Königin Elisabeth II. und das Ethos des Dienstes

Der Trauerzug Königin Elizabeths I.

Die heute verstorbene britische Königin Elisabeth II. betonte sowohl in ihrer persönlichen Haltung als auch in ihren öffentlichen Äußerungen die zentrale Bedeutung des christlichen Ethos des Dienstes und des sense of duty für den Fortbestand ihres Gemeinwesens. Dieses werde nur dann eine Zukunft haben, wenn sich in ihm ausreichend Menschen fänden, die zum ritterlichen Dienst am Nächsten und am Gemeinwohl bereit seien.

Der Erzbischof von Canterbury, der zugleich das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist, stellte in seiner Erklärung zum Tod der Königin „Loyalität, Dienstbereitschaft und Demut“ als ihre prägenden Tugenden heraus. Ein Kommentator bemerkte, dass ihre nahezu vollkommene Zurückstellung ihrer persönlichen Interessen hinter die Erfordernisse ihres Amtes der britischen Monarchie zu allgemeiner Anerkennung verholfen habe.

Den Niedergang ihres Reiches konnte sie nicht aufhalten. Auf dessen Leistungen sowie auf die „abenteuerlustigen Helden“ und „Pioniere“, die es groß gemacht hatten, war sie stolz.1 Kritisiert wurde sie, weil sie zu den während ihrer Amtszeit etwa in Kenia unter britischer Verantwortung begangenen Gräueltaten und den problematischen Folgen der von ihr mitgetragenen Dekolonisierung schwieg, die überwiegend dysfunktionale, von Kommunisten und Kleptokraten wie Robert Mugabe regierte Staaten hervorbrachte. Mugabe entzog sie immerhin die zuvor verliehene Ritterwürde.

Über die Ursachen des Niedergangs des Reiches sagte sie mit im Vergleich zu ihren sonstigen Äußerungen ungewöhnlich harten Worten:

„Die Probleme werden von unreflektierten Menschen verursacht, die althergebrachte Ideale achtlos wegwerfen, als wären sie altes und überholtes Gerät.

Sie wollen, dass die Religion beiseite geworfen wird, dass die Moral im privaten und öffentlichen Leben bedeutungslos wird, dass Ehrlichkeit als Dummheit gilt und dass Eigennutz an die Stelle von Selbstbeschränkung tritt.

In diesem kritischen Augenblick unserer Geschichte werden wir mit Sicherheit das Vertrauen und den Respekt der Welt verlieren, wenn wir diese Grundprinzipien aufgeben, die die Männer und Frauen geleitet haben, die die Größe dieses Landes und des Commonwealth aufgebaut haben.

Wir brauchen heute eine besondere Art von Tapferkeit, nicht die Art, die man im Kampf braucht, sondern eine Art, die uns dazu bringt, für alles einzutreten, von dem wir wissen, dass es richtig ist, alles, was wahr und ehrlich ist. Wir brauchen die Art von Tapferkeit, die der subtilen Korruption der Zyniker widerstehen kann, damit wir der Welt zeigen können, dass wir keine Angst vor der Zukunft haben.

Es war schon immer leicht, zu hassen und zu zerstören. Etwas aufzubauen und zu bewahren ist viel schwieriger.“2

Sie ging davon aus, ihr Reich durch die Stärkung des Dienstethos, das es einst begründet hatte, erneuern zu können, und lebte dieses Ethos vor. Bereits einige Jahre vor ihrer Krönung erklärte sie im Alter von 21 Jahren:

„Wenn wir alle gemeinsam mit unerschütterlichem Glauben, hohem Mut und ruhigem Herzen voranschreiten, dann werden wir in der Lage sein, aus diesem alten Gemeinwesen, das wir alle so sehr lieben, eine noch größere Sache zu machen – freier, wohlhabender, glücklicher und ein mächtigerer Einfluss für das Gute in der Welt – als es dies in den größten Tagen unserer Vorväter war.

Um dies zu erreichen, müssen wir nichts weniger als unser ganzes Selbst geben. Es gibt ein Motto, das viele meiner Vorfahren führten – ein edles Motto: ‚Ich diene‘. Diese Worte waren für viele frühere Thronfolger eine Inspiration, als sie sich im Mannesalter ritterlichen Aufgaben weihten. Ich kann nicht ganz das tun, was sie taten. […]

Ich möchte diese Weihe jetzt vollziehen. Sie ist ganz einfach.

Ich erkläre vor Ihnen allen, dass ich mein ganzes Leben, ob lang oder kurz, dem Dienst an Ihnen und dem Dienst an unserer Familie des Reiches, zu der wir alle gehören, weihen werde.

Jedoch werde ich nicht die Kraft haben, diesen Vorsatz allein zu verwirklichen, wenn Sie sich mir nicht anschließen, wozu ich Sie nun auffordere: Ich weiß, dass Ihre Unterstützung unermüdlich sein wird. Gott helfe mir, mein Gelübde zu erfüllen, und Gott segne alle, die bereit sind, es mitzutragen.“3

Den Kern der christlichen Botschaft stellte aus ihrer Sicht dieser von ihr zitierte, Themen des christlichen Rittertums aufgreifende Segensspruch aus dem anglikanischen Book of Common Prayer dar:

„Geht hinaus in die Welt in Frieden;
seid guten Mutes;
haltet fest an dem, was gut ist;
vergeltet niemandem Böses mit Bösem;
stärkt die Schwachen;
helft den Bedrängten;
ehrt alle Menschen […].“

Der „wahre Maßstab für den Einfluss Christi“ läge „nicht nur im Leben der Heiligen, sondern auch in den guten Werken, die Millionen von Männern und Frauen tagtäglich im Laufe der Jahrhunderte im Stillen taten“.4

Sie ehrte die Menschen, die „selbstlos dienen“, ihren Beitrag für das Gemeinwesen „im Stillen“ leisteten und für die „der Dienst selbst die Belohnung“ sei. Diese Menschen seien es die „uns helfen, unser Pflichtgefühl zu definieren“, wobei sie im pluralis majestatis sprach und sich selbst meinte. Diese Menschen würden den „Herzschlag der Nation stark und stabil halten“.5

Ihr Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg habe ihr geholfen, „den Korpsgeist zu verstehen, der im Angesicht von Widrigkeiten gedeiht und Freundschaften schmiedet, die ein Leben lang halten“.6 Der Dienst und das Opfer des Soldaten seien ethische Vorbilder für alle Menschen und eine Voraussetzung des Gemeinwohls. Sie zitierte in diesem Zusammenhang ein  Ignatius von Loyola zugeschriebenes Gebet:

„Ewiges Wort, eingeborener Sohn Gottes!
Lehre mich die wahre Großmut.
Lehre mich Dir dienen, wie Du es verdienst:
geben, ohne zu zählen;
kämpfen, ohne der Wunden zu achten;
arbeiten, ohne Ruhe zu suchen;
mich hingeben, ohne Lohn zu erwarten.
Mir genüge das frohe Wissen,
Deinen heiligen Willen erfüllt zu haben.“7.

Auch bei anderer Gelegenheit ehre sie das „Opfer all derer, die in den Streitkräften dienen und uns heute schützen“, während sie zugleich den 1914 spontan zwischen britischen und deutschen Soldaten geschlossenen Weihnachtsfrieden als Beispiel für die Kraft der christlichen Botschaft anführte und zur Versöhnung aufrief.8

Zu Weihnachten erinnerte sie an jene, die nicht bei ihren Familien seien können, weil der Dienst für sie an erster Stelle stehe:

„Für viele ist Weihnachten auch eine Zeit des Beisammenseins. Für andere aber wird der Dienst an erster Stelle stehen. Diejenigen, die in unseren Streitkräften, in unseren Rettungsdiensten und in unseren Krankenhäusern dienen und deren Pflichtgefühl sie von ihrer Familie und ihren Freunden trennt, werden jene vermissen, die sie lieben.“

Die Weihnachtsgeschichte erzähle von einer jungen Mutter und einem pflichtbewussten Vater und inspiriere die Menschen, „sich für das Wohl der anderen einzusetzen“. Sie erinnerte daran, dass „Gott seinen einzigen Sohn gesandt hat, ‚um zu dienen, nicht um bedient zu werden'“. In der Person Christi habe Gott „Liebe und Dienst wieder in den Mittelpunkt unseres Lebens gestellt“. Sie bete dafür, dass „sein Beispiel und seine Lehre die Menschen weiterhin dazu bringen, ihr Bestes im Dienst an anderen zu geben“.9

In einer Weihnachtsansprache in den frühen 1960er Jahren nahm sie Bezug auf die beginnende Raumfahrt, um zum Dienst am Nächsten aufzurufen:

„Die Weisen von einst folgten einem Stern: der moderne Mensch hat einen neuen gebaut. Aber wenn die Botschaft dieses neuen Sterns nicht die gleiche ist wie die der alten Weisen, wird unsere Weisheit nichts wert sein. Heute können wir alle sagen: Die Welt ist mein Nächster, und nur wenn wir uns gegenseitig dienen, können wir nach den Sternen greifen.“10

In einer ihrer letzten Weihnachtsbotschaft äußerte sie ihre Freude zu sehen, „wie unsere eigenen Kinder und ihre Familien die Rollen, Traditionen und Werte, die uns so viel bedeuten, übernehmen, während sie von einer Generation an die nächste weitergegeben werden“. Diese Traditionen gingen auf Christus zurück, „dessen Lehren von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die Grundlage für meinen Glauben bilden“.11

Viele Jahre zuvor zitierte sie eine Passage aus der Pilgerreise John Bunyans, die das Ende des Lebens des Pilgers beschreibt, der den guten Kampf gekämpft und seinen Lauf vollendet hat12:

„Ich gehe zu meinem Vater, und obgleich ich unter großer Beschwerde hierher gelangt bin, so reuet mich doch jetzt all die Mühe nicht, die ich angewandt, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Mein Schwert gebe ich dem, der mir in meinem Pilgerlaufe nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Geschicklichkeit dem, welcher sie zu erlangen versteht. Meine Zeichen und Wundenmale nehme ich mit mir, zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe, der mir jetzt mein Vergelter sein wird.“13

Im zitierten Werk schließen sich an diese Passage die folgenden, von ihr damals nicht wiedergegeben Sätze an:

„Als der Tag erschienen war, so begleiteten ihn Viele zum Ufer des Stromes. Als er hineintrat, sprach er: Tod, wo ist dein Stachel? und als er tiefer hineinsank: Hölle, wo ist dein Sieg? Und so ging er hinüber, und alle Posaunen tönten ihm entgegen auf der andern Seite. […]

Nun sehe ich mich am Ziel meiner Wallfahrt und die Tage meiner sauren Arbeit sind zu Ende. Ich gehe hin, das Haupt zu schauen, welches einst eine Dornenkrone getragen, und das Antlitz, das um meinet willen verspeiet ward. Bisher habe ich vom Hörensagen und Glauben gelebt, aber nun gehe ich dorthin, wo ich leben werde im Schauen, und ich bei Dem sein werde, dessen Nähe meine Seligkeit ist.“

(sw)

Quellen

  1. „Christmas Broadcast 1953“, The Royal Family, 25.12.1953, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-1953, Zugriff: 08.09.2022.
  2. „Christmas Broadcast 1957“, The Royal Family, 25.12.1957, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-1957, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  3. „A speech by the Queen on her 21st Birthday, 1947“, The Royal Family, 21.04.1947, URL: https://www.royal.uk/21st-birthday-speech-21-april-1947, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  4. „Christmas Broadcast 2000“, The Royal Family, 25.12.2000, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-2000, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  5. „Christmas Broadcast 1998“, The Royal Family, 25.12.1998, Zugriff: 08.08.2022, Übersetzung: Renovatio.
  6. „Opening of the exhibition ‚Women and War‘, Imperial War Museum, 14 October 2003“, The Royal Family, 14.10.2003, URL: https://www.royal.uk/opening-exhibition-women-and-war-imperial-war-museum-14-october-2003, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  7. „Christmas Broadcast 2003“, The Royal Family, 25.12.2003, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-2003, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung des Gebets: Tradierte deutschsprachige Fassung.
  8. „Christmas Broadcast 2014“, The Royal Family, 25.12.2014, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-2014, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  9. „Christmas Broadcast 2012“, The Royal Family, 17.11.2015, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-2012, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  10. „Christmas Broadcast 1962“, The Royal Family, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-1962, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung: Renovatio.
  11. „The Christmas Broadcast 2021“, The Royal Family, 25.12.2021, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-2021, Zugriff: 08.08.2022.
  12. 2. Timotheus 4, 7-8.
  13. „Christmas Broadcast 1957“, The Royal Family, 25.12.1957, URL: https://www.royal.uk/christmas-broadcast-1957, Zugriff: 08.09.2022, Übersetzung übernommen von glaubensstimme.de.