Kulturkämpfe müssen ausgetragen werden

Miguel Jacinto Meléndez - Der heilige Raimundo Serrat bei der Verteidigung von Calahorra

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung plädiert eine Gruppe von Autoren um den Historiker Andreas Rödder dafür, den Kulturkampf auszutragen, den linksidentitäre Akteure westlichen Gesellschaften gegenwärtig aufzwingen. Die von den „identitätspolitischen Eiferern“ propagierte Ideologie  beruhe oft auf „Irrsinn“ und richte sich gegen die „Grundlagen unserer Demokratie“.

Durch die Einteilung von „Menschen nach äußeren Merkmalen“ wie „Hautfarbe und ethnischer Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung, Religion oder Alter“ werde eine „gruppenbezogene Neuformierung der Gesellschaft“ angestrebt. „Diversitätsrichtlinien und Gendersprache, die Aushöhlung des Leistungsprinzips oder die gewaltsame Verhinderung unliebsamer Vorlesungen an Universitäten“ seien Werkzeuge zu diesem Zweck. Es gehe auch darum, „legitime andere Positionen […] aus dem Spektrum des legitimerweise Sagbaren“ auszuschließen.

Benachteiligungen individueller Selbstentfaltung“ müssten „immer wieder benannt und beseitigt werden“, aber es schade dem Gemeinwohl, „wenn Interessen von Minderheiten zur Norm für die Mehrheit gemacht werden und diese wegen ihrer angeblich ‚nicht progressiven‘ Meinungen diskreditiert wird“.

Die Autoren halten es für einen „schweren Fehler“, dass die Unionsparteien sich diesem Kampf nicht stellen wollten. „Probleme zu ignorieren“ habe „nie geholfen“. Diese „politische Auseinandersetzung nicht zu führen käme einer Kapitulation christdemokratischer Politik gleich“.1

Hintergrund und Bewertung

Frühere Beiträge von Andreas Rödder, der zu den am stärksten wahrgenommenen Kritikern linksidentitärer Ideologie in Deutschland gehört, hatten wir hier aufgegriffen.

Er und die anderen Autoren des vorliegenden Beitrags kritisieren die Unionsparteien dafür, dass deren „Pragmatismus ohne Grundlagen […] richtungslos“ sei. Dabei bleibt jedoch unklar, auf welche Grundlagen die Autoren ihr Vorgehen stützen wollen, denn in in ihrem Beitrag berufen sie sich nur vage auf die „Alltagsvernunft“.

Der Althistoriker Stefan Rebenich hatte in diesem Zusammenhang kritisiert, dass sich der deutsche Konservatismus vom abendländischen Kulturerbe abgewandt habe. Dies gelte auch für die „Denkwerkstatt 21“, der Rödder angehört. Diese ignoriere die bildende Kraft des abendländischen Erbes und sehe den Beginn der europäischen Geistesgeschichte scheinbar in der Aufklärung. Mit „Voltaire und Kant allein“ könne man der „rasant fortschreitenden Desintegration der gegenwärtigen Diversitätsgesellschaften“ jedoch nicht „erfolgreich entgegentreten“. Dazu bedürfte es „vielmehr eines historischen Langzeitgedächtnisses, das durch das Studium der Alten Welt trainiert ist“. Ein „identitätsstiftendes Projekt für Deutschland und Europa“ könne nicht gelingen, „wenn wir uns nicht unserer Anfänge vergewissern“. „Ohne Not“ werde von den erwähnten Konservativen „eine intellektuelle und kulturelle Tradition marginalisiert, die Antworten auf drängende Fragen geben könnte“.

Als Motiv für diese Abwendung vermutet Rebenich einen Mangel an Tapferkeit bzw. die Furcht vor dem „Vorwurf, die Rede vom christlichen Abendland passe nicht mehr zu einem weltoffenen Konservativismus“.2 (sw)

Quellen

  1. Caroline Bosbach/Christoph Ploß/Andreas Rödder/Kristina Schröder: „Kulturkämpfe mutig austragen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2023, S. 8.
  2. Stefan Rebenich: „Kultur, um der Freiheit; Selbst die Bürgerlichen vergessen die Antike“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2022, S. 11.