Stand: 29.11.2020

Der Mensch verfügt über eine besondere Würde, die ihn über alle anderen Lebewesen erhebt. Daraus folgt, dass der Schutz des Menschen Vorrang vor dem Schutz aller anderen Lebewesen haben muss. Daraus folgt jedoch auch, dass der Mensch über einen Auftrag als Hüter der Schöpfung verfügt.

Der Mensch steht aufgrund seiner Personalität, also aufgrund der Eigenschaften, die ihn zum Ebenbild Gottes machen und ihm seine besondere Würde verleihen, in der Rangordnung des Kosmos über der Pflanzen- und Tierwelt. Laut Thomas von Aquin ist der Mensch das Ziel der gesamten Schöpfung.1 Er ist daher vor allem anderen Leben schutzwürdig.

Die Würde des Menschen ist eines der zentralen Elemente christlicher Weltanschauung. In der traditionellen Liturgie der katholischen Kirche ist ein vermutlich im 5. Jahrhundert formuliertes Gebet enthalten, welches betont, dass „Gott […] die Würde dies Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert“ hat. (Sacramentarium Leonianum)

Der Gedanke der unveräußerlichen Würde des Menschen beruht auf der christlichen Vorstellung seiner Gottesebenbildlichkeit2, weshalb er laut der Lehre der katholischen Kirche „zum Herrn über alle irdischen Geschöpfe gesetzt“ ist.3

Laut Thomas von Aquin äußert sich diese Gottesebenbildlichkeit in bestimmten Eigenschaften der menschlichen Seele, nämlich dem freien Willen (zu dem auch die Fähigkeit zu lieben gehört) und im Verstand des Menschen. Diese in der Natur einzigartigen Fähigkeiten befähigen den Menschen zum Guten bzw. dazu, Gott zu erkennen und ihm zu dienen. Außerdem geht christliche Weltanschauung davon aus, dass die Seele des Menschen kein Produkt biologischer Abläufe ist und daher ewig existiert.

Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant (1724–1804) knüpften daran an, beriefen sich jedoch nicht auf die Gottesebenbildlichkeit, sondern bezogen sich auf das „Vermögen zur sittlichen Selbstbestimmung“ des Menschen als Begründung der Menschenwürde. Vor allem im 20. Jahrhundert stellte sich aber heraus, dass eine absolute, universelle und unverfügbare Menschenwürde ohne die Annahme der Gottesebenbildlichkeit nicht plausibel und tragfähig begründet werden kann.

Papst Benedikt XVI. betonte, dass es falsch sei, „die Natur für wichtiger zu halten als die menschliche Person“. Diese „Einstellung verleitet zu neu-heidnischen Haltungen oder einem neuen Pantheismus“.4 Ohne den Gedanken der Menschenwürde kann ökologisches Denken zu einer Verabsolutierung der Natur und in Verbindung damit zur Menschenverachtung führen.

Der jüdische Philosoph Hans Jonas sagte analog dazu, dass der Mensch aufgrund seiner höheren Würde Vorrang vor der Natur habe.5

Rechte Ideologien, die auf der Grundlage der natürlichen Ordnung argumentieren, diese Ordnung bzw. die Rolle des Menschen in ihr und die Würde des Menschen jedoch nicht richtig erkannt haben, tendieren dazu, biologistisch begründete Vorstellungen sozialer Ordnung zu entwickeln und einzelnen Gruppen von Menschen die Menschenwürde abzusprechen.6

Linke Ideologien, die häufig ebenfalls nicht von der Würde des Menschen im christlichen Sinne ausgehen, sind ebenfalls gefährdet, menschenverachtende Vorstellungen im Zusammenhang mit ökologischen Fragen zu entwickeln. Papst Franziskus kritisierte in diesem Zusammenhang Ansätze des Umwelt- und Naturschutzes, welche „die Unversehrtheit der Umwelt verteidigen“, aber „dieselben Prinzipien nicht für das menschliche Leben anwenden.7 Wer bereits daran scheitere, den Wert ungeborenen Lebens zu erkennen und es zu schützen, verfüge nicht über die nötigen weltanschaulichen Voraussetzungen, um auch die natürliche Umwelt schützen und das Verhältnis des Menschen zu ihr angemessen gestalten zu können.8

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, dass sich wesentlich auf den Naturrechtsgedanken und Impulse der christlichen Soziallehre stützt, steht der Gedanke der Menschenwürde aufgrund der Erfahrungen mit dem menschenverachtenden Wirken rechter und linker Ideologien am Anfang des ersten Artikels.

Der Artikel 1 des Chiemseer Entwurfs des Grundgesetzes zitierte den katholischen Philosophen und Europa-Vordenker Richard Graf Coudenhove-Kalergi, der 1937 vor dem Hintergrund des Wirkens totalitärer Ideologie erklärt hatte, dass „der Staat um des Menschen willen da“ ist „und nicht der Men-sch um des Staates willen“.9

Jegliche Änderungen, die das Prinzip der Menschenwürde berühren, werden durch das Grundgesetz im Sinne des Naturrechtsgedankens für unzulässig erklärt.10 Das Bundesverfassungsgericht betonte 2017, dass die Menschenwürde den Ausgangspunkt der freiheitlichen demokratischen Grundordnung sowie eines ihrer unverzichtbaren Grundprinzipien darstelle.11 Der Schutz der Menschenwürde erstreckt sich dabei sowohl für das geborene als auch auf das ungeborene Leben.12

Ein wesentliches Merkmal extremer und totalitärer Ideologien ist es, dass sie den Gedanken einer unveräußerlichen Würde des Menschen ablehnen oder diese Würde bestimmten Gruppen von Menschen absprechen wollen. Tragfähige Konzepte zum umfassenden Schutz des Menschen und seiner Lebensgrundlagen konnten auf dieser Grundlage bislang nicht formuliert werden.

Quellen

  1. Josef Pieper: Ordnung und Geheimnis Ein Brevier der Weltweisheit aus dem Werke des Heiligen Thomas, München 1946, S. 33.
  2. 1. Mose 1, 27
  3. Gaudium et spes 12-15
  4. Caritas in veritate 48.
  5. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1976, S. 246.
  6. Jürgen Wüst: Konservatismus und Ökologiebewegung, Frankfurt a. M. 1993, S. 43.
  7. Laudato si‘ 136
  8. Laudato si‘ 117 f.
  9. Richard Coudenhove-Kalergi: Totaler Mensch, totaler Staat, Wien 1965, S. 16 und Konrad Löw: Die Grundrechte. Verständnis und Wirklichkeit in beiden Teilen Deutschlands, 2. überarbeitete Auflage, München et al. 1982, S. 426.
  10. Löw 1982, S. 80 f.
  11. „Kein Verbot der NPD wegen fehlender Anhaltspunkte für eine erfolgreiche Durchsetzung ihrer verfassungsfeindlichen Ziele“, Bundesverfassungsgericht, Pressemitteilung Nr. 4/2017.
  12. Volker Krey/Manfred Heinrich: Strafrecht. Besonderer Teil. Band 1: Besonderer Teil ohne Vermögensdelikte, Stuttgart 2008, S. 72.