Thomas Molnar: Ein Kämpfer gegen die Korrumpierung der Seele durch die Utopie

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Franz Josef Strauß warnte 1986, dass das Leben künftiger Generationen auf dem Spiel stehen werde, falls der deutsche Staat eines Tages den Boden bürgerlicher Vernunft und ihrer Tugenden verlasse und „das buntgeschmückte Narrenschiff Utopia“ besteige. Gegenwärtig kann man beobachten, dass diese beinahe prophetische Warnung eingetreten ist. Henryk Broder kommentierte dies mit den Worten: „Deutschland lebt nicht in der Wirklichkeit”. Wie aber kann man die Wirklichkeit von der Utopie unterscheiden? Ein Weg dazu ist die Lektüre der Analysen von Denkern wie Thomas Molnar (1921–2010), einem ungarisch-katholischen Philosophen, der eine konservative Kritik utopischer Ideologien vornahm, die ihresgleichen sucht.

Dieser weitgehend in Vergessenheit geratene Denker wird im soeben erschienenen Sammelband „Einer, der nicht nach Utopia wollte”, herausgegeben von Jan Bentz und Jochen Prinz, vorgestellt. In acht Essays wird dem Leser dessen reiches Werk nähergebracht, der sich vor allem mit den politischen Entwicklungen zugrunde liegenden ideologischen Grundströmungen auseinandersetzte, denen aus Sicht Molnars die meisten westlichen Intellektuellen verfallen sind. Seine Analyse ist so aktuell wie nie, da die zur Zeit des Wirkens Molnars von den Anhängern utopischer Ideologien gelegte Saat im europäisch-westlichen Kulturraum mittlerweile aufgegangen ist. Die Analyse Molnars ermöglicht dem Leser vor diesem Hintergrund einen geschärften Blick auf die politische und gesellschaftspolitische Gegenwartslage.

Der wahre Intellektuelle, so Molnar, darf nie einer Ideologie verfallen, die ein „intellektuelles System ist, das auf einer Idee basiert, deren Exklusivität und Überlegenheit über alle anderen Ideen behauptet werden”. Ein wirkmächtiges Beispiel hierfür ist der Marxismus, der die Philosophie zugunsten praktischer Fragen aufheben will. Ähnlich und in Verwandtschaft zum Marxisten erhebt der Progressist den Fortschritt zum universalen Ziel, das niemals hinterfragt werden darf, denn damit würde man die angestrebte Verbesserung der Menschheit gefährden. Die Überwindung der Autorität und das Erreichen eines erlösenden Egalitarismus bilden das Ziel von Utopia, das aber unerreichbar bleiben muss. Beide genannten ideologischen Vorstellungen sind gerade deswegen utopisch, weil sie von einem falschen Verständnis der Menschen ausgehen, in einem naiven Humanismus unrealistisch die Schwäche und die Sünde des Menschen oder einfach Ansprüche einer recht verstandenen Gerechtigkeit nicht sehen wollen, so Molnar: „Missverständnisse über die menschliche Natur führen zwangsläufig zu Missverständnissen über das Schicksal und die Ziele des Menschen.”

Dass es das oft beschworene Ende der Ära der Ideologen nicht gibt und ideologische Verfallenheit keine Sache der Vergangenheit ist, sondern ein hochaktuelles Problem darstellt, davon legt einer der aktuell weltweit populärsten Intellektuellen Zeugnis ab, nämlich der Historiker Yuval Harari. Dieser offenbart in seinen Werken wie Homo Deus: A Brief History of Tomorrow die Idee eines materialistischen „Progressionismus”, der jede göttliche Transzendenz verneint und somit den geistigen Ursprung des Menschen und Gott als Quelle der Welt leugnet. Harari will als Materialist eine objektive, „wissenschaftliche” Realität anerkennen, lehnt zugleich aber die Vorstellung der Existenz von objektiver Wahrheit ab. Gesellschaftliche Werte nennt er Fiktionen oder Erfindungen. Entsprechend seien die Menschenwürde und Menschenrechte „eine Geschichte, die wir konstruiert haben”. Diesen Vorstellungen entsprechend sieht die von ihm entworfene transhumanistische Zukunftsvision eine dystopische Verschmelzung von Mensch und Maschine vor.

Lange bevor Harari seinen Entwurf vorlegte hatte Molnar gewarnt, dass die Moderne Grundprinzipien des Seins auf das Quantifizierbare reduziert und dadurch der Wirklichkeit nicht gerecht werde. Seine Antwort: Die Vernunft, die die Wirklichkeit vernehmen will, kann sich nicht auf ihre eigenen Prinzipien stützen, ohne auch sich selbst in Frage zu stellen; Rationalität kann nicht durch Rationalität erklärt werden; die Welt und der Mensch können auch nicht aus sich selbst verstanden werden. Die Vernunft sollte einer äußeren, vom Menschen unabhängigen Autorität, der Offenbarung unterworfen sein. Wenn dies nicht geschieht, wird „Normalität unmöglich”, absurde Utopien würden werden das menschlichen Denken durchdringen. Die Folge ist ein „Seinshass” und ein „Hang zum Nichts”. Es zeigt sich auch hier, dass alle politische Probleme im Kern theologische sind und auf Irrlehren zurückgehen. Der ideologische Versuch der Umgestaltung der Wirklichkeit verkehrt alle wichtigen christlichen Grundannahmen wie jener nach Erlösung um – es kommt dabei zu einer „Immanentisierung des Eschaton” (Eric Voegelin).

Das Œuvre Molnars mit über 40 Buchveröffentlichungen und 1500 Aufsätzen wartet zu seinem 100. Geburtstag darauf entdeckt zu werden. Wer es sich ein wenig einfacher machen will, möge zu jener jüngsten Veröffentlichung von Jan Bentz und Jochen Prinz greifen, die einen sehr gute Überblick über sein Werk in verschiedenen Facetten liefert – nicht anspruchslos, aber lohnend. Der Leser möge, was der Beginn der Philosophie ist, ins Staunen versetzen werden und es mögen ihm somit neue Zugänge zum Wahren, Schönen und Guten (Platon) freisetzen werden. Damit möge sich ihm ein neues, tieferen und ursprüngliches Verständnis von Philosophie und insbesondere politischer Philosophie und somit dem der politischen Auseinandersetzung zugrundenliegenden „Kampf der Ideen” (Hegel) erschließen. Eine authentische Philosophie ist, wie Molnars Freund Eric Voegelin in der Tradition Platons und dessen Auseinandersetzung mit den Sophismus betonte, immer Widerstand gegen die Korrumpierung der Seele, die von Gesellschaft und somit der in ihr heute dominanten ideologischen Verirrungen droht. Das Denken Molnar ist ein heilsames Gegengift dagegen sowie eine Warnung, nicht in das Narrenschiff Utopia einzusteigen. (cm)

Jan Bentz/Jochen Prinz (Hrsg.): Einer, der nicht nach Utopia wollte. Thomas Molnar zum 100. Geburtstag, Patrimonium-Verlag, Aachen 2022, 162 Seiten, 25 EUR.