Stand: 14.12.2020

Das Christentum ist die Religion des Dienstes am Nächsten. Ein christliches Leben ist ein im Dienst stehendes Leben, das mehr gibt als es nimmt, sich härtere Pflichten auferlegt, mehr Verantwortung übernimmt und größere Opfer erbringt.

Der Inhalt dieser Themenseite stützt sich vor allem auf katholische Impulse. Eine stärkere Erweiterung der Seite durch Perspektiven anderer christlicher Konfessionen ist für die Zukunft geplant.

1. Der Dienstgedanke im Christentum

Romano Guardini zufolge sei das Christentum „die große Lehre von der Selbst-Hingabe und Selbst-Überwindung“. Hans Urs von Balthasar zufolge sei für Christen die Bibel das „Wort, das den volleren Gehorsam lehrt“ und die heilige Messe „die Anbetung ihres Herrn und die Belehnung mit seiner Kraft für seinen Auftrag“. Christ sei von Balthasar zufolge derjenige, der im Dienst stehe. Die Forderung nach Selbstlosigkeit und ständigem „Zur-Verfügung-Stehen“ im Rahmen einer dienenden Berufung würde die Identität des Christentums bestimmen. Robert Spaemann zufolge bestehe die Kirche aus denen, die es als ihren Auftrag anerkennen, „im Dienst Christi zu arbeiten“.

Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet.“

Papst Franziskus betonte, dass das Christentum eine Religion des Dienstes sei:

„Die beiden Begriffe – Apostel und Knecht – stehen beisammen, sie können nicht getrennt werden; sie sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille: Wer Jesus verkündet, ist berufen zu dienen, und wer dient, verkündet Jesus. […] Wie er es getan hat, so sind seine Verkünder berufen, es zu tun. Der Jünger Jesu kann keinen anderen Weg gehen als den des Meisters, sondern wenn er ihn verkünden will, muss er ihn nachahmen, wie Paulus es getan hat: danach streben, Diener zu werden. Anders gesagt, wenn das Evangelisieren die Sendung ist, die jedem Christen in der Taufe übergeben wurde, dann ist das Dienen der Stil, mit dem diese Sendung gelebt werden muss, die einzige Art und Weise, ein Jünger Jesu zu sein. Sein Zeuge ist, wer es ihm gleichtut: wer den Brüdern und Schwestern dient, ohne des demütigen Christus müde zu werden, ohne des christlichen Lebens müde zu werden, das ein Leben des Dienens ist.“1

Papst Franziskus sagte 2020, dass Christus den Menschen gedient habe, indem er sein Leben für sie gab. Christus habe „uns bis zur Erfahrung von Verrat und Verlassenheit gedient“. Krisen würden dabei helfen „wiederzuentdecken, dass das Leben zu nichts dient, wenn man nicht dient“. Das „Leben wird an der Liebe gemessen“, also am Dienst. Christen würden Christus, „dessen Dienst bis zur Hingabe seines Lebens geht“, um die Gnade bitten, „dass wir leben, um zu dienen.“ Der „Weg des Dienens ist der Weg des Sieges, der uns erlöst hat und uns erlöst, der unser Leben rettet.“ In Zeiten der Krise würden Helden hervortreten, „die in Selbsthingabe anderen dienen“:

„Fühlt euch berufen, euer Leben einzusetzen. Habt keine Angst, es für Gott und die anderen zu geben, ihr werdet dabei gewinnen! Denn das Leben ist ein Geschenk, das einem zuteil wird, wenn man sich selbst hingibt; und die größte Freude besteht darin, Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. So, wie Jesus es für uns getan hat.“2

In einem im Stundengebet enthaltenen katholischen Hymnus heißt es:

„Klein ist die Spanne der Zeit,
durch die unsre Jahrhunderte gleiten,
kurz bemessen die Frist,
heilig zu werden wie du.

König der Welten, lass uns
in Treue dir dienen auf Erden
und zum heiligen Kampf
schenke uns göttliche Kraft.“

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer bezeichnete den Dienstgedanken als Kern des Christentums. Im Christentum gebe es eine „Umkehrung alles menschlichen Seins“. Die bestehe darin, dass der Christ so wie Christus für andere Menschen da sei. Das „Für-andere-dasein“ Christi bis in den Tod hinein sei die eigentliche Transzendenzerfahrung. Glaube bestehe darin, an diesem Sein Christi teilzunehmen „ein neues Leben im ‚Dasein-für-andere‘“ zu beginnen.3

Die „Soziale Botschaft“ des Deutschen Evangelischen Kirchentags betote 1924, dass die Pflicht „zum opferwilligen Dienen“ zum Kern des christlichen Glaubens gehöre.4

Die Würde des Menschen liegt auch darin begründet, dass er dazu berufen ist, am Aufbau des Reiches Gottes und am überzeitlichen Kampf gegen das Böse mitzuwirken. Der Mensch ist nicht nur passiv der Materie unterworfen, sondern kann in den Dienst Gottes treten und zu seinem Mitarbeiter werden. Jesus Christus berief dazu Apostel in seinen Dienst und sandte sie aus.

Dienende Menschen sind gemäß der biblischen Bilder das „Licht der Welt“ und das „Salz der Erde“, die wie ein Sauerteig in der Welt wirken. Durch gute Werke des Dienstes sorgen sie dafür, dass Menschen sich für Gott interessieren.5 Die Klöster, in denen die abendländische Kultur geformt wurde, waren laut ihrem Gründer, dem heiligen Benedikt, eine „Schule für den Dienst des Herrn“.6

Dienen kann nur wer liebt und anerkennt, dass es etwas wichtigeres gibt als ihn selbst, und der seine eigenen Interessen dem nachordnet. Ein dienendes Leben unterscheidet sich somit deutlich von einem individualistischen und materialistischen Leben, das den eigenen Erfolg oder das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. Der Gegensatz zwischen diesen Lebenswegen kann nicht genug betont werden.

In seinem Lehrschreiben mit dem Titel „Gaudete et exsultate“ äußerte sich Papst Franziskus über die allgemeine Berufung des Menschen zur Heiligkeit. Dabei betonte er, dass der Weg der Heiligen ein Weg des Dienstes, des Kampfes und des Opfers sei. Gott fordere vom Menschen die totale Indienststellung seines Lebens zum Wohl des Nächsten. Um diesen Auftrag ausführen zu können, müsse der aus eigener Kraft dazu nicht fähige Mensch diesen Auftrag annehmen und sich von Gott nach und nach verwandeln lassen.

  • Ein Heiliger zu werden bedeute Jesus Christus nachzufolgen, der die Menschen dazu aufgerufen habe, „unser Leben in seinem Dienst zu verausgaben“ und alle eigenen Fähigkeiten „in den Dienst der anderen zu stellen“. Jesus Christus „fordert alles“. Der Wille Gottes sei es, dass die Menschen durch die totale Indienststellung des eigenen Lebens vollkommen würden und sich nicht mit einer „mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben“. Heiligkeit sei „nichts anderes als die in Fülle gelebte Liebe“ im Sinne selbstlosen Dienstes. Es sei „nicht gesund […] den Dienst zu verachten“. Durch den totalen Dienst verwirkliche sich der Mensch. Er verliere dadurch nichts, sondern werde so, wie er sein solle.
  • Der Dienst des Heiligen verlange vorbehaltlose Opferbereitschaft. Um Heilige zu werden „dürfen wir kein bequemes Leben anstreben, denn ‚wer sein Leben retten will, wird es verlieren‘ (Mt 16,25)“. Ein Heiliger zu werden bedeute es „Gott mit seinem Leben [zu] ehren“, Gott durch das eigene Dasein verherrlichen zu wollen und sich für Gott „voll Leidenschaft zu verzehren“.
  • Heilige erkenne man an „Zeichen eines heroischen Tugendgrades“ sowie an „Hingabe des Lebens im Martyrium“ oder durch „eine bis zum Tod durchgehaltene Aufopferung des eigenen Lebens für andere“. Der Dienst der Märtyrer bis zum Tod in der Nachfolge Christi sei das verbindende Erbe der Christen aller Konfessionen. In jeder Lage gebe es laut Papst Franziskus die Gelegenheit zum Dienst und somit zur Heiligkeit. Jeder Mensch könne „an dem Platz, an dem er sich befindet“ ein Heiliger werden.7

1.1 Jesus Christus: Der Dienst als göttliches Prinzip

Laut Papst Johannes Paul II. habe Jesus Christus dem Menschen einen königlichen Weg zu Gott gezeigt, der die Läuterung des Menschen durch Dienst und Opfer beinhalte. Am Kreuz hat sich Gott als dienende, sich aufopfernde Liebe offenbart. Jesus Christus ist der vollkommene Diener, der Leid und Verfolgung auf sich nahm und sein Leben als Opfer für die Menschen gab. Indem er die Folgen der Sünde aller Menschen aus allen Zeiten auf sich nahm, erfuhrt er das größte nur denkbare Leid und leistete durch die Erlösung den größten denkbaren Dienst.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sagte, dass das ganze Sein Christi „nichts als Dienst“ sei und dieser Dienst seine gesamte Existenz definiere. Er sprach von einer „Dienstchristologie“, die Christus ganz vom Dienst her verstehe. Die Nachfolge Christi bedeute, dass „der, der sich ganz in den Dienst für die anderen, in die volle Selbstlosigkeit und Selbstentleerung hineingibt, sie förmlich wird –  dass eben dieser der wahre Mensch, der Mensch der Zukunft, der Ineinanderfall von Mensch und Gott ist“.8 Dies ist teilweise so missverstanden worden, dass Ratzinger Christus nur als ethisch besonders hoch entwickelten Menschen beschrieben und ihm seine Göttlichkeit abgesprochen habe, was jedoch nicht Ratzingers Absicht war, wie aus seinen Texten hervorgeht.

Laut Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sei der „Kult, den Christus dem Vater dargebracht hat“ sei „das Sichgeben für die Menschen bis zum Ende“. Christus „wollte der Diener aller sein“ und habe „das Ganze seines Hohepriestertums dargestellt in der Gebärde der Fußwaschung.“9

Jesus Christus sagte über sich selbst laut Markusevangelium:

„Ihr wisst, dass diejenigen, welche als Herrscher der Heidenvölker gelten, sie unterdrücken, und dass ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“10

Im Matthäusevangelium wird dies so wiedergegeben:

„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“11

Er sagte außerdem:

„Ich bin unter Euch wie ein Diener.“12

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass ein Christ „die Macht oder die Habe, die ihm gegeben ist, als einen Auftrag ansieht, um darin ein Dienender zu werden“. In den „Worten von dem Herrscher, der ein Diener sein soll, und in den Gesten, mit denen Jesus dieses selber tut, liegt die eigentliche Revolution, die die Welt verändern könnte und sollte.“13

Kardinal Walter Kasper zufolge eröffnete Jesus Christus eine neue „Daseinsmöglichkeit für die andern“:

„Gehorsam gegen Gott im Dienst für die andern. So wird Jesus in Person zum Dienst für die Vielen (Mk 10,45), zum Menschen für die andern. Seine Person ist als leibhaftig gewordener Gehorsam zugleich leibhaftig gewordener Dienst, man könnte auch sagen, leibhaftig gewordenes und Person gewordenes Amt. In Christus fallen Person und Amt schlechthin zusammen. Amt bedeutet hier nicht mehr Herrschaft, sondern Dienst.“

Es ist vor diesem Hintergrund unzutreffend, Jesus Christus als schwach und passiv darzustellen. Durch seinen Tod am Kreuz führte er einen Auftrag Gottes aus, dem er aus freiem Willen einwilligte. Durch seine Auflehnung gegen Gott in der Sünde hat der Mensch den Bund mit Gott gebrochen. Die Sünde des Menschen musste durch ein Opfer gesühnt werden. Der Mensch war aufgrund seiner Unvollkommenheit jedoch nicht dazu in der Lage, diesen Bund aus eigener Kraft wiederherzustellen. Gott selbst hat diesen Bund durch sein vollkommenes Opfer in Form des Opfertods Jesu Christi am Kreuz und durch sein vergossenes Blut wiederhergestellt. Dadurch ist der Weg zu Gott für den Menschen, der dieses Angebot der Versöhnung annimmt, wieder offen.

Jesus Christus und das Weltgesetz

In der Philosophie des griechischen Antike bezeichnete das Konzept des „Logos“ das Weltgesetz, das Ordnung im Chaos schaffe. Der Evangelist Johannes bezeichnete Jesus Christus anknüpfend daran als „Logos“. Christus ist der Sohn Gottes, „durch den er auch die Welt erschaffen hat; […] er trägt das All durch sein machtvolles Wort“. Christus hat „vorzeiten der Erde Grund gelegt, die Himmel sind das Werk deiner Hände.“14 Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass der „schöpferische Sinn, aus dem die Welt geworden war“, in Christus „persönlich da“ sei. Mit ihm trete die „Kraft, die die Welt erschaffen hat“, in die Welt hinein und spreche zum Menschen.15

Romano Guardini zufolge habe Jesus Christus eine „andere Ordnung“ in diese Welt hineingetragen:

„Es gibt aber noch eine andere Ordnung, die nicht in Welt und Leben begründet ist; nicht von deren Wesen her gewährleistet und daher auch nicht von ihm her zu verstehen noch zu rechtfertigen. Sie wurde in die Welt hineingetragen durch Jesus Christus. In Ihm ist ihr Sinn begründet, und nur von Ihm her kann sie erkannt werden.“

Jesus Christus habe Guardini zufolge „verborgene Wirklichkeit offenbart“ und göttliche Wahrheit gelehrt.16 Laut Dietrich von Hildebrand sei er gekommen, um „übernatürliche, unwandelbare, ewige, transzendente Wahrheit zu offenbaren“.17

Jesus Christus ist nach christlichem Glauben der Maßstab alles Guten und Wahren und der Maßstab, nach dem der Mensch gerichtet werden wird. Das Gute und die Wahrheit sind somit keine abstrakten Ideale, sondern werden in Gott bzw. Jesus Christus verkörpert, der die Spitze der vertikalen Ordnung der Welt und die Quelle dieser Ordnung ist. Jeder Mensch, der etwas Gutes tut oder eine Wahrheit erkennt, nähert sich damit wenigstens ansatzweise Jesus Christus, auch wenn er noch nie von ihm gehört haben mag.

Zu dienen stellt vor diesem Hintergrund die ultimative sinnstiftende Tätigkeit dar. Sie entspricht dem Prinzip des Kosmos.

1.2 Der Dienst als Weg zu Gott

Die Annahme der Berufung zum Dienst befreit den Menschen aus dem Gefängnis seines Egoismus. Die Entscheidung zu dienen erhebt den Menschen hin zum Ewigen. Schon die kleinste Entscheidung zu dienen löst den Menschen aus seinen Fesseln und macht ihn Christus ähnlicher.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge sei der Weg zur Gotteserkenntnis ein Weg der dienenden Nachfolge, wie Christus selbst sagte: „Wenn jemand hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz und folge mir nach.“18 Im Zweiten Hochgebet heiße es: „Du hast uns dazu berufen, vor Dir zu stehen und dir zu dienen.“ Dies „bedeutet nun, in seine Berufung als Knecht Gottes einzutreten.“ Die Eucharistie als Gegenwart Christi weise „immer über sich hinaus zu den vielfältigen Weisen des Dienstes der Nächstenliebe.“ Der in Dienst stehende Mensch wolle im Sinne der Worte Christi, mit denen Christus „auf dem Ölberg den Entscheidungskampf gegen die Sünde ausgetragen“ habe („Nicht mein Wille geschehe, sondern der Deinige“ (Lk 22,42), das der Wille Gottes geschehe. Er hänge nicht der Illusion an, das der seinem eigenen Willen folgende Mensch frei sei.19

Gott braucht den Dienst des Menschen nicht, aber der Mensch braucht den Dienst, um Gott ähnlicher werden zu können. Der Christ dient Gott, indem er dem Nächsten dient. Ob er dies getan hat oder nicht ist das Kriterium, nach dem über die Seele des Menschen entschieden werden wird. Christus schildert in einem Gleichnis zwei Klassen, in die er Menschen einteilen werde. Die einen seien seinen Brüdern zur Hilfe gekommen, als sie in Not gewesen seien. Sie würden das Reich Erben, das für sie bestimmt sei. Die anderen hätten nicht gedient und seien deshalb verflucht.20

Im Diognet-Brief, der in der zweiten Hälfte des 2. Jhd. entstand, heißt es über den Menschen, der Gott erkannt habe:

„Liebend aber wirst du seine Güte nachahmen. Ja, wundere dich nicht, dass der Mensch Gottes Nachahmer werden kann. Er kann es, weil Gott es will. Nicht in der Unterdrückung des Nächsten, in der Übermächtigung des Schwächern, nicht in Reichtum und nicht in Gewalt über die Geringen ist der Mensch glückselig, und nicht in solchem kann er Gottes Nachahmer sein. […] Aber wer immer die Last des Nächsten auf sich nimmt und dort, wo er tüchtiger ist, dem Bedürftigen helfen will, wer das, was er selber von Gott erhielt, den Armen reicht und so zum Gott derer wird, die es empfangen, der ist Nachahmer Gottes.“21

Sich im Gehorsam gegenüber Gott „dem Dienst am Nächsten mit ganzem Herzen zu verschreiben“ und die gegebenen Fähigkeiten dabei einzusetzen, ist laut der Lehre der katholischen Kirche für die Erreichung christlicher Vollkommenheit notwendig.22

Benedikt XVI. sagte 2005:

„Es ist gar nicht wahr, daß die Jugend vor allem an Konsum und an Genuß denkt. Es ist nicht wahr, daß sie materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, daß dem Unrecht Einhalt geboten ist. […] Sie will, daß die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Große. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend – seid Ihr – auch wieder ganz offen für Christus. Christus hat uns nicht das bequeme Leben versprochen. Wer Bequemlichkeit will, der ist bei ihm allerdings an der falschen Adresse. Aber er zeigt uns den Weg zum Großen, zum Guten, zum richtigen Menschenleben. Wenn er vom Kreuz spricht, das wir auf uns nehmen sollen, ist es nicht Lust an der Quälerei oder kleinlicher Moralismus. Es ist der Impuls der Liebe, die aufbricht aus sich selbst heraus, die nicht umschaut nach sich selber, sondern den Menschen öffnet für den Dienst an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit, am Guten. Christus zeigt uns Gott und damit die wahre Größe des Menschen.“23

Laut Hans Urs von Balthasar verwirkliche derjenige sein Dasein am besten, „der es, für eine endliche Aufgabe, die ihm wert erscheint, so gründlich wie möglich einsetzt.“

Laut Benedikt XVI. werde der Mensch frei, indem er in den Plan einwillige, den Gott für ihn habe. Dieser Plan habe immer mit der Verwirklichung dienender Liebe durch den Menschen zu tun. Im Dienst läge die Selbstverwirklichung des Menschen.24

Johannes Chrysostomos schrieb, dass Christen nicht glauben sollten, dass sie zu einfachen oder unbedeutenden Aufgaben berufen seien. Im Dienst kann der Mensch sich wahrhaft selbst verwirklichen. Der Mensch ist zur Heiligkeit berufen und nicht für nachrangige Dinge wie Konsum, Anhäufung von Besitz, Unterhaltung und die Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse. Die Behauptung, dass Selbstverwirklichung auf dem Weg des Egoismus möglich sei, ist eine Täuschung, die den Menschen herabzieht.

Nach der Logik dieser Welt erscheint die Entscheidung des Christen als irrational. Die Entscheidung für die Glücksversprechen der Welt hat jedoch unglückliche Gesellschaften hervorgebracht. Das immer stärker von Gott bestimmte und an Jesus Christus angeglichene Leben ist ein erfülltes Leben. Es entfaltet Wirkung in der Welt.

Kunstwerke, etwa Bücher und Filme, die Dienst, Opfer und Heldentum zum Inhalt haben, haben vor allem Männer über die Kulturen und Zeiten hinweg begeistert. Diese Themen wirken auf normal veranlagte Männer nicht abschreckend. Die Möglichkeit, sich für ein höheres Ziel bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus einzusetzen, zieht diese Männer vielmehr an.

Im Buch Jesaja findet sich diese Beschreibung des dienenden Lebens:

„Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt. Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.“25

Der Psychologe Jordan B. Peterson hat beschrieben, dass es eine Besonderheit der Natur des Mannes sei, dass er eine große Aufgabe im Leben finden müsse, die ihn über sich selbst hinauswachsen lasse und ihn mit Herausforderungen konfrontiere, die er zu bewältigen habe. Jeder Mann führe in in seiner Seele einen Kampf gegen das Chaos, bei dem ihm die Kultur und die von ihr gestiftete Ordnung helfen würden. Der Mann sei zudem dazu berufen, Verantwortung in der Welt zu übernehmen und sich großen Aufgaben zu stellen. Der Sinn des Lebens sowie die Ehre des Mannes würden sich am Maß der Verantwortung, die er übernommen habe, bemessen.

  • Der erste Schritt zur Übernahme von Verantwortung sei es, das moderne Ideal des Strebens nach „Glück“ bzw. nach angenehmen Gefühlen abzulehnen, weil dieses falsch sei und zu Illusionen über das Leben und seine Herausforderungen führe. Die Berufung des Mannes verwirkliche sich auch im Unangenehmen, etwa im Leid, im Opfer oder im Kampf.
  • Der nächste Schritt sei es, im Sinne des Aufrufs des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn „nicht in der Lüge zu leben“, d.h. sich vom Wunschdenken und den Ideologien, welche große Teile der Gesellschaft prägten, innerlich zu befreien, und deren Inhalte nicht zu wiederholen oder zu verbreiten.
  • Verantwortung übernehme der Mann unter anderem in Form der von jeder Generation zu leistenden Erneuerung und Fortsetzung der Kultur, die dazu zunächst aufgenommen und im eigenen Leben verwirklicht werden müsse. Aufgrund der von Peterson beschriebenen Auflösungserscheinungen moderner Gesellschaften sei dieser Dienst des Mannes heute notwendiger denn je.
  • Postmoderne und Neo-Marxismus würden diese grundsätzliche Berufung leugnen, doch da sie dabei die Natur des Menschen bzw. des Mannes ignorieren würden, gebe es gerade in der vom Wirken dieser Ideologien zunehmend gekennzeichneten Gegenwart einen ausgeprägten „Hunger“ junger Männer nach innerer Ordnung, Verantwortung und großen Aufgaben.

Peterson wurde von einigen Beobachtern als geistiger Vater vieler junger Männer beschrieben, denen es durch seine Botschaften gelungen sei, sich von den Illusionen sowie den destruktiven Folgen moderner Weltanschauungen und Lebensstile zu befreien.

Der atheistische Philosoph Friedrich Nietzsche erkannte einen Gedanken, der tief im Christentum verankert ist, nämlich das Ideal des totalen Dienstes:

 „Wozu du Einzelner da bist, das frage dich, und wenn es dir Keiner sagen kann, so versuche es nur einmal, den Sinn des Daseins dadurch zu rechtfertigen, dass du dir selber einen Zweck, ein Ziel, ein ‚Dazu’ vorsetzest, ein hohes und edles ‚Dazu’. Gehe nur an ihm zu Grunde – ich weiß keinen besseren Lebenszweck als am Großen und Unmöglichen … zu Grunde zu gehen.“

Was Nietzsche nicht erkannte war, dass das hohe und edle Ziel, von dem er sprach, nur von Gott gesetzt werden kann und nicht vom Menschen selbst.

1.3 Dienen bedeutet Taten zu vollbringen und Wirkung zu erzielen

Christen erkennt man an den Früchten ihres Dienstes, also an der Wirkung, die sie erzielen. Ein Glaube, der sich nicht auch in Taten und Werken äußert, wäre ein toter und steriler Glaube. Jesus Christus sagte, das eine bloße gute Absicht des Christen unzureichend sei:

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“26

Mit dem Grad seiner Indienststellung werde der Christ umso fruchtbarer für die Welt als „Salz der Erde und Licht der Welt“. Die Heiligen seien der hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) zufolge „die Gestalter der wahren Geschichte“:

„Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten – Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.“27

Dem katholischen Theologen Hugo Rahner zufolge wäre ein Rückzug aus der Welt unter Berufung auf das Christentum „fromm getarnte Weltunfähigkeit“.28 Christen streben daher an, dass ihr ganzes Leben vom Glauben durchformt wird, was vor allem dort sichtbar wird, wo dies mit Anstrengung verbunden ist, also im eigenen Handeln. Wer den Glauben nicht im eigenen Leben wirksam werden lässt, verfügt nicht über einen lebendigen Glauben, der „durch die Werke zur Vollendung gebracht wurde“ (Jak 2,22), sondern nur über einen toten Glauben (Jak 2,26).

Der Theologe Romano Guardini wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Bedeutung des Dienstes des Christen jedoch letztlich nicht von der Wirkung seiner Taten abhänge, auch wenn solche Wirkung anzustreben sei:

„Jenes Opfer hingegen, das der Glaubende im Mittvollzug der Gesinnung Christi bringt, hofft zwar auch, es werde im unmittelbaren Leben seine Wirkung tun dürfen – wie sollte es diese Hoffnung aufgeben? -, es ist aber nicht von ihrer Erfüllung abhängig, denn sein eigentlicher Sinn liegt anderswo. Es kann misslingen, es kann ohne jede erkennbare Wirkung im Gefüge des Daseins bleiben, es kann im Dunkel der Unbekanntheit untergehen – das alles hebt seinen eigentlichen Sinn nicht auf. Im letzten wird es vollzogen vor Gott allein, Seinem Wissen anvertraut und Seiner Hand anheimgegeben, daß Er es in die große Rechnung der Welt einfüge, wo Er will.“

1.4 Dienst und Nächstenliebe

Der Begriff der Liebe bzw. der Nächstenliebe wird aufgrund seiner Überlagerung durch moderne Bedeutungen oft missverstanden. Liebe im christlichen Sinne (caritas bzw. agape) ist nicht in erster Linie das Gefühl der Zuneigung zu einem Menschen, sondern der Wille und die Entscheidung zum Dienst am objektiven Gut eines Menschen.29 Dienen bedeutet, dass man jemandem hilft, der Hilfe benötigt. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Egoismus. Im Neuen Testament wird Dienst als die Ausführung eines Auftrags definiert. Dieser Auftrag ist es, sich für das Wohl anderer einzusetzen.

Der Christ dient Gott, indem er dem Nächsten dient. Ob er dies getan hat oder nicht ist das Kriterium, nach dem über die Seele des Menschen entschieden werden wird. Christus schildert in einem Gleichnis zwei Klassen, in die er Menschen einteilen werde. Die einen seien seinen Brüdern zur Hilfe gekommen, als sie in Not gewesen seien. Sie würden das Reich Erben, das für sie bestimmt sei. Die anderen hätten nicht gedient und seien deshalb verflucht.30

Papst Benedikt XVI. beschrieb die Nächstenliebe als die im Menschen wirkende Kraft, die ihn zum Dienst drängt:

„Die Liebe – ‚caritas‘ – ist eine außerordentliche Kraft, welche die Menschen drängt, sich mutig und großherzig auf dem Gebiet der Gerechtigkeit und des Friedens einzusetzen. Es ist eine Kraft, die ihren Ursprung in Gott hat, der die ewige Liebe und die absolute Wahrheit ist.“31

Benedikt sprach zudem vom „Dienst praktizierter Nächstenliebe“. Christus nachzufolgen bedeute „das innere Wesen des Kreuzes annehmen: die radikale Liebe, die sich darin ausdrückt, und so Gott selbst nachahmen, der sich am Kreuz offenbart hat als der sich selbst verströmende.“

Christliche Liebe ist laut der Enzyklika Rerum Novarum dadurch gekennzeichnet, „sich selbst für des Nächsten Heil zu opfern“. Liebe beweist sich somit in Opfern. Jeder Mensch, dem man unter persönlichen Opfern unmittelbar dienen kann, ist der Nächste des Christen. Alle Christen haben dem Nächsten in irgendeiner Form zu dienen. Der Starke dient dem Schwachen, die Eheleute einander und ihren Kindern und der Politiker dient dem Gemeinwohl. Der hl. Apostel Petrus rief Christen dazu auf, einander zu dienen.32 Hans Urs von Balthasar sagte, dass es für den Christen „nur einen einzigen wahren Einsatz“ gebe, nämlich „den für die Brüder, für die Welt“ und den „Einsatz des Menschen, dem der Bruder mehr wert ist als sich selbst“. Die Klöster des hl. Benedikts nannte er „Schulen des Herrendienstes“.

Russell Kirk zufolge sei christliche Liebe identisch mit der Bereitschaft, sich selbst zu opfern.33

Wer liebt erkennt an, das es Wichtigeres gibt als ihn selbst. Liebe ist mit Pflichtempfinden und dem Willen zur Übernahme von Verantwortung verbunden. Wer liebt, bejaht das Gute in einer Sache oder einem Menschen und ist bereit Opfer zu bringen, damit anderen Gutes widerfährt. Romano Guardini zufolge verwirklicht sich christliche Liebe in „Hüten und Entfalten, Lösen und Befreien, Helfen und Heilen“.

Ohne eine Gemeinschaft von dienenden Menschen, die über rationales Verstehen hinaus von dem Gedanken ergriffen ist, dass es etwas gibt, das höheren Wert besitzt als ihr eigenes Leben und bereit dazu ist diesem höchsten Gegenstand auch gegen Widerstand und unter Opfern zu dienen, kann Kultur weder entstehen noch bestehen. Solche Gemeinschaften müssen somit auf Glaube beruhen um im Sinne tätiger, dienender Liebe zu wirken.

Geliebt werden kann etwas, dessen Wert richtig erkannt und geachtet wird. Etwas Wertloses oder Schlechtes zu lieben wäre falsch. Dem Geliebten wird größerer Wert zugemessen als der eigenen Person. Liebe ist daher eine Form der Erfahrung von Transzendenz. Wer liebt, unterscheidet. Modernes Gleichheitsdenken, das allen Dinge für gleichwertig hält, ist daher mit Nächstenliebe unvereinbar.

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb über die Liebe:

„Liebe ist nicht dasselbe wie die unterschiedslose Billigung all dessen, was der geliebte Mensch empirisch-faktisch denkt und tut. […] Die bloße Gutherzigkeit, die alles duldet, nur nicht, daß der Geliebte leidet, hat mit wirklicher Liebe nichts zu tun. Augustinus hat das in vielerlei Variationen formuliert: “Die Liebe schlägt zu, Übelwollen redet nach dem Munde“; “der Freund gerät in Zorn und liebt, der getarnte Feind schmeichelt und haßt“. – Kein Liebender kann sich damit abfinden, daß der, den er liebt, dem Guten das Bequeme vorzieht. Wer die jungen Leute liebt, ist außerstande, die Freude zu teilen, die sie dabei zu empfinden scheinen, ihr Marschgepäck sozusagen zu erleichtern und die eiserne Ration wegzuwerfen, die sie einmal brauchen werden, wenn es kritisch wird.“

Der katholische Heilige Josemaria Escriva schrieb über Dienst und Nächstenliebe:

„Wenn wir Christus in unserer Seele herrschen lassen, werden wir uns nie als Herren aufspielen, sondern Diener aller Menschen sein. Dienen. Wie sehr gefällt mir dieses Wort; meinem König dienen und durch Ihn allen, die durch sein Blut erlöst sind. Verstünden wir Christen es doch zu dienen! Vertrauen wir jetzt dem Herrn unseren Entschluß an, lernen zu wollen, wie man dient, denn nur dienend werden wir fähig sein, Christus zu kennen und zu lieben; nur dann werden wir andere Menschen zu Ihm führen und erreichen, daß auch sie Ihn lieben.“

Er schrieb außerdem, dass Christen dazu berufen seien, anderen zu dienen, indem sie zum Heil ihrer Seelen beitragen:

„Kinder Gottes sind wir. Träger der einzigen Flamme, die die Wege der Menschen auf Erden zu erhellen vermag; des einzigen Lichtes, vor dem Finsternis, Dämmerung, Schatten für immer entweichen. Der Herr bedient sich unser als Fackeln, damit dieses Licht hell erstrahlt… An uns liegt es, daß viele Menschen nicht im Dunkeln stehenbleiben, sondern Wege gehen, die zum ewigen Leben führen.“

Johannes Chrysostomos, einer der Kirchenlehrer, sagte, dass Christen dazu berufen seien, „dass wir Sterne seien“ und dienend unter den Menschen leben. Es bedürfe keiner Lehrer, wenn Christen mit Taten predigen würden.

1.5 Dienst und Barmherzigkeit

Der Begriff der Barmherzigkeit wird wie der Begriff der Liebe allgemein kaum noch verstanden und hat vor allem für  Männer einen sentimentalen Klang, weil beide Begriffe im modernen Verständnis verbreitet als Emotionen missgedeutet werden, was tatsächlich zu Sentimentalität führen kann. Tatsächlich aber bezeichnet der Begriff der Barmherzigkeit Taten bzw. Werke, die aus dem  entschlossenen Willen zum Dienst hervorgehen, der aus der Anteilnahme an der Not anderer Menschen erwächst. Barmherzigkeit ist Verwirklichung der Nächstenliebe34 und bewährt sich in der Tat. Der hl. Thomas von Aquin bezeichnete die Barmherzigkeit als „die größte der Tugenden“, die „der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden“. Das Erbarmen sei ein Wesensmerkmal Gottes.35

Allen Werken der Barmherzigkeit ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen um Taten der Hilfe für Menschen in Not handelt. Barmherzigkeit ist letztlich das durch die Wahrnehmung einer Notlage ausgelöste Pflichtempfinden, das den Menschen zum selbstlosen Dienst für andere Menschen bewegt. Barmherzigkeit kann sich auch darin äußern, gegen ein Übel zu kämpfen.

Jesus Christus beschrieb einige dieser Werke in Mt 25,34-46. Lactantius (ca. 250-320), der zu den Kirchenlehrern zählt, fasste alle im Alten und Neuen Testament von Gott geforderten entsprechenden Taten zusammen. Erwähnt werden unter anderem der Schutz der Witwen, die Verteidigung der Weisen und die Befreiung Unterdrückter.36

Es ist barmherzig, die Schwachen zu verteidigen in dem man diejenigen abwehrt die sie bedrohen. Es ist auch barmherzig, denjenigen, die Unwahrheit verbreiten, mit der Wahrheit entgegenzutreten um Menschen vor dem Irrtum zu schützen. Dem katholischen Theologen Heinrich David zufolge könne die Verantwortung des Mannes und seine Pflicht zum Schutz des Nächsten damit verbunden sein, gegen jene zu kämpfen, die den Nächsten bedrohen:

„Das also ist der christliche Mann, den es nicht in Ruhe lässt, wenn er von Hilfsbedürftigkeit und Not weiß, den es drängt, sich über das hilfsbedürftige Leben zu beugen, um es aufzuheben […]. Das ist der christliche Mann, der bereit ist, stehenzubleiben, wenn der Wolf kommt, um sich über das anvertraute Leben zu stürzen, der bereit ist, sein eigenes Leben im Dienste des anderen hinzugeben.“37

2. Dienst, Opfer und Leid

Der Inhalt dieses Kapitels beruht auf der Lehre der Katholischen Kirche.

2.1 Dienst, Opfer, Leid und Jesus Christus

Im Zentrum des Christentums steht das Geheimnis von Dienst und Opfer, das in Jesus Christus offenbart wurde. Nur in Dienst und Opfer kann der Mensch zum ewigen Leben und zu Gott finden. Sie sind der Weg der Seele aufwärts zu Gott. Man muß sein Leben verlieren, um es zu gewinnen.

Jesus Christus berief zunächst zwölf Apostel in seinen Dienst38 von denen alle bis auf einen als Märtyrer staben. Ein Apostel ist ein Mensch, der im Dienst Gottes steht. Diejenigen, die Christus beruft, sendet er „unter die Wölfe“.39 Dabei forderte er totalen Einsatz:

„Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer aber um meinet- und des Evangeliums willen sein Leben verliert, der wird es erhalten.“40

Den Jüngern gefiel nicht, was Jesus Christus ihnen sagte, weil es ihnen als zu fordernd erschien. Sie entgegneten ihm:

„Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?“41

Jesus Christus nachzufolgen ist zwangsläufig mit Leid bzw. damit verbunden, „das Kreuz auf sich zu nehmen“.42 Eine Hoffnung, dass Gott einen Menschen für christliche Lebensführung mit einem angenehmen Leben oder mit Wohlstand und Gesundheit belohnt, wäre unbegründet. Häufig werden gerade von den Selbstlosesten auch die größten Opfer gefordert. Ein gelingendes Leben ist für den Christen zudem kein Selbstzweck, sondern dafür da, um in den Dienst gestellt zu werden.

Dieses Thema spielt auch im Werk Der Herr der Ringe des christlichen Schriftstellers J. R. R. Tolkien eine zentrale Rolle. Frodo, einer der zentralen Charaktere des Werkes, sagt dort über sein Handeln:

„Ich versuchte das Auenland zu retten, und es ist gerettet worden, aber nicht für mich. Das lässt sich oft nicht ändern, Sam, wenn Dinge in Gefahr sind: Manche müssen sie aufgeben, sie verlieren, damit andere sie behalten können.“43

2.2 Dienst, Opfer und Leid als Weg der Nachfolge Christi

Zwischen Leid, Opfer und Gnade besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang. Ihre Bedeutung ist nur teilweise nachvollziehbar oder erklärbar, weil sie offenbar mit Abläufen und Gesetzmäßigkeiten in Teilen der Wirklichkeit verbunden sind, in die der Mensch nur sehr begrenzten Einblick besitzt. Es scheint in der Welt nichts Gutes zu geben, das ohne Schmerzen geschaffen oder getan werden kann.

„Der Weg zur Vollkommenheit führt über das Kreuz. Es gibt keine Heiligkeit ohne Entsagung und geistigen Kampf […]. Der geistliche Fortschritt verlangt Askese und Abtötung, die stufenweise dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben.“44

Johannes Chrysostomos schrieb:

„Nichts ist an einem Christen so unpassend und störend als das Streben nach Bequemlichkeit und Ruhe; und die Anhänglichkeit an das gegenwärtige Leben ist der Gesellschaft des Evangeliums fremd. Dein Herr ist gekreuzigt worden, und du suchst Bequemlichkeit? Dein Herr ist mit Nägeln durchbohrt worden, und du frönst der Üppigkeit? Wie sollte sich das für einen echten Soldaten geziemen? […] Denn das Kreuz verlangt eine kampfbereite, todesmutige, keinerlei Bequemlichkeit suchende Seele; jene aber huldigen ganz entgegengesetzten Bestrebungen. Mögen sie sich daher auch für Anhänger Christi ausgeben, in Wirklichkeit sind sie nichts anderes als Feinde des Kreuzes. Denn wären sie Liebhaber des Kreuzes, so würden sie sich bemühen, ein gekreuzigtes Leben zu führen. Ist dein Herr nicht an den Kreuzespfahl geschlagen worden? Ahme du den Herrn auf andere Weise nach! Kreuzige dich selbst, auch wenn niemand dich kreuzigt! […] Wenn du deinen Herrn liebst, so stirb desselben Todes wie er! — Lerne begreifen, wie groß die Kraft des Kreuzes ist, welch großartige Wirkungen es schon hervorgebracht hat und noch immer hervorbringt, wie auf ihm die Sicherheit des Lebens beruht! […] Christus pflegt die Leiden Kreuz zu nennen; so wenn er sagt: „Wenn jemand nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt,“ d. h, wenn einer nicht zum Tode bereit ist. — Diese aber mit ihrer Feigheit und Anhänglichkeit an Leib und Leben sind Feinde des Kreuzes; und jeder, der die Üppigkeit liebt und allem, was seine irdische Behaglichkeit stören könnte, ängstlich aus dem Wege geht, ist ein Feind des Kreuzes […].“45

Ein bequemes Leben stehe „im schneidendsten Gegensatze zur Lehre des Kreuzes“.46

Ein dienendes Leben sei laut Papst Franziskus mit dem Kreuz verbunden, also mit „Erschöpfung und Schmerzen“ sowie mit gewaltsamer Verfolgung, aber auch mit Verfolgung in Form von „Verleumdungen und Unwahrheiten“. Das damit verbundene Leid sei sinnvoll, weil es eine Quelle der „Reifung und der Heiligung“ sei. Durch dieses Leid und die damit verbundenen Opfer werde der Mensch Jesus Christus ähnlicher.47

2.3 Die Bedeutung des Opfers

Das Opfer die ultimative transzendente Tat, bei der der Mensch über sich selbst hinausgreift.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller schrieb über die Bedeutung von Dienst und Opfer im Christentum:

„Unser Leben ist ein Opfer für Gott nach dem Vorbild Jesu, der auf dem Altar des Kreuzes sein Leben hingab zur Vergebung der Sünden. Aber es ist derselbe Christus, der uns durch seine Auferstehung das Tor um ewigen Leben geöffnet hat. Das ist unser Glaube. […] Wer Gott und den Nächsten liebt, findet sein Glück im Opfer der Selbsthingabe.“48

Robert Spaemann schieb dazu:

„Der christliche Kult ist Vergegenwärtigung eines Opfers. Das Opfer ist die reale und gewaltsame Negation der Selbstbehauptung des Endlichen gegenüber Gott. ‚Nicht mein Wille, sondern der Deine‘, sagt Christus zu Beginn seines Leidens. Das Opfer von Golgotha ist daher Ende aller Opferaltäre der Geschichte, weil es die Erfüllung der Intention aller dieser Altäre ist.“49

Das lateinische Wort für Opfer, sacrificium, kommt von sacrum facere, was „heilig machen“ bedeutet. Bereits Abraham erhielt seine Verbindung zu Gott durch Opfer aufrecht. Opfer sind erforderlich, damit Sünden vergeben werden können.50

Jesus Christus sagte:

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“51

Das von Christen geforderte Opfer ist somit eine Erfordernis der christlichen Nächstenliebe.

Der Apostel Paulus betonte, dass Christen danach streben sollten, ihre „Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.“52

Thomas von Aquin zufolge fordere Gott das dienende Opfer nicht, weil er es brauche, sondern um den Nutzen des Nächsten willen.

Romano Guardini schrieb über das Opfer:

„Was bedeutet das Opfer? In ihm bringt der Mensch etwas was ihm gehört und wertvoll ist – Letzteres wird betont, die Gabe soll fehlerfrei sein – dar. Er gibt es weg; gibt es Gott, Es soll Gott gehören. […] Diese Gesinnung bedeutet Anbetung, Dank, Bitte, Reue, Lobpreis. […] Im Opfer löscht der Mensch sich gleichsam aus, damit Gott alles sei, […] Im Tiefsten meint das Opfer den Hinübergang in das Leben Gotte durch den Verzicht auf das Leben hier.“

Jeder Christ kann sein eigenes Leben als Opfer darbringen und mit dem Opfer Christi in der hl. Messe vereinen. Außerdem sind Opfer in Form der Bezwingung der ungeordneten Eigenliebe möglich. Durch solche Opfer beweist man Gott seine Liebe wie ein Kind, das auf wertlose Schätze verzichtet um seinen Vater seine Liebe zu beweisen. Man kann vor allem das eigene Leid als Sühne für die eigenen Sünden und die Sünden aller Menschen aufopfern. Am besten sind still erbrachte Opfer, die nicht um Stolz oder Anerkennung willen geleistet werden.

2.4 Die Bedeutung des Leides

Leid ist die Reaktion der Seele auf Schmerz bzw. auf den unangenehmen Zustand, den der Mensch in Folge körperlicher und psychischer Belastung oder eines Übels empfindet. Jesus Christus ertrug am Kreuz des Schmerz, der die Folge der Sünde aller Menschen ist, die jemals lebten und leben werden und somit das größtmögliche Leid. Jesus Christus hat gelitten, um ein Beispiel zu geben, dem man nachfolgen soll.53 Das Leid ist Teil des Weges den man gehen muss, um Gott näherzukommen und Christus ähnlicher zu werden.

Es ist offensichtlich nicht der Sinn des Lebens, dass dieses angenehm ist, weshalb die Frage, warum Gott Leid zulässt, von der falschen Voraussetzung ausgeht, dass ein guter Gott kein Leid zulassen dürfte. Durch die Existenz des Leides werde laut dem hl. Johannes Paul II. erkennbar, dass der Mensch dazu bestimmt ist, „über sich selbst hinauszugehen, und dazu auf geheimnisvolle Weise aufgerufen wird.54 Das Leid habe eine „heilbringende Kraft“ bzw. eine „siegreiche Kraft“, die auch in der Auferstehung Christi sichtbar werde.55

Laut Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) folge das Leid aus der „Masse der Schuld, die sich in der Geschichte angehäuft hat und auch in der Gegenwart unaufhaltsam wächst.“ Der „Quell von Leiden“ sei „die Macht des Bösen“. Der Mensch müsse „alles tun, um Leid zu mindern.“ Er müsse etwa „das Leid der Unschuldigen zu verhindern, so gut es geht“. Dies gehöre zu den „ Pflichten sowohl der Gerechtigkeit wie der Liebe, die zu den Grundforderungen christlicher Existenz und eines jeden wahrhaft menschlichen Lebens gehören“.56

Das Christentum bewertet Leid nicht nur negativ, strebt es aber niemals an. Leid und Gnade sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden. Jesus Christus erlöste durch sein Opfer und sein Leid die Menschheit, und ihm nachzufolgen und sein Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet vor allem auch Leid zu ertragen.

Die christliche Spiritualität des Hochmittelalters verstand das Leid weniger als individuelle Erfahrung sondern als kosmische Kraft und Gefährt der Gnade. Leid wurde als notwendig für die Rettung der Seele und als Gelegenheit zur Buße betrachtet. Diese Vorstellung sei auch im einfachen Volk verbreitet gewesen. Christliche Heilige seien als eine Elite des Leidens wahrgenommen worden.57

Weil das Leid den Menschen Gott näher bringt, solle er laut dem katholischen Heiligen Josémaria Escriva „den Leidenskelch bis zum letzten Tropfen leeren“:

„Ich nenne dir die wahren Schätze des Menschen auf dieser Erde, damit du sie dir nicht entgehen läßt: Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerz, Schande, Armut, Einsamkeit, Verrat, Verleumdung, Gefängnis…“58

Leid hat aus katholischer Sicht den folgenden Sinn:

  • Leid bringt Menschen Gott näher und lässt seine Gnade in ihm wirken: Im Dienst am Gott und dem Nächsten ertragenes Leid bringt den Menschen Gott näher. Das „vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden“ ist laut Johannes Paul II. „der unersetzliche Mittler und Urheber der für das Heil der Welt unerläßlichen Güter“. Es „bahnt es der Gnade den Weg, die die menschlichen Seelen verwandelt“. Der katholische Heilige Josemaria Escriva begleitete zeitweise Sterbende. Bei diesen beobachtete er die Wirkung der Gnade Gottes, als diese ihr Leid aufopferten. Er schrieb daraufhin: „Gesegnet sei der Schmerz. – Geliebt sei der Schmerz. – Geheiligt sei der Schmerz… Verherrlicht sei der Schmerz!“59
  • Leid als geistliche Waffe: Laut Johannes Paul II. bewirkt das „vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden“, das „in der Geschichte der Menschheit die Kräfte der Erlösung gegenwärtig werden“. Im kosmischen „Kampf zwischen den geistigen Kräften von Gut und Böse […] bilden die mit dem Erlöserleiden Christi verbundenen Leiden des Menschen eine besondere Unterstützung für die Kräfte des Guten, weil sie dem Sieg dieser heilbringenden Kräfte den Weg eröffnen.“
  • Leid als Prüfung: Der Dienst des Christen ist Hans Urs von Balthasar zufolge mit Härten verbunden, die als Erprobung der Seele durch Gott verstanden werden sollten. Gott könne sich eines Menschen erst sicher sein, „wenn er ihn, wie Gold im Feuer, erprobt hat.“ Im Buch Zacharia wird das Leid auf diese Weise beschrieben: „Im ganzen Land wird es geschehen […]: Zwei Drittel darin werden vernichtet, sie werden umkommen. Aber ein Drittel wird darin übrig bleiben. Das Drittel will ich ins Feuer werfen und ich werde sie läutern, wie man das Silber läutert, und werde sie prüfen, wie man das Gold prüft. Ja, es wird meinen Namen anrufen und ich werde es erhören. Ich werde sagen: Mein Volk ist es. Und das Volk wird sagen: Der HERR ist mein Gott.“60 Im Alten Testament werden auch an anderer Stelle Prüfungen für die Menschen angekündigt, die Gott dienen wollen. Man solle diesen „tapfer und stark“ begegnen: „Denn im Feuer wird das Gold geprüft und jeder, der Gott gefällt, im Schmelzofen der Bedrängnis.“61Mutter Theresa sagte, das Liebe nur dann wirklich sei, wenn man für sie einen Preis zahlen müsse. Sie müsse daher mit Leid verbunden sein und weh tun. Ein Glaube, der nicht mit persönlichen Vorteilen verbunden ist sondern mit Leid, ist ein erprobter und gefestigter Glaube. Leid ist in diesem Zusammenhang eine Prüfung, welche die „Standfestigkeit im Glauben, die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist, herausstellen“ soll.62 Nur was gegen den Widerstand des Leides errungen wurde, hat für den Menschen einen Wert.
  • Leid trägt zur Entwicklung der Seele bei: Der Apostel Paulus schrieb, dass ertragenes Leid zu innerer Stärke führe.63 Im Leid liegt etwas Stärkendes und ohne Leid werden Jungen nicht zu Männern, Männer nicht zu Helden und Helden nicht zu Heiligen. Viele katholische Heilige, z. B. der Ignatius von Loyola, verdanken dem Leid außerdem ihre innere Umkehr und Hinwendung zu Christus, weil Leid zur Trennung von falschen Hoffnungen beiträgt. Menschen, die nicht gefordert werden, verkümmern. Das Leid fordert sie dazu heraus, sich Herausforderungen zu stellen, zu kämpfen und sie zu überwinden.
  • Leid ruft zum Dienst: Das Leid anderer erzeugt Mitleid.
  • Leid erzieht: Leid als Folge von Sünde erzieht, weil es dazu zwingt, sich mit der Sünde auseinanderzusetzen.

Der Apostel Paulus ermahnte Christen, dass sie nicht „die Zucht des Herrn“ verachten sollten. Gott würde diejenigen, die er liebe, wie Söhne züchtigen, bis sie es gelernt hätten, „im Kampf gegen die Sünde […] bis auf Blut Widerstand“ zu leisten. Züchtigung bedeute, dass Gott den Menschen durch das Leid schule.64

2.5 Das Problem der Versuchung

Versuchungen zu Widerstehen erfordert ebenfalls Tapferkeit.

Gott erlegt dem Menschen Prüfungen auf, die auch in Versuchungen bestehen können. Er baut dadurch Seelen auf und leitet sie an, sich nicht auf ihre eigene Kraft zu verlassen. Das Wirken Gottes gleicht hier den Schlägen des Meißels, die ein Künstler auf Marmor vollführt. Wenn der Mensch die Prüfung nicht besteht, kann dies ihn zerstören, aber wenn er standhält und Opfer bringt, kann ein Kunstwerk aus seiner Seele werden:

„Mein Sohn, wenn du dem Herrn dienen willst, dann mach dich auf Prüfung gefasst! Sei tapfer und stark, zur Zeit der Heimsuchung überstürze nichts! Hänge am Herrn und weiche nicht ab, damit du am Ende erhöht wirst. Nimm alles an, was über dich kommen mag, halt aus in vielfacher Bedrängnis! Denn im Feuer wird das Gold geprüft und jeder, der Gott gefällt, im Schmelzofen der Bedrängnis.“65

3. Dienst als männliche Berufung

Alle Menschen sind aus christlicher Sicht dazu berufen, ein dienendes Leben zu führen. Diese Berufung zum Dienst kann dabei auch eine spezifisch männliche Form haben. Männliche Formen des Dienstes beinhalten vor allem die Übernahme von Verantwortung und das schützende Eintreten für schutzbefohlene Menschen oder Anliegen. Der Mann ist dazu berufen, sich große Ziele zu setzen, und energisch nach großen Dingen zu streben, ein Lebenswerk und ein Erbe zu schaffen, dem Guten in der Welt Raum zu verschaffen, Risiken einzugehen und die Herausforderung zu suchen. Wie der heilige Joseph wird der Mann nicht an dem gemessen was er sagt, sondern an dem, was er tut. Dazu muss der Mann zunächst tauglich und kompetent werden, was ein lebenslanger Prozess ist, indem der Mann sich laufend Belastungen aussetzen muss, um zu wachsen. Tut er dies nicht, verkümmert er. Der Berufung des Mannes zu folgen ist das Ergebnis einer freien Entscheidung. Man kann diese Berufung auch verweigern, wodurch man als Mann jedoch scheitert.

Als Ehemann und Vater ist der christliche Mann der Beschützer und Versorger seiner Familie. Als Mitglied eines Gemeinwesens gibt der Mann mehr als er nimmt und trägt zu seinem Schutz bei. Der Mann denkt langfristig und schafft sich ein Erbe. Jedes Gemeinwesen beruht auch auf dem Dienst von Männern, die höhere Pflichten anerkennen und die dazu bereit und fähig dazu sind, dem Nächsten und dem Gemeinwesen zu dienen und Verantwortung für sie zu übernehmen, Herausforderungen für sie zu erkennen und ihnen aktiv zu begegnen. Insbesondere in schwierigen Zeiten werden Männer gebraucht.

Dienende Männer sind Garanten des Lebens und der Dauer eines Gemeinwesens und stehen zwischen ihm und den Kräften der Auflösung, die alle guten Werke bedrohen. In ihrem Umfeld sind sie eine verlässliche Stütze, an die man sich wendet, wenn man Hilfe sucht. Wo Männer sich statt dessen dazu entscheiden, den eigenen Vorteil zu suchen, Leben von Ansprüchen her denken, sich Wunschdenken und Egoismus hingeben, zerfällt ein Gemeinwesen, und schwierige Zeiten sind die Folge.

Der im Glauben gefestigte Mann steht auf festem Grund und richtet sich nicht nach den Stimmungen und dem Zeitgeist, die ihn umgeben. Der im Dienst stehende Mensch nimmt sein Leben als Auftrag wahr und erkennt die sich daraus ergebende Pflicht als Maßstab seines Lebens an. Er weiß, dass es auch ihn ankommt und das Menschen Gefahren ausgeliefert sind, wo er nicht zur Stelle ist.

Der im Dienst stehende Mann pflegt seine Verbindung zu Gott durch eine aktive Glaubenspraxis, steigert seine Bereitschaft und Tauglichkeit zum Dienst durch ein von christlichen Tugenden wie Rationalität, Realismus und Disziplin geprägtes Leben und prägt und formt sein Umfeld im Sinne seines Auftrags. Solche Männer tragen die durch Jesus Christus begründete Ordnung des Dienstes und der Nächstenliebe in eine ungeordnete Welt hinein und verschaffen ihr Raum.

Alle Menschen sind aus christlicher Sicht zur Heiligkeit berufen. Die meisten Menschen sind außerdem zur Ehe berufen. Darüber hinaus gibt zahlreiche Berufungen, in denen sich christliches Leben gestalten kann. Arbeit ist allgemein Teil der Berufung des Menschen, der geschaffen wurde, damit er die Welt „bebaue und hüte“.66. Das Leben des Mannes kann auch mehrere Berufungen enthalten, zum Beispiel die zum Vater und Ehemann, zum Freund anderer, zu bestimmten Formen des Dienstes (z. B. als Soldat oder Polizist) oder zum Priester. Wenn es Männer verweigern, ihrer Berufung zu folgen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Rolle einzunehmen, zerfällt eine Gesellschaft. Die Verweigerung, der Berufung als Mann zu folgen, kann sich sowohl im Missbrauch der eigenen Kraft als auch in selbst gewählter Schwäche und Weichheit äußern.

Alle Berufungen sind vor Gott prinzipiell gleichwertig. Eine Berufung kann auf den ersten Blick unscheinbare Dinge zum Gegenstand haben. Es geht weniger darum große Dinge zu tun, als das, wozu man berufen ist, möglichst vollkommen zu tun. Eine Berufung erfasst den Menschen vollständig und ist kein „Job“ den man hinter sich bringen will, um sich der Freizeit zu widmen.

Eine Berufung sollte als Selbstzweck verstanden werden. Ihre Wirkung und ihr Sinn sind für den Menschen oft nicht unmittelbar erkennbar. Eine Berufung kann mit extremem Leid verbunden sein. Der Inhalt von Berufungen ist höchst ungleich verteilt, und der Mensch hat darauf keinen Einfluss.

Charles Joseph Chaput ist Erzbischof von Philadelphia und einer der führenden katholischen Denker in den USA. Im Rahmen eines Vortrags behandelte die Berufung des Mannes zum Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen. Das Christentum sei nach C. S. Lewis eine „kämpferische Religion“, weil es mit einem ständigen Kampf gegen das Wirken des Bösen in der eigenen Seele und der Welt verbunden sei. Im Christentum fände somit ein männlicher Impuls seinen Ausdruck. Die Seele des Mannes suche nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Männer würden sich unabhängig von ihrer Religion daher stets zu besonders fordernden Arten des Dienstes hingezogen fühlen:

„Männer brauchen Herausforderungen. Männer müssen ihren Wert prüfen und beweisen. Männer fühlen sich dann lebendig, wenn sie sich für eine Sache einsetzen können, die größer ist als ihr eigenes Wohlergehen. Dies ist der Grund dafür, warum junge Männer in den Dienst bei den Marines, den Rangern oder den SEALs eintreten. Sie tun dies nicht obwohl es fordernd ist, sondern eben weil es fordernd ist; weil es weh tut; weil sie die Besten sein wollen und sie sich einen Platz unter Brüdern verdienen wollen die ebenfalls die Besten sind.

Männer schlossen sich den frühen Kapuzinern und Jesuiten nicht an um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie zu verändern; um die Welt zu konvertieren indem sie alles vom Mann forderten was er zu geben hat – seine ganze Energie, seine Liebe, sein Talent und seine Intelligenz – im Dienst an einem Auftrag, der größer und wichtiger ist als das Ego und jedes triebhafte Streben.

Dies ist der Grund dafür, warum das Rittertum […] die Herzen und die Vorstellung von Männern immer noch fesselt. Als Männer liegt es in unserer durch das Wort Gottes bestätigten Natur, drei Aufträge zu erfüllen: Zu versorgen, zu schützen und zu führen – nicht um unserer selbst willen, nicht für unsere leeren Eitelkeiten und Lüste, sondern im Dienst an anderen.“

Die Genderideologie, die den Menschen als fluides, nach materiellen Dingen und nach Befriedigung seiner Triebe strebendes Wesen betrachtete, wirke destruktiv, weil sie die Berufung des Mannes zu großen Taten leugne. Jeder Mann müsse sich entscheiden, ob er sich von solchen Ideologien in ein kleines Leben herabziehen lassen oder Jesus Christus nachfolgen und ein Leben im Dienst am Nächsten führen wolle.

Der westlichen Welt würden schwere Zeiten bevorstehen. Sie werde künftig in noch stärkerem Maße den Dienst christlicher Männer brauchen, die den Kampf um die Seele der Welt aufzunehmen bereit seien. Jeder Mann sei zu diesem Dienst berufen und dieser Dienst beginne damit, selbst zu einem Vorbild traditioneller christlicher männlicher Lebensführung zu werden und korrupte und vulgäre Elemente modernen Lebens aus dem eigenen Leben auszuscheiden. Dieser Dienst setze sich fort mit dem Dienst als Ehemann und Vater, der kommende Generationen präge. Darüber hinaus könne dieser Dienst bis zur vollständigen Hingabe ausgeweitet werden.67

Wenn der in der Natur des Mannes angelegte Wunsch zum Dienst an Dingen, die größer sind als er und für sie zu kämpfen, nicht auf die richtigen Ziele hingeordnet wird, sind die potenziellen Folgen katastrophal. Die Korruption des Besten im Menschen muss zwangsläufig die schlimmsten Folgen haben.

Dem katholischen Philosophen Joseph Pieper zufolge sei der Mensch ein Entwurf, den er in seinem Leben verwirklichen müsse. Erreiche er dies, sei dies gleichbedeutend mit Heil und Glück. Das Ziel dieses Strebens liege außerhalb dieser Welt und sei das ewige Leben, das laut Thomas von Aquin die „höchste Steigerung des Lebendigseins“ darstelle.68 Das Heil des Menschen sei identisch mit dem Gelingen seiner Existenz im Ganzen.69 Die Sünde der Trägheit (lat. acedia) sei die Verweigerung des Menschen, an seiner Selbstverwirklichung mitzuwirken und seine Ablehnung der Forderungen, die seine Würde an ihn stelle. Der träge Mensch wolle nicht derjenige sein, der er sein solle, nämlich Sohn Gottes und „rechtmäßiger Erbe des ewigen Lebens“.70

Thomas von Aquin betonte in diesem Zusammenhang, dass Vaterschaft nicht nur biologisch zu verstehen sei. Der Mann könne auch durch Lehre und Leitung „Ursache eines anderen“ sein.71

Die besondere Berufung des Mannes zum Dienst ist auch Grundlage des christlichen Patriarchatsgedankens. (Weiterlesen: Patriarchale Ordnung und die Verantwortung des Mannes)

3.1 Das Wesen der Berufung

Berufungen sind individuelle Aufträge Gottes und Forderungen, die Gott an den Menschen stellt. Jesus Christus sucht für seinen Dienst nur Freiwillige. Wenn er sich im Leben eines Menschen zeigt und sein Ruf zum Dienst ergeht, kann sich der Mensch frei dafür oder dagegen entscheiden, ihm zu folgen. Johanna von Orleans, die große katholische Soldatenheilige, brachte ihre Erfahrung, berufen zu sein, mit dem von ihr häufig wiederholten Satz zum Ausdruck: „Dafür bin ich geboren“.72 Auch der Prophet Jesaja beschrieb diese Haltung: „Hier bin ich. Sende mich, Herr“.73

Laut Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) ist eine Berufung kein „Job“, der neben dem eigentlichen Leben getan wird, sondern „das Ausüben eines Dienstes in der Menschheit“. Die Apostel seien Männer gewesen, die „all ihre Kräfte in den Dienst der Berufung gestellt“ haben. Nur der „der Mensch, der sich ‚dem Feuer aussetzt‘, der einen Ruf in sich erkennt, eine Berufung, eine Idee, der er genügen muß, der einen Auftrag für das Ganze annimmt, der findet auch Erfüllung.“ Nicht „im Nehmen, nicht auf dem bequemen Weg werden wir reich, sondern erst im Geben“.74

Einer Berufung zu folgen ist die christliche Form der Selbstverwirklichung und bedeutet, das eigene Leben in den Dienst zu stellen und an höheren Zielen auszurichten. Der Berufene unterscheidet sich vom Getriebenen, der sein Leben von seinen Leidenschaften oder den Erwartungen anderer kontrollieren lässt. Der Berufungsgedanke unterscheidet sich dadurch radikal vom modernen Konzept der Selbstverwirklichung, das den Menschen im Gefängnis seines Ich einsperrt. Einer Berufung zu folgen bedeutet, zum Instrument der Ausführung einer großen und guten Aufgabe in der Welt zu werden, die häufig über ein Menschenleben hinausreicht. Die Weitergabe des Lebens oder des Glaubens sind solche Berufungen. Eine Berufung erfasst den ganzen Menschen in allen Aspekten seines Wesens und seiner Existenz. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb dazu:

„Jeder Mensch wird mit einer eigenen Pflicht geboren, und seine einzige Freude besteht darin, sie zu erfüllen. Uns entgeht die Fülle des Daseins, wenn wir andere als jene Taten ausführen, für die wir geboren wurden.“

Papst Paul VI. beschrieb in der Enzyklika Populorum progressio 1967 den Gedanken der Berufung so:

„Nach dem Plan Gottes ist jeder Mensch gerufen, sich zu entwickeln, weil das Leben eines jeden Menschen von Gott zu irgendeiner Aufgabe bestimmt ist. Von Geburt an ist allen keimhaft eine Fülle von Fähigkeiten und Eigenschaften gegeben, die Frucht tragen sollen. Ihre Entfaltung, Ergebnis der Erziehung durch die Umwelt und persönlicher Anstrengung, gibt jedem die Möglichkeit, sich auf das Ziel auszurichten, das ihm sein Schöpfer gesetzt hat. Mit Verstand und freiem Willen begabt, ist der Mensch für seinen Fortschritt ebenso verantwortlich wie für sein Heil. Unterstützt, manchmal auch behindert durch seine Erzieher und seine Umwelt, ist jeder seines Glückes Schmied, seines Versagens Ursache, wie immer auch die Einflüsse sind, die auf ihn wirken. Jeder Mensch kann durch die Kräfte seines Geistes und seines Willens als Mensch wachsen, mehr wert sein, sich vervollkommnen.“75

Die Entfaltung der Fähigkeiten des Menschen im Dienst an Gott sei ein „Humanismus jenseitiger, ganz anderer Art, der ihm die höchste Lebensfülle schenkt“.[/note]Populorum progressio 16.[/note]

Papst Franziskus zufolge habe jeder Mensch einen persönlichen Auftrag zu einem besonderen Dienst. Diese Sendung sei untrennbar mit dem Aufbau des Reiches Gottes verbunden. Man solle sich daher nicht davor fürchten, höhere Ziele anzustreben. Das Leben habe dabei nicht einen Auftrag, sondern es sei der Auftrag: „Auch du musst dein Leben im Ganzen als eine Sendung begreifen.“ Der Mensch werde in der „verantwortlichen und großherzigen Ausübung der eigenen Sendung“ geheiligt. Er warnte davor, besondere Fähigkeiten und Bildung als Grund für Stolz zu betrachten. Diese seien nicht dazu da, um sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen, sondern stellten eine Verpflichtung zu umso größerem Dienst dar.76

In seinen Berufungen ist der Mensch Teil einer höheren Ordnung, in die er sich einfügt, wenn er ihnen folgt. Laut Hans Urs von Balthasar definiere es den Christen, dass er seine Berufung kenne und sein Leben für sie einsetze, wobei diese Hingabe bis zum Opfertod gehen könne. Der Christ praktiziere seinen Glauben, indem er „die ihm geschenkten Gnaden in Umlauf zugunsten der Mitmenschen“ einsetze. Wer Ja zu Gott sage, erhalte eine solche Berufung und „seine Sendung zu den Menschen“. Diese könne auch ein „Weltauftrag“ sein, der in „Familie, Staat, Gesellschaft“ zu leisten sei.

Der katholische Heilige Josemaría Escrivá schrieb:

„Wenn du auf den Ruf antwortest, den der Herr an dich hat ergehen lassen, wird dein Leben – dein kleines unbedeutendes Leben – in der Geschichte der Menschheit eine tiefe und breite, leuchtende und fruchtbare Spur des Ewigen und Göttlichen hinterlassen.“

Im Buch Jesaja wird Berufung so beschrieben:

„Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.“77

Einer Berufung zu folgen bedeutet, die Ewigkeit als Maßstab des eigenen Lebens anzuerkennen. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb dazu:

„Damit dieses Leben gelingt, muss ich mitten darin auf das ewige Leben zugehen. Ich muss daran denken, dass Gott mir eine Aufgabe in der Welt zugedacht hat und dass er mich einmal danach fragen wird, was ich mit meinem Leben angefangen habe.“

Eine Berufung anzunehmen bedeutet immer auch Opfer zu bringen, weil man sich von dem trennen muss, was dieser Berufung widerspricht oder ihr entgegensteht.

3.1.1 Berufung als Auftrag Gottes

Eine Berufung ist ein Auftrag Gottes, für den man auf der Welt ist, und die von Gott in seiner Ordnung vorgesehene Platz für den einzelnen Menschen. Eine Berufung zu haben bedeutet, von Gott für einen Aufgabe ausgewählt wirden zu sein. Diese Berufung ist ein persönlicher Weg, Jesus Christus nachzufolgen, und eine Aufgabe, bei der man seine Fähigkeiten und Stärken am besten für einen guten Zweck und zum Dienst am Nächsten nutzen kann. Sie ist der Posten, auf den Gott einen Menschen gestellt hat, damit er auf diesem seinen Dienst verrichte.

Fast jeder Mensch will ein Erbe hinterlassen, das über sein Leben hinausgreift. Einem dienenden Leben kann dies gelingen. Ein Mensch, der seiner Berufung folgt, schafft dabei ein Lebenswerk. Ein Mensch kann mehrere Berufungen haben. Es kommt im Leben vor allem auch darauf an, diese Aufträge Gottes zu erkennen und zu erfüllen und weniger darum, was man selbst vom Leben erwartet. Jeder Mensch hat solche Aufträge von Gott. Berufene sind keine Freiwilligen, sondern werden laut Jesus Christus ausgewählt:

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.“78

3.1.2 Die eigene Berufung erkennen

Die Frage nach der eigenen Berufung ist die Frage nach der eigenen Identität. Da die Anlagen der Menschen unterschiedlich sind, kann es für sie auch keine einheitliche Berufung geben. Der sich im Dienst entfaltende Mensch entwickelt individuellen Charakter, den sein Dienst weiter freilegt, stärkt und veredelt. Vor hohe Ziele gestellt, wächst der Mensch. Der hl. Ignatius von Loyola schrieb, dass Menschen bestimmte individuelle Aufträge in der Nachfolge Jesu Christi hätten. Sie müssten im Gebet erkunden, „in welchem Leben oder Stand seine göttliche Majestät sich unser bedienen will“.

Laut Romano Guardini würde spätestens um das dreißigste Lebensjahr die eigene Berufung endgültig sichtbar werden. Man trage dann eine hohe Verantwortung und müsse sich bindend entscheiden. Dabei würden Härten hervortreten, die mit inneren Kämpfen verbunden seien:

„Mit der Zeit aber machen die Gegensätze sich geltend, und eines Tages stehen sie ganz scharf da. Da sieht man die Aufgabe in ihrer ganzen Schwere. Sieht, wie fern man den Menschen steht, wie tief im Gegensatz zu ihnen, auch zu Gutmeinenden, geschweige denn zu Rücksichtslosen und Feindseligen. […] Da fällt wiederum die Entscheidung; ob man sich fürchtet. Sich fürchtet vor der Aufgabe und ihr untreu wird; vor den Leuten und ihnen weicht; vor der Einsamkeit und zur Herde läuft  – oder ob man standhält. […] Mann sein heißt treu sein.“

Eine Berufung ist damit verbunden, dass Gott den Berufenen mit den für seinen Auftrag erforderlichen Fähigkeiten ausstattet, und zwar mit Neigung, Eignung und Absicht. Charismen sind Geschenke des Heiligen Geistes, die der einzelne zum Dienst am Nächsten einsetzen kann. Solche Geschenke können alle nur denkbaren Eigenschaften sein. Man kann sich Charismen nicht aus eigener Kraft aneignen. Manchen Menschen verleiht Gott in besonderem Maße solche Charismen. Eine Berufung sollte nicht aus falschem Demut zurückgewiesen werden. Als Christ ist man dazu aufgefordert, sich nach hohen Zielen auszustrecken. Man ehrt dadurch Gott, von dem die Fähigkeiten und Stärken kommen, die man in der Berufung einsetzt.

Weiterhin erkennt man eine Berufung daran, dass die eigene Gesinnung rein ist und man dienend zum Segen für die Welt und den Nächsten wirken möchten anstatt für eigene oder als schlecht erkannte Ziele. Über starke Neigung und Tauglichkeit könnte auch ein fähiger Verbrecher verfügen. Eine Berufung sollte hingegen mit den tiefsten und besten Motiven verbunden sein, zu denen man fähig ist.

  • Was sind Spuren des Wirkens Gottes im eigenen Leben? Eine Berufung kann durch die Suche nach Zeichen für den eigenen Auftrag erkannt werden. Diese Suche kann durch Gebet und das Hören auf den Willen Gottes erfolgen.
  • Welche Aufgaben stellen sich im eigenen Umfeld?
  • Das, wofür man Opfer zu bringen und Leid zu ertragen bereit ist: Wofür ist man bereit, sein Leben vollständig einzusetzen?
  • Die eigenen Stärken und Fähigkeiten, die in den Dienst gestellt werden können: Bei welchen Themen wird man häufig um Rat gefragt und um Hilfe gebeten? Welche Aufgaben gelingen einem besonders gut?
  • Die dienende Aufgabe, zu der man in höchstem Maße motiviert ist: Welche Art von Dienst und Arbeit empfindet man nicht als Belastung und verrichtet sie mit Freude? Womit beschäftigt man sich in seiner Freizeit? Wenn man sich unabhängig von allen anderen Faktoren eine Tätigkeit oder Aufgabe aussuchen könnte: Was wäre diese? Was würde man tun, wenn man finanziell vollständig abgesichert wäre oder fünf Jahre Urlaub hätte? Was sind die besten Motive, die man empfindet? Welche Missstände empören einen am meisten? Welchen Weg würde man einschlagen, wenn man sein Leben mit seinem heutigen Wissen noch einmal beginnen könnte?
  • Das Leben von seinem Ende her denken: Was will man am letzten Tag des Lebens sagen was man erreicht haben möchte? Was sollen die eigenen Nachkommen und spätere Generationen über einen sagen?

Berufungen sollten möglichst frühzeitig erkannt werden, damit sie entwickelt werden können und man in ihr zur Meisterschaft gelangt. Sie müssen nicht sofort erkannt werden, sondern können auch zunächst praktisch ausprobiert werden. Beim Erkennen der eigenen Berufung helfen auch das betrachtende Gebet sowie der Austausch mit geeigneten Menschen.

3.1.3  Berufung als Einbruch des Schicksals in das eigene Leben

Es gibt eine mit Gewalt in das eigene Leben einbrechende Berufung, die zuvor nicht erkannt wurde. Hier kommt es darauf an zu erkennen, was die Lage von einem erfordert, und die damit verbundenen Auftrag anzunehmen und so gut auszuführen wie möglich.

Friedrich Gundolf, der Dichter des Lieblingsliedes von Sophie Scholl, beschrieb diese Erfahrung so:

„Die Stunde kommt da man dich braucht
Da sei du ganz bereit
und in das Feuer das verraucht
wirf dich als letztes Scheit.“

Solche Berufungen sind mit schwerer Bedrängnis und harten Prüfungen verbunden. Auf diese Art der Berufung sollte man innerlich vorbereitet sein, denn es könnte nicht viel Zeit zur Verfügung stehen, um sie anzunehmen, und die eigene Trägheit oder Schwäche könnten zu zu langem Zögern verleiten. In dieser Art von Berufung liegt eine besondere Form der Prüfung, die zuverlässig die innere Qualität eines Menschen offenbart.

3.2 Die Berufung des Mannes

Der Mann ist zur Größe berufen. Die magnanimitas, das Ausstrecken nach großen Dingen, und das Vollbringen von ehrbringenden Taten, gehört zu den christlichen Tugenden.

Der Auftrag des Mannes ist es, zu schützen, zu bewahren und notfalls sein Leben im Dienst an den Menschen zu geben, für die er Verantwortung trägt.

Im Englischen beschreibt das Konzept des „servant leaders“ den christlichen Gedanken der Berufung des Mannes.

3.3 Der Eintritt in den Dienst und die Verwandlung des Menschen

Mit der Berufung durch Christus tritt der Mensch in dessen Dienst ein und beginnt den Weg der Heiligung bzw. der Eingliederung in das Reich Gottes. Nur freie Männer, die aus eigener Entscheidung handeln, kommen dafür in Frage.

Romano Guardini schrieb dazu:

„Das wirkliche Verständnis beginnt mit der Beunruhigung durch das Unerhörte. Er setzt sich fort in der Einsicht, dass das scheinbar Unsinnige den letzten Sinn von allem bildet. Es vollendet sich in der Hingabe des Glaubens an das, was über allem Irdischen ist.“

Der Mensch, der bereit dazu ist in den Dienst Gottes einzutreten, kehrt um und erhebt seinen Blick zu Gott. Er bejaht das, was Gott von ihm fordert, und ist bereit dazu, mit seinem bisherigen Leben radikal zu brechen. Dadurch wird ein Tor aufgestoßen. Gott verspricht, dass der der Ihn sucht, von Ihm gefunden werden wird. Wenn es soweit ist, geschieht im Menschen etwas, das er als Erweckung oder als geistige Wiedergeburt erfährt. Er wird dann von der gewaltigen und erhabenen Kraft Gottes ergriffen und sein Leben gewinnt an Intensität. Der hl. Apostel Petrus sprach diesbezüglich vom Augenblick, an dem „der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen“.79

Der Eintritt in den Dienst ist der Beginn der Befreiung des Menschen aus dem Gefängnis des Ich durch Gott und eine Wiedergeburt des Menschen durch den Heiligen Geist in ein neues Leben, in dem nicht mehr er selbst, sondern Gott im Mittelpunkt steht. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach vom „Untergehen des bloßen Ich und damit gerade ein Auferstehen des wahren Ich, ein Selbstwerden durch Freiwerden vom bloßen Ich in die Gemeinschaft mit Gott hinein“. Der Mensch wird dadurch zu einem Sohn Gottes80 und zu einem Teil seines Reiches. Er tritt aus der Dunkelheit in das Licht und erlangt seine wahre Identität durch einen Akt der Selbstaufgabe.

Es beginnt die Umwandlung seiner Seele durch Gnade, Abtötung und Gebet. Wer Christus nachfolgt, muss sein Kreuz auf sich nehmen und sich verleugnen, d. h. er muss nein zu niedrigeren Dingen sagen, damit er frei sein kann für höhere Dinge, so wie der Sportler sich nicht gehen lassen darf, damit er sein Potenzial entfalten kann.

Mit seinem Eintritt in den Dienst Gottes tritt der Mensch in die Gemeinschaft der Erwählten ein, die das Licht der Welt sein sollen. Er wird Teil von Gottes heiligem Volk und tritt ein in ein „auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“.81

Diese Verwandlung des Menschen bedeutet seine Vollendung und nicht seine Auflösung. Der Prozess der Heiligung ist höchst individuell. In ihm entstehen Originale und keine Kopien.

Der heilige Bernhard von Clairvaux sagte, die von Gott gefundenen Menschen seien „zu Kindern des Lichts geworden, zu Kindern des Tages und nicht mehr der Finsternis und der Nacht“ in einer vom Bösen beherrschten Welt.82 Sie gehören zu jenen, die „sich retten lassen aus diesem verkehrten Geschlecht“, um „mitten unter einem verkehrten und verdrehten Geschlecht zu leuchten wie die Sterne im Weltall“.83 Seiner dienenden Gefolgschaft verspricht Jesus Christus hoheitliche Würde.84

Das Leben des Menschen wird dadurch auf eine andere Ebene gehoben und greift von der materiellen, horizontalen Wirklichkeit in die übernatürliche, vertikale Welt und von der Zeit in die Ewigkeit aus. Er hat nun einen Auftrag, um den herum sich sein ganzes Leben neu ordnet. Alles in seinem Leben hat nun eine höhere Bedeutung.

„Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!“85

Voraussetzung dafür ist, dass dieser Auftrag und diese Sendung in einem Menschen lebendig sind und er vom Glauben ergriffen ist. Nur wenn er Feuer gefangen hat, kann er zum Licht in der Dunkelheit der Welt werden.86 Es reicht nicht, nur vom Licht der Welt zu sprechen. Christen müssen selbst die Qualität des Lichts besitzen und von ihm durchdrungen werden. Dies ist ein Geschenk, um das man nur bitten kann, und nichts, was man aus eigener Kraft bewirken kann.

Der katholische Heilige Josemaria Escriva schrieb, dass die „die christliche Berufung darin besteht, aus der Prosa des Alltags epische Dichtung zu machen.“

Wer im Dienst steht, beansprucht nicht in erster Linie Rechte von anderen, sondern empfindet Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber anderen, die ihn zur Tat drängen. Der mit der Gnade Gottes verbundene Mensch lebt aus der Tiefe heraus und wirkt in sein Umfeld hinein.

Mit dem Eintritt in den Dienst beginn Formung des Menschen nach dem Bilde Gotte zu dem, was er sein soll. Er muss dabei vieles von dem aufgeben, was ihm gewohnt ist und was er vielleicht lieb gewonnen hat. In der Ostkirche gibt es diesbezüglich die Vorstellung, dass Gott eine Urbild jedes Menschen geschaffen hat, dem er durch den Prozess der Heiligung mehr und mehr entspricht.

Der Priester Walter J. Ciszek, der lange im verdeckten Dienst in der Sowjetunion wirkte und lange Zeit in kommunistischen Lagern verbrachte, beschrieb die Erfahrung der totalen Hingabe an den Willen Gottes so:

„There was but a single vision, God, who was all in all; there was but one will that directed all things, God’s will. I had only to see it, to discern it in every circumstance in which I found myself, and let myself be ruled by it. God is in all things, sustains all things, directs all things. To discern this in every situation and circumstance, to see His will in all things, was to accept each circumstance and situation and let oneself be borne along in perfect confidence and trust. Nothing could separate me from Him, because He was in all things. No danger could threaten me, no fear could shake me, except the fear of losing sight of Him. The future, hidden as it was, was hidden in His will and therefore acceptable to me no matter what it might bring. The past, with all its failures, was not forgotten; it remained to remind me of the weakness of human nature and the folly of putting any faith in self. But it no longer depressed me. I looked no longer to self to guide me, relied on it no longer in any way, so it could not again fail me. By renouncing, finally and completely, all control of my life and future destiny, I was relieved as a consequence of all responsibility. I was freed thereby from anxiety and worry, from every tension, and could float serenely upon the tide of God’s sustaining providence in perfect peace of soul.“

Der Eintritt in den Dienst ist die vollständige Hinordnung aller Aspekte des eigenen Lebens auf Gott. Nur das Höchste, Edelste und Größte, also Gott, kann den totalen Dienst des Menschen beanspruchen. Nur der im Gehorsam gegenüber Gott geleistete Dienst unterwirft den Menschen nicht, sondern befreit ihn.

Der Glaube wirkt nicht wie betäubendes Opium, wie Karl Marx behauptete, sondern lässt ihn erwachen und die Nöte der Welt stärker wahrnehmen.

Anfänglich ist der christliche Teil des Menschen nur etwas an seiner Oberfläche, während er in seiner Tiefe noch ungeordnet ist. Der Eintritt in den Dienst ist keine einmalige Entscheidung, sondern muss immer wieder neu vollzogen werden. So wird der Mensch, der dem immer wieder zustimmt, mit der Zeit durch das Wirken Gottes verändert, bis im besten Fall eines Tages „der ganze Mensch nur noch Funktion des göttlichen Auftrags ist“87

Mit dem Eintritt in den christlichen Dienst tritt der Mensch auch in die christliche Kultur des Dienstes ein. Diese ersetzt nicht die bisherige kulturelle Prägung eines Menschen, sondern verbindet sich mit dieser und veredelt sie.88

Reue ist der Wille zur Umkehr. Buße beinhaltet Taten, welche die Folgen der begangenen Sünden so weit es möglich ist wieder gut machen sollen. Buße kann in Form des Ablegens der Beichte, des Fastens oder in Form von Almosen erfolgen sowie in jeglicher Handlung bestehen, die das Leben wieder und stärker als bisher auf Gott ausrichtet. Buße besteht in den guten Dingen die man tut und dem Ertragen der Schwierigkeiten, die dies mit sich bringt. Buße kann auch durch unangenehmen Verzicht geleistet werden.

3.4 Das Laienapostolat als Form des Dienstes

Das Laienapostolat ist nach katholischer Definition eine Form des Dienstes am Nächsten in der Nachfolge Christi, der nicht an ein kirchliches Amt oder eine Ordensgemeinschaft gebunden ist. Alle Christen sind durch die Taufe zu diesem Dienst berufen.

Erzbischof Georg Gänswein erklärte im September 2018, dass angesichts der Krise der Kirche und Christentums in der westlichen Welt „die Stunde der souveränen Laien geschlagen hat“.89

Die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart

Teil des Laienapostolats ist die Pflicht, nach den „Zeichen der Zeit“ zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. Christen haben den Auftrag, „die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“.90

Papst Johannes Paul II. hatte diesen Auftrag bekräftigt:

„Es ist eine ruhige kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen kulturellen Situation Europas nötig, welche die auftretenden Tendenzen und die bedeutendsten Ereignisse und Situationen unserer Zeit im Lichte der zentralen Stellung Christi und der christlichen Anthropologie bewertet.“

Auch Papst Benedikt XVI. hat die Bedeutung dieses Auftrags betont. Der katholische Philosoph Robert Spaemann erklärte, dass es dabei darauf ankomme, „der gegenwärtigen Realität ins Auge zu sehen, sie mit allen rationalen Mitteln zu analysieren, um sie dann im Lichte der Offenbarung zu beurteilen“.

Der katholische Theologe Dietrich von Hildebrand schrieb, dass die „Auswertung positiver Elemente der Zeit“ ebenso Teil des christlichen Apostolats sei wie „die ausdrückliche und eindeutige Verurteilung der Irrtümer und üblen geistigen Strömungen“.91

Die Übernahme von Verantwortung in der Welt und für die Welt

Christen sind außerdem dazu aufgerufen, Verantwortung in der Welt und für die Welt zu übernehmen und sie zu gestalten.92 Sie haben einen Kulturauftrag, der die geistige Durchdringung der Welt sowie den Aufbau und die Vervollkommnung menschengemäßer Ordnung umfasst.93 Weiterhin umfasst dieser Auftrag die Belebung der weltlichen Ordnung mit christlichem Geist.94

Christen haben zudem den Auftrag, sich der Nöte des Volkes Gottes anzunehmen, das „Leben in Familie, Beruf, Kultur und Gesellschaft“ glaubensmäßig zu durchdringen und es durch dienende Taten zu beleben.95. Sie sollen ihre besonderen Fähigkeiten, ihr Fachwissen und ihre Erfahrungen einsetzen, um in ihrem Umfeld und im öffentlichen Leben eine gottgemäße Regelung der zeitlichen Dinge zu fördern.96

Papst Franziskus bekräftigte diesen Auftrag, als er erklärte, dass die Aufwertung des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens durch christliche Werte den Dienst der Laien erfordere.97

Laienapostolat als tätige Antwort auf Herausforderungen für das Christentum

Die Idee des Laienapostolats bezieht sich insbesondere auf den Dienst in schwierigen Lagen, in denen „die Freiheit der Kirche schwer behindert ist“ sowie auf Situationen der Bedrängnis, in denen der Dienst der Laien „von größter und dringender Notwendigkeit“ ist.98 Auch die Herausforderungen der zunehmend säkularisierten Welt werden als Anlass für organisiertes Laienapostolat hervorgehoben.99

  • Der hl. Pius X. schrieb über die Anlass der Schaffung der Katholischen Aktion, die zu den Vorläufern des im Zweiten Vatikanischen Konzils formulierten Konzepts des Laienapostolats gehört, dass die Kirche „in der Welt bedrängt werden wird, dass ihre Apostel wie Schafe unter die Wölfe gesandt sind, dass ihre Anhänger mit Hass und Verachtung bedacht werden, wie ihr göttlicher Gründer mit Hass und Verachtung überhäuft wurde.“
  • Der Dienst der Laien müsse daher „die antichristliche Zivilisation bekämpfen“, von der diese Verfolgung ausgeht, und die von ihr verursachten Schäden beheben.

Die wichtigsten Vordenker des Laienapostolats lebten und dienten in schwierigen Umfeldern, was dazu beitrug, dass sie eine praktische Spiritualität zur Bewältigung der entsprechenden Herausforderungen entwickeln konnten.

4. Ewiger Dienst

Der Dienst des Christen ist ein ewiger Dienst, der nicht mit dem körperlichen Tod endet. Gott hat nach christlicher Auffassung ein Interesse am Schicksal jeder einzelnen Seele und jeden Menschen zum Dienst berufen. Möglicherweise dient das Leben des Menschen in der Welt dem Zweck, Seelen heranzubilden, die Gott für andere Aufgaben einsetzen will. Das Leben wäre dann in erster Linie eine Schule des Dienstes um den Menschen auf die Aufgaben vorzubereiten, die ihn in seiner eigentlichen Heimat erwarten. Vielleicht ist das gemeint, wenn die Evangelien an vielen Stellen von der Ernte sprechen, die Gott einst einbringen werde.

Die großen Aufgaben des Menschen in der Ewigkeit

Josef Pieper nach durchziehe die abendländische Tradition die Vorstellung, das im Jenseits „nicht ein Jota, rein gar nichts verloren sein wird von dem, was ‚hier‘ gut und richtig, gerecht, wahr, schön, wohlgeraten und gesund gewesen ist“.100 Gemäß der Lehre der katholischen Kirche ist der körperliche Tod des Menschen die Trennung des Leibes von der Seele. Die nicht mehr an die materielle Welt gebundene Seele findet sich nach dem Tod Gott gegenüber. Sie tritt anschließend als Ergebnis ihrer Entscheidung im Leben nach Maßgabe Gottes entweder in die Gemeinschaft mit Gott, einen zur Gemeinschaft mit Gott erforderlichen Zwischenzustand der Reinigung oder in einen Zustand der Ablehnung Gottes und der Gemeinschaft mit ihm ein. Der Endzustand ist der leiblichen Auferstehung des Menschen in einer anderen, erneuerten Welt, die im Neuen Testament mit dem Bild des „himmlischen Jerusalems“ beschrieben wurde.

In den abschließenden Worten der Offenbarung des Johannes wird dieses himmlische Jerusalem bzw. die Stadt Gottes beschrieben. Dieses ist der Ort und der Zustand der Menschen, die zu Gott gelangt sind, und entspricht dem, was auch „Himmel“ oder „Paradies“ genannt wird. Dieser Ort und Zustand werden in der Bibel auch mit mythologischen Bildern beschrieben. So befindet sich dieser Ort etwa auf einem heiligen Berg, und an ihm befinden sich der Baum des Lebens und die Quelle, aus der das Wasser des Lebens strömt. Dieser Ort ist von der Gegenwart Gottes erfüllt, dessen Thron sich dort befindet. Nichts Unreines besteht dort und Tod und Leid sind überwunden. Über die dort aufgenommenen Menschen, die als Sieger beschrieben werden, heißt es, dass Gott in ihrer Mitte wohnt und sie sein Volk sind, das aus seinen Söhnen besteht. Weder Feiglinge noch Treulose noch Mörder und Götzendiener oder Unzüchtige und Lügner könnten dazugehören. Es handelt sich nicht um einen Ort und Zustand der Untätigkeit, denn es heißt ausdrücklich, dass die dort lebenden Menschen hier Gott dienen und tätig sein wie Gott es ist. Jesus Christus sagte: „Mein Vater arbeitet bis jetzt und auch ich arbeite.“101 In der Sphäre Gottes gibt es also keine Untätigkeit. Gott, der Schöpfer, ist tätig, und seine Tätigkeit geht weiter. Jesus Christus sagte auch dass diejenigen, welche die Anliegen Gottes auch in scheinbar kleinen Dingen zuverlässig und gut verwaltet haben, große Aufgaben erhalten werden.102

Die Propheten Micha und Jesaja verkündeten, dass am Ende der Tage die Menschen nach dem Beginn der endgültigen Herrschaft Christi die Menschen „ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern“.103 Sie kündigen damit keine Zeit passiver Untätigkeit an, denn Pflugscharen und Winzermesser sind Werkzeuge und ihr Einsatz erfordert Tätigkeit.

Diese Tätigkeit wird den Worten der Bibel zufolge in Dienst und Herrschaft bestehen. Die Tätigkeiten des zu Gott gelangten Menschen in der Ewigkeit werden in der Offenbarung des Johannes mehrfach betont. Jesus Christus hat mit seinem „Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern“ und sie „für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.“104 Die im ewigen Dienst an Gott dem König stehenden Menschen werden Macht über Völker erhalten und „Säulen im Tempel meines Gottes“ sein sowie „mit mir auf meinem Thron sitzen“. Die Beschreibungen der Offenbarung des Johannes enden mit den Worten über die ewigen Diener Gottes: „Und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.“105

Pater Gabriele Amorth, einer der bedeutendsten Exorzisten der Gegenwart, sagte kurz vor seinem Tod 2016, dass er seinen Kampf gegen Satan fortsetzen werde, sobald er den guten Ort erreiche.106

Der christliche Philosoph und Schriftsteller C. S. Lewis beschrieb auf der Grundlage dieses christlichen Gedankens, dass das Ende dieses Weltzeitalters nicht das Ende der Geschichte des Menschen darstellen werde, sondern ihren eigentlichen Beginn. In einem seiner Romane beschrieb er das Leben der Menschen nach ihrem körperlichen Tod so:

„Aber was sich danach ereignete, war so groß und schön, daß man es nicht beschreiben kann. […] Hier endet für uns diese Geschichte.   […] Für sie […] aber war es nur der Anfang der wahren Geschichte. Ihr ganzes Leben in dieser irdischen Welt und alle ihre Abenteuer […] waren nur der Umschlag und das Titelblatt gewesen. Nun erst begannen sie das erste Kapitel der großen Geschichte, die noch keiner auf Erden gelesen hat, der Geschichte, die ewig weitergeht und in der jedes Kapitel besser ist als das vorangegangene.“107

Ernst Jünger beschrieb den Tod des im Dienst stehenden Menschen im Sinne christlichen Denkens als die Bewegung „aus einer unvollkommenen in eine vollkommene Wirklichkeit, aus dem Deutschland der zeitlichen Erscheinung in das ewige Deutschland“. Der Tote werde Teil einer „Gesellschaft hoher Geister“ die „das geheime Reich bevölkern“.108

Vergleichbare Konzepte in anderen Religionen

Die Vorstellung eines in die Ewigkeit fortgesetzten Dienstes strahlte vom Christentum auch auf andere Religionen aus. Die in der germanischen Religion und Mythologie vorhandene Vorstellung, dass eine Auslese der tapferen gefallenen Kämpfer (die „Einherjer“) Teil einer Armee im Jenseits werde, die sich in Walhall auf Odins Burg Gladsheim in Asgard auf einen letzten endzeitlichen Kampf gegen ein Riesenheer vorbereite, entstand vermutlich erst im 9. Jahrhundert unter dem Einfluss des Christentums. Sie weist deutliche Anklänge an die christliche Vorstellung des Dienstes der Heiligen im Jenseits auf, so wie auch die späte Darstellung Odins Elemente von Christus-Darstellungen aufweist. Die Einherjar galten als die gute Seelen verstorbener Krieger, die in einer letzten Schlacht gegen den die Ordnung des Kosmos bedrohenden Wolf kämpfen würden. In der antiken Kultur Persiens gab es ein verwandtes Konzept. Die Fravalis wurden hier als die guten Seelen verstorbener Krieger beschrieben, die eine schützende Funktion einnehmen könnten.109

Quellen

  1. „Ausserordentliches Jubiläum der Barmherzigkeit – Jubiläum der Diakone“, Predigt von Papst Franziskus, 29.05.2016.
  2. „Palmsonntag und Sonntag der Passion des Herrn. Homilie von Papst Franziskus“, 05.04.2020.
  3. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 204.
  4. Zit. nach Günter Stemberger: 2000 Jahre Christentum, Erlangen 1994, S. 641 ff.
  5. Mt 5, 13-16
  6. Die Regel des heiligen Benedikt 45
  7. Gaudete et exultete.
  8. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, München 1968, S. 182 ff.
  9. Benedikt XVI.: „Das katholische Priestertum“, in: Robert Kardinal Sarah: Aus der Tiefe des Herzens. Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche, Kißlegg 2020.
  10. Mk 10, 42-45
  11. Mt 20, 25-28
  12. Lk 22,27
  13. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 278.
  14. Heb 1, 2-10
  15. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 221.
  16. Romano Guardini: Glaubenerkennnis. Versuche zur Unterscheidung und Vertiefung, Würzburg 1949.
  17. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 221
  18. Mk 8,34.
  19. Benedikt XVI.: „Das katholische Priestertum“, in: Robert Kardinal Sarah: Aus der Tiefe des Herzens. Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche, Kißlegg 2020.
  20. Mt 25, 31-46.
  21. Zit. nach Wilhelm Geerlings/Gisbert Greshake (Hrsg.): Quellen geistlichen Lebens. Band 1 – Die Zeit der Väter, Ostfildern 2008, S. 49-50.
  22. Lumen gentium 40.
  23. “Ansprache von Benedikt XVI. an die Pilger aus Deutschland“, 25.04.2005
  24. Papst Benedikt XVI: Enzyklika Caritas in veritate, 29.06.2009
  25. Jesaja 58, 8-12
  26. Mt 7,21
  27. Gaudete et exultete
  28. Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966.
  29. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 52.
  30. Mt 25, 31-46.
  31. Caritas in veritate
  32. 1 Petr 4,10
  33. Russell Kirk: „The Rarity of the God-fearing Man“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. 115-123, hier: S. 117.
  34. Lk 10,37.
  35. Thomas von Aquin: Summa Theologica, 2-2, 30, 4.
  36. Lucius Caelius Firmianus genannt Lactantius: Göttliche Unterweisungen in Kurzform, München/Leipzig 2001.
  37. Heinrich David: Über das Bild des christlichen Mannes, Bobingen 2014, S. 95 ff.
  38. Mt 10,16ff.
  39. Lk 10,3
  40. Mk 8,35.
  41. Joh 6,60.
  42. Mk 8,34.
  43. Tolkien 2009, S. 1132.
  44. KKK 2015
  45. Otto Bardenhewer et al. (Hrsg.): Des heiligen Kirchenlehrers Johannes Chrysostomus Erzbischofs von Konstantinopel Kommentar zu den Briefen des hl. Paulus an die Philipper und Kolosser, Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 45, München 1924, S. 191-192.
  46. Ebd., S. 191.
  47. Gaudete et exultate 1.
  48. „Kardinal Müller: Kirchenkrise ist ‚von Menschen gemacht‘, und Verweltlichung keine Lösung“, catholicnewsagency.com, 01.01.2020.
  49. Robert Spaemann: „Die europäische Kultur und der banale Nihilismus oder: Die Einheit von Mythos, Kult und Ethos“, Umkehr, Nr. 1/1993, S. 3-9.
  50. Hebr 9,22.
  51. Joh 15,13
  52. Römer 12,1.
  53. 1 Petr 2,21.
  54. Salvifici doloris 2.
  55. Salvifici doloris 1, 25.
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  57. Richard W. Kaeuper: Holy Warriors. The Religious Ideology of Chivalry, Philadelphia 2009, S. 61 f.
  58. Josémaria Escriva: Der Weg, Nr. 194
  59. Josémaria Escriva: Der Weg, Nr. 208
  60. Zacharia 13, 8-9.
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  62. 1 Petrus 1,7.
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  64. Hebr 12, 4-11.
  65. Sir 2, 1-5.
  66. Gen 2,15
  67. Charles J. Chaput: „Memory, Sex, and the Making of ‚The New Man'“, catholicworldreport.com, 04.02.2018, Übersetzung Renovatio-Institut.
  68. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 259 f.
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  70. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 35 ff.
  71. Thomas von Aquin: Summa Theologica, 1, 94, 3.
  72. Guido Görres: Die Jungfrau von Orleans, Regensburg 1834, S. 31.
  73. Jes 6, 8.
  74. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 275-277.
  75. Populorum progressio 15.
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  77. Jes 49, 1-9
  78. Joh 15,16.
  79. 2 Petr 1,19.
  80. Röm 8,14.
  81. 1 Petr 2,9.
  82. 1 Joh 5,19
  83. Phil 2,15
  84. Mt 19,28; Lk 22,30.
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  87. Romano Guardini: Die letzten Dinge, Würzburg 1967, S. 59 ff.
  88. Joseph Ratzinger: Glaube – Wahrheit – Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, Freiburg im Breisgau 2001, S. 58.
  89. Erzbischof Georg Gänswein: „Die Christen am Wendepunkt“, Vatican Magazin, Nr. 10/2018.
  90. Gaudium et spes 4.
  91. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 114.
  92. Gen 1,28.
  93. Apostolicam actuositatem 7.
  94. CIC Can. 298.
  95. Apostolicam actuositatem 16.
  96. Lumen gentium 31.
  97. Evangelii gaudium 102.
  98. Apostolicam actuositatem 17
  99. Apostolicam actuositatem 18
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  101. Joh 5,17.
  102. Mt 25,23.
  103. Mi 4, 1-4, Jes 2, 2-4.
  104. Offb 5.
  105. Offb 22,5.
  106. „The Devil and Father Amorth: Witnessing ‚the Vatican Exorcist‘ at Work“, vanityfair.com, 31.10.2016.
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