Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger: Aussichten auf den Bürgerkrieg

Thomas Cole - The Course of Empire - Destruction

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger ist heute in München im Alter von 93 Jahren verstorben. Wir erinnern aus diesem Anlass an seinen 1993 erschienenen Aufsatz „Ausblicke auf den Bürgerkrieg“, in dem er westlichen Gesellschaften eine Zukunft prophezeite, die von „marodierenden Banden“ sowie von „Raub, Mord und Plünderung“ geprägt sein werde. An sozialen Brennpunkten in den USA oder in Frankreich, aber auch am Beispiel von Akteuren der Organisierten Kriminalität und von politischen Extremisten habe man bereits Anfang der 1990er Jahre einen Eindruck dieser Zukunft gewinnen können. Das Christentum der Zukunft werde vor diesem Hintergrund realistischer werden und sich daran erinnern müssen, dass es “ immer vom Nächsten und nicht vom Fernsten gesprochen“ habe.

Enzensberger schrieb kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion, dass es ein Irrtum sei anzunehmen, dass der westlichen Welt nun ein Zeitalter des Friedens bevorstehe. An die „Stelle des Kalten Krieges“ sei vielmehr „eine Neue Weltunordnung getreten“, die „unter dem Signum des Bürgerkrieges“ stehe. „Der Krieg aller gegen alle“ werde langfristig das Geschehen auch in westlichen Gesellschaften prägen. Es sei eine „Selbsttäuschung“, dass der für die Menschen des Westens heute noch „unverständliche Kampf“ sich immer nur „in großer Entfernung“ abspielen werde. Der „Bürgerkrieg“ sei „längst in die Metropolen eingewandert“ und bilde dort erste „Metastasen“:

  • Es reiche aus, wenn eine Minderheit in einer Gesellschaft den Bürgerkrieg wolle, „um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen“. Da die Kräfte der Zivilisation in westlichen Gesellschaften schwächer werden würden, sei langfristig absehbar, dass die im Untergrund schwelenden „molekularen Bürgerkrieg der Metropolen“ eines Tages eskalieren und zum Flächenbrand werden könnten.
  • Die antizivilisatorische Kräfte, die einst als Akteure des Bürgerkriegs in Erscheinung treten würden, umfassten Banden der organisierten Kriminalität, ethnisch-religiöse Separatisten, Linksautonome und Rechtsextremisten. Sie verbinde ihr Nihilismus. Keiner dieser Akteure verfüge über eine Vision für das Gemeinwohl, auf die sich eine gesellschaftliche Ordnung stützen lasse. Die sinnlose Zerstörungswut arabischer Jugendbanden in den französischen Banlieues, unterscheide sich im Kern etwa nicht vom Verhalten somalischer Bürgerkriegsakteure. Das Verhalten dieser Akteure erinnere an das von „Zombies“, die einen „kollektiven Amoklauf“ vollführten.
  • Die entsprechende Aggression könne jeden „U-Bahn-Wagen zu einem Bosnien en miniature werden“ lassen. Sie richte sich nicht nur gegen andere, sondern auch gegen die eigenen Lebensgrundlagen. Die „gewaltförmige Selbstzerstörung“ und die „kollektive Selbstverstümmelung“ würde von nihilistischen Akteuren jedoch in Kauf genommen. Diese täten alles, „was in ihrer Macht steht, um ihre Lage bis ins Extrem zu verschärfen“. Im sich ankündigenden „kollektiven Amoklauf“ sei „die Kategorie der Zukunft verschwunden“. Es werde nur der „Hobbessche Urmythos vom Kampf aller gegen alle übrig“ bleiben.

Die westliche Welt der Zukunft werde bei ungebrochener Fortsetzung dieser Entwicklung dem Balkan ähneln. Man werde daher Realist werden müssen. Der westliche Universalismus, der „keine Differenz von Nähe und Ferne“ kenne, werde unter den Bedingungen der Zukunft nicht mehr zu verwirklichen sein. Halte man an ihm fest, werde bald die „Grenze zur objektiven Heuchelei überschritten; dann erweist sich der Universalismus als moralische Falle“.

Europa werde die Probleme der Menschheit nicht lösen und es den „Predigern der Tugend“ des Universalismus niemals recht machen können. Es sei daher „an der Zeit, sich von Allmachtsphantasien zu verabschieden“. Auf die Dauer werde „niemand darum herum“ kommen“, den „jeweils realisierbaren Grad seiner Verantwortung zu prüfen und Prioritäten zu setzen“. Insgeheim wisse „jeder, daß er sich zuallererst um seine Kinder, seine Nachbarn, seine unmittelbare Umgebung kümmern muß“. Auch „das Christentum hat immer vom Nächsten und nicht vom Fernsten gesprochen“.1

Hintergrund und Bewertung

Die christliche Forderung nach Nächstenliebe gilt prinzipiell gegenüber allen Menschen. Der Begriff der „Liebe“ bezeichnet in diesem Zusammenhang kein Gefühl der Zuneigung oder Anziehung (griechisch eros), sondern die Entscheidung zum Dienst am Nächsten (griechisch agape). Zur Nächstenliebe sind immer nur Personen fähig, von denen die christliche Soziallehre auf politischer Ebene unter anderem fordert, Gerechtigkeit und Solidarität zu praktizieren. Wer christliche Nächstenliebe auf der Ebene des Gemeinwesens praktiziert, setzt sich für das Wohl seiner Mitmenschen ein. Da es unmöglich wäre, sich unterschiedslos für das Wohl aller Menschen einzusetzen, hat die christliche Soziallehre Vorzugsregeln formuliert, die einen vom Grad der Nähe abhängigen unterschiedlichen Einsatz fordern.

Laut dem Philosophen Robert Spaemann beinhalten diese Vorzugsregeln eine Abstufung von Solidaritätspflichten nach dem Grad der Nähe:

„Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.“2

Thomas von Aquin beschrieb die Vorzugsregeln der christlichen Soziallehre so:

„[D]er Mensch werde je nach den erhaltenen Wohlthaten in verschiedener Weise gegenüber den anderen ein Schuldner und ebenso je nach dem Vorrange dieser anderen: Nach beiden Seiten steht Gott zuvörderst an der Spitze; denn Er ist die höchste Vollendung und das erste Princip unseres Seins und Thuns. In zweiter Linie kommen dann die Eltern und das Vaterland, von denen wir erzeugt und genährt sind worden. Also nach Gott ist der Mensch am meisten Schuldner den Eltern und dem Vaterlande. Wie somit es zur Gottesverehrung gehört, an erster Stelle Gott einen Kult darzubringen; so geht es die Hingebung oder Pietät an, an zweiter Stelle die Eltern und das Vaterland zu ehren. In der den Eltern erwiesenen Ehre ist nun eingeschlossen die den blutsverwandten gegenüber; denn blutsverwandt sind eben Personen deshalb, weil sie von den nämlichen Eltern abstammen. […] Und in der dem Vaterlande erwiesenen Hingebung ist eingeschlossen die allen Mitbürgern gegenüber und allen Freunden des Vaterlandes. Auf diese Personen also erstreckt sich vor Allem die Hingebung.“3

Thomas widmete der „Ordnung in der heiligen Liebe“, die eine „Verschiedenheit in den Wesensabstufungen dieser Liebe“ beinhalte, ein ganzes Kapitel seines Hauptwerks. Dort betont er beispielsweise, dass Menschen aufgrund dieser Abstufungen „Blutsverwandten gegenüber im höheren Grade gehalten sind, für das ihnen Notwendige zu sorgen“.4 Eine Mutter handelte demnach ethisch falsch, wenn sie sich für beliebige Kinder größerer Opfer brächte als für ihre eigenen. Ein Gemeinwesen handelte falsch, wenn es das Wohl von Fremden auf Kosten des Wohls der eigenen Bürger förderte.

Laut dem Theologen Ludger Schwienhorst-Schönberger ermöglichen diese Vorzugsregeln eine Güterabwägung in Fällen, in denen die Ansprüche von Fremden mit den Interessen des eigenen Gemeinwesens kollidieren. Schwienhorst-Schönberger argumentiert hier in Anknüpfung an Bruno Schüller:

„Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. […] Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Zusammenleben kollabieren. […] Die […] Taten der Liebe bleiben ‚auf den abgestuften Kreis derer beschränkt, die der Hilfe am meisten bedürfen und für deren Wohl der Handelnde am besten zu sorgen imstande ist.‘ […] Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung ‚zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten.'“5

Hans Magnus Enzensberger, der seinen eigenen Worten nach kein Christ war, hat in seinen Worten über die Notwendigkeit der politischen Unterscheidung zwischen nahen und weniger nahen Menschen somit im Sinne eines weithin unbekannten Aspekts der christlichen Soziallehre argumentiert. (sw)

Quellen

  1. Hans Magnus Enzensberger: „Ausblicke auf den Bürgerkrieg“, Der Spiegel, Nr. 25/1993, S. 170; in ausführlicherer Form auch als Aussichten auf den Bürgerkrieg,  Frankfurt am Main 1993.
  2. Christoph Boeckheler: „‚Religionen, die es ernst meinen, sind intolerant‘“, Frankfurter Rundschau, 12.12.2015, S. 32.
  3. STh, 2-2, 101, 1.
  4. STh, 2-2, 26, 8.
  5. Ludger Schwienhorst-Schönberger: „Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik“, Stimmen der Zeit, Mai 2018, S. 329-342, hier: S. 337.