzw. aus einem Raum, einer Gemeinschaft von Menschen und einer Tradition, an die ein Mensch sich seelisch gebunden fühlt. Sie erfüllt die menschlichen Bedürfnisse nach Identität, Sicherheit und aktiver Lebensgestaltung.1

Laut Otfried Höffe ist das Bedürfnis des Menschen nach Heimat Teil der Natur des Menschen, der anders als andere Lebewesen über den langen Zeitraum seines Aufwachsens hinweg ein stabiles Umfeld benötige.

  • Heimat sei ein vorwiegend in Kindheit und Jugend entstandenes „dichtes Gewebe des Sichwohlfühlens“, das an Orte sowie an ein typisches Landschaftsbild, Klima und die damit verbundenen sinnlichen Eindrucke sowie an ein „Beziehungsgeflecht von Freundschaften und Nachbarschaften“ und an Erzählungen gebunden sei. Die Wahrnehmung von Heimat sei an einen „kleinen, sowohl vertrauten als auch überschaubaren, dabei relativ homogenen Lebensraum“ gebunden, mit dem „intensive Erlebnisse“ wie „die Erfahrung von Geborgenheit, Weltvertrauen und Verhaltenssicherheit“ verbunden seien.
  • Heimat könne im Sinne konzentrischer Kreise wachsen und sich auf größere Räume beziehen, ohne dass andere Bindungen dadurch aufgehoben würden. Der Grad der Bindung und die emotionale Intensität der Bindung seien dabei in der Regel gegenüber der jeweils kleineren Struktur höher als gegenüber größeren Räumen und Strukturen.
  • Heimat sei „Lebensraum, der mit dem Elternhaus beginnt, der sich bald auf die Nachbarschaft und nähere Umgebung ausdehnt, der mit wachsendem Alter mitwächst, häufig den Berufs- und Freundeskreis, vielfach auch den eigenen Sprach- und Kulturraum, spätestens bei geographischer Ferne sogar das Vaterland einschließt“. Es auch möglich, Europa als Heimat zu empfinden, wobei dadurch weder „kommunale noch regionale oder nationale, weder betriebliche noch berufliche, sprachliche oder religiöse Verbundenheiten“ verschwinden müssten.

Der Begriff der Heimat bedeute von seiner indoeuropäischen Wurzel her den Ort, an dem man sich niederlässt, sowie das Haus, in das man gehöre. Heimat sei nicht zwangsläufig Land der Geburt, aber damit Ort zur Heimat werde, seien Identifikation mit diesem bzw. das Aufbauen von Bindung und die Wahrnehmung von Zugehörigkeit erforderlich. Ein Ort werde nicht durch bloßen Aufenthalt zur Heimat. Heimat lasse sich daher „weder politisch erzwingen noch künstlich herstellen“.2

Laut Gustav Seibt gebe es nur in der deutschen Sprache einen Begriff für das Konzept der Heimat. Es beschreibe eine Grunderfahrung des Menschen und sei Ausdruck eines in der Natur des Menschen angelegten Strebens nach Bindung. Heimat sei vor allem eine Erfahrung. Sie sei „der vertraute Raum“ sowie „die Sicherheit des Daseins in der Elternwelt“. Erst in zweiter Linie sei Heimat der „Ort, den man verlassen muss, um in der Welt etwas zu werden, der Ort von Abschied und vielleicht Heimkehr.“ Die Heimat sei „größer als die Familie und kleiner als das Vaterland.“ Das Konzept beschreibe eine konkrete Bindung, die stärker sei als jene, die mit der modernen Vorstellung von Gesellschaft verbunden sei. Die Bedeutung der Heimat erfahre man erst, „wenn man sie verlässt oder verliert, wenn sie in Frage gestellt ist“.3

1.1 Wie Heimat gewonnen wird

Die Heimat muss nicht der Ort der eigenen Geburt sein. Menschen können sich eine Heimat auch in späteren Phasen ihres Lebens schaffen, wozu allerdings Opfer erforderlich sind. Diese stiften sowohl eine Bindung zu den Menschen, für die sie erbracht werden, als auch an den Ort, der durch sie beschützt oder errungen wurde. Durch Opfer bindet sich ein Mensch an eine Gemeinschaft oder einen Raum und kann dadurch eine neue Heimat gewinnen. Auf diese Weise ist es auch möglich, dass heimatlose Menschen wieder eine Heimat findet. Ein Beispiel dafür sind jene Juden, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Heimatlose nach Palästina emigrierten und sich dort unter großen Opfern eine Heimat schufen.

1.2 Heimat und Christentum

Das Christentum betont, dass diese Welt nicht die eigentliche Heimat des Menschen darstelle. Die christliche Soziallehre erkennt zugleich an, dass der Wunsch nach einer Heimat Teil der Natur des Menschen ist, und dass dieser Wunsch auf eine Weise ausgestaltet werden kann, die auf das Gute ausgerichtet ist. Das Christentum strebt daher nicht nach der Auflösung von Heimat, sondern nach ihrer christlichen Durchdringung und Veredelung.

Laut Johannes Paul II. erfordere die Natur des Menschen die „Verwurzelung in einem festen Nährboden“ sowie eine fundamentale Verbundenheit mit den eigenen Ursprüngen auf familiärer, territorialer, sozialer und kultureller Ebene. Dies sei die Grundlage des „Vaterlandsbewusstseins“ des Menschen. Die Kultur nehme immer auch eine nationale Form ein. Auch Christus habe durch seine Menschwerdung einer Nation angehört bzw. sei durch seine menschliche Familie in diese hineingeboren worden. Er sei „für immer Jesus von Nazaret, der Nazarener“.4

Die Kulturformen der Kirche sind seit jeher mit der räumlichen Heimat der Gläubigen verknüpft. Ortstypisch gestaltete Kirchen Prozessionen, Wallfahrten, Wegekreuze und Friedhöfe prägen Räume und die seelische Bindung des Menschen an sie.5

Die größte bisherige Konversionsbewegung in der Geschichte der Menschheit setzte nach der Erscheinung der Virgen de Guadalupe im Jahre 1531 ein. Das von ihr hinterlassene Gnadenbild, dessen Entstehung und Erhaltungszustand bis heute naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind, stellt Maria in der Ästhetik und mit den Symbolen der aztekischen Kultur dar und verankerte das Christentum damit in deren Heimat. Die Marienerscheinung wirkte zudem Heimat- und Identitätsstiftend. Das Bild wurde zu einem der nationalen Symbole Mexikos und der Ort der Erscheinung zum wichtigsten Heiligtum Mexikos.

1.3 Heimat und Nation

Als Heimat wird in der Regel ein räumlich kleines Umfeld wahrgenommen. Ein Staat bzw. ein Nationalstaat wird daher meist allenfalls indirekt als Heimat betrachtet. In der deutschen Kultur spielt Heimat eine so herausgehobene Rolle, dass dies zeitweise die Bildung eines Nationalstaates erschwerte. Der Badener, der von seiner Heimat spricht, meint damit meist nicht den Niederrhein, und der Oberbayer nicht die Nordseeküste.

2. Das Bedürfnis nach Heimat ist Teil der Natur des Menschen

Das Bedürfnis nach einer überschaubaren und identitätsstiftenden Umwelt ist Teil der Natur des Menschen. Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb, dass es für den Menschen etwas geben müsse, „für das er bereit ist, sich wirklich einzusetzen – jenes, worin seine Wurzeln liegen: Heimat und Lebensgemeinschaft“.6

Progressive Ideologien hingegen betrachten Flexibilität und Mobilität als Ideale und streben danach, eine „moderne Nomadengesellschaft“ zu schaffen, in der Menschen nicht durch Bindungen wie die an eine Heimat oder an eine Familie in ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit bzw. in ihrer Autonomie eingeschränkt werden.7 Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier kritisierte das Welt- und Menschenbild der entsprechenden Ideologien, weil sie die Natur des Menschen  ausblendeten:

„Die meisten Menschen fühlen sich stark an einem Ort verwurzelt. […] Aus der Erkenntnis, gemeinsam einem Heimatort verbunden zu sein, entstanden in Gemeinden wie Sheffield Interessengemeinschaften, die daraus große Kraft schöpften. […] Aus dem Überlegenheitsgefühl ihrer neuen, globalen Klassenidentität heraus haben die Technokraten das Gefühl der heimatlichen Verbundenheit aktiv in Verruf gebracht. […] Rückblickend wird man die Jahre der utilitaristischen Dominanz innerhalb der Mitte-links-Parteien als das erkennen, was sie waren: eine destruktive Phase der Arroganz und Selbstüberschätzung. Die Mitte-links-Parteien werden sich dadurch erholen, dass sie zu ihren kommunitaristischen Wurzeln zurückkehren und die Aufgabe annehmen, das auf Gegenseitigkeit und Vertrauen basierende Netz von Verbindungen und Verpflichtungen wiederherzustellen, das die Arbeiterfamilien mit ihren Sorgen auffangen kann.“8

Laut Gustav Seibt würden moderne Ideologien, die anstelle des Strebens nach Bindungen das Individuum sowie aufgrund ihres materialistischen Charakters ökonomische Erfordernisse wie Flexibilität und Mobilität betonten, dadurch der Natur des Menschen nicht gerecht und lösten deshalb ein verstärkte Sehnsucht nach Heimat aus.

Zu den modernen Ideologien zähle auch der Nationalismus, der den Nationalstaat über alle anderen Bindungen des Menschen stellt. Der „oft geäußerte Verdacht, Heimat und Nationalismus gehörten zusammen“, sei „historisch ohnehin unzutreffend“. Die „Schwächung der vertrauten Heimatumgebungen“ in Europa habe parallel zum Entstehen des modernen Nationalstaats im 19. Jahrhundert eingesetzt. Der Nationalstaat habe „Herrschafts- und Gesellschaftsformen auf Sichtweite“ durch zentrale Verwaltungen und die „persönlichen Loyalitäten gegenüber einem Monarchen und seiner Dynastie“ durch abstrakte Staatsbürgerschaft und „abstrakte Staatssymbolik mit Fahnen und Hymnen, durch Geschichtsmythen und Ideologien“ ersetzt. Die „einst regional und ständisch verfasste Gesellschaft“ habe der Nationalstaat „in überregionale Klassen und Parteien“ aufgelöst und insgesamt dadurch das Zeitalter, das von „urtümlichen lokalen Gemeinschaftsgefühlen“ geprägt gewesen sei, beendet. Das Streben des Menschen nach Heimat und sein „Drang zu kleinen Gemeinschaften“ seien jedoch zeitlos und fänden gegenwärtig ihren Ausdruck in „edler Landlust“ oder im wachsenden ökologischem Bewusstsein. Die „massenhafte Ankunft von Heimatlosen“ werde künftig „die Kurve des Heimat-Begriffs wieder nach oben treiben.“9

Die in einer jüdischen Familie aufgewachsene französische Philosophin Simone Weil thematisierte in ihrem letzten Werk das Bedürfnis des Menschen nach Wurzeln:

„Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. […]  Der Mensch hat eine Wurzel durch seinen wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein eines Gemeinwesens, in dem gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft am Leben erhalten werden. Natürlicher Anteil heißt: automatisch gegeben durch den Ort, die Geburt, den Beruf, die Umgebung. Jeder Mensch braucht vielfache Wurzeln. Fast sein gesamtes moralisches, intellektuelles und spirituelles Leben muss er durch jene Lebensräume vermittelt bekommen, zu denen er von Natur aus gehört. Der Austausch von Einflüssen zwischen sehr verschiedenen Lebensräumen ist nicht weniger unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen Umgebung. Aber ein bestimmter Lebensraum darf einen äußeren Einfluss nicht als Beitrag empfangen, sondern als einen Antrieb zur intensiveren Gestaltung seines eigenen Lebens. Er darf sich von äußeren Beiträgen erst dann nähren, wenn er sie verdaut hat […]. Die Entwurzelung ist mit Abstand die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaften.“10

Der Begriff der Heimat gewinnt immer dann an Bedeutung, wenn die Bindung eines Menschen an einen als Heimat empfundenen Ort oder dieser Ort und seine prägenden Eigenschaften bedroht sind.

2.1 Das Recht auf Heimat

  • Papst Johannes Paul II. bezeichnete Heimat als ein Grundrecht des Menschen.11
  • Papst Benedikt XVI. betonte „das Recht nicht auszuwandern – das heißt, in der Lage zu sein, im eigenen Land zu bleiben“.12
  • Der philippinische Erzbischof  Bernardito Auza regte bei einem der vorbereitenden Gespräche zum globalen Migrationsabkommen der Vereinten Nationen an, dass dieses Abkommen das Recht auf Heimat gegenüber Ansprüchen auf Zuwanderung als vorrangig behandeln solle. Alle Menschen hätten ein Recht auf Heimat. International solle daher eine Abstellung der Missstände, die Menschen zur Auswanderung bewegen, angestrebt werden, um dieses Recht zu gewährleisten.13

2.2 Der Wunsch nach Heimat wird in Krisenzeiten stärker

Der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev beobachtete während der Corona-Krise, dass zahlreiche Bulgaren aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehrten, ohne dass dies materielle bzw. wirtschaftliche Gründe gehabt hätte. Er folgerte daraus:

„Zu Hause ist dort, wo man sein will, wenn man einer schlimmen Gefahr ausgesetzt ist. […] In der Zeit der Krise wollten wir näher bei den Menschen und Orten sein, die wir schon unser ganzes Leben lang kennen. […] Zu Hause bleiben bedeutet, in der Muttersprache zu bleiben und sicher zu bleiben.“14

Der koptische Bischof Anba Damian sagte, dass christliche Kopten in Ägypten trotz der laufenden Verfolgungswelle gegen sie mehrheitlich nicht ihre Heimat verlassen wollten: „Nein, unser Ziel ist, unser Land nicht zu verlassen, der Boden Ägyptens ist gesättigt mit dem Blut der Märtyrer. Dort sind unsere Heiligtümer, Klöster, Kirchen und Denkmäler, deswegen motivieren wir niemanden zur Ausreise.“15

3. Heimatbindung als Ausdruck von Nächstenliebe und Solidarität

Die Bindung an eine Heimat ist ein Ausdruck von christlicher Nächstenliebe und Solidarität. Der an seine Heimat gebundene Mensch setzt sich auch in schweren Zeiten für sie ein, anstatt sie zu verlassen, wie es die Masse jener bindungslosen Existenzen tut, die sich, ohne dazu durch Vertreibung gezwungen zu sein, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen zur Migration entschließt. Der heimatgebundene Mensch hingegen übernimmt in Krisenzeiten Verantwortung für seine Heimat und wirkt daran mit, die Bedingungen in ihr zu verbessern.

Roger Scruton schuf den Begriff der Oikophilia (griechisch für „die Liebe zum Heim“) zur Beschreibung des konservativen Konzepts der Liebe zum Eigenen bzw. zur eigenen Heimat und der Dinge, die sie ausmachen, etwa ihre Menschen, ihre Kultur und ihre Natur. Konservative seien von der Überzeugung geprägt, „dass das Wichtigste, was Lebende tun können“, es sei, „sich niederzulassen, ein Heim für sich zu schaffen und dieses Heim an ihre Kinder weiterzugeben.“16 Der „Oikos“ sei ein „Ort des Sinns“, an dem es ein „Wir“ gibt und nicht nur eine Ansammlung von Individuen. Solche Orte seien Inseln der Werte in einem Meer von Preisen. Sie würden Bindungskraft entwickeln und den Willen stärken, sich für sie einzusetzen und Verantwortung für sie zu übernehmen.17 Der Konservatismus sei die „Philosophie der Zugehörigkeit“ und der Bindung an die Dinge, die man liebe und vor Verfall bewahren wolle.18 Er knüpfe an die antike römische Tugend der pietas an, die ein ähnliches Konzept beschreibe.19

Das „Gefühl territorialer Zugehörigkeit“ und Bindung an Gemeinschaft von Menschen habe dazu beigetragen, „ein ererbtes soziales und ökologisches Gleichgewicht zu bewahren“. Der Wunsch, eine bestimmte Umwelt zu schützen und dafür Opfer zu bringen, setze voraus, dass man sich mit dieser identifiziere und eine Bindung an sie empfinde.20 Umwelt- und Naturschutz setzten die Liebe zum Eigenen voraus.21 Diese Liebe gelte utopischen Ideologien als verdächtig.22 Der Auflösungsdruck, der „in einer Welt der ersetzbaren Beziehungen, der allgegenwärtigen Kommerzialisierung, der anschwellenden Migration und der ständigen Erosion unseres sozialen und politischen Erbes“ herrsche, erschwere es, solche Bindungen aufzubauen. In „einer Welt, in der alles und jedes in Bewegung ist“, sei es zunehmend schwierig, einen Ort und eine Heimat zu finden, gegenüber der man Bindungen aufbauen kann.23 Zudem gebe es eine Tendenz zur „oikonomia ohne oikos“, die damit verbunden sei, politische Entscheidungen ausschließlich von wirtschaftlichen Faktoren abhängig zu machen. Beispiele dafür seien nicht nur Entscheidungen auf Kosten der natürlichen Umwelt, sondern auch die Entscheidung, aus wirtschaftlichen Gründen Massenzuwanderung zu fördern, ohne auf deren kulturelle Folgen Rücksicht zu nehmen.24

Der Philosoph Martin Drenthen beobachtete, dass Gemeinschaften von Menschen, die über eine enge Bindung an einen bestimmten Ort oder Raum verfügen den sie als Heimat wahrnehmen, eher dazu bereit sind, für diesen Verantwortung zu übernehmen, als Akteure, die nicht über eine solche Bindung verfügen. Durch „durchlebte Erfahrung“ entstehe „eine besondere Beziehung und damit ein Gefühl der Zugehörigkeit zu und der Verbundenheit mit einem bestimmten Ort.“ Bereits Ernst Rudorff, der im späten 19. Jahrhundert einer der Pioniere des Umweltschutzgedankens war, habe die Bedeutung des Heimatgefühls als Quelle der Motivation für den Schutz der natürlichen Umwelt betont. 25 Die Forderungen des modernen Lebens nach erhöhter Mobilität sowie Individualisierung lösen diese Bindung an einen Ort auf. Der Mensch verbringe laut Drenthen sein Leben zunehmend an global gleichförmigen „Nicht-Orten“, denen gegenüber er kaum Bindung oder Verantwortungsgefühl entwickeln könne.26

Zur praktischen Solidarität gegenüber der eigenen Heimat gehört es, vor Ort hergestellte Produkte sowie die Dienstleistungen lokaler Anbieter zu bevorzugen, solange diese sich ebenfalls solidarisch gegenüber ihrer Heimat verhalten.

4. Die Notwendigkeit des Schutzes und der Bewahrung von Heimat

Unter den Bedingungen der Globalisierung und der wachsenden freiwilligen und erzwungenen Mobilität bzw. von Migration nehme laut Otfried Höffe das Bedürfnis nach Heimat eher zu als ab. Die „vielerorts stattfindende Rückbesinnung auf Besonderheiten“ weise auf innere Bedürfnisse vieler Menschen hin, die „in nationalistische, sogar fremdenfeindliche Bewegungen zu pervertieren“ drohten, solange diese Bedürfnisse „von gewissen politisch und intellektuell herrschenden Kreisen vernachlässigt werden“.

  • Das „Vernachlässigen, nicht selten sogar Verächtlichmachen von gewachsenen kommunalen, regionalen und nationalen Eigenheiten“ stelle ein reales Problem dar. Es gebe in Deutschland eine „von vielen Bürgern empfundene, oft sogar erlittene Identitätskrise“. Diese zu leugnen oder zum Ausdruck einer falschen Gesinnung zu erklären, erzeuge „Entfremdung zwischen den etablierten Eliten und einfachen Bürgern“.
  • Es „sollte niemand befürchten müssen, im eigenen Land sich fremd zu fühlen“. Wo sich „einschlägige Gefahren“ für die eigene Heimat abzeichneten, müsse die Politik „ihnen wirksam entgegentreten“.
  • Es sei falsch, das Konzept der Heimat grundsätzlich abzulehnen. Gerade ein freiheitliches Gemeinwesen müsse ein Lebensraum sein, dem „die freien und gleichen Bürger […] von innen heraus zustimmen“ und dem gegenüber sie „eine emotionale Verbundenheit“ empfinden, also eine Heimat. Einem Gemeinwesen, dass eine abstrakte Idee bleibe, mangele es an Fundierung.

Eine im April 2018 veröffentlichte Umfrage des Allensbach-Instituts belege, dass Heimat „keineswegs ein Begriff des rechten politischen Randes“ sei. Heimatverbundenheit sei allen Befragten mit Ausnahme von Wählern der Grünen ähnlich wichtig. Die Umfrage belege zudem, dass der Begriff überwiegend stark positiv konnotiert sei und mit Kindheit, Familie, Freunden und Geborgenheit verbunden werde. Nur eine kleine Minderheit der Befragten assoziiere mit dem Begriff negative Dinge wie Spießigkeit, Zwang und Enge.27

4.1 Heimatschutz als Forderung ganzheitlicher Ökologie

Die Heimat ist der unmittelbare Nahbereich der Umwelt des Menschen. Ihr Schutz ist daher eine Forderung eines ganzheitlichen ökologischen Denkens, wie es die christliche Soziallehre formulierte (Weiterlesen: Ganzheitliche Ökologie).

Die christliche Soziallehre betonte früh, dass ökologisches Denken sich nicht auf Naturschutz beschränken dürfe, da die Natur nur einen Teil des Umfelds ausmache, von dessen Intaktheit der Mensch abhängig sei. Der Mensch benötige nicht nur eine intakte Natur in seinem unmittelbaren Lebensumfeld, sondern auch eine intakte Kultur und intakte Bindungen. Das Bewusstsein dafür nahm in Deutschland im Zuge der Industrialisierung und des im wilhelminischen Deutschland verstärkt zu Tage tretenden Materialismus zu.

Die damals entstandene Heimatschutzbewegung engagierte sich daher für die Denkmalpflege, die Pflege traditioneller Baukunst, den Landschaftsschutz, den Schutz der Tier- und Pflanzenwelt, der Volkskunst und der traditionellen Sitten und Gebräuche sowie Trachten. Diese Bewegung ging wesentlich auf das Wirken des Komponisten Ernst Rudorff (1840–1916) zurück, der sich im Umwelt- und Landschaftsschutz engagierte und 1897 ein Buch mit dem programmatischen Titel „Heimatschutz“ veröffentlichte, in dem er den Materialismus moderner Ideologien verurteilte.28

Die Heimatschutzbewegung war vor allem protestantisch geprägt bzw. stieß vor allem in protestantischen Milieus in Nord- und Ostdeutschland auf Unterstützung, in denen die Industrialisierung  stärkere Auswirkungen hatte als in den katholischen Regionen Deutschlands.29 Katholiken setzten sich zu diesem Zeitpunkt vorwiegend mit den sozialen Folgen der Industrialisierung auseinander und waren in der Heimatschutzbewegung Hersche zufolge deutlich schwächer vertreten als Protestanten. Außerdem sei diese Bewegung in einer Zeit entstanden, in der modernistische Strömungen im Katholizismus versuchten, ihre Fortschrittlichkeit unter Beweis zu stellen. Dies habe sich in geringerem Interesse an Umweltfragen ausgewirkt.30

Laut dem katholischen Autor August Kneer sei Heimatschutz Teil des Kampfes „des Idealismus gegen den Materialismus“. Er wolle Heimatschutz nicht konservieren, sondern das Neue organisch aus dem Alten entwickeln. Er wolle die Schönheit und Eigenart der Heimat sowie ihre Kultur bewahren. Er wirke Heimatlosigkeit entgegen, indem er das Landschaftsbild, Tiere und Pflanzen sowie  die traditionelle Architektur, Lieder, Sagen und Märchen, Sitten und Gebräuche, Trachten, Feste, die traditionelle Kunst, und das geistliche und sittliches Erbe eines Raumes hüte und pflege, um dadurch die Veredelung menschlichen Lebens zu bewirken. Dazu müsse der Heimatschutz auch Elemente aus einer Heimat entfernen, etwa das dort vorhandene Hässliche. Kneer nannte als Beispiel moderne Schulgebäude, die „trostlose Baukästen zur Verkümmerung der Jugendfreude“ wären. Heimatschutz könne zugleich nur bedingt ein Auftrag des Staates sein, weil dieser keine Bindungen erzeugen könne.31

Noch bis in die 1970er Jahre hinein wurde in Westdeutschland eine aktive Heimatschutzpolitik betrieben In den Lehrplänen der Volksschulen der Bundesländer gab es etwa ein Fach „Heimatkunde“, das die Schüler durch die „Erschließung der räumlichen und geistigen Kinderheimat“ zu „Heimatliebe“ und „Heimattreue“ erziehen sollte. Die „Heimaterziehung“ sollte zugleich eine „Gesinnungs- und Gemütsbildung“, ein „Heimatbewusstsein“ und eine „Bindung an die Heimat“ bewirken. Bis heute ist in einigen Verfassungen der Bundesländer die staatliche Pflicht zu einer „Erziehung zur Heimatliebe“ festgehalten, etwa im Art. der Verfassung Baden-Württembergs und im Art. 131 der Verfassung Bayerns. Auch Sachsen übernahm eine solche Pflicht in seine Verfassung.

Quellen

  1. Ina-Maria Greverus: Auf der Suche nach Heimat, München 1979.
  2. Otfried Höffe: „Für ein Europa der Bürger!“, fr.de, 12.02.2020.
  3. Gustav Seibt: „Gutes Gefühl“, Süddeutsche Zeitung, 23.12.2017.
  4. „Dialog zwischen den Kulturen. Für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens“, Botschaft von Papst Johannes Paul II. zur Feier des Weltfriedenstages, vatican.va, 01.01.2001.
  5. August Kneer: „Heimatschutz“, in: Hermann Sacher (Hrsg.): Staaatslexikon, Zweiter Band, Freiburg i. Br. 1927, Sp. 1154-1158.
  6. Romano Guardini: „Europa – Wirklichkeit und Aufgabe”, in Ders.: Sorge um den Menschen, Würzburg 1962, S. 253-270, hier: S. 255.
  7. Annamaria Rucktäschel: „Jobnomaden – Wunschsubjekte der Wirtschaft“, bpb.de, 24.04.2006.
  8. Paul Collier: „Lokale Zugehörigkeit ist politisch existenziell“, Neue Zürcher Zeitung, 29.11.2017.
  9. Gustav Seibt: „Gutes Gefühl“, Süddeutsche Zeitung, 23.12.2017.
  10. Simone Weil: Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber, Zürich 2011.
  11. „Address of the Holy Father Pope John Paul II to Congress on Pastoral Care of Migrants“, vatican.va, 09.10.1998.
  12. “Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Welttag des Migranten und Flüchtlings. Migration – Pilgerweg des Glaubens und der Hoffnung“, vatican.va, 12.10.2012.
  13. „Archbishop: Migration should be a choice, not ’something forced'“, cruxnow.com, 29.05.2019.
  14. Ivan Krastev: „Über Krise und Heimat“, Der Tagesspiegel, 02.01.2020.
  15. „’Wir Christen werden in unserem Land wie Insekten behandelt'“, welt.de. 11.04.2017.
  16. Scruton 2019, S. 153.
  17. Scruton 2019, S. 54.
  18. Scruton 2019, S. 61.
  19. Scruton 2019, S. 53.
  20. Scruton 2013, S. 29 ff.
  21. Scruton 2013, S. 9.
  22. Scruton 2013, S. 32.
  23. Scruton 2019, S. 60-61.
  24. Scruton 2019, S. 258.
  25. Martin Drenthen: „‚Ethics of Place‘ und Heimatschutz“, in: Konrad Ott et al. (Hrsg.): Handbuch Umweltethik, Stuttgart 2016, S. 147-152, hier: S. 147, 151.
  26. Drenthen 2016, S. 147.
  27. Otfried Höffe: „Für ein Europa der Bürger!“, fr.de, 12.02.2020.
  28. Ernst Rudorff: Heimatschutz, St. Goar 1994.
  29. Carsten Dippel: „Das rechte Grün“, deutschlandfunk.de, 02.08.2019.
  30. Hersche 2016, S. 36.
  31. August Kneer: „Heimatschutz“, in: Hermann Sacher (Hrsg.): Staaatslexikon, Zweiter Band, Freiburg i. Br. 1927, Sp. 1154-1158.