Stand: 11.09.2020 – Autor: Fachgruppe 1 (Christliches Dienstethos)

Dieser Text befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium und wurde hier veröffentlicht, um die Möglichkeit zur Kommentierung und Ergänzung zu geben. Der Text wird laufend ergänzt und soll mittelfristig zu einer Publikation im Rahmen der Reihe Renovatio-Impulse aufwachsen.

Diese Themenseite beschreibt den abendländischen Begriff der Ehre.

1. Ehre als innere Qualität und äußere Anerkennung

Ehre gewinnt, wer gute Taten im Angesicht von Widerständen und Gefahren vollbringt. Ehre bemisst sich nur an Taten und nicht an Worten oder bloßen guten Absichten. Je größer der von einem Dienst geleistete Dienst und die dabei überwundenen Gefahren und Hindernisse bzw. je größer die von ihm dabei erbrachten Opfer und das dabei ertragene Leid sind, desto größer ist auch das Maß der Ehre, die der Mann besitzt und somit auch das Maß der Anerkennung, die er verdient. Menschen sind daher ungleich, was das Maß ihrer Ehre angeht.

1.1 Ehre als innere Qualität

Der christliche Ehrbegriff ist innerlich geprägt. Er definiert Ehre vor allem als die innere Qualität, die durch das tapfere Festhalten eines Menschen an den Forderungen des Gewissens unter Druck entsteht. Er beruht auf einem Menschenbild, das den freien Willen und die Eigenverantwortung des Menschen betont, der bestenfalls nicht aus Furcht vor Strafe richtig handelt, sondern um den Forderungen seines Gewissens und einer höheren Ordnung zu entsprechen. Bereits Cicero unterschied in diesem Sinne zwischen Ehre als äußerer Bestätigung und Ehre als der Folge praktizierter Tugend.

Dem Theologen Romano Guardini zufolge ist die innere Ehre das „das unbeirrbare Gefühl für das, was Recht und Unrecht ist, das, was hebt und was herunterzieht“. Ein deutsches Sprichwort lautet in diesem Zusammenhang: „Ehre ist Zwang genug.“

Thomas von Aquin zufolge sei Ehre auch gleichbedeutend mit „Adel der Seele“. Wer darüber verfüge, erhalte von ganz alleine und ohne danach streben zu müssen die angemessene äußere Anerkennung.1

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenitzyn illustrierte das Wesen dieses Ehrbegriffs in seinen Beschreibungen sowjetischer Arbeitslager.  Diese seien darauf ausgelegt gewesen, die Seelen der Insassen zu zerstören. Im Sinne des Gedankens von Karl Marx, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, habe man materielle Bedingungen erzeugt, die Menschen dazu zwingen sollten, im Kampf ums Überleben oder aus Hoffnung auf geringfügige Erleichterung ihrer Bedingungen gegen ihr Gewissen zu handeln und andere Menschen zu verraten oder sich auf ihre Kosten Vorteile zu verschaffen. In vielen Fällen seien die Kommunisten dabei erfolgreich gewesen. Es habe jedoch Menschen gegeben, bei denen ihn dies nicht gelungen sei. Diese Menschen hätten dafür meist mit ihrem Leben bezahlt, aber seelisch überlebt.2

Der Weg der Ehre sei der Weg des unbedingten Festhaltens an den Forderungen des Gewissens. Dieser Weg führe die Seele des Menschen gerade unter extremen Bedingungen aufwärts und stehe ihm auch unter den widrigsten Bedingungen offen. Ihn könnten jedoch nur diejenigen gehen, die anerkannten, dass das Überleben ihrer Seele wichtiger sei als ihr physisches Überleben. Ein Beispiel dafür unter vielen seien das Leben und der Tod des Gefangenen Grigorij Iwanowitsch Grigorjew, der aus unbekannter Quelle die Kraft dazu gehabt habe, unter allen Umstände das von ihm geforderte Handeln gegen sein Gewissen zu verweigern und sich Vorteile auf Kosten anderer oder Erleichterungen auf Kosten seiner Würde zu verschaffen:

„Wie oft hat er das schlechtere und schwerere Los gewählt, nur um sein Gewissen nicht zu verraten! Er hat es nicht verraten. Das kann ich bezeugen. […] Das Lager kann denen nichts anhaben, die einen heilen Kern besitzen und nicht jene erbärmliche Ideologie ‚Der Mensch ist für das Glück geschaffen‘ […].

Im Lager verrotten die, deren Leben vorher durch keine sittlichen Prinzipien und keine geistige Erziehung bereichert war. […]

Im Lager verrotten die, die schon in der Freiheit von Verrottung befallen oder zu ihr bereit waren. Seelische Verrottung gibt es auch in der Freiheit, manchmal noch perfekter als im Lager. […]

Es stimmt, die seelische Zersetzung im Lager war eine Massenerscheinung. Aber nicht nur, weil die Lager schrecklich waren, auch darum, weil wir Sowjetmenschen den Boden des Archipel geistig ungewappnet betraten, längst zur Verrottung bereit, schon in der Freiheit von ihr befallen […]. […] Doch wie man leben (und sterben) muß, das zu wissen sind wir auch ohne Lager verpflichtet.“3

Die Menschen, die im Lager nicht zerbrachen, hätten das Menschenbild des Marxismus widerlegt. Nicht das Sein bestimme das Bewusstsein, sondern vom Bewusstsein hänge es ab, ob man in Extremsituationen zum Tier werde oder sich als Mensch seelisch behaupte.4

1.1.1 Ehre, Macht und Stärke als Eigenschaften Gottes

Die von Solschenitzyn und vielen anderen Zeugen unter Extrembedingungen beobachteten exotischen Phänomene entziehen sich weitgehend psychologischen Erklärungsansätzen. Das hier sichtbar werdende Belastbarkeit unter Druck übersteigt nicht nur die Fähigkeiten des menschlichen Willens, sondern steht auch im Widerspruch zu den allen Grundannahmen materialistischer Menschenbilder. Religiöse Erklärungsansätze gehen daher davon aus, dass solche Phänomene eine übernatürliche Ursache haben können. Die Ehre bzw. die Anerkennung für das Beschriebene gebühre daher letztlich nicht Menschen. Der Mensch habe nicht die Kraft dazu, solche Lasten aus eigener Kraft zu bewältigen, aber er habe die Kraft dazu, den Willen Gottes zu bejahen. Die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ bzw. der Menschen, „die aus der großen Bedrängnis kommen“, erhalten den Worten des Apostels Johannes zufolge durchaus eine besondere Form der Anerkennung (wenn auch nicht in dieser Welt), aber keiner beansprucht sie für sich. Diese Menschen werden als ewige Diener beschrieben, die vor dem Thron Gottes stehen und Gott ehren, bei dem allein alle „Ehre und Macht und Stärke“ sind.

1.2 Ehre als äußere Anerkennung

Ehre ist nach klassischem Verständnis die Anerkennung, die dem Mann entsprechend dem Maß seiner unter Beweis gestellten inneren Qualität in Form von männlicher Tugend zukommt bzw. die ihm seitens anderer über Ehre verfügender und dadurch urteilsfähiger Männer zusteht.

Diese Form von Ehre wird durch die Mitglieder einer Bezugsgruppe (honor group) zuteil. Sie wird dadurch gewonnen, dass man den Standard dieser Gruppe bzw. den Forderungen ihres Ehrenkodex entspricht.

Das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Ehre

Ehre in Form von Anerkennung ist laut Aristoteles der „Preis der Trefflichkeit“ und laut Cicero „der Tugend Lohn“. Thomas von Aquin übernahm diese Definition.

Wer Ehre besitzt, strahlt zudem Würde aus, die Anerkennung fördert.

Die Anerkennung von Ehre fördert Tugenden

Laut Thomas von Aquin muß Tapferkeit belohnt werden, um sie zu fördern. Es würden „nur bei jenen tapfere Männer gefunden werden, bei denen die tapfersten eine besondere Ehrenstellung einnehmen“. Er zitierte Cicero, der gesagt habe, dass nicht zur Blüte gelangen können, was nicht gebilligt werden.5

Anerkennung von Ehre als Forderung der Gerechtigkeit

Vorhandene Ehre anzuerkennen ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Allem, was Wert und Größe in einer hierarchischen Ordnung besitzt, ist Ehre zuzubilligen. Christen beten deshalb: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist […].“

2. Die Ehre des Mannes

Die Ehre des Mannes unterscheidet sich zudem von der Ehre der Frau, die von weiblicher Tugend abhängig ist. In praktisch allen Kulturen in der Geschichte der Menschheit finde sich diese Unterscheidung. Außerdem gibt es eine auf eine bestimmte Berufung bezogene Ehre, was etwa im Konzept des ehrbaren Kaufmanns zum Ausdruck kommt. Berufungsbezogene Ehre bzw. Standesehre bezieht sich auf das, was den Träger einer Berufung wertvoll für das Gemeinwesen macht bzw. auf die Tugenden, die er benötigt, um in dieser Berufung exzellent zu sein.

In den meisten Kulturen wird die Ehre des Mannes von seiner Bereitschaft und seiner Fähigkeit abhängig gemacht, im weitesten Sinne als Beschützer und Versorger der Gemeinschaft zu dienen, deren Teil er ist. Wer als Mann über die entsprechende Bereitschaft und Fähigkeit verfügt, dem gebührt dafür entsprechende Anerkennung. Je größer Bereitschaft und Fähigkeit sind, desto größer sind dabei auch die Privilegien und die mit ihnen verbundene Verantwortung eines Mannes. Dem Egoisten und dem Feigling droht in traditionellen Kulturen hingegen der Verlust der Ehre als Mann.

Das Ideal des Ehren- bzw. Edelmannes entstand im christlichen Rittertum des Mittelalters und ist eng mit der christlichen Kultur Europas verbunden. Vorläufer finden sich wie oben beschrieben in der griechischen und römischen Antike, etwa im bereits dargestellten Tugendverständnis, aber auch im römischen Konzept der mos maiorum (dt. „die Sitten der Vorfahren“). Die Anerkennung der Ehre eines Mannes und Familienvaters wurde in dessen Rahmen davon abhängig gemacht, in welchem Grad sein Leben von der Achtung der Religion und der Praxis mannhafter Tugend in schwierigen Lagen geprägt war. Auch wenn das Christentum der römischen Religion ablehnend gegenüberstand, nahm es andere Aspekte dieses Konzepts in seine Kultur auf.

Im Mittelalter stellte Geoffroi de Charny (ca. 1300-1356) in seinen Gedanken über das Rittertum den Begriff der Tauglichkeit in den Mittelpunkt. Das Ideal des christlichen Mannes sei der Edelmann (altfrz. Preudomme), der Tüchtigkeit mit Frömmigkeit vereine. Der taugliche Mann diene Gott, führe den asketischen Kampf gegen seine ungeordneten Leidenschaften, empfange die Sakramente und sei tapfer, diszipliniert, treu und kompetent. In der christlichen Auseinandersetzung mit diesem Ideal wurde im Mittelalter vor allem auf das biblische Vorbild des Judas Makkabäus verwiesen, der sowohl ein fähiger Soldat als auch ein weiser, frommer und demütiger Mann war.

Papst Pius X. knüpfte an diese Gedanken an, als er 1906 das Ideal „edler Mannhaftigkeit“ betonte. „Mannhafte Tugend“ sei neben Frömmigkeit und anderen Eigenschaften erforderlich, damit der christliche Mann für seinen Dienst am Nächsten tauglich sei.

Das Ideal des Gentleman oder auch des Offiziers in europäisch geprägten Streitkräften sind säkularisierte Formen des Ideals des christlichen Ehren- bzw. Edelmannes. Sie wirkten jedoch positiv zurück auf das christliche Ideal, wie der Philosoph Nicolás Gómez Dávila betont hatte:

„Dem 19. Jahrhundert gelang nur eine ethische Konstruktion großen Stils: das preußische Offizierskorps.“6

2.1 Ehre und Stärke

Ehre ist mit männlicher Tugend und daher mit charakterlicher und körperlicher Stärke verbunden. Dies gilt auch für den christlichen Ehrbegriff, der Stärke bejaht, weil sie zu größerem Dienst befähigt. So wie Ehre ist die mit ihr untrennbar verbundene Stärke daher nach christlicher Weltanschauung erstrebenswert. Der Schwache besitzt in dieser Weltanschauung aber sowohl allgemein als Mensch als auch als Schutzbedürftiger eine eigene Achtungswürdigkeit, die von seiner Ehre getrennt zu betrachten ist. Der Starke wiederum besitzt Ehre nur in dem Maße, in dem er Rücksicht auf die Schwachen nimmt.

Der abendländische Ehrbegriff beinhaltet zudem die Vorstellung, dass der Starke in erster Linie größere Pflichten und nicht größere Ansprüche gegenüber seinen Mitmenschen hat. Der abendländische Ehrbegriff ist somit ein christlich inspirierter Ehrbegriff. Er ist kulturell notwendig, um den Starken zu disziplinieren und sein Handeln in den Dienst guter Ziele zu stellen.

Ernst Moritz Arndt hat das Wesen des christlichen Ehrbegriff in diesem Zusammenhang so beschrieben:

„Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.“

Auf Stärke beruhende Ehre führt dazu, dass Gegner jeglicher Art von Angriffen und Herausforderungen abgeschreckt werden. In zerrütteten Gesellschaften ist diese Art von Ehre überlebensnotwendig. Ein Mann muss als Beschützer seiner Familie und anderer ihm nahestehender Menschen zwingend über solche Ehre verfügen, um sich und andere nicht zum Freiwild für Verbrecher werden zu lassen. Diese prüfen in solchen Situationen Menschen auf Stärke, indem sie gezielt Grenzen überschreiten. Ein Christ, der ihnen dann nicht ihre Grenzen zeigen kann oder will, handelt nicht christlich, sondern liefert diejenigen, für die er Verantwortung trägt, Verbrechern aus.

3. Der Ehrenkodex

Ein Ehrenkodex beschreibt ein spezifisches Verständnis von Tugend, die von den Menschen in einer bestimmten Gemeinschaft und Rolle gefordert wird. Verstöße gegen einen solchen Kodex können Schande bzw. die Verweigerung der Anerkennung von Ehre mit sich bringen.

4. Ehre als christliches Konzept

4.1 Ehrenhaftes Leben als Forderung an Christen

Der Apostel Paulus rief Christen dazu auf, ehrenhaft zu leben:

„Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts! Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!“7

Ein intaktes Gewissen warnt vor Handeln, welches Ehrverlust nach sich ziehen könnte und peinigt nach Vollzug unehrenhaften Handelns.

4.2 Das gute Streben nach Ehre und großen Dingen

Das Streben nach Anerkennung entspricht nicht dem christlichen Verständnis von Ehre, sondern ist eine Form des Stolzes, der zu den Hauptsünden zählt. Christus warf den Pharisäern vor, nach äußerer Anerkennung zu streben, aber innerlich korrumpiert zu sein.

Das christliche Streben nach Ehre ist auf den Gewinn von höchster Tauglichkeit sowie auf die Bewältigung großer dienender Taten im Dienst an Gott ausgerichtet, nicht aber auf äußere Anerkennung. Christliches Streben nach Ehre beinhaltet das Ausstrecken nach großen Dingen, etwa danach, große Aufgaben zu erfüllen oder ein Heiliger zu werden. Der Apostel Paulus rief dazu auf, im Sinne der Großmut immer anzustreben, was „wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist“.8 Dieser Großmut, also der Mut zu großen Taten, beinhaltet den guten Ehrgeiz, den der hl. Apostel Paulus beschrieb, als er das Leben des Christen mit Bildern des sportlichen Wettkampfs darstellte.

Die Tugend der Disziplin umfasst laut Josef Pieper den Hochgemut (lat. magnanimitas), also die innere Haltung, die sich nach großen Dingen ausstrecke und alles Niedrige verachte. Laut dem hl. Thomas strebe Hochgemut vor allem nach dem, was großer Ehre wert sei. Der Mensch, der sich dem Niedrigen zuwende, verleugne hingegen seine Berufung zur Gottessohnschaft und sein wahres Wesen.

Der Mensch sei zum Großen berufen und solle sich danach ausstrecken und sich vorbehaltlos in den Dienst an Gott stellen, auch wenn dies mit Opfern verbunden sei. Das Christentum stelle in diesem Zusammenhang einen strengen Anspruch an den Menschen, denn die Befreiung von der Unterwerfung unter seine Leidenschaften sei immer mit Schmerzen und Opfern verbunden. Christlicher Hochgemut komme dabei in einer starken, nicht klagenden Haltung zum Ausdruck, die sich innerlich vom Übel nicht überwältigen lasse.

Die Ehre ist in Form des guten eigenen Rufes laut Thomas von Aquin ein erstrebenswertes Gut, weshalb man nach Ehre streben und diese bewahren soll sowie gleichzeitig Furcht vor Scham und dem Verlust des guten Rufes empfinden soll. Im Alten Testament heißt es dazu: „Guter Ruf ist kostbarer als großer Reichtum, hohes Ansehen besser als Silber und Gold.“9

Christen müssen auch deshalb nach einem guten Ruf streben, damit Menschen von ihrem vorbildlichen Leben auf ihren Glauben zurückschließen und sich selbst für den Glauben öffnen.

Im militärischen Umfeld wird Ehre mit einer Klinge oder einem Schild verglichen, die gepflegt werden und sauber gehalten müssen um ihren Zweck erfüllen zu können.

Der Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine kulturkritische Schrift „Die Opferfalle“ bekannt geworden, in der er sich mit der Tendenz westlicher Gesellschaften auseinandersetzt, moralischen Status nicht mehr mit herausragenden guten Taten, sondern mit einem Opferstatus zu verbinden. Dies führe zu Effeminisierung, unter anderem in Form einer wachsenden Idealisierung von Passivität und Schwäche, was diese Gesellschaften zunehmend unfähig mache, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

5. Ehre, Scham und Schande

Mit der Anerkennung von Ehre verbunden ist die Verweigerung der Anerkennung von Unehre, wenn die Voraussetzung für diese Anerkennung nicht vorliegen. Nicht jeder Mensch verdient gleichermaßen Achtung, da sich die Menschen stark unterscheiden, was den Grad ihres ehrenhaften Verhaltens angeht. Wer lautstark „Respekt“ einfordert, dem dürfte es in den meisten Fällen an Ehre im christlichen Sinne mangeln.

Die Werke Homers bzw. die Ilias und die Odyssee stehen am Anfang der abendländischen Kultur. Sie sind vermutlich Niederschriften von Epen, die bereits im zweiten vorchristlichen Jahrtausend zu entstehen begannen und über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert wurden. In ihnen geht es wesentlich darum das Leben und die Taten von Männern und Frauen zu beschreiben, die aufgrund von Exzellenz in männlicher bzw. weiblicher Tugend (zwischen denen deutlich unterschieden wird) in besonderem Maße Ehre besaßen. Achilles ist bei Homer ein Beispiel für männliche Tugend (arété) bzw. für die Eigenschaften des idealen, guten Kriegers, der große Opfer in seinem Dienst bringt, wodurch er Ehre im Sinne von Anerkennung (kleos) erwirbt. Die demonstrierte Tugend und das erbrachte Opfer sind hier wichtiger als die Wirkung, was die Betrachtung des Achilles als Vorbild angeht.

In diesem Zusammenhang verwendet Homer auch das Konzept der mit der Scham verwandten Furcht vor Ehrverlust (aidos), das auf der Wahrnehmung von Pflicht gegenüber der Familie und dem Gemeinwesen beruht. Die Wahrnehmung von aidos hält den Menschen davon ab, falsch zu handeln. Hektor sagt in der Ilias, dass er aidos gegenüber den Menschen Trojas empfinde, deren Verteidiger er ist, und die Freunde des Achilles werfen ihm einen Mangel an aidos vor, als er sich weigert, für sie zu kämpfen. Der Begriff nemesis beschreibt die gerechte Verachtung, die durch die Wahrnehmung eines Mangels an aidos in einem anderen Menschen bzw. durch seine Schande ausgelöst wird. Die Ehre kann ein Mensch nach diesem Verständnis nicht ohne seine Zustimmung verlieren, aber es kann erforderlich sein, dass er die Aufrechterhaltung seiner Ehre mit dem eigenen Leben bezahlt. Schande ist hingegen damit verbunden, sich unter Druck von den Forderungen des Ehrenkodex abzuwenden.

6. Falsche und destruktive Ehrbegriffe

Destruktive Ehrbegriffe schaden einem Gemeinwesen, indem sie Menschen zur ständigen Konfrontationsbereitschaft bei wahrgenommenen Verletzungen der eigenen Ehre motivieren. In bestimmten soziokulturellen Problemgruppen wird Ehre bzw. „Respekt“ zum Teil als die Anerkennung verstanden und angestrebt, welche die Folge der eigenen Fähigkeit und Bereitschaft zur Demütigung anderer ist. Auch an sich harmlose oder unbeabsichtigte Herausforderungen sowie angemessene und berechtigte Kritik werden hier als Verletzungen der eigenen Ehre verstanden, zu deren Wiederherstellung eine Eskalation erforderlich ist.

Der israelische Historiker Mordechay Lewy hatte in diesem Zusammenhang das Wesen des islamischen Ehrbegriffs aus einer kulturanthropologischen Perspektive heraus beschrieben. Viele Muslime verhielten sich aggressiv, weil dies mit Stärke assoziiert werde. Man fühle sich ständig herausgefordert und finde Selbstbestätigung in der Demütigung anderer, wobei man seine mutmaßliche Stärke vorzugsweise an als schwach verachteten Gruppen und Personen demonstriere.10

6.1 Falsches Streben nach Anerkennung bzw. Ruhm

Thomas von Aquin beschrieb eine falsche Form des Strebens nach Anerkennung, die er vom guten Streben nach Ehre abgrenzte. Äußere Ehre bestehe in der Anerkennung durch die Guten. Davon zu unterscheiden sei das Streben nach Anerkennung von Akteuren, die zwar einflussreich, aber nicht gut wären, oder nach Anerkennung durch die Masse.

Die „Gier nach Ruhm“ würde „dem Geist jede innere Größe“ rauben, denn „wer die Gunst der Menschen sucht, muß notwendigerweise in allem, was er sagt und tut, ihrem Willen zu Diensten sein“ und werde „ein Sklave“.  Ein solches Streben nach Beifall nehme „die seelische Freiheit, an die Männer von hoher Gesinnung jede Bemühung setzen müssen“. Wer einer Sache nur diene, wenn er dafür Anerkennung erhalte, sei untauglich. Insbesondere bei militärischen Führern sei diese Eigenschaft fatal. Es gebe zahlreiche historische Beispiele dafür, dass solche Führer  „sich und ihre Heere ins Verderben gestürzt und damit ihr freies Vaterland unter die Gewalt des Feindes gebracht“ hätten.

„Denn es zählt zu den Pflichten eines jedes braven Mannes, den Ruhm wie alle anderen zeitlichen Güter wenig zu schätzen. Es ist die Sache eines tugendhaften und mutigen Herzens, für die Gerechtigkeit den Ruhm wie das Leben gering anzuschlagen.“11

Der Ruhm folge „jeder Tat der Tugend“. Wer den Ruhm so gering schätze, wie es die Tugend verlange, erlange ihn gerade dadurch.12

6.2 Ruhmsucht und Heuchelei

Thomas von Aquin beschrieb das Phänomen der Heuchelei folgendermaßen:

„Auch hat die Ruhmsucht einen anderen, ihr verwandten Fehler: die Heuchelei. Weil es nämlich schwer ist und nur wenigen gelingt, die wahre Tugend zu erreichen, der allein die Ehre gebührt, kommen viele aus Ruhmsucht dazu, Tugend zu heucheln. So hat, wie Sallust sagt, ‚der Ehrgeiz viele Menschen gezwungen, falsch zu werden. Anderes tragen sie im Herzen verschlossen als laut auf der Zunge und scheinen so mehr zu sein, als sie sind.‘ Aber auch unser Erlöser nennt die, die das Gute tun, um von den Menschen gesehen zu werden, Komödianten, das heißt Heuchler.“13

7. Die gesellschaftliche Bedeutung der Ehre

Der abendländische Ehrbegriff ermöglicht die Bildung hierarchischer und meritokratischer Gemeinschaften, in denen alle Mitwirkenden aufgrund der Anerkennung von Einsatzwillen und Tauglichkeit einen Anreiz dafür besitzen, im Einsatz für die Gemeinschaft sowie beim Aufbau von Tauglichkeit maximale Anstrengung zu zeigen. Durch eine intakte, auf Ehre beruhende Hierarchie werden daher sowohl die individuelle Entwicklung der Mitglieder einer Gemeinschaft als auch deren kollektive Stärke gefördert. In diesem Zusammenhang ist es erforderlich, dass eine Gemeinschaft einen Mangel an Ehre sanktioniert.

Kollektive Ehre

Ehre kann nicht nur eine Einzelperson besitzen, sondern auch eine ganze Gemeinschaft, etwa eine Familie. Umgekehrt kann eine Gemeinschaft aber auch durch das mit Schande verbundene Handeln einzelner Mitglieder an Ehre einbüßen.

7.1 Ehre fördert prosoziales Verhalten

Ein spezifisches Verständnis von Ehre belohnt Handeln im Sinne des Gemeinwohls bzw. Verhalten, das den Menschen als Träger des Gemeinwesens stärkt, mit Anerkennung. Gleichzeitig belegt es Verhalten, das das Gemeinwesen und seine Träger schwächt, mit einem Stigma. Indem etwa Ehebruch mit einem Stigma belegt wird, wird ein starker Anreiz dazu geschaffen, diesen zu unterlassen, was sowohl individuellen Menschen als auch dem Gemeinwesen dient. Die Aufgabe traditioneller Konzepte von Ehre und Schande befreit Menschen nicht, wie das Beispiel Ehebruch zeigt, sondern fördert die Zerstörung von Ehen und das Aufwachsen von Kindern ohne ihre Eltern.

7.2 Ehre und Schande als Grundlage freier Gemeinwesen

Das abendländische Verständnis von Ehre ist ein freien Menschen gemäßer Weg, um prosoziales Verhalten in einem Gemeinwesen zu fördern. Durch den Verlust dieses Verständnisses bzw. des damit verbundenen Verständnisses von Schande wird ein Gemeinwesen weniger frei, da an die Stelle von Ehre und Schande das Recht tritt. Das Recht versucht, prosoziales Verhalten durch die Androhung von Strafe für antisoziales Verhalten zu fördern, während Ehre und Schande auf den Charakter des Menschen und seine Eigenverantwortung setzen.

Quellen

  1. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 28.
  2. Alexander Solschenitzyn: Der Archipel Gulag. Folgeband – Arbeit und Ausrottung. Seele und Stacheldraht, Bern 1974, S. 602.
  3. Ebd., S. 601-603.
  4. Ebd., S. 602.
  5. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 16.
  6. Nicolás Gómez Dávila: Einsamkeiten. Glossen und Text in einem, Wien 1987, S. 140.
  7. Röm 13, 11-13.
  8. Phil 4,8.
  9. Spr 22,1.
  10. M. Lewy: „Nimm meine Schuld auf dich“, Die Zeit, Nr. 4/2003.
  11. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 28-30.
  12. Ebd., S. 28-29.
  13. Ebd., S. 29.