Der deutsche Konservatismus ist geistig entwurzelt

Raffael - Die Schule von Athen

Der Althistoriker Stefan Rebenich kritisiert heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass sich der deutsche Konservatismus und das Bürgertum von den „griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Wurzeln unserer gegenwärtigen Kultur“ abgewandt hätten. Er nennt die Denkwerkstatt „Republik 21“ als ein Beispiel für bürgerlich-konservative Organisationen, welche die bildende Kraft des abendländischen Erbes ignorierten und den Beginn der europäischen Geistesgeschichte scheinbar in der Aufklärung sähen.

Mit „Voltaire und Kant allein“ könne man der „rasant fortschreitenden Desintegration der gegenwärtigen Diversitätsgesellschaften“ jedoch nicht „erfolgreich entgegentreten“. Dazu bedürfte es „vielmehr eines historischen Langzeitgedächtnisses, das durch das Studium der Alten Welt trainiert ist“. Ein „identitätsstiftendes Projekt für Deutschland und Europa“ könne nicht gelingen, „wenn wir uns nicht unserer Anfänge vergewissern“.

„Ohne Not“ werde von den erwähnten Konservativen „eine intellektuelle und kulturelle Tradition marginalisiert, die Antworten auf drängende Fragen geben könnte“:

  • Die europäische „Kultur der Freiheit“ habe ihren „Ausgang in Hellas“. Nur Menschen, die sich dessen bewusst seien, könnten „Verantwortung als Zeitgenossen übernehmen und in Europa mehr sehen als einen überbürokratisierten Distributionsapparat“.
  • Das abendländische Erbe halte „für eine säkularisierte Gesellschaft zahlreiche kulturelle und politische Leitbilder bereit, die den demokratischen Wertekonsens Europas gegen den terribles simplificateurs auf der linken wie auf der rechten Seite stützen können“.
  • Das abendländische Erbe habe zudem „bisher alle Generationen angesprochen und in jeder Epoche kreative Potentiale freigesetzt, selbst wenn diese zu Kritik und Negation dieses Erbes führten“. Die Auseinandersetzung mit diesem Erbe sollte daher „integraler Bestandteil einer Bildung sein“, die einen „‚Erziehungsanspruch'“ errichte, der „die notwendige Grundlage einer demokratischen Gesellschaft“ bilde.  Dieses Erbe könne „den einzelnen Menschen auch künftig aus intellektueller, politischer und moralischer Unmündigkeit befreien, weil es jedem – unabhängig von seiner Herkunft, Religion, Nation und Hautfarbe – etwas sagen kann, das über den Tag hinaus Bestand hat und das ihn – hoffentlich – davon abhält, ein Barbar zu werden“.

Als Motiv für diese Abwendung vermutet Rebenich einen Mangel an Tapferkeit bzw. die Furcht vor dem „Vorwurf, die Rede vom christlichen Abendland passe nicht mehr zu einem weltoffenen Konservativismus“.1

Hintergrund und Bewertung

Rebenich vermeidet es leider, auf die im verbliebenen Konservativen im deutschsprachigen Raum hinzuweisen, die den von ihm kritisierten Bruch mit dem abendländischen Erbe nicht vollzogen haben, etwa auf den Althistoriker David Engels, der auch im Beirat des Renovatio-Instituts mitwirkt.

Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher hatte den Bruch mit der abendländischen Tradition am Beispiel der Unionsparteien in seinem Werk „Geistig-moralische Wende – Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“ auseinandergesetzt.

Der Philosoph Alexander Grau kritisierte, dass der von Rebenich beschriebene entwurzelte Konservatismus zu schwach sei, um Wirkung zu entfalten. Die entsprechenden Konservativen würden „Position für Position“ räumen, sich laufend für ihr „eigenes Denken und Reden“ entschuldigten und sich stets „der Logik des politischen Gegners“ beugen. (sw)

Quellen

  1. Stefan Rebenich: „Kultur, um der Freiheit; Selbst die Bürgerlichen vergessen die Antike“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2022, S. 11.