Stand: 06.01.2021

Diese Themenseite enthält eine laufend aktualisierte Materialsammlung, die sich mit dem Christentum als kultureller Grundlage freiheitlicher Gesellschaften auseinandersetzt.

1. Freiheitliche Gesellschaften benötigen eine christliche Grundlage

Modernen und postmodernen Ideologien mangelt es am Bewusstsein für die kulturellen Voraussetzungen funktionierender Gesellschaften, die diese als gegeben betrachten. Sie agieren als Konsumenten kultureller Bestände, die sie nicht erneuern können und stattdessen durch scheinbar freiheitsfördernde Schwächung von Bindungen in der Annahme abbauen, dass sie unerschöpflich seien.

Das Grundgesetz und die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik sind zum Beispiel nicht weltanschaulich neutral, sondern beruhen in großen Teilen auf christlicher Weltanschauung und sind zu großen Teilen ein Werk des christlichen Konservatismus, der Deutschland nach der Herrschaft des Nationalsozialismus und angesichts der Herausforderung durch totalitäre Ideologien wieder an seine abendländischen Wurzeln anbinden wollte. Die Vorstellung einer unverfügbaren Würde des Menschen oder der Naturrechtsbezug des Grundgesetzes sind nur zwei Beispiele für die christliche Prägung der freiheitlichen Ordnung.

Der Soziologe Robert Putnam prägte den Begriff des „sozialen Kapitals“. Dies seien die geteilten Werte, die Kooperation in einer Gesellschaft ermöglichten. Solche Werte benötigen jedoch eine metaphysische Grundlage, weshalb nur Religionen solche Werte stiften und aufrechterhalten können.

Der freiheitliche Staat ist laut Josef Isensee auf „die Ressourcen des Christentums angewiesen, die nicht seiner Verfügungsmacht unterliegen“. Er lebe davon, dass „eine hinreichende Zahl seiner Bürger ihr Heil in der Transzendenz suchen“ und benötige ein intaktes religiöses Fundament, denn die Grundrechte seien „ihrer letztlichen Herkunft nach christlich“. Auch die Würde des Menschen als Grundlage der Verfassung sei ohne religiösen Bezug nicht begründbar. Das Gebot der Nächstenliebe sei die Grundlage eines „Komplementärethos“, das die negativen Grundrechtsfreiheiten zum, Wohle des Gemeinwesens ergänze. Ohne dieses würden die Grundrechte „Anspruchsegozentrik“ fördern.1

  • Die Kirche habe im freiheitlichen Staat daher auch einen Auftrag zur „Wahrung der sittlichen Grundlagen des Gemeinwesens“. Dieser umfasse die Aufgabe, „die sittlichen Begriffe der Menschen“ angesichts von Phänomenen wie der „Abtreibungsseuche“ wieder richtig zu stellen oder ein Ethos der Verantwortung für die Folgen des individuellen Sexualverhaltens zu verankern und die Überzeugung der Unverfügbarkeit des Lebens zu stärken.
  • Die Kirche diene den Menschen auf diesem Gebiet umso wirksamer, je mehr sie ihren geistlichen Auftrag lebe, den der Staat nicht leisten könne. Nur ein totalitärer Staat würde für sich beanspruchen, Lebenssinn stiften oder transzendente Fragen beantworten zu können. Eine geistlich lebendige Kirche wirke der möglichen Tendenz des Staates entgegen, zur Ersatzkirche zu werden.
  • Bislang habe der deutsche Staat seine Angewiesenheit auf die Religion anerkannt und laizistischen Tendenzen widerstanden. Auf EU-Ebene breiteten sich solche Tendenzen jedoch aus, was von „Christophobie“ genährt werde.2

Die Wurzeln der Menschenwürde finden sich in der auf dem christlichen Menschenbild beruhenden europäischen Naturrechtstradition. Ohne transzendenten Bezug kann die Menschenwürde nicht belastbar begründet werden. Die Menschenrechte beruhen auf Prämissen, die außerhalb des christlichen Denkens nicht vorhanden sind. Dementsprechend stehen Menschenwürde und Menschenrechte in sich säkularisierenden Gesellschaften zunehmend zur Disposition, wie etwa die Abtreibungsproblematik zeigt.

Laut Papst Johannes Paul II. verwandele sich eine „Demokratie ohne Werte […] wie die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus“. In „einer Welt ohne Wahrheit verliert die Freiheit ihre Grundlage“. 3

Romano Guardini erklärte dass auch die von säkularen Akteuren als wertvoll betrachteten Aspekte europäischer Kultur auf der Grundlage des Erbes des Christentums entstanden sein. Das Christentum ist die wichtigste kulturelle Grundlage der freiheitlichen Gesellschaften des europäischen Kulturraumes.

Der ansonsten religionskritische Philosoph Jürgen Habermas erklärte, dass „wir als Europäer Begriffe wie Moralität und Sittlichkeit, Person und Individualität, Freiheit und Emanzipation“ nicht verstehen könnten, ohne „uns die Substanz heilsgeschichtlichen Denkens jüdisch-christlicher Herkunft anzueignen“.4

Laut dem Politikwissenschaftler Franz Walter habe katholische Kirche in Deutschland „aufgrund ihrer traditionellen Werte“ die „Krisen, die die Moderne produzierte“, besser überstanden als andere Teile der Gesellschaft. Die Gesellschaft habe „von diesen gemeinschafts- und identitätsstiftenden, kulturelle Orientierungen vermittelnden Werten“, welche die Kirche zumindest bis in die 1970er Jahre selbstbewusst vertreten habe, „durchaus gezehrt“. Liberale Gesellschaften brächten „solche Bindemittel kaum hervor“.5

Der Naturrechtler Johannes Messner betonte, dass eine Demokratie nur dann gelingen könne, wenn die Bürger, auf diese sich sich stützt, besondere Tugenden aufweisen würden. Die Demokratie benötige eine Aristokratie des Geistes und des Charakters.6 John Adams, einer der Gründerväter der USA, betonte in diesem Sinne, dass deren freiheitliche Verfassung nur in einem christlich geprägten kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld praktikabel sei:

„We have no government armed with power capable of contending with human passions unbridled by morality and religion. Avarice, ambition, revenge or gallantry would break the strongest cords of our Constitution as a whale goes through a net. Our Constitution is designed only for a moral and religious people. It is wholly inadequate for any other.“

Laut dem Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde brauchen Demokratien einen stärkeren inneren Zusammenhalt als andere politische Systeme. Ein hinreichendes Maß an kultureller Homogenität sei für sie existenziell wichtig.7

1.1 Der freiheitliche Staat kann seine kulturellen Grundlagen nicht selbst erzeugen

Böckenförde wies außerdem darauf hin, dass der freiheitliche Staat auf kulturellen Grundlagen beruhe, die er selbst nicht erzeugen oder regenerieren könne:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

In schwierigen Zeiten kann eine staatliche Ordnung nur überleben, wenn ein hinreichender Anteil der Bürger ihr gegenüber loyal bleibt, wenn der Staat nur noch eingeschränkt funktioniert. Eine solche Loyalität benötigt eine kulturelle bzw. eine religiöse Grundlage. Böckenförde betonte daher, dass der säkulare Staat „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“8

1.2 Die Bewahrung der christlichen Grundlagen von Staat und Gesellschaft als politischer Auftrag

Weil freiheitliche Staaten und Gesellschaften auf einer christlichen Grundlage beruhen, muss es in ihnen Akteure geben, die diese Grundlagen bewahren.

Migration und die Präsenz fremder Kulturen könnten laut Böckenförde potenziell dazu führen, dass „der kulturelle Sockel“, auf dem ein Staat beruhe, „sich zunehmend parzelliert, aushöhlt und seine verbindende Kraft einbüßt“.

Böckenförde zitiert den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. aus einem Briefwechsel zu diesem Thema:

„In einem weltanschaulich neutralen Staat müssten nicht alle öffentlich erscheinenden Symbole gleich behandelt werden, so dass entweder alle gleichmäßig oder keines öffentlich erscheinen könne. Ein Staat habe doch seine eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln, die auch dann für ihn in gewisser Hinsicht konstitutiv blieben, wenn er selbst sich den Religionen gegenüber zur Neutralität verpflichtet wisse. Andernfalls, so der Kardinal, müssten die Privilegien des Sonntags verschwinden, die Gesetzgebung in Sachen Ehe und Familie gleichermaßen der muslimischen wie der christlichen Tradition Rechnung tragen.“

Abschließend heißt es:

„Ein Staat kann sich nicht völlig von seinen eigenen Wurzeln abschneiden und sich sozusagen zum reinen Vernunftstaat erheben, der ohne eigene Kultur und ohne eigenes Profil alle für Ethos und Recht relevanten Traditionen gleich behandelt und alle öffentlichen Äußerungen der Religionen gleich einstuft. Was in der Diskussion der letzten Jahre ziemlich unzulänglich mit dem Wort ‚Leitkultur‘ angesprochen war, ist in der Sache fundiert.“

Freiheiten könne ein Staat laut Böckenförde nur bedingt gewähren „gegenüber Religionen und religiösen Überzeugungen, die ihrerseits eine grundsätzliche Trennung von Staat und Religion und damit den säkularen Staat nicht akzeptieren und meinen, dies aus theologischen Gründen nicht tun zu können“. Eine Religion müsse zumindest „die Religionsfreiheit als gesetzlich bestehend respektieren und sich entsprechend verhalten“:

„Auf der anderen Seite kann und darf der säkularisierte Staat keiner religiösen Überzeugung, welchen Rückhalt bei den Menschen sie auch haben mag, die Chance einräumen, unter Inanspruchnahme der Religionsfreiheit und Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen und schließlich abzubauen. Daraus folgt: Wäre davon auszugehen, dass eine Religion, aktuell der Islam, sich gegenüber der Religionsfreiheit auf Dauer aktiv resistent verhält, sie also abzubauen suchte, sofern sich politische Möglichkeiten, etwa über Mehrheitsbildung, dazu bieten, so hätte der Staat dafür Sorge zu tragen, dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben. Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich von Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen.“
Die Präsenz von Strömungen im Islam, die dieses Minimalkriterium nicht erfüllten, müsste entsprechend minimiert werden. In diesem Fall sei „der Staat ungeachtet seiner Freiheitlichkeit und Offenheit gehalten, Barrieren zu errichten, die die Anhänger des Islam hindern, direkt oder indirekt aus der Minderheitsposition herauszutreten. Darin läge kein Selbstwiderspruch, sondern nur die Selbstverteidigung des säkularisierten Staats.“9

Böckenförde erklärte außerdem, dass der Staat dafür Sorge zu tragen habe, „dass […] die Angehörigen des Islams durch geeignete Maßnahmen im Bereich von Freizügigkeit und Migration […] in ihrer Minderheitenposition verbleiben, ihnen mithin der Weg verlegt ist, über die Ausnutzung demokratischer politischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen. Darin liegt nicht mehr als seine Selbstverteidigung, die der freiheitliche Verfassungsstaat sich schuldig ist.“10

Der Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel betonte im Zusammenhang mit der Frage nach der Gestaltung von Migration, dass der Staat vor allem die Pflicht dazu habe, seine kulturellen Grundlagen zu schützen und zu bewahren. Die Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migranten sei mit einem „moralischen Desaster“ verbunden gewesen und werde das Gemeinwohl des Landes auf Generationen hinaus negativ beeinträchtigen. Zudem sei dadurch auch dem globalen Gemeinwohl geschadet worden, da man den Armutsmigranten, um die es sich in der überwiegenden Zahl der Fälle handeln würde, mit den aufgewendeten Mitteln vor Ort wesentlich besser hätte helfen können. Die Öffnung der Grenzen sei daher ethisch falsch gewesen.

  • Die vor diesem Hintergrund zu beobachtenden problematischen Folgen der verstärkten Zuwanderung kulturferner Migranten nach Europa würden Merkel zufolge vor allem betonen, dass Staaten die moralische Pflicht hätten, ihre kulturelle Identität sowie ihre kulturellen Grundlagen zu schützen und zu bewahren.
  • Staaten, die dies nicht täten, würden dem Gemeinwohl schaden, die Natur des Menschen und seine Angewiesenheit auf eine „äußere und innere Heimat“ verkennen und daher moralisch falsch handeln. Umgekehrt gebe es ein entsprechendes Recht bzw. einen Anspruch der Bürger dieser Staaten auf den Schutz ihrer kulturellen Identität.

Wenn „kosmopolitische Kritiker“ dies als „lächerlich“ empfänden, unterstreiche dies die Tiefe ihres grundsätzlichen moralischen Irrtums in dieser Frage. Merkel kritisiert „kosmopolitische Eliten“, die Fragen der Bewahrung europäischer Identität und Kultur „mit Unrecht zum theoretischen Sperrgebiet erklärt und mit dem Stigma des Populismus versehen“ hätten. Es sei  jedoch von existenzieller Wichtigkeit für ein Gemeinwesen, sich im Zusammenhang mit Migration die folgenden Fragen zu stellen:

„Was bedeutet der Zustrom so vieler Menschen aus fernen, mit dem europäischen Kulturkreis wenig verwandten Lebensformen für uns? Verändert er deren Formen, Inhalte, Perspektiven? Wären manche dieser Änderungen möglicherweise nicht wünschenswert?“

Es sei im Wesen der Kultur angelegt, dass diese sich entwickele und wandele. Ein Gemeinwesen müsse diesen Wandel jedoch aktiv gestalten und sich die Frage stellen, ob er in die richtige Richtung verlaufe:

„Natürlich verändern sich vitale Kulturen ständig. […] Aber die langfristig-organische Entwicklung einer Kultur aus der offenen Interaktion zwischen den Menschen ihrer eigenen und denen anderer Sphären ist eine Sache. Eine ganz andere ist die in den Zeitraum weniger Jahre gedrängte, unvermittelte Konfrontation einer ungefragten Bevölkerung mit Millionen ‚anderen‘, deren äußeres wie inneres Anderssein, was immer es bedeuten mag, sich in wachsendem Maß im Alltag fühlbar macht. Es wäre geradezu das Attest einer kollektiven seelischen Auffälligkeit, würde die einheimische Bevölkerung davon nicht verunsichert.“

Wer jeglichen Wandel prinzipiell für gleichermaßen gut erkläre, sei blind für mögliche negative Folgen seiner Entscheidungen und handele verantwortungslos.

Merkel betonte zudem, dass die staatliche Pflicht zur Achtung der kulturellen Identität im Völkerrecht fest verankert sei. Auch die Präambel der Europäischen Grundrechtecharta fordere die „Achtung der Vielfalt der Kulturen und Traditionen der Völker Europas sowie der nationalen Identität der Mitgliedsstaaten“. Das Völkerrecht weise den kulturellen Identitäten seiner Rechtssubjekte, den einzelnen Völkern, einen hohen Rang zu. Kulturferne Migranten hätten prinzipiell das gleiche Recht auf den Schutz ihrer kulturellen Identität wie es die Menschen Europas hätten, jedoch nur in ihrer Heimat. Im konkreten Fall genieße europäische Kultur einen vorrangigen Anspruch auf Schutz:

„Die Zuwanderer kommen in ein Land mit hochentwickelten Lebens- und Kulturformen. Deren Fortbestand, mitsamt der Dynamik ihrer Entwicklung, ist für die einheimische Bevölkerung von hohem Wert. Daraus folgt eine moralische Pflicht für Migranten, die demokratisch selbstbestimmte Gestaltung der Bedingungen dieses Fortbestands durch die Mehrheitsgesellschaft zu akzeptieren.“

Eine entsprechende Regulierung islamischer Religionsausübung in Europa sei zum Beispiel im Fall von ästhetischen Auflagen bei der Errichtung und Gestaltung von Moscheen nicht als „Frage der Religionsfreiheit, sondern eine der Bauordnung“ zu betrachten.

Die Zuwanderung kulturferner Gruppen könne die kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens gefährden. Die große Mehrheit der muslimischen Migranten etwa hänge kulturellen Vorstellungen an, die sie „in vielerlei Kollisionen“ mit europäischer Kultur bringe. Die vorliegenden Erfahrungen im Umgang mit dieser Gruppe biete „keinen Anlass zu übertriebenem Optimismus“, was ihre langfristige Integrierbarkeit angehe:

„Keine der Spielarten des konservativen Islams disponiert dessen Gläubige zur Öffnung ihrer Lebensweise für die Verkehrsformen einer liberalen Gesellschaft. Unter den mehr als fünfzig genuin islamischen Staaten der Welt gibt es keine einzige rechtsstaatliche Demokratie. Nichts spricht für die Annahme, das wäre ein welthistorischer Zufall ohne kausalen Zusammenhang mit den dort jeweils zwangsrechtlich garantierten Staatsreligionen. Auch für das individuelle Leben seiner Gläubigen fordert der konservative Islam eine geistliche Grundlage. An deren Geboten endet die Loyalität zu den Normen der weltlichen Ordnung. Dass eine derart dominante religiöse Prägung keinen Einfluss auf die Integrationsfähigkeit ihrer Inhaber haben sollte, ist unwahrscheinlich.“

Falls europäische Gesellschaften ihre Fehlentscheidungen zur Öffnung ihrer Grenzen für entsprechende Migranten nicht korrigierten, würden ihnen erhebliche Konflikte bevorstehen:

„Gesellschaftliche Minderheiten, deren kollektive Identität sich über scharf gezogene ethnische und religiöse Trennlinien definiert, neigen zur Segregation. In hart segregierten Gesellschaften wächst die Tendenz zur Unfriedlichkeit, zum wechselseitigen Misstrauen, zur Erosion fragloser normativer Grundlagen und eines darin gründenden Minimums selbstverständlicher Solidarität auch mit dem unbekannten anderen. Diese Entwicklung wird Deutschland so wenig verschonen, wie sie Frankreich und England verschont hat.“

Staat und Politik hätten vor diesem Hintergrund die moralische Pflicht, „freiheitsfeindliche Weiterungen dieses Wandels zu verhindern“.11

2. Die Schwäche der Kirche bedroht die Grundlagen des freiheitlichen Staates

Das Gemeinwesen zehre laut Isensee seit langem von christlicher Substanz, aber es sei fraglich, ob diese noch ausreichend regeneriert werde. Die Ursache dafür seien Tendenzen zur „Selbstsäkularisierung“ in der Kirche in Deutschland. Teile der Kirche würden „nicht mehr die Kraft und den Willen zur Religion aufbringen“. Man wage es oft nicht mehr, das unter Druck geratene Christentum „aus lebendigem Glauben zu rechtfertigen“ und „so ein Zeichen des religiösen Widerspruchs zu setzen“, weil man fürchte, „den faulen Frieden der säkularen Gesellschaft zu stören“.12

Wo so gehandelt werde, drohe das Christentum zu einer Zivilreligion abzusinken, die sich darin erschöpfe, die „stets wandelbare Tagesmoral der pluralistischen Gesellschaft zu reflektieren und zu verinnerlichen“. Dies sei zudem mit dem Risiko verbunden, bei vielen Themen „aus Mangel an eigener konkreter Sachkompetenz ganzheitlichem Dilettantismus anheimzufallen“. Diese Inkompetenz versuche man, durch den Berufung auf die vor allem marxistischen bzw. neomarxistischen „innerweltlichen Erlösungsideologien“ zu kompensieren, etwa „pseudoreligiöse“ Formen von Ökologie. Wenn „mancher Theologe heute vom Himmel“, dann meine „er nur noch das Ozonloch, redet darüber aber mit derselben Gewißheit wie weiland von den neun Chören der Engel.“13

Eine in Folge dieser Tendenzen verweltlichte Kirche, die ganz „in innerweltlichen Intentionen aufgeht“, würde gerade ihre Fähigkeit dazu verlieren, dem Gemeinwesen auch weltlichen Nutzen zu bringen. Sie gebe sich nicht nur selbst auf, sondern bliebe auch „dem Verfassungsstaat gerade den komplementären Dienst schuldig, den nur sie ihm zu leisten fähig ist“.

Der Sozialdemokrat und ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärte, dass er selbst dem Christentum distanziert gegenüber stehe. Während des Zweiten Weltkriegs hätten er und seine Frau jedoch kirchlich geheiratet als “Ausdruck ihrer Hoffnung auf die moralische Kraft der Kirche, die nach dem erwarteten bösen Ende in Deutschland wieder eine anständige Gesellschaft herstellen würde”.14 Es habe ihn jedoch enttäuscht, dass nach dem Krieg “manche Kirchenleute in Deutschland den schrittweisen Niedergang des Christentums unterschätzt haben” und der “christliche Glaube bei weitem nicht so fest in der Seele des Volkes verankert” gewesen sei, “dass die Kirchen in der Lage gewesen wären, eine neue, moralisch fundierte Gesellschaftsordnung ins Leben” zu rufen.15

Der Historiker Karlheinz Weissmann wies darauf hin, dass es keinen nennenswerten liberalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben habe. Wer damals Widerstand leistete, „zog Kraft aus Reserven, über die eine liberale Gesellschaft nicht verfügt, die sie nur verachtet und gleichzeitig verzehrt“.16

Quellen

  1. Josef Isensee: Staat und Religion. Abhandlungen aus den Jahren 1974-2017, Berlin 2019, S. 246.
  2. Josef Isensee: Staat und Religion. Abhandlungen aus den Jahren 1974-2017, Berlin 2019
  3. Centesimus annus 46.
  4. Jürgen Habermas: Nachmetaphysisches Denken. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a. M. 1989, S. 23.
  5. Franz Walter: „Katholizismus in der Bundesrepublik. Von der Staatskirche zur Säkularisierung“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/1996, S. 1102-1110.
  6. Johannes Messner: Das Naturrecht, S. 815-816.
  7. Ernst-Wolfgang Böckenförde: Europa und die Türkei, in: Ders: Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht, Berlin 2011, S. 281-298, hier: S. S. 287-293.
  8. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Gesetzestreu im freiheitlichen Staat“, Kölner Stadt-Anzeiger, 04.07.2007.
  9. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Gesetzestreu im freiheitlichen Staat“, Kölner Stadt-Anzeiger, 04.07.2007.
  10. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Religionsfreiheit ist kein Gottesgeschenk“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2009.
  11. Reinhard Merkel: „Wir können allen helfen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2017.
  12. Isensee 2019, S. 278-279.
  13. Ebd., S. 245.
  14. Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 16 f.
  15. Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 18.
  16. Karlheinz Weissmann: „Nichts Ernstes mehr im Leben?“, Cato, Nr. 4/2019, S. 58-62, hier: S. 62.