Der traditionelle Konservatismus ist eine Philosophie sowie ein Ethos und eine Haltung, aber keine Ideologie. Als Weltanschauung beruht dieser Konservatismus auf dem christlichen Ideal des Dienstes am Gemeinwohl.

1. Der traditionelle Konservatismus ist Ausdruck des christlichen Ideals des Dienstes am Gemeinwesen

Der christliche Konservatismus beruht auf dem christlichen Ideal des Dienstes am Gemeinwesen, das Ausdruck der christlichen Forderung zur Nächstenliebe ist. Dieser Gedanke hat das gesamte abendländische Erbe geprägt, das darauf beruht, die Schwachen zu schützen und die unvollkommene Welt im Rahmen des Möglichen menschlicher zu gestalten. Russell Kirk zufolge ist es daher kennzeichnend für den christlichen Konservatismus, dass er vor allem in den Kategorien von Dienst und Pflicht denkt.1

Bereits vor rund 800 Jahren interpretierte Thomas von Aquin diesen christlichen Impuls in einem konservativen Sinne:

“Denn das Streben eines jeden, der eine Herrschaft ausübt, muß darauf gerichtet sein, das, was er zu regieren übernommen hat, heil zu erhalten. So ist es die Pflicht des Steuermannes, das Schiff vor den Gefahren des Meeres zu bewahren und versehrt in den sicheren Hafen zu geleiten.”2

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) betonte dass Christen in allen Staaten Patrioten sein müssten, auch in solchen, die ihnen ablehnend gegenüberstehen. In jeder Lage müssten Christen versuchen, Staaten aufzubauen und das Gute in ihnen zu stärken:

“Der Christ ist in dem Sinn immer staatserhaltend, dass er das Positive, das Gute tut, das die Staaten zusammenhält. Er hat nicht die Furcht, dass er damit die Macht des Bösen begünstigt, sondern er ist überzeugt, dass immer nur die Stärkung des Guten das Böse abbauen und die Macht des Bösen die der Bösen verringern kann.”3

2. Der traditionelle Konservatismus ist nicht mit dem Christentum identisch

Der traditionelle Konservatismus beruht auf christlichen Impulsen, ist aber nicht mit dem Christentum identisch und auch nicht die einzige politische Philosophie, die sich legitimerweise auf das Christentum berufen kann. Christliche Konservative sprechen den Anhängern anderer Philosophien nicht grundsätzlich ab, Christen zu sein. Es kann für Christen zudem wichtigere und größere Aufgaben geben als die Gestaltung des Gemeinwesens geben.

Der christliche Glaube und die ihn begründete Wahrheit sind keine politischen Weltanschauungen und daher weder konservativ noch progressiv.4 Das Christentum hat keine direkte politische Botschaft, setzt keinen bestimmten politischen Kontext voraus und antwortete nicht auf die politischen Fragen, die zur Zeit seiner Entstehung relevant waren. Jesus Christus lehnte Versuche ab, ihn als Unterstützer für bestimmte politische Anliegen zu gewinnen und betonte, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist.5 Russell Kirk betonte vor diesem Hintergrund, dass wahre Religion sich mit der Seele und nicht mit dem Staat befasse.6

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) warnte vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der marxistischen “Befreiungstheologie”, dass es nicht christlich sei, “die Heilige Schrift und die Theologie” dazu zu missbrauchen, “eine Theorie über die gesellschaftlich-politische Ordnung zu verabsolutieren und zu sakralisieren“. Man man erzeuge dadurch „einen schwärmerischen Fanatismus“.7

Dies würde umgekehrt auch für entsprechende konservative Versuche gelten. Ein christlicher Konservatismus ist aus christlicher Sicht dann legitim, wenn es sich bei ihm um einen christianisierten Konservatismus handelt und nicht um einen Versuch, das Christentum zur bloßen Legitimation politischer Forderungen zu missbrauchen. Eine bestimmte politische Weltanschauung oder ein Programm zu den einzig christlichen zu erklären, wäre gleichbedeutend mit Idolatrie und würde den christlichen Glauben untergraben, weil alle diese Weltanschauungen und Programme unvollkommen sind.

Dies zeigen nicht zuletzt auch die Irrtümer und Fehler christlicher Konservativer sowie die vielfach gut begründete christliche und sonstige Kritik am christlichen Konservatismus, der sich dieser stellen muss, wenn er nicht auf die Ebene der Ideologie herabsinken will. Wo diese Kritik ernst genommen wurde, entwickelte sich der christliche Konservatismus weiter und wurde dadurch stärker. In der politischen Praxis stand der christliche Konservatismus etwa häufig vor dem Problem der richtigen Unterscheidung zwischen dem überholten Alten und dem zeitlos gültigen Traditionellen. Die prinzipielle Bejahung von Hierarchie, Autorität und Ordnung äußerte sich zudem in manchen Situationen in der Unterstützung politischer Eliten, die nicht oder nicht mehr dem Gemeinwohl dienten.

Günter Rohrmoser zufolge sei die Ansicht, dass politische Positionen unmittelbar aus religiösen Offenbarungstexten abgeleitet werden könnten, sowohl dem Christentum als auch dem christlichen Konservatismus fremd und eher für den Islam kennzeichnend. Im Namen Christi in die Politik einzugreifen habe “Konsequenzen, die keiner wünschen kann“. Eine solche Praxis würde zudem politische Konflikte in die Kirche hineintragen und diese dadurch schwächen.8

3. Der traditionelle Konservatismus will allen Menschen unabhängig von Glaube und Herkunft dienen

Die Prinzipien von christlicher Soziallehre, des Naturrechts und des christlichen Pflicht- und Dienstsethos, auf denen der christliche Konservatismus beruht, sind nicht nur für Christen nachvollziehbar und ihre Umsetzung im gesellschaftlichen Leben dient nicht nur Christen, sondern allen Menschen. Es gibt in diesem Sinne keine christliche Politik, sondern nur Christen, die den Dienst am Nächsten und am Gemeinwohl in politischen und sonstigen gesellschaftlichen Funktionen leisten. Dieser Dienst gilt allen Menschen unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Der christliche Konservatismus argumentiert zudem nicht theologisch, weshalb er prinzipiell auch von Anhängern anderer Philosophien, Religionen und Weltanschauungen geteilt werden kann.

Das Grundgesetz und die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland beruhen in großen Teilen auf christlicher Weltanschauung bzw. auf dem Naturrecht und der christlichen Soziallehre. Allen Menschen kommt diese Ordnung unabhängig von ihrer Weltanschauung und Religion zu Gute. Viele Nichtchristen haben sich bewusst dafür entschieden, ihre von atheistischer oder islamischer Weltanschauung geprägten Heimatstaaten zu verlassen um in Deutschland zu leben und dort an den Leistungen christlicher Kultur wie dem sozialen Gedanken, der freiheitlichen Staatsverständnis und der staatlich garantierten Menschenwürde teilzuhaben. Dies belegt die Universalität christlich-konservativer Weltanschauung bzw. die Tatsache, dass diese besser als die meisten anderen Weltanschauungen für alle Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen kann. Gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher und kultureller Fragmentierung kann der christliche Konservatismus mit seinem Ideal des Gemeinwohls eine Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen.

Der Sozialdemokrat und ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärte in diesem Zusammenhang, dass er dem Christentum distanziert gegenüber stehe. Er habe jedoch während der Herrschaft des Nationalsozialismus “auf die moralische Kraft der Kirche” gehofft, “die nach dem erwarteten bösen Ende in Deutschland wieder eine anständige Gesellschaft herstellen würde”.9

Der christliche Philosoph C. S. Lewis wies darauf hin, dass es einer christlichen Ordnung nicht darum gehen könne, Menschen anderer Weltanschauungen durch Gesetze zu einem christlichen Leben zu zwingen. Die Entscheidung zu einem christlichen Leben müsse auf dem freien Willen des Menschen beruhen, um authentisch zu sein. In der Mitte des 20. Jahrhunderts, als Lewis seine Gedanken in Großbritannien niederschrieb, bestand die Bevölkerung des Landes formal fast ausschließlich aus Christen. Lewis wies jedoch darauf hin, dass auch damals nur eine Minderheit der Menschen tatsächlich Christen gewesen sei. Vom Rest könne man jedoch nicht erwarten, ein christliches Leben zu führen. Diese Menschen durch Gesetze zu einem solchen Leben zwingen zu wollen, sei sinnlos und kontraproduktiv. Es erzeuge Aversionen gegenüber dem Christentum und fördere Heuchelei.

4. Der traditionelle Konservatismus als Ethos und Haltung

Der christliche Konservatismus ist nicht nur eine politische Philosophie, sondern auch ein Ethos und eine Haltung bzw. eine bestimmte Art des Denkens und Handelns. Laut Michael Oakeshott bevorzuge der Konservative das Bewährte gegenüber dem nicht Bewährten, das Nahe gegenüber dem Fernen, das Genügende gegenüber dem Überfluss, das Tatsächliche gegenüber dem Möglichen und das Hinreichende gegenüber dem Vollkommenen. Er misstraue Utopien und bevorzuge es, im Rahmen seiner eigenen Mittel zu leben.10

Gerd-Klaus Kaltenbrunner sah im Konservatismus eine Grundhaltung wirken, die sich „durch die Jahrtausende hin nachweisen“ lasse. So wie es einen konservativen Typus gebe, gebe es auch einen progressiven. Beide hätten ihre eigenen Stärken und Schwächen, und auf keinen von ihnen könne verzichtet werden.11 In seiner charakterlichen Disposition sei der Konservative „anhänglich an das Gegebene; mißtrauisch gegenüber Neuerungen; am Bestehenden, Erprobten, Bewährten festhaltend; die Erfahrung des Lebens den Konstrukten des Intellekts entschieden vorziehend; Dauer, Beständigkeit und Tradition instinktiv bejahend; skeptisch gegenüber jedem Radikalismus, gegenüber Utopien und Zukunftsverheißungen; stets vom Konkreten ausgehend und die Möglichkeiten des Menschen eher unter- als überschätzend“.12

5. Der traditionelle Konservatismus ist keine Ideologie

Der christliche Konservatismus beruht auf zeitlos gültigen Prinzipien, ist aber ansonsten offen angelegt und erhebt nicht den Anspruch, zeitlos gültige politische Programme entwerfen zu können, wie es politische Ideologien üblicherweise tun. Er ist weltoffen, d. h. seine Ausrichtung wird durch neue Erkenntnisse bestimmt.13 Er erhebt zudem nicht den von Ideologien meist vertretenen Anspruch, ideale Zustände herstellen, alle Widersprüche des Lebens ausgleichen oder soziale und politische Abläufe vollständig erklären zu können. Er ist daher keine politische Ideologie, was einer der Gründe dafür ist, dass die Debatte darüber, was das Wesen des Konservatismus ausmacht, ständig geführt wird. Für Menschen, die etwa davon ausgehen, dass die Politik ideale Zustände in einer Gesellschaft schaffen könne, ist der Konservatismus im Vergleich zu politischen Ideologien zudem weniger attraktiv. Umgekehrt macht diese Eigenschaft den Konservatismus lernfähiger, pragmatischer und immuner gegenüber utopischen Versprechen und politischen Extremen.

Während christliche Weltanschauung die Existenz von Absolutheiten anerkennt, die der Mensch nur erkennen aber nicht verändern kann, geht ideologisches Denken davon aus, dass solche Absolutheiten (etwa eine Natur des Menschen) nicht existierten und dass Wirklichkeit einschließlich der Natur des Menschen daher mit den Mitteln der Politik im Sinne der Idee geformt werden könne.14 Ideologien sind nicht dazu in der Lage, falsche Prämissen (etwa in Form eines utopischen Menschenbildes) auf der Grundlage von Beobachtung der Wirklichkeit und von Erfahrung zu korrigieren, weil sie die Idee einer unverfügbaren Wirklichkeit, die ihnen Grenzen setzen könnte, ablehnen. Wo sie in Konflikt mit der Wirklichkeit geraten, neigen sie dazu, die Wahrnehmung und Ansprache dieser Wirklichkeit als Versuch zur Verhinderung der von ihnen angestrebten Utopie zu bekämpfen oder zumindest moralisch zu delegitimieren. Ideologien verstellen so den Blick auf die Wirklichkeit und verhindern, dass Politik dem Gemeinwohl dienen kann. Sie haben außerdem die Tendenz, sich zu Ersatzreligionen zu entwickeln, die transzendente Ziele in das Diesseits verlegen und eine Erlösung des Menschen mit den Mitteln der Politik anstreben.15

Quellen

  1. Russell Kirk: „Why I am a Conservative“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. 42-45, hier: S. 42.
  2. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10 f.
  3. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 64 f.
  4. Günter Rohrmoser: Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des modernen Konservatismus, München 2000, S. 236.
  5. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: „Wie konservativ ist eigentlich das Christentum?“, in: Ders. (Hrsg.): Antichristliche Konservative. Religionskritik von rechts, Freiburg i. Br. 1982, S. 82-100, hier: S. 84-86.
  6. Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr 1993, S. 10.
  7. Zit. nach Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben, München 2020, S. 676.
  8. Günter Rohrmoser: Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des modernen Konservatismus, München 2000, S. 52.
  9. Helmut Schmidt: Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 16 f.
  10. Michael Oakeshott: On being Conservative“, in: ders.: Rationalism in Politics and Other Essays, London 1962), S. 168-196, hier: S. 169.
  11. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Der schwierige Konservatismus, Herford 1975, S. 9-10.
  12. Ebd., S. 26
  13. Arnold Gehlen: Anthropologische Forschung, Reinbek bei Hamburg 1961, S. 23.
  14. Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr 1993, S. 13.
  15. Ebd., S. 5.