Stand: 29.11.2020

Die Klugheit ist die höchste christliche Kardinaltugend. Sie ist die Fähigkeit dazu, die Wirklichkeit, die eigene Lage und das Gute sowie die sich daraus ergebenden Erfordernisse für das eigene Handeln zu erkennen und ihnen entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Diese Tugend ist die Grundlage des christlichen Realismus, der mit der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des historischen Geschehens rechnet. Glaube darf nicht zur Flucht aus der Wirklichkeit oder deren Leugnung führen. Der christliche Glaube erkennt die Härten dieser Welt sowie die Unvollkommenheit des Menschen an und rechnet mit ihnen. Klug handelt in diesem Sinne, wer nach Risiken und Gefahren Ausschau hält, sie richtig erkennt und die Möglichkeit des Eintretens des Ernstfalls in seine Entscheidungen mit einbezieht.

Moral wird im Christentum nicht als Sammlung von Regeln verstanden, die der einzelne formelhaft einhalten muss, sondern als Erfordernis der Wirklichkeit. Durch Klugheit ist der Mensch dazu in der Lage zu erkennen welche Forderungen die Wirklichkeit im umfassendsten Sinne, also über die physische Wirklichkeit hinaus, an sein Handeln stellt, was ihn dazu befähigt, moralisch gut zu handeln.

1. Das Wesen der Klugheit

1.1 Die Klugheit als Fähigkeit zum Erkennen der Wirklichkeit und der eigenen Lage

Die Klugheit ist laut dem katholischen Philosoph Josef Pieper die Tugend, die zu einem sachlichen Blick auf die Wirklichkeit befähige und den Menschen „die ewigen, gottgegebenen Gesetze der Wirklichkeit“ erkennen lasse.

Pieper zufolge beruhe auf dem Vorrang der Klugheit vor allen anderen Tugenden „nicht weniger […] als das ganze Ordnungsgefüge des christlich-abendländischen Menschenbildes“:

  • Gut könne nur sein, was der Wirklichkeit und der Wahrheit entspreche. Eine gute Entscheidung sei in erster Linie eine wirklichkeitsgemäße Entscheidung. Gutes tun und richtig handeln könne nur derjenige, der die Lage, in der er sich bewegt, vollständig erkannt habe.1
  • Klugheit sei in erster Linie Wirklichkeitssinn, da die Wirklichkeit das Maß der Klugheit sei. Es gebe ein von Gott vorgesehenes Idealbild aller Dinge und Handlungen. Durch die Klugheit sei der Mensch dazu in der Lage, sich selbst und die Welt, in der er lebt, in Übereinstimmung mit diesem Bild zu bringen.2

Die Klugheit befähige laut dem Thomas von Aquin den Menschen dazu, dass er seinen Willen und sein Handeln vollständig an der Wahrheit, also an den Erfordernissen der natürlichen und der übernatürlichen Wirklichkeit, ausrichten könne. Wahrheit sei erkannte Wirklichkeit.3

Die Vernunft ist für Thomas der „Durchlass zur Wirklichkeit“. Auch Pieper betonte, dass die Klugheit sich auf die Erkenntnis der gesamten Wirklichkeit beziehe und nicht nur ihren materiellen bzw. natürlichen Anteil, sondern auch auf ihren übernatürlichen.

Die Klugheit wirkt der menschlichen Tendenz zum Wunschdenken entgegen

Die Klugheit außerdem der Tendenz der schwachen Natur des Menschen zum Wunschdenken entgegen, welches das für ihn Unangenehme ausblendet und sich in Illusionen einrichtet und Entscheidungen ausweicht. Die Tugend der Klugheit helfe dem Menschen, sich den Herausforderungen seines Daseins zu stellen und nicht vor ihr auszuweichen. Sie bringe die Subjektivität des Menschen zum Schweigen, damit er die Umstände erkenne, in denen „er den Auftrag seines Wesens erfüllen muß“.

Laut dem Psychologen Andreas Kappes neigen Menschen dazu Nachrichten, die sie nicht hören wollen, abzuwehren. Die meisten Menschen wollten es nicht wahrhaben, wenn Gefahren und Bedrohungen seien, als es ihnen lieb sei. Diese „optimistische Verzerrung in der Wahrnehmung“ stelle auch einen psychischen Schutz vor Verzweiflung dar.4

1.2 Die Klugheit als Führungstugend

Laut Katechismus der Katholischen Kirche ist die Klugheit die „Lenkerin der Tugenden“, weil sie ihnen Regel und Maß gebe. Nur wer klug sei, könne auch gerecht, tapfer und kontrolliert bzw. maßvoll handeln. Die Klugheit sei „jene Tugend, welche die praktische Vernunft bereit macht, in jeder Lage unser wahres Gut zu erfassen und die richtigen Mittel zu wählen, um es zu erlangen.“5

Für Platon und Aristoteles ist die Klugheit vor allem eine Tugend von Menschen, die Verantwortung für das Gemeinwesen und für andere Menschen tragen. Daran anknüpfend bezeichnete Thomas von Aquin die Klugheit als eine herrscherliche Tugend. Sie umfasse die Fähigkeit dazu sich beraten zu lassen, richtig zu urteilen und richtig zu entscheiden.6 Auch die Lehre der katholischen Kirche betrachtet die Klugheit als Führungstugend:

„Das Gemeinwohl betrifft das Leben aller. Von einem jeden verlangt es Klugheit, besonders von denen, die mit der Ausübung der Autorität betraut sind.“7

Die Bedeutung der Klugheit als Tugend politischer Führung wird hier unter anderem im Zusammenhang mit der Entscheidung zum Führen von Verteidigungskriegen betont.8

Auch im Alten Testament wird die Bedeutung der Klugheit als Führungstugend betont:

Durch Weisheit wird ein Haus gebaut, durch Umsicht gewinnt es Bestand. Durch Klugheit werden die Kammern gefüllt mit allerlei wertvollen, köstlichen Gütern. Ein weiser Mann wirkt mit Macht, ein verständiger Mensch entfaltet Kraft. Denn durch Überlegung gewinnst du den Kampf, viele Ratgeber verhelfen zum Sieg.9

Der Philosoph und Soziologe Raymond Aron betrachtete die Klugheit als die höchste Tugend politischer Führung. Sie befähige dazu, in konkreten Lagen auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Informationen die richtigen Entscheidungen zur Sicherstellung des Gemeinwohls zu treffen. Besonders wichtig sei dies bei Fragen, bei denen es um den Erhalt des Gemeinwesens gehe, das heißt bei Sicherheitsfragen bzw. im Krieg.10

Der Staatsphilosoph Edmund Burke schrieb, dass auf Erfahrung gestützte Klugheit die wichtigste Tugend des politischen Entscheidungsträgers sei, der sich im besten Fall an das halte, was sich in der Praxis bereits über einen längeren Zeitraum hinweg bewährt habe. Das Gegenteil dieser klugen Praxis sei das Handeln auf der Grundlage von abstrakten Theorien, die noch nie in der Praxis getestet wurden.11

Laut Günther Rohrmoser muss am Anfang der Politik „die Interpretation und das Begreifen der Lage stehen, um deren politische Bewältigung es geht“. Politik sei ohne Philosophie nicht möglich, weil ihr immer der Frage nach der Wirklichkeit vorausgehe.12

1.3 Klugheit als Orientierung am Ernstfall

Der christliche Glaube ist realistisch, weil er die Härten dieser Welt sowie die Unvollkommenheit des Menschen anerkennt und mit ihnen rechnet. Klug handelt in diesem Sinne, wer nach Risiken und Gefahren Ausschau hält, sie richtig erkennt und die Möglichkeit des Eintretens des Ernstfalls in seine Entscheidungen mit einbezieht. Kluges Denken und Handeln sind deshalb von Vorsicht geprägt.

Christliche Weltanschauung rechnet grundsätzlich mit der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des Weltgeschehens. Sie nimmt die Geschichte als Abfolge von Krisen wahr und geht davon aus, dass sich daran aufgrund der Natur des Menschen auch langfristig nichts ändern wird, und ist wachsam gegenüber den Kräften der Auflösung, die in der Welt und im Menschen wirken.

Dem katholischen Theologen Dietrich von Hildebrand zufolge beinhalte eine „wirkliche christliche Haltung“ beinhalte immer „ein nüchternes Sehen aller Gefahren der Situation, die durch den Fall des Menschen geschaffen ist“. Die Hoffnung des Christen sei etwas anderes als säkularer Optimismus. Alle Apostel und Heiligen seien Realisten gewesen:

„Sie sind weder Pessimisten noch Optimisten. Sie sind die einzigen wahren Realisten. Sie sehen die Welt, wie sie ist, ohne Illusionen, aber sie sehen über diese Welt hinaus.“13

Christlicher Realismus beinhalte „ein klares Gewahren des unablässigen Kampfes zwischen Christus und dem Geist der Welt“ und die Hoffnung auf Hilfe Gottes in diesem Kampf. Der Christ sehe diesen Kampf, erkenne seine Berufung dazu an ihm teilzunehmen und gehe in ihn mit Hoffnung hinein.14

Der Sintflut-Mythos beschreibt den Untergang einer Kultur, die sich gegen die Ordnung des Kosmos bzw. gegen den Logos gestellt hatte und im Chaos versinkt. Der Mythos enthält eine Warnung bzgl. der Folgen, welche die Abwendung vom Logos hat. Den Untergang dieser Kultur überleben im Mythos nur diejenigen, welche die Lage aus dem Glauben heraus klar erkennen und sich auf den Ernstfall vorbereiten.

Der jüdische Philosoph Hans Jonas entwarf eine Verantwortungsethik, deren Grundlage die „vorausgedachte Gefahr“ bilde, die in „ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft“ die eigenen Pflichten erkennen lasse. Er sprach diesbezüglich von einer „Heuristik der Furcht“. Bedrohungen für das physische und seelische Überleben des Menschen würden ihn erkennen lassen machen, welche Güter er schützen und bewahren müsse.15

  • Solange eine Bedrohung nicht erkannt ist, wisse man auch nicht, was auf dem Spiel stehe. Das Gute sei solange unauffällig und werde als gegeben hingenommen, bis es bedroht werde. Um den Frieden schätzen und angemessen verteidigen zu können, müsse man wissen, was Krieg bedeutet.16
  • Im Angesicht existenzieller Risiken werde vorhersagendes „Wissen zu einer vordringlichen Pflicht“, und es müsse „dem kausalen Ausmaß unseres Handelns größengleich sein“.17
  • Die „ vorausschauende Sorge“ sei der Auftrag „des Gesetzgebers und Staatsmanns für das künftige Wohl des Gemeinwesens“.18
  • In Angelegenheit von hoher Bedeutung sei ungünstigen Prognosen und Warnungen größere Aufmerksamkeit zu gewähren als günstigeren, weil hier der Eintritt eines einzigen ungünstigen Szenarios ausreiche, um die eigene Sache existenziell zu gefährden.19
  • Dieses Denken sei nicht in unangemessenem Maße pessimistisch. Der größere Pessimismus liege in jedem Fall bei jene, die wichtige Dinge für so wertlos halten, dass ihnen Risiken für diese offenbar gleichgültig seien.20

Konrad Adenauer rief 1951 angesichts der „Gefahren, die dem Christentum, der christlichen Kultur, die Gesamt-Westeuropa drohen“ zur Wachsamkeit auf:

„Denn nur dann, wenn man die Größe einer Gefahr wirklich erkennt, überlegt man sich, wie man dieser begegnen kann und fasst man mit der nötigen Tatkraft die dazu nötigen Entschlüsse.“21

Dem Philosophen Oswald Spengler zufolge sei Klugheit „der geschulte Blick für Tatsachen, Lagen, Gefahren“. Entsprechend ausgerichtete Bildung solle es ermöglichen, dass junge Menschen „sehender, klüger in die Welt“ entsandt werden können.22

Der Philosoph Rolf Dobelli beschrieb, dass Krisenerwartung ein Ausdruck wirklichkeitsgerechten Denkens und eine Voraussetzung guter Entscheidungen sei. Nur wer Gefahren und Risiken im Voraus erkenne, könne diesen präventiv begegnen. Er sei dadurch in der Lage, sie zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.23

Dem Philosophen José Ortega y Gasset zufolge sei der Mensch auf Denken angewiesen, um zu überleben bzw. um die Herausforderungen zu bewältigen, die seine Umwelt an ihn stellt.24 Jeder Gedanke sei eine Reaktion auf ein Problem. Die Wirklichkeit forme den Menschen geistig, indem sie ihn mit Herausforderungen konfrontiere.25

Die Möglichkeit des Eintretens des ungünstigsten Falls in Planungen mit einzubeziehen wird mit der steigenden Komplexität von Gesellschaften und der immer größeren Auswirkungen, die Krisen aufgrund von globaler Vernetzung und Abhängigkeit von Technologie haben, zunehmend wichtig. Technische Systeme und Anlagen, deren Ausfall katastrophale Folgen haben könnten, werden nach den Prinzipien des Overengineering und der Redundanz entworfen, um katastrophalen Verläufen vorzubeugen.

Die Vorsorge für schwierige Zeiten ist ebenfalls ein Ausdruck von Klugheit. Klug in diese Sinne handelt außerdem, wer das Bewährte bevorzugt und Versprechungen gegenüber skeptisch ist, die zur Abkehr vom Bewährten aufrufen und dies mit ungeprüften Annahmen begründen.

In einem von Frieden und Ordnung geprägten christlich geprägten Umfeld ist die Notwendigkeit, sich mit bestimmten Härten des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen, meist nur schwach ausgeprägt. Dies kann zur Folge haben, dass junge Männer es nur unzureichend lernen, sich mit solchen Härten, etwa bestimmten Arten von Konflikten, auseinanderzusetzen und sie zu bewältigen. Im ungünstigsten Fall sind die nur eingeschränkt dazu in der Lage, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen (etwa als Familienvater), wenn sie den für nichtchristliche Umfelder typischen Bedingungen gegenüberstehen bzw. es mit Menschen zu tun haben, die zur Durchsetzung ihrer Interessen auch unlautere Mittel einzusetzen bereit sind.

Christus warnte, dass Christen in einem solchen Umfeld wie Schafe inmitten von Wölfen seien. Sie sollten unter solchen Bedingungen zwar „arglos wie die Tauben“ sein, müssten aber auch lernen „klug wie die Schlangen“ zu sein.26 Dies bedeutet, dass christliche Männer bereits im jungen Alter lernen vorsorglich lernen müssen, die Bedingungen zu bewältigen, denen sie im Leben früher oder später gegenüberstehen werden. Sie müssen vor allem lernen, dass es Menschen gibt, deren Leben weitgehend vom Bösen beherrscht wird und die Christen als schwach verachten und dazu bereit sind, ihnen Schaden jeglicher Art zuzufügen.

Es ist klug, Menschen solange mit Vorsicht und Distanz zu begegnen, bis sie bewiesen haben, dass sie des Vertrauens würdig sind.

Der katholische Theologe Romano Guardini sprach von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne:

„Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.“27

Guardini sprach zudem von einem klugen Ernst als Forderung an Christen in schwierigen Lagen, etwa in der Konfrontation mit der Krise der Spätmoderne:

„Die tragende Tugend wird vor allem der Ernst sein, der die Wahrheit will. Vielleicht dürfen wir in der Sachlichkeit, die ja in vielem zu spüren ist, eine Vorbereitung auf ihn sehen. Dieser Ernst will wissen, worum es wirklich geht, durch alles Gerede von Fortschritt und Naturerschließung hindurch, und übernimmt die Verantwortung, welche die neue Situation ihm auferlegt.“28

Josef Pieper nach gebe es eine gute Furcht, die realistischer sei als „vordergründige, prinzipiell beruhigende ‚Gerede‘ des alltäglichen Daseins“, das sich davon nähre, „die Existenz des Furchtbaren zu leugnen“. Es gebe eine Tendenz des modernen Denkens zu „Verharmlosung des Daseins“.29

Laut dem Philosoph Emanuel Seitz ist klug, „wer in Form bleibt“. Einen „Sportler nennen wir in Form, wenn er genügend Fitness hat, um die Aufgabe zu erfüllen, vor die er gestellt ist“. Fitness entstehe „aus einer klugen Vorsorge, die mit Umsicht auf die Aufgabe abgestimmt ist“ sowie durch körperliche und geistige Übungen und praktische Vorbereitung.30

Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb beschrieb das Phänomen des „schwarzen Schwans“ bzw. von Risiken, die selten einträten und daher kaum antizipiert werden könnten.31 Solche Risiken benötigen gesellschaftliche Eliten, die mit dem Ernstfall rechnen, auch wenn dieser gegenwärtig nicht erkennbar ist.

1.4 Klugheit ist auf die Entscheidung und die Tat ausgerichtet

Pieper zufolge führt die Anwendung der Klugheit immer zu einer Entscheidung und stützt diese. Der „Befehl der Klugheit“ sei immer der Entschluss zu einer hier und jetzt zu verwirklichenden Tat.32 Paul Claudel zufolge sei die Klugheit der „wissende Bug“ des auf die Vollkommenheit zusteuernden Menschen.33

Laut Aristoles ermögliche die Klugheit dem Memschen, das „beste Gut“ zu erkennen, dem die ganze eigene Lebensführung untergeordnet werde und und auf es zustrebe wie der Pfeil des Bogenschützen.34

In den „Worten der Väter“, einer Schrift die Gedanken des frühen christlichen Mönchtums zusammenfasst, wird die Bedeutung der Tat betont: „Was nottut ist die Tat. Das wird gesucht und nicht Reden, die keine Frucht bringen.“35

Perikles schrieb über die Soldaten Athens:

„Denn auch dies ist unsere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten überlegt haben. Bei anderen aber erzeugt nur die Unkenntnis Tapferkeit, die Überlegung jedoch Zagen.“36

Auch der Philosoph Emanuel Seitz betonte, dass es der Klugheit auf das Umsetzen des als Richtig erkannten ankomme. Der im Abstrakten verbleibende „Klügelnde“ sei in seiner Willensschwäche ein bemitleidenswertes Geschöpf.37

Das Erkennen des richtigen Augenblicks

Christliche Klugheit äußert sich nicht im Vermeiden von Risiken oder in der Maximierung des Eigeninteresses, sondern im wirksamen Dienst bzw. im Handeln. In der Bibel wird der altgriechische Begriff „Kairos“ für einen von Gott gegebenen Zeitpunkt zum Handeln bzw. für eine günstige Gelegenheit verwendet, den eigenen Auftrag zu erfüllen. Der katholische Theologe Dietrich von Hildebrand schrieb diesbezüglich, dass es „einen spezifischen Ruf der historischen Stunde“ gebe. Der „Kairos“ sei die „besonders günstige Gelegenheit, die der Kirche in ihrer apostolischen Tätigkeit geschenkt“ werde:

„Die historische Stunde verlangt auch die Wachheit gegenüber positiven, historischen Bedingungen, die besonders günstige Möglichkeiten für die pastorale und missionarische Sendung der Kirche bieten. […] Zunächst hat die Kirche die Aufgabe zu sprechen, sobald eine Bewegung auftritt, die von falschen und üblen Theorien inspiriert ist, die offenkundig mit dem christlichen Glauben unverträglich sind. […] Der zweite Gesichtspunkt bezieht sich auf die einzigartige pastorale und missionarische Chance, die in einem gegebenen historischen Augenblick besteht.“38

Das Auftreten des Nationalsozialismus sei ein solcher historischer Moment gewesen. Hier hätte die Kirche die Pflicht und die Chance gehabt, „wie ein Felsen inmitten des schwankenden und verschreckten deutschen Volkes“ zu stehen. Einen solchen Moment gebe es „in der Geschichte eines Landes vielleicht einmal in zweihundert Jahren“.

1.5 Klugheit als Voraussetzung psychischer Belastbarkeit in Krisen

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) werden u. a. durch den Verlust der Grundüberzeugung ausgelöst, dass die Welt ein sicherer Ort sei, in der die meisten Menschen wohlmeinend seien und guten Menschen guten Dinge widerführen. Dieser Verlust ist damit verbunden, dass die Welt feindselig, unberechenbar und chaotisch erscheint sowie mit der falschen Annahme, dass man durch eigenes Handeln das auslösende Geschehen hätte verhindern könnten. Dem Psychologen Jordan B. Peterson zufolge sind Menschen, welche die Realität des Bösen leugneten oder ausblendeten, besonders verwundbar für PTBS. Sie könnten das von Ihnen erfahrene Böse nicht verarbeiten, weil ihnen der konzeptionelle Rahmen dafür fehle.39

Klugheit im Sinne eines ernstfallorientierten Denkens, das mit dem Bösen und den Härten dieser Welt rechnet, trägt vor diesem Hintergrund dazu bei, Menschen dazu zu befähigen, schwierige Lagen psychisch zu bewältigen.

Laut dem auf Krisenintervention spezialisierten Psychotherapeuten Georg Pieper stärke eine Haltung „radikaler Akzeptanz“ die Resilienz von Menschen in Krisen. Menschen würden dazu eigen, Dinge nicht als Teil ihres Lebens zu akzeptieren, die sie nicht ändern könnten. Um Krisen individuell zu bewältigen, sei es jedoch notwendig, neue Lagen und die mit ihnen verbundenen Härten als Tatsachen zu akzeptieren. Wer nicht auf die Möglichkeit solcher Krisen vorbereitet sei und sie bei ihrem Eintritt nicht wahrhaben wolle, dem drohten im Krisenfall Verzweiflung und depressive Zusammenbrüche.40

2. Die Voraussetzungen der Klugheit

Um eine Lage richtig erkennen und somit Klugheit praktizieren zu können, sind mehrere Voraussetzungen erforderlich, darunter psychische und physische Gesundheit, ein akkurates und vollständiges Gedächtnis, die Bereitschaft sich auf neue Lagen einzustellen und sich nicht auf einmal gefasste Bewertungen zu versteifen sowie die Fähigkeit, bei plötzlich auftretenden Herausforderungen rasch und sicher zu entscheiden.41

Die Erkenntnis, dass der Mensch Teil einer nicht seinem Willen unterworfenen Wirklichkeit ist, deren Regeln er nur zu seinem Schaden ignorieren kann, sei eine Voraussetzung der Klugheit. Da Klugheit die Fähigkeit zum Erkennen der Wirklichkeit beinhaltet, ist Glaube bzw. die Anerkennung der Existenz von transzendenter Wirklichkeit eine entscheidende Voraussetzung von Klugheit. Der materialistische Mensch, der nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnimmt, kann nicht klug handeln. Außerdem kann man das eigene Handeln nur dann am Guten ausrichten, wenn man sich zu ihm hingezogen fühlt, d.h. wen man das Gute liebt.42

Die Forderung Christi an die Jünger, „klug wie die Schlangen“ zu sein43, kann so gedeutet werden, dass die christliche Tugend der Klugheit vor allem auch einen ernsten, nüchternen und emotionslosen Blick auf die Wirklichkeit erfordert.

Laut Romano Guardini wird eine von Ernst und Nüchternheit geprägte Klugheit die wichtigste Tugend sein, die Christen für die Bewältigung der bevorstehenden Verwerfungen in Europa brauchen würden:

„Die tragende Tugend wird vor allem der Ernst sein, der die Wahrheit will. […] Dieser Ernst will wissen, worum es wirklich geht, durch alles Gerede von Fortschritt und Naturerschließung hindurch, und übernimmt die Verantwortung, welche die neue Situation ihm auferlegt. Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.“44

Der katholische Philosoph Robert Spaemann erklärte, dass Christus außerdem von denen, die ihm nachfolgen, erwarte, dass er sie „wach findet“.45 Zum gelebten Christentum gehörten „Nüchternheit“ und „die Bereitschaft, sich nicht in die eigene Tasche zu lügen, sondern der gegenwärtigen Realität ins Auge zu sehen, sie mit allen rationalen Mitteln zu analysieren, um sie dann im Lichte der Offenbarung zu beurteilen.“

Dem Psychologen Jordan B. Peterson zufolge stelle es den ersten Schritt des Mannes zur Übernahme von Verantwortung dar, die Illusionen modernen Denkens abzulegen, das Glück mit angenehmen Gefühlen verbinde. Dies entspreche nicht der Wirklichkeit. Die Berufung des Mannes verwirkliche sich auch im Unangenehmen, etwa im Leid, im Opfer oder im Kampf. Der nächste Schritt sei es, im Sinne des Aufrufs des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn „nicht in der Lüge zu leben“, d. h. sich vom Wunschdenken und den Ideologien, welche große Teile der Gesellschaft prägten, innerlich zu befreien, und deren Inhalte nicht zu wiederholen oder zu verbreiten.

Platon beschrieb eine Askese des strengen Denkens, das sich von Dingen befreit, die blind für die vollständige Wahrnehmung der Wirklichkeit macht.46

2.1 Erfahrung

Kluges Denken geht von der konkreten Lage sowie der eigenen Beobachtung und der eigenen Erfahrung aus. Der Mensch kann auch durch Scheitern klug werden, wenn er es übersteht. Eine Kultur, die jungen Menschen die Freiheit lässt sich zu irren und zu scheitern ohne dass sie daran untergehen müssen, bringt kluge Erwachsene hervor. Ebenso fördert es die Heranbildung kluger Männer und Frauen, wenn diese dosiert Risiken und Herausforderungen ausgesetzt werden und man ihnen die Gelegenheit gibt, in einem kontrollierten Rahmen zu scheitern.

Aristoteles zufolge beruhe Klugheit auf Erfahrung im Umgang mit konkreten Lagen, weshalb ihr Erwerb Zeit benötige. Junge Menschen könnten mangels Erfahrung nur bedingt klug sein:

„Gut über einen bestimmten Gegenstand urteilt, wer darin ausgebildet ist […]. Aus diesem Grund sind junge Menschen keine geeigneten Hörer der politischen Wissenschaft. Denn sie sind unerfahren in den Handlungen, in denen das Leben besteht […].“47

Erfahrung immunisiert auch gegen die Versprechungen utopischer Ideologien. Die Klugheit ist zudem die Tugend der Unterscheidung. Der Kluge benennt die Dinge ihrem Wesen nach richtig und unterscheidet zwischen ungleichen Dingen.

Benjamin Franklin sagte, dass die Erfahrung zwar ein strenger Lehrer sei, aber der einzige, der Narren zur Verfügung stünde.48

2.2 Besonnenheit

Laut Pieper führe Unbesonnenheit zum Handeln ohne angemessene Überlegung. Thomas von Aquin zufolge sei es richtig, sich die für die Fassung eines Entschlusses erforderliche Zeit zu nehmen, um diesen dann zügig und entschlossen in die Tat umzusetzen.49

2.3 Deduktive Logik

Ideologisches Denken, das sich der Wirklichkeit über die Theorie zu nähern versucht, ist nicht klug.

3. Gegensätze und deformierte Formen der Klugheit

3.1 Dummheit als Gegensatz von Klugheit

Die Dummheit ist laut Pieper der Unwille, die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Dummheit kann sich in der Berufung auf die Theorie im Angesicht der dieser entgegengesetzten konkreten Erfahrung sowie Unbelehrbarkeit und Besserwisserei äußern. Dummheit sei eine Folge von Stolz. Klugheit erfordere Demut bzw. die „ständige Bereitschaft des Absehens von sich selbst“.50

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer definierte die Dummheit nicht als Problem mangelnder intellektueller Kapazität, sondern als eine Form der Verblendung, welche die Lage nicht zur Kenntnis nehmen wolle und stattdessen in Schlagworten und Parolen denke. Der dumme Mensch werde so „zum willenlosen Instrument“ und sei „auch zu allem Bösen fähig […] und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs.“

3.2 Dekadenz als Verweigerung der Anerkennung der Wirklichkeit

Der evangelische Philosoph Günter Rohrmoser definierte Dekadenz als „die auf Dauer gestellte Verweigerung der Anerkennung von Realitäten“.51

3.3 Deformierte Formen der Klugheit

Feigheit könne laut Pieper niemals unter Berufung auf die Klugheit gerechtfertigt werden. Die Sünde sei immer unklug, weil sie gegen den Willen Gottes und somit gegen die Wahrheit gerichtet sei.52

Eine moderne Missdeutung der Klugheit bestehe zudem darin, diese als „beruhigt-spießige Überschwanglosigkeit“ zu verstehen. Es könne unter Umständen jedoch durchaus den Erfordernissen der Klugheit entsprechen, radikal zu handeln und etwa den „angreiferischen Zorn der Tapferkeit“ nicht unter Berufung auf die Klugheit abzuschwächen.53

Außerdem gibt es falsche bzw. deformierte Formen der Klugheit. Falsche Klugheit orientiert sich nicht an der Wirklichkeit im umfassenden Sinne (und somit auch an Gott), sondern nur an den eigenen materiellen Interessen. Pieper sprach davon, dass im modernen Verständnis Klugheit „weniger eine Voraussetzung als vielmehr eine Umgehung des Guten“ auf der Suche nach dem eigenen Vorteil zu sein scheine. Die Klugheit betrachte das Gute jedoch nicht als das Nützliche, sondern als das Edle. Nur so könne die Klugheit als Voraussetzung der Gerechtigkeit und der Tapferkeit verstanden werden und nicht als im Gegensatz zu diesen stehend.

Thomas von Aquin sprach diesbezüglich von einer „Klugheit des Fleisches“, der es nur um den eigenen Vorteil gehe. Bestimmte Menschen nutzen ihre Fähigkeiten etwa, um Verantwortung auszuweichen oder um Anerkennung zu gewinnen. Die Ursache für solche falschen Klugheiten sieht Thomas in ungeordneten Leidenschaften, etwa beim Streben nach Besitz oder Geltung.54

4. Das Klugheitsdefizit spät- und postmodernen Denkens

Eine nachhaltige Gesellschaft muss Herausforderungen möglichst frühzeitig und vollständig erkennen, um ihnen angemessen begegnen zu können. Der Unwille spät- und postmodernen Denkens, Bedrohungen, Herausforderungen und Konflikte wahrzunehmen und diese Schwäche zu einem Ausdruck moralischen Denkens zu erklären, kann gravierende negative Folgen für eine Gesellschaft haben. Mit diesem Unwillen ist oft auch eine Abwertung männlicher, heroischer und asketischer Tugend verbunden, die in diesem Denken als überflüssig oder schädlich erscheint.

Es ist eine verbreitete menschliche Schwäche, sich einzureden, dass bestimmte Herausforderungen nicht existieren, weil man auf diese Weise meint, dem erforderlichen Handeln ausweichen oder es aufschieben zu können. Diese Neigung kann ungünstige Lagen außerdem vorübergehend erträglicher erscheinen lassen. Die Bibel warnt jedoch wiederholt davor, sich auf diese Weise ein Gefühl des falschen Friedens verschaffen zu wollen.

Der Philosoph Rolf Dobelli beobachtete, dass in modernen Gesellschaften die präventive Reduzierung von Risiken nur wenig Anerkennung finde. Zudem könne man mit erfolgreicher Prävention und Vermeidung sowie mit risiko- und krisenorientiertem Denken nicht angeben, weshalb dieses vielen Menschen als unattraktiv erscheine. Darüber hinaus werde solches Denken häufig als Ausdruck einer negativen Grundeinstellung abgelehnt. Es sei jedoch eine Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Handelns, regelmäßig und intensiv über katastrophale Risiken nachzudenken, denen man in der Zukunft begegnen könnte.55

Dem Psychotherapeut Holger Richter zufolge befände sich die deutsche Gesellschaft auf dem Weg in einen „psychotischen Mechanismus“. Psychosen bzw. „wahnhafte Überzeugungen, die keiner empirischen Überprüfung mehr zugänglich sind“, würden als Reaktion auf eine als unerträglich wahrgenommene Realität entstehen. Die Psychose sei mit einer „Wahnidee von der Wahrheit“ sowie mit „Realitätsverleugnung“ verbunden:

„Psychotiker haben recht, auch gegen alle Fakten. Dieses Rechthaben muss durchgesetzt werden. Kompromisse, Koalitionen mit der jeweils anderen Seite erscheinen als Niederlage. Sie sind humorlos. Sie reflektieren den eigenen Anteil am Geschehen nicht, es ist der Einsicht nicht mehr zugänglich.

Psychose sieht die Realität nicht, differenziert nicht mehr, stellt nicht mehr infrage. Sie lässt alternative Informationen links (oder rechts) liegen und wertet immer im Sinn der eigenen Standpunkte. Die Psychose […] sieht hinter den Dingen ganze Konzepte, die nicht mehr falsifizierbar sind. Die Psychose weiß es besser. Das Urteil steht a priori fest.“56

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer kritisierte 1942 die Tendenz gutwilliger Menschen, die sich aufgrund eines säkularen Optimismus nicht der Realität des Bösen stellen wollten, zur Naivität und zum Wunschdenken. Sie würden häufig die Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, nicht oder nur unvollständig erkennen, „in bester Absicht und naiver Verkennung der Wirklichkeit“.57

Menschen neigen dazu, Dinge auszublenden, die sie nicht hören wollen. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit ist meist unangenehm, weshalb einige Menschen Wunschdenken dieser Konfrontation vorziehen. Einige spät- und postmoderne Ideologien knüpfen an diese Tendenz zum Wunschdenken an, wenn sie behaupten, dass die Geschichte des Menschen von stetigem Fortschritt gekennzeichnet sei, dass die Wahrnehmung von grundsätzlichen Herausforderungen nur ein Ausdruck irrationaler Ängste und eines unbegründeten Pessimismus und dass das Böse nur eine Fiktion sei. Außerdem lehnen diese Ideologien die Existenz einer objektiven und unverfügbaren Wirklichkeit, etwa in Form einer unveränderlichen Natur des Menschen, meist ab. Dies macht sie unfähig dazu, kluges bzw. wirklichkeitsgerechtes Handeln zu begründen.

Bischof Fulton J. Sheen warnte vor einem „törichten Optimismus, der glaubt, das Leben bewege sich notwendigerweise auf ein gedeihliches Ziel hin“:

„Es ist charakteristisch für jede im Verfall begriffene Kultur, daß ihre Tragödie der großen Masse des Volkes nicht zum Bewußtsein kommt. Ganz allgemein ist die in einer Krise lebende Menschheit unempfindlich gegenüber dem Ernst ihrer Zeit. Die Menschen wollen nicht glauben, daß ihre eigene Zeit verderbt ist; teils, weil hiermit zuviel Selbstbeschuldigung verbunden wäre, vor allem aber, weil in ihrer Umwelt außerhalb des eigenen Ichs ein Maßstab fehlt, mit dem sie ihre Zeit vergleichen könnten. […] Nur der gläubige Mensch weiß wirklich, was in der Welt vorgeht; der großen glaubenslosen Masse kommt der mehr und mehr um sich greifende zerstörerische Prozeß nicht zum Bewußtsein, weil in ihr das Bild jener Höhen erloschen ist, aus denen sie herabstürzte. Nicht das ist die Tragödie, daß unsere Kultur die Zeichen des Alterns trägt, sondern daß wir versäumen, dies zu sehen.“58

Douglas Murray kritisierte einen in den politischen und kulturellen Eliten Europas verbreiteten Unwillen zum Erkennen der Lage. Die vorherrschenden kulturellen Tendenzen seien von einem naiven Fortschrittsgedanken geprägt. Ihnen fehle das Bewusstsein für die Möglichkeit des tragischen Verlaufs gesellschaftlicher und historischer Prozesse. Existenzielle Herausforderungen würden weitestgehend ausgeblendet und jenen, die sie ansprechen, werde unterstellt, damit nur irrationale Ängste auszudrücken. Außerdem gebe es eine starke Tendenz zur Tabuisierung der Ansprache dieser Herausforderungen, etwa in Form von Rassismusvorwürfen oder dem Verweis darauf, dass dies „den Falschen nutze“.

Je sichtbarer die Probleme würden, desto aggressiver werde eine scheinbar heile Welt beschworen und die aktive Ausblendung der Wirklichkeit als Beitrag zum Gelingen der angestrebten Utopien dargestellt. Nach islamistischen Terroranschlägen werde zum Beispiel Passivität gegenüber den Urhebern zum Ideal erklärt und behauptet, diese sei ein positiver Ausdruck gelassener Stärke.59

Laut Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) scheine in der Gegenwart „nichts verbotener zu sein, als das, was man Pessimismus nennt – und was oft  einfach nur Realismus ist“.60

Der katholische Philosoph Josef Pieper warf der „liberalistisch-rationalistischen Aufklärung“ vor, die „Verbindung des Menschen mit der objektiven Wirklichkeit abgeschnitten“ zu haben, indem sie leugne, dass der Mensch Teil der unverfügbaren Ordnung Gottes sei und statt dessen behaupte, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei und definiere, was Wirklichkeit sei.61

Außerdem leugne der Liberalismus „in seiner verweltlichten und optimistischen Bürgerlichkeit […] die metaphysische Tatsache der Existenz des Bösen; des Bösen in der menschlichen und der dämonischen Welt“. An der Erkenntnis „dieser fundamentalen Wirklichkeit“ hindere „den aufgeklärten Liberalen sowohl seine entschiedene Weltlichkeit wie sein unbedingter Diesseits-Optimismus wie auch seine aus beiden erwachsene metaphysische Bürgerlichkeit“.62

Dieser Irrtum des modernen Denkens habe laut Pieper als Reaktion „den zerstörerischen Gegenschlag eines Irrationalismus“ hervorgebracht, „der dem Primat des […] Geistes selbst […] den Krieg erklärt“ habe.63 Er bezieht sich hier auf die sich damals bereits andeutenden postmodernen Strömungen.

Die Philosophin Hannah Arendt hatte vor der Tendenz moderner Ideologien zur Ausblendung unerwünschter Aspekte der Wirklichkeit gewarnt:

„Die größte Gefahr in der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust an Wirklichkeit.“

4.1 Utopisches Denken als Ausdruck eines Klugheitsmangels

Christliche Weltanschauung lehnt die utopischen Teile des modernen Fortschrittsnarrativs, die von der Verbesserbarkeit des Menschen ausgehen und auf dieser Grundlage ein „Ende der Geschichte“ und ihrer Konflikte erhoffen, ab. Paul VI. beschrieb 1972 das utopische Denken als eines der Einfallstore des Bösen in die Seele des Menschen.64 Das 20. Jahrhundert, in dem diese sich als Höhepunkt der geistigen Entwicklung der Menschheit wähnenden Ideologien ganze Kontinente verwüsteten und eine dreistellige Millionenzahl von Menschen töteten und gleichzeitig bei der Verwirklichung ihrer Utopien scheiterten, hat dieses Fortschrittsnarrativ widerlegt.

Der Publizist Johannes Gross nannte die Bundesrepublik Deutschland „die Staat gewordene Verneinung des Ernstfalls“, weil ihre politische Kultur existenzielle Risiken ausblende.65

Die Angst des schwachen Menschen vor der Wirklichkeit

Der Philosoph Oswald Spengler sprach von einer „Angst vor der Wirklichkeit“, welche die „seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen“ sei. Diese Angst äußere sich in Flucht in Sentimentalität, einen „feigen Optimismus“ sowie „in erdachte und weltfremde Systeme“ und darin, dass man Wunschbilder an die Stelle der unerwünschten Tatsachen stelle. Je größer die Angst vor der Wirklichkeit sei, desto lauter würden die Bekundungen von Optimismus. Diese Wirklichkeitsflucht sei häufig mit utopischem Denken verbunden und auch eine Folge mangelnder Welterfahrung sowie des „schwachen, sich selbst hassenden Intellekts“ infantiler Persönlichkeiten. Sie sei kennzeichnend für „Männer, die zu lange oder immer Kinder geblieben sind“ und die sich als „ewige Jünglinge“ der Härte der Wirklichkeit nicht stellen wollten und fände sich bei „kleinen müden Seelen, welche das Leben fürchten und den Blick auf die Wirklichkeit nicht ertragen“.66

4.2. Gesinnungsethik als Ausdruck mangelnder Klugheit

Gesinnungsethik versperrt den Blick auf die Wirklichkeit und die Möglichkeit zu lagegerechtem Handeln, indem es seine Wahrnehmung der Lage auf moralisch aufgeladene Schlagworte stützt, so dass Sachverhalte nur noch in absoluten Kategorien betrachtet werden können. Wer etwa Migration grundsätzlich als „Flucht“ darstellt und den Migranten nur als Flüchtling bzw. als Menschen in Not wahrnehmen will, blendet andere Aspekte des Themas schon durch die Wahl seiner Sprache aus und schließt viele Optionen des Handelns aus.

Gesinnungsethisches Denken ist außerdem meist eng mit einer Sentimentalität verbunden, die zu einem den Forderungen der Klugheit entsprechenden kalten und nüchternen Blick auf die Wirklichkeit unfähig macht. Insbesondere im christlichen Gewand auftretenden Gesinnungsethiker gilt stets die naivere und optimistischere Annahme als die christlichere, was in der Praxis häufig zur Verkennung der Lage führt und dadurch die Glaubwürdigkeit der christlichen Religion untergräbt.

Gesinnungsethisches Denken immunisiert sich gegen die Wahrnehmung der Wirklichkeit

Gesinnungsethisches Denken immunisiert sich gegen die Wahrnehmung Wirklichkeit, in dem es deren Ansprache unter Verweis auf unerwünschte Folgen zu einem Ausdruck charakterlicher oder moralischer Mängel sowie psychischer Störungen des Ansprechenden erklärt. Wer zutreffend vor der Bedrohung durch Islamisten warnt, muss dementsprechend damit rechnen, dass darauf mit dem Vorwurf der „Islamophobie“, also der Unterstellung einer psychischen Störung, reagiert wird.

Quellen

  1. Vgl. Pieper 1937, S. 27.
  2. Ebd., S. 19 f.
  3. Zit. nach Pieper 1937, S. 22 f.
  4. „Die Psychologie der Angst“, Der Spiegel, 11.04.2020.
  5. KKK 1806.
  6. Josef Pieper: Traktat über die Klugheit, Leipzig 1937, S. 50.
  7. KKK 1906.
  8. KKK 2309.
  9. Spr 24,3-6.
  10. Raymond Aron: Peace and War. A Theory of International Relations, New York 1966, S. 585.
  11. Edmund Burke: Betrachtungen über die Französische Revolution, Frankfurt a. M. 1967, S. 89.
  12. Günter Rohrmoser: Der Ernstfall. Die Krise unserer liberalen Republik, Berlin 1994, S. 374.
  13. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 122 f.
  14. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 123.
  15. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1976, S. 7-8.
  16. Jonas 1976, S. 63-64.
  17. Jonas 1976, S. 28.
  18. Jonas 1976, S. 42.
  19. Jonas 1976, S. 70.
  20. Jonas 1976, S. 75.
  21. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 229 f.
  22. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1932, S. 227-229.
  23. Rolf Dobelli: „Die Kunst des guten Lebens. Die Prävention“, Handelsblatt, 06.12.2017.
  24. José Ortega y Gasset: Das Wesen geschichtlicher Krisen, Stuttgart 1951, S. 74 f.
  25. José Ortega y Gasset: Das Wesen geschichtlicher Krisen, Stuttgart 1951, S. 28.
  26. Mt 10,16.
  27. Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1950, S. 99.
  28. Guardini 1950, S. 98.
  29. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 85.
  30. Emanuel Seitz: List und Form. Über Klugheit, Frankfurt am Main 2019, S. 9.
  31. Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan. Konsequenzen aus der Krise, München 2012.
  32. Pieper 1937, S. 64.
  33. Zit. nach Pieper 1937, S. 50.
  34. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 44.
  35. Wilhelm Geerlings/Gisbert Greshake (Hrsg.): Quellen geistlichen Lebens. Band 1 – Die Zeit der Väter, Ostfildern 2008, S. 125.
  36. Zit. nach Josef Pieper: Das Viergespann. München 1964, S. 174.
  37. Emanuel Seitz: List und Form. Über Klugheit, Frankfurt am Main 2019.
  38. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 110 ff.
  39. „Interview: Jordan Peterson and Dennis Prager at the 2019 PragerU summit“, youtube.com, 23.05.2019.
  40. „Die Psychologie der Angst“, Der Spiegel, 11.04.2020.
  41. Anselm Sickmann: „Klugheit – eine soldatische Tugend?“, Allgemeine schweizerische Militärzeitschrift, Nr. 9/1986, S. 550-552.
  42. Pieper 1937, S. 78.
  43. Mt 10,16.
  44. Romano Guardini: Das Ende der Neuzeit, Würzburg 1950, S. 98.
  45. Luk 12,37.
  46. Max Müller et al.: „Naturrecht“, in: Staatslexikon, Band 5, Freiburg i. Br. 1960, Sp. 929-984, hier: Sp. 933.
  47. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 45-46.
  48. Zit. nach Russell Kirk: „The Meaning of Justice“, The Heritage Foundation, 04.03.1993.
  49. Josef Pieper: Traktat über die Klugheit, Leipzig 1937, S. 31 f.
  50. Ebd., S. 48.
  51. Günter Rohrmoser: Christliche Dekadenz in unserer Zeit. Plädoyer für die christliche Vernunft, Bietigheim 1996, S. 68.
  52. Pieper 1937, S. 21.
  53. Pieper 1937, S. 15 ff.
  54. Josef Pieper: Traktat über die Klugheit, Leipzig 1937, S. 48.
  55. Rolf Dobelli: „Die Kunst des guten Lebens. Die Prävention“, Handelsblatt, 06.12.2017.
  56. Holger Richter: „Die Nazi-Zahnbürste“, Die Welt, 17.06.2019.
  57. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, Gütersloh 2016, S. 10.
  58. Fulton J. Sheen: Der Kommunismus und das Gewissen der westlichen Welt, Berlin 1950, S. 210.
  59. Douglas Murray: Der Selbstmord Europas, München 2018.
  60. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 475.
  61. Josef Pieper: Vom Sinn der Tapferkeit, Leipzig 1934, S. 15 f.
  62. Pieper 1934, S. 21 f.
  63. Ebd., S. 17.
  64. „Ansprache unseres Heiligen Vaters Paul VI. über den Teufel“, 15.11.1972.
  65. Johannes Gross: Unsere letzten Jahre. Fragmente aus Deutschland, Stuttgart 1980.
  66. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 3-10.