Die politische Philosophie des christlichen Konservatismus hat sich über lange Zeiträume hinweg aus Quellen wie dem christlichen Dienstethos, der Naturrechtslehre sowie der christlichen Soziallehre und auf der Grundlage einer Reihe von Prinzipien organisch entwickelt. An dieser Stelle wollen wir sieben dieser Prinzipien näher beschreiben:

  1. Die transzendente Ordnung des Kosmos als Fundament der politischen Ordnung
  2. Die Welt als Schauplatz eines Kampfes zwischen transzendenten Mächten
  3. Der Mensch als Bewahrer des Lebens und der Ordnung
  4. Der Mensch als Teil einer Generationenkette
  5. Der Mensch als Bewahrer eines heiligen Erbes
  6. Tradition als Treiber kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung
  7. Die Politik als Dienst am Gemeinwohl
  8. Eliten als Träger des Gemeinwesens

1. Die transzendente Ordnung des Kosmos als Fundament der politischen Ordnung

Der christliche Konservatismus ist ein traditioneller Konservatismus, der sich in ähnlicher Form in allen Hochkulturen findet. Alle höheren Religionen und die auf ihnen beruhenden Kulturen teilen die Annahme, dass die Wirklichkeit nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige Dimension umfasst. Sie teilen zudem die Annahme der Existenz einer ewigen, transzendenten Ordnung des Kosmos, die der Mensch richtig erkennen muss, damit sein individuelles Leben, aber auch sein Leben in Gemeinschaft, gelingen können. Durch Kontemplation kann der Mensch diese Ordnung erkennen, mit der eigentlichen Wirklichkeit in Kontakt treten1 und die in der Ewigkeit existenten Urbilder erkennen, die ihm als Vorbilder für die Gestaltung der sozialen Ordnung dienen.2

Der christliche Konservatismus strebt danach, Gemeinwesen und die sie tragende Kultur im Sinne der spezifisch christlichen Konzeption dieser kosmischen Ordnung zu gestalten. Der christliche Konservative versteht Gott in diesem Zusammenhang als ordnendes Prinzip sowie als Garant von Ordnung.3 Er nimmt einen Auftrag dazu wahr, diese Ordnung in der Welt zu verwirklichen und sie zu schützen.4

Wie die große Kathedralen des Mittelalters wuchs im Zuge dieses Strebens nach Annäherung an das Absolute über Jahrhunderte hinweg durch das Werk vieler Generationen das abendländische Kulturerbe in seinen vielfältigen nationalen und regionalen Formen geschaffen. Dieses Erbe atmet den Geist der Ewigkeit, denn es gründet im Ewigen und ist auf die Ewigkeit ausgerichtet. Das Christentum hat dem gesamten abendländischen Kulturraum seine geistige Form aufgeprägt. Man kann diese Verbindung nicht auflösen, ohne diese Kulturen zu zerstören.

Durch diese Verwurzelung im Absoluten ist der christliche Konservatismus gegen die utopischen Versprechungen totalitärer Ideologien immun, die davon ausgehen, dass mit den Mitteln der Politik ein neuer, besserer Mensch oder eine bessere Realität geschaffen werden könnten.5

2. Die Welt als Schauplatz eines Kampfes zwischen transzendenten Mächten

Der christliche Konservatismus ist eine agonale, den Kampf betonende Weltanschauung. Er betrachtet die Welt und die korrumpierbare Seele des Menschen als Schauplätze eines Kampfes zwischen transzendenten Mächten. Die Linie, die Gut und Böse trennt, verläuft für ihn nicht zwischen Staaten, sondern durch die Seele jedes Einzelnen.6

Dieser Kampf macht die Welt zu einem gefährlichen Ort, weshalb der Konservative stets von der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des Geschehens ausgeht und vom Ernstfall her denkt. Der christliche Konservative erkennt seine Berufung dazu, an diesen Kämpfen teilzunehmen, und geht mit Hoffnung in sie hinein. Diese Hoffnung unterscheidet sich vom säkularen Optimismus, weil sie über diese Welt hinausblickt.7

Der christliche Konservative betrachtet zudem alle Werke der Kultur als Ergebnisse eines Kampfes gegen die Kräfte des Chaos. In diesem Kampf können die Werke des Menschen nicht aus sich heraus Bestand haben, sondern gewinnen ihre Kraft und ihre Größe einzig aus der Bindung an das Transzendente. Das Wahre, Gute und Schöne ist nichts Gegebenes, sondern muss laufend gegen Widerstand errungen und verteidigt werden. Wo die Stärke der Bindung an transzendente Wahrheit nachlässt, können die Kräfte des Chaos wirken und die guten Werke des Menschen auflösen. Dies erfordert die Pflege dieser Bindung, die immer wieder neu vollzogene Ausrichtung von Institutionen auf ihr Ziel, ständige Wachsamkeit gegenüber auflösenden Kräften und den Widerstand gegen diese.8

Dieser Konservatismus führt seit über 200 Jahren ein Rückzugsgefecht gegen die utopischen Ideologien, die sich als Gegner der Vorstellung einer unverfügbaren transzendenten Ordnung verstehen und nach der Auflösung der aus der Bindung an diese Ordnung heraus geschaffenen kulturellen Bestände streben.9

3. Der Mensch als Bewahrer des Lebens und der Ordnung

Für den christlichen Konservatismus ist der Mensch dazu berufen, Bewahrer des Lebens und der Ordnung in einer gefährlichen Welt zu sein. Es geht dem Konservativen darum, dem Leben des Menschen Dauer zu verleihen.10

Um dieser Berufung nachzukommen, muss der Mensch die geistigen und materiellen Voraussetzungen bewahren, von denen Leben und Überleben des Menschen abhängig sind. Christlich-konservative Denker sprachen in diesem Zusammenhang von einer “Ökologie des Menschen” oder einer “ganzheitlichen Ökologie”, deren Ziele weit über die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen hinausreichen.11

Der christliche Konservative fühlt sich für das Leben verantwortlich, weshalb er Verantwortung für seine Mitmenschen und für die Nation, die Kultur und die Ordnung des Landes übernimmt, in dem er lebt.12 Das Minimum dieses Dienstes besteht darin, den Menschen vor seiner Selbstzerstörung zu schützen.13 Das Erhalten und Verteidigen des Bestehenden und der Schutz der guten Ordnung gegenüber inneren und äußeren Bedrohungen gehören seit jeher zu den großen Aufgaben des politischen Handelns.14

4. Der Mensch als Teil einer Generationenkette

Der Mensch tritt als Teil einer Bewegung in das Leben ein, die lange vor ihm begonnen hat und erst spät nach ihm enden wird. Sein Leben ist nur eine Strecke auf einer großen Bahn. Die Geburt des Menschen bestimmt seinen Platz in der Welt, macht ihm zum Teil einer Familie, einer Sippe und einer Nation und bindet ihn an das Erbe seiner Vorfahren.15

Zudem sind die großen Ziele einer Kultur oder eines Gemeinwesens nicht innerhalb einer einzigen Generation zu erreichen. Dies erfordert eine Gemeinschaft zwischen den Generationen.16 Der christliche Konservative nimmt den Menschen dementsprechend als Teil einer Generationenkette wahr. Er ehrt seine Vorfahren und lebt für die ihm nachfolgenden Generationen. Er blickt über den Horizont der gegenwärtig lebenden Generationen hinaus, weshalb er langfristig denkt und handelt. Er will das Gute, dass er ererbt hat, nicht verbrauchen, sondern klug nutzen und vermehrt weitergeben.17

Auf dieser Grundlage konnte die abendländische Zivilisation ihre großen Werke schaffen, die zu errichten oft die Arbeit vieler Generationen erforderte. Kathedralen sind ein architektonischer Ausdruck dieses generationenübergreifenden Denkens. Ihre Errichtung erstreckte sich häufig über Jahrhunderte und war nur möglich, weil es genügend Menschen gab, die Teil eines Werkes sein wollten, das die Grenzen der Zeit überdauert und Güter schafft die erst späteren Generationen zugutekommen.18

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelten konservative Denker das Prinzip der Nachhaltigkeit, die letztlich Ausdruck einer generationenübergreifenden Solidarität ist. Weil der Mensch Teil einer Generationenkette ist, ist er dazu verpflichtet, die Welt nachfolgenden Generationen so zu übergeben, dass auch sie würdig auf ihr leben können.19

5. Der Mensch als Bewahrer eines heiligen Erbes

Der Konservatismus ist die Haltung des Menschen, der weiß, dass er Verantwortung für wertvolle Dinge trägt, die in einer gefährlichen Welt verloren gehen oder zerstört werden können.20 Der Konservative nimmt einen Auftrag dazu wahr, das aus der Bindung des Transzendente und die großen Ziele einer Kultur geschaffene heilige Erbe zu pflegen, zu bewahren, zu mehren und intakt an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Nur dadurch kann er sich diesem Erbe als würdig erweisen.21 Die Berufung des Konservativen ist es somit, Wächter des Erbes der Zivilisation zu sein.22

Der Konservative ist ein Bewahrer und Beschützer, der das historisch Gewachsene bevorzugt, weil es sich bewährt hat und weil es das Seine ist. Er ist wachsam, was die Auswirkungen von Veränderungen auf das von ihm gehütete Erbe angeht. Der Konservative weiß, dass es einfacher ist, wertvolle Dinge zu zerstören, als sie zu schaffen. Er verlangt daher von Innovationen den Beweis ihrer Tauglichkeit, bevor er sie akzeptiert, und er akzeptiert sie umso eher, je mehr sie auf Bewährtem aufbauen.23

Der Konservative geht davon aus, dass es im Erbe der westlich-abendländischen Zivilisation viel Gutes gibt, das erhalten werden muss, etwa traditionelle Institutionen, das abendländische Bildungsideal und der Gedanke individueller Freiheit sowie die Bindung von Herrschaft an das Recht und ihre Verpflichtung auf das Gemeinwohl.24  Zu diesem Erbe gehören auch die historisch gewachsenen Nationen des europäischen Kulturraums. Die christliche Soziallehre betont, dass ein Gemeinwesen, das in Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein verwirklichter Gottesgedanke sei und zur Ehre und Verherrlichung des Schöpfers beitrage. Es sei daher unbedingt schützenswert.25

Das Streben nach kultureller Kontinuität ist in diesem Zusammenhang ein Kernanliegen des christlichen Konservatismus. Der Konservatismus will die Lebensgrundlagen von Mensch und Gesellschaft im umfassendsten Sinne bewahren und die Gesundheit und das Leben von Gemeinwesen so lange wie möglich gewährleisten.“26

Der Konservatismus strebt außerdem danach, in der Kultur den Geist zu bewahren, aus dem sie und alle ihre guten Werke gewachsen sind und der diese immer wieder erneuert.27 Der christliche Konservatismus ist daher vor allem auch ein Kulturkonservatismus, der die jeweilige nationale oder regionale Ausprägung der universellen christlichen Kultur bewahren und sie laufend durch Rückbindung auf ihren Ursprung erneuern will.28

6. Tradition als Quelle kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung

Eine konservative Haltung beschränkt sich nicht auf den kleinmütigen Wunsch dazu, frühere Zustände zu konservieren oder ihre Auflösung zu verzögern, sondern will das Leben aus einer Tradition heraus aktiv gestalten.29

Tradition ist nach einem verbreiteten Sprichwort nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme. Diesem Prinzip liegt die Erfahrung zugrunde, dass es große Wahrheiten und hohe Werte gibt die, wenn sie einmal erschlossen worden sind, fordern, das man an ihnen festhält.30 Tradition ist dabei dynamisch. Sie gleicht einem lebendigen, potenziell unsterblichen Wesen, das sich wie alles Lebendige wandelt und doch im Wesen immer das gleiche bleibt.31

Tradition ist im kulturellen und sozialen Sinne der Bestand an wahren, d. h. mit der Wirklichkeit übereinstimmenden, erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen von Mensch und Gesellschaft. Diese Fragen sind zeitlos aktuell, weil sich die Natur des Menschen und der Welt nicht ändern. Der Traditionsgedanke beruht zudem auf der Annahme einer überzeitlich gültigen Ordnung, die als Standard dient, an der alle kulturellen Leistungen gemessen werden, sowie als Ziel, auf das eine Kultur sich in einem organischen Prozess hin entwickelt. Dieser Prozess stützt sich auf Erfahrung bzw. auf Beobachtung und ständiger Korrektur und Neuausrichtung. Die Entwicklung einer Kultur auf der Grundlage des Traditionsprinzips stellt das ständige Streben danach dar, dem Standard der Tradition näherzukommen. Echter Fortschritt beruht auf Kontinuität und besteht darin, dem in der Tradition beschriebenen Ideal immer vollständiger zu entsprechen.32

Eine Tradition enthält das Erfahrungswissen einer Kultur. Sie ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Einsichten, Erfahrungen, Lebensregeln und Antworten auf Grundfragen des Menschen sowie der Bestand dessen, was an zeitlos gültiger Erkenntnis darüber freigelegt wurde und an nachfolgende Generationen weitergegeben werden muss.  Eine Tradition beinhaltet außerdem die langfristig bewährten kulturellen Praktiken sowie die praktischen Antworten auf Herausforderungen, die in einem Gemeinwesen bewahrt und weitergegeben werden müssen, damit es seine Ziele erreichen kann.

In einer Tradition wirken Kräfte, die stärker sind als die Vernunft des Menschen. Die Zerstörung von Tradition vernichtet Werte, die nicht ohne weiteres wieder geschaffen werden können.33

Durch die Aufnahme von und den Anschluss an Tradition hat der Mensch an einer Weisheit teil, die größer ist als die einzelner Menschen, und deren Werke größer sind, als sie auch die besten rationalen Entwürfe erzeugen könnten. Die Wirklichkeit ist zu komplex, als dass einzelne Menschen sie hinreichend gut erfassen und erklären könnten. Auch die besten rationalen Entwürfe scheitern daher häufig in der Praxis, weshalb es unangemessen wäre, theoretische Entwürfe denen den Antworten der Tradition vorzuziehen. Nur die Bewährung in der Praxis kann verlässlich Aufschluss darüber geben, ob eine Idee oder ein Konzept eine Kultur und das auf ihr beruhende Gemeinwesen stärkt oder nicht. Eine soziale Ordnung und ihre Institutionen können nicht als theoretische Entwürfe geplant werden.

Durch die Annahme einer Tradition wird ein Menschen unabhängig von den Irrtümern und Moden seiner Zeit. In schwierigen Zeiten trägt eine Tradition den Menschen und gibt ihm Kraft, sich auch scheinbar übermächtigen Gegnern zu stellen.34

7. Die Politik als Dienst am Gemeinwohl

Der christliche Konservatismus beruht auf dem Dienstgedanken, der Ausdruck der christlichen Forderung zur Nächstenliebe ist. Dieser Gedanke hat das gesamte abendländische Erbe geprägt, das darauf beruht, die Schwachen zu schützen und die unvollkommene Welt im Rahmen des Möglichen menschlicher zu gestalten. Der christliche Konservatismus sieht dementsprechend den Staat und alle anderen politischen Akteure zum Dienst am Gemeinwohl verpflichtet. Der christliche Konservative strebt danach, bei der Erfüllung dieser Pflicht durch dienende Taten voranzugehen. Sich für das Gemeinwohl einzusetzen bedeutet alle Institutionen, die für das Leben des Menschen wichtig sind, zu schützen.35

Das Gemeinwohl ist das Gut, für das eine menschliche Gemeinschaft existiert und der Inbegriff der Werte, die ein Gemeinwesen aus seiner Bindung aus seiner Bindung an das Transzendente heraus verwirklichen will.36 Zum Gemeinwohl gehören nach christlich-abendländischer Vorstellung vor allem die Achtung und Förderung der Grundrechte der Person, die Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens und die Sicherheit des Gemeinwesens und seiner Mitglieder.37

Ein nachhaltiges und gerechtes Gemeinwesen beruht nicht auf individuellem Nutzenkalkül, sondern auf einem Willen zum selbstlosen Dienst, der zumindest in der Führung und bei den Funktionsträgern eines Staates notwendig ist und von diesen auch dann praktiziert werden muss, wenn dies nicht mit persönlichem Nutzen verbunden ist. Herrscher, die nach ihrem persönlichen Vorteil streben, sind Tyrannen.38 Das traditionelle abendländische Herrscherideal betrachtet daher seit der Antike Gerechtigkeit und Friedenswahrung als die wichtigsten Pflichten politischer Herrschaft.39 Der Gedanke, dass der Dienst an Gott und am Gemeinwohl eine Auszeichnung darstellt, bildete den Mittelpunkt der Weltanschauung des christlichen Rittertums.40

8. Eliten als Träger des Gemeinwesens

Alle Menschen sind vor Gott gleichwertig, aber sie sind ungleich, was ihre Eignung, Leistung und Befähigung angeht, dem Gemeinwohl zu dienen. Es muss zudem in jedem Gemeinwesen ein leitendes Element geben.41 Mittelmäßige Menschen können nichts Großes schaffen.42 Die historische Entwicklung wird nicht von ihnen oder von der Masse, sondern von Führungsgruppen bestimmt, die miteinander um die Gestaltung von Gemeinwesen konkurrieren.

Jedes dauerhafte Gemeinwesen beruht auf einer dienenden Elite von Geistlichen, Gelehrten, Verwaltern und Verteidigern, die seine Bindung an die transzendente Ordnung aufrechterhalten und schützen. Es gäbe keine höhere Kultur ohne den heroischen, aufopfernden Dienst solcher Eliten.43 In Europa breitete sich höhere Kultur vom Adel ausgehend seit dem Mittelalter auf andere Gruppen aus, die sich an dessen Vorbild orientierten.44

Nur der zur Kontemplation fähige Mensch kann die Ordnung des Kosmos erkennen. Dies verleiht ihm Autorität. Als archetypische Gestalten wie Priester, Könige, Propheten, Gelehrte oder Krieger haben solche Menschen als geistige Eliten aus übernatürlicher Inspiration heraus Kulturen und Gemeinwesen gestiftet.45 Solche Eliten wirken als schöpferische Minderheiten, indem sie geistige und kulturelle Antworten auf die großen Aufgaben finden, denen ein Gemeinwesen gegenübersteht. Beispiele für solche Eliten sind etwa die Soldaten und Beamten des römischen Reiches, die durch die griechische Philosophie zu Dienern des Gemeinwohls wurden. Solche Eliten gleichen einem Funken, der ein Licht entzündet, um das sich Menschen zu einem Gemeinwesen vereinen.46 Insbesondere in Krisenzeiten ist der Fortbestand eines Gemeinwesens davon abhängig, dass sich in ihm Strukturen fähiger Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und Risiken zu tragen.

Bereits Platon verband seine Beschreibung guten Eliten mit einer Askeseforderung. Ein Eliteanspruch muss auch heute durch eine Askeseforderung legitimiert sein, um wirksam zu sein.47 Elitär ist demnach, wer in seinem Leben die asketischen Tugenden vorbildhaft verwirklicht, ohne die kein Staat zu machen ist, und diese im Dienst am Gemeinwohl ausübt.48

Quellen

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  2. Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr, Reinbek 1966, S. 14-15.
  3. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: „Wie konservativ ist eigentlich das Christentum?“, in: ders. (Hrsg.): Antichristliche Konservative. Religionskritik von rechts, Freiburg i. Br. 1982, S. 82-100, hier: S. 97.
  4. Hans-Joachim Schoeps: Konservative Erneuerung. Ideen zur deutschen Politik, 2. Aufl., Berlin 1963, S. 7-8.
  5. Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr 1993, S. 13.
  6. Alexander Solschenitzyn: Der Archipel Gulag. Folgeband – Arbeit und Ausrottung. Seele und Stacheldraht, Bern 1974, S. 593.
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  9. Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr 1993, S. 30-33.
  10. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1976, S. 36.
  11. Papst Benedikt XVI.: „Die Ökologie des Menschen“, faz.net, 22.09.2011; Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 138.
  12. Romano Guardini: “Europa – Wirklichkeit und Aufgabe”, in: ders.: Sorge um den Menschen, Band 1, 4. Aufl., Mainz 1988.
  13. Papst Benedikt XVI.: Caritas in veritate 51.
  14. Joseph Kardinal Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs, Freiburg i. Br. 2005, 10-11.
  15. Ernst Jünger: „Die Tradition“, in: ders.: Politische Publizistik 1919 bis 1933, Stuttgart 2001, S. 125–131.
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  18. Papst Franziskus: „Ansprache von Papst Franziskus beim Neujahrsempfang für das am Heiligen Stuhl akkreditierte diplomatische Korps“, 08.01.2018.
  19. Papst Bendikt XIV.: Caritas in veritate 49-50.
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  21. Edmund Burke: Betrachtungen über die französische Revolution, Frankfurt a. M. 1967, S. 160.
  22. Russell Kirk: „What is Conservatism“, in: George A. Panichas (Hrsg.): The Essential Russell Kirk: Selected Essays, Wilmington 2007, S. 4-22, hier: S. 6.
  23. Michael Oakeshott: “On being Conservative“, in: ders.: Rationalism in Politics and Other Essays, London 1962, S. 168-196, hier: S. 170 ff.
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  37. KKK 1925.
  38. Augustinus: Die Gottesbürgerschaft, Frankfurt am Main 1961, S. 281 (XIX, 14); Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10, 14 f.
  39. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, 9. Aufl. München 2009, S. 385.
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  47. Arnold Gehlen: „Das Elitenproblem“, in: ders.: Gesamtausgabe, Band 7, Frankfurt a. M. 1978.
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