Frei ist, wer im Dienst steht und Verantwortung übernimmt

Christlicher Ritter - Darstellung aus dem Psalter von Westminster

Der Historiker Frank-Lothar Kroll beschreibt in einem kürzlich erschienenen Aufsatz den traditionellen konservativen Freiheitsbegriff. Frei ist demnach der Mensch, der eine über ihm stehende Ordnung anerkennt; der seine Berufung dazu erkennt, innerhalb dieser Ordnung zu dienen und Verantwortung zu übernehmen; und der seine Fähigkeiten dazu möglichst optimal entfaltet. Den modernen Freiheitsbegriff, der die Herauslösung des Menschen aus Bindungen und das Ausleben seiner Leidenschaften propagiere, halte der Konservatismus für eine Illusion, weil er den Menschen unfrei mache.

Freiheit sei für den Konservativen eine „Freiheit in der Gebundenheit des Dienstes“:

„Gemäß dieser Auffassung bestand Freiheit nicht in der Möglichkeit einer schrankenlosen Realisierung individuellen Emanzipationsstrebens. Freiheit, die nicht auf echter Verantwortung basierte, galt vielmehr als eine gefährliche Illusion. Wer tun und lassen konnte, was er wollte, lieferte sich schutzlos den eigenen Trieben aus und geriet gerade dadurch in Unfreiheit, weil er von einem niemals zu stillenden Drang nach Befriedigung subjektiver Interessen getrieben wurde. Wirklich frei war der Einzelne nach konservativer Überzeugung nur dann, wenn er sich in eine als sinnvoll erkannte und als rechtlich akzeptierte Ordnung einfügte, wenn er sich einer Lebensform verschrieb, deren Bindungen er zu respektieren vermochte und innerhalb derer er sich seinen Fähigkeiten entsprechend entfalten konnte. Nicht jedem durfte alles möglich sein. Freiheit galt nicht als Freiheit von etwas – beispielsweise als bloße Abwesenheit von staatlichen Zwängen oder gesellschaftlichen Konventionen. Freiheit erschien vielmehr als Freiheit zu etwas hin – als Entscheidung für einen übergeordneten Wert und für eine transpersonale Institution, die diesen Wert verkörperte.“1

Dieses Verständnis von Freiheit sei heute nur noch schwer zu vermitteln. Es spreche jedoch einiges dafür, dass sich dies ändern könne, da in den Krisen unserer Zeit das „westlich-liberale Freiheitsverständnis an seine Grenzen geführt“ und „das latente Spannungsverhältnis von individuellem Entfaltungswillen und überpersonaler Gemeinwohlorientierung einmal mehr ins Licht gesetzt“ werde.2

Hintergrund und Bewertung

Bei der von Kroll erwähnten Ordnung muss es sich aus konservativer Sicht nicht um eine bestehende Ordnung handeln. Wichtig ist, dass die gewählte Vorstellung von Ordnung wahr ist, d. h. der Wirklichkeit entspricht. In totalitären Regimen lebende konservative Oppositionelle, die ihre Vorstellung einer naturrechtlichen Ordnung der auf utopischem Denken beruhenden totalitären Ordnung gegenüberstellen und ihr gemäß leben, sind in diesem Sinne freie Menschen.

Kroll ruft in seinem Aufsatz nicht dazu auf, individuelle Freiheitsrechte aufzuheben, sondern unterstreicht, dass die Freiheit in einem Gemeinwesen vor allem davon abhängig, dass in ihm zur Freiheit fähige Menschen leben. Auch der Politikwissenschaftler Zbigniew Brzezinski betonte, dass die Fähigkeit freiheitlicher Gemeinwesen, sich in einer feindseligen Welt zu behaupten, wesentlich von kulturellen Faktoren abhänge. Die hedonistische Massenkultur, die westliche Gesellschaften zunehmend präge, untergrabe diese Fähigkeit. Ihre äußere Freiheit und ihre Identität als freiheitliches Gemeinwesen könnten nur Staaten bewahren, die über genügend Menschen verfügten, die als ihre Träger und Verteidiger wirken könnten.3

Diese Menschen hervorzubringen, ist eines der Ziele klassischer Bildung. Dem klassischen Bildungsideal zufolge wird der Mensch durch Bildung im umfassenden (vor allem auch charakterlichen) Sinne dazu fähig, eigenverantwortlich zu handeln, weshalb nur der gebildete Mensch frei sein kann. Diese Bildung befähigt den Menschen zur Herrschaft über sich selbst, weil sie die Herrschaft von Wille und Verstand über die Triebe und Leidenschaften herstellt. Sie vermittelt ihm außerdem tiefere Einsichten in die Wirklichkeit, die ihn urteilsfähig machen. Der ungebildete Mensch kann demnach höchstens autonom, nicht aber frei sein.

Der afroamerikanische Philosoph Cornel West kritisierte vor diesem Hintergrund Anstrengungen „antirassistischer“ Aktivisten, die gegen die Vermittlung klassischer europäischer Bildungsideale an Universitäten im angelsächsischen Kulturraum vorgehen. West wies darauf hin, dass der als Sklave geborene Frederick Douglass, der später zu einem bedeutenden amerikanischen Schriftsteller wurde, die Texte abendländischer Philosophen studiert habe, um zu lernen, wie ein freier Mann zu denken. Die Aktivisten, die das abendländische Erbe an Universitäten bekämpften, wollten „das Licht der Weisheit und Wahrheit schwächen“, das Douglass und viele andere Afroamerikaner zu freien Menschen gemacht habe.4 (sw)

Quellen

  1. Frank-Lothar Kroll: „Die konservative Position“, in: Peter Nitschke (Hrsg.): Konservatismus heute. Über die Bestimmung einer politischen Geisteshaltung, Paderborn 2022, S. 47-71, hier: S. 63.
  2. Ebd., S. 64.
  3. Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, 4. Aufl., Frankfurt a. M. 2001, S. 301-302.
  4. Cornel West/Jeremy Tate: „A classics catastrophe at Howard“, The Washington Post, 20.04.2021.