Stand: 22.04.2021

Diese Themenseite enthält eine Einführung in den Ansatz der kulturellen Resilienz. Dieser Ansatz setzt sich mit den Eigenschaften auseinander, die Kulturen und die auf ihnen beruhenden Gemeinwesen dazu befähigen, Krisen zu bewältigen und sich in von Bedrohungen und Risiken geprägten Umfeldern im Sinne ihrer eigenen Werte zu entfalten und zu entwickeln. Der Ansatz ist wertgebunden, weil er die Kontinuität einer bestimmten Kultur anstrebt.

1. Grundlagen

Der Begriff der Resilienz wird in vielen Disziplinen verwendet und beschreibt die Fähigkeit von Menschen, Organisationen oder Systemen, Krisen und Belastungen so zu bewältigen, dass sie diese nicht nur überleben, sondern an ihnen wachsen und aus ihnen gestärkt hervorgehen.

1.1 Der Begriff der Resilienz

Der Konzept der Resilienz wurde mutmaßlich erstmals durch den Psychiater Viktor Frankl beschrieben, der eine besonders ausgeprägte „Trotzmacht des Geistes“ bei manchen Menschen beobachtete. Diese befähige sie dazu, widrige Umstände erfolgreich zu bewältigen. Die Ursache dieser Fähigkeit sah Frankl im Glauben dieser Menschen an einen höheren, über sie selbst hinausweisenden Sinn, für den es sich lohne, sich einzusetzen.1

Das Konzept wurde später auch in der Biologie aufgegriffen, wo es die Durchhaltefähigkeit ökologischer Systeme unter Druck bzw. ihre Fähigkeit beschrieb, Veränderungen und Störungen zu absorbieren.2

Die Auseinandersetzung mit Fragen kultureller Resilienz wurde in Europa lange vernachlässigt. Eine wesentlich intensivere Auseinandersetzung mit diesem Thema findet in Israel statt, dessen politische und militärische Eliten sich aufgrund der Erfahrungen der jüdischen Geschichte sowie dem schwierigen geopolitischen Umfeld des Landes eher dazu geneigt sind, sich mit existenziellen Bedrohungen und Risiken sowie Möglichkeiten ihrer Bewältigung auseinanderzusetzen. Hier begann die Auseinandersetzung mit dem Thema Resilienz im Kontext der Auseinandersetzung mit strategischen Fragen bzw. mit Fragen der nationalen Sicherheit als Folge der Erkenntnis, dass die Krisenfestigkeit eines Gemeinwesens nicht nur von seinem militärischen Potenzial abhängig ist.3

Laut dem Soziologen Andreas Reckwitz könnte der Begriff der Resilienz „zu einem Schlüsselwort der Post-Corona-Ära, ja für die Politik des 21. Jahrhunderts insgesamt werden“, da die Krisen westlicher Gesellschaften zeigten, dass diese resilienter werden müssten:

„Resilienz – dabei geht es um Widerstandsfähigkeit, um die Fähigkeit, gewappnet zu sein für unerwünschte, mitunter schockartige Ereignisse.

Tatsächlich ist es nicht nur die Coronakrise, die Widerstandsfähigkeit mehr und mehr zu einem politischen Ziel werden lässt. In den vergangenen zehn Jahren sind die Gesellschaften wiederholt mit Krisen konfrontiert worden, die ihre Robustheit auf den Prüfstand gestellt haben: der Finanzkrise, der Migrationskrise, wiederholten Terroranschlägen und als permanentem Stressmoment der Klimakrise. […]

Eine Politik der Resilienz ist somit eine langfristige Politik des Negativen. Sie lernt aus den immer neuen Krisen und Katastrophen, indem sie versucht, die Gesellschaft zu ‚rüsten‘. […]

Das Problem mit den gesellschaftlichen Risiken ist allerdings, dass sich gar nicht absehen lässt, an welcher Stelle sie sich als Nächstes in eine konkrete Bedrohung verwandeln. Für Klimawandel und Pandemien sind wir jetzt leidlich sensibilisiert, aber könnte nicht als Nächstes ein digitaler Supercrash stattfinden, wie wir ihn bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kennen? Und sind wir dafür gerüstet? Das Reich der Risiken hält eine Menge von ‚unknown unknowns‘ bereit. Für die Resilienzpolitik wünschenswert wäre insofern etwas Ähnliches wie ein Breitbandantibiotikum in der Medizin: Maßnahmen, die potenziell gegen verschiedenste Gefährdungen wirken.“

Das Konzept rechne fest mit dem Eintritt des Ernstfalls und strebe danach, auf diesen vorbereitet zu sein. Es handele sich somit um ein konservatives Konzept:

  • Der Resilienzgedanke beruhe auf einer Abkehr vom „Fortschrittsverständnis der Moderne“ und dessen Optimismus sowie vom „Glauben an die Gestaltbarkeit von Gesellschaft“ sowie vom „progressiven Liberalismus“ und dessen Ziel der immer größeren Ausweitung individueller Rechte. Er rechne mit Unverfügbarkeiten und betrachte die Zukunft als unberechenbar sowie als „Raum von Risiken“, die niemals vollständig ausgeschlossen werden könnten.
  • Resilienzorientierte Politik betrachte die Gesellschaft nicht als „Raum für den Aufbruch in eine progressive Zukunft“ und sehe die Gesellschaft als verletzlich an. Sie verzichte daher auf das „Streben nach dem Neuartigen und Positiven“ und ziele auf das „Vermeiden oder Aushalten des Negativen“ ab.
  • Wer auf der Grundlage dieses Konzepts denke und handele, dem gehe es weniger um Fortschritt als ums langfristige Überleben in einer gefährlichen Welt.

Reckwitz bejaht den Resilienzgedanken und bewertet einen „Paradigmenwechsel in Richtung einer Politik der Resilienz“ als einen „Akt der Klugheit“ sowie als „vernünftige Revision des klassisch-modernen Machbarkeitsdenkens“.4

1.2 Resilienz und Nachhaltigkeit

Das Streben nach Nachhaltigkeit ist eng mit dem Streben nach Resilienz verbunden. Während Resilienz die Fähigkeit eines Gemeinwesens ist, die existenziellen Herausforderungen, denen es gegenübersteht, zu bewältigen, ist Nachhaltigkeit die Fähigkeit eines Gemeinwesens zur langfristigen Kontinuität. (Weiterlesen: Nachhaltigkeit – Das Streben nach einer Zivilisation der Dauerhaftigkeit)

1.3 Resilienz und Antifragilität

Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb schuf den Begriff der „Antifragilität“, um die Eigenschaften resilienter Akteure zu beschreiben. Solche Akteure suchten aktiv nach möglichen Bedrohungen, könnten diese frühzeitig erkennen und seien dadurch in der Lage, sich auf sie einzustellen. Sie seien außerdem dezentral bzw. in kleinen Einheiten organisiert und würden Reserven und Redundanzen bilden. Modernes, theoriegeleitetes Denken neige irrtümlich dazu, traditionelle Lösungen und Ansätze als irrational abzulehnen, die im Gegensatz zu theoriebasierten Ansätzen jedoch unter komplexen Bedingungen langfristig erprobt seien. Traditionelle Ansätze seien ihren Wesen nach daher resilient und modernen Ansätzen oft überlegen, was ihre Krisentauglichkeit angehe.5

1.4 Verwundbarkeit: Das Gegenteil von Resilienz

Verwundbarkeit bzw. Vulnerabilität ist der Grad der Anfälligkeit eines Schutzgutes, etwa Gemeinwesens, eines Systems oder einer Struktur für Angriffe, Störungen und sonstige Schadereignisse. Verwundbarkeiten sind die Faktoren, die ein Gemeinwesen gegenüber Bedrohungen und Stressfaktoren exponieren und dadurch Risiken erzeugen oder erhöhen. Verwundbarkeiten sind zudem die Faktoren, welche die Bewältigung von Herausforderungen allgemein erschweren.6

2. Kulturelle Resilienz: Eine Definition

Das Konzept der kulturellen Resilienz setzt sich mit den Eigenschaften auseinander, die Kulturen und die auf ihnen beruhenden Gemeinwesen dazu befähigen, Krisen zu bewältigen und sich in von Bedrohungen und Risiken geprägten Umfeldern im Sinne ihrer eigenen Werte zu entfalten und zu entwickeln. Das Konzept der kulturellen Resilienz ist wertgebunden, weil es die Kontinuität einer bestimmten Kultur anstrebt.

2.1 Kulturelle Resilienz als Krisenfestigkeit von Gemeinwesen und Gemeinschaften

Das Konzept der kulturellen Resilienz ist wertgebunden und strebt die Optimierung der kulturellen Eigenschaften an, die einem auf einer bestimmten Kultur beruhenden Gemeinwesen oder einer Gemeinschaft langfristige Kontinuität ermöglichen. Dieses Konzept stellt außerdem die Frage nach kulturellen Verwundbarkeiten sowie nach Bedrohungen und Gefährdungen für die Kontinuität der erwähnten Gemeinwesen und Gemeinschaften.

Kulturelle Resilienz wird dabei als das Produkt der Fähigkeiten von Gemeinwesen und Gemeinschaften zum Erkennen der eigenen Lage, der Anpassungsfähigkeit an neue Lagen und kulturellen Verwundbarkeiten verstanden. Resiliente Kulturen und Gemeinwesen und Gemeinschaften

Resilienz ist die Widerstandskraft einer Organisation oder Gemeinschaft von Menschen gegenüber Herausforderungen im Sinne der Fähigkeit, sich an sie anzupassen und durch die sogar stärker zu werden. Das Gegenteil von Resilienz ist Verwundbarkeit.

Soziale bzw. gesellschaftliche Resilienz ist die Fähigkeit eine Gemeinwesens dazu dazu, den Wandel seines Umfelds sowie auf Herausforderungen und Krisen frühzeitig zu erkennen, sich auf sie vorzubereiten, sie erfolgreich zu bewältigen und anschließend wieder einen langfristig funktionierenden Zustand einzunehmen. 7

Diese Art der Resilienz umfasst die Fähigkeit von Akteuren, auf Herausforderungen zu antworten, aus ihnen zu lernen und sich ihnen durch die Weiterentwicklung ihrer Institutionen oder ihrer Kultur anzupassen:

  • Bewältigungsfähigkeiten: Die Fähigkeit gesellschaftlicher Akteure, auf Bedrohungen, Risiken und disruptive Ereignisse zu reagieren, ihre Folgen zu bewältigen und wieder einen langfristig funktionierenden Zustand einzunehmen;
  • Anpassungsfähigkeiten: Die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen und sich auf bevorstehende erkennbare Herausforderungen einzustellen;
  • Veränderungsfähigkeiten: Die Fähigkeit, Institutionen so zu gestalten, dass das Gemeinwesen im Angesicht von Bedrohungen nicht nur stabil und robust bleibt, sondern sich weiter entfalten kann.8

Das von IMPROVER Project, in dessen Rahmen sich zahlreiche europäische Forschungsinstitutionen mit der Resilienz Kritischer Infrastrukturen auseinandersetzten, definierte gesellschaftliche Resilienz als eine emergente Eigenschaft von Gesellschaften, die aus Handlungen von Akteuren auf allen gesellschaftlichen Ebenen heraus entstehe.9

Resilienz ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine staatliche Aufgabe, sondern hängt vor allem auch von Fähigkeiten von Individuen, Organisationen und Institutionen in einem Gemeinwesen ab.10

2.1.1 Kulturelle Resilienz als nationale Resilienz

Im Bereich der Strategischen Studien wird auch von „nationaler Resilienz“ gesprochen. Dieses Konzept betont die Resilienz staatlicher Institutionen und Funktionen im Krisenfall und betrachtet als Herausforderungen neben militärischen Bedrohungen zunehmend auch Bedrohungen wie Terrorismus, Organisierte Kriminalität, Pandemien, Naturkatastrophen oder irreguläre Migration. Ein resilienzorientierter Ansatz konzentriert sich nicht auf reaktive Antworten auf die einzelnen Bedrohungen, sondern strebt danach, das Gemeinwesen zu zu gestalten, dass es Bedrohungen besser bewältigen kann.11

Nehemia Friedland definierte nationale Resilienz als die Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen so zu bewältigen, dass ihre Werte und Institutionen dabei intakt bleiben.12

Aus der Perspektive der Strategischen Studien ist Resilienz die Eigenschaft, die ein Gemeinwesen dazu befähigt, von externen Bedrohungen erzwungene Veränderungen zu bewältigen.13 Die Sicherheitspolitik des Staates Israel beruht auch auf dem Gedanken der Resilienz bzw. auf einer umfassenden Bedrohungsanalyse, die Bedrohungen über das gesamte Spektrum hinweg beobachtet analysiert und Maßnahmen vorsieht, um die Resilienz der Bevölkerung ihnen gegenüber zu stärken. Ausgangspunkt dafür ist die Beobachtung, dass die Gegner demokratischer Gemeinwesen deren politischen Willen treffen können, indem sie Druck auf deren Bevölkerung ausüben, etwa mittels Terrorismus.14

2.1.2 Kulturelle Resilienz und die Resilienz von Organisationen und Institutionen

Kulturelle Resilienz beruht auch auf der Resilienz der Institutionen eines Gemeinwesens. Die Resilienz einer Organisation bzw. einer Institution definiert die ISO als ihre Fähigkeit, sich in einem dynamischen Umfeld anzupassen und die von ihm ausgehenden Herausforderungen zu bewältigen. Resiliente Organisationen haben die folgenden Eigenschaften:

  • Eine gemeinsame Vision sowie gemeinsame Ziele und Werte prägen alle Teile der Organisation;
  • Die Organisation versteht die Lage, in der sie sich bewegt, und erkennt Veränderungen frühzeitig;
  • Die Organisation prägt eine innere Kultur, die sie gegenüber Herausforderungen stärkt und immun macht;
  • In der Organisation werden Erfahrungen und Wissen über die Lage, Herausforderungen und Wege zu ihrer Bewältigung gesammelt, aufbereitet und geteilt;
  • Die Organisation ist dazu in der Lage, sich immer wieder an neue Lagen anzupassen.15

Die British Standards Institution definiert die Resilienz einer Organisation als ihre Fähigkeit, sowohl einen sich langsam vollziehenden Wandel als auch plötzliche Verwerfungen vorauszusehen, frühzeitig zu erkennen, sich darauf entsprechend vorzubereiten und auf sie angemessen zu reagieren und sich an sie anzupassen, um zu überleben und sich positiv weiterzuentwickeln. Resilienz sei die Eigenschaft einer Struktur, in einem von komplexen und dynamischen Herausforderungen geprägten Umfeld zu überleben und sich positiv zu entwickeln, indem sie Herausforderungen frühzeitig erkennt, sich angemessen auf sie vorbereitet und ihnen wirksam begegnet.16

Eine resiliente Struktur bleibt unter dem Druck von Herausforderungen funktionsfähig und reagiert auf sie mit positiven Anpassungen, so dass sie durch diese gestärkt wird. Resilienz bemisst sich dabei sowohl an der fortgesetzten Entwicklungs- als auch an der Überlebensfähigkeit von Strukturen unter den beschriebenen Bedingungen.17

Eine resiliente Organisation reagiert in erster Linie nicht auf Herausforderungen, sondern ist in einer inneren Verfassung, die sie dazu in die Lage versetzt, diese zu bewältigen. Sie ist nicht auf Verteidigung ausgerichtet, sondern auf Immunität, und verfügt über starke innere Bewältigungspotenziale.

2.2 Die Bedeutung kultureller Faktoren für die Resilienz eines Gemeinwesens

Kulturelle Faktoren spielen eine zentrale Rolle für die Resilienz eines Gemeinwesens. Solche Faktoren können die Resilienz von Gemeinwesen stärken oder schwächen, indem sie etwa den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Krisensituationen, die Wahrnehmung von Bedrohungen und Risiken oder die individuellen und kollektiven Reaktionen auf Verwerfungen beeinflussen.

Eine Studie amerikanischer Nachrichtendienste zählte 2017 die Faktoren auf, die nach Ansicht der für sie tätigen Experten Gesellschaften krisenfest machten. Dazu zählten sie vor allem auch kulturelle oder maßgeblich kulturell beeinflusste Faktoren:

  • Eine Regierungsführung bzw. eine politische Kultur, die durch Inklusion aller relevanten Strömungen des politischen Lebens Geschlossenheit herstelle und die rechtsstaatlich handele, wodurch sie das Vertrauen und die Zustimmung des Staatsvolks gewinne;
  • Eine Volkswirtschaft, die auf begrenzter öffentlicher Verschuldung beruhe und über Reserven sowie über einen diversifizierten und starken, innovativen und anpassungsfähigen privaten Sektor verfüge;
  • Eine Gesellschaft, die auf Krisen vorbereitet sowie innerlich geordnet und integriert sei, so dass sie im Krisenfall über ein hohes Maß an Zusammenhalt verfüge;
  • Ein leistungsfähiger Sicherheitssektor, dessen Institutionen durch die Bevölkerung bejaht würden.

Nur wenige der genannten Resilienzfaktoren, etwa krisenfeste kritische Infrastrukturen, haben keine relevante kulturelle Dimension.18

Die Auseinandersetzung mit Fragen der kulturellen Resilienz behandelt vor allem die Fragen, welche kulturellen Faktoren Individuen, Gemeinwesen und Institutionen dazu befähigen, Bedrohungen und Risiken besser zu bewältigen, und welche kulturellen Faktoren sie dabei schwächen.

  • Der Soziologe Robert Putnam sieht im „sozialen Kapital“ bzw. in der kulturellen Substanz des Gemeinwesens den wichtigsten Faktor, der gesellschaftlichen Zusammenhalt ermögliche. Soziales Kapital bestehe prosozialen kulturellen Normen, die gegenseitiges Vertrauen, Gemeinsinn und Kooperation in einem Gemeinwesen ermöglichten und dieses zusammenhielten.19
  • Der Soziologe Frank Furedi sieht im Sozialkapital, aber auch in der Pflege der eigenen Identität sowie im kulturellen Wissen bzgl. der Bewältigung von Herausforderungen wesentliche Resilienzfaktoren.20
  • Der Geograph Jared Diamond beobachtete in seiner Studie über den Zusammenbruch von Gesellschaften, dass es primär von den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen sowie den kulturellen Werten einer Gesellschaft abhänge, ob sie existenzielle Herausforderungen erfolgreich bewältigen könne oder nicht.21
  • Die Psychologin Caroline Clauss-Ehlers definierte kulturelle Resilienz als den Beitrag kultureller Faktoren zur Fähigkeit von Individuen und Gemeinschaften, Krisen zu bewältigen. Es gebe „kulturelle Skripte“, die sich resilienzfördernd auswirkten, etwa die Bejahung der Institution der Familie.22

Der Historiker Shalom Salomon Wald hatte die folgenden Elemente Gemeinwesen identifiziert und darauf hingewiesen, dass viele dieser Elemente eine kulturelle Dimension haben:

  • Pflege der kulturellen Identität;
  • Stärkung innerer Bindungen;
  • Konstruktive Beilegung innerer Konflikte;
  • Äußere Verteidigungsbereitschaft und Wehrhaftigkeit;
  • Hohe Qualität des Führungspersonals;
  • Hohes Leistungsniveau in Naturwissenschaft und Technik;
  • Belastbare Allianzen und zuverlässige Verbündete;
  • Wohlstand und konstruktive Beilegung von Verteilungskonflikten;
  • Intakte demographische Grundlagen.23

Kulturelle Resilienz ist zudem die Folge der aktiven Pflege von Elementen in der Kultur, die ihr Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit verleihen. In der Regel handelt es sich dabei um Kulturelemente, die sich über lange Zeiträume hinweg auch in schwierigen Zeiten bewährt haben. Gemäß dem Böckenförde-Diktum ist ein freiheitlicher Staat auf das Wirken nichtstaatlicher Akteure angewiesen, um solche kulturellen Grundlagen seines Bestehens zu schützen und zu bewahren.

Ein kulturell resilientes Gemeinwesen verfügt über eine Kultur, die mit dem Ernstfall rechnet, die Auseinandersetzung mit ihm bejaht und aus ihm innerlich gestärkt hervorgeht. Ein solches Gemeinwesen bewältigt Veränderungen und Krisen, ohne seine kulturelle Identität zu verlieren. Es geht aus Krisen stärker heraus, als es in sie hineingegangen ist, weil es aus ihnen lernt und die Krise nutzt, um innere Schwächen zu erkennen und abzustellen. Es verfügt zudem über eine Kultur, die auf die Bewältigung von Krisen ausgerichtet ist.

2. Kulturelle Resilienzfaktoren

Kulturelle Resilienzfaktoren sind die kulturellen Eigenschaften eines Gemeinwesens, die dieses belastbar gegenüber Herausforderungen machen. Sie ermöglichen es ihm, schwierige Zeiten zu überstehen und sich immer wieder zu erneuern. Sie verleihen dadurch einem Gemeinwesen Dauer.

2.1 Dem Gemeinwohl dienende Eliten

(Weiterlesen: Die Eigenschaften guter Eliten)

2.2 Die Fähigkeit zum Erkennen von Bedrohungen und Herausforderungen

Eine resilientes Gemeinwesen muss Herausforderungen möglichst frühzeitig und vollständig erkennen, um ihnen angemessen begegnen zu können.24 Der Unwille, Bedrohungen, Herausforderungen und Konflikte wahrnehmen zu wollen und diese Schwäche zu einem Ausdruck moralischen Denkens zu erklären, kann gravierende negative Folgen für eine Gesellschaft haben. Mit diesem Unwillen ist oft auch eine Abwertung männlicher, heroischer und asketischer Tugend verbunden, die diesem Denken bestenfalls als überflüssig erscheint. Wer Verantwortung für ein Gemeinwesen trägt, darf sich diese Schwäche jedoch nicht leisten.

Der Geograph Jared Diamond untersuchte historische Beispiele dafür, wie Staaten existenzielle Krisen bewältigt haben. Er betonte, dass dies nur dort möglich gewesen sei, wo Krisen überhaupt als solche wahrgenommen und erkannt worden seien. Nicht allen der durch den Autor untersuchten Gemeinwesen sei dies rechtzeitig gelungen, was wesentlich zu deren Scheitern beigetragen habe. Diamond zufolge gebe es eine destruktive Tendenz in der Natur des Menschen zur Überschätzung seiner eigenen Stärke sowie dazu, Krisen zu leugnen und Herausforderungen zu unterschätzen.25

2.3 Der Wille zur aktiven Bewältigung von Herausforderungen

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2.4 Intakte Bindungen

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2.5 Intakte kulturelle Institutionen

Zu diesen Institutionen zählen vor allem die Familie und die Kirche, aber auch Schulen und Universitäten.

2.6 Resiliente kulturelle Identität

Unter den von Shalom Salomon Wald identifizierten Faktoren, die für die Kontinuität einer Kultur ausschlaggebend seien, sei die Pflege von Identität und Tradition der wichtigste. Durch die Globalisierung würden jedoch Identität und Tradition vieler Kulturen herausgefordert. Dies betreffe auch das Judentum. Da jede Hochkultur einen religiösen Kern habe und die Bindung jüdischer Kultur an ihren religiösen Kern besonders ausgeprägt sei, verfüge das Judentum jedoch über vergleichsweise günstige Voraussetzungen für kulturellen Erfolg auch unter den Bedingungen der Moderne. Dennoch stelle es auch für das Judentum eine Herausforderung dar, den Erhalt und die Pflege des religiösen Identitätskerns mit den Anforderungen des Lebens in modernen Gesellschaften zu vereinbaren.

Was das Judentum als Kultur angehe, würden dessen religiöse Besonderheiten auf die folgende Weise zu dessen Kontinuität beitragen:

  • Die spezifisch jüdische Verbindung aus religiöser Praxis, geteilter Geschichte und Betonung von historischer Erinnerung sowie Glaube schaffe starke Bindungen und errichte zudem Grenzen, die der Assimilation von Juden in andere Kulturen entgegenwirkten. Je ausgeprägter diese Grenzen seien, desto höher seien die Hürden für eine Anpassung an eine umgebende fremde Kultur und somit für eine Auflösung der eigenen Kultur. Dies beträfe auch säkulare Kultur moderner Gesellschaften. Druck von außen könne solche Bindungen noch weiter stärken.
  • Das Judentum habe zudem starke Bindungen durch seine Funktion als Solidargemeinschaft geschaffen, die insbesondere in schwierigen Zeiten zuverlässig funktioniere und der Auflösung von Bindungen entgegenwirke.
  • Weiterhin sei es im Vergleich zu anderen Religionen eine Stärke des Judentums gerade unter den Bedingungen der Moderne, dass es Zugehörigkeit stark über kulturelle Praxis definiere und weniger stark über Glauben. Bindungen an das Judentum könnten so auch dann aufrechterhalten werden, wenn eine Person nicht oder nur schwach gläubig sei. So könne man sich auch aus der rationalen Einsicht heraus, dass die eigene Zukunft davon abhänge, zum Judentum bekennen. Wald betont dabei, dass Eliten im Judentum häufig über eine starke Glaubensbindung verfügen würden und nicht nur aus rationalen Erwägungen daran festhielten.
  • Das Judentum stärke zudem Bindungen durch die Vermittlung eines besonderen Sendungsbewusstseins bzw. eines historischen Auftrags. Dies gebe der eigenen Kultur einen Sinn, der über ihren bloßen biologischen Fortbestand hinausreiche. Eine Stärke des Judentums sei zudem seine ausgeprägte Betonung von historischer Erinnerung. Die in der Gegenwart ggf. geforderten Opfer fielen leichter, wenn man sich der Tatsache bewusst sei, dass man Teil einer Kette von Generationen sei, die häufig noch größere Opfer gebracht und größere Herausforderungen zu bewältigen gehabt hätten.

Progressive religiöse Strömungen, die eigene Besonderheiten weniger stark betonen, seien als Träger kultureller Kontinuität Wald zufolge ungeeignet, da sie sich langfristig an ihre Umfelder anpassen und dadurch auflösen würden.26

Der Geograph Jared Diamond untersuchte historische Beispiele dafür, wie Staaten existenzielle Krisen bewältigt haben. Dabei betont er die Bedeutung des Faktors der kulturellen Identität, die wesentlichen Einfluss darauf habe, ob und wie gut ein Gemeinwesen solche Lagen meistern könne.

  • Die kulturelle bzw. die nationale Identität eines Gemeinwesens stelle eine wichtige Ressource für die Bewältigung von Krisen dar. Diese Identität beruhe auf geteilter Sprache, Kultur und Geschichte seiner Mitglieder sowie auf gemeinschaftlich erbrachten Leistungen und der Erinnerung an in der Vergagenheit bewältigte Krisen. Sie beinhalte es, „stolz auf die bewundernswerten Dinge zu sein, die für eine Nation charakteristisch und einzigartig sind“.27
  • Der Faktor der kulturellen Identität habe in allen von ihm in seinem Buch untersuchten Beispielen „in hohem Maße zur Krisenbewältigung beigetragen“. Dieser Faktor habe Gesellschaften in Kriegen etwa den Mut verliehen, „machtvollen Bedrohungen von außen die Stirn zu bieten, und den Bürgern die Kraft, Entbehrungen und Erniedrigungen zu überleben und persönliche Opfer für ihre Nation zu bringen“. Nach Niederlagen habe dieser Faktor es Gemeinwesen ermöglicht, deren Folgen zu überleben.28
  • Ein krisenfestes Gemeinwesen pflege daher seine kulturelle Identität und „nationale Mythen“, d. h. auf historischen Tatsachen beruhende Erzählungen, die den höheren Sinn der Existenz dieses Gemeinwesens sowie seine unter Beweis gestellte Fähigkeit beschrieben, auch größte Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können.29
  • In einem Gemeinwesen geteilte „nationale Grundwerte“ könnten die Bewältigung von Krisen sowohl erleichtern als auch erschweren. Diese Werte beinhalteten vor allem gemeinsame Vorstellungen darüber, welche Ideale und Güter für so bedeutend gehalten würden, dass für ihre Erhaltung und Bewahrung Opfer erbracht werden müssten. Dabei könne es sich um verschiedene Dinge handeln, etwa um nationale Unabhängigkeit, aber auch um den Erhalt der Kultur oder bestimmter Institutionen. Für die Bewältigung von Krisen nachteilig seien Ideale und Werte, deren Sicherstellung die Fähigkeiten eines Gemeinwesen übersteige.30

2.7 Innovationsfähigkeit

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3. Die Notwendigkeit eines Institutes für kulturelle Resilienz

Ob ein Gemeinwesen kulturell resilient ist, hängt vor allem von nichtstaatlichen Akteuren ab. Ein Institut für kulturelle Resilienz kann zur kulturellen Resilienz eines Gemeinwesens beitragen, indem es die kulturellen Bestände erschließt und pflegt, die es krisenfest machen, und diese Bestände an gesellschaftliche Akteure vermitteln. Außerdem kann ein solches Institut Bedrohungen und Risiken für die Kontinuität eines Gemeinwesens analysieren und so dazu beitragen, dass es diesen wirksam begegnen kann.

3.1 Abendländische Weltanschauung als Grundlage

Die abendländische Weltanschauung umfasst ein Erfahrungswissen, das über mehr als zweieinhalb Jahrtausende hinweg gewonnen wurde. In dieses Wissen floss vor allem das ein, was in Krisen Bestand hatte. Diese Weltanschauung ist daher in besonderem Maße dazu geeignet, zur Krisenfestigkeit eines Gemeinwesens beizutragen.

Die christlich-abendländische Kultur verwirklicht sich auf politischer Ebene unter anderem in einem bestimmten Verständnis des Gemeinwohls sowie in der der Stärkung von Solidarität, Subsidiarität und dem Schutz der Menschenwürde. Indem sich diese Kultur entfaltet, wird sie zugleich resilienter, wie etwa am Beispiel der Solidarität erkennbar ist: Je stärker der Zusammenhalt in einem Gemeinwesen ist, desto krisenfester ist es auch. Eine auf dieser Kultur beruhende Gesellschaft kann zugleich mit geringem Risiko immer größere Ziele anstreben, weil sie bei ihrer Entwicklung dem Traditionsprinzip folgt und auf dem festen Boden des Bewährten und Erprobten steht.

Die folgenden Konzepte christlich-abendländischer Weltanschauung stärken die Resilienz eines Gemeinwesens und seiner Institutionen:

  • Die Krisenerwartung christlicher Weltanschauung, welches grundsätzlich von der Möglichkeit krisenhafter Entwicklungen und Verläufe im Weltgeschehen ausgeht;
  • Die christliche Kardinaltugend der Klugheit, welche die Fähigkeit zum wirklichkeitsgerechten Erkennen von Lagen beschreibt;
  • Das Traditionsverständnis christlicher Weltanschauung, das evolutionäre Anpassungsprozesse auf der Grundlage von Erprobung gegenüber revolutionären, auf theoretischen Entwürfen beruhenden Innovationen bevorzugt;
  • Das Solidaritätsprinzip der christlichen Soziallehre, das die Stärkung gesellschaftlicher Bindungen anstrebt;
  • Das Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre, das dezentrale, lokale Strukturen gegenüber größeren Strukturen bevorzugt;
  • Traditionelle, Selbstkontrolle betonende Konzepte christlicher Lebensführung, deren Regeln bzw. Verbote nach Taleb erprobte Heuristiken bzw. einfache Strategien für wirksame individuelle Risikoprävention darstellen.

Quellen

  1. Elisabeth Lukas: Von der Trotzmacht des Geistes. Menschenbild und Methoden der Logotherapie, Freiburg i. Br. 1986.
  2. C. S. Holling: „Resilience and Stability of Ecological Systems“, Annual Review of Ecology and Systematics, Vol. 4 (1973, S. 1-23, hier: S. 14.
  3. Shaul Kimhi/Yohanan Eshel: „Individual and Public Resilience and Coping with Long Term Outcomes of War“, Journal of Applied Behavioral Research, Nr.  14 (2009). S. 70-89.
  4. Andreas Reckwitz: „Die neue Politik des Negativen“, Der Spiegel, 06.03.2021.
  5. Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen, München 2013.
  6. Robert Chambers: „Editorial Introduction: Vulnerability, Coping and Policy“, IDS Bulletin, Vol. 20, No. 2 (April 1989), S. 1-7.
  7. Markus Keck/Patrick Sakdapolrak: „What is social resilience? Lessons learned and ways forward“, Erdkunde, Vol. 67, No. 1 (2013), S. 5-19.
  8. Keck/Sakdapolrak 2013, S. 10-13.
  9. „Lesson 1. Critical Infrastructure Resilience“, improverproject.eu. o. D.
  10. Kirsten Maclean/Michael Cuthill/Helen Ross: „Six attributes of social resilience“, Journal of Environmental Planning and Management, Vol. 57, No. 1 (2014), S. 144-156.
  11. Christian Fjäder: „The nation-state, national security and resilience in the age of globalisation“, Resilience, Vol. 2., No. 2 (2014), S. 114-129, hier: S. 114-115.
  12. Nehemia Friedland: ‘‘Introduction. The ‚Elusive‘ Concept of Social Resilience,’’ in: Asher Arian et al. (Hrsg.): The Concept of Social Resilience, Haifa 2006, S. 7-10.
  13. Daphna Canetti/Israel Waismel-Manor/Naor Cohen/Carmit Rapaport: „What Does National Resilience Mean in a Democracy? Evidence from the United States and Israel“, Armed Forces & Society, Vol. 40, Nr. 3 (2014), S. 504-520, hier: S. 506.
  14. Meir Elran: „National Resilience as the Focus of Counter-Terrorism: The Israeli Case“, in: Thomas Würtenberger et al. (Hrsg): Innere Sicherheit im europäischen Vergleich: Sicherheitsdenken, Sicherheitskonzepte und Sicherheitsarchitektur im Wandel, Berlin 2012, S. 193-202, hier: S. 196.
  15. „Sicherheit und Resilienz – Resilienz von Organisationen – Grundsätze und Attribute“, ISO 22316:2017-03, März 2017.
  16. BS 65000:2014 Guidance on organizational resilience.
  17. Douglas Paton/Rosemary Hill: „Managing Company Risk and Resilience Through Business Continuity Management“, in: Douglas Paton/David Johnston (Hrsg.): Disaster Resilience. An Integrated Approach, Springfield 2006, S. 249-266.
  18. National Intelligence Council (Hrsg.): „Global Trends. Paradox of Progress“, Washington D. C., Januar 2017, S. 67.
  19. Robert D. Putnam: „Bowling alone. America’s declining social capital“, Journal of Democracy, Vol. 6, No. 1 (1995), S. 65–78.
  20. Frank Furedi: „The changing meaning of disaster“, Area, Vol. 39, No. 4 (2007), S. 482-489.
  21. Jared Diamond: Kollaps, Frankfurt am Main 2005, S. 29.
  22. Caroline S. Clauss-Ehlers: „Re-inventing Resilience: A Model of ‚Culturally-Focused Resilient Adaptation‘“, in: Dies./Mark D. Weist: Community Planning to Foster Resilience in Children, New York et al. 2004, S. 27–44.
  23. Shalom Salomon Wald: Rise and Decline of Civilizations: Lessons for the Jewish People, Jerusalem 2014, S. 374 ff.
  24. „Sicherheit und Resilienz – Resilienz von Organisationen – Grundsätze und Attribute“, ISO 22316:2017-03, März 2017.
  25. Jared Diamond: Krise. Wie Nationen sich erneuern können, Frankfurt am Main 2019, S. 399-401.
  26. Shalom Salomon Wald: Rise and Decline of Civilizations: Lessons for the Jewish People, Jerusalem 2014, S. 162 ff.
  27. Jared Diamond: Krise. Wie Nationen sich erneuern können, Frankfurt am Main 2019, S. 406.
  28. Ebd., S. 407.
  29. Ebd. S. 408.
  30. Ebd., S. 416-417.