Benedikt XVI. als Bewahrer der Tradition und „Feind der Revolution“ in der Kirche

Die Leiter des Aufstiegs zu Gott - Ikone aus dem 12. Jhd., Katharinenkloster auf dem Sinai

Der Schriftsteller Martin Mosebach würdigt den heute verstorbenen emeritierten Papst Benedikt XVI. in einem Nachruf als einen Bewahrer der christlichen Tradition sowie als „geschworenen Feind der Revolution“ in der Kirche. Benedikt habe verstanden, dass Päpste „sich der Tradition zu unterwerfen“ hätten; „selbst dann, wenn die Kirche so wieder zur kleinen Schar wird“. Weil er stets daran erinnert habe, „dass er nicht die Vollmacht besaß, die Lehre der Kirche zu ändern“, sei er als „das schwarze Haupt der Reaktion beschimpft“ worden.

Die Gegner Benedikts seien jene „revolutionären Theologen“ gewesen, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil „aus der Deckung“ getreten seien und im Geist der „68er-Revolten“ agiert hätten, wodurch sie in der Kirche „eine tiefe Krise der Autorität“ ausgelöst hätten. Weil es diesen meist „an religiöser Glut und an gebildetem Scharfsinn“ gemangelt habe, sei Benedikt jedoch optimistisch gewesen, dass die Kirche „irgendwann die nachkonziliare Krise überwinden können werde, „und sei es als die kleine Schar, als welche sie vor 2000 Jahren begonnen hatte“.

Der revolutionären „Hermeneutik des Bruchs“, die das Zweite Vatikanische Konzil defacto als Neugründung der Kirche dargestellt habe, habe Benedikt eine „Hermeneutik der Kontinuität“ entgegengestellt, „nicht weil er ein ängstlicher Konservativer gewesen wäre, sondern weil er die Kirche an die einmal empfangene Offenbarung und die Tradition der frühen Märtyrer und Väter gebunden sah“. Dass „die Kirche immer zu reformieren sei, hieß für ihn nicht, dass sie sich beständig dem gesellschaftlichen Standard des Tages anpassen müsse, sondern dass sie stets aufs Neue an ihrem Stifter das Maß zu nehmen habe“.

Benedikts radikalster Schritt zur Erneuerung der Kirche im Geist der Tradition sei die „Wiederzulassung der weit über 1500 Jahre alten Liturgie“ gewesen, „die Papst Paul VI. mit seiner ganzen Autorität zu unterdrücken gesucht hatte“. Papst Franziskus habe versucht, diese Reform Benedikts mit einer „gnadenlosen Härte“ rückgängig zu machen, um die „‚Hermeneutik des Bruchs‘ doch noch gewaltsam durchzusetzen“.1

Hintergrund und Bewertung

Die von Mosebach erwähnte Revolution in der Kirche hatte der Theologe Bernhard Meuser kürzlich näher beschrieben.

Mosebachs Erwähnung der „kleinen Schar“ in seinem aktuellen Text verweist auf einen Text Benedikts aus dem Jahr 1969, in dem er seine Hoffnung darüber ausdrückte, auf die Christen der Zukunft dass große Aufgaben warteten:

„Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. […] Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. […] Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst.“

Die Zukunft des Christentums liege in kleinen entschlossenen Gemeinschaften, die sich innerlich von den Verfallsformen des Christentums abgrenzten:

„Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird.“

Nach dem absehbaren Scheitern der utopischen Ideologien der Moderne und Postmoderne würden diese Gemeinschaften gebraucht werden:

„Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.“2

Benedikt bekräftigte auch an anderer Stelle die Erwartung, dass Christen in einem geistig und kulturell zerstörten Europa der Zukunft als „schöpferische Minderheit“ wirken und es im Geist des Christentums kulturell erneuern sollten. Er entwarf in diesem Zusammenhang die Grundlagen einer Strategie, die sich auf Netzwerke aus im Glauben gefestigten „scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen“ stützt, die „intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen“.3 Die Kirche der Zukunft werde „weniger mit den Großgesellschaften identisch sein, mehr Minderheitenkirche sein, in kleinen lebendigen Kreisen von wirklich Überzeugten und Glaubenden und daraus Handelnden leben“.4 In einer nicht mehr christlichen Gesellschaft müsse „die Kirche selber Zellen bilden, in denen das Sichstützen, das Sichtragen und das Miteinandergehen, als der große Lebensraum der Kirche im Kleinen erfahrbar und praktisch wird“.5 Die Kirche sei die „große Kontinuität“. Sie lebe „aus der Identität aller Generationen, aus ihrer zeitübergreifenden Identität, und ihre eigentliche Mehrheit bilden die Heiligen“.6

Heilige werde Europa brauchen, auch weil seine Zukunft „dunkel“ sein werde.7 Christen müssten angesichts einer sich immer deutlicher abzeichnenden Zivilisationskrise Europas mit „einer ganz neuen Art von Konflikten rechnen“.8 In einem seiner letzten bislang veröffentlichten Texte äußerte er 2016 noch einmal seine Sorge um die Zukunft Europas und die Kontinuität des Christentums in Europa:

„Wie Europa sich entwickeln wird, wie weit es noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren, wissen wir nicht. […] Das Wort des Evangeliums kann natürlich aus Kontinenten verschwinden. Wir sehen ja, die christlichen Kontinente des Anfangs, Kleinasien und Nordafrika, sind nicht mehr christlich. Es kann auch in Räumen verschwinden, wo es groß war.“9

Wo „der Mensch oder eine Gemeinschaft sich weigert, die Dinge Gottes ernst zu nehmen“, dort wiederhole „sich auf irgendeine Weise das Gomorrha-Geschick“. 10 Gesellschaft, die sich von Gott abwendeten, würden ihr „Lebensfundament“ verlieren. Das von Christus verwendete Bild des verdorrten Feigenbaums illustriere, „wie Völker, Gemeinschaften, Gruppen, die gleichsam nur Blätter hervorbringen […] und aus denen nichts herauskommt, was den anderen dient, dürr werden, verdorren“.11 Sich „von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden“ bedeute den „Selbstmord einer Kultur und einer Nation.“12 Wenn „Kant und Hegel Recht behalten hätten, dann hätte die voranschreitende Aufklärung den Menschen immer freier, immer gerechter, immer vernünftiger, immer gerechter machen müssen“. Stattdessen aber „steigen wachsend aus seiner Tiefe jene Dämonen auf, die wir so eifrig totgesagt hatten“.13

Zu diesen Dämonen zählte Benedikt mutmaßlich auch den von ihm häufig kritisierten „merkwürdigen und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass des Abendlandes“.14 Dieser müsse zur Selbstvernichtung Europas führen, weil er auf Selbstverneinung beruhe.15 Christen hätten vor diesem Hintergrund auch den Auftrag, die „innere Identität Europas in allen geschichtlichen Metamorphosen weiterzuführen“. Europa brauche eine „neue – gewiss kritische und demütige – Annahme seiner selbst, wenn es überleben will“. Wenn Christen sich diesem Auftrag verweigerten, verleugneten sie nicht nur die „Identität Europas“, sondern verweigerten auch „den Anderen einen Dienst, auf den sie Anspruch haben“.16 (sw)

Quellen

  1. Martin Mosebach: „Mosebach über Benedikt XVI. Der Gehorsame“, Welt Online, 31.12.2022, URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus242968899/Martin-Mosebach-wuerdigt-Papst-Emeritus-Benedikt-XVI-der-Gehorsame.html, Zugriff: 31.12.2022.
  2. Joseph Ratzinger; „Wie wird die Kirche im Jahr  2000 aussehen?“ in: ders: Kirche – Zeichen unter den Völkern, Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Band 8/2, Freiburg i. Br. 2010, S. 1159-1168.
  3. Joseph Ratzinger: Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende, Stuttgart 1996, S. 12.
  4. Ebd., S. 236.
  5. Ebd. S. 282.
  6. Ratzinger 1996, S. 201-202.
  7. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 431.
  8. Ebd., S. 489.
  9. Benedikt XVI.: Letzte Gespräche, München 2016, S. 230.
  10. Ratzinger 2005, S. 312.
  11. Ebd., S. 253-254.
  12. Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: Die Freiheit befreien. Glaube und Politik im dritten Jahrtausend, Freiburg im Breisgau 2018, S. 85.
  13. Ebd., S. 19-20.
  14. Ratzinger 2005, S. 87-88.
  15. Ebd., S. 355.
  16. Ebd., S. 80-84.