Die europäische Zivilisation befindet sich im „kulturellen Belagerungszustand“

Frans Geffels - Die Belagerung von Wien

Der Philosoph Peter Sloterdijk erklärt in einem heute im „Tagesspiegel“ veröffentlichten Gespräch, dass „wir als Okzidentale von allen Fronten her in einen kulturellen Belagerungszustand geraten“ seien. Die europäisch-abendländische Zivilisation werde von innen und außen von ihr gegenüber feindselig eingestellten Weltanschauungen „belagert“, die sie „von Grund auf verwerfen“. Diese würden vor allem auf neomarxistische Ideologie zurückgehen, die einen „kulturellen Masochismus“ fördere und „christliche Symbolwerte“ bekämpfe. Positiv spricht er hingegen von der „preußisch-protestantischen Wehrhaftigkeitsmentalität“, die den Freiheitskampf der Ostdeutschen gegen die kommunistische SED-Diktatur innerlich gestärkt habe.

Die gegen diese Zivilisation gerichteten Weltanschauungen seien vielfach „Folgen des Exports marxistisch-leninistischer Ideologie aus Europa“. Der „Widerstand, der uns an vielen Fronten entgegenschlägt“, sei „eine abgespaltene Form europäischer Selbstkritik“. Die gelte vor allem für China, wo „ein wieder verschärftes marxistisches Regime“ herrsche.

Ein anderes Beispiel sei der „weltweit grassierende antikolonialistische Diskurs“, der von „euro-masochistischen“ Impulsen geprägt sei:

  • Dies habe etwa der Althistoriker Egon Flaig erfahren müssen, nachdem er „es gewagt“ hatte, „dem dunklen Kapitel des fast 1400jährigen arabisch-muslimischen Sklavenhandels ein Kapitel“ in einem seiner Werke zu widmen. Die postkolonialen Kritiker Flaigs hätten dagegen keine inhaltlichen Einwände vorgebracht, sondern „lieber dem europäischen Sklavenhandel die verbrecherische Alleinstellung bewahrt“.
  • Der dahinterstehende „kulturelle Masochismus“ habe „viele Gesichter“. Er zeige sich auch, „wenn einige schöne Seelen in Berlin, die Kulturstaatsministerin dumpf vorauseilend, ein paar harmlos gewordene christliche Symbolworte an der Kuppel des Humboldtforums mit woken Phrasen ‚künstlerisch‘ überdecken wollen“. „Überheblichkeit in der Selbstanklage“ dieser Art erzeuge jedoch „eine gewollte Blindheit, wenn es um Gewalt in anderen Kulturen geht“.

Sloterdijk kritisiert zudem, dass westliche Gesellschaften in ein postheroisches Zeitalter eingetreten seien. Der „deutsche Mann“ sei „heute eher ein Adressat der Parfümindustrie als einer der Waffenhersteller, wie andere westeuropäische Männer auch“. Die Vertreter der alten „preußisch-protestantischen Wehrhaftigkeitsmentalität“, die der Überzeugung folgten, dass die Freiheit „einen Kampf wert“ sei, seien selten geworden. „Nicht wenige Ostdeutsche“ hätten dieses Ethos 1989 aber noch gezeigt, und auch in den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck sei es noch erkennbar.1

Hintergrund und Bewertung

Auf die von Sloterdijk aufgegriffene Kritik Egon Flaigs an postkolonialer Ideologie waren wir hier näher eingegangen und auf die Worte Joachim Gaucks über ein „starkes, verteidigungsbereites Deutschland“ hier.

Roger Scruton hatte zur Bezeichnung des von Sloterdijk angesprochenen kulturellen Selbsthasses den Begriff der „Oikophobie“ geprägt. Dieser Hass richte sich gegen alle tragenden Institutionen des Gemeinwesens, vor allem gegen das eigene, auf dem Christentum beruhende kulturelle Erbe sowie gegen die Familie und die Nation. Ein vergleichbares Phänomen sei aus keiner anderen Kultur und keiner anderen Periode der Geschichte bekannt. Der bereits erwähnte Joachim Gauck hatte in diesem Zusammenhang insbesondere in Deutschland eine „neurotische Feindschaft gegen das Eigene“ beobachtet, die das Land unfähig zur Selbstbehauptung mache. (sw)

Quellen

  1. Hans Monath/Christian Schröder: „‚Die Klimaaktivisten sind völlig im Recht – aber sie würden sich besser in Riad ankleben‘“, Der Tagesspiegel, 29.11.2022, S. 20.