Der traditionelle Konservatismus bildete im 20. Jahrhundert eine der wichtigsten geistigen Grundlagen der Verteidigung der freien Republiken des Westens gegen totalitäre Ideologien. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der christliche Konservatismus zur Grundlage für den Wiederaufbau Westeuropas und die Selbstbehauptung des Kontinents gegen die Bedrohung durch den Kommunismus, zu dessen Überwindung wesentlich christliche Konservative wie Johannes Paul II. beitrugen.

Der traditionelle Konservatismus und die Selbstbehauptung der freien Republiken des Westens

Georg Gänswein betonte, dass es christliche Konservative wie Konrad Adenauer waren, denen es gelang, Deutschland nach dem durch die säkulare Ideologie des Nationalsozialismus herbeigeführten Zivilisationsbruch „wieder ganz neu im freiheitlichen Wertesystem der jüdisch-christlichen Geschichte des lateinisch-westlichen Abendlandes zu verankern.“ Zusammen mit anderen christlichen Konservativen wie Robert Schuman und Alcide De Gasperi sei Adenauer das „Wagnis einer Neugründung Europas über Ruinen“ auf der Grundlage abendländischer Weltanschauung eingegangen.1 Es gelang christlichen Konservativen und ihren Verbündeten, Europa die geistigen, kulturellen und politischen Grundlage für seinen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg zu geben, die von totalitären säkularen Ideologien angerichteten Zerstörungen zu beheben, den Kontinent nach zwei Kriegen wieder auf Grundlage des geteilten abendländischen Erbes zu vereinen und die Grundlagen für die bislang längste Friedensperiode in der Geschichte der Region zu schaffen.

Dietrich Bonhoeffer schrieb kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nationalsozialisten, dass Krieg und Totalitarismus „die notwendige Erfahrungsgrundlage dafür“ bildeten, „daß nur auf dem Boden des Christentums ein Wiederaufbau des Lebens der Völker im Innern und Äußern möglich ist“.2

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erklärte Konrad Adenauer, „dass nur eine Demokratie, die in der christlich-abendländischen Weltanschauung, in dem christlichen Naturrecht, in den Grundsätzen der christlichen Ethik wurzelt, die große erzieherische Aufgabe am deutschen Volk erfüllen und seinen Wiederaufstieg herbeiführen kann“.3

Deutschland und Europa könnten nur auf einer christlich-abendländischen Grundlage erneuert werden:

„Wir wollen von den geistigen Grundlagen aus, die das abendländische Christentum im Laufe vieler Jahrhunderte geschaffen hat, in Deutschland neu gestalten – und nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und in der Welt.“4

In der ersten in der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Regierungserklärung sagte Adenauer 1949, die Arbeit seiner Regierung werde „getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und von der Würde des Menschen“. Seine Hoffnung und sein Ziel sei es „dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt“.5

Adenauer rief nach Krieg christliche Konservative dazu auf, den „Kampf um die Seele des deutschen Volkes und die Seele Europas, die christliche Seele Europas“ aufzunehmen.6 Dies stieß auf die Zustimmung eines wesentlichen Teils der Deutschen. Als am 12. September 1949 erstmals der neugewählte Bundespräsident Theodor Heuss auf dem Bonner Marktplatz empfangen wurde, sangen die Menschen mangels einer Nationalhymne den Choral „Großer Gott wir loben dich“.7 Ende der 1940 Jahre war eine Welle von Kircheneintritten zu beobachten. Außerdem stieg die Zahl der Wallfahrten und der Prozessionen, und auch der Anteil der Christen, die Gottesdienste besuchen, stieg an.8

  • Laut dem Politikwissenschaftler Franz Walter habe es im modernen Deutschland nie zuvor „eine solche Symbiose zwischen Staat und katholischer Kirche gegeben wie in den 50er Jahren unter dem Kanzler Adenauer, dem Helden und der Identifikationsfigur der deutschen Katholiken“.9
  • Dem Soziologen Gerhard Schmidtchen nach seien Katholiken „die eigentlichen Entdecker der Bundesrepublik“ sowie die „Ordnungs-Bürgen“ ihrer demokratischen Staatlichkeit gewesen.10
  • Dem Historiker Axel Schildt zufolge sei das politische Klima der frühen Bundesrepublik vom abendländischen Gedanken geprägt gewesen. Dieser habe die Grundlage dafür dargestellt, deutsche Identität in einem europäischen Kontext zu verorten sie von totalitären und materialistischen Entwürfen abzugrenzen.11

Der Sozialdemokrat Willy Brandt äußerte seine Achtung vor den historischen Leistungen des christlichen Konservatismus. Konservative wie Adenauer hätten in einer schwierigen Zeit „Werte bewahrt, die sich als unverbraucht erwiesen“.12

Der traditionelle Konservatismus und die Überwindung der kommunistischen Herrschaft über Osteuropa

In Osteuropa wurden die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, vor allem auch von christlich-konservativen Kräften getragen, zum Beispiel die Solidarnosc in Polen. Entscheidend war hier auch das Wirken der katholischen Kirche unter der Führung von Johannes Paul II. In Osteuropa war die Kirche oft der letzte Freiraum, den der Kommunismus nicht zerstören konnte.

Der damalige Leiter des sowjetischen KGB, Juri Andropow, erkannte in Johannes Paul II. unmittelbar nach dessen Wahl zum Papst richtigerweise eine Bedrohung nicht nur für die kommunistische Regierung Polens, sondern für den gesamten sowjetisch kontrollierten Ostblock sowie für die Sowjetunion selbst.13 Das Politbüro der sowjetischen KPdSU beschloss  daher 1979:

„Es sind alle möglichen Mittel zu nutzen, um eine Neuausrichtung der Politik zu vermeiden, die vom polnischen Papst begonnen wurde, und wenn es notwendig ist, ist nach Mitteln zu greifen, die weiter reichen als Desinformation und Diskreditierung.“14

Ein nur knapp gescheiterter Mordanschlag gegen Johannes Paul II. wurde im Mai 1981 mit Unterstützung des bulgarischen Geheimdienstes verübt. Es gibt Hinweise darauf, dass der sowjetische KGB und die politische Führung der Sowjetunion von den Anschlagsplänen zumindest Kenntnis hatten.15

Der polnische Dissident Adam Michnik erklärte später, das der Besuch des Papstes in Polen und dessen Auftritte vor z. T. mehr als einer Million Menschen eine Herausforderung für das „ehrlose Leben“ unter kommunistischer Herrschaft dargestellt habe und ein „Ethos des Opfers“ in der Bevölkerung erneuert habe, das schon frühere Generationen von Polen zum Kampf für „nationale und menschliche Würde“ motiviert habe.16 Rund ein Jahr nach dem Besuch des Papstes gründete sich in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc, deren Widerstand entscheidend zum Ende der sowjetischen Herrschaft über Osteuropa und zum Ende der Sowjetunion beitrug.

Quellen

  1. „Die Wahrheit suchen und für sie kämpfen: Erzbischof Gänswein über das neue Benedikt-Buch“, catholicnewsagency.com, 12.05.2018.
  2. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, Gütersloh 2016, S. 84.
  3. Hans-Peter Schwarz (Hrsg.): Konrad Adenauer: Reden 1917–1967. Eine Auswahl, Stuttgart 1975, S. 87 f.
  4. Ebd., S. 124 f.
  5. Ebd., S. 169.
  6. Zit. nach Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben, München 2020, S. 223.
  7. Seewald 2020, S. 225.
  8. Seewald 2020, S. 244.
  9. Franz Walter: „Katholizismus in der Bundesrepublik. Von der Staatskirche zur Säkularisierung“, Blätter für deutsche und internationale Politik, 9/1996, S. 1102-1110, hier: S. 1103.
  10. Gerhard Schmidtchen: Protestanten und Katholiken. Soziologische Analyse konfessioneller Kultur, Bern/München 1973, S. 245.
  11. Axel Schildt: „Das ‚christliche Abendland‘ als Zentrum politischer Integration in der Frühzeit der Ära Adenauer“, in: Tilman Mayer (Hrsg.): Medienmacht und Öffentlichkeit in der Ära Adenauer, Bonn 2009, S. 398.
  12. Zit. nach Dorothea und Wolfgang Koch: Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa, Aachen 2013, S. 18.
  13. David Remnick: „John Paul II“, The New Yorker, 11.04.2005.
  14. Zit. nach „Wollte Gorbatschow den Papst ermorden lassen?“, welt.de, 28.04.2008.
  15. George Weigel: „The quiet hours of Leonid Brezhnev“, firstthings.com, 17.07.2019.
  16. Remnick 2005.