Postmoderne Konservative als „ewige Verlierer“

John Martin - Ruins of an Ancient City

Der Philosoph Alexander Grau bezeichnet die postmodernen Konservativen der Gegenwart in einem heute erschienenen Aufsatz als „die ewigen Verlierer“, weil sie „Position für Position“ räumten, sich laufend für ihr „eigenes Denken und Reden“ entschuldigten und sich „der Logik des politischen Gegners“ beugten. Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz symbolisiere diese Form des aus Schwäche geborenen Verlierertums in besonderem Maße.

  • Konservative oder zumindest „angeblich Konservative“ zögen in „Auseinandersetzungen mit der politischen Linken permanent den Kürzeren“ und verlören „jede, aber auch jede gesellschaftspolitische Auseinandersetzung“. Sie würden dadurch den Konservatismus „diskreditieren und lächerlich“ machen, weil er als „komplett überflüssig“ erscheine.
  • Friedrich Merz sei das prominenteste, aber nicht das einzige Beispiel für jenen Typus des schwachen Konservativen, der aus einem „Reflex zum umgehenden Kotau“ heraus umgehend nachgebe, sobald sich auf der Linken eine „digitale Horde“ zusammenrotte, um ihr „moralisches Entsetzen“ zu inszenieren.
  • Dieses Verhalten präge den gesamten etablierten Konservatismus. Die „Liste derjenigen, die in den letzten Jahren nach einer angeblich […] provozierenden Einschätzung jenseits des gängigen Meinungskorridors verzagt den Rückmarsch antraten und sich wieder brav in die Reihen der Gleichmeinenden einreihten“ sei „leider lang“.
  • Solche Konservativen seien Verlierertypen, weil sie sich „der Deutungshoheit des politischen Gegners beugten, seiner Sprache und seinen Regeln des Sagbaren“. Wer sich „dem Denken seines politischen Gegners fügt“, der mache „es sich langfristig zu eigen“, und wer „die politischen Normen des weltanschaulichen Kontrahenten zu Maßstab des eigenen Handels macht, wird sie übernehmen“.

Der etablierte, postmoderne Konservatismus der Gegenwart biete insgesamt „ein Bild des Jammers“. Starken konservativen Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß hingegen sei „Selbsterniedrigung“ fremd gewesen. In vergleichbaren Situationen hätten sie „nachgelegt, zugespitzt, zum Gegenangriff geblasen“ und sich so Achtung erworben und Wirkung erzielt.1

Hintergrund und Bewertung

Wir hatten uns am Beispiel der Beiträge der sich selbst als konservativ bezeichnenden Publizistin Liane Bednarz mit dem von Grau kritisierten postmodernen Konservatismus auseinandergesetzt. Vertreter dieser Strömung streben vor allem nach Anerkennung durch andere, verfügen nicht über eigene weltanschauliche Visionen oder den Willen zur Führung, sind an der Auseinandersetzung mit grundsätzlichen weltanschaulichen Fragen nicht interessiert und begegnen dem Wirken radikaler gesellschaftspolitischer Ideologien zumindest passiv, häufig aber auch unterstützend, falls sie sich davon die erhoffte Anerkennung versprechen.

Platon unterschied in diesem Zusammenhang zwischen unterschiedlichen seelischen Dispositionen von Menschen, die mit unterschiedlichen Tugenden verbunden seien und diese Menschen für unterschiedliche Rollen im Gemeinwesen geeignet machten. Für die aktive Gestaltung des Gemeinwesens seien Tapferkeit bzw. der Wille, sich gegen Widerstände durchzusetzen und die dazu erforderlichen Risiken einzugehen, sowie Klugheit bzw. die Fähigkeit zum Erkennen der Lage von entscheidender Bedeutung. An beiden Tugenden scheint es postmodernen Konservativen signifikant zu mangeln. Platon hätte Personen wie Friedrich Merz vermutlich dem nicht zur Führung des Gemeinwesens tauglichen Stand der vor allem auf die Wahrung ihres eigenen Vorteils bedachten Menschen zugeordnet. Dieser Stand kann laut Platon jedoch fähige Händler hervorbringen, und tatsächlich scheint Friedrich Merz auf diesem Gebiet echte Erfolge vorzuweisen zu haben.

Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher hatte in seinem Buch „Geistig-moralische Wende – Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“ die Ursachen des Verfalls des parteipolitisch organisierten Konservatismus in Deutschland näher beleuchtet. Eine ausführliche Rezension hatten wir hier veröffentlicht. Biebricher führt die geistig-kulturelle Schwäche der Unionsparteien in erster Linie auf deren seit den 1970er Jahren schrittweise vollzogene  „Neoliberalisierung“ sowie  eine „Verengung zum Ökonomischen“ zurück.

Der traditionelle Konservatismus eines Konrad Adenauers unterscheidet sich unter anderem durch seine Betonung des Agonalen vom postmodernen Konservatismus eines Friedrich Merz. Der traditionelle Konservative betrachtet die Welt als einen Schauplatz von Konflikten und erkennt seine Berufung dazu, an diesen teilzunehmen. Er betrachtet die gute soziale Ordnung als vorläufiges Ergebnis eines ständig zu führenden Kampfes gegen die in der Seele des Menschen wirkenden Kräfte des Chaos. Das Wahre, Gute und Schöne wird als etwas Verwundbares verstanden, das laufend gegen Widerstand errungen und verteidigt werden muss. (sw)

Quellen

  1. Alexander Grau: „Kotau vor dem politischen Gegner“, Cicero.de, 01.10.2022, URL: https://www.cicero.de/innenpolitik/friedrich-merz-rudert-zuruck-kotau-vor-dem-politischen-gegner, Zugriff: 01.10.2022.