Für einen christlich fundierten Konservatismus

Philippe de Champaigne - Der heilige Augustinus

Der Althistoriker David Engels plädiert in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ für einen christlich fundierten Konservatismus. Die vorherrschenden Strömungen im Konservatismus der Gegenwart seien nicht dazu in der Lage, das europäische Erbe wirksam zu verteidigen, weil sie innerlich von materialistischem Denken überformt seien. Diese Strömungen hätten ihre Seele und auch „den Kulturkampf verlo­ren“, bevor „sie ihn überhaupt auf­genommen haben“.

In weiten Teilen des konservativen Spektrums fehle eine echte Bejahung des Erbes, das zu bewahren man für sich beanspruche. Die bloße Zurückweisung der „Dekonstruktion unserer Kul­tur“ greife zu kurz:

„Auch, wer das Negative ablehnt, bleibt in der Negativität, definiert sich über die Verneinung. Aus der Verdun­kelung des Dunkels folgt noch lange kein Licht.“

Vielen dieser Konservativen gehe es offenbar „eher um den Kampf um die soziale Oberhoheit […] als um den um das eigene Innere“. Dies sei damit verbunden, dass sie Tradition „destruktiv und retrospektiv“ verstünden. Die Weitergabe einer Tradition erfordere jedoch eine lebendige Bindung an jene Transzendenz, aus der sie hervorgehe, weshalb ein authentischer Konservatismus immer christlich fundiert sei. Die in Matthäus 16,26 wiedergegebene Frage unterstreiche dies:

 „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele verliert?“

Die erste und wichtigste Aufgabe des Konservativen sei es somit, den „Kampf um die eigene Seele“ zu führen. Dieser Kampf sei ein Prozess der „Annäherung der eigenen Seele an die wesensgleiche Es­senz des Schöpfers“, der den Menschen „zwar nach seinem Bild geschaffen“ habe, „uns aber eben auch in die Begrenztheit der Materie gesetzt und somit zum beständigen Kampf gegen die damit einhergehenden Schwächen angehalten hat“. Diese in allen Religionen zu findende Erkenntnis, die auch das „das eigentliche Herz der abendländischen Kultur“ darstelle, sei heute jedoch „fast völ­lig verschüttet“.

Dies gelte auch für die meisten Konservativen, die „in ganz Europa noch weit entfernt“ davon seien, ihre „eigentliche, ‚positive‘ Aufgabe“ zu verrichten und „konkrete Beispiele der aktiven Gottessuche zu geben“, die „ der eigentliche Gegenentwurf gegen linksgrünen Materialismus und He­donismus“ seien.1

Hintergrund und Bewertung

In Deutschland lassen sich zahlreiche konkrete Beispiele für den von Engels kritisierten Konservatismus finden. Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher hatte in diesem Zusammenhang auf die Folgen der Überformung der Unionsparteien durch materialistische Ideologien verwiesen. Diese Parteien waren für einige der für das Gemeinwohl schädlichsten politischen Entscheidungen der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich. Außerhalb dieser Parteien führt ein materialistischer Nationsbegriff häufig dazu, dass die auf dem gemeinsamen christlichen Erbe gründende Einheit der Völker Europas nicht hinreichend erkannt und gewürdigt wird.

Darüber hinaus findet sich in allen diesen Strömungen ein Mangel der Kardinaltugenden Klugheit und Mäßigung, was dazu führt, dass sie auf die  wichtigen Fragen unserer Zeit keine tragfähigen Antworten formulieren können. An die Stelle eines klugen Strebens nach dem Verständnis der Lage und der Kontrolle der eigenen Leidenschaften im Sinne der Tugend der Mäßigung, die ein nüchternes Ergründen von Optionen des eigenen Handelns ermöglicht, treten hier oft emotionsgeladene Meinungen. Dies führt dazu, dass man nicht mehr auf der Grundlage von Wahrheit nach dem Gemeinwohl strebt, sondern auf unversöhnliche Weise um die Durchsetzung bloßer Meinungen kämpft.

Die Grundlagen eines traditionellen christlichen Konservatismus, der sich von diesen Strömungen abhebt, hatten wir hier beschrieben. Dieser Konservatismus geht davon aus, dass eine ewige, transzendente Ordnung des Kosmos existiert, die der Mensch richtig erkennen muss, damit sein individuelles Leben, aber auch sein Leben in Gemeinschaft, gelingen kann. Durch Kontemplation kann der Mensch diese Ordnung erkennen, mit ihr in Kontakt treten und die in der Ewigkeit existenten Urbilder erkennen, die ihm seine eigene seelische Entwicklung ermöglichen und als Vorbilder für die Gestaltung der sozialen Ordnung dienen.

Diese Vorstellung gehört zu den ältesten niedergeschriebenen Gedanken der Menschheit. Im Denken des Alten Ägyptens etwa bezeichnete der Begriff Ma’at die göttliche Ordnung, der Mensch und Gemeinwesen entsprechen müssen, damit ihr Leben gelingen kann.2 Die Babylonier kannten eine ähnliche Vorstellung und versuchten ihr Gemeinwesen durch Kontemplation gemäß der Urbilder zu gestalten, die in der Ewigkeit existent gewesen seien, bevor die Welt geschaffen wurden.3

Dieser Gedanke prägt auch die griechische Philosophie und vor allem das christliche Denken. Thomas von Aquin betonte in diesem Zusammenhang, dass der Stolze nur das sehe, was er sehen wolle, weshalb sein Zugang zur Wirklichkeit eingeschränkt sei. Nur der demütige, kontemplative Mensch sei in der Lage, die Ordnung des Kosmos zumindest in Ansätzen zu schauen und dadurch Kontakt zur Wirklichkeit zu gewinnen.

Die christliche Tradition definiert Kontemplation dementsprechend als die nach den Wurzeln aller Dinge und den fragende seelische Zuwendung zur Wirklichkeit im Ganzen, die zur Weisheit führt. Für Thomas von Aquin und Augustinus stellt dies die höchste Steigerung menschlichen Daseins dar, weil die größte Sehnsucht des Menschen der Hunger nach „Eroberung des Wirklichen“ sei. Laut Augustinus ist es die höchste Form von Glück, „etwas Ewiges erkennend [zu] besitzen“.4 Josef Pieper schrieb, dass der Weg dazu die Auseinandersetzung mit Bildern und Symbolen sei, damit das „Auge der Seele“ das „göttliche Ursprungszeichen“ und den verborgenen ewigen Bezug in ihnen erkenne.5 Das Heilige kann dem Menschen in Kunst, Natur, Geschichte und menschlichen Werken begegnen.6

Der Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz, der der christlichen Tradition fernstand, erkannte dennoch die zentrale Bedeutung von Kontemplation für das Handeln des Menschen an. Allen wesentlichen Entscheidungen würden Wertehierarchien zugrunde liegen, die der Mensch nur intuitiv erkennen, aber nicht rational herleiten könne. Er bezeichnete die Ergebnisse dieser Intuition als „Richtungsbefehle“, die es erlaubten, Informationen sinnvoll zu bewerten und Entscheidungen zu treffen.7

Die Transzendenzerfahrungen sehr kleiner Gemeinschaften von Menschen bilden daher die Grundlage jeglicher kultureller Entwicklung.8 Nur der zur Kontemplation fähige Mensch kann die Ordnung des Kosmos so erkennen, dass er seine Umwelt entsprechend formen kann.9 Transzendenzerfahrungen ordnen den Menschen innerlich neu und lassen seine Seele an der göttlichen Substanz teilhaben, wodurch er die für seinen Auftrag notwendige Autorität gewinnt.10 Nur wer mit ihr ausgestattet ist, kann als Träger oder Erneuerer einer Gesellschaft wirken. In der Geschichte ware dies meist archetypische Gestalten wie Priester, Könige, Gesetzgeber, Gelehrte, Krieger und Propheten, die in Zeiten der Not hervortraten und Gesellschaften aus Krisen und Katastrophen herausführten. Dazu waren sie in der Lage, weil sie im Kontakt mit dem Übernatürlichen standen und durch ihr Handeln das bewirkten, was  Voegelin die „Verwirklichung ewigen Seins in der Zeit“ nannte.11

Voegelin schrieb darüber hinaus, dass der Verlust der Bindung an die oben erwähnte Ordnung nicht zur Herrschaft der Vernunft führe, sondern zu individuellem und kollektivem Wirklichkeitsverlust und schließlich zu „Wahnsinn“. Dass Moderne und Postmoderne sich zunehmend von dieser Ordnung gelöst hätten, habe dazu geführt, dass „die gesamte Menschheit heute in einem globalen Irrenhaus“ sitze, in dem eine rationale Diskussion über zentrale Themen des Menschseins kaum noch möglich sei.12 Der traditionelle Konservatismus ist die einzige politische Philosophie, welche die metaphysischen Ursachen dieser Lage verstehen und einen Weg aus ihr heraus weisen kann. (sw)

Quellen

  1. David Engels: „Auf dem Weg nach Innen“, Die Tagespost, 13.10.2022, S. 17.
  2. Eric Voegelin: Unsterblichkeit: Erfahrung und Symbol, Berlin 2020, S. 99.
  3. Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr, Reinbek 1966, S. 13-15.
  4. Zit. nach Josef Pieper: Glück und Kontemplation, Kevelaer 2012, S. 49-50.
  5. Ebd., S. 66.
  6. Kurt Goldammer: Die Formenwelt des Religiösen, Stuttgart 1960.
  7. „‚Wir werden von Steinzeitmenschen regiert‘“, Der Spiegel, Nr. 45/1988, S. 254-263.
  8. Eric Voegelin: Was ist Geschichte?, Berlin 2015, S. 62-64.
  9. Christopher Dawson: Religion und Kultur, Düsseldorf 1951, S. 93 f.
  10. Voegelin 2015, S. 113.
  11. Eric Voegelin: Was ist Geschichte?, Berlin 2015, S. 89–90.
  12. Voegelin 2020., S. 22-23.