In eigener Sache: Vortrag über die Krise Europas in Warschau

Vortrag in Warschau

Im Rahmen der Konferenz „Visions of European Union’s Future“ trug Simon Wunder heute für Renovatio in Warschau zu den wahrscheinlich in Europa bevorstehenden Krisen, ihren kulturellen Ursachen und strategischen Ansätzen zu ihrer Bewältigung vor.

Veranstalter der Konferenz war das Center for European Policy Research der dem polnischen Justizministerium unterstellten Akademie für Justiz. Zu den Teilnehmern gehörten der polnische Justizminister sowie Vertreter der polnischen Justiz, des auswärtigen Dienstes und Repräsentanten ukrainischer Organisationen.

In seinem Vortrag griff Wunder eine Analyse US-amerikanischer Nachrichtendienste auf, der zufolge Europa in den kommenden Jahren im ungünstigsten Fall schwere Verwerfungen bzw. eine „dunkle und schwierige Zukunft“ drohen. Europa stehe wahrscheinlich eine Serie strategischer Schocks bevor, darunter eine Rückkehr der Euro- und Schuldenkrise sowie eine erneute Migrationskrise. Eine Verbindung aus wirtschaftlicher Stagnation oder Rezessionen könne im Zusammenwirken mit zunehmendem identitätspolitischen Aktivismus zur immer stärkerer Fragmentierung und Polarisierung in europäischen Gesellschaften führen. Die  Fähigkeiten europäischer Staaten zur Krisenbewältigung könnten dadurch langfristig überdehnt werden. Diese Tendenz werde dadurch verstärkt, dass Regierungen zunehmend handlungsunfähig und unfähig dazu seien, Antworten auf die beschriebenen Herausforderungen zu finden. Langfristig könne dies zur Abwendung einer wachsenden Zahl von Menschen von den bestehenden politischen Ordnungen führen. Im ungünstigsten Fall könne es in Europa zum Zusammenbruch von Staaten kommen. Der Eintritt dieses Szenarios sei angesichts der gegenwärtigen Energiekrise zunehmend wahrscheinlich.

Lange vor den Nachrichtendiensten habe Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) vor einer Zivilisationskrise Europas gewarnt. Anders als diese Behörden habe er dabei die kulturellen Ursachen und Implikationen dieser Krise angesprochen. Ihm zufolge scheine heute „nichts verbotener zu sein“ als „das, was man Pessimismus nennt – und was oft einfach nur Realismus ist“. Bereits vor einigen Jahren habe er gewarnt, dass die Zukunft Europas „dunkel“ sein werde. Man müsse angesichts einer sich immer deutlicher abzeichnenden Zivilisationskrise mit „einer ganz neuen Art von Konflikten rechnen“. Es sei unklar, wie weit der Kontinent „noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren“. Die christlich-abendländische Kultur könne im Zuge dieser Zivilisationskrise aus Teilen Europas verschwinden, so wie sie bereits vor Jahrhunderten im südlichen und östlichen Mittelmeerraum erloschen sei.

Die Ursache dieser Krise sei laut Benedikt eine „Antikultur des Todes“. Erstmals in der Geschichte der Menschheit versuche eine Kultur, sich von ihren religiösen Wurzeln zu trennen. Sie werde diesen Versuch, ihr „Lebensfundament“ zu zerstören, nicht überleben, und falls sie ihn fortsetze, drohe ihr „das Gomorrha-Geschick“. Sich „von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden“, bedeute laut Benedikt der „Selbstmord einer Kultur und einer Nation“. Die tragenden seelischen Kräfte Europas“ seien bereits weitgehend abgestorben. Dies habe auch materielle Auswirkungen, und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Benedikt habe das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase verglichen.

Laut Wunder seien utopische Ideologien, die im Zuge der von Benedikt beschriebenen Auflösungsprozesse das Handeln von Institutionen zunehmend prägten, die Treiber der oben beschriebenen Krisenphänomene. Diese Utopien würden nicht über eigene kulturelle Visionen verfügen, sondern beruhten auf einem Fortschrittsverständnis, das die Auflösung oder Zerstörung der Tradition voraussetze.

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin habe bereits vor längerer Zeit beobachtet, dass in westlichen Gesellschaften zunehmend die „Atmosphäre eines Irrenhauses“ herrsche.  Anders als einige Denker der Aufklärung erwartet hätten, würden Gesellschaften mit zunehmender Loslösung von ihren transzendenten Grundlagen nicht vernünftiger,  sondern verloren schrittweise den Bezug zur Wirklichkeit, weil in ihnen die Vorstellung der Existenz einer absoluten, von der Vorstellung des Menschen unabhängigen Wahrheit verloren gehe. Utopische Ideologien würden dabei die Rolle von Ersatzreligionen einnehmen, die anders als authentische Religion jedoch auf fundamentalen Irrtümern über die Wirklichkeit und Wunschdenken beruhten.

Utopisch sei laut Wunder die Annahme, dass man Grenzen abschaffen und Nationen auflösen und zugleich Solidarität unter den Menschen erhalten könne. Utopisch sei auch die Annahme, dass man die Familie und traditionelle Geschlechterrollen auflösen und zugleich eine demographische Zukunft haben könne. Außerdem seien die Vorstellungen utopisch, dass man seine Streitkräfte in einen dysfunktionalen Zustand verfallen lassen und zugleich als Nation sicher leben könne oder dass man große Zahlen von Migranten aus fremden Kulturen aufnehmen könne, ohne dass dies Auswirkungen auf die Kultur des aufnehmenden Landes habe. Besondere Relevanz hätten gegenwärtig aber die Folgen einer auf utopischen Annahmen beruhenden Energiepolitik, die in Deutschland zur größten Krise seit der Nachkriegszeit führen werde.

Diese Utopien hätten zudem ein „falsches Europa“ hervorgebracht, wie Robert Spaemann, Roger Scruton und Ryszard Legutko in der „Pariser Erklärung“ gesagt hätten. Dieses Europa sei nicht mehr das Europa Adenauers, Schumans und de Gasperis. Dieses falsche Europa drohe das authentische Erbe der Völker und Nationen des Kontinents zu zerstören.

In diesem Zusammenhang müsse betont werden, dass konservative Parteien in Westeuropa diese kulturellen Auflösungsprozesse über Jahrzehnte hinweg oft nicht nur geduldet, sondern auch gefördert und sich mit den Akteuren der Auflösung arrangiert hätten. Von dieser Art von Konservatismus seien keine Impulse für eine Erneuerung Europas mehr zu erwarten. Europa brauche angesichts der heraufziehenden Krise wieder Konservative von der Art eines Konrad Adenauer, der im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre Ideologien die Notwendigkeit betont habe, aktiv um die Seele Europas zu kämpfen.

Der Historiker Christopher Dawson habe betont, dass die Geschichte Europas von einer Abfolge von Krisen und Erneuerungsbewegungen geprägt sei. Manche dieser Krisen seien gravierender gewesen als jene, die Europa heute bevorstünden, so dass man davon ausgehen müsse, dass auch die bevorstehende Krise bewältigt werden kann. Voegelin habe in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass jede der historischen Krisen Europas Gegenkräfte mobilisiert habe, und das auch das gegenwärtige Wirken utopischer Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen werde, je gravierender die Folgen dieses Wirken seien. Historische Krisen legten laut Wunder die Schwächen der für sie verantwortlichen Ideologen offen und stellten Gemeinwesen vor die Wahl, sie entweder zu korrigieren oder unterzugehen.

In der Vergangenheit hätten die sichtbaren Folgen solcher Krisen immer wieder dazu geführt, dass Akteure hervorgetreten seien, die zu einer Korrektur fähig gewesen seien und sich zugleich auf die Identität Europas und seine religiösen Wurzeln besonnen hätten. Der Historiker Arnold Toynbee habe diese Akteure als „schöpferische Minderheiten“ bezeichnet. Bereits Platon habe darauf hingewiesen, dass nur auf Grundlage der klassischen Ideale der Exzellenz ausgebildete Menschen den Verfall politischer Ordnungen und den Abstieg der Demokratie zur Tyrannis aufhalten und als Träger der Institutionen des Gemeinwesens in Krisenzeiten agieren könnten.

Die Phase des Glaubwürdigkeitsverlusts utopischer Ideologien habe bereits begonnen. Dies zeigten nicht nur Reaktionen auf die Energiekrise, sondern auch die auf die russische Invasion in der Ukraine, welche diese nur deshalb überlebt habe, weil es in ihr genügend Patrioten gebe, die zur militärischen Verteidigung ihrer Heimat bereit sind. In Deutschland habe dies vielen utopischen Pazifisten und Gegnern der Idee des Nationalstaats die Defizite ihrer Weltanschauung vor Augen geführt und bei einigen grundsätzliche Fragen aufgeworfen, auf die der christliche Konservatismus eine tragfähige Antwort habe.

Es werde vor allem darauf ankommen, dass in der eigentlichen Krise eine Gegenelite bereitstehe, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen, den Menschen die Ursachen der Krise erklären, taugliche Lösungen für diese anbieten und jene Eliten ersetzen könne, welche diese Krise zu verantworten hätten. Man müsse jetzt damit beginnen, diese Gegenelite auf christlich-konservativer Grundlage heranzubilden und ihr die in vielen früheren Krisen bewährten klassischen Tugenden, die Prinzipien der christlichen Soziallehre und andere für die Führung von Institutionen in Sinne des Gemeinwohls erforderliche Fähigkeiten zu vermitteln. Gelinge dies nicht, dann würden nach dem Scheitern der Utopien der Gegenwart andere, dem Erbe Europas möglicherweise noch feindseliger gegenüberstehende Weltanschauungen in das entstehende Vakuum eindringen und den Kontinent nach ihren Vorstellungen umgestalten.