Das Christentum als Grundlage der westlichen Zivilisation

Das Original der Magna Carta

Der Historiker Heinrich August Winkler schreibt in der Süddeutschen Zeitung, dass das Christentum die Grundlage der westlichen Zivilisation darstelle. Die „Geschichte der westlichen Werte und der sie sichernden Institutionen“ sei „weithin eine Geschichte der Säkularisierung christlicher Prinzipien“. Die Ideale der Menschenrechte, der Menschenwürde und der Freiheit im Sinne der Begrenzung der Macht des Staates seien im Kern christliche Ideen, die eine weltweit einzigartige politische Kultur hervorgebracht hätten. Die Bindung an diese Kultur sei die Voraussetzung für den Fortbestand des Westens und das gelingende Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen.

Worte Christi wie der Aufruf „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, seien „Urworte“ der westlichen Zivilisation, die totalitären Tendenzen entgegenwirkten, weil sie eine Begrenzung staatlicher Macht forderten. Mit diesen Worten sei im Zuge des Investiturstreits im 12. Jahrhundert jene Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt begründet worden, die „sich als Keimzelle aller weiteren Gewaltenteilungen erwies“. Die englische Magna Charta Libertatum von 1215, auf der das westliche Konzept des Rechtsstaats beruht, sei aus diesem Keim hervorgegangen. Ohne „diese frühen Gewaltenteilungen gäbe es den modernen Westen und seine Werte, obenan Individualismus und Pluralismus, nicht“. Dieser Keim habe zudem „eine Geschichte von Lernprozessen, von Selbstkritik und Selbstkorrekturen“ hervorgebracht, die „vielleicht sogar die größte Stärke des Westens und eine Erklärung der anhaltenden weltweiten Anziehungskraft des westlichen Ordnungsmodells“ darstellten.

Die Säkularisierung dieser Gedanken habe ermöglicht, dass sie die Welt durchdringen und zum Wohl aller Menschen unabhängig von ihrer Religion wirken könnten. Es sei daher folgerichtig, diese Gedanken auch als Normen für die Menschen anderer Religionen und Kulturen verbindlich zu machen, die in Europa leben wollten:

„An die christliche Prägung des Westens zu erinnern, bedeutet nicht, Menschen aus anderen Kulturen von den westlichen Errungenschaften auszuschließen. Die allgemeinen Menschenrechte gelten für alle Menschen. Wer das Bürgerrecht in einer westlichen Demokratie erwerben will, muss freilich die Werte des Westens, darunter die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, vorbehaltlos anerkennen. Die Bindung an diese politische Kultur ist die Vorbedingung des friedlichen Zusammenlebens von Menschen höchst unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft.“

Man könne anderen Menschen diese Ideale nicht aufzwingen. Damit sie ihre Strahlkraft behielten und glaubwürdig blieben, müssten sich die Menschen des Westens „zuallererst selbst an diese Werte halten, ihre Verstöße dagegen selbstkritisch aufarbeiten und ihre Werte gegen Angriffe von außen verteidigen“.1

Hintergrund und Bewertung

Weitere Beiträge, die sich mit der Bedeutung des Christentums für die abendländisch-westliche Zivilisation auseinandersetzen, können hier abgerufen werden.

Der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde beschrieb die von Winkler angesprochene Abhängigkeit freiheitlicher Gesellschaften von religiösen Grundlagen im „Böckenförde-Diktum“:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“2

Wie Böckenförde später erläuterte, bezog er sich hier konkret vor allem auf das Christentum als Quelle der kulturellen Voraussetzungen freiheitlicher Gesellschaften:

„Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art ‚Gemeinsinn‘ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur. Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur? Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus.“3

Der säkulare Staat sei „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“4

Da Demokratien stärkeren inneren Zusammenhalt benötigten als andere politische Systemen, sei zudem ein hinreichendes Maß an kultureller Homogenität für sie existenziell wichtig.5 Diese Homogenität kann in freiheitlichen Gesellschaften durch Überzeugungsarbeit und durch die kultursensible Steuerung von Migration erreicht werden. (sw)

Quellen

  1. Heinrich August Winkler: „Projekt und Praxis“, Süddeutsche Zeitung, 24.12.2022, S. 5.
  2. Ernst Wolfgang Böckenförde: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt a.M. 2006, S. 112-113.
  3. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „‚Freiheit ist ansteckend‘“, Frankfurter Rundschau, 02.11.2010, S. 32.
  4. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Gesetzestreu im freiheitlichen Staat“, Kölner Stadt-Anzeiger, 04.07.2007.
  5. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Europa und die Türkei“, in: ders: Wissenschaft, Politik, Verfassungsgericht, Berlin 2011, S. 281-298, hier: S. S. 287-293.