Gegenkultur und Elitenaustausch

Ritter, Geistlicher und Bauer - Darstellung aus Frankreich, 13. Jhd.

Der unter dem Pseudonym N. S. Lyons schreibende Autor ist im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik in den USA tätig. In einem aktuellen Aufsatz untersucht er anhand aktueller Beispiele Möglichkeiten zum Aufbau traditionell-konservativer Gegenkulturen in westlichen Gesellschaften. Aus diesen Gegenkulturen könne eine Gegenelite hervorgehen, die zur kulturellen und gesellschaftlichen Erneuerung dieser Gesellschaften fähig sei und deren alte Eliten ersetzen könne.

In den USA sei in jüngerer Vergangenheit eine heterogene traditionell-konservative Gegenkultur entstanden, die sich selbst als „neoreaktionär“ oder „postliberal“ beschreibe und vor allem auf jüngere Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen stütze. Ein Artikel im Magazin Vanity Fair hatte diese Gegenkultur kürzlich beschrieben.

  • Die Gegenkultur führe einen „Guerillakrieg gegen den hegemonialen Status quo der Gesellschaft“. Sie sei als Reaktion auf die neue dominante Kultur der „woken Linken“ entstanden, welche die wesentlichen Institutionen der amerikanischen Gesellschaft dominiere. Die hegemoniale Linke sei für eine wachsende Zahl junger Menschen uninteressant geworden, weil ihr geistiges Leben nur noch aus der Wiederholung von nicht zu hinterfragenden Schlagworten bestehe.
  • Die Gegenkultur stelle im Gegensatz dazu eine Oase intellektueller Möglichkeiten dar. Ihre Angehörigen seien nicht nur Konservative, sondern auch Libertäre und genderkritische Feministinnen. Sie umfasse ein wachsenden Ökosystem von Kanälen in sozialen Medien, in denen vor allem jüngere Menschen die Erweiterung ihres geistigen Horizonts anstrebten, sich von „verbotenem Wissen“ begeistern ließen, die klassischen Denker der europäischen Tradition studierten und nach ernsthaften Antworten auf die von der hegemonialen Kultur nicht mehr diskutierten Fragen unserer Zeit suchten.
  • Da die Akteure der Gegenkultur sich außerhalb des Rahmens des Akzeptierten bewegten, müssten sie keine Rücksicht mehr auf die Sensibilitäten der hegemonialen Kultur nehmen und hätten keine Scheu davor, deren Fehler und Schwächen anzusprechen.
  • Einige Akteure dieser Gegenkultur träten betont transgressiv auf und verletzten auf möglich sichtbare Weise die Normen der hegemonialen Kultur. Die linksliberale New York Times beobachtete in diesem Zusammenhang, dass in New York eine kleine traditionell-katholische Jugendkultur entstanden sei, die durch ihre „konträre Ästhetik“ sowie durch ihre betonte Identifikation mit traditionellen Geschlechterrollen und das Gründen von Familien auffalle. Linksgerichtete Publikationen zeigten sich besorgt.

Diese Gegenkultur sei noch sehr klein, aber auch die linksgerichtete Gegenkultur der 1960er Jahre sei zunächst klein gewesen, als sie ihren Marsch durch die Institutionen antrat, um schließlich kulturelle Hegemonie zu erlangen. Der nächste Entwicklungsschritt der Gegenkultur sei es dementsprechend, einzelne Zentren der Macht und des Einflusses zu identifizieren und diese zu übernehmen und zu halten.

Langfristig werde die kulturelle Erneuerung westlicher Gesellschaften zudem einen Elitenaustausch erfordern, da die Eliten der hegemonialen Kultur kaum zu dieser Erneuerung fähig seien, auch wenn sie durch andere politische Mehrheitsverhältnisse dazu gezwungen wären. Das aus der Gegenkultur hervorgehende alternative Führungspersonal müsse in diesem Fall die Funktionen der alten Elite übernehmen.

Im Umfeld Donald Trumps würden entsprechende Maßnahmen bereits unter dem Schlagwort „Schedule F“ diskutiert. Diese Planungen konzentrierten sich vor allem auf Justiz und Sicherheitsbehörden und beträfen mehrere tausend Führungspositionen, für die gegenwärtig alternatives Personal identifiziert werde. Die Schwierigkeit dieses Vorhabens bestehe darin, dass beinahe alle Personen, die über die für den Betrieb eines Staates erforderlichen Fähigkeiten verfügen, Teil der alten Elite seien. Man müsse daher Personen aus der Gegenkultur zu einer qualifizierten Gegenelite aufbauen, zugleich aber auch Mitglieder der vorhandenen Elite durch attraktive geistig-kulturelle Angebote für sich gewinnen.1

Hintergrund und Bewertung

Der Politikwissenschaftler Mark Lilla hatte bereits vor einiger Zeit eine in Westeuropa entstehende, überwiegend im Verborgenen wirkende konservative christliche Erneuerungsbewegung beschrieben. Wir hatten kürzlich einen der Akteure dieser Bewegung, die französische Academia Christiana, näher vorgestellt.

Laut dem Historiker Arnold J. Toynbee sind die von ihm als „kreative Minderheiten“ bezeichneten Eliten des Geistes und der Tat die Treiber der Entwicklung von Kulturen und Zivilisationen. Diese Eliten seien die Träger von Antworten auf die Herausforderungen, denen Gemeinwesen gegenüberstehen. Diese Eigenschaft verleihe ihnen Autorität, die andere Menschen dazu bewege, ihnen zu folgen. Solche Eliten müssten sich laufend erneuern, um nicht zu erstarren. Ein Beispiel dafür seien die Soldaten und Beamten Roms, welche die Philosophie Platons von Wölfen in Wachhunde verwandelt habe, die dem Gemeinwohl dienten.2 Solche Eliten entzündeten einen Funken, der ein Licht hervorbringe, von dem integrierende Kraft ausgehe. Um dieses Licht herum würden Kulturen wachsen.3

Hans-Joachim Schoeps wies darauf hin, dass derjenige, der die freiheitliche Demokratie stabilisieren wolle, „stärker als bisher institutionelle Auslese und Elitebildung […] ermöglichen“ müsse. Ohne „politische Elite“ bleibe „kein demokratischer Staat am Leben“.4 Laut Gerd-Klaus Kaltenbrunner werde es vor allem im Ernstfall „darauf ankommen, ob eine Demokratie über ein ausreichendes Potential an Eliten verfügt“ und dass sie „auf fähige, kompetente und mitreißende Minoritäten zurückgreifen“ könne.5

Elitenbildung sei laut Oswald Spengler ein Prozess, der Jahrzehnte dauere. Er setze zunächst die Schaffung von Institutionen und vorbildhaften „Typen“ voraus. Auf dieser Grundlage würde Elitenbildung dann „Gedanken in Menschen […] verwandeln“ und Traditionen schaffen, die durch eine Institution gepflegt und weitergegeben werden könnten. Elitenbildung dürfe auch in ruhigeren Zeiten nicht vernachlässigt werden, damit fähige Eliten in schweren Zeiten verfügbar wären. Doktrinäre Versteinerung sei „die Gefahr des Ordensstaates in friedlichen Zeiten“. Es müssten Vorkehrungen getroffen werden, um Eliten und elitenbildende Institutionen innerlich jung und beweglich zu halten.6 (sw)

Quellen

  1. N. S. Lyons: „A New Counterculture?“, City Journal, 21.09.2022, URL: https://www.city-journal.org/can-conservatives-form-a-counterculture, Zugriff: 22.09.2022.
  2. Arnold Toynbee: Der Gang der Weltgeschichte. Aufstieg und Verfall der Kulturen. Zwei Teile in einem Band, Band 1, Frankfurt a. M. 2010, S. 370.
  3. Ebd., S. 403.
  4. Hans-Joachim Schoeps: Konservative Erneuerung. Ideen zur deutschen Politik, 2. Aufl., Berlin 1963, S. 118.
  5. Gerd-Klaus Kaltenbrunner: Elite. Erziehung für den Ernstfall, Asendorf 1984, S. 16, 65.
  6. Oswald Spengler: Politische Schriften, München 1933, S. 218.