Vor allem in Krisenzeiten hängt der Bestand von Gemeinwesen davon ab, dass es in ihnen dem Gemeinwohl dienende Gemeinschaften gibt, welche grundlegende materielle und immaterielle Werte und Bestände schützen, bewahren und erneuern. Der Historiker Arnold J. Toynbee bezeichnete solche Eliten des Geistes und der Tat als „kreative Minderheiten“ und maß ihnen höchste Bedeutung für die Entwicklung von Kulturen und Zivilisationen zu. Wir untersuchen, wie solche Eliten beschaffen sein müssen, um an den entscheidenden Schauplätzen der Krise Europas wirksam Dienst am Gemeinwohl leisten zu können.

Publikationen

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Hintergrund

Laut Toynbee sind kreative Minderheiten die Träger von Antworten auf die Herausforderungen, denen Gemeinwesen gegenüberstehen. Diese Eigenschaft verleihe ihnen Autorität, die andere Menschen dazu bewege, ihnen zu folgen. Solche Eliten müssten sich laufend erneuern, um nicht zu erstarren. Ein Beispiel dafür seien die Soldaten und Beamten Roms, welche die Philosophie Platons von Wölfen in Wachhunde verwandelt habe, die dem Gemeinwohl dienten. Auch die von dieser Philosophie inspirierten Denker gehörten zu den kreativen Minderheiten.1 Solche Eliten entzündeten einen Funken, der ein Licht hervorbringe, von dem integrierende Kraft ausgehe. Um dieses Licht herum würden Kulturen wachsen.2

Eric Voegelin zufolge bilden die Transzendenzerfahrungen sehr kleiner Gemeinschaften von Menschen die Grundlage jeglicher kultureller Entwicklung. Diese Transzendenzerfahrung sei die Folge religiöser Suche. Sie löse eine „Bewegung der Seele“ aus und ermögliche es, die „Struktur der Wirklichkeit“, die Ordnung des Kosmos und die eigene Rolle darin zu erkennen. Platon habe beschrieben, dass der durch die Transzendenzerfahrung innerlich geordnete Mensch zum Modell der Ordnung einer Gesellschaft werde. Dieser Mensch werde durch das göttliche Sein geordnet und seine Seele habe in Folge dessen Teil an der göttlichen Substanz. Ein auf diese Weise innerlich neugeordneter Mensch könne so in der Gesellschaft wirken, dass diese dem „ewigen Sein“ nähergebracht werde.3 Er erhalte die Autorität, „zu zerstören und aufzubauen“4 und sei in den Worten des Propheten Jeremia von Gott gestellt „über Völker und Reiche“ und solle „ausreißen und niederreißen, vernichten und zerstören, aufbauen und einpflanzen“.5 Solche prophetischen Gestalten würden Geschichte in Form der „Verwirklichung ewigen Seins in der Zeit“ bzw. eine „transzendente Struktur der Geschichte“ schaffen.6

Laut Christopher Dawson könne der zur Kontemplation fähige Mensch in religiöser Erfahrung die Ordnung und die Hierarchie des Kosmos wahrnehmen,7 wodurch er „übermenschliche Autorität“ erhalte.8 Als archetypische Gestalten wie Priester, Könige, Propheten, Gelehrte oder Krieger hätten diese Menschen aus göttlicher Inspiration heraus Kulturen und Nationen geschaffen.9 Sie seien „die letzten Urheber eines schöpferischen Wandels in der Geschichte und in der Welt des Menschen“.10

Ludwig von Mises schrieb über die Notwendigkeit von Eliten:

„Ohne das Heldentum und die Selbstaufopferung von Eliten hätte die Menschheit niemals den heutigen Stand der Zivilisation erreicht. Jeder Schritt vorwärts auf dem Weg zur Verbesserung der moralischen Bedingungen war eine Errungenschaft von Männern, die bereit waren, ihr eigenes Wohlergehen, ihre Gesundheit und ihr Leben für eine Sache zu opfern, die sie für gerecht und nützlich hielten. Sie taten, was sie für ihre Pflicht hielten, ohne sich darum zu kümmern, ob sie selbst zu Opfern werden würden. Diese Menschen arbeiteten nicht um der Belohnung willen, sie dienten ihrer Sache bis zum Tod.“11

Hans-Joachim Schoeps wies nach dem Zweiten Weltkrieg darauf hin, dass derjenige, der die freiheitliche Demokratie stabilisieren wolle, „stärker als bisher institutionelle Auslese und Elitebildung […] ermöglichen“ müsse. Ohne „politische Elite“ bleibe „kein demokratischer Staat am Leben“. „Elite und Wert“ seien dabei „niemals zu trennen. Wertfreie Eliten sind überhaupt keine“. Eliten stellten zudem kulturelle Leitbilder, an denen sich andere Menschen bewusst oder unbewusst ausrichteten. Solche Eliten würden auf Archetypen bzw. auf repräsentativen Figuren beruhen, etwa dem „Ideal des preussischen Reserveoffiziers“.12

Gerd-Klaus Kaltenbrunner kritisierte, dass „Elite“ so wie „Heimat“, „Volk“ und „Nation“ in Deutschland ein „anrüchiger Begriff“ geworden sei, „vielfach einer systematischen Ächtung und Verfemung unterliegt“. In einer egalitären Gesellschaft werde der Begriff als Provokation wahrgenommen.13 Im Ernstfall werde es jedoch „darauf ankommen, ob eine Demokratie über ein ausreichendes Potential an Eliten verfügt“14 und dass sie „auf fähige, kompetente und mitreißende Minoritäten zurückgreifen“ könne.15 Eine funktionierende Demokratie sei angewiesen auf eine „Elite des Dienens“, die nicht in erster Linie nach dem eigenen Vorteil suche.16

Laut Oswald Spengler seien nur Eliten, die „römisch im Stolz des Dienens, in der Demut des Befehlens, nicht Rechte von andern, sondern Pflichten von sich selbst fordernd“ dazu in der Lage, das „Erbe harter Jahrhunderte“ sowie „unser Heiligstes und Tiefstes“ fortzusetzen.17 Beispiele für solche Eliten seien Männerbünde wie die christlichen Ritterorden, die Hierarchie der katholischen Kirche, der englische Kolonialdienst und das preußische Offizierkorps. Ihnen sei gemeinsam, dass sie „unerbittlich und ohne Rücksicht auf Geld und Abkunft nur die sittliche Haltung und die Bewährung in schwierigen Lagen gelten ließen“. Auch die „alte, stolze, ehrenhafte und tapfere Herrenschicht der Samurai“ in Japan habe im weltgeschichtlichen Vergleich eine besonders herausragende Elite dargestellt.18 Solche Eliten würden nicht von allein entstehen, sondern müssten in einem bestimmten Geist geformt werden. Da sie korrumpierenden Kräften ausgesetzt seien, müsse diese Formung dauerhaft aufrechterhalten werden.19

Thomas von Aquin schrieb, dass es in tyrannischen Staaten, deren Führung nicht dem Gemeinwohl diene, Elitenbildung meistens gezielt unterbunden werde, da eine solche Führung davon ausgehen müsse, dass andere Menschen ebenso schlecht seien wie sie selbst und ihre Fähigkeiten nur dafür einsetzen würden, sich an ihre Stelle zu setzen und ebenso tyrannisch zu herrschen. An Aristoteles anknüpfend schreibt er, dass „nur bei jenen tapfere Männer gefunden werden, bei denen die Tapfersten eine besondere Ehrenstellung einnehmen“.20

Elitenbildung sei laut Oswald Spengler ein Prozess, der Jahrzehnte dauere. Er setze zunächst die Schaffung von Institutionen und vorbildhaften „Typen“ voraus. Auf dieser Grundlage würde Elitenbildung dann „Gedanken in Menschen […] verwandeln“ und Traditionen schaffen, die durch eine Institution gepflegt und weitergegeben werden könnten. Elitenbildung dürfe auch in ruhigeren Zeiten nicht vernachlässigt werden, damit fähige Eliten in schweren Zeiten verfügbar wären. Doktrinäre Versteinerung sei „die Gefahr des Ordensstaates in friedlichen Zeiten“. Es müssten Vorkehrungen getroffen werden, um Eliten und elitenbildende Institutionen innerlich jung und beweglich zu halten.21

Quellen

  1. Arnold Toynbee: Der Gang der Weltgeschichte. Aufstieg und Verfall der Kulturen. Zwei Teile in einem Band, Band 1, Frankfurt a. M. 2010, S. 370.
  2. Arnold Toynbee: Der Gang der Weltgeschichte. Aufstieg und Verfall der Kulturen. Zwei Teile in einem Band, Band 1, Frankfurt a. M. 2010, S. 403.
  3. Eric Voegelin: Was ist Geschichte?, Berlin 2015, S. 62-64.
  4. Ebd., S. 113.
  5. Jer 1,9-10.
  6. Voegelin 2015, S. 89-90.
  7. Christopher Dawson: Religion und Kultur, Düsseldorf 1951, S. 44.
  8. Ebd., S. 82.
  9. Ebd., S. 93 f.
  10. Ebd., S. 102.
  11. Ludwig von Mises: Bureaucracy, New Haven 1944, S. 78, Übersetzung: Renovatio.
  12. Hans-Joachim Schoeps: Konservative Erneuerung. Ideen zur deutschen Politik, 2. Aufl., Berlin 1963, S. 118.
  13. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Elite. Erziehung für den Ernstfall, Asendorf 1984, S. 8.
  14. Ebd., S. 16.
  15. Ebd., S. 65.
  16. Ebd., S. 70.
  17. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 4–5.
  18. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 46–47.
  19. Ebd., S. 59.
  20. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 16.
  21. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 218.