Postkoloniale Ideologie macht den deutschen Staat verwundbar

Die Kolumbuskarte (Ausschnitt)

Die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin schreibt heute in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über den deutschen „Schuldkomplex“, der das Handeln der Bundesregierung präge und das Land verwundbar gegenüber „moralischem Druck“ mache. Die Übergabe der Benin-Bronzen aus deutschen Museen an den nigerianischen Staat illustriere, dass der deutsche Staat durch die Übernahme postkolonialer Ideologie beeinflussbar geworden sei und durch „moralische Empörung“ und „Rassismusvorwürfe“ zum Nachgeben gegenüber sachlich unbegründeten Forderungen gebracht werden könne.

Außenministerin Baerbock und Kulturstaatsministerin Roth hätten bei ihrer Übergabe der Kunstwerke „tugendhaft-strahlend und zugleich schuldbewusst“ die Rhetorik radikaler postkolonialer Aktivisten „unbesehen“ übernommen und diese „auf ‚koloniales Raubgut‘ reduziert und ihre Geschichte nach dem Schwarz-Weiß-Muster von Täter und Opfer erzählt“. Dabei habe vor allem Baerbock „Geschichtsklitterung“ sowie eine „Verleugnung und Beschönigung der blutigen Geschichte Benins“ und ihrer „an Ethnozid grenzenden, auf Tötung, Versklavung und Raub ausgerichteten Kriegszüge“ betrieben: Die „ans Larmoyante grenzenden Schuldeingeständnisse und Wiedergutmachungsanstrengungen“ deutscher Regierungsvertreter verdeckten die „bluttriefende Vorgeschichte der Benin-Bronzen“, die „auf einem Berg von Leichen und durch Schiffsbäuche voller Sklaven – vom Königreich Benin in Kriegen gegen Nachbarvölker gejagt, versklavt, teilweise den bronzenen Herrscherköpfen als Blutopfer dargebracht und in Massen gegen Bronze-Manillen aus Europa verkauft – entstanden“ seien. „Vorkoloniale Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen“ dieser Art würden durch die postkoloniale Ideologie, die sich das Auswärtige Amt offenbar zu Eigen gemacht hat, vollständig ausgeblendet.1

Hintergrund und Bewertung

Claudia Roth ist derzeit als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien tätig. Aufgrund ihres Eintretens gegen das Zeigen christlicher Symbole am Berliner Stadtschloss warf Kardinal Gerhard Ludwig Müller ihr vor, staatliche Gewalt zu „missbrauchen“, um den öffentlichen Raum für antichristliche Ideologien „totalitär in Besitz zu nehmen“. Roth zufolge seien das Kuppelkreuz und eine Bibelinschrift am Stadtschloss unvereinbar mit ihrem Verständnis von „Weltoffenheit“. Sie wolle „da ran“.2 Menschen, die für das christliche Bild von Ehe und Familie eintreten, bezeichnete sie als „reaktionäre Minderheit“, gegen die „man sich wehren“ müsse.3 Der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse bezeichnete ihr Agieren als „Kulturkampf“ und bewertete ihre Vorstellung, dass „Religion etwas Bedrohliches ist“, als „provinziell“ und als Ausdruck von „Eifer“.4 Im Zusammenhang mit ihren Bestrebungen, preußische Bezüge aus Institutionen zu entfernen, warf Thierse Roth und Baerbock vor, „mit moralischem Furor Geschichtsreinigung betreiben“ zu wollen.5

Mit der neomarxistischen postkolonialen Ideologie und ihrer zunehmenden Durchdringung akademischer Diskurse und staatlicher Institutionen in westlichen Gesellschaften hatten wir uns hier näher auseinandergesetzt. Diese Ideologie stellt Europa als Feindbild dar, um im Sinne marxistischer Ideologie Nichteuropäer als revolutionäre Masse zu mobilisieren. Die auf historischen Unwahrheiten beruhende Delegitimation von europäischer Kultur und Geschichte soll flankierend dazu kulturelle Bindungen schwächen, um Gesellschaften gegenüber revolutionären Vorhaben verwundbarer zu machen.

Der Neomarxist Herbert Marcuse, der eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung dieser Ideologie spielte, hatte in den 1960er Jahren geschrieben, dass die Durchführung marxistischer Revolutionen ein „Substrat der Geächteten und Außenseiter“ erfordere, das in westlichen Gesellschaften aber kaum noch zur Verfügung stünde. Man müsse daher neue Gruppen erschließen, die man gegen diese Gesellschaften mobilisieren könne. Entsprechendes Potenzial sah Marcuse in den „Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben“. Diese mangele es jedoch an Bewusstsein dafür, dass sie „Opfer“ seien, weshalb man ihnen das entsprechende Opferbewusstsein vermitteln müsse. Unter der Führung und Anleitung linker Intellektueller könnten diese Gruppen zu den erhofften „Barbaren“ werden, die „das Imperium der Zivilisation bedrohen“ und linksgerichtete Revolutionen ermöglichen. (sw)

Quellen

  1. Brigitta Hauser-Schäublin: „Tausche Kultur gegen Erdgas“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2023, S. 11.
  2. Moritz Rinke/Rüdiger Schaper: „‚Ich will kämpfen wie eine Löwin'“, Der Tagesspiegel, 19.02.2022, S. 19.
  3. Claudia Roth: „Gleichstellung: Auch die Heteros profitieren“, Zeit Online, 20.01.2014, URL: https://www.zeit.de/gesellschaft/2014-01/homosexualitaet-gleichstellung-gesellschaft-claudia-roth, Zugriff: 07.01.2023.
  4. Dirk Kurbjuweit/Christoph Schult: „Kulturkampf um Preußen“, Der Spiegel, 23.12.2022, S. 14–21.
  5. „Preußen unerwünscht“, Süddeutsche Zeitung, 27.12.2022, S. 9.