Über das christliche Fundament des Grundgesetzes

Das Reichskreuz

Der Philosoph Otfried Höffe betont in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau die Rolle des Christentums als Fundament der freiheitlichen demokratischen Grundordnung Deutschlands:

  • Der biblische Gedanke der Gottesebenbildlichkeit des Menschen begründe die Idee der Menschenwürde, auf der das Grundgesetz aufbaue. Die in der Präambel des Grundgesetzes unterstrichene Verantwortung des Menschen bzw. des deutschen Volkes vor Gott stelle zudem eine „Absage an staatliche Hybris und an weitere Allmachtsphantasien“ dar, „die nicht nur in der Verfassungstheorie willkommen sein, sondern auch die Praxis der Politik und Politiker mitbestimmen sollte“.
  • Höffe kritisiert zudem jene „liberalen Denker“, die es in der „Humboldt-Debatte und beim Abhängen des Kreuzes“ an „Augenmaß und Weisheit“ fehlen ließen, als sie „ausschließlich Contra-Argumente gegen einen kosmopolitischen Charakter des Christentums“ suchten. Wer „in neutraler Einstellung auch Pro-Argumente erlaubt“, könnte jedoch darauf verweisen, dass das Christentum „‚alle (!) Menschen guten Willens‘ willkommen heißt“.1

In einem Gespräch mit dem Domradio erklärte Höffe außerdem, dass die von Grundgesetz geforderte weltanschauliche Neutralität des Staates nicht in einem antireligiösen Sinne zu verstehen sei. Sie fordere von diesem vielmehr, dass er „die Religion zulassen“ müsse nicht in sie eingreifen dürfe, solange sie dem von ihr selbst gestifteten Rahmen der Menschenwürde entspreche. Das Grundgesetz sei „im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott vom deutschen Volk gegeben worden“. Es beruhe auf einem Bezug auf „eine Instanz, die über den Menschen steht“. Die „Trennung von Staat und Kirche“ sei daher ebenfalls nicht in einem antireligiösen Sinne zu verstehen, sondern als Bekräftigung der „Selbstständigkeit und Eigenständigkeit der weltlichen Sphäre“. Christliche Politik zu betreiben bedeute, auf die christliche Soziallehre zurückzugreifen. Deren Prinzipien seien „etwas unbekannt geworden, werden auch nicht mehr so betont, aber ich finde sie immer noch vernünftig“.2

Hintergrund und Bewertung

Der Hintergrund von Höffes Äußerungen ist das aktuelle Vorgehen staatlicher Stellen gegen christliche Symbole an historischen Orten in Deutschland. Aktuelle Vorfälle betreffen das Berliner Stadtschloss und den Friedenssaal des Münsteraner Rathauses. Kardinal Gerhard Ludwig Müller warf den Verantwortlichen vor, staatliche Gewalt zu „missbrauchen“, um den öffentlichen Raum für antichristliche Ideologien „totalitär in Besitz zu nehmen“.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) hatte ebenso wie Höffe die fundamentale Bedeutung des Christentums für freiheitliche politische Ordnungen unterstrichen:

„Es ist ein offenkundiger Tatbestand, daß die beiden Urdemokratien, die amerikanische und die englische, auf einem aus dem christlichen Glaubeden kommenden Wertekonsens beruhen und auch nur funktionieren konnten und können, wenn ein grundlegendes Einverständnis über Werte vorhanden ist. Sie würden sich ansonsten auflösen und zerfallen. […] Die christliche Demokratie der Neuzeit beruht auf der Sakralität der vom Glauben her verbürgten Werte, die der Willkür der Mehrheiten entzogen sind.“

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts habe sich mehrfach gezeigt, dass „beim Wegnehmen des Christentums plötzlich archaische Mächte des Bösen wieder hervorbrechen, die durch das Christentum gebannt gewesen sind.“3

Der Staatsrechtler Josef Isensee schrieb über die fundamentale Bedeutung des Christentums für die freiheitlichen Gesellschaften Europas:

„Die Werte, auf die sich die Europäische Union beruft – die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte –, sind säkulare Derivate des Christentums.[…]

Zwischen Christentum und Verfassungsstaat besteht aber nicht allein ein historischer, sondern auch ein aktueller Wirkungszusammenhang. Der Verfassungsstaat lebt weiter auf dem europäischen Kulturboden, auf dem er entstanden ist, aus dem Humus seiner Geschichte, und er zehrt von den Substanzen, zu denen das Christentum gehört, das diesen Boden im Laufe der Jahrhunderte durchdrungen und geprägt hat.

Hier kommt es nicht darauf an, wie weit sich die Gesellschaft von der Religion ihrer Herkunft gelöst hat. Die Herkunft aus dem Christentum ist ihr unablöslich mitgegeben, auch ohne dass sie sich deren erinnern und sich zu ihr bekennen müsste, auch dann, wenn sie gegen die Herkunft aufbegehrt und sich aus ihr emanzipiert.“4

Weitere Gedanken Isensees zu diesem Thema hatten wir hier aufgegriffen.

Heinz Karst, der als Stellvertreter von Wolf Graf Baudissin in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland zu den geistigen Vätern der inneren Erneuerung der deutschen Streitkräfte gehörte, betonte darüber hinaus die Bedeutung des Christentums im Kampf gegen totalitäre Ideologien und kritisierte das „rhetorische Halbchristentum des 20. Jahrhunderts“. Wer tiefer sehe wisse, dass „die letzten Entscheidungen“ in der weltweiten Auseinandersetzung zwischen freiheitlichen und totalitären Ordnungen „im Feld des Glaubens fallen“. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus etwa habe „ganz andere Kräfte ins Spiel bringen“ müssen als nur politische Überzeugungen.5 Es seien stets „Persönlichkeiten des Geistes, gottesfürchtige und tapfere Menschen“ gewesen, die im Ernstfall „diese Ordnungen und ihre Kultur geschaffen, getragen und erhalten“ hätten. Totalitären Ideologien „unseren Glauben, unsere freiheitliche Grundordnung und unser abendländisches Kulturerbe“ entgegenzustellen, sei eine zeitlos wichtige Aufgabe.6 (sw)

Quellen

  1. Michael Hesse: „‚Es gibt auch bei Gott demokratische Züge‘“, Frankfurter Rundschau, 12.11.2022, S. 36.
  2. Moritz Dege: „‚Christliche Soziallehre immer vernünftig'“, Domradio, 12.11.2022, URL: https://www.domradio.de/artikel/philosoph-verteidigt-bedeutung-des-christentums-im-staat, Zugriff: 12.11.2022.
  3. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 241-242.
  4. Josef Isensee: „Europas christliche Wurzeln“, Die Politische Meinung, Nr. 461, April 2008, S. 19-24.
  5. Heinz Karst: Das Bild des Soldaten. Versuch eines Umrisses, Boppard 1964, S. 290.
  6. Ebd., S. 52-53.