Der traditionelle Konservatismus speist sich aus aus vier Quellen: dem christlichen Dienstethos, der christlichen Soziallehre, der Naturrechtslehre und das in der Praxis Bewährte.

1. Das christliche Dienstethos

Der in Jesus Christus verkörperte Dienstgedanke stellt den Kern des Christentums dar. Der christliche Konservatismus greift diesen Impuls auf.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sagte, dass das ganze Sein Christi „nichts als Dienst“ sei und dieser Dienst seine gesamte Existenz definiere. Er sprach von einer „Dienstchristologie“, die Christus ganz vom Dienst her verstehe. Die Nachfolge Christi bedeute, dass „der, der sich ganz in den Dienst für die anderen, in die volle Selbstlosigkeit und Selbstentleerung hineingibt, sie förmlich wird –  dass eben dieser der wahre Mensch, der Mensch der Zukunft, der Ineinanderfall von Mensch und Gott ist“.1

Dietrich Bonhoeffer bezeichnete den Dienstgedanken aus protestantischer Sicht ebenfalls als Kern des Christentums. Im Christentum gebe es eine „Umkehrung alles menschlichen Seins“. Die bestehe darin, dass der Christ so wie Christus für andere Menschen da sei. Das „Für-andere-dasein“ Christi bis in den Tod hinein sei die eigentliche Transzendenzerfahrung. Glaube bestehe darin, an diesem Sein Christi teilzunehmen „ein neues Leben im ‚Dasein-für-andere‘“ zu beginnen.2

2. Die christliche Soziallehre

Die christliche Soziallehre beinhaltet Impulse für die Gestaltung der Gesellschaft. Sie ist Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen, hat ihre Wurzeln im frühen Christentum und umfasst die Summe der in den vergangenen Jahrtausenden gewonnen Erkenntnisse über Wesen und Ordnung der menschlichen Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Normen und Ordnungsaufgaben in Hinblick auf die christliche Heilsordnung.3

Ihr Ziel ist die Gestaltung der Gesellschaftsordnung gemäß den Inhalten christlicher Weltanschauung bzw. „alles in Gott zu erneuern“.4 Ihr Inhalt ist die Analyse der vorliegenden Lage, die Beschreibung des anzustrebenden Zielzustands und der Entwurf von Maßnahmen und Strategien zur Erreichung dieses Zustands. Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und andere Geistes- und Sozialwissenschaften können Hilfswissenschaften der christlichen Soziallehre sein.

Die Soziallehre entwickelt sich auf der Grundlage dauerhaft gültiger Prinzipien, mit denen sie neue Lageentwicklungen und Erfahrungen bewertet.5 Für die eigentliche Entscheidungsfindung sind neben der Berücksichtigung des erwähnten Erfahrungswissens eine fundierte Beurteilung und das kluge Abwägen von Optionen von zentraler Bedeutung.6

Die Prinzipien der Soziallehre, zu denen auch die Solidarität gehört, ermöglichen die Schaffung einer gerechten Ordnung. Ordnung ist der Zustand, in dem alle Dinge dem in ihrer Natur angelegten Ziel gemäß funktionieren. Die Sozialprinzipien sind somit die Regeln, nach denen gemeinschaftliches Leben gelingen kann, und die Maßstäbe, an denen politisches Handeln zu messen ist. Oswald von Nell-Breuning bezeichnete die Sozialprinzipien als „Baugesetze der Gesellschaft“.7

Der Begriff der Soziallehre wird vor allem im katholischen Kontext verwendet, während im protestantischen Umfeld häufiger von „Sozialethik“ gesprochen wird. Beide Begriffe sind jedoch weitgehend synonym.8

3. Das christliche Menschenbild

Das christliche Menschenbild hält den Menschen für schwach und verführbar.9 Der christliche Konservatismus will Menschen und Gemeinwesen vor dem Schaden bewahren, der ihnen durch die Schwäche des Menschen bzw. durch dessen Neigung zu Übermut, Triebüberschuss und Hypermoral entstehen kann.10 Utopisches Denken sieht als als einen Ausdruck dieser Schwäche an und lehnt es ab.

4. Das Naturrecht

Der Mensch ist Teil einer kosmischen Ordnung, auf die er keinen Einfluss hat und die er richtig erkennen muss, wenn er in ihr bestehen will. Der Mensch hat die Freiheit, gegen diese Ordnung zu handeln, was ihm aber schaden würde. Das Naturrecht ist der Versuch, die Erfordernisse dieser Ordnung bzw. die Existenzordnung und das sittliche Sollen zu beschreiben, das aus der Natur im Allgemeinen und aus der Natur des Menschen im Speziellen hervorgeht bzw. da dort angelegt ist. Es beinhaltet die mit den Mitteln des Verstandes erkennbaren Erfordernisse seinsgemäßen Handelns, die sich aus dem Wesen der Dinge ergeben. Verantwortliches politisches Handeln stützt sich auf die Erkenntnis des Naturrechts. Das Naturrecht stellt zudem eine „Vor-Ordnung“ dar, die eine soziale Ordnung entweder legitimiert oder herausfordert. Es ist der Standard, an dem eine Ordnung gemessen wird.11

Das Naturrecht trägt der objektiven, dem Einfluss des Menschen entzogenen Wirklichkeit Rechnung, der alles gelingende individuelle und gesellschaftliche Leben entsprechen muss, wenn es gelingen soll, während Verstöße gegen ihre Erfordernisse automatisch Schaden nach sich ziehen muss, ähnlich wie es bei Missachtung der Schwerkraft der Fall wäre. Je vollständiger die Erkenntnis und Umsetzung der Prinzipien des Naturrechts in einem Gemeinwesen ist, desto gerechter ist dieses.

Johannes Messner definierte das Naturrecht folgendermaßen:

„Naturrecht ist Existenzordnung, Grundordnung des Existierens des Menschen als Mensch, im wahrsten und vollsten Sinn von ‚Existieren‘, die Ordnung, deren Forderungen ihm mit diesem Existieren in ihrem bestimmten Inhalt bewusst werden gemäß dem Prinzip, daß alle Erkenntnis durch die Erfahrung bedingt ist, auch die der Prinzipien der Rechtsvernunft als Teil der praktischen Vernunft. So erfasst, werden diese Forderungen von der voll entfalteten Vernunft in ihrer allgemeinen in sich gewissen Wahrheit und in ihrer allgemeinen verpflichtenden Geltung eingesehen.“

Die Erkenntnis dieser Prinzipien ist mit den Mitteln der Beobachtung und des Verstandes möglich, weil sie aus der Natur des Menschen und der Dinge ergeben. Diese Prinzipien bzw. diese Ordnung werden daher auch als Naturrecht bezeichnet. Dieses wird vom Menschen nicht geschaffen oder beliebig konstruiert, sondern in einem Prozess ständiger Annäherung entdeckt.

Das Naturrecht beruht zudem auf dem Gedanken, dass eine Handlung mit der Wirklichkeit überstimmen muss, um gut und richtig zu sein. Da es nur eine Wirklichkeit gibt und ihr Wesen unveränderlich ist, gibt es nur eine Wahrheit, und sie gilt zu allen Zeiten. Das Naturrecht ist daher zeitlos gültig.

Leo Strauss zufolge setzte gesellschaftliche Entwicklung einen höheren Maßstab voraus, der es ermögliche, den gegenwärtigen Zustand einer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Das Naturrecht sei dieser Maßstab.12

Das Naturrecht konnte so zur Grundlage einiger der größten kulturellen Leistungen der abendländischen Zivilisation werden. Ernst Troeltsch nannte das Naturrechtsdenken daher „den Leitstern des Abendlands“.13

5. Das Bewährte und Erprobte

Der traditionelle Konservatismus geht vom Gegebenen und Gewordenen aus. Er konstruiert und dekonstruiert nicht, sondern beobachtet und stützt sich auf das Bewährte und Erprobte. Weil er aus einem konkreten historischen und kulturellen Kontext heraus gewachsen ist, steht er universalistischen, nach Einebnung von Unterschieden strebenden Ideologien distanziert gegenüber.14

Thomas von Aquin formulierte vor rund 800 Jahren einen bis heute gültigen Grundgedanken des traditionellen Konservatismus, als er schrieb, dass man durch die Beobachtung von Mensch und Natur, durch die Suche nach dem in der Praxis bewährten und die rationale Auswertung der eigenen Beobachtungen vor dem Hintergrund der christlichen Offenbarung zur Erkenntnis über die gute Gestaltung von Gesellschaften im Sinne des Gemeinwohls gelange.15

Traditionen wachsen vor allem im Ernstfall, weil dort sichtbar wird, welche kulturellen und geistigen Bestände tauglich sind und welche nicht. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel sprach deshalb davon, dass eine lebendige Tradition Beispiele der „Bewährung im Extremen“ benötige. In eine solche Tradition könne das eingehen, was in Extremsituationen Bestand hatte.16

Kultur und Tradition können als die organisch gewachsene Gesamtheit der Lösungen verstanden werden, die Gesellschaften auf die Herausforderungen ihres Daseins gefunden haben. Sie beinhalten somit einen über lange Zeiträume gewachsenen Bestand an bewährtem Erfahrungswissen. Laut Jared Diamond haben nur die Kulturen längere Zeit überleben können, die bewährte Lösungen Experimenten vorzogen.17

Konrad Lorenz zufolge liege „kumulierende Tradition“ aller Kulturentwicklung zugrunde. Die dabei geschaffene kulturelle Substanz sei für das Überleben eines Gemeinwesens von höchster Bedeutung. Eine „größte Konservativität im Festhalten am Bewährten und Erprobten“ gehöre daher „zu den lebensnotwendigen Eigenschaften“ eines Gemeinwesens.18

6.  Die abendländische Tradition des politischen Denkens

Das Abendland ist der kulturell durch das Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch andere traditionelle Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft sowie ein universelles Ideal. Im Abendland hat sich das Christentum erstmals in einer konkreten kulturellen Form verwirklicht und dadurch ein großes kulturelles Erbe gestiftet.19

Als universelles Ideal ist das Abendland überall dort präsent, wo die Namen Moses und Paulus, Platon und Aristoteles, Cicero und Vergil Ansehen genießen. Alle Menschen, die durch das Erbe des Christentums, Roms und Athens geprägt sind, sind unabhängig von ihrer Herkunft Abendländer.20

Die abendländische Kultur des politischen Denkens, deren Ziel die Suche nach Wahrheit durch den Austausch und die Prüfung von Argumenten ist, entstand an den christlichen Universitäten des Mittelalters. Diese vor allem durch Thomas von Aquin geprägte Kultur ist zeitlos geeignet, um das Streben nach Erkenntnis von Wahrheit zu fördern.

Quellen

  1. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, München 1968, S. 182 ff.
  2. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 204.
  3. Joseph Kardinal Höffner: Christliche Gesellschaftslehre. Studienausgabe, 4. Aufl., Kevelaer 1983, S. 19-22.
  4. Eph 1,10.
  5. LC 72.
  6. KSK 568.
  7. Oswald von Nell-Breuning: Baugesetze der Gesellschaft. Solidarität und Subsidiarität, Freiburg i. Br. 1968.
  8. Walter Künneth: Politik zwischen Dämon und Gott. Eine christliche Ethik des Politischen, Berlin 1954, S. 576.
  9. Harald Seubert: Konservatismus und Moderne: Metatheorie einer Denkhaltung, in: Peter Nitschke (Hrsg.): Konservatismus heute. Über die Bestimmung einer politischen Geisteshaltung, Paderborn 2022, S. 19–36, hier: S. 20.
  10. Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Frankfurt a. m 1969, S 55 ff.
  11. Max Müller et al.: „Naturrecht“, in: Staatslexikon, Band 5, Freiburg i. Br. 1960, Sp. 929-984.
  12. Leo Strauss: Naturrecht und Geschichte, Stuttgart 1956, S. 3.
  13. Zit. nach Harald Seubert: „Ökologie des Menschseins. Der geworfene Entwurf“, in: Stephan Otto Horn/Wolfram Schmidt (Hg.): Hoffnung und Auftrag: Die Reden Benedikts XVI. zur Politik, Freiburg i. Br. 2017, S. 126-150, hier: S. 126.
  14. Seubert 2022, S. 25-27.
  15. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 12.
  16. Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik. Eine Militärgeschichte, München 2020, S. 477.
  17. Diamond 2005, S. 255, 296 ff.
  18. Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, München 1973, S. 68-83.
  19. Hugo Rahner: Abendland, Freiburg i. Br. 1966, S. 5.
  20. Paul Valéry: „Der europäische Mensch“, in: Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Europa – Weltmacht oder Kolonie? Wieder nationalen Egoismus und Kleinmut, Herderbücherei Initiative 25, Freiburg i. Br. 1978, S. 159 – 164, hier: S. 163.