Über den Aufstieg des Chaos in westlichen Gesellschaften

Darstellung eines Drachen aus einem englischen Manuskript

Der Philosoph Edward Feser setzt sich in einem aktuellen Aufsatz auf der Grundlage der Gedanken Platons und Thomas von Aquins mit dem Aufstieg des Chaos in westlichen Gesellschaften auseinander. Jede Ordnung werde von einer Reihe korrumpierender Kräfte bedroht. Die Aufgabe des Staates sei es, diese Kräfte einzuhegen. In westlichen Gesellschaften seien diese Kräfte jedoch vielfach zu Treibern staatlichen Handelns geworden. Die Institutionen dieser Gesellschaften würden daher zerfallen, und das Chaos breite sich in ihnen aus. Das Scheitern dieser Gesellschaften sei sicher, solange in ihnen nicht Menschen hervorträten, die den klassischen Idealen der Exzellenz folgten und ihre Institutionen erneuerten.

Damit das gemeinschaftliche Leben von Menschen gelingen könne, sei eine Ordnung erforderlich, welche einer Gemeinschaft das Erreichen des Wahren und Gute ermögliche. Jede intakte Ordnung strebe diese Ziele an und ordne dem die niedrigeren Aspekte der Natur des Menschen unter. Ordnung sei die Einheit vieler Elemente, die durch bestimmte Prinzipien auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Diese Prinzipien ermöglichten es den Bestandteilen einer Ordnung, zum Erreichen eines gemeinsamen Ziels beizutragen. Jede Ordnung könne nur von diesem Ziel her verstanden werden, das ordnungsstiftend wirke. Fällt dieses Ziel weg, zerfalle auch die von ihm gestiftete Ordnung.

Jede Ordnung werde durch das herausgefordert, was die christliche Tradition als „die Welt“, „das Fleisch“ und „den Teufel“ bezeichne:

  • „Die Welt“ umfasse schädliche Kräfte in der sozialen Ordnung, welche diese unterminierten und die ihr zugehörigen Menschen korrumpierten, indem sie ihren Verstand schwächten. Solche Kräfte seien etwa Kriminalität, falsche Ideologien und kommerzialisierte Laster wie Drogenkonsum oder Pornographie.
  • „Das Fleisch“ stehe für die ungeordneten, nicht dem Verstand unterworfenen Leidenschaften des Menschen, die sich zu Charakterschwächen verfestigen und den Verstand des Menschen soweit korrumpieren könnten, dass er blind für das Wahre und Gute werde.
  • „Der Teufel“ sei die von der christlichen Tradition angenommene bösartige Intelligenz, die die Schöpfungsordnung zerstören wolle, in dem es den Menschen als Geschöpf gegen das Ziel dieser Ordnung wende, nämlich die Erkenntnis des Wahren und Guten.

Diese Kräfte erzeugten das von der christlichen Tradition als „Sünde“ bezeichnete, die Ordnung untergrabende und auflösende irrationale Handeln. Jede Ordnung benötige daher eine Autorität, die sie vor dem Wirken dieser schädlichen Kräfte schütze. In einem intakten Gemeinwesen gehe der vom Naturrecht geleitete Staat sowohl gegen Kriminalität als auch gegen Ideologien vor, welche die Stabilität der Familie und der sonstigen sozialen Ordnung schwächten. Ein solcher Staat wirke wie ein Immunsystem, der die oben erwähnten destruktiven Kräfte soweit kontrolliere, dass sie die Ordnung nicht zerstören.

Wo dies nicht oder nur unzureichend geschehe, gewinne das Chaos an Raum. Ein Extremfall liege dort vor, wo der Staat nicht nur bei seiner Aufgabe versage die Kräfte des Chaos zu kontrollieren, sondern durch die erwähnten Kräfte so weit korrumpiert sei, dass er diese aktiv fördere, um die Ordnung, der er eigentlich erhalten solle, zu untergraben. Im ungünstigsten denkbaren Fall sei nicht nur der Staat korrumpiert, sondern auch der Großteil seiner Bürger und die Kirche. Westliche Gesellschaften näherten sich gegenwärtig diesem Zustand.

Die sexuelle Revolution sei der wichtigste Treiber dieser Entwicklung. Thomas von Aquin habe darauf hingewiesen, dass die Intensität sexueller Empfindungen mit einem besonderen Risiko verbunden sei, dass entsprechende ungeordnete Leidenschaften den Verstand des Menschen blendeten und seien Willen korrumpierten. Die Gender-Ideologie sei ein Produkt solcher ungeordneten Leidenschaften. Sie sei von einem weitestgehenden Realitätsverlust geprägt, wie die Tatsache zeige, dass sie die Identität des Menschen als Mann und Frau leugne und in Form der Transgender-Ideologie sogar die Selbstverstümmelung des Menschen propagiere, um diesen im Sinne ihrer Wahnvorstellungen umzuformen.

Die sexuelle Revolution untergrabe die soziale Ordnung, indem sie die Familie als ihre Grundlage schwäche. Die Familie und somit auch die soziale Ordnung beruhten darauf, dass Mann und Frau Opfer füreinander und für ihre Nachkommen erbringen. Indem die sexuelle Revolution die Sexualität des Menschen zu einem Mittel der Selbstverwirklichung erkläre, setzte sie antisoziale Kräfte frei, die das Leben des Menschen bereits im Mutterleib vernichte, anstatt auf seinen Schutz hinzuwirken, und zahlreiche weitere schädliche Phänomene erzeuge und die Gesellschaft als Erweiterung der Familie auflöse. Die gleichen ideologischen Kräfte würden auch alle anderen Teile der sozialen Ordnung angreifen und diese etwa für „rassistisch“, „kolonialistisch“, „sexistisch“ etc. erklären und nach der Auslöschung ihres historischen Erbes streben, während sie deviantes Verhalten jeglicher Art idealisierten. Diese Kräfte prägten zunehmend auch das staatliche Handeln, aber auch das Handeln der Kirchen.

Die Ursache dieser Entwicklung sei, dass westliche bzw. europäische Gesellschaften im 17. Jahrhundert damit begonnen hätten, die Vorstellung transzendenter Ziele des Menschen und des Gemeinwesens abzulehnen. Die Ablehnung der seit der griechischen Antike für den europäischen Kulturraum prägenden Vorstellung, dass Mensch und Gemeinwesen das Wahre und Gute anstreben sollten sowie die Vorstellung, dass er Mensch sich stattdessen auf der Grundlage selbst gewählter Ziele selbst verwirklichen solle, habe das Ordnungsprinzip dieses Kulturraums beseitigt und so die Auflösung seiner Ordnung eingeleitet. Was Befreiung von scheinbar irrationalen Zwängen begonnen habe, sei mittlerweile in ein Stadium angelegt, in dem auch die Fragen danach, ob man die eigenen Kinder schützen oder töten solle oder ob man als Mann oder Frau geboren sei, als Gegenstand menschlicher Wahlfreiheit erschienen.

Das Scheitern der auf diesen Vorstellungen beruhenden Gesellschaften sei sicher. Bereits Platon habe gewarnt, dass eine demokratische Gesellschaft, die ungeordnete Leidenschaften idealisiere, Menschen hervorbringen müsse, die unfähig dazu seien, intakte Institutionen aufrechtzuerhalten. Kulturelle Erneuerung erfordere Menschen als Träger dieser Institutionen, die anderen Standards folgten und zur Exzellenz herangebildet seien. Unter den Bedingungen eines korrumpierten Gemeinwesens könnten solche Menschen laut Platon aber nur durch das Eingreifen Gottes entstehen.1

Hintergrund und Bewertung

Der Philosoph John Gray hatte die Unruhen in den USA im Jahr 2020 auf die Freisetzung chaotischer Impulse durch neomarxistische und postmoderne Ideologien zurückgeführt. Diese hätten die Gründungsmythen der westlichen Welt in ihr Gegenteil verkehrt und die Vorstellung durchgesetzt, dass sich westliche Kulturen und Gesellschaften allenfalls durch kollektive Selbstzerstörung von ihrer vermeintlichen historischen Schuld befreien könnten.

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin wies darauf hin, dass sich hinter dem Wirken totalitärer und utopischer politischer Akteure stets „ein tieferes und gefährlicheres Übel verbirgt“, das unsichtbar und unverstanden bleiben müsse, wenn man die metaphysische Dimension des Geschehens ausblende. Totalitäre Akteure bewiesen, dass das Böse „als eine echte, in der Welt wirksame Substanz und Kraft“ existiere. Man habe es mit einer „bösen, satanischen Substanz“ zu tun, der „nur aus einer gleich starken religiös guten Kraft der Widerstand geleistet werden“ könne. Man käme den hier wirkenden Kräfte nicht mit bloßer Sittlichkeit bei, sondern nur auf eine radikale, bis an die metaphysischen Wurzeln des Problems reichenden Weise.2

Quellen

  1. Edward Feser: „Perfect World Disorder“, The Postliberal Order, 06.09.2022, URL: https://postliberalorder.substack.com/p/perfect-world-disorder, Zugriff: 19.09.2022.
  2. Eric Voegelin: Die politischen Religionen, München 1993, S. 6.