Stand: 29.11.2020

Die abendländische politische Philosophie strebt danach, Nächstenliebe und Selbstliebe in ein geordnetes Verhältnis zu einander zu bringen und betont keines der beiden Konzepte unter Ausschluss des anderen. Zur geordneten Nächstenliebe ist nur fähig, wer das Eigene bejaht.

1. Die Abstufung von praktizierter Solidarität als Forderung der Gerechtigkeit

Die Abstufung von Solidarität nach dem Grad der Nähe ist vor allem auch eine Erfordernis der Kardinaltugend der Gerechtigkeit. Es wäre ungerecht, Menschen gleich zu behandeln, gegenüber denen man aufgrund unterschiedlicher Nähe unterschiedliche Pflichten besitzt.

2. Die Bejahung des Eigenen als Ausdruck christlicher Selbstliebe

Es gibt eine gebotene christliche Selbstliebe, die in der göttlichen Tugend der Liebe enthalten ist und von der Nächstenliebe nicht zu trennen ist  (Lev 19,18; Mk 12,31; Hebr 13,3). Sie ist mit der Bejahung des eigenen Selbst, wie es von Gott beabsichtigt ist, verbunden. So wie der individuelle Christ Selbstliebe in Form der Bejahung dessen praktizieren soll, was an ihm Gottes Willen entspricht, und vermeidet was ihn zerstört, so bejaht eine christliche Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens das Eigene auf gesellschaftlicher Ebene, indem es seine Grundlagen pflegt und schützt.

Daraus folgt, dass ein Gemeinwesen seiner eigenen Kultur einen Vorrang gegenüber den Ansprüchen fremder Kulturen gewährt. Es hat die Pflicht dazu, seine eigene Kultur zu schützen, zu bewahren und weiterzuentwickeln. Christliche Weltoffenheit besteht darin, die Einflüsse fremder Kulturen darauf zu prüfen, ob sie die eigene Kultur stärken würden und in die eigene Kultur zu integrieren, was diesem Zweck dient.

Die Bejahung des Eigenen beinhaltet dabei auch die Auseinandersetzung mit dem, was das eigene Gemeinwesen schwächt und herabzieht. Es würde nicht der christlichen Selbstliebe entsprechen, schlechte Dinge unter Berufung auf sie zu fördern oder zu dulden.

Dem Historiker Ronald G. Asch zufolge sei die Präferenz für das Eigene die Voraussetzung für das Verständnis fremder Kulturen und für Solidarität mit den Menschen, die aus diesen Kulturen kämen um im eigenen Gemeinwesen zu leben:

„Wenn wir unsere eigene Geschichte und Kultur nicht mehr verstehen oder sie sogar ganz ignorieren, wie sollen wir dann fremde Kulturen verstehen? Und wie sollen wir denjenigen in Europa eine neue Heimat bieten können, die als Migranten gerade deshalb nach Europa gekommen sind, weil es ihnen einstweilen noch eine individuelle Freiheit und einen Wohlstand zu bieten vermag, die sie in ihren Herkunftsländern nicht finden? Ein selbstkritischer Eurozentrismus ist unter solchen Bedingungen nicht nur zulässig, sondern ein Gebot der Stunde.“1

3. Die Notwendigkeit von Unterscheidungen nach dem Grad der Nähe

Das Solidaritätsprinzip beinhaltet die Notwendigkeit, Unterscheidungen zu treffen und Grenzen zu ziehen, da weder eine Person noch eine Gemeinschaft unterschiedslos allen anderen gegenüber gleichermaßen solidarisch sein könnte. Der Wunsch, dass alle Menschen zu Brüdern werden könnten, kann in der Realität nicht umgesetzt werden. Es wäre auch nicht gerecht, Menschen denen gegenüber man besondere Verpflichtungen hat (etwa gegenüber den eigenen Kindern) die gleiche Solidarität zu praktizieren wie gegenüber beliebigen anderen Menschen.

Wenn das Christentum von Nächstenliebe spricht und das Konzept in sein Zentrum stellt, meint es damit nicht positive Gefühle gegenüber anderen Menschen wie der Begriff „Liebe“ in der modernen Alltagssprache definiert ist. Statt dessen bezeichnet das Konzept eine dienende Grundhaltung, die nicht eigene Interessen in den Mittelpunkt stellt, sondern das eigene Leben einer über ihm stehenden geistigen Autorität unterordnet und auch dann zur Tat bereit ist, wenn dies Nachteile mit sich bringt. In diesem Sinne erfordert Nächstenliebe immer auch Einsatz und Opfer. Da es aber nicht möglich ist, sich für alle grundsätzlich richtigen Anliegen gleichermaßen einzusetzen, erfordert Nächstenliebe Unterscheidungen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann sagte, dass in diesem Zusammenhang richtige und angemessene Unterscheidungen im christlichen Denken nach dem Grad der eigenen Nähe zu dem jeweiligen Anliegen getroffen werden sollen:

„Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.“

Praktisch bedeutet dies, dass etwa eine Mutter gegenüber ihren Kindern oder ein Ehemann gegenüber seiner Ehefrau richtig handeln, die einander mit größerem Einsatz dienen als anderen Menschen. Umgekehrt würde etwa ein Ehemann falsch handeln, der seine Familie vernachlässigt, weil er sich für ihm fremde Menschen einsetzt.

Thomas von Aquin beschrieb diese Abstufungen folgendermaßen:

„Also nach Gott ist der Mensch am meisten Schuldner den Eltern und dem Vaterlande. Wie somit es zur Gottesverehrung gehört, an erster Stelle Gott einen Kult darzubringen; so geht es die Hingebung oder Pietät an, an zweiter Stelle die Eltern und das Vaterland zu ehren. In der den Eltern erwiesenen Ehre ist nun eingeschlossen die den Blutsverwandten gegenüber; denn blutsverwandt sind eben Personen deshalb, weil sie von den nämlichen Eltern abstammen. Und in der dem Vaterlande erwiesenen Hingebung ist eingeschlossen die allen Mitbürgern gegenüber und allen Freunden des Vaterlandes.“2

Ludger Schwienhorst-Schönberger zufolge geht die katholische Soziallehre von Vorzugsregeln aus, die den ethischen Universalismus des Christentums praktikabel machten. Diese Regeln ermöglichten eine Güterabwägung in Fällen, in denen die Ansprüche von Fremden mit den Interessen des eigenen Gemeinwesens kollidieren. Schwienhorst-Schönberger argumentiert hier in Anknüpfung an Bruno Schüller:

„Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. […] Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Zusammenleben kollabieren. […] Die […] Taten der Liebe bleiben ‚auf den abgestuften Kreis derer beschränkt, die der Hilfe am meisten bedürfen und für deren Wohl der Handelnde am besten zu sorgen imstande ist.‘ […] Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung ‚zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten.'“3

Die gegenwärtige Debatte sei auch innerkirchlich durch den Irrtum geprägt, dass das Christentum unterschiedslose Nächstenliebe fordere:

  • Bei dem im Alten Testament als „Fremde“ bezeichneten Menschen, deren besondere Schutzwürdigkeit in Ex 22,2 und Lev 19,33 f. betont wird, handele es sich um Juden anderer Stämme und nicht um Angehörige anderer Völker, die im Alten Testament als „Ausländer“ bezeichnet würden und geringere Ansprüche genießen würden.
  • Im Neuen Testament handele es sich bei den „geringsten Brüdern“ in Mt 25,40 um andere Christen. Der Begriff „Brüder“ werde im Matthäusevangelium nur zur Beschreibung leiblicher Brüder sowie der Brüder im Glauben verwendet und nicht zur unterschiedslosen Beschreibung aller Menschen.4

In Situationen, in denen die Ansprüche entfernter Menschen mit denen näherstehender Menschen konkurrierten sei, es nach Lehre der katholischen Kirche „irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen“. Die Lehre der Kirche sei auch in dieser Frage realistisch und verantwortungsethisch geprägt.5

Cicero beschrieb „Regeln der Pflichterfüllung“ und eine „abgestufte Rangordnung der Pflichten“, die von unterschiedlichen Graden der Nähe anhängig seien:

„Was aber die Beziehung zur Gemeinschaft selbst betrifft, so gibt es eine abgestufte Rangordnung der Pflichten; an ihr kann man erkennen, welche Verpflichtung jeweils höher steht, so daß die erste den unsterblichen Göttern, die zweite dem Vaterland, die dritte den Eltern und das übrige anschließend stufenweise den anderen geschuldet wird.“6

Je enger die Bindung, desto größer die Pflicht:

„Am besten aber wird die Gemeinschaft und Verbindung der Menschen gewahrt, wenn man jeweils demjenigen am meisten Wohlwollen erweist, mit dem man am engsten verbunden ist.“7

Man sei am stärksten an Eltern und Nation gebunden und habe diesen gegenüber die größten Pflichten, weil man ihnen die Existenz am meisten verdanke:

„Doch wenn man alle Beziehungen betrachtet und bedenkt, ist keine unter ihnen wertvoller und wesentlicher als die, die jeden von uns mit dem Staat verbindet. Lieb sind und die Eltern, lieb die Kinder, die Verwandten und die Freunde, doch alle Empfindungen der Liebe zu allen umschließt das eine Vaterland. Welcher anständige Mensch würde zögern, dafür zu sterben, wenn er ihm damit nützen könnte? Umso abscheulicher ist die Rohheit derjenigen, die sich mit jedem Verbrechen an ihrem Vaterland vergingen und mit seiner völligen Zerstörung beschäftigt sind und waren.“8

Bischof Fulton J. Sheen sprach über Ungleichheit als Voraussetzung von Liebe. In einer seiner Schriften erklärte er, warum Liebe im Sinne der dienenden Ausrichtung des eigenen Lebens auf einen über ihm stehenden Gegenstand mit modernem Gleichheitsdenken unvereinbar ist:

„All love on this earth involves choice. When, for example, a young man expresses his love to a young woman and asks her to become his wife, he is not just making an affirmation of love; he is also negating his love for anyone else. In that one act by which he chooses her, he rejects all that is not her. There is no other real way in which to prove we love a thing than by choosing it in preference to something else. Word and signs of love may be, and often are, expressions of egotism or passion; but deeds are proofs of love. We can prove we love our Lord only by choosing Him in preference to anything else.“

3.1 Die Unterscheidung zwischen dem Nächsten und dem Bruder

Im Alten Testament äußert sich Nächstenliebe in der Beziehung zu den „Kindern Deines Volkes“ (Lev 19,18). Sie unterscheidet zwischen Nächsten und Fremden (Ex 11,2; 12,35). Im Neuen Testament wird der Begriff des Nächsten ausgeweitet, wobei aber eine neue Unterscheidung zwischen dem Nächsten und dem Bruder eingeführt wird.

In den Schriften des Apostels Paulus und des Evangelisten Johannes ist Nächstenliebe überwiegend die dienende Liebe gegenüber den eigenen Brüdern. Jesus Christus richtete seine Forderung, einander zu lieben, an die Jünger.9

Paulus betonte, dass nur der „Bruder“ genannt werden dürfe, der Christ sei und ein christliches Leben führe.10 Es gebe auch „falsche Brüder“11, und mit denen solle man „nichts zu schaffen“ haben. Alle anderen Menschen seien die Nächsten. Man solle unermüdlich und ohne darin nachzulassen „allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen!“12 Für die eigenen Verwandten müsse man in besonderem Maße sorgen, und wer dies verweigere, „der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger“.13

Ein mutmaßlicher Grund für diese Unterscheidung ist, dass kein Mensch allen Menschen gleichzeitig dienen könnte und daher die Frage nach Prioritäten irgendwann zu beantworten seien wird. Außerdem wäre das Christentum unglaubwürdig, wenn Christen nicht wenigstens einander vorbehaltlos dienen würden. Wo der Nächste, dem der Christ dient, sich nicht im eigenen Umfeld befindet, droht er zudem zur Projektionsfläche für moralische Selbstdarstellung zu werden. Der ihm geleistete Dienst kann dann zur Ersatzhandlung werden.

Der katholische Heilige Josemaria Escriva schrieb:

„Einen Eifer, der zu einer besonders fürsorglichen Behandlung der Fernstehenden drängt und dabei gleichzeitig unsere Brüder im gemeinsamen Glauben heruntersetzt oder verachtet, halte ich für heuchlerisch und lügenhaft. Ich glaube auch nicht daran, daß du dich für den Bettler an der Straßenecke wirklich interessierst, wenn du zu Hause die Deinen peinigst, ihren Freuden, Sorgen und Schmerzen gegenüber unbeteiligt bleibst und dich nicht bemühst, ihre Fehler zu verstehen und – falls sie keine Beleidigung Gottes sind – über sie hinwegzusehen.“

Der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi beschrieb in seiner Bildungskonzeption ein System der konzentrischen Kreise des Wirkens des Menschen in der Welt. Übergeordneten Einheiten wie der Nation könne man erst dann sinnvoll dienen, wenn das Leben in der eigenen Familie geordnet verlaufe.

Papst Pius XII. schrieb in seiner Enzyklika „Summi Pontificatus“ über die Vereinbarkeit der christlichen Präferenz für das Eigene mit dem universellen Dienst des Christen:

„Man fürchte nicht, dass das Bewusstsein des umfassenden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Größe des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebenso wenig, dass dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die – Förderung des Wohls und der berechtigten Anliegen der eigenen Heimat geht. Dieselbe Lehre zeigt nämlich, dass es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt; nach dieser muss man, mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der Göttliche Meister zeigte durch Sein Beispiel, dass Er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; Er weint ob der drohenden Verwüstung der Stadt. Aber die begründete und berechtigte Liebe zum Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Lehre, die auch die andern und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt.“14

Quellen

  1. Ronald G. Asch: „Mehr Eurozentrismus wagen“, Cicero, Nr. 5/2019, S. 107-110.
  2. Thomas von Aquin: Summa Theologica, 2-2, 101, 1.
  3. Ludger Schwienhorst-Schönberger: „Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik“, Stimmen der Zeit, Mai 2018, S. 329-342, hier: S. 337.
  4. Gerhard Lohfink: Im Ringen um die Vernunft. Reden über Israel, die Kirche und die Europäische Aufklärung, Freiburg 2016, S. 485.
  5. Ludger Schwienhorst-Schönberger: „Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik“, Stimmen der Zeit, Mai 2018, S. 329-342, hier: S. 337.
  6. Marcus Tullius Cicero: Von den Pflichten, Frankfurt a.M. 1991, S. 153 ff.
  7. Marcus Tullius Cicero: Von den Pflichten, Frankfurt a.M. 1991, S. 61.
  8. Marcus Tullius Cicero: Von den Pflichten, Frankfurt a.M. 1991, S. 63.
  9. Joh 13,34; 15,12
  10. 1 Kor 5,11-12
  11. 2 Kor 11,26; Galater 2,4
  12. Gal 6,10
  13. 1 Tim 5,8
  14. Wilhelm Jussen (Hg.): Gerechtigkeit schafft Frieden. Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII., Hamburg 1946, S. 131-176.