Michelangelo – Delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Auftrag der Fachgruppe 2 (Lage) ist die Analyse der Lage europäischer Gesellschaften sowie die Analyse der Herausforderungen, denen das traditionelle kulturelle Erbe Europas vor allem im deutschsprachigen Raum sowie in ganz Westeuropa gegenübersteht.

Publikationen

Die Fachgruppe 2 hat bislang die folgenden Publikationen veröffentlicht:

Die auf dem Blog des Instituts veröffentlichten Beiträge der Fachgruppe finden Sie hier.

Themenportale

Die Fachgruppe 2 pflegt die folgenden Themenportale:

1. Kultur und Gesellschaft

2. Demographie

3. Wirtschaft, Soziales und Integration

4. Sicherheit

5. Kirche und Religion

6. Politische Ordnung

7. Natur und Umwelt

Vorhaben

Die Fachgruppe 2 betreibt die folgenden Projekte:

Hintergrund

Das Christentum wird herausgefordert, seitdem es existiert, und es ist in seiner Geschichte aus zahlreichen Krisen immer wieder gestärkt hervorgegangen. Die christlichen Kulturen Europas sind unabhängig davon jedoch, den allgemeinen Abläufen des Aufstiegs und des Niedergangs von Kulturen unterworfen. Das Christentum in Europa steht außerdem seit Langem einem kulturellen Auflösungsprozess gegenüber, der mit immer gravierenderen Herausforderungen verbunden ist und sich gegenwärtig in einer Phase radikalen kulturellen Wandels äußert. Dieser Prozess kann mittelfristig dazu führen, dass das Christentum in Europa noch innerhalb des 21. Jahrhunderts den größten Herausforderungen seiner zweitausendjährigen Geschichte gegenübersteht.

Im Zuge der Erosion der kulturellen Substanz in Europa werden die Gesellschaften Westeuropas immer fragiler und anfälliger für krisenhafte Entwicklungen. Diese Herausforderungen stoßen dabei zunehmend nicht mehr auf resiliente Kulturen und Gesellschaften, die ihnen wirksam begegnen könnten, sondern nur noch auf Restbestände an Kultur und Ordnung, die nicht mehr ausreichend regeneriert werden. Diese Gesellschaften könnten von aus dieser Entwicklung resultierenden konvergierenden Krisentendenzen überfordert werden. Ansätze und Akteure, welche die beschriebene Entwicklung aufhalten könnten, bevor diese eine kritische Schwelle überschreitet und in ein anderes Stadium übergeht, sind derzeit nicht erkennbar.

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio warnte in diesem Zusammenhang vor den Folgen mangelnder „soziokultureller Nachhaltigkeit“ westlicher Gesellschaften und der Erosion ihrer geistigen Voraussetzungen. Die sich vertiefenden soziokulturellen Bruchlinien in westlichen Gesellschaften würden neue „Gewalt- und Hasspotentiale“ sowie „Ordnungs- und Sicherheitsverluste im Lebensalltag“ erzeugen, die „für überraschende Erschütterungen, für heute vielleicht noch nicht vorstellbare Rationalitätsabrisse sorgen“ könnten.

Das prophetische Wächteramt der Kirche

Der katholische Bischof Heiner Koch erklärte im April 2019, “dass unsere Gesellschaft und auch unsere Kirche von Zeit zu Zeit echte Propheten braucht, die auf Missstände und Fehlentwicklungen hinweisen, und die Lösungswege vorschlagen – auch wenn diese nicht auf ungeteilte Zustimmung aller stoßen“. Im Alten Testament traten die Propheten auch als Mahner in Erscheinung. Sie beurteilten die Lage des Volkes Gottes vor dem Hintergrund der Erfordernisse der göttlichen Ordnung, machten auf Missstände aufmerksam und warnen vor Krisen. Im Protestantismus wurde zur Beschreibung dieser Aufgabe der Begriff des „prophetischen Wächteramtes der Kirche“ geschaffen.

Der damalige Priester und spätere Prophet Ezechiel war im Jahre 597 v. Chr. Zeuge des Falls Jerusalems und der existenziellen Krise, die das Volk Gottes an den Rand der Vernichtung brachte. Das Buch des Alten Testaments, das seine Worte wiedergibt, setzt sich intensiv mit den Problemen zerfallender Gemeinwesen auseinander, deren Auflösung schließlich in der Katastrophe endet. In diesem Zusammenhang schildert das Buch jedoch auch die Berufung zum Wächtertum und zum schützenden Dienst, die dem entgegenwirken soll. Die Wächter seien jene, die Gott damit beauftrage, Krisen frühzeitig zu erkennen und die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, damit sein Volk „in Sicherheit wohnt“.

Wenn sich schwere Zeiten ankündigten, suche Gott nach Männern, die er in seinen Dienst als Wächter berufen könne. Der Wächter sei dafür da, dass er „eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt“ und die bevorstehende Katastrophe abwendet. Der Auftrag der Wächter sei es zudem, die Lage richtig zu erkennen, vor Krisen und Katastrophen zu warnen und die Maßnahmen zu entwerfen und zu formulieren, die erforderlich seien, damit das Volk Gottes überleben könne. Die wichtigste dieser Maßnahmen sei die Wiederherstellung der Bindung des Volkes an Gott und seine Ordnung. Außerdem müssten die Wächter in höchstem Maße wachsam und aufmerksam gegenüber Verfalls- und Auflösungserscheinungen sein. Defekte religiöse und politische Eliten erkenne man auch daran, dass sie das Vorhandensein von Krisenpotenzialen leugnen oder nicht erkennen und den ihnen gebotenen schützenden Dienst am Gemeinwesen verweigern würden: „Ihr seid nicht in die Bresche gesprungen. Ihr habt keine Mauer für das Haus Israel errichtet, damit es am Tag des Herrn im Kampf standhalten kann.“ Der Prophet Jesaja warnte vor den blinden Wächtern, die in ihrem Auftrag versagen und Wunschdenken folgen, anstatt sich Herausforderungen zu stellen.