Stand: 14.12.2020

1. Einleitung

Das Christentum wird herausgefordert, seitdem es existiert. Die Kirche ist die älteste lebendige Institution der Menschheitsgeschichte und wird nach christlicher Überzeugung bis zum Ende der Zeit bestehen. Laut dem Historiker Christopher Dawson ist eine Abfolge von Krise und Erneuerung kennzeichnend für die abendländische Geschichte. Das Christentum sei aus jeder dieser Krisen gestärkt hervorgegangen, weil die Krisen vorwiegend die schwachen Elemente in der Kirche zerstört hätten, während das, was stark in ihr war, überlebt habe. Romano Guardini nannte Benedikt von Nursia, der die Klöster gründete, in denen das Christentum und das Erbe der Antike den Untergang des Römischen Reiches überstanden, als Beispiel dafür, wie Christen in Krisenzeiten „das Chaos zur neuen Gestalt bewältigen“ konnten.

Die gegenwärtigen und die absehbaren bevorstehenden Herausforderungen liegen außerdem trotz ihrer gravierenden Natur noch innerhalb des bekannten Rahmens dessen, womit das Christentum in seiner Geschichte immer wieder konfrontiert worden ist. Auf der spanischen Halbinsel und in Teilen Südosteuropas überdauerte das Christentum Jahrhunderte der islamischen Herrschaft und in Osteuropa überdauerte und überwand es auch die Herrschaft totalitärer Ideologien.

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin ging trotz seiner ansonsten negativen Bewertung der kulturellen Entwicklung von der Möglichkeit einer Erneuerung westlicher Gesellschaften aus. Da die Seele des Menschen und das Heilige nicht verschwinden würden, wenn man ihre Existenz leugne, würden moderne Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen, je mehr sie sich durchsetzen. Eine allgemeine und umfassende „Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation“ sei möglich, wenn geistige Eliten sich in westlichen Gesellschaften wieder dem „heroischen Abenteuer der Seele, das Christentum heißt“, zuwenden würden.

1.1 Kulturelle Kontinuität und Erneuerung als christliche Aufträge

Der Christ versteht sich dem Politikwissenschaftler Russell Kirk zufolge als Hüter eines Erbes, das er intakt an die nach ihm kommende Generation zu übergeben hat sowie . als „Wächter des Erbes der Zivilisation“.1 Er strebt außerdem danach, in der Kultur den Geist zu bewahren, aus dem sie und alle ihre guten Werke gewachsen sind und der diese immer wieder erneuert.2 Diesen als Forderung Gottes zu verstehenden Auftrag hat auch der Prophet Jesaja niedergeschrieben:

„Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.“

Papst Johannes Paul II. sagte, dass der christliche Auftrag zur Sicherstellung kultureller Kontinuität in Europa eine Konsequenz aus dem Vierten Gebot sei, das es Christen aufträgt, Vater und Mutter zu ehren. Das angenommene Erbe verbinde den Menschen „fest mit denen, die es ihm übertragen haben und denen er soviel verdankt“ und verpflichte ihn dazu, dieses Erbe zu pflegen und weiterzugeben. Christen müssten „alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern.“ Dieser Auftrag sei von besonderer Bedeutung in europäischen Gesellschaften, die „ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen.“ Das christliche Erbe sei ein „Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben.“3

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) erklärte, dass Christen nach Wegen suchen müssten, die „innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen“. In „den gewaltigen Umbrüchen unserer Zeit“ müsse nach einer „Identität Europas, die Zukunft hat“ gesucht werden. Europa brauche eine neue „Annahme seiner selbst, wenn es überleben will.“ Wenn diese Aufgabe nicht geleistet werde, dann „verleugnen wir die Identität Europas – und versagen den Anderen einen Dienst, auf den sie Anspruch haben.“  In einem von utopischen Ideologien geistig und kulturell zerstörten Europa müssten Christen als „schöpferische Minderheit“ wirken, um es zu erneuern.

1.2 Strategie als Auftrag christlicher Laien

Der Fachgruppe 3 des Instituts geht es darum, zur Formulierung einer Strategie für die Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in Europa beizutragen. Strategie wird hier als das planvolle Anstreben eines Ziels bzw. einer nachhaltig vorteilhafteren Lage gegen den Widerstand eines intelligenten Gegenübers verstanden.

Eine Strategie fragt immer zunächst nach dem Ziel um dann einen Weg festzulegen, wie dieses Ziel erreicht werden kann und einzelne Maßnahmen festzulegen, die Schritte auf dem Weg zu diesem Ziel darstellen. Um strategisch handeln zu können, muss zunächst die eigene Lage verstanden werden. Ändert sich die Lage, muss auch die Strategie angepasst werden.

Die katholische Kirche hat es u. a. den Laien aufgetragen entsprechend tätig zu werden. Sie sollen nach den „Zeichen der Zeit“ forschen und haben den Auftrag, „die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“4. Sie haben außerdem den Auftrag, sich durch dienende Taten der Nöte des Volkes Gottes anzunehmen5 und in diesem Dienst ihre besonderen Fähigkeiten, ihr Fachwissen und ihre Erfahrungen einzusetzen.6

2. Strategische Annahmen

Der vorliegende Strategieentwurf beruht auf den unten beschriebenen strategischen Annahmen über die künftige Entwicklung des Umfelds, in dem sich das Christentum in Europa bewegt, sowie über die damit verbundenen Erfordernisse für das eigene Handeln.

2.1 Das strategische Umfeld wird für Christen in Europa ungünstiger werden

Aufgrund der demographischen Entwicklung, Migration und abnehmender Stärke religiöser Bindungen unter Christen werden diese in den kommenden Jahrzehnten schrittweise zu einer Minderheit neben anderen werden, die Christen und dem Erbe des Christentums gegenüber nicht immer freundlich gesinnt sein werden. In der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Menschen erscheint das Christentum als fremdartig, unverständlich oder rückständig. Diese Wahrnehmung wird von unzutreffenden Darstellungen über das Christentum, aber auch von Fehlentwicklungen innerhalb des Christentums geprägt. Die derzeit noch vorhandene christliche Prägung von Teilen der Kultur wird in den kommenden Jahren zunehmend verschwinden.

  • Öffentliche Präsenz und öffentliches Handeln von Christen werden vor diesem Hintergrund immer stärker auf Ablehnung in Widerstand stoßen. In Deutschland, Westeuropa und den USA wird man mittelfristig wahrscheinlich nicht mehr konsequent christliche Positionen vertreten und gleichzeitig Teil dessen sein können, was als die Mitte der Gesellschaft wahrgenommen wird.
  • Gleichzeitig führen zunehmende Verfalls- und Auflösungserscheinungen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens werden dazu, dass die allgemeine Instabilität und das Krisenpotenzial in Europa stetig zunehmen. Die verbliebene kulturelle Substanz in Europa ist mittlerweile zu schwach geworden, um solche Entwicklungen noch abzuwenden. Auch politische Akteure und politisches Handeln können diese Entwicklung, die im Kern kulturelle Ursachen hat, nicht mehr abwenden, sondern allenfalls noch verzögern. Dies wird mittelfristig wahrscheinlich mit einer Serie konvergierender Krisen verbunden sein, die das Umfeld für Christen in Europa zusätzlich und möglicherweise über einen sehr langen Zeitraum anhaltend verschlechtern werden.

2.2 Die Kirche in Deutschland ist nicht resilient gegenüber den zu erwartenden Herausforderungen

Keine der christlichen Konfessionen in Europa ist derzeit auf die oben beschriebenen Entwicklungen vorbereitet oder dazu in der Lage, ihnen zu begegnen. Die christlichen Kräfte sind vor allem im deutschsprachigen Raum fragmentiert. Insbesondere die auf starken religiösen Bindungen und Treue zur jeweiligen Tradition beruhenden Akteure, die als Träger einer kulturellen Erneuerung in Frage kommen, neigen z. T. dazu, mit anderen christlichen Akteuren kaum zusammenzuarbeiten. Dies erfordert einen dezentralen Ansatz und eine Koordination durch Akteure, die in ihrem Lager anerkannt sind, aber keine Vorbehalte haben, mit Christen anderer Konfessionen und Strömungen zusammenzuarbeiten.

2.3 Kleine christliche Gemeinschaften als Träger kultureller Erneuerung

Joseph Ratzinger schrieb 1996, dass kulturelle Erneuerung wahrscheinlich von kleinen christlichen Gemeinschaften ausgehen werde:

„Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.“7

Laut Kardinal Walter Kasper könne „nur die gelebte Botschaft überzeugen“. Daher komme „heute kleinen Gruppen, die man auch als kreative Minderheiten bezeichnen kann, große Bedeutung zu“. Diese Gruppen könnten „einzelne Familien, kleine Gemeinschaften, geistliche Zentren und Klöster sein“, die auch in der Vergangenheit „in kritischen Übergangszeiten wichtige Kulturträger und Zellen“ gewesen seien, „aus denen neues christliches Leben hervorgegangenen“ sei. Zellen könnten auch künftig „zu Biotopen werden für eine neue Kultur und einen neuen Stil des Lebens“, solange sie nicht verweltlichten, sondern „ihre ureigene Berufung zu einem radikalen und zugleich ganzheitlichen Christsein leben“. Gerade davon, dass der Weg dieser Gruppen nicht der der Masse ist, könne „neue Ausstrahlung und Anziehungskraft ausgehen“. Die Kirche könne „ihren Beitrag zu einer Erneuerung der Kultur vor allem dadurch leisten, dass sie solche Oasen und Biotope anregt, sie ermutigt und ihnen Raum gibt, in denen die christliche Alternative […] überzeugend erfahren werden kann“. Dadurch könne die Kirche „einen Beitrag für den Fortbestand und die Erneuerung einer wahrhaft menschlichen Kultur“ leisten.8

2.4 Langfristiges Denken und Handeln ist erforderlich

Sowohl die Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in Europa als auch die Erneuerung Europas im Geist des Christentums sind langfristig orientierte Aufgaben, die über viele Generationen hinweg zu leisten sind. Sie zu erfüllen setzt voraus, in langen Zeiträumen zu denken und dazu bereit zu sein, die Wirkungen des eigenen Handelns selbst nicht mehr zu sehen.

2.5 Christliche Kontinuität und Erneuerung werden nicht primär durch das Handeln von Menschen bewirkt

George Weigel wies darauf hin, dass das Christentum ein Werk Christi sei, „der die Kultur des Westens über Jahrhunderte hinweg geformt hat“.9

Der Politikwissenschaftler und Naturrechtsexperte J. Budziszewski schrieb, dass Christen davon ausgehen müssten, dass nur Gott die Lage und das Ziel sowie die Auswirkungen des Handelns von Menschen vollständig erkenne. Christen seien in diesem Kampf nur Soldaten und nicht Generale, die das gesamte Schlachtfeld überblicken könnten. Für Christen käme es in der gegenwärtigen Lage darauf an, ihre Pflicht im Gehorsam gegenüber Gott zu tun und ein christliches Leben zu führen. Auch ein Benedikt von Nursia habe keine Strategie zur Erneuerung Europas verfolgt, sondern planmäßig daran gearbeitet, Schulen christlichen Lebens und Orte christlichen Dienstes zu schaffen.10 Ähnlich äußerte sich der Philosoph Edward Feser. Die christliche Erneuerung der abendländischen Zivilisation setze voraus, dass jeder, der für diese Erneuerung eintrete, sich zunächst zu einem christlichen Leben entschließe, das von religiöser Orthodoxie, großen Familien und der Pflege des abendländischen Kulturerbes im eigenen Leben geprägt sei.11

3. Strategische Maßnahmen

3.1 Sammlung, Festigung und Vernetzung kulturtragender Kräfte

Dem damaligen Kardinal Ratzinger zufolge hätten Christen den Auftrag, in einem von utopischen und postmodernen Ideologien geistig und kulturell zerstörten Europa als „schöpferische Minderheit“ zu wirken und es im Geist des Christentums kulturell zu erneuern. Er entwarf in diesem Zusammenhang die Grundlagen einer Strategie, die sich auf Netzwerke aus im Glauben gefestigten „scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen“ stützt, die „intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen“.12

Laut dem Kirchenhistoriker Robert Louis Wilken müsse es in der gegenwärtigen Lage zunächst darum gehen, „die Überreste christlicher Kultur zu verstehen und zu verteidigen“ und sie sich anzueignen. Die kulturellen Bestände des Christentums beinhalteten „eine Weisheit, die einfachen Gläubigen dabei helfen kann, sich inmitten der modernen Welt zum Kampf zu rüsten, das neue Dunkle Zeitalter nicht bloß durchzustehen, sondern sogar in ihm aufzublühen“.13

Dem evangelischen Philosophen Günther Rohrmoser zufolge gebe in Deutschland eine medial kaum sichtbare Minderheit von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, die als Träger einer christlichen Erneuerung dienen könnte. Dieses Potenzial müsse zunächst gesammelt und gefestigt werden. Es gehe darum, eine „parallele öffentliche Meinung zu bilden, die sich der Dekadenz der spätmodernen Kultur bewusst ist, dagegen Widerstand leistet und davon überzeugt ist, über die Möglichkeit einer Heilung zu verfügen“.14

Der Philosoph Alasdair MacIntyre hatte in den 1980er Jahren die kulturelle Krise des Westens aus moralphilosophischer Sicht analysiert und das Scheitern moderner und postmoderner Ideologien und der darauf beruhenden Gesellschaften vorhergesagt. MacIntyre sprach in diesem Zusammenhang vor einer „heraufziehenden Zeit der Barbarei“, in der jene, die das Gute bewahren wollten, dies nur als Akteure einer Gegenkultur tun könnten, die sich in einem schwierigen Umfeld behaupten werden müsse. Die gegenwärtige Lage der westlichen Welt ähnele der in der Endphase des Römischen Reiches, wo Reformen aussichtslos gewesen seien. In dieser Lage sei der heilige Benedikt hervorgetreten. Sein Vorgehen habe darin bestanden, „neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen, in denen das moralische Leben aufrechterhalten werden konnte, so daß Moral und Zivilisation die heraufziehende Zeit der Barbarei und Finsternis überleben konnten.“ Dies sei auch der geeignete Ansatz zur Bewältigung der bevorstehenden Verwerfungen in der westlichen Welt:

„Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einer ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelsohne völlig anderen Benedikt.“

3.2 Bildung einer alternativen Kultur

In den vergangenen Jahrhunderten war das Christentum die dominierende kulturelle Kraft in westlichen Gesellschaften, weshalb sich konservative Christen im Rahmen des kulturellen Konsenses dieser Gesellschaften bewegten bzw. diesen definierten. Der Großteil des Handelns christlicher Konservativer habe laut Rod Dreher in der Vergangenheit daher darin bestanden, als Teil politischer und kultureller Eliten die Kultur und Ordnung christlicher Gesellschaften zu schützen und zu verteidigen. Dies habe sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch geändert. Diese Gesellschaften würden nun von anderen Eliten und nicht-christlichen Ideologien geprägt. Konservative Christen würden unter diesen Bedingungen künftig nicht mehr als Verteidiger des Status Quo agieren können, sondern müssten diesem Widerstand leisten.

Liberale Tendenzen in der Kirche seien auch Folge von Versuchen des christlichen Bürgertums, in den sich zunehmend von ihren christlichen Wurzeln entfernenden Gesellschaften Teil des kulturellen Konsenses und dessen zu bleiben, was in Deutschland als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet wird. Dieser Weg führe jene, die ihn gingen, jedoch immer weiter vom Kern des Christentums weg und werde in ihrer Assimilation in modernen Ideologien enden.

Wer am zeitlos Wahren festhalte, fände sich zunehmend in einer gesellschaftlichen Randposition wieder. Unter den künftigen Bedingungen werde man als Christ daher bewusst eine Gegenposition einnehmen müssen, weil die Akzeptanz durch die neuen gesellschaftlichen Eliten und den von ihnen definierten kulturellen Konsens nur um den Preis der Aufgabe des eigenen Christseins möglich sein werde.

Für konservative Christen bedeute dies, dass sie stärker als bisher dazu bereit sein müssten, „Zeichen des Widerspruchs gegen die moderne Welt“ zu setzen und die Distanz gegenüber der sie umgebenden Welt zu betonen. Um für die Menschen in zerfallenden Gesellschaften da sein zu können, müssten Christen sich von diesen Gesellschaften und ihrer Kultur deutlich unterscheiden und „denen, die zu uns kommen, eine neue und entschieden andere Lebensweise bieten“.

3.2.1 Anforderungen an ein resilientes Christentum in säkularen Gesellschaften
  • Intakte Familien mit hohen Kinderzahlen, innerhalb derer das Christentum an die Kinder weitergegeben wird;
  • Solidarstrukturen, die Familien und christliches Leben unterstützen;
  • Unverzichtbarkeit für die umgebende Gesellschaft, z. B. durch Tätigkeiten von Christen in gesellschaftlich anerkannten Funktionen, die nicht im Widerspruch zu den Erfordernissen christlichen Lebens stehen und für das Funktionieren einer Gesellschaft notwendig sind;
  • Fähigkeit, Ressourcen zu mobilisieren, die zur Sicherstellung christlichen Lebens benötigt, werden, etwa finanzielle Ressourcen oder Zugang zu sympathisierenden politischen Entscheidungsträgern sowie Vertretern der Medien;
  • Bündnisse mit nichtchristlichen Akteuren, die ähnliche Interessen haben und gemeinsame Anliegen unterstützen.

3.3 In der Krise bereit sein und handeln

Der Historiker David Engels beschrieb auf der Grundlage seiner Forschung über den Verlauf von Zivilisationskrisen einen möglichen Weg der kulturellen Erneuerung Europas. Auf dem Höhepunkt dieser Krisen seien jeweils die Ideologien, die für sie verantwortlich waren, in der Wahrnehmung vieler Menschen diskreditiert gewesen. Diese Menschen hätten dann nach weltanschaulichen Alternativen zu diesen gescheiterten Ideologien gesucht und weitreichende Reformen zur Überwindung der Krise unterstützt.

In Kulturen, die Krisen dieser Art überlebten, seien an diesem Punkt traditionsorientierte und konservative religiöse Akteure hervorgetreten, die entweder eine spirituelle und damit auch kulturelle Erneuerung bewirkt hätten oder der jeweiligen Kultur zumindest eine Atempause verschafft hätten. Der Erfolg solcher Akteure hänge davon ab, wie stark die Ermattungskräfte in einer Kultur bereits ausgeprägt seien. Im ungünstigsten Fall könne eine solche Erneuerungsbewegung den Untergang einer Kultur nur noch verzögern, so wie „der spätrömische Senatsadel inmitten einer ihm fremd gewordenen Gesellschaft nur noch die Reste vergangener Größe konserviert“ habe.

Die sich abzeichnenden Verwerfungen würden ein „rasches, geeintes und weit vorausplanendes Handeln“ der Akteure erfordern, die für die Kontinuität des Christentums in Europa bzw. des christlichen Europas eintreten. Die „christliche Reform, welche der gegenwärtigen Islamisierung und Säkularisierung immer weiterer Teile der abendländischen Gesellschaft Widerstand leisten möchte“, müsse bereits jetzt vorbereitet werden, damit auf dem Höhepunkt der Krise gehandelt werden könne. Historische Beispiele würden zeigen, dass dieses Vorhaben erfolgreich sein könne:

„Sollte der Geist kultureller Selbsterhaltung […] noch stark genug sein, nach der kommenden Niedergangsphase den Wiederaufbau wesentlich mitzuprägen, könnte dies weit in die Zukunft wirkende, positive Konsequenzen für den Status des Christentums haben.

Dies erfordert schon heute eine ebenso mutige wie nuancierende Stellungnahme seitens all jener, denen der Geist des Abendlands am Herzen liegt. […] Nur das positive Bekenntnis zur eigenen Kultur mit all ihren Höhen und Tiefen und insbesondere zum historisch begründeten Ehrenvorrang des abendländischen Christentums als des seelischen basso continuo der europäischen Geschichte könnte es vermögen, der Ausbreitung des Fremden nicht etwa sterile Opposition, sondern vielmehr die Vorbildhaftigkeit der eigenen Überzeugung entgegenzusetzen.“15

Laut Günther Rohrmoser würden die gegenwärtig dominierenden Ideologien die Lage, in der sie sich bewegen und die sie schaffen, weder verstehen, noch Antworten auf die sich in diesem Zusammenhang ergebenden Fragen geben können. Globalisierungs- und Migrationsfolgen würden zu einer Zuspitzung der allgemeinen Lage führen, was politische Wendebedingungen erzeuge. In dieser Lage werde es darauf ankommen, dass eine christliche Bewegung vorhanden ist, welche die nötigen Antworten geben können und zugleich verhindern müsse, dass problematische Alternativen sich durchsetzen.16

Dreher betont ausdrücklich, dass die von ihm beschriebene Strategie nicht mit einem „Rückzug ins Ghetto“ verbunden sei. Jesus Christus habe nicht den Rückzug befohlen, sondern die Jünger in Einsätze „mitten unter die Wölfe“17 entsandt:

„Angriff ist die beste Verteidigung. Man verteidigt sich, in dem man attackiert […]. Greifen wir an, indem wir Gottes Königreich vergrößern – zuerst in unseren Herzen, dann in unseren Familien, und dann in der Welt. Ja, man benötigt Grenzen, aber es ist unsere Pflicht, diese Grenzen nicht dort zu belassen, wo sie sind. Wir müssen sie ausweiten, Territorium hinzugewinnen, immer weiter.“18

Christen müssten ihren Dienst an den Menschen gerade dann versehen, wenn die Bedingungen schwierig seien. Es gehe darum, „die reale Welt zurückzuerobern“, sie von den Problemen „des modernen Lebens zu befreien“ und die „große Lüge der Moderne“, nämlich ihren den Menschen zerstörenden Materialismus, zu überwinden.

Dreher beschreibt somit keinen Rückzug bzw. kein Ausweichen, sondern die Schaffung befestigter Stützpunkte, von denen aus besser in die Welt hineingewirkt werden kann. Er zitiert einen benediktinischen Mönch, der diese Stützpunkte als „Insel der Heiligkeit und Beständigkeit“ in einer Welt des Chaos beschreibt.

Dreher zufolge seien die durch die christliche Gegenkultur errichteten Grenzen gegenüber der umgebenden Welt nicht dazu da, um sich hinter ihnen zu verstecken. Diese Grenzen sollten vielmehr Räume schaffen, in die die schlechten Kräfte dieser Welt weniger hineinwirken könnten, so dass Christen in ihnen für ihren Dienst stark werden könnten. Auch die Klöster des frühen Mittelalters, die der hl. Benedikt gründete, waren keine Orte der Weltflucht, sondern Schulen des Dienstes, die Männer hervorbrachten, die das sie umgebende Chaos mit der Hilfe Gottes bekämpften.

Dreher knüpft hier an Gedanken Joseph Ratzingers (Papst Benedikt XVI.) an, der 1970 beschrieben hatte, wie kleine christliche Gemeinschaften, die sich innerlich von „falschen Progressismen“ befreit hätten, nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien den Wiederaufbau der von ihnen zerstörten westlichen Welt beginnen könnten. Die Menschen dieser innerlich und möglicherweise auch äußerlich verwüsteten Welt würden dann „die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken […] als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.“19

Erzbischof Georg Gänswein bezeichnete die „Benedikt-Option“ als einen geeigneten Ansatz zur Bewältigung der Krise Europas dar. Sie sei eine „wunderbare Inspiration“ und gleiche „einer praktikablen Anleitung zum Bau einer Arche“. Es gebe „keinen Staudamm […] mit dem sich die große Flut noch aufhalten ließe, die nicht erst seit gestern dabei ist, das alte christliche Abendland zu überschwemmen“. Drehers Blick auf die Lage sei „prophetisch“, denn er habe „die große Flut kommen sehen“. Sein Strategieentwurf erscheine „in weiten Teilen quasi im stillen Dialog mit dem schweigenden Papa emerito verfasst“. Die beschriebene Strategie müsse jedoch noch konkretisiert werden.20

Quellen

  1. Russell Kirk: „What is Conservatism“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. 4-22, hier: S. 6.
  2. Russell Kirk: „The Cultural Conservatives“, The Heritage Lectures, 15.03.1988.
  3. „Apostolisches Schreiben Dilecti Amici von Papst Johannes Paul II. an die Jugendlichen der Welt zum internationalen Jahr der Jugend“, 31.03.1985.
  4. Gaudium et spes 4.
  5. Apostolicam actuositatem 16.
  6. Lumen gentium 31.
  7. Ratzinger 1996, S. 12.
  8. Walter Kasper: Katholische Kirche. Wesen – Wirklichkeit – Sendung, Freiburg i. Br. 2011, S. 460-461.
  9. Weigel 2015, S. 129-130.
  10. J. Budziszewski: „Resolution“, http://undergroundthomist.org, 01.01.2019.
  11. Edward Feser: „Continetti on post-liberal conservatism“, edwardfeser.blogspot.com 02.06.2019.
  12. Joseph Ratzinger: Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende, Stuttgart 1996, S. 12.
  13. Robert Louis Wilken: „The Church as Culture“, First Things, April 2004.
  14. Rohrmoser 2000, S. 65.
  15. David Engels: Renovatio Europae. Plädoyer für einen hersperialistischen Neubau Europas, Lüdinghausen/Berlin 2019.
  16. Rohrmoser 2000, S. 65.
  17. Mt 10,16.
  18. Dreher 2018, S. 124.
  19. „Joseph Ratzinger im Jahr 1970: Über die Zukunft der Kirche“, kath.net, 13.01.2014.
  20. „Erzbischof Gänswein über das ‚Nine-Eleven‘ der katholischen Kirche und die Benedikt-Option“, catholicnewsagency.com, 11.09.2018.