Leben als Kampf gegen das Chaos

Marduk kämpft gegen den Chaosdrachen Tiamat

Der Physiker und Theologe Matthias Huber betrachtet in seinem kürzlich erschienenen Werk Bibel und Big Bang naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus einer religiösen Perspektive, um daraus Impulse für die Weltanschauung des Christentums zu gewinnen.  Zu seinen Erkenntnissen gehört, dass naturwissenschaftliches Denken vor allem das agonale, den Kampf betonende Weltbild des Christentums untermauere. Die Prinzipien, nach denen die natürliche Welt funktioniere, ähnelten den in religiösen Offenbarungstexten beschriebenen Prinzipien der Ordnung des Kosmos. Aus religiöser Sicht verweise die natürliche Welt symbolhaft auf die kosmische Ordnung. Das Leben sei sowohl aus naturwissenschaftlicher als auch aus religiöser Sicht ein beständiger Kampf um die „Aufrechterhaltung einer Ordnung, die da­vor beschützt bleiben muss, dem um sich greifenden Chaos an­heimzufallen“.

Die Autoren biblischer Texte hätten Bilder aus der natürlichen Welt verwendet, um die Ordnung des Kosmos symbolhaft zu beschreiben. Der von den Naturwissenschaften der Gegenwart erkannte Zusammenhang von Ordnung und Leben sei ihnen daher bekannt gewesen. Leben hätten sie wie die moderne Naturwissenschaft als etwas verstanden, das „den chaoti­schen Urzuständen und Urmächten immer wieder neu abge­rungen werden muss“. Die Gültigkeit dieses Prinzips sei aber nicht nur für die natürliche Welt, sondern über diese hinaus für den gesamten Kosmos angenommen worden:

  • Vor allem in den Psalmen finde sich „die uralte Vorstellung von Gott als ei­nem Kämpfer gegen das Chaos“ und als „Sieger über die Cha­osmächte“ wider, der durch die Schöpfung Ordnung stifte, sie aufrechterhalte und „die Erde fortwährend vor den sie bedrohenden chaotischen Mächten“ bewahre.  Gott werde dort als „fortdauernder Bewahrer und Garant des Lebens“ und die Schöpfung als kontinuierlicher Prozess verstanden. Damit sei auch die Vorstellung verbunden, „dass das Ungeordnete und Chaotische der eigentlich ’normale‘ und selbstverständlichere Zustand ist“, der sich von alleine einstelle, wenn nicht aktiv dagegen angekämpft werde.
  • Wenn Gott in den Psalmen symbolhaft als König beschrieben werde, beziehe sich dies nicht auf das Königtum der parlamentarischen Monarchien der Gegenwart, in denen der König nur eine zeremonielle Funktion habe, sondern auf die Kriegeraristokratien der Vergangenheit. Wenn in den Psalmen von einem „mit Majestät bekleideten“ und „mit Macht umgürteten“ Gott die Rede sei, dann beziehe sich dies auf einen Gott, der „kampfbereit mit einer Kriegsausrüstung“ auftrete, „um sei­nen Gegnern Einhalt zu gebieten“. Bei diesen handele „es sich um chaotische Mächte, die nicht davon ablassen, das von JHWH in Besitz genommene Königreich, nämlich die geschaffene und geordnete Welt, zerstören zu wollen“.
  • Die „lebensfeindlichen chaotischen Kräfte“, die von Gott „in die Schranken verwiesen werden“ müssen damit Ordnung und Leben möglich seien, würden in den Psalmen symbolhaft durch Wasserfluten beschrieben. Der Akt ihrer Eindämmung werde „im Hebräischen nicht als vergangen, sondern als weiterhin gegenwärtig beschrieben“. Trotz „ihrer urzeitlichen Niederlage“ bäumten sich „die chaotischen Kräfte immer wieder auf“. Nur die „unangreifbare Königsherrschaft JHWHs garantiert die Stabilität der Erde als Lebensraum für den Menschen; seine unbesiegbare Macht hält alle Bedrohungen der Weltordnung fortwährend im Zaum“.

Die „unveräußerliche Würde“ des Menschen bestehe aus biblischer Sicht darin, an der Herrschaft Gottes über die Schöpfung mitwirken zu können.1

Hintergrund und Bewertung

Das Motiv eines kosmischen Kampfes eines göttlichen Helden gegen einen die Mächte des Chaos symbolisierenden Drachen ist nahezu universell verbreitet und stellt mutmaßlich die älteste Überlieferung der Menschheit dar. Der Historiker Julien d’Huy konnte die Wurzeln dieses Mythos bis in die Altsteinzeit zurückverfolgen und datierte dessen Alter auf mindestens 60.000 Jahre.2

Eine herausgehobene Rolle spielt dieser Kampfmythos im Christentum bzw. in der Bibel, wo (wie oben beschrieben) die Schöpfung als Akt eines Kampfes Gottes gegen das Chaos beschrieben wird. Darüber hinaus wird dort auch die Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt. Der Kampf beginnt spätestens mit der Verführung Evas durch die Schlange, die das Böse und die Mächte des Chaos repräsentiert. Dies ist der Beginn einer ewigen Feindschaft zwischen der Schlange „der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen.“3 Der Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, führt fortan Krieg gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ (je nach Konfession entweder als Symbol für die Kirche oder als Maria interpretiert) sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“. Gegen den Drachen kämpft der Erzengel Michael4, aber auch der als Heerführer beschriebene Christus.5 Dieser Kampf dauert bis zum Ende der Zeit, wenn der Drache noch einmal „die Völker an den vier Ecken der Erde“ verführt und sie zum letzten Kampf gegen „das Lager der Heiligen“ bewegt.6

Der Psychologe Jordan B. Peterson misst diesen Motiven in seinem Werk eine zentrale Bedeutung zu. In biblischen Texten identifizierte er psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie dessen Rolle und Auftrag in der Welt. Aus psychologischer Sicht könne man das Leben in Anknüpfung an diese Texte als Kampf gegen die Kräfte des Chaos beschreiben, welche die Seele des Menschen bedrohten. Um in diesem Kampf zu bestehen, benötige der Mensch Religion sowie auf Religion beruhende Kultur. Diese Annahme gehört auch zu den grundlegenden Prinzipien des christlichen Konservatismus. (sw)

Quellen

  1. Matthias Huber: Bibel und Big Bang. Bang. Naturwissenschaft, Religion und die größten Rätsel unserer Welt, Freiburg i. Br. 2022, S. 117-120.
  2. Julien d’Huy: „Première reconstruction statistique d’un rituel paléolithique: autour du motif du dragon“, Nouvelle Mythologie Comparée, Nr. 3 (2016), S. 1-33.
  3. Genesis 3,15.
  4. Offenbarung 12.
  5. Offenbarung 19, 11 ff.
  6. Offenbarung 20, 7-10.