Stand: 29.11.2020

1. Das Naturrecht als Existenzordnung

Der Mensch ist Teil einer kosmischen Ordnung, auf die er keinen Einfluss hat und die er richtig erkennen muss, wenn er in ihr bestehen will. Der Mensch hat die Freiheit, gegen diese Ordnung zu handeln, was ihm aber schaden würde. Das Naturrecht ist der Versuch, die Erfordernisse dieser Ordnung bzw. die Existenzordnung und das sittliche Sollen zu beschreiben, das aus der Natur im Allgemeinen und aus der Natur des Menschen im Speziellen hervorgeht bzw. da dort angelegt ist. Es beinhaltet die mit den Mitteln des Verstandes erkennbaren Erfordernisse seinsgemäßen Handelns, die sich aus dem Wesen der Dinge ergeben. Verantwortliches politisches Handeln stützt sich auf die Erkenntnis des Naturrechts. Das Naturrecht stellt zudem eine „Vor-Ordnung“ dar, die eine soziale Ordnung entweder legitimiert oder herausfordert. Es ist der Standard, an dem eine Ordnung gemessen wird.1

Das Naturrecht trägt der objektiven, dem Einfluss des Menschen entzogenen Wirklichkeit Rechnung, der alles gelingende individuelle und gesellschaftliche Leben entsprechen muss, wenn es gelingen soll, während Verstöße gegen ihre Erfordernisse automatisch Schaden nach sich ziehen muss, ähnlich wie es bei Missachtung der Schwerkraft der Fall wäre. Je vollständiger die Erkenntnis und Umsetzung der Prinzipien des Naturrechts in einem Gemeinwesen ist, desto gerechter ist dieses.

Dem Philosophen und Naturrechtler Leo Strauss zufolge setzte gesellschaftliche Entwicklung einen höheren Maßstab voraus, der es ermögliche, den gegenwärtigen Zustand einer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Das Naturrecht sei dieser Maßstab.2

Der katholische Rechtswissenschaftler Johannes Messner definierte das Naturrecht folgendermaßen:

„Naturrecht ist Existenzordnung, Grundordnung des Existierens des Menschen als Mensch, im wahrsten und vollsten Sinn von ‚Existieren‘, die Ordnung, deren Forderungen ihm mit diesem Existieren in ihrem bestimmten Inhalt bewusst werden gemäß dem Prinzip, daß alle Erkenntnis durch die Erfahrung bedingt ist, auch die der Prinzipien der Rechtsvernunft als Teil der praktischen Vernunft. So erfasst, werden diese Forderungen von der voll entfalteten Vernunft in ihrer allgemeinen in sich gewissen Wahrheit und in ihrer allgemeinen verpflichtenden Geltung eingesehen.“

Die Erkenntnis dieser Prinzipien ist mit den Mitteln der Beobachtung und des Verstandes möglich, weil sie aus der Natur des Menschen und der Dinge ergeben. Diese Prinzipien bzw. diese Ordnung werden daher auch als Naturrecht bezeichnet. Dieses wird vom Menschen nicht geschaffen oder beliebig konstruiert, sondern in einem Prozess ständiger Annäherung entdeckt.

Das Naturrecht beruht auf dem Gedanken, dass eine Handlung mit der Wirklichkeit überstimmen muss, um gut und richtig zu sein. Da es nur eine Wirklichkeit gibt und ihr Wesen unveränderlich ist, gibt es nur eine Wahrheit, und sie gilt zu allen Zeiten. Das Naturrecht ist daher zeitlos gültig.

Thomas von Aquin zufolge gebe eine „von der göttlichen Vorsehung bestimmte Ordnung […] die das Weltall aufs beste ordnet“.3 Es sei „immer das Beste, was der Natur entspricht“. Eine Gesellschaft könne nur dann das Gemeinwohl erreichen, wenn sie dem nicht entgegen handele.4

Cicero sagte, dass es einen für den Menschen erkennbaren absoluten und unverfügbaren Maßstab für richtiges Handeln gebe, den er lex aeterna („ewiges Gesetz“) nannte. Augustinus knüpfte an diesen Gedanken an.

Das Naturrecht ist die Grundlage vieler kultureller Leistungen der abendländischen Zivilisation. Der Philosoph und Theologe Ernst Troeltsch nannte das Naturrechtsdenken „den Leitstern des Abendlands“.5 Papst Johannes Paul II. sagte, das Naturrecht gehöre „zum großen Erbe der menschlichen Weisheit, welche die göttliche Offenbarung mit ihrem Licht noch zusätzlich gereinigt und entfaltet hat“.

Kardinal Raymond Burke betonte, dass die Anerkennung des Naturrechts eine wesentliche Grundlage des Gemeinwohls sei.6

Das in den Zehn Geboten formulierte Gesetz Gottes für den Menschen stellt eine Zusammenfassung des Naturrechts dar.

Eine nach dem Naturrecht gestaltete politische Ordnung ist eine Ordnung, die Menschen dabei unterstützt, moralisch gut zu handeln. Das Naturrecht stellt dabei keinen Entwurf für staatliche Gesetzgebung dar, sondern beschreibt eine Ordnungsvorstellung, der die Gesetzgebung nicht widersprechen sollte, deren Ordnungsanspruch aber weit über das Handeln des Staates hinausgeht.

Die Bindung einer politischen Ordnung an das Naturrecht stellt die höchste Form der Gewaltenkontrolle dar, weil das Naturrecht davon ausgeht, dass es heilige, nicht relativierbare Güter des menschlichen Lebens gibt, die durch politische Entscheidungen unter keinen Umständen außer Kraft gesetzt oder verletzt werden dürfen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trägt dem durch die Aufnahme von Artikeln Rechnung, die auch mit absoluten Mehrheiten nicht aufgehoben oder geändert werden können.

2. Die Universalität des Naturrechts

Die Prinzipien des Naturrechts sind universeller Natur und betreffen alle Menschen gleichermaßen. Mord und Raub können von allen Menschen als moralisch falsch erkannt werden, und auch die Definition dessen, was sie ausmacht, ist kulturübergreifend sehr ähnlich. Der Apostel Paulus schrieb im Römerbrief, dass dieses Gesetz dem Menschen „ins Herz geschrieben“ sei:

„Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.“7

Die Auseinandersetzung mit dem Naturrecht setzt nicht einen bestimmten Glauben voraus, weshalb diese Auseinandersetzung über die Religionen und Weltanschauungen hinweg eine mehrtausendjährige Tradition schaffen konnte. Die Vorstellung, dass der Mensch Teil einer unverfügbaren, nicht durch ihn geschaffenen Ordnung und ihren Forderungen unterworfen ist, ist dabei vermutlich so alt wie menschliche Kultur und findet sich bereits in den ältesten Kulturen, die Schriftzeugnisse hinterlassen haben. Das älteste bekannte Zeugnis des Naturrechts ist der ca. 1.700 v. Chr. entstandene Codex Hammurabi. Der Naturrechtsgedanke wurde auch von den christlicher Weltanschauung ansonsten distanziert gegenüberstehenden Teilen der Aufklärung übernommen und liegt sowohl den verschiedenen Menschenrechtserklärungen als auch der Verfassung der USA zugrunde.

Der protestantische Philosoph Günter Rohrmoser betonte, dass das Naturrecht nicht nur ein katholisches Konzept darstelle. Martin Luther habe etwa erklärt, dass Aristoteles und Cicero in Gesellschaftsfragen oft Besseres und Vernünftigeres gesagt hätten als manche Christen.8

Das Naturrechtsdenken ist organisch auf der Grundlage einer vernehmenden Vernunft gewachsen, die nach Erkenntnis der Wirklichkeit und der ihr zugrundeliegenden Ordnung strebt. Dem Philosophen Karl Jaspers entspringe das Naturrecht das Ergebnis einem „dreitausendjährigen geschichtlichen Optimierungsprozess“ der abendländischen Kultur, der die Erkenntnisse aller ihrer wesentlichen Strömungen mit einschließe.9

Erste Impulse für die Entwicklung des Konzept gingen von Platon aus. Er beschrieb eine Sphäre, „worin ewige Ordnung und Unwandelbarkeit herrscht, worin die Wesen weder Unrecht tun noch voneinander leiden, und worin alles nach einer himmlischen Ordnung und Vernunftgemäßheit geht“. Der Mensch habe den Auftrag, dass er „diese Welt nachahmt und so viel als möglich davon in seinem Leben als ein Abbild darstellt“. Cicero, Augustinus und Thomas von Aquin knüpften an diese Gedanken an. Thomas von Aquin, sagte, dass man durch die Beobachtung von Mensch und Natur sowie durch die Suche nach dem in der Praxis Bewährten zur Erkenntnis der Voraussetzungen des Gemeinwohls gelange. Das Ergebnis dieser Beobachtungen müsse vor dem Hintergrund der Offenbarung durch „verstandesgemäße Überlegung“ ausgewertet werden.10

Die klassische Philosophie Asiens hat mit den Konzepten des Dao (China) und des Dharma (Indien) Konzepte geschaffen, die ein aus Gott hervorgehendes moralisches Weltgesetz und eine universelle, unverfügbare moralische Ordnung beschreiben und dem Konzept des Naturrechts ähneln. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) definierte Dao als „Ordnung des Himmels“ und Dharma als „innere Gesetzlichkeit des seins und wies ausdrücklich auf die Parallelen zwischen diesen Konzepten und dem christlichen Naturrechtsdenken hin.11

3. Das Naturrecht als Ursprung der Menschenrechte

Dem Historiker Brian Tierney zufolge entstanden die Grundlagen des Menschenrechtsgedankens als Folge der Auseinandersetzung mit dem Naturrecht ab dem 12. Jahrhundert. Unveräußerliche und universelle individuelle Rechte seien erstmals in den Jahren 1150 bis 1300 formuliert worden, etwa das Recht auf Selbstverteidigung oder das Recht auf Eigentum. Papst Innozenz IV. habe bereits im frühen 13. Jahrhundert die Universalität solcher Rechte betont und dass diese nicht nur für Christen gelten würden.12 Der Begriff der „Menschenrechte“ wurde erstmals 1552 durch den Dominikaner Bartholomé de Las Casas verwendet, der auf der Grundlage dieser Tradition die Rechte der amerikanischen Ureinwohner verteidigte. Der katholische Philosoph Jacques Maritain war maßgeblich an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.

Die Menschenrechte beruhen auf dem christlichen Menschenbild und damit auf Prämissen, die außerhalb des christlichen Denkens nicht vorhanden sind. Dementsprechend stehen Menschenwürde und Menschenrechte in sich säkularisierenden Gesellschaften zunehmend zur Disposition, wie etwa die Abtreibungsproblematik zeigt. Die christliche Soziallehre hat ein Menschenrechtsverständnis, das vom Naturrecht gelöst ist, daher stets kritisiert.

4. Naturrecht und Rechtsstaat

Durch den Bezug auf das Naturrecht bzw. durch den Bezug auf letztlich nur religiös begründbare Normen wird das Recht in einer vorrechtlichen Sphäre verwurzelt und von dort aus begründet.13 Nach der Auffassung der christlichen Soziallehre ist die Herrschaft von Recht und Gesetz Voraussetzung dafür Frieden und Ordnung in einer Gesellschaft. Das Konzept des Rechtsstaates beruht auf dem skeptischen Menschenbild des Christentums und der Vorstellung einer unverfügbaren moralischen Ordnung bzw. der Naturrechtslehre. Der Rechtsstaat soll die Entscheidungen von Politik und Verwaltung an entsprechende Regeln binden und dadurch so weit wie möglich potentieller Willkür entziehen, die sowohl von Regierungen als auch von Mehrheiten ausgehen kann.

Das Konzept des Rechtsstaates beruht zudem auf der christlichen Naturrechtslehre, der zufolge Recht nicht etwas ist, das beliebig durch politische Beschlüsse geschaffen werden kann, sondern etwas, das von einer dem Willen des Menschen entzogenen Ordnung abhängig ist. Das Recht hat nach dieser Vorstellung auch einen moralischen Charakter. Es wird aber nicht als Weg betrachtet, das moralische Verhalten von Menschen im Details zu ordnen, sondern es soll das Zusammenleben von Menschen ermöglichen und fördern.

Je stärker Recht und Rechtsprechung den Anforderungen des Naturrechts entsprechen, desto gerechter ist ein Gemeinwesen. Gerechtigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang konkret, dass der Staat den Bürgern das gewährt, was ihnen abhängig von ihrer Natur und ihrem Verhalten zusteht. Alle Bürger sind im Rechtsstaat vor dem Gesetz gleich, aber das Gesetz muss Unterschiede unter den Bürgern berücksichtigen. Ein Kind hat naturgemäß andere Rechte und Pflichten als ein Erwachsener.

Der Rechtsstaat kann nur auf einer naturrechtlichen Grundlage Teil der Kontrolle politischer Macht sein, die gemäß des christlichen Menschenbildes aufgrund der Schwäche der Natur des Menschen und der politischer Macht innewohnenden korrumpierenden Kraft erforderlich ist. Der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch wies darauf hin, dass die Herrschaft des Nationalsozialismus die Unzulänglichkeit des Rechtspositivismus offenbart hätten, der die naturrechtliche Bindung des Rechts ablehnt:

„Die überkommene Auffassung des Rechts, der seit Jahrzehnten unter den deutschen Juristen unbestritten herrschende Positivismus und seine Lehre ‚Gesetz ist Gesetz‘, war gegenüber einem solchen Unrecht in Form des Gesetzes wehrlos und machtlos; die Anhänger dieser Lehre waren genötigt, jedes noch so ungerechte Gesetz als Recht anzuerkennen, Rechtswissenschaft musste sich auf Naturrecht zurückbesinnen.“14

Quellen

  1. Max Müller et al.: „Naturrecht“, in: Staatslexikon, Band 5, Freiburg i. Br. 1960, Sp. 929-984.
  2. Leo Strauss: Naturrecht und Geschichte, Stuttgart 1956, S. 3.
  3. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 14.
  4. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 12.
  5. Zit. nach Harald Seubert: „Ökologie des Menschseins. Der geworfene Entwurf“, in: Stephan Otto Horn/Wolfram Schmidt (Hg.): Hoffnung und Auftrag: Die Reden Benedikts XVI. zur Politik, Freiburg i. Br. 2017, S. 126-150, hier: S. 126.
  6. „Two powerhouse cardinals answer questions on Muslim migration, patriotism, contraception“, lifesitenews.com, 17.05.2019.
  7. Röm 2,15.
  8. Günter Rohrmoser: Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des modernen Konservatismus, München 2000, S. 210.
  9. Zit. nach Lothar Roos/Manfred Spieker/Werner Münch: Benedikt XVI. und die Weltbeziehung der Kirche, Paderborn 2015, S. 17.
  10. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 12.
  11. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 160 f.
  12. Andrew Latham: „The Medieval and Catholic Roots of American Democracy“, crisismagazine.org, 29.05.2019.
  13. Max Müller et al.: „Naturrecht“, in: Staatslexikon, Band 5, Freiburg i. Br. 1960, Sp. 929-984, hier: Sp. 929.
  14. Gustav Radbruch: „Die Erneuerung des Rechts“, in: Werner Maihofer (Hrsg.): Naturrecht oder Positivismus?, Darmstadt 1962, S. 1 ff., hier: S. 2.