Haltungsmängel im Angesicht der Krise

Anne-Louis Girodet de Roussy-Trioson - Jaques Cathelineau

Der Publizist Andreas Öhler kritisiert in der Wochenzeitung „Die Zeit“ den Mangel an staatsmännischer Haltung, welche die politische Elite Deutschlands im Angesicht der gegenwärtige Krise zeige. Die „infantile Sprache, mit der uns die Eliten ihre Maßnahmen zur Krisenlösung nahebringen wollen“, sei dem Ernst der Lage und der Würde des Bürgers unangemessen.

  • Wer seine Entscheidungen mit Begriffen wie „Wumms“ und „Doppelwumms“ vermitteln wolle, nehme die Bürger nicht ernst und behandele sie „wie angeschickerte Touristen im Ferienflieger“. Wer einen Eid geschworen habe, „Schaden vom Volk abzuwenden“, dürfe Bürger jedoch nicht „wie entmündigte Schutzbefohlene […] behandeln, denen man nicht zutraut, komplexere politische Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung geistig zu durchdringen“.
  • Unter Staatsmännern alter Art wie Helmut Schmidt oder Franz Josef Strauß „wäre ein so regredierter Redestil nicht denkbar gewesen“, denn sie hätten als Erwachsene zu Erwachsenen gesprochen. Seit der Amtszeit Helmut Kohls sei jedoch eine „Verkümmerung der politischen Rhetorik“ zu beobachten und  „Schnoddrigkeit Leitprinzip“ geworden.

Die politische Sprache politischen Eliten Deutschlands appelliere zudem vorwiegend an Emotionen. Deren Prinzip laute scheinbar: „Keine Analysen mehr“. Herausforderungen würden darüber hinaus zunehmend „in Comic-Sprache verniedlicht“. Man könne eine Republik aber „nicht regieren wie Entenhausen“.1

Hintergrund und Bewertung

Der Begriff der „Haltung“ beschreibt in der europäisch-abendländischen Tradition einen Zustand der inneren und äußeren Ordnung, den ein Mensch als Antwort auf schwierige Lagen, Krisen und Herausforderungen einnimmt, damit er diesen standhalten kann. Eine Haltung als spezifische „Dauerantwort auf eine Dauerlage“ verwirklicht sich jeweils in einem besonderen Lebensstil bzw. in einer auf klare Ziele ausgerichteten, von Ernsthaftigkeit sowie von Härte gegen sich selbst geprägten Lebensform.2

In der Gegenwart hat der Begriff der „Haltung“ in Deutschland einen Bedeutungsverfall erfahren. Haltung zeigt demnach, wer möglichst emotional und ohne rationale Prüfung für eine sozial erwünschte Meinung eintritt.3

Paul Berman schrieb, dass der Verlust an Haltung westliche Gesellschaften allgemein betreffe. Er sei nicht auf das progressive Spektrum beschränkt, wie die pauschale Ablehnung von Eliten durch einige Anhänger populistischer Ideologien zeige. Im Zuge kultureller Auflösungserscheinungen würden sich immer größere Teile der Bevölkerungen westlicher Gesellschaften vom traditionellen Staatsethos abwenden, welches von Inhabern politischer Führungsämter Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Gravitas, Anstand, Professionalität und Vernunftorientierung fordere. Das Gegenbild zu diesem Ethos sei der unkultivierte, emotionale, vulgäre Demagoge. Angesichts dieser Entwicklung erfordere die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften die Wiederherstellung eines traditionellen Staats- und Führungsethos und die Erneuerung politischer Eliten in dessen Geist.4 Der damalige deutsche Außenminister Walther Rathenau hatte bereits 1922 erklärt, dass Republiken Haltungseliten benötigten, falls sie langfristig überleben wollten.5 (sw)

Quellen

  1. Andreas Öhler: „Wumms, ruckel, ruckel, wumms“, Die Zeit, Nr. 44/2022 (27.10.2022), S. 76.
  2. Gerhard Funke: „Haltung“, in: Joachim Ritter et al. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 3, Basel 1974, Sp. 990-991.
  3. Dieses Haltungsverständnis zeigt etwa die Journalistin Anja Reschke in ihrem Buch: Haltung zeigen! (Reinbek bei Hamburg 2018, S. 83 ff.
  4. Paul Berman: „Three Theories of the Rise of Trump“, tabletmag.com, 05.02.2018.
  5. Walther Rathenau: „An Deutschlands Jugend“, in: ders.: Schriften aus Kriegs- und Nachkriegszeit, Berlin 1929, S. 95–214.