Utopischer Umweltaktivismus als Gegner der europäischen Zivilisation

Mensch und Erde - Darstellung aus dem Liber Divinorum Operum, 12. Jhd.

Die Philosophin Bérénice Levet wirft dem auf utopischen Ideologien beruhenden Umweltaktivismus in der Tageszeitung „Die Welt“ vor, als revolutionärer Gegner der europäischen Zivilisation zu agieren. Diesem Aktivismus müsse der traditionelle, konservative Umweltschutzgedanke gegenübergestellt werden, der nach „Stabilität, Dauer und Kontinuität“ strebe. Eine „kohärente und konsequente Ökologie“ bewahre die Natur, „ohne den Menschen zu opfern“, und bewahre vor allem auch dessen Kultur.

  • Utopische Umweltaktivisten agierten im Kontext einer breiteren linksradikalen Bewegung und teilten deren revolutionäre Grundhaltung und deren Streben nach „Dekonstruktion“. Der Schutz der Umwelt stelle für sie nur ein „Alibi“ dar. Tatsächlich gehe es ihnen um die Zerstörung der europäischen Kultur. Sie seien von einem „Abscheu gegenüber der französischen Lebensart“ geprägt und lehnten auch die europäische Zivilisation ab, „in der sie nur Dominanz und Raubbau“ und ein „riesiges Unternehmen zur Herstellung von Opfern“ sähen. Außerdem „verhöhnen die Treue und die Verbundenheit der Völker mit ihren Sitten, Traditionen und Landschaften“.
  • „Absoluter Nihilismus“ komme in den jüngsten Fällen der Beschädigung von Kunstwerken  durch die Aktivisten zum Ausdruck. Man könne „nicht behaupten, sich um die Natur zu kümmern und gleichzeitig das Erbe der Jahrhunderte mit Füßen treten“. Durch dieses Verhalten betonten die Aktivisten, dass sie die „Verantwortung für die historisch konstituierte Zivilisation“ ablehnten.
  • Diese Aktivisten teilten zudem die Vorstellung der radikalen Linken, „Erbauer einer neuen Menschheit“ zu sein, die durch die „stärksten Zwangsmaßnahmen“ geschaffen werden könne. Menschen seien für sie „nur noch Material“, dass im Sinne der Ideologie „geformt werden muss“. Der von ihnen angestrebte Mensch sei „mit keiner historisch konstituierten Gemeinschaft verbunden“. Dies solle etwa durch die Umgestaltung des Bildungswesen verwirklicht werden, das „auf die Vermittlung von Wissen, der Vergangenheit und der großen Werke des Geistes“ verzichten und statt dessen weitere gegen die europäische Zivilisation eingestellte Aktivisten ausbilden solle, indem es die „Unterdrückung von Frauen, von sexuellen und von ethnischen Minderheiten“ in den Vordergrund stelle. Für utopische Umweltaktivisten habe der Mensch „keine Seele mehr“, sondern nur eine Opferidentität. Ihre Weltanschauung sei somit „nur ein Zweig des Wokismus“.
  • Gegenpositionen wollten sie durch „Cancel Culture“ auslöschen. Dabei seien sie zunehmend erfolgreich. In Frankreich herrsche mittlerweile „eine enorme Angst, als Verfechter französischer Identität abgestempelt zu werden“, und auch die politischen Eliten des Landes weigerten sich aufgrund der Einschüchterung durch die Aktivisten, „die Legitimität dessen anzuerkennen, was die Philosophin Simone Weil als Grundbedürfnis der menschlichen Seele bezeichnete: die Verbundenheit mit einer vertrauten Lebensform“. Mit ihren „ideologischen und moralisierenden Forderungen“ lenkten sie die Politik außerdem „von rationalen Entscheidungen ab, etwa in der Frage der Nutzung der Kernkraft.

Der Philosoph Bertrand de Jouvenel habe von einem „tausendjährigen Pakt“ gesprochen, „den der westliche Mensch mit der Erde geschlossen“ habe. Dieser müsse erneuert werden. Die Voraussetzung dafür sei, dass die Menschen Europas ein „klares Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit und Schönheit dessen entwickeln, was uns anvertraut ist“.1

Hintergrund und Bewertung

Levet hat ihre Kritik an utopischem Umweltaktivismus in ihrem Werk „L’écologie ou l‘ îvresse de la table rase“ weiter ausgeführt. Mit linksradikalen Tendenzen in der Umweltbewegung in Deutschland hatten wir uns hier auseinandergesetzt.

Traditionelle konservative Impulse zu den Themen Ökologie und Umwelt stellen wir hier ausführlich vor.

  • Die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit sind für den langfristigen Bestand eines Gemeinwesens von fundamentaler Bedeutung. Der Geograph Jared Diamond zeigte am Beispiel einer Reihe untergegangener Kulturen, dass die Übernutzung von Ressourcen oder eine rasche Veränderung von Umweltbedingungen, die die Anpassungsfähigkeit dieser Kulturen überforderte, entscheidend zu deren Zusammenbruch beitrug. In der öffentlichen Diskussion in westlichen Gesellschaften spielen diese Themen eine immer größere Rolle. Dahinter steht ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass diese Gesellschaften in immer stärkerem Maße von ihrer Substanz leben und dabei materielle und andere Bestände verbrauchen, die sie nicht mehr in ausreichendem Umfang erhalten und erneuern können.
  • Traditionelle europäische Weltanschauung nimmt den Menschen als Träger eines von ihm intakt an nachfolgende Generationen weiterzugebenden Erbes wahr und ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Sie betrachtet den Menschen außerdem als den Hüter und Bewahrer der natürlichen und kulturellen Lebensgrundlagen des Gemeinwesens. Diese Weltanschauung geht somit von einem ganzheitlichen Ökologieverständnis aus, das den umfassenden Schutz aller Lebensgrundlagen von Mensch und Gemeinwesen anstrebt, darunter auch der geistig-kulturellen Lebensgrundlagen. Diese Weltanschauung kann einen entscheidenden Beitrag zur Bewältigung der existenziellen Herausforderungen leisten, denen nicht nur westliche Gesellschaften gegenüberstehen.

Aus der Perspektive der christlichen Soziallehre begrüßte Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) die Ökologiedebatte grundsätzlich, weil das Streben nach Nachhaltigkeit bzw. nach der Dauerhaftigkeit des Gemeinwesens und nach dem schonenden Umgang mit den materiellen, geistigen und kulturellen Beständen, auf denen es beruht, ein grundlegender Bestandteil des Strebens nach dem Gemeinwohl ist, das die christliche Soziallehre als den zentralen Auftrag politischen Handelns betrachtet.2

Laut Peter Hersche mangelt es in Deutschland seit langem an Akteuren, die sich auf die christlich-konservative Tradition ökologischen Denkens beziehen. Aus dieser seit langem in den Hintergrund geratenen Tradition sei jenes Denken ursprünglich entstanden, das bereits vor rund 200 Jahren die ökologischen Herausforderungen erkannt habe, die heute in besonderem Maße sichtbar werden.3

Roger Scruton hielt es in diesem Zusammenhang für erschütternd, dass gerade konservative Parteien die „Sache des Umweltschutzes […] nicht als ihre eigene erkannt haben.“ Ein Grund dafür sei, „dass das Denken der Konservativen durch die Ideologie der Konzerne […] und durch den Aufstieg des ökonomischen Denkens bei modernen Politikern vergiftet wurde.“ Dies habe Konservative dazu veranlasst, „Bündnisse mit Leuten einzugehen, die meinen, die Bemühungen Dinge zu erhalten, seien nutzlos und altmodisch.“4

Quellen

  1. Ute Cohen: „‚Das ist Nihilismus‘“, Die Welt, 26.08.2022, S. 14.
  2. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert, München 1996, S. 40.
  3. Peter Hersche: „Der lange Weg zu ‚Laudato si‘“, Herder-Korrespondenz, Nr. 2/2016, S. 35-38, hier: S. 38.
  4. Roger Scruton: Von der Idee, konservativ zu sein. Eine Anleitung für Gegenwart und Zukunft, München 2019, S. 153.