Der Aufstieg des Abendlandes als die „größte Geschichte aller Zeiten“

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars

Der Historiker Tom Holland bezeichnet die Geschichte des Abendlandes in einem Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ als die „größte Geschichte aller Zeiten“. Das Abendland sei aus einer gewaltigen Synthese von Traditionen“ entstanden und gleiche einem „See, in den viele große Flüsse fließen“. Das „nachhaltigste Vermächtnis der Antike“ sei aber der christliche Glaube. Er habe „den Zusammenbruch des Imperiums, in dem er entstanden ist, lange überlebt“ und sei „das mächtigste aller hegemonialen kulturellen Systeme der Weltgeschichte geworden“. Der Begriff des „Westens“ sei dazu geeignet, die Kultur zu beschreiben, die bis heute auf dem lateinischen Christentum beruhe.

Die gegenwärtige „Zeit gewaltiger geopolitischer Verschiebungen“ lasse erkennen, „dass unsere Werte nicht annähernd so universal sind, wie wir vielleicht meinen“. Europäer müssten „anerkennen, wie kulturell kontingent unsere Werte sind“, bzw. wie sehr sie von christlichen Grundlagen abhängen. Auch wenn es „viele Einflüsse“ gebe, „die auf europäische Zivilisationen ausgeübt worden sind“, so sei der „überwältigende Einfluss […] jedoch vom Christentum“ ausgegangen.

Die in den vergangenen Jahrhunderten weltweit verbreitete christliche Kultur und auf ihr beruhende Konzepte wie die Menschenrechte seien nicht universell, sondern spezifisch abendländisch. Sie hätten sich nur deshalb ausbreiten können, weil der Westen zeitweise die „größte hegemoniale zivilisatorische Kraft gewesen“ sei. Mit dem Rückzug des Westens in der Welt werde auch christliche Kultur möglicherweise aus Teilen der Welt wieder verschwinden.

Man dürfe zugleich nicht vergessen, dass das „Christentum auch etwas Ausschließendes“ habe. Wer wie das Christentum einen Universalitätsanspruch erhebe, gerate in Konflikte mit jenen, die diesen Anspruch ablehnen. Das Christentum durchdringe den Westen aber so sehr, dass es selbst für die „Feinde des Christentums“ schwierig sei,  außerhalb des von ihm gesetzten geistigen Rahmens zu denken. Auch wenn der christliche Glaube in Europa schwinde, so könne es Europa und seine Kultur nicht ohne Christentum geben. Dies sei der Grund dafür, „dass wir uns nun mit einer gewissen Nervosität nach Wegen umsehen, wie wir die christliche Ethik, unsere vorausgesetzten christlichen Annahmen und Moralvorstellungen aufrechterhalten können“.1

Hintergrund und Bewertung

Die Entstehung, die Ausbreitung und der Fortbestand christlicher Kultur beruhte bzw. beruht auch auf geopolitischen Voraussetzungen. Ohne die vorherige Durchdringung des ostwärtigen Mittelmeerraums durch die antike griechische Kultur und dessen Eingliederung in das römische Reich wären die Entstehung der christlichen Religion und Kultur sowie deren Ausbreitung entweder gänzlich anders verlaufen oder vielleicht sogar unterblieben. Die globale Ausbreitung des Christentums beruht zudem wesentlich auf dem Ausgreifen Europas in die Welt in der Neuzeit, weshalb es als unangemessen erscheint, wenn Teile der Kirchen sich heute an der pauschalen Verurteilung dieses mit dem Schlagwort „Kolonialismus“ belegten Vorgangs beteiligen.

Wie Holland zählte auch der Historiker John Roberts die globale Ausbreitung des Christentums zu den Leistungen der europäischen Expansion. Das Christentum habe dadurch aufgehört, eine nur europäische Religion zu sein. Die Geschichte des Weltchristentums sei „überwiegend die Geschichte eines abendländischen Erfolges bei der Verbreitung seines Ideengutes“, das in diesem Punkt von den Menschen vieler nichteuropäischer Kulturen freiwillig angenommen worden sei.2

Stets konnte die abendländisch-westliche Zivilisation Fehlentwicklungen durch Hinwendung zu ihrem christlichen Kern aus eigener Kraft korrigieren. Auf das im Zuge der europäischen Expansion auch praktizierte Fehlverhalten von Europäern antworteten andere Europäer, indem sie dieses auf christlicher Grundlage korrigierten, etwa der Dominikaner Bartolomé de Las Casas, der einer der ersten katholischen Bischöfe in der Neuen Welt war. Im Rahmen seiner Anstrengungen dazu, die Rechte der Indios zu schützen, schuf er im 16. Jahrhundert das Konzept der Menschenrechte, das die Grundlage der päpstlichen Erklärung Sublimis Deus und spanischer Gesetze bildete, welche die in Lateinamerika bereits vor der Ankunft der Europäer verbreitet praktizierte Sklaverei verbaten. Die darauf beruhende endgültige Abschaffung der Sklaverei 19. Jahrhundert, die auch mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden musste, gehört zu den großen Kulturleistungen der abendländischen Zivilisation.

Der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah hob vor diesem Hintergrund hervor, dass die Bilanz des europäischen Wirkens in der Welt positiv sei. Europa habe die historische Berufung dazu gehabt, das Christentum in die Welt zu tragen. Er selbst verdanke dieser Mission Europas viel. Die europäische „Auffassung von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten“ seien für die Menschen Afrikas „etwas absolut Neues“ gewesen. Er bekenne sich „gerne dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.“3

Papst Benedikt XVI. wies darauf hin, dass auch die Zukunft des Christentums auch von geopolitischen Voraussetzungen abhänge. Wie sich Europa „entwickeln wird, wie weit es noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren, wissen wir nicht“. Das „Wort des Evangeliums“ könne „natürlich aus Kontinenten verschwinden“, so wie es aus seinen Ursprungsräumen in Folge geopolitischer Entwicklungen weitgehend verschwunden sei.4 (sw)

Quellen

  1. Michael Hesse: „‚Es geht um die größte Geschichte aller Zeiten‘“, Frankfurter Rundschau, 13.01.2023, S. 26.
  2. John M. Roberts: Der Triumph des Abendlandes, Düsseldorf/Wien 1986, S. 42.
  3. Robert Kardinal Sarah/Nicolas Diat: Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden, Kißlegg 2019, S. 298.
  4. Benedikt XVI.: Letzte Gespräche, München 2016, S. 230.