Was tun? Antworten auf die Krise Europas

Francis Danby - The Deluge (gemeinfrei)

Deutschland und Europa stehen wahrscheinlich vor einer längeren Zeit größerer Verwerfungen, die aufgrund der bereits eingetretenen Schädigung der materiellen und kulturellen Substanz kaum noch abzuwenden sind. In seinem Buch „Was tun? Leben mit dem Niedergang Europas“ (das auch als Hörbuch erhältlich ist) beschreibt der Althistoriker David Engels mögliche Antworten auf diese Lage. Politischer Aktivismus gehört ihm zufolge nicht dazu. Die verbliebenen Träger des abendländischen Erbes sollten sich stattdessen darauf konzentrieren, die bevorstehenden Stürme zu überstehen und zugleich ihr eigenes Leben stärker an den Idealen ihrer Kultur auszurichten. Nur so könnten sie langfristig handlungsfähig werden, um auf dem Höhepunkt der Krise den Völkern Europas ihre Kultur und ihren persönlichen Einsatz als Hilfen zur Überwindung dieser Krise anzubieten.

Eine Großkrise Europas ist nicht mehr abwendbar

Westeuropa gleiche einem „gewaltigen Schiff […] das man seit mehr als einem halben Jahrhundert auf einen Kurs gesetzt hat, der es unausweichlich in Kollision mit einem Eisberg aus Arbeitslosigkeit, Bankrott, Überfremdung, Elend und Bürgerkrieg bringen wird“, und doch habe „kein Steuermann es gewagt, jenen Kurs mehr als marginal zu korrigieren, so daß es mittlerweile wohl zu spät für eine solche Umkehr ist“. Auch „mit dem besten Willen“ sei „nicht mehr zu verhindern, daß wir uns einem spektakulären Zusammenstoß nähern“-1

Westeuropa habe „seit langem den Punkt überschritten, an dem noch eine Umkehr möglich gewesen wäre“. Man könne „nur noch in Trauer über unser kollektives Versagen auf den Zusammenbruch warten“. Die bevorstehenden Verwerfungen könnten sich „über mehrere Jahrzehnte erstrecken“ und dazu führen, dass die europäische Nachkriegsgesellschaft, an deren Ende man sich befinde, „durch ein radikal anderes Paradigma ersetzt werden wird“. Der „entscheidende Moment“ nahe „mit raschen Schritten“.2

Warnung vor politischem Aktivismus und Populismus

Politische Bemühungen dazu, eine größere Krise abzuwenden, seien aussichtslos, da es gegenwärtig an Akteuren mangele, die zu einer echten Erneuerung Europas in der Lage wären. Dies gelte vor allem auch für populistische Akteuren, die von dem „dem naiven und kurzsichtigen Wunsch“ getrieben seien die „herrschende Elite möglichst vollständig abzustrafen“.3 Es sei zu befürchten, dass jene Gegenkräfte, die der Niedergang Europas hervorbringe, „am wenigsten dazu geeignet sein werden, einen grundlegenden Neubau des Abendlands in die Wege zu leiten. Man habe es hier vorwiegend mit unreifem politischen Personal zu tun, das weder über Erfahrung noch über ein tragfähiges Programm verfüge.4

Als Verteidiger des abendländischen Ideals müsse man daher der Versuchung widerstehen, sich mit den falschen Akteuren in der Hoffnung zu verbünden, dass dadurch eine Großkrise vielleicht doch noch abgewendet werden könne. Jene Akteure, die „zwar unsere Abneigung teilen, allerdings selber politische Meinungen vertreten, welche mit dem Geist des abendländischen Humanismus nicht vereinbar sind“, könnten die Krise Europas mit ihren Ansätzen nicht überwinden, sondern würden sie weiter zuspitzen und dadurch ihren eigentlichen Verursachern die Möglichkeit geben, sich als „letzte Brandmauern gegen das politische Chaos“ darzustellen.5

Warnung vor fehlgeleitetem Konservatismus

Engels kritisiert bestimmte konservative Strömungen, die sich „ganz einer Stimmung des Defaitismus“ hingegeben hätten und „ihr Augenmerk ausschließlich auf unsere verlorene Vergangenheit“ richteten und an der Aufgabe scheiterten, „das eigene Erbe im Rahmen aller Möglichkeiten gegen allen Widerstand zu verteidigen und weiterzugeben“. Diese Kräfte richteten sich „in einer Traumwelt ein, schneiden sich von der Umwelt ab und betrachten jene, die bereit sind, Unwesentliches aufzugeben, um wenigstens das Essentielle zu retten, als Träumer, ja sogar oft als potentielle Verräter, und stehen einer möglichen Erneuerung eher im Wege, als daß sie diese befördern“.6

Das abendländische Erbe durch die Krise hindurch bewahren

Anstatt politischen Aktivismus zu betreiben oder in rückwärtsgewandter Nostalgie zu versinken müsse man jetzt vor allem die Frage beantworten, wie man „dem Schiffbruch einer ganzen Zivilisation entkommen“7 und „angesichts dieses Niedergangs das Überleben und die Würde der eigenen Person, Familie und Werte sichern kann“. Man müsse sich „rasch und vollständig wie möglich auf das Schlimmste“ vorbereiten.8

Diese Vorbereitung solle jedoch kein Selbstzweck sein, sondern dazu dienen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass nachfolgende Generationen „auf den Trümmern unserer Zeit eine neue abendländische Gesellschaft“ aufbauen können.9 Es gehe darum, „das Überleben jener historischen Werte und jener Gesellschaftsordnung zu sichern, die uns so sehr am Herzen liegen, und somit ein Beispiel zu liefern, auf das sich jene berufen können, welche nach uns kommen und versuchen werden, das wiederaufzurichten, was von unserer Zivilisation nach jenem schrecklichen Niedergang, den wir tagtäglich erleben, übriggeblieben sein wird“.10

Die Träger des abendländischen Erbes sollten alles in ihrer Möglichkeit Stehende tun, „um dem Niedergang wie auch dem Abgrund von Haß, Egoismus und Hoffnungslosigkeit zu begegnen“, vor dem Europa stehe. Sie sollten dies jedoch nicht in der Erwartung tun, kurzfristige politische Erfolge erzielen zu können, sondern im Bewusstsein, dass die richtige Tat unabhängig von solcher Wirkung in sich wertvoll ist,  „Tag für Tag, Schritt für Schritt, gegen jeden Haß und Widerstand“.11 Dann könnten sie oder ihre Nachkommen vielleicht in fernerer Zukunft zu Erneuerern Europas werden:

„Die Aufgabe ist eine gewaltige und sie mag angesichts des Ausmaßes der Krise unerfüllbar wirken, wenigstens aus der kurzfristigen Perspektive der dunklen Jahre, auf die wir allmählich zusteuern. Das macht aber unsere Verantwortung umso größer, die Fackel zu übernehmen, welche die vorangehenden Generationen uns überreichen und ihre Flamme so rein und leuchtend wie möglich denen weiterzugeben, die nach uns kommen, damit aus der Nacht einer sinnentleerten Welt, welche den Menschen zu einer bloßen Sache degradiert hat, eine neue Ordnung entstehen mag.“12

Da die „Krise, der wir uns ausgesetzt sehen, […] nicht in einigen Monaten beendet sein“ werde, „sondern insgesamt Jahre, ja wahrscheinlich sogar Jahrzehnte dauern“ wird, müsse man seine Kräfte so einteilen, dass man die eigenen Anstrengungen sehr lange durchhält.13

Tradition als krisenfester Lebensstil

Engels beschreibt Elemente eines traditionell-alternativen Lebensstils, der seine Träger resilient gegenüber den bevorstehenden Verwerfungen machen und dazu befähigen soll, zu einem späteren Zeitpunkt als Erneuerer Europas zu wirken. Es gehe um die „Neuausrichtung des Alltagslebens jener letzten Abendländer, welche sich weigern, die Arme sinken zu lassen, und sich vielmehr dafür entscheiden, inmitten des allgemeinen Verfalls um jeden Preis ein Leben zu führen, das mit ihren Idealen im Einklang steht, um ihren Nachkommen somit das eigentliche Wesen dessen, was einst das Abendland ausmachte, so rein und unverfälscht wie möglich zu hinterlassen“.14 Man solle sich auf das Unausweichliche vorbereiten, indem man wird, was man ist.15

Zu diesem Lebensstil gehörten „das Abenteuer der eigenen Rechristianisierung“; die Gründung von Familien; die Wiederentdeckung von Stille und Kontemplation; die Verweigerung der Mitwirkung an der Auflösung des eigenen Erbes im Namen der Toleranz; die Pflege der Sprache; die Lektüre der Klassiker; der Aufbau einer Kultur der Dauer und der Schönheit, die Werke und Institutionen schafft, die noch bestehen werden wenn alle anderen wie Kartenhäuser zusammenfallen; die gleichzeitige Bejahung traditioneller Geschlechterrollen und der Gleichwertigkeit der Geschlechter; die Schaffung alternativer Bildungsinstitutionen; die Zurückweisung der Konsumkultur, Naturnähe; körperliche Stärke sowie Unabhängigkeit von einem zunehmend dysfunktionalen Wirtschaftssystem und staatlicher Unterstützung.

Mittelfristig solle man zudem die Großstädte verlassen, die sich als „Menschenfallen“ erweisen könnten, in denen man sich „sich eines Tages zwischen dem Hammer des radikalisierten Pöbels der Banlieues auf der einen Seite und dem Amboß der zum Schutz von Oligarchen und Staatsmacht andererseits eingesetzten Sicherheitskräfte wiederfinden“ könne. Abseits der Städte seien zudem die Aussichten dafür besser, Gemeinschaften aufzubauen, die fähig dazu seien „die Barbarisierung und den Niedergang unserer Zivilisation halbwegs unbeschadet zu überdauern“. Solche Gemeinschaften würden mit fortschreitendem Verfall der Städte immer mehr Menschen anziehen.16

Nur wenn es gelinge, „aus unseren Familien und Freundeskreisen Parallelgesellschaften“ zu formen, werde es „vielleicht möglich sein, die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Verwerfungen zu überstehen, welche wir in den nächsten Jahren zu erwarten haben“.17 Anschließend werde es darum gehen, „an so vielen Orten wie möglich Zufluchtsorte […] zu errichten, welche den echten abendländischen Geist so unverfälscht wie möglich zu konservieren trachten“.18

Über das Vermeiden von Resignation

Engels bekräftigt, dass die Unabwendbarkeit einer Großkrise nicht zu Resignation führen dürfe und seine Anregungen auch nicht als Ausdruck einer solchen missverstanden werden sollten:

„Wir haben das Recht zu leben; wir beanspruchen den Boden unserer Vorfahren als den unseren; wir glauben an unsere Zukunft; wir geben den Kampf um unsere Rechte und das Fortbestehen unserer Art zu leben, zu denken und zu fühlen nicht auf!“19

Man müsse diesen Kampf jedoch auf realistische Weise und mit realistischen Zielen führen.

Prognosen über den weiteren Verlauf des Geschehens

Engels geht mit Oswald Spengler davon aus, dass auf die bevorstehende Krise wahrscheinlich eine Zeit autoritärer Herrschaft folgen wird, die den weiteren Niedergang Europas vielleicht verzögern, aber nicht umkehren kann. Die sich abzeichnenden Kandidaten für eine solche Herrschaft sieht er ausnahmslos kritisch und macht deutlich, dass er sie sich deren Herrschaft nicht wünscht, aber aufgrund der in historischen Krisen zu beobachtenden Muster mittelfristig als abschließende Phase der Geschichte des westlich-abendländischen Kulturkreises für wahrscheinlich hält. Nahezu sicher könne man in jedem Fall davon ausgehen, dass „der Kontinent niemals wieder in derselben Weise in überwältigender Proportion von christlicher Kultur geprägt sein wird“.20

Die verbliebenen Träger dieser Kultur würden mittelfristig in einem fragmentierten Europa als eine möglicherweise von staatlichen Akteuren und anderen Gruppen bedrängte Minderheit leben und sich dabei auf eine eigene Zivilgesellschaft und Solidarstrukturen abstützen müssen.21

Was danach geschehen werde, sei offen. Engels deutet in diesem Zusammenhang eine Option kultureller Erneuerung an, die nicht mit der Kontinuität der abendländischen Zivilisation in Europa verbunden ist, sondern mit der Schaffung einer möglichen Nachfolgezivilisation oder mit der späteren Übergabe an eine solche. Diese Übergabe könnte potentiell auch lange nach einem möglichen Ende der abendländischen Zivilisation geschehen, solange das entsprechende Erbe für den Übernehmenden auffindbar, interessant genug und hinreichend rekonstruierbar ist. (sw)

Quellen

  1. David Engels: Was tun? Leben mit dem Niedergang Europas, Bad Schmiedeberg 2020, S. 54.
  2. Ebd., S. 221-226.
  3. Ebd., S. 225.
  4. Ebd., S.  63-64.
  5. Ebd., S. 192.
  6. Ebd., S. 215,
  7. Ebd., S. 37.
  8. Ebd., S. 221-226.
  9. Ebd., S. 69.
  10. Ebd., S. 52.
  11. Ebd., S. 68-69.
  12. Ebd., S. 241.
  13. Ebd., S. 218.
  14. Ebd., S. 34.
  15. Ebd., S. 229.
  16. Ebd., S. 81-88.
  17. Ebd., S. 62.
  18. Ebd., S. 59.
  19. Ebd., S. 136.
  20. Ebd., S. 153-155.
  21. Ebd., S. 76-81.