König Charles III. und der Traditionalismus

Heraldisches Abzeichen des ehemaligen Prince of Wales

Der britische König Charles III. erklärte vor einigen Jahren, ein Anhänger der Traditionalistischen Schule bzw. des Integralen Traditionalismus zu sein. Modernistische Ideologien gingen von falschen, materialistischen Prämissen bezüglich des Menschen aus und seien vom Transzendenten abgeschnitten, weshalb ihr Blick auf die Wirklichkeit verengt und verzerrt sei und sie nach der Dekonstruktion aller Dinge strebten. Traditionelle Weltanschauung stelle dem eine „Sehnsucht nach dem Heiligen“ entgegen. Falls es ihr nicht gelinge, westliche Gesellschaften zu regenerieren, könnten sich die Warnungen der Weisen „aller Religionen und aller Zeiten“ vor dem „Herannahen eines dunklen Zeitalters“ bestätigen.

Die Krise des Modernismus könne dazu beitragen, heilsame Gegenkräfte zu mobilisieren:

„In diesen entwurzelten Zeiten gibt es ein großes Bedürfnis nach Beständigkeit; ein Bedürfnis nach jenen, die sich über den Lärm, das Getöse und das schiere Tempo unseres Lebens erheben können, um uns zu helfen, jene Wahrheiten wiederzuentdecken, die unveränderlich und ewig sind; ein Bedürfnis nach jenen, die von jener ewigen Weisheit sprechen können, die man die immerwährende Philosophie nennt.“

Er teile die Position des Integralen Traditionalismus, dass der „Mensch im Grunde ein spirituelles Wesen mit spirituellen und intellektuellen Bedürfnissen ist, die genährt werden müssen, wenn wir unser Potenzial ausschöpfen wollen“. Außerdem teile er die Kritik des Traditionalisten René Guénon an der Moderne und ihren „falschen Prämissen“, was den Menschen angehe. Die auf diesen falschen, materialistischen Prämissen beruhende Ideologie des „Modernismus“ müsse in Frage gestellt werden.

Traditionalismus sei nicht Ausdruck von Sehnsucht nach dem Vergangenen, sondern von „Sehnsucht nach dem Heiligen“. Wenn Traditionalisten „die Vergangenheit verteidigen, dann deshalb, weil in der vormodernen Welt alle Zivilisationen von der Präsenz des Heiligen geprägt waren“.  Wenn sie „sich auf die Tradition berufen, beziehen sie sich meines Erachtens auf eine metaphysische Realität und auf zugrundeliegende Prinzipien, die zeitlos sind – so wahr, wie sie immer waren und sein werden“.

Er zitierte den traditionalistischen Philosophen Seyyed Hossein Nasr mit den Worten, dass das Moderne für den traditionell denkenden Menschen nicht das zeitgemäße verkörpere, sondern im Gegensatz zur Tradition das, „was vom Transzendenten abgeschnitten ist, von den unveränderlichen Prinzipien, die in Wirklichkeit alle Dinge regieren und die dem Menschen durch die Offenbarung in ihrem universellsten Sinn bekannt gemacht werden“. Das Moderne sei das „bloß Menschliche“ und das „Subhumane“ sowie „alles, was von der göttlichen Quelle geschieden und abgeschnitten“ ist. Die Tradition beinhalte im Gegensatz dazu „alles, was göttlichen Ursprungs ist, mitsamt seinen Erscheinungsformen und Entfaltungen auf der menschlichen Ebene“. Es mangele dem modernen Menschen nicht an Informationen, „aber mit dem Verlust der Werte und Grundsätze, von denen die Tradition spricht, verlieren wir den Kontakt zu jener immerwährenden Weisheit“, die den Menschen dazu befähigt, wirklichkeitsgerecht zu handeln.

Es sei die „zeitlose Qualität dieser unveränderlichen Prinzipien der Tradition“, die „ihre Lehren so zeitgemäß macht“. Die Lehren der Tradition stünden „im Gegensatz zu der Besessenheit der Moderne von Desintegration […] und Dekonstruktion“. An der „Wurzel vom Transzendenten abgeschnitten, hat sich die Moderne entmannt und sich selbst – und damit alles, was in ihren Bann gerät – von dem getrennt, was integriert; von dem, was uns befähigt, uns dem Göttlichen zuzuwenden und uns wieder mit ihm zu verbinden“.

Der „Verlust der Tradition“ im Zuge der Durchsetzung des modernen Materialismus verzerre und verenge den Blick des Menschen auf die Wirklichkeit und hindere ihn daran, „ganz Mensch zu sein“. Aufgrund der durch diesen Materialismus ausgelösten Entwicklungen (der Autor bezieht sich vor allem auf die Zerstörung der natürlichen Umwelt) sei er „von den Warnungen überzeugt, die […] von Weisen und Mystikern aller Religionen und aller Zeiten ausgesprochen werden; Warnungen vor dem Herannahen eines dunklen Zeitalters, eines Zeitalters, in dem unsere Unwissenheit und Arroganz – sicherlich eine gefährliche Kombination – uns in die Katastrophe führen wird“. Man müsse damit rechnen, dass sich die traditionalistische Sichtweise bestätigt, nach der „wir am Ende eines historischen Zyklus leben“.1

Hintergrund und Bewertung

Die Modernismuskritik des Integralen Traditionalismus ähnelt der des traditionellen Katholizismus. Im Unterschied zu diesem gehen Anhänger der Traditionalistischen Schule aber häufig davon aus, dass die Bindung des Christentums an die ewige Tradition fast vollständig zerstört und die europäische Zivilisation weitestgehend korrumpiert sei. Der Gründer dieser Schule, René Guénon, entschloss sich beispielsweise aus Verzweiflung über die sich abzeichnende Dominanz modernistischer Strömungen im Christentum dazu, Muslim zu werden. Den „Synodalen Weg“ in Deutschland und dessen vollständigen Bruch mit der katholischen Tradition hätte er vermutlich als Bestätigung seiner Sorgen wahrgenommen. Sein erstmals 1927 veröffentlichtes Hauptwerk erschien kürzlich in neuer deutscher Übersetzung. Es enthält eine starke Kritik des Modernismus sowie eine weitsichtige Analyse der Ursachen und Folgen der kulturellen Auflösung europäischer Gesellschaften, offenbart aber zugleich die Schwäche mancher Autoren dieser Denkrichtung, Antworten auf die angesprochene Problematik auf Grundlage der christlich-europäischen Tradition zu formulieren.

Diese Traditionalistische Schule ist modern, weil sie sich religionsübergreifend mit religiösen Grundfragen auseinandersetzt, aber nicht modernistisch, weil sie anders als andere Vorhaben dieser Art den Wahrheitsanspruch der Religionen ernstnimmt, deren Unterschiede anerkennt und die Vorstellung einer Einheitsreligion zurückweist. Die Anhänger dieser Schule scheinen zudem dazu zu neigen, religiösen Offenbarungstexten im Vergleich zu überlieferten Mythen nachrangige Bedeutung einzuräumen. Es gelang ihnen dadurch jedoch herauszuarbeiten, dass sich in den Mythen der Menschheit eine religiöse Uroffenbarung erkennen lässt. Indem sie nachwiesen, dass sich in fast allen Religionen ähnliche Symbole und Motive finden, stärkten sie die Hypothese, dass Religion einen transzendenten Ursprung hat und keine Erfindung des Menschen darstellt. Durch die Auseinandersetzung mit diesen Symbole entwickelten sie zudem eine konzeptionelle Sprache, mit der ein sinnvoller Austausch zwischen den Religionen möglich ist. Außerdem finden sich bei traditionalistischen Autoren Interpretationen von Mythen, die auch aus christlicher Sicht relevant sind. Ein Beispiel dafür aus der Feder des christlich-traditionalistischen Denkers Mircea Eliade hatten wir hier aufgegriffen. Eliade kann neben Guénon aus traditionell-konservativer Perspektive als fruchtbarster Denker der Traditionalistischen Schule betrachtet werden, Seine Gedanken sollen in einigen unserer geplanten Publikationen näher betrachtet werden.

In jüngerer Zeit erschienen zahlreiche polemische Schriften, die sich nur oberflächlich mit der Traditionalistischen Schule auseinandersetzten oder versuchten, diese mit extremen Positionen und Denkern zu verknüpfen, die in traditionalistischen Diskursen jedoch keinerlei Rolle spielen. Eine fundiertere und differenziertere Übersicht über das Denken dieser Schule hatte hingegen der Historiker Mark Sedgwick vorgelegt. Sedgwick setzt sich zudem hier mit dieser Schule auseinander. (sw)

Quellen

  1. „An Introduction from His Royal Highness the Prince of Wales“, Sacred Web Conference 2006, URL: http://www.sacredweb.com/conference06/conference_introduction.html, Zugriff: 14.09.2022, Übersetzung: Renovatio.